1. Heute ist der zweite Fastensonntag.
Wenn uns die Liturgie vor einer Woche auf den Berg
führte, wo Christus versucht wurde, so führt sie uns heute auf
den Berg der Verklärung des Herrn.
Auf diesen Berg ‒ der Überlieferung nach hieß er Tabor
‒ nahm
Jesus Petrus, Johannes und Jakobus mit sich und wurde vor ihnen
verklärt, so daß ihre Lippen aussprachen, was ihr Herz in der
Ekstase empfand: "Meister, es ist gut, daß wir hier sind''
(Lk 9, 33).
Die Erinnerung an die Versuchung zu Beginn der
Fastenzeit war notwendig, damit die Kirche
‒ und in der
Kirche ein jeder von uns
‒ sich der
Prüfung bewußt wird, die er durchmacht!
Die Erinnerung an den Berg der Verklärung an diesem
Sonntag ist notwendig, damit die Kirche
‒ und in der
Kirche ein jeder von uns
‒ sich der
Gnade bewußt werde, deren Fülle in Christus, dem Gekreuzigten
und Auferstandenen, ist.
Die Gnade begleitet Menschen und Kirche, wenn sie bei
ihrem Weg auf Erden versucht werden; sie begleitet Leiden und
Mühen und auch Sturz und Versagen. Sie durchdringt sie so, wie
im Augenblick der Verklärung jenes Licht den irdischen Körper
Christi durchdrungen hat. Sie trägt in sich die Vorankündigung
der Auferstehung.
Wenn in der vierzigtägigen Fastenzeit die Kirche
‒ und in ihr
jeder Mensch ‒
sich der Prüfung bewußt werden soll, der sie auf
Erden unvermeidlich ausgesetzt ist, dann muß sie sich zugleich
auch der Gnade sicher sein, die ihr Gott in Christus nicht
verwehren wird: der Vater im Sohn.
"Das ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr
hören" (Lk 9, 35).
Die Kirche
‒ und in ihr
jeder Mensch ‒
muß die Gewißheit der Gnade haben, deren
Vorbedingung der Gehorsam gegenüber Christus ist. Dieser
Gehorsam bedeutet gleichzeitig die vollkommenste Selbstaufgabe.
Im Lichte der Geschehnisse auf dem Berg Tabor zeichnet
sich noch einmal klar der Weg der vorösterlichen Umkehr ab.
Hierzu gehört auch dieser Gehorsam gegenüber Christus, der
Hoffnung und Großmut entstehen läßt. Indem sich die Kirche
‒ und
in ihr jeder Mensch
‒ Christus
anvertraut, kann sie auf die Forderungen und Verpflichtungen
antworten, die er ihr mit einem Evangelium der Liebe unseres
Herrn auferlegt.
2. In der Fastenzeit betet die Kirche für die Priester-
und Ordensberufe. Das ist ein Problem, an das man nur denken
kann, wenn man sich auf die Gnade beruft, die ihre Fülle im
gekreuzigten und auferstandenen Christus erhält.
Wir alle beten darum, daß sich die kirchlichen Seminare
und Noviziate wieder füllen mögen, damit die einzelnen Kirchen
und Gemeinden ‒
Pfarreien, Ordensgemeinschaften
‒ mit
sicherer Zuversicht in die Zukunft blicken können, daß es nicht
an Arbeitern fehlen werde, die der Herr "in seine Ernte" schickt
(Mt 9, 38); daß es nicht an Priestern fehlen wird, die
ausschließlich für das Reich Gottes arbeiten, Eucharistie
feiern, das Wort des Herrn verkündigen und als Seelsorger tätig
sind; daß es nicht an Männern und Frauen fehlen wird, die zu
einer vollkommenen Hingabe ihres Lebens an den göttlichen
Bräutigam im Geist der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams
fähig sind und so "vor der künftigen Welt" Zeugnis für die
unbegrenzte Liebe zum Nächsten ablegen.
Wir alle beten, daß die Jugend, Jungen und
Mädchen, in sich die Gnade der Berufung als ein besonderes
Geschenk für die Kirche entdecken mögen, ein Geschenk, das
Christus selbst in ihre Herzen eingepflanzt hat; und daß sie
diesem Ruf folgen, ohne zurückzublicken (vgl. Lk 9, 62), ohne Angst vor ihrer eigenen Schwäche, vor dem Geist dieser
Welt und vor dem "Fürst der Finsternis".
Wenn wir darum beten, dann dürfen wir gewiß sein: der
Herr der Ernte wird auf unsere Bitte antworten, wenn wir
entsprechend den Worten, die auf dem Berg der Verklärung
ertönten, Christus den vollkommenen Gehorsam erweisen.
"Das ist mein auserwählter Sohn; auf ihn sollt ihr
hören" (Lk 9, 35). So und nicht anders! Wir dürfen
nicht im verborgenen Argwohn oder Zweifel am Wesen des
Priesteramtes hegen, an der Richtigkeit der jahrhundertealten
Praxis unserer Kirche, die das Priesteramt mit der
Verfügbarkeit, Christus und der Kirche "mit ungeteiltem Herzen"
zu dienen, verbindet. Wir dürfen nicht an der Macht Christi, an
dem Wirken seiner Gnade zweifeln. Wir müssen mit ihm zusammen
bis ans Ende denken, indem wir davon ausgehen, daß, was den
Menschen unmöglich erscheint, bei Gott doch möglich ist
(vgl. Mt 19, 26).
Man muß also um Berufungen beten: Man muß sich
uneingeschränkt ohne alle Vorbehalte dieser Gnade anvertrauen,
deren Fülle sich in Christus, dem auserwählten Sohn des Vaters,
findet. So zu beten heißt sich bekehren, umkehren. Die
Fastenzeit ist die Zeit der inneren Umkehr.
3. Ich möchte heute auch Gott danken für die Gnade der
geistlichen Übungen, an denen ich in der vergangenen Woche
zusammen mit den Vertretern der Römischen Kurie teilnehmen
konnte.
Die Vorträge hielt Erzbischof Lucas Moreira Neves. Der
Herr lohne ihm seine Arbeit!
Die Fastenzeit ist die Zeit, die besonders für solche
"geistlichen Übungen" geeignet ist, welche uns eine innere
Erneuerung ermöglichen. Ich wünsche das allen meinen Brüdern und
Schwestern in der Kirche, besonders in der römischen Kirche.
Wenn das heutige Leben auf diesem Gebiet neue
Hindernisse schafft, gilt es, nach neuen Methoden und neuen
Möglichkeiten zu suchen. Es ist notwendig, sie zu suchen! Zu
groß ist die Gnade der Fastenzeit: wir wollen sie nicht
versäumen!
Die allerseligste Jungfrau Maria, an die wir jetzt
unser Gebet richten, helfe uns, diese Zeit der Gnade mit wachem
Bewußtsein zu erleben.