JOHANNES PAUL II.
GENERALAUDIENZ
Mittwoch, 16. Dezember 1998
Liebe Schwestern und Brüder!
1. »Vom Vater bin ich ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse
die Welt wieder und gehe zum Vater« (Joh 16,28).
Mit diesen Worten Jesu beginnen wir heute einen neuen Katechesezyklus, in
dessen Mittelpunkt die Gestalt Gottvaters steht, den Themenvorgaben folgend,
die das Schreiben Tertio millennio adveniente zur Vorbereitung des
Großen Jubiläums des Jahres 2000 bietet.
Im Zyklus des ersten Jahres haben wir über Jesus Christus, den einzigen
Retter, nachgedacht. In der Tat hat das Jubiläum als Feier des Kommens des
Gottessohnes in die Menschheitsgeschichte einen stark christologischen
Gehalt. Wir haben über die Bedeutung der Zeit meditiert, die mit der Geburt
des Erlösers vor zweitausend Jahren ihren Höhepunkt erreicht hat. Dieses
Ereignis, das die christliche Ära einleitet, eröffnet zugleich auch eine
neue Phase der Erneuerung der Menschheit und des Universums in der Erwartung
des endzeitlichen Kommens Christi.
In den Katechesen des zweiten Vorbereitungsjahres für die Feier des
Jubiläums haben wir unsere Aufmerksamkeit dann auf den Heiligen Geist, den
Jesus vom Vater gesandt hat, gerichtet. Wir haben ihn betrachtet, wie er in
der Schöpfung und der Geschichte am Werk ist als Person seiende Liebe und
Gabe. Wir haben seine Kraft unterstrichen, die aus dem Chaos einen an
Ordnung und Schönheit reichen Kosmos hervorgehen läßt. In Ihm wird
göttliches Leben mitgeteilt, in Ihm wird die Geschichte Weg zum Heil.
Jetzt wollen wir das dritte Jahr der Vorbereitung auf das unmittelbar
bevorstehende Jubiläum als eine Pilgerfahrt zum Haus des Vaters leben. Wir
begeben uns also auf den Weg, der, vom Vater ausgehend, die Geschöpfe zum
Vater zurückführt nach dem Liebesplan, der in Christus voll offenbart
wurde. Der Weg zum Jubiläum soll in einen großen Lobpreis an den Vater
einmünden (vgl. TMA, 49), so daß in Ihm die ganze Dreifaltigkeit
verherrlicht sei.
2. Ausgangspunkt für unsere Reflexion sind die Worte des Evangeliums,
die uns Jesus als den Sohn und Offenbarer des Vaters zeigen. Seine Lehre,
sein Dienst, seine Lebensweise selbst – alles an ihm verweist auf den
Vater (vgl. Joh 5,19.36; 8,28; 14,10; 17,6). Der Vater ist der
Mittelpunkt des Lebens Jesu, und Jesus ist seinerseits der einzige Weg, um
zum Vater zu gelangen. »Niemand kommt zum Vater außer durch mich« (Joh
14,6). Jesus ist der Begegnungspunkt der Menschen mit dem Vater, der
sich in ihm sichtbar gemacht hat: »Wer mich gesehen hat, hat den Vater
gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater? Glaubst du nicht, daß ich
im Vater bin und daß der Vater in mir ist?« (Joh 14,9–10).
Das ausdrucksvollste Zeichen dieser Beziehung Jesu zum Vater haben wir in
seiner Befindlichkeit als Auferstandener, Höhepunkt seiner Sendung und
Grundlage neuen und ewigen Lebens für alle, die an ihn glauben. Doch die
Einheit zwischen dem Sohn und dem Vater wie auch die zwischen dem Sohn und den
Glaubenden geht hindurch durch das Geheimnis der »Erhöhung« Jesu entsprechend
einem typischen Ausdruck des Johannesevangeliums. Mit dem Begriff »Erhöhung«
bezeichnet der Evangelist sowohl die Kreuzigung als auch die Verherrlichung
Jesu; beide wirken sich auf den Glaubenden aus: »… so muß der Menschensohn
erhöht werden, damit jeder, der (an ihn) glaubt, in ihm das ewige Leben hat.
Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab,
damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben
hat« (Joh 3,14-16).
Dieses »ewige Leben« ist nichts anderes als die Teilhabe der Glaubenden am
Leben des auferstandenen Jesus selbst und besteht im Eingebunden-Sein in jenen
Kreislauf der Liebe, der den Vater und den Sohn, die eins sind (vgl. Joh
10,30; 17, 21-22), verbindet.
3. Die tiefe Gemeinschaft, in der der Vater, der Sohn und die Glaubenden sich
begegnen, schließt den Heiligen Geist ein. Er ist nämlich das ewige Band, das
den Vater und den Sohn eint und in dieses unausspr echliche Geheimnis der Liebe
die Menschen mit einbezieht. Als »Beistand« gegeben, »wohnt« der Geist in
den Jüngern Christi (vgl. Joh 14,16-17), die Dreifaltigkeit gegenwärtig
machend.
Nach dem Evangelisten Johannes sagt Jesus gerade im Kontext der
Verheißung des Parakleten: »An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in
meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin ich euch« (Joh
14,20).
Der Heilige Geist ist derjenige, der den Menschen in das Geheimnis des
dreifaltigen Lebens einführt. Als »Geist der Wahrheit« (Joh 15,26;
16,13) wirkt er im Innersten der Glaubenden, um die Wahrheit, die Christus
ist, in ihrem Herzen leuchten zu lassen.
4. Auch Paulus hebt dieses unser Ausgerichtet-Sein auf den Vater durch
den Geist Christi, der in uns wohnt, hervor. Für den Apostel handelt es
sich um eine wirkliche Sohnschaft, die es uns erlaubt, Gottvater mit
demselben vertraulichen Namen, den Jesus gebraucht hat: »Abba«
(vgl. Röm 8,15), anzurufen.
In diese neue Dimension unserer Beziehung zu Gott mit einbezogen ist die
ganze Schöpfung, die »sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes
[wartet]« (Röm 8,19). Ja, die Schöpfung »seufzt [bis zum heutigen
Tag] und [liegt] in Geburtswehen« (Röm 8,22) in Erwartung der
vollkommenen Erlösung, welche die Harmonie des Kosmos in Christus
wiederherstellen und vollenden wird.
In der Beschreibung dieses Geheimnisses, das die Menschen und die gesamte
Schöpfung mit dem Vater vereint, bringt der Apostel die Funktion Christi
und das Wirken des Geistes zum Ausdruck. Durch Christus, »das Ebenbild des
unsichtbaren Gottes« (Kol 1,15), ist in der Tat alles
geschaffen.
Er ist »der Ursprung, der Erstgeborene der Toten« (Kol 1,18). In
ihm wird alles »vereint«, alles im Himmel und auf Erden (vgl. Eph 1,10),
ihm kommt es zu, es dem Vater zu übergeben (vgl. 1 Kor 15,24), damit
Gott herrscht »über alles und in allem« (1 Kor 15,28). Der Weg des
Menschen und der Welt zum Vater ist von der Kraft des Heiligen Geistes
getragen, der sich unserer Schwachheit annimmt und »für uns ein[tritt] mit
Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können« (Röm 8,26).
Das Neue Testament führt uns so mit großer Klarheit in diese Bewegung
ein, die vom Vater zum Vater geht. Sie wollen wir mit besonderer
Aufmerksamkeit betrachten in diesem letzten Vorbereitungsjahr für das
Große Jubiläum.
Mit diesen Worten Jesu beginnen wir heute einen neuen Zyklus der
Katechese am Mittwoch. Darin konzentrieren wir unser Interesse auf Gott
den Vater. Wir befinden uns ja im dritten Jahr der Vorbereitung auf das
große Jubiläum des Jahres Zweitausend.
1999, unmittelbar vor der Schwelle des dritten Jahrtausends, hat
die Aufgabe, den Horizont des Gläubigen selbst zu erweitern: gemäß
der Sichtweite des Vaters im Himmel (vgl. Mt 5,45), von dem er
gesandt worden und zu dem er zurückgekehrt ist (vgl. Joh
16,28) (TMA, 49).
Das ganze christliche Leben ist wie eine große Pilgerschaft
zum Haus des Vaters, dessen unbedingte Liebe zu jedem menschlichen Geschöpf
man jeden Tag wiederentdeckt. Diese Pilgerschaft ergreift das Innerste der
Person, und erweitert sich dann auf die gläubige Gemeinschaft, um
schließlich die ganze Menschheit zu erreichen. (TMA,
49)
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Mit diesen Gedanken grüße ich die Pilger und Besucher, die
aus den Ländern deutscher Sprache nach Rom gekommen sind. Unter ihnen
heiße ich die Pilgergruppe der Hausmusik der Pfarrei Sankt Margareth
aus Altkirchen besonders willkommen. Euch allen, Euren lieben Angehörigen
daheim und allen, die mit uns über Radio Vatikan und das Fernsehen
verbunden sind, erteile ich von Herzen den Apostolischen Segen.
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