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JOHANNES PAUL II.
GENERALAUDIENZ
Mittwoch, 23. Oktober 2002
Lesung: Psalm 86, 1–2. 11. 16–17
1 Der Hilferuf eines Armen zu Gott [Ein Gebet Davids.] Wende
dein Ohr mir zu, erhöre mich, Herr! Denn ich bin arm und gebeugt.
2 Beschütze mich, denn ich bin dir ergeben! Hilf deinem Knecht, der dir
vertraut!
11 Weise mir, Herr, deinen Weg; ich will ihn gehen in Treue zu dir. Richte
mein Herz darauf hin, allein deinen Namen zu fürchten!
12 Ich will dir danken, Herr, mein Gott, aus ganzem Herzen, will deinen Namen
ehren immer und ewig.
16 Wende dich mir zu und sei mir gnädig, / gib deinem Knecht wieder Kraft,
und hilf dem Sohn deiner Magd!
17 Tu ein Zeichen, und schenke mir Glück! / Alle, die mich hassen, sollen es
sehen und sich schämen, weil du, Herr, mich gerettet und getröstet hast.
Liebe Brüder und Schwestern!
1. Der soeben erklungene Psalm 86, der Gegenstand unserer
Reflexion ist, bietet uns eine eindrucksvolle Beschreibung des Betenden.
Dieser stellt sich Gott vor mit den Worten: Ich bin »dein Knecht« und »Sohn
deiner Magd« (V. 16). Diese Bezeichnung mag zum Sprachgebrauch des
Hofzeremoniells gehört haben, aber sie fand auch Verwendung für den Knecht,
der vom Familien- oder Stammesoberhaupt als Sohn adoptiert wurde. So gesehen,
fühlt sich der Psalmist, der sich auch als dem Herrn »ergeben« bezeichnet
(vgl. V. 2), an Gott gebunden, aber nicht nur durch den Gehorsam, sondern auch
durch ein Band der Vertrautheit und der Gemeinschaft. Deshalb ist sein Beten
ganz von vertrauensvoller Hingabe und Hoffnung durchdrungen.
Verfolgen wir jetzt dieses Gebet, das uns von der Liturgie
der Laudes am Tagesanfang angeboten wird, wo voraussichtlich nicht nur
Verpflichtungen und Mühen, sondern auch mangelndes Verständnis und
Schwierigkeiten auf uns zukommen.
2. Der Psalm beginnt mit einem eindringlichen Hilferuf, den
der Beter an den Herrn richtet im Vertrauen auf dessen Liebe (vgl. V. 1–7).
Zum Schluß spricht er wieder die Gewißheit aus, daß der Herr ein
»barmherziger und gnädiger Gott ist, langmütig, reich an Huld und Treue«
(V. 15; vgl. Ex 34, 6). Diese wiederholten und überzeugten
Vertrauensbeweise offenbaren einen unversehrten und reinen Glauben, der sich
dem Herrn überantwortet, der »gütig und bereit ist zu verzeihen, für alle,
die zu ihm rufen, reich an Gnade« (vgl. Ps 86, 5).
Mitten im Psalm steigt ein Loblied auf, das Dankgefühle mit
einem Bekenntnis des Glaubens an die Heilswerke verbindet, die Gott vor den
Völkern vollbringt (vgl. V. 8–13).
3. Gegen jede götzendienerische Versuchung verkündet der
Betende die absolute Einzigkeit Gottes (vgl. V. 8). Dann wird die kühne
Hoffnung ausgesprochen, daß eines Tages »alle Völker« den Gott Israels
anbeten werden (V. 9). Diese wunderbare Perspektive erfüllt sich in der
Kirche Christi, denn er hat seine Apostel »zu allen Völkern« gesandt (Mt
28, 19). Niemand kann eine volle Befreiung anbieten, wenn nicht der Herr, dem
alle Geschöpfe unterstehen und an den man sich in anbetender Haltung wenden
soll (vgl. Ps 86, 9). Er offenbart sich im Kosmos und in der Geschichte
durch seine machtvollen Taten, die seine absolute Herrschaft bezeugen (vgl. V.
10).
Der Psalmist beansprucht nun Platz für sich selbst, um sich
Gott mit einer eindringlichen und klaren Bitte vorzustellen: »Weise mir, Herr,
deinen Weg; ich will ihn gehen in Treue zu dir. Richte mein Herz darauf hin,
allein deinen Namen zu fürchten!« (V. 11). Wie schön ist diese Bitte, den
Willen Gottes zu erkennen, und dieses flehende Ansuchen, das Geschenk des
»Herzens« eines Kindes zu erlangen, das sich ohne Falschheit und Berechnung
der Führung des Vaters anvertraut, um den Weg des Lebens zu gehen.
4. Da fließt dem Gläubigen das Herz über, und er lobt den
barmherzigen Gott, der ihn nicht der Verzweiflung, dem Tod, dem Bösen und der
Sünde überläßt (vgl. V. 12–13; Ps 15, 10–11).
Psalm 86 ist ein im Judentum beliebter Text, das ihn in die
Liturgie eines großen Festtages, des Yóm Kippur oder Bußtages,
eingebaut hat. Das Buch der Offenbarung seinerseits hat dem Psalm einen Vers
(vgl. V. 9) entnommen und ihn im Rahmen der himmlischen Liturgie in das »Lied
des Mose, des Knechtes Gottes, und Lied zu Ehren des Lammes« eingegliedert:
»Alle Völker kommen und beten dich an«, und die Offenbarung fügt hinzu:
»…denn deine gerechten Taten sind offenbar geworden« (Offb 15, 4).
Der hl. Augustinus hat unserem Psalm in seinen »Enarrationes
in Psalmos« einen langen und leidenschaftlichen Kommentar gewidmet und
ihn in ein Lied Christi und des Christen verwandelt. Die lateinische
Übersetzung verwendet in Vers 2 gemäß der griechischen Version der
Septuaginta anstatt »ergeben« die Version »heilig«: »Beschütze mich,
denn ich bin heilig.« Eigentlich ist nur Christus heilig. Aber –so
Augustinus – »auch der Christ kann diese Worte auf sich anwenden: »Ich bin
heilig, weil du mich geheiligt hast; weil ich [diesen Titel] empfangen habe,
nicht weil ich ihn von mir selbst hätte, sondern weil du ihn mir geschenkt
hast und nicht weil ich ihn mir verdient habe.« So »wage auch jeder Christ,
wage auch der Leib Christi zu rufen von den Enden der Erde, während er Leiden,
Versuchungen und zahllose Ärgernisse erträgt: ›Bewahre meine Seele, denn
ich bin heilig! Rette, mein Gott, deinen Knecht, der auf dich hofft.‹ Nun,
dieser Heilige hofft auf den Herrn, er ist also nicht hochmütig« (vol. II,
Roma 1970, S. 1251).
5. Der Christ, der heilig ist, öffnet sich der Universalität
der Kirche und betet mit dem Psalmisten: »Alle Völker kommen und beten dich
an, Herr« (Ps 86, 9). Und Augustinus kommentiert: »Weil alle Völker
im einen Herrn eins sind, bilden sie eine Einheit. Wie es nämlich die Kirche
und die Kirchen gibt, und die Kirchen das sind, was die Kirche ist, so ist
jenes Volk dasselbe wie die Völker. Früher gab es verschiedene Völker,
viele Völker, jetzt ist es ein Volk. Warum ein Volk? Weil ein Glaube, eine
Hoffnung, eine Liebe, eine Erwartung. Warum, letztlich, nicht ein Volk, da
doch eine Heimat? Die Heimat ist der Himmel, die Heimat ist Jerusalem. Und
dieses Volk reicht von Osten nach Westen, vom Norden bis zum Meer, in alle
vier Himmelsrichtungen« (ebd.).
In diesem universalen Licht wird unser liturgisches Beten zum
Atem des Lobes und zu einem Loblied an den Herrn im Namen aller Geschöpfe.
Psalm 86 stellt uns das Modell eines Gott wohlgefälligen
Beters vor Augen. Der betende Mensch erfährt die göttliche Gegenwart als
eine tragende Wirklichkeit, die eine tiefe Geborgenheit vermittelt und die
sein Vertrauen stärkt. Der Beter möchte immer besser den Willen Gottes
erkennen und ihn erfüllen. So fleht er zum Herrn, er möge ihn näher zu sich
führen. Er bittet um das Herz eines Kindes, das ganz auf den Vater
ausgerichtet ist.
Der heilige Augustinus faßt diese Haltung in einem schönen
Gedanken zusammen: „Behüte mich! Denn ich bin heilig, weil du mich
geheiligt hast. " In dieses Gebet stimmt die Kirche ein. Sie ist der
mystische Leib Christi, den Gott aus allen Völkern zusammengefügt hat.
***
Mit einem frohen Gruß heiße ich die Pilger und Besucher
willkommen, die aus den Ländern deutscher Sprache nach Rom gekommen sind. Das
Gebet sei Euch ein treuer Begleiter auf allen Wegen! Es festige Eure
Gemeinschaft mit Gott, dem Herrn und Schöpfer des Alls.
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