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JOHANNES PAUL II.
GENERALAUDIENZ
Mittwoch, 30. Oktober 2002
Lesung: Jes 33, 13. 14b-15a. 16
13 Ihr in der Ferne, hört, was ich tue; ihr in der Nähe,
erkennt meine Kraft!
14 Die Sünder in Zion beginnen zu zittern, ein Schauder erfaßt die ruchlosen
Menschen. Wer von uns hält es aus neben dem verzehrenden Feuer, wer von uns
hält es aus neben der ewigen Glut?
15 Wer rechtschaffen lebt und immer die Wahrheit sagt, wer es ablehnt, Gewinn
zu erpressen, wer sich weigert, Bestechungsgelder zu nehmen, wer sein Ohr
verstopft, um keinen Mordplan zu hören, und die Augen schließt, um nichts
Böses zu sehen:
16 der wird auf den Bergen wohnen, Felsenburgen sind seine Zuflucht; man
reicht ihm sein Brot, und seine Wasserquelle versiegt nicht.
Liebe Brüder und Schwestern!
1. Unter den biblischen Cantica, die sich mit den Psalmen in
der Liturgie der Laudes vermischen, stoßen wir auf den heute vorgetragenen
kurzen Text. Er ist einem Kapitel aus dem Buch des Propheten Jesaja entnommen,
dem 33. seiner umfangreichen und wunderbaren Sammlung göttlicher Sprüche.
Das Canticum beginnt in den Versen, die den obengenannten
vorausgehen (vgl. Vv. 10-12), mit der Ankündigung eines mächtigen und
ruhmvollen Erscheinens Gottes auf der Bühne der menschlichen Geschichte:
»Jetzt stehe ich auf, spricht der Herr, jetzt erhebe ich mich, jetzt richte
ich mich auf« (V. 10). Die Worte Gottes sind an die in der »Ferne« und an
die in der »Nähe« gerichtet, das heißt an alle Völker der Erde, auch an
die entlegendsten, und an Israel, das Volk, das aufgrund seines Bundes in der
»Nähe« des Herrn ist.
In einem anderen Abschnitt des Buches Jesaja wird bekräftigt:
»Ich schaffe Lob auf den Lippen. Friede, Friede den Fernen und den Nahen,
spricht der Herr, ich werde sie heilen« (Jes 57, 19). Dann werden die
Worte des Herrn streng und nehmen den Ton eines Gerichts über das Böse der
»Fernen« und der »Nahen« an.
2. Die Bewohner von Zion, in denen sich Sünde und
Gottlosigkeit festsetzen, werden nun tatsächlich von Angst ergriffen (vgl. Jes
33, 14). Sie wissen, daß sie beim Herrn leben, der im Tempel wohnt, in der
Geschichte neben ihnen hergeht und zum »Immanuel«, dem »Gott-mit-uns«,
geworden ist (vgl. Jes 7, 14). Der gerechte und heilige Herr kann
Gottlosigkeit, Korruption und Ungerechtigkeit nicht dulden. Als »verzehrendes
Feuer« und als »ewige Glut« (vgl. Jes 33, 14) erhebt er sich gegen
das Böse, um es zu vernichten.
Jesaja mahnte schon im 10. Kapitel: »Israels Licht wird zum
Feuer, sein Heiliger wird zur Flamme. Sie brennt und verzehrt« (V. 17). Auch
der Psalmist verkündete: »Sie verfliegen, wie Rauch verfliegt; wie Wachs am
Feuer zerfließt, so vergehen die Frevler vor Gottes Angesicht« (Ps 68,
3). Damit wollte man in der alttestamentlichen Ökonomie sagen, daß Gott dem
Guten und dem Bösen nicht gleichgültig gegenübersteht, sondern sich empört
und angesichts der Bosheit in Zorn entbrennt.
3. Unser Canticum verstummt vor dieser düsteren Gerichtsszene
nicht. Im Gegenteil, es behält sich den größten und wichtigsten Teil vor
für die Heiligkeit, die als Zeichen für die erfolgte Umkehr und Versöhnung
mit Gott angenommen und gelebt wird. Auf der gleichen Linie mit den Psalmen 14
und 23, die die Bedingungen hervorheben, welche der Herr demjenigen stellt,
der mit ihm in froher Gemeinschaft in der Liturgie des Tempels leben will,
zählt Jesaja sechs moralische Verpflichtungen auf;sie gelten für den wahren,
treuen, gerechten Gläubigen (vgl. Jes 33, 15), der, ohne Schaden zu
erleiden, in der Nähe des göttlichen Feuers wohnen darf, das für ihn eine
Quelle der Wohltaten ist.
Die erste Verpflichtung besteht darin, »rechtschaffen zu
leben«, das heißt, daß man das göttliche Gesetz als Licht nimmt, das den
Lebensweg erleuchtet. Die zweite Pflicht besteht darin, die Wahrheit zu sagen,
was zugleich rechte und gesunde soziale Beziehungen anzeigt. Die dritte
Pflicht ist – laut Jesaja –, »es abzulehnen, Gewinn zu erpressen«,
wodurch die Unterdrückung der Armen und der ungerechte Reichtum bekämpft
werden. Der Gläubige verpflichtet sich dann, jede politische und gerichtliche
Korruption zu verurteilen, indem er »sich weigert, Bestechungsgelder zu
nehmen«, ein beeindruckendes Bild, das die Verweigerung von Schenkungen
anzeigt, die gemacht werden, um die Gesetzesanwendung und den Lauf der
Gerechtigkeit zu behindern.
4. Die fünfte Pflicht wird durch die bedeutsame Geste dessen
ausgedrückt, der »sich sein Ohr verstopft«, wenn ihm angeboten wird,
blutige Gewaltakte zu begehen. Die sechste und letzte Verpflichtung findet
Ausdruck in einem Vergleich, der uns zunächst befremdet, weil er in unserem
Sprachgebrauch nicht üblich ist. Wenn wir sagen:»ein Auge zudrücken«, dann
soll das heißen, »so zu tun, als sähe man nichts, um nicht einschreiten zu
müssen«; der Prophet hingegen sagt, daß der rechtschaffene Mensch die Augen
schließt, »um nichts Böses zu sehen« zum Zeichen dafür, daß er auch die
geringste Berührung mit dem Bösen vermeiden will.
In seinem Kommentar über Jesaja entfaltet Hieronymus diesen
Begriff unter Berücksichtigung des gesamten Abschnitts: »Jede Sünde,
Unterdrückung und Ungerechtigkeit ist eine mit Blut befleckte Entscheidung:
Auch wenn man nicht durch das Schwert tötet, tötet man dennoch durch die
Absicht. ›Und er schließt die Augen, um nichts Böses zu sehen.‹
Glücklich das Gewissen, das nichts Böses hört und denkt! Ein solcher Mensch
wird ›in der Höhe‹ wohnen, das heißt im Himmelreich oder in der
höchsten Höhle des mächtigsten Felsens, in Jesus Christus« (In Isaiam
prophetam, 10, 33; PL 24, 367).
So führt uns Hieronymus zum rechten Verständnis dessen, was
der Prophet meint, wenn er sagt: »die Augen schließen«. Es handelt sich um
eine Aufforderung, jede Komplizenschaft mit dem Bösen abzulehnen. Dabei ist
leicht zu erkennen, daß die wichtigen Sinnesorgane des Körpers gemeint sind:
Die Hände, die Füße, die Augen, die Ohren und die Zunge sind in das
moralische Tun des Menschen verwickelt.
5. Wer sich dafür entscheidet, sich an diese ehrliche und
aufrechte Lebensführung zu halten, wird in den Tempel des Herrn eintreten
können, wo er die Sicherheit jenes äußeren und inneren Wohlergehens erhält,
die Gott dem schenkt, der mit ihm in Gemeinschaft lebt. Der Prophet verwendet
zwei Bilder, um diesen freudvollen Ausgang zu beschreiben (vgl. V. 16): die
Sicherheit der Felsenburgen und den Reichtum von Brot und Wasser, dem Symbol
eines fruchtbaren und glücklichen Lebens.
Die Tradition hat das Zeichen des Wassers spontan als Hinweis
auf die Taufe verstanden (vgl. z.B. den Brief von Barnabas 11, 5),
während die Christen im Brot das Zeichen für die Eucharistie erkannten. Das
ist zum Beispiel im Kommentar des Märtyrers Justinus zu lesen, der in Jesajas
Worten eine Prophetie des eucharistischen »Brotes« sah, des
»Gedächtnisses« des Heilstodes Christi (vgl. Dialogo con Trifone,
Paoline 1988, S. 242).
Gottes Gericht heißt Gerechtigkeit. Er ist die Quelle des
Rechts. Darum darf sich der Mensch, der rechtschaffen lebt, der Nähe des
Herrn erfreuen.
Das Canticum in Kapitel 33 des Propheten Jesaja macht
deutlich: Das Böse wie das Gute, das Menschen tun, ruft Gott auf den Plan. Er
ist niemals gleichgültig. Der „Immanuel", der „Gott-mit-uns"
(vgl. Jes. 7, 14), bleibt stets an unserer Seite: Seine Gerechtigkeit
erreicht alle Völker: „Ihr in der Ferne, hört, was ich tue! Ihr in der
Nähe, erkennt meine Kraft!" (Jes. 33, 13). Wer diesen Ruf
vernimmt, redet und handelt nach Gottes Geboten. Ihm steht ein Leben „in der Höhe"
in Aussicht: in Gottes Nähe, der selbst die Quelle unversiegbaren Lebens ist
(vgl. Jes. 33, 16).
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Herzlich begrüße ich die Pilger und Besucher aus den Ländern
deutscher Sprache. Besonders heiße ich Journalisten aus dem Bistum
Rottenburg-Stuttgart sowie eine Gruppe von Religionspädagogen aus der Erzdiözese
Wien willkommen. Werdet zu überzeugten Mitarbeitern an Gottes Gerechtigkeit
unter den Menschen nah und fern! Der Herr segne euch alle!
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