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 FEIERLICHER GOTTESDIENST AM PALMSONNTAG

PREDIGT VON PAPST JOHANNES PAUL II.

Petersplatz, 30. März 1980

 

1. Christus nähert sich mit seinen Jüngern Jerusalem. Er macht es wie die anderen Pilger, die Söhne und Töchter Israels, die in dieser Woche vor dem Paschafest nach Jerusalem gehen. Jesus ist einer von diesen vielen.

Dieses Geschehen kann man in seinem äußeren Verlauf somit als durchaus normal ansehen. Jesus nähert sich, vom Ölberg und der Gegend von Betfage und Betanien kommend, Jerusalem. Dort trägt er zweien seiner Jünger auf, ihm ein Eselfüllen zu bringen. Er gibt ihnen genaue Anweisungen: wo sie das Tier finden werden und was sie denen antworten sollen, die sie nach dem Grund ihres Tuns fragen. Die Jünger befolgen die Anweisung ganz genau. Denen, die fragen, warum sie den Esel losbinden, geben sie zur Antwort: "Der Herr braucht ihn" (Lk 19, 31), und diese Antwort genügt. Es ist ein junger Esel; bisher hat auf ihm noch nie jemand gesessen. Jesus sollte der erste sein. Auf dem Rücken des Esels sitzend, legt Jesus also den letzten Teil des Weges nach Jerusalem zurück. Doch mit einem Mal wird dieser Zug, der zunächst nichts Außergewöhnliches an sich hatte, zu einem feierlichen Einzug in Jerusalem.

Wir feiern heute die Liturgie des Palmsonntags, die uns an diesen Einzug erinnert und ihn lebendig werden läßt. In einem eigenen liturgischen Ritus wiederholen wir das, was die Jünger Jesu, die bei ihm waren, und jene, die damals noch fernstanden, getan und gesagt haben auf dieser Straße, die vom Ölberg nach Jerusalem führte. Wie sie halten wir Ölzweige in der Hand und verkünden oder besser singen die Worte der Verehrung, die sie verkünden. Diese Worte lauten in der Fassung des Lukasevangeliums:

"Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn, im Himmel Friede und Herrlichkeit in der Höhe!" (Lk 19, 38).

Unter diesen Umständen nimmt das schlichte Ereignis, daß Jesus mit seinen Jüngern zum nahen Paschafest nach Jerusalem hinaufzieht, deutlich eine messianische Bedeutung an. Die Einzelheiten, die den Rahmen des Geschehens bilden, zeigen, daß sich in ihnen die Prophetenworte erfüllen. Sie zeigen auch, daß es Jesus wenige Tage vor dem Osterfest in jenem Augenblick seines öffentlichen Auftretens gelungen ist, zahlreiche einfache Menschen in Israel zu überzeugen. Mit den Zwölfen, die ihm am nächsten standen, folgte ihm eine große Menge: "Alle Jünger folgten ihm", sagt der Evangelist Lukas (19, 23), und diese Menge gab unmißverständlich zu verstehen, daß sie in ihm den Messias sah.

2. Der Palmsonntag eröffnet die Heilige Woche des Leidens und Sterbens des Herrn, die Karwoche, deren tiefste Dimension dieser Sonntag schon in sich trägt. Deshalb lesen wir die ganze Passion des Herrn nach Lukas.

Während Jesus nach Jerusalem hinaufzieht, offenbart er sich denen ganz, die ihm nach dem Leben trachten. Er hatte sich ja bereits seit einiger Zeit geoffenbart, indem er alles, was er verkündete, durch Wundertaten bekräftigte und alles, was er lehrte, als Lehre seines Vaters verkündete. Die liturgischen Lesungen der letzten Wochen machen deutlich: der feierliche Einzug in Jerusalem stellt einen weiteren entscheidenden Schritt auf dem Weg zum Tod dar, den ihm die Vertreter der Ältesten Israels bereiten.

Die Zurufe der Pilgerschar, die zusammen mit Jesus nach Jerusalem zog, steigerten nur noch die Unruhe des Hohen Rates und beschleunigten die endgültige Entscheidung.

Der Meister ist sich dessen voll bewußt. Alles, was er tut, tut er in diesem Bewußtsein, den Worten der Schrift folgend, die die einzelnen Augenblicke seines Ostern vorausgesehen hat. Der Einzug in Jerusalem war die Erfüllung der Schrift.

Jesus von Nazaret offenbart sich also auf der Grundlage des Wortes der Propheten, das er allein in ganzer Fülle verstanden hat. Diese Fülle blieb sowohl der Menge der Jünger verborgen, die ihm auf dem Weg nach Jerusalem "Hosanna" zuriefen, indem sie "mit lauter Stimme Gott lobten wegen all der Wundertaten, die sie erlebt hatten" (Lk 19, 37), als auch den Zwölfen, die ihm am nächsten standen. Diesen letzteren erlaubte ihre Liebe zu Christus einfach nicht, sein schmerzliches Ende anzunehmen; denken wir daran, wie Petrus einmal sagte: "Das darf nicht mit dir geschehen!" (Mt 16, 22).

Für Jesus hingegen sind die Worte der Propheten bis zum Ende klar und enthüllen sich ihm in der ganzen Fülle ihrer Wahrheit; und er selbst öffnet sich mit der ganzen Tiefe seines Geistes dieser Wahrheit. Er nimmt sie vollständig an. Er macht keine Abstriche. In den Worten der Propheten findet er die wahre Bedeutung der Berufung des Messias: seiner eigenen Berufung. Er findet in ihnen den Willen des Vaters.

"Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet. Ich wehrte mich nicht und wich nicht zurück" (Jes 50, 5).

So enthält die Liturgie des Palmsonntags bereits die volle Wirklichkeit der Passion: die Wirklichkeit von Ostern.

"Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen, und denen, die mir den Bart ausrissen, mein Kinn. Mein Gesicht verbarg ich nicht, als sie mich verhöhnten und bespuckten" (Jes 50, 6).

"Alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf ... Sie durchbohren mir Hände und Füße. Man kann alle meine Knochen zählen; sie gaffen und weiden sich an mir. Sie verteilen unter sich meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand" (Ps 21, 8. 17-19).

3. Das ist die Liturgie des Palmsonntags: inmitten des Jubels der Menge, der enthusiastischen Begeisterung der Jünger, die mit den Worten der Propheten in ihm den Messias verkünden und bekennen, ist allein ihm, Christus, die Wahrheit seiner Sendung bis auf den Grund bekannt; allein er, Christus, liest das, was die Propheten über ihn geschrieben haben, bis zum Ende.

Und alles, was sie gesagt und geschrieben haben, erfüllt sich in ihm mit der inneren Wahrheit seiner Seele. Mit seinem Willen und seinem Herzen ist er bereits in all dem, was nach den äußeren Dimensionen der Zeit noch vor ihm liegt. Bereits bei diesem triumphalen Einzug in Jerusalem ist er "gehorsam bis zum Tode, zum Tode am Kreuz" (Phil 2, 8).

Zwischen dem Willen des Vaters, der ihn gesandt hat, und dem Willen des Sohnes besteht eine tiefe, von Liebe erfüllte Einheit: ein innerer Kuß des Friedens und des Heils. In diesem Kuß, in dieser grenzenlosen Verlassenheit entäußert Jesus Christus, der göttlicher Natur ist, sich ihrer und nimmt Knechtsgestalt an, indem er sich selbst erniedrigt (vgl. Phil 2, 6-8). Und er bleibt in dieser Erniedrigung, in dieser Entblößung all seines äußeren Glanzes, seiner Göttlichkeit und seiner von Gnade und Wahrheit erfüllten Menschlichkeit. Er, der Menschensohn, geht in dieser Demütigung und Selbstentäußerung den Ereignissen entgegen, die sich erfüllen werden, wenn seine Erniedrigung, seine Selbstentäußerung, seine Demütigung sichtbare äußere Formen annehmen werden: er wird bespien, man wird ihn auspeitschen, beschimpfen, verhöhnen, er wird von seinem Volk abgelehnt, zum Tod verurteilt und gekreuzigt bis er das letzte Wort spricht: "Es ist alles vollbracht!" und seinen Geist in die Hände des Vaters aufgibt.

So sieht der innere Einzug Jesu in Jerusalem aus, der sich in seinem Herzen schon an der Schwelle der Karwoche vollzieht.

4. Schließlich treten die Pharisäer, die die Freudenrufe der Menge zu Ehren des Messias, der seinen Einzug in Jerusalem hält, nicht mehr ertragen können, an ihn heran und sagen: "Meister, bring deine Jünger zum Schweigen!" Jesus antwortet: "Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien" (Lk 19, 39-40).

Wir beginnen heute die Karwoche, die Woche des Leidens und Sterbens des Herrn, hier in Rom. In dieser Stadt fehlt es nicht an Steinen, die davon sprechen, daß das Kreuz Christi hierher gebracht wurde und in dieser Hauptstadt der alten Welt Wurzel geschlagen hat.

Mögen die Steine die Menschen nicht zum Erröten bringen!

Mögen unsere Herzen und Gewissen lauter schreien als sie!

 

 

© Copyright 1980 - Libreria Editrice Vaticana

 

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