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PASTORALBESUCH IN DER SCHWEIZ

MESSE FÜR DIE KATHOLIKEN DER DEUTSCH-SPRACHIGEN
UND DER RÄTEROMANISCHEN SCHWEIZ

 PREDIGT VON JOHANNES PAUL II.

Luzern - Samstag, 16. Juni 1984

 

Liebe Brüder und Schwestern!

Es ist unser Herr und Erlöser Jesus Christus, der uns heute in so großer Zahl hier zusammenführt, um in festlicher Gemeinschaft mit ihm Gott zu preisen, seine befreiende Botschaft zu hören und dann mit neuer Zuversicht an den Ort unseres Lebens und Wirkens zurückzukehren. Jedem einzelnen von euch möchte ich versichern, daß ich mich herzlich freue, mit euch zusammen das heilige Meßopfer hier zu feiern. Die eindrucksvolle Landschaft von Luzern, dieses alte politische und kulturelle Zentrum der Innerschweiz, das fast 300 Jahre lang Sitz eines Nuntius des Bischofs von Rom gewesen ist, bietet dabei unserer heutigen Begegnung einen würdigen Rahmen.

1. Die Botschaft des Evangeliums führt uns heute nach Nazaret. Wir sind Zeugen, wie Christus zum erstenmal öffentlich erklärt, daß sich an ihm die messianische Weissagung des Jesaja erfüllt. Wir erleben, wie er sich am Tag des Sabbat inmitten seiner Landsleute erhebt und die bekannten Worte aus dem Buch Jesaja vorliest:

”Der Geist des Herrn ruht auf mir: / denn der Herr hat mich gesalbt. / Er hat mich gesandt, / damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; / damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde / und den Blinden das Augenlicht; / damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe“ (Lk 4, 18-19).

Als dann ”die Augen aller in der Synagoge auf ihn gerichtet waren“ (ebd. 4, 20), sagte Jesus: ”Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt“. An ihm selbst hat es sich erfüllt (ebd. 4, 21): Das ganze weitere Wirken Jesu von Nazaret, von diesem Augenblick bis zu seinem Tod am Kreuz und zur Auferstehung, wird dies bestätigen.

Der Heilige Geist, der auf ihm ruhte, sollte jedoch nicht auf ihn allein beschränkt bleiben. Am Pfingsttag hat Christus ihn als Frucht seines erlösenden Leidens an die Apostel und seiner ersten Jünger weitergeschenkt, und er schenkt ihn ständig weiter, um die Kirche und die Menschen immer mehr ”in die ganze Wahrheit einzuführen“ (Joh 16, 13). Auf diese Weise setzt sich die messianische Zeit Jesu Christi fort, die in Nazaret begonnen hat, als er, den man für den Sohn des Zimmermanns hielt, die Worte des Propheten Jesaja auf sich bezog.

Diese damalige Begebenheit von Nazaret wiederholt sich an vielen Orten der Erde, inmitten der verschiedenen Völker. Immer wieder tritt Christus vor die Menschen und sagt ihnen dieselben Worte: ”Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt . . .“. Heute sagte er diese Worte zu uns, hier, auf Schweizer Boden. In dieser Eucharistiefeier wird er uns als der gesalbte und Gesandte des Herrn selber gegenwärtig und wird für uns durch seine Frohe Botschaft und seine eucharistische Speise zur Quelle der Hoffnung.

2. Die christliche Hoffnung schenkt uns Kraft und Zuversicht, unseren Weg durch eine Welt zu gehen, die viele mit Angst und Schrecken erfüllt und deren Werte sich aufzulösen scheinen; durch eine Welt, in der der Mensch sich immer weniger geborgen fühlt, in der die internationalen Konflikte zwischen Ost und West, zwischen Nord und Süd sich noch verschärfen und die Verelendung eines großen Teils der Menschheit durch Hunger und Armut weiter fortschreitet. Die ungeheuren technischen Errungenschaften und deren möglicher Mißbrauch sowie die konventionelle und atomare Rüstung drohen das Überleben der Menschheit selber in Frage zu stellen. Diese weltweite Gefährdung des Menschen ist eine Herausforderung für alle Nationen, für die Verantwortlichen der Völker und jeden einzelnen von uns. Sind wir uns dessen genügend bewußt? Auch hier in Europa - auch bei euch in der Schweiz?

Ich bin zu euch in ein Land gekommen, das in gewisser Hinsicht einzigartig ist: Vor mehr als 170 Jahren war euer Land zum letztenmal in einen auswärtigen Krieg verwickelt; vor bald 140 Jahren litt euer Land zum letztenmal unter einem Bruderkrieg; vor bald 70 Jahren erschütterte zum letztenmal ein Generalstreik euren Staat. Ich bin in einem Land, das durch den Fleiß seiner Bürger und durch glückliche Umstände seiner Geschichte zu einem Hort des Friedens und Wohlstands geworden ist. Die Schweiz erscheint somit als ein einzigartiges, gesegnetes, glückliches Land.

Aber ist sie wirklich ein solch glückliches Land, eine Insel der Geborgenheit inmitten der bedrohlichen Weltbrandung? Gibt es nicht auch bei euch in der Schweiz den Zerfall von Werten, den Verfall ethischer Normen, die Angst vor der Zukunft, das Gefühl der Sinnlosigkeit, den Verlust der Geborgenheit, die Furcht, daß sich Fortschritt und Reichtum nicht mehr beherrschen lassen? Steht nicht auch hinter all diesen Erscheinungen ein wachsendes Maß an Hoffnungslosigkeit?

Die Neutralität eures Landes bewahrt euch nicht davor, daß auch ihr in die weltweiten geistigen und politischen Auseinandersetzungen unserer Tage hineingezogen werdet. Auch ihr seid in die Entscheidung und vor große Aufgaben gestellt. Was ist zum Beispiel zu tun, um die langsame innere Aushöhlung der sittlichen Grundwerte im gesellschaftlichen Zusammenleben aufzuhalten; um den einzelnen und den Familien wieder Mut zum Leben und Vertrauen in die Zukunft zu geben? Oder daß der Wohlstand eures Landes zu einem immer wirksameren Friedensdienst für die internationale Völkergemeinschaft beiträgt? Seid ihr euch der Werte bewußt, die unbedingt eure Aufmerksamkeit und besondere Pflege verdienen wie Treue, Zuverlässigkeit, Familiensinn, Achtung vor dem Leben von der Empfängnis bis zum Tod, Solidarität der Bürger, verantwortungsbewußter Umgang mit Natur und Lebensraum?

Durch die Offenbarung Gottes und das eigene Gewissen hat der Mensch viele hohe Ideale für ein menschenwürdiges und erfülltes Dasein kennen und schätzen gelernt. Zu ihrer ständigen konsequenten Verwirklichung aber scheinen ihm immer mehr die Kräfte zu fehlen. Unzählige Probleme hat der moderne Mensch zu lösen vermocht, immer neue türmen sich zu seinem Schrecken vor ihm auf: Er beginnt zu zweifeln am stetigen Fortschritt seiner Werke, und sein anfänglicher grenzenloser Optimismus schlägt um in lähmende Angst.

In dieser uns alle bedrängenden Lage kommt uns der christliche Glaube in einer besonderen Weise zu Hilfe. Er schenkt uns den erforderlichen Mut, unseren Weg im Vertrauen auf Gott, der auch der Herr unserer Geschichte ist, hoffnungsvoll und besonnen weiterzugehen.

3. Die Worte des Apostels Paulus, vor über 1900 Jahren an die Christen in Rom geschrieben und uns soeben als Lesung vorgetragen, haben auch heute noch ihre Gültigkeit: ”Wir wissen, daß die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt. Aber auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Geist haben, seufzen in unserem Herzen und warten darauf, daß wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden“ (Röm 8, 22-23).

Wie sehr ist es wahr, daß der Mensch ”seufzt“ : der vielerorts geschundene, gejagte, verängstigte Mensch; der Mensch, der sein Bestes gibt und doch nur Stückwerk schafft und sich - selbst bei bestem Willen - oft gegen harte Widerstände voranquälen muß! Wie sehr hören wir alle dieses Seufzen: aus dem eigenen Herzen wie auch von Menschen an unserer Seite, ja sogar von der ”gesamten Schöpfung“, von der mißhandelten, ausgebeuteten Natur, von den nach Luft und Lebensraum ringenden Pflanzen und Tieren!

Und doch hört Paulus in dieser Weltklage ein Seufzen, das auf ”Geburtswehen“ hinweist: Es bereitet sich darin etwas Positives vor; hier soll etwas geboren werden; hier wartet alles mit Schmerzen auf einen endgültigen Durchbruch. Das Seufzen ist von Hoffnung beseelt. Der Apostel sagt noch deutlicher: ”Wir warten darauf, daß wir mit der Erlösung des Leibes als Söhne (und Töchter) offenbar werden“. Er spricht also von einer Wirklichkeit, die bereits in uns zugegen ist, aber noch ”offenbar“ werden muß, sich noch ganz durchsetzen muß. Diese Wirklichkeit nennt er die ”Erstlingsgabe des Geistes“. Dies ist der Geist Jesu Christi, unseres Erlösers, der als der auferstandene und erhöhte Herr von Gott aus mit dem Licht und der Lebensglut seines Geistes die Schöpfung überall dort bewegt und durchpulst, wo ihm Glaubensbereitschaft und Liebe entgegengebracht werden. Jeder Gläubige, jede Gemeinde Christi trägt bereits den Geist Christi in sich, allerdings vorerst nur als ”Erstlingsgabe“, wie der Apostel sagt, als Anfang, als Anstoß zur Vertiefung und Entfaltung, als Samenkorn und Sauerteig. Die mühsame Zeit des Wachsens läßt uns seufzen; das bereits wirksame innere Leben mit Gott erweckt in uns zugleich starke Hoffnung und tiefe Freude. Mit Paulus bekennen wir uns so zu einem christlichen Realismus: ”Wir sind gerettet, doch in der Hoffnung“ (Röm 8, 24).

4. Ein jeder von uns ist in dieses schmerzvolle Ringen um die Geburt einer menschenwürdigeren, einer christlicheren Welt in uns und um uns hineingestellt. Wir müssen uns vor allem ehrlich eingestehen, daß es Sünde und Schuld in unserem Leben gibt. Viele Ängste und Nöte unserer Zeit haben ihre Ursachen in der Schuld der Menschen. Gerade als Christen sind wir zu ständiger Umkehr und zu einem tiefen Glauben aufgerufen, damit unser Zeugnis für Christus, den Erlöser des Menschen, leuchtend und überzeugend wird. Wir müssen uns darum bemühen, daß der Geist Christi, den wir schon als ”Erstlingsgabe“ besitzen, in unserem Denken und Handeln immer mehr zum Durchbruch kommt.

Werdet ”offen für Christi Geist“ : Dazu ermahnt euch das Motto, unter das ihr meinen Pastoralbesuch in der Schweiz gestellt habt. Offen für Christi Geist, der uns den Erlöser und sein Wort immer tiefer zu verstehen lehrt. Offen für Christi Geist, damit wir als Söhne und Töchter Gottes in der Kraft des Heiligen Geistes Zeugnis geben für das wahre Heil der Welt. Offen für Christi Geist, der ein Geist der Hoffnung ist. Wer die Zukunft nur dunkel sieht, wer behauptet, der Mensch und die Welt hätten keinen Sinn mehr, der hat Gott vergessen. Gott verläßt die Welt nicht, seine Pläne mit ihr scheitern nicht. Gott hat die Welt ”so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3, 16). Wir als Kirche sind das pilgernde Gottesvolk, dessen Weg Jesus Christus, ist, dessen Ziel Gott selbst ist in seiner Herrlichkeit.

Die christliche Hoffnung nimmt freilich nicht alles Dunkel weg, läßt nicht Leiden und Nöte, Sorgen und Ängste verschwinden. Im Gegenteil, Gott selber ist es, der unsere Leiden und Nöte ernst nimmt. Vor dem hellen Osterfest steht der dunkle Karfreitag, steht das Kreuz Christi. Ebenso bleibt auch unsere Hoffnung stets vom Kreuz gezeichnet; vom Kreuz jedoch, das die Verheißung und den Sieg der Auferstehung bereits in sich trägt. Der glaubende und hoffende Mensch weiß sich auch in allen Widerwärtigkeiten und Prüfungen umfangen vom unendlichen, liebenden Gott.

5. Wem ein solcher hoffnungsvoller Glaube geschenkt ist, der ist auch hellsichtig für das vielfältige Wirken des Geistes Christi in unseren Tagen und an unzähligen bekannten wie unbekannten Orten in der Welt. ”Der Geist des Herrn ruht auf mir;  . . . der Herr hat mich gesalbt; er hat mich gesandt“ (Lk 4, 18), so hat Jesus damals in Nazaret gerufen. In allen, die ihm nachfolgen, die sein Lebensprogramm zu dem ihrigen machen, setzt er duch seinen Geist diese Sendung fort. Auch auf uns ruht der Geist des Herrn; er hat uns gesalbt in den heiligen Sakramenten der Taufe und Firmung und so Christus, dem Gesalbten, ähnlich gemacht. Auch uns will der Gottesgeist treiben und stärken, damit wir - gerade heute - das Heil und die Hoffnung in unsere Welt hineintragen.

Die Wirklichkeit der Erlösung wird offenkundig in der Gegenwart des Geistes: des Geistes der Wahrheit, der die Welt der Lüge überführt; des Geistes des Trostes, in dessen Kraft Christus den Armen ständig die Frohe Botschaft verkündet; denen Hoffnung geschenkt, deren Würde mißachtet wird und die keine Zukunft mehr sehen. Gottes Geist befreit den Menschen aus der Gefangenschaft der Schuld, aus der Verstrickung in selbstsüchtiges Denken und Streben. Er befreit zu einem guten und erlösenden Gebrauch der menschlichen Freiheit. Auch heute öffnet der Geist Christi den Blinden die Augen für die wahren Werte des Lebens, für Gottes Gegenwart und Wirken in der Schöpfung und im Gang der Geschichte. Er schenkt den Zerschlagenen Kraft und Zuversicht, vor allem jenen, die um ihres Glaubens willen leiden und verfolgt werden. Christus läßt durch das Wirken seines Geistes das ”Gnadenjahr des Herrn“ im Leben und in der Geschichte der Menschen fortdauern, das Gnadenjahr des Bundes und der Freundschaft mit Gott.

6. In diesem Wirken des Geistes unter den Menschen setzt sich die messianische Sendung Christi fort. Er verkündet und errichtet dadurch in der Welt das Reich Gottes, das ein Reich der Wahrheit und der Liebe, ein Reich der Gerechtigkeit und des Friedens ist. Zugleich nimmt sich darin ”auch der Geist unserer Schwachheit an“, wie es im Römerbrief heißt (Röm 8, 26). Seine Hilfe erreicht das Leben des Menschen von innen her und schenkt ihm vor allem neue Kraft zum Beten: Wenn wir nicht wissen, worum wir in rechter Weise beten sollen, ”tritt der Geist selber für uns ein . . .“ (ebd.). Gott selbst kommt unserer Schwachheit zu Hilfe und führt durch seinen Geist zur Vollendung, was wir nur bruchstückweise und unvollkommen beginnen. Unser stammelndes Beten wird dadurch aufgenommen in die ewige Anbetung des göttlichen Geistes und wird so zum Gebet, das die Verheißung der Erhörung besitzt. Dieses Gebet in der Kraft des Geistes bringt Hoffnung in diese Welt, die voller Angst und vom Verlust der Werte bedroht ist. Es hat Macht, diese Welt zu verändern!

Am Tag der Schöpfung ist dem Menschen als Auftrag die ganze sichtbare Welt, vor allem die Erde, übertragen worden, damit er sie mit ”der Arbeit seiner Hände“ umgestalte. Heute schaut der Mensch in Angst auf die Frucht seiner Arbeit: Wohin ist er mit der Umgestaltung der sichtbaren Welt gekommen? Welche Zukunft erwartet unseren Planeten?

Besinnen wir uns angesichts dieser Ungewißheit und Gefahr wieder neu auf die Macht des Gebetes! Der Herr hat dem Menschen das Gebet aufgetragen, damit er die Welt von seinem Herzen her umforme; damit er sie verwandle im Heiligen Geist; damit er sie menschlicher mache; damit er in ihr zusammen mit Christus das Reich Gottes auferbaue. Im Gebet vor allem liegt für uns Christen unsere Stärke, in ihm liegt die Quelle unserer Hoffnung.

So erbitte ich euch als Gabe und Gnade dieses Gottesdienstes, was einst der Apostel Paulus für die Gläubigen in Rom erbeten hat: ”Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und mit allem Frieden im Glauben, damit ihr reich werdet an Hoffnung in der Kraft des Heiligen Geistes“. Und ich füge hinzu: damit ihr reich werdet in Gott, um anderen vom Reichtum eures Glaubens und eurer Hoffnung schenken zu können ”in der Kraft des Heiligen Geistes“. Amen.

7. Con grande gioia vi saluto qui a Lucerna nella vostra lingua.

La regione romancia è un Paese di antica tradizione cristiana. Questo si manifesta in molti monumenti religiosi e santuari, nella vita parrocchiale, nel canto religioso e nelle opere letterarie. Questo mi fa molto piacere e vi invito tutti ad approfondire la fede nella vita privata, nelle famiglie, nella Chiesa e nello Stato. Apritevi allo Spirito di Cristo!

Esprimo un particolare ringraziamento a tutti coloro che sono al servizio della Chiesa locale e delle missioni.

Con l’antico saluto “Allegra” imploro per voi la benedizione del Signore!

 

© Copyright 1984 - Libreria Editrice Vaticana

 

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