APOSTOLISCHE REISE IN DIE BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND
VESPER VOR DEM DOM
PREDIGT
VON JOHANNES PAUL II.
Domplatz in Münster - Freitag, 1. Mai 1987
Liebe Brüder und Schwestern!
1. Unser gemeinsamer Vespergottesdienst findet nun seine Fortsetzung vor eurer
herrlichen Bischofskirche. Dieser ehrwürdige Paulusdom, vor dem wir hier als
Gemeinde Christi versammelt sind, ist schon kostbar in seiner kunstvoll
gestalteten Architektur mit ihren wuchtigen Türmen und Bögen. Wer ein solches
Gebäude zur Ehre Gottes und als geistige Heimat der Menschen zu errichten
vermochte, lebte aus tiefen Überzeugungen und muß auch selbst ein starker,
selbstbewußter und zugleich frommer Mensch gewesen sein. Dieses Gotteshaus ist
ein würdiges Symbol des katholischen Glaubens, wie er im Münsterland seit mehr
als tausend Jahren von dieser Mitte aus verkündet worden ist. Viele eurer
Bischöfe und Priester haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden, nachdem sie
für ihre jeweilige Zeit die Frohe Botschaft von Jesus Christus, unserem Herrn
und Erlöser, in Wort und Tat den Menschen verkündet und vorgelebt hatten. Einer
der bekanntesten unter ihnen, dessen Grab ich sogleich in Verehrung besuchen
werde, ist euer unvergessener Bischof und Kardinal Clemens-August von Galen.
Als wir soeben die Lesung aus dem 2. Brief des Apostels Paulus an seinen Schüler
Timotheus hörten, war es mir, als spreche Bischof Clemens-August noch einmal zu
uns: Ich beschwöre euch bei Gott und bei Christus Jesus: Verkündet das Wort;
tretet dafür ein, ob man es hören will oder nicht! Kämpft den guten Kampf!
Haltet die Treue! (2 Tim. 4, 1-7)
Kardinal von Galen hat selbst unerschrocken das Wort Gottes verkündet. Zugleich
aber hat er auch gelebt, was er verkündete. Sein Leben war ein Zeugnis für das
Evangelium Jesu Christi. Die ihm von Gott geschenkte Zeit seines Lebens hat er
eingesetzt im Dienst für seinen Herrn und Meister und für die ihm anvertrauten
Gläubigen. Als 70. Nachfolger des Gründerbischofs, des heiligen Ludgerus, hat er
hier in Münster den Hirtenstab ergriffen und seine Diözese mutig geführt, als es
dunkel wurde in Deutschland, als Menschen in gottlosem Hochmut sich selber zur
letzten Instanz für das Menschenleben machten, worauf Blut, Tod und Untergang
folgten.
2. Bischof Clemens-August war ein Mann des Glaubens. Er stand unerschütterlich
fest im Glauben der heiligen Kirche. Wie die Eichen eurer Heimat feststehen im
Sturm und tief verwurzelt sind in der Erde, so stand euer Oberhirte in den
Stürmen der Zeit.
Der Glaube: Das ist nicht die jeweils neueste Nachricht, die heute Schlagzeilen
macht und morgen schon vergessen ist. Der Glaube ist nicht eine Lehre, die man
sich selber zurechtlegt nach eigenem Gutdünken und nach den jeweiligen
Bedürfnissen. Er ist nicht unsere Erfindung, unsere Leistung. Der Glaube ist ein
großes Geschenk Gottes an die Kirche durch Jesus Christus. Paulus sagt im
Römerbrief: ”So gründet der Glaube in der Botschaft, die Botschaft im Wort
Christi“ (Röm. 10, 17). Der Glaubende steht auf dem Boden Jesu Christi,
der in seiner Kirche weiterlebt durch die Jahrhunderte bis zum Ende der Welt.
”Ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe“, bekräftigt
derselbe Apostel (1 Kor. 11, 23) - ”Was sie von den Vätern empfangen
haben, das haben sie den Söhnen überliefert“, sagt später Augustinus. ”So habe
ich es im Elternhaus gelernt, so will ich es halten bis zum letzten Atemzug“,
schreibt schließlich Bischof von Galen in seinem ersten Hirtenbrief an die
Diözese und fährt fort: ”Und das bekenne ich heute vor euch, daß . . . der
Gehorsam gegen den Papst, die vertrauensvolle Hingabe an die Leitung der
heiligen Kirche und an die Weisungen des Heiligen Stuhls mir Leitstern und
Richtschnur sein sollen für mein persönliches Leben und für mein Wirken für euch“.
Der Glaube lebt aus der Tradition der Kirche. Dort allein können wir die
Wahrheit Jesu Christi mit Gewißheit finden. Nur ein lebendiger Zweig am Baum der
kirchlichen Gemeinschaft bleibt in Verbindung mit ihren kraftspendenden Wurzeln.
3. Haltet fest am Glauben der Kirche, so rufe ich euch heute zu. Eure Mütter und
Väter haben es getan. Haltet auch ihr fest am Glauben und vermittelt ihn weiter
an eure Kinder. Das ist der Grund meiner Pastoralreise zu euch: ”Ich erinnere
euch, Brüder und Schwestern, an das Evangelium. Ihr habt es angenommen; es ist
der Grund, auf dem ihr steht“ (1 Kor. 15, 1).
Ohne einen starken Glauben seid ihr ohne Halt, umhergetrieben von den
wechselnden Lehren der Zeit. Ja, auch heute gibt es Bereiche, wo man die gesunde
Lehre nicht mehr erträgt, wo man sich nach eigenen Wünschen immer neue Lehrer
sucht, die den Ohren schmeicheln, wie Paulus es vorhergesagt hat. Laßt euch
nicht täuschen. Fallt nicht herein auf die Propheten des Egoismus, der falsch
verstandenen Selbstverwirklichung, der irdischen Heilslehren, die diese Welt
ohne Gott gestalten wollen.
Es bedarf der Bereitschaft zur Hingabe, zum Sichverschenken, es bedarf auch der
Bereitschaft zum Opfer und zum Verzicht, es bedarf eines großmütigen Herzens, um
sagen zu können: Credo - Ich glaube. Wer aber diesen Mut hat, vor
dem verschwinden die Dunkelheiten. Wer glaubt, hat den Leuchtturm gefunden, der
ihm eine sichere Fahrt ermöglicht. Wer glaubt, kennt die Richtung, ist
orientiert. Wer glaubt, hat den Sinn gefunden, und kein Unsinn falscher Lehrer
kann ihn mehr in die Irre führen. Wer glaubt, hat einen Standpunkt und versteht,
das Leben menschenwürdig und gottgefällig zu leben. Wer glaubt, kann sein Leben
auch bewußt beschließen und ja sagen, wenn Gott ihn in der letzten Stunde ruft.
4. Aber diesen Schatz, unseren Glauben, tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen (2
Kor. 4, 7); unser Glaube ist oft nur schwach und klein. Der erste in der
Reihe der Päpste, der heilige Petrus, hat das bereits schmerzlich erfahren
müssen (Mk. 9, 24). Hochherzig und voll Begeisterung stieg er aus dem
Schiff auf die Wasser des Sees. Denn der Herr hatte ihn gerufen: Komm! Und der
Glaube trug den Petrus über die Wellen und Tiefen. Das ist ein Bild für unseren
Glauben. Auch vor uns steht der Herr. Er blickt uns an und spricht zu jedem
einzelnen dieses ”Komm“. Gegenüber dieser ermutigenden Einladung bleibt der
Glaubende nicht sitzen oder liegen: Er steht auf, macht sich auf den Weg, über
alle Hindernisse hinweg, hin zum Herrn.
Aber dann kommen Angst und Zweifel, damals für Petrus- und auch heute oft für
uns. Da beginnt Petrus zu sinken und unterzugehen. Wenn der Glaube schwach wird,
trägt er nicht mehr. Und was hat in dieser Situation Petrus, der erste Papst,
damals getan? Mit aller Kraft und aus ganzem Herzen hat er zum Herrn gerufen:
”Herr, rette mich!“. Und der Herr streckt seine Hand aus: ”Du Kleingläubiger,
was hast du gezweifelt?“ - Eine echte Glaubenskrise! Doch der Herr verläßt den
nicht, der von ihm Hilfe erbittet.
Herr, ich glaube - Credo. Aber nicht selten ist es ehrlich, hinzuzufügen: ”Hilf
meinem Unglauben!“. Diesen Rat möchte ich euch geben: Wenn Unglaube und Zweifel
sich regen, hört nicht auf zu beten: Herr, ich glaube; und fügt ruhig hinzu:
Hilf meinem Unglauben! Der Herr wird euch nicht im Stich lassen, euch nicht
allein lassen in den Stürmen eures persönlichen Lebens und des Weltgeschehens.
5. Brüder und Schwestern! Wenn ich heute zu euch von Kardinal von Galen spreche,
denke ich zugleich auch an die Gläubigen, für die er als Bischof bestellt war.
Ich gedenke der unzähligen Frauen und Männer, der Jungen und Alten, die in
Oldenburg, im Münsterland, am Niederrhein aufstanden in großer Einmütigkeit, die
zusammen mit ihrem Bischof ein Bekenntnis ablegten für den Glauben - und für das
Kreuz. Ebenso denke ich an die zahlreichen engagierten evangelischen Christen in
der Bekennenden Kirche. Weil sich das gläubige Volk in Begeisterung und Liebe
eng um seinen Bischof scharte, konnten es sich die Herrscher der damaligen Zeit
nicht leisten, die Stimme des mutigen Oberhirten aus Münster zu überhören oder
gar gewaltsam zum Schweigen zu bringen. Die Treue der Gläubigen war der Rückhalt
des Bischofs. Wo der Bischof war, dort standen auch die Katholiken: mit ihm,
hinter ihm und vor ihm, immer vereint im gemeinsamen Glauben. Ohne solche Treue
seiner Gläubigen ist der Bischof schwach; er ist stark, wenn Herde und Hirt
entschlossen zusammenstehen.
Auch heute liegt hier eure Verantwortung; werdet euch dessen wieder stärker
bewußt! Sich heute zur Kirche Jesu Christi zu bekennen, ist nicht die bequemste
Weise zu leben, das ist wohl wahr. Es mag billiger sein, sich anzupassen,
unterzutauchen. Den Glauben zu bekennen und zu leben, heißt heute, gegen den
Strom zu schwimmen. Das erfordert Kraft und Mut.
Die Kirche braucht heute mehr denn je auch das öffentliche Bekenntnis der
Gläubigen. Nicht der Bischof allein, nicht nur die Priester und Diakone, nicht
allein die hauptamtlichen Laien im Dienst der Kirche werden es schaffen. Nur mit
euch allen zusammen, den Jungen und Alten, den Frauen und Männern kann die
Botschaft Christi in seiner Kirche und in der Welt lebendig und anziehend
bleiben! Helft dazu mit durch euer Bekenntnis, durch euren Einsatz, damit der
Glaube in eurer Heimat weiterlebt, damit auch das dritte Jahrtausend eine
christliche Epoche wird: für das Bistum Münster, für Deutschland, für Europa.
Bildet darum eine Einheit mit eurem Bischof, mit dem Papst, mit der Kirche
Christi in aller Welt!
6. Als der irdische Lebensweg eures Bischofs Clemens-August kurz nach seiner
Kardinalserhebung zu seinem gottgewollten Ende kam, hat er diese letzten Worte
gesprochen: ”Wie Gott es will. Gott lohne es euch. Er schütze das liebe
Vaterland. Für ihn (Christus) weiterarbeiten“. Es ist, als wenn der sterbende
Kardinal in diesem wenigen Worten die Grundhaltung seines Lebens noch einmal
zusammenfassen wollte: eine tiefe Geborgenheit in der barmherzigen Vorsehung
Gottes, eine selbstlose Dankbarkeit gegenüber allen, die ihm zur Seite standen,
eine väterliche Sorge um das deutsche Volk und Vaterland, das er so liebte, sein
mutiger Einsatz für das Reich Gottes, für seine Sendung als Christ und Bischof.
Für Christus weiterarbeiten: Das ist sein Testament, das ist sein Auftrag für
alle, denen das Wohl dieses Landes und seiner Menschen, das irdische und ewige
Glück der Jungen und Alten, der Gesunden und Kranken am Herzen liegt. Das ist
seine Sendung für alle, die einen Weg suchen, um einen eigenen Beitrag zur
geistigen und religiösen Lebendigkeit eures Volkes zu leisten. Für Christus
weiterarbeiten, damit die Erde wohnlich und menschenwürdig bleibe, damit Gottes
Reich immer mehr komme in Wahrheit und Gerechtigkeit.
7. Brüder und Schwestern! Heute beginnt der Maimonat. Er ist nach guter
katholischer Tradition in besonderer Weise der Gottesmutter Maria gewidmet. Im
Schmuck der Blumen und Kerzen sehen wir vor uns ihr Bild als Mutter der
Glaubenden, als Beschützerin der Völker, als Königin des Friedens. ”Hilf, Maria,
es ist Zeit - hilf, Mutter der Barmherzigkeit!“. So beten wir voll Vertrauen zu
Maria, die Jesus am Kreuz uns allen zur Mutter gegeben hat. ”Hilf, Mutter der
Barmherzigkeit“ -` Wie oft mögen eure Bischöfe, Priester und Mitchristen in
stürmischen Zeiten der Vergangenheit so gerufen haben vor dem Bild der
Schmerzhaften Mutter in Telgte, dem geistlichen Zufluchtsort vor den Toren
dieser Stadt!
In kindlicher Liebe wollen auch wir uns der Mutter des Herrn anvertrauen. Wer
sich an die Hand Maria begibt, wer sich von ihr führen läßt, der ist gut
geleitet; der findet den Weg des Glaubens, den Maria so beispielhaft
vorangegangen ist; der ist offen für die Botschaft Christi, ihres Sohnes und
unseres Bruders; der ist niemals allein, auch nicht in Leiden und Tod.
Zuversichtlich und entschlossen kann er seine irdischen Aufgaben erfüllen und
voranschreiten auf dem Weg in die Zukunft: Für ihn und für alle Christen ist
dies stets eine Zukunft in Gott Ihm sei Dank und Ehre. Amen.
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