 |
APOSTOLISCHE REISE IN DIE BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND
ÖKUMENISCHE WORTFEIER
PREDIGT
VON JOHANNES PAUL II.
Katholische Kirche St. Ulrich und Afra, Augsburg
Sonntag,
4. Mai 1987
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Unser Herr Jesus Christus sagt: ”Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt
sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18, 20). In dieser Stunde
sind wir im Namen des Herrn versammelt: seine Gnade hat uns zusammengeführt,
sein Geist verbindet uns. Wir suchen seine Hilfe und wollen sein Wort hören: wir
sind bereit zu tun, was er uns aufträgt. So dürfen auch wir dessen sicher sein:
Er selbst ist in unserer Mitte: er spricht zu uns, wie er es bei seinem Abschied
getan hat, von dem die Apostelgeschichte berichtet.
Wie seine Jünger damals, so werden auch wir von der Frage bedrängt: Was wird aus
uns? Was wird aus unserer Welt? Was muß geschehen, damit inmitten aller Gefahren
das Reich Gottes anbricht, das Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des
Friedens? ”Als sie nun beisammen waren, fragten sie ihn: Herr, stellst du in
dieser Zeit das Reich für Israel wieder her?“ (Mt 18, 6).
Grundsätzlich sind die Jünger bereits davon überzeugt, daß Jesu Person und
Wirken für das Anbrechen des Gottesreiches entscheidend sind. Aber ihre Frage
zeigt doch auch, daß sie mit ihren Erwartungen noch weit hinter dem
zurückbleiben, was der Herr mit ihnen und der Welt vorhat.
Gleich dreimal sprengt er die Grenzen, die ihr Leben und Denken einengen. Sie
sprechen von Israel als dem Ort des Reiches. Er aber führt über die räumliche
Beschränkung hinaus und sagt: Nicht nur hier, ”in Jerusalem und in ganz Judäa,
sondern auch im euch fremden Samarien kommt des Reich; bis an die Grenzen der
Erde“ (ebd. 18, 8) wird es sich erstrecken.
Die Jünger reden von ”dieser Zeit“ (ebd. 18, 6). Unverzüglich möchten
sie ihre Wünsche erfüllt sehen. Er entgegnet: ”Euch steht es nicht zu, Zeiten
und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat“ (ebd.
18, 7). Sie wollen Daten und Termine, Greifbares und Begreifbares. Er verweist
sie auf den Vater und seinen unerforschlichen Willen. Seine Liebe überschreitet
unsere Maße. Sie beschränkt sich nicht auf einzelne Heilsmomente: sie eröffnet
vielmehr eine Heilszeit, die nicht aufhört, solange die Erde besteht. Für immer
sollen die Jünger eine unvergängliche Heilsgabe empfangen, seinen Heiligen Geist.
”Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen
wird, und ihr werdet meine Zeugen sein“ (ebd. 18, 8). Fortan soll in
jedem Augenblick Gottes Geist in den Jüngern und durch sie in der Welt sein und
wirken. Damit werden alle Möglichkeiten und Grenzen des Menschen vollends
überschritten. Gottes Reich soll durch Gottes Geist im Innersten der Seinen
beginnen und sich von dort ausbreiten. Das soll nicht wie ein Naturereignis über
sie hereinbrechen; ganz persönlich sollen sie in dieses Geschehen einbezogen
werden; durch das bewußte Zeugnis jedes einzelnen und aller miteinander sollen
die Gläubigen in das persönliche Tun des dreifaltigen Gottes hineingenommen
werden.
Mit großer Dankbarkeit bekennen wir, daß sich diese Worte des Herrn am ersten
Pfingstfest erfüllt haben und sich seither immer wieder neu erfüllen. In der
Kraft des Heiligen Geistes ist die Kette der Zeugen Christi nicht abgerissen.
Wir alle leben von ihr. Daß wir glauben können, verdanken wir nach dem
Hebräerbrief einer ”Wolke von Zeugen“ (Hebr, 12, 1). Stellvertretend für
die unermeßlich große Zahl der Zeugen Christi rücken die beiden Patrone dieser
Kirche in unseren Blick: die heiligen Afra und Ulrich, eine Frau, die in der
diokletianischen Verfolgung in Augsburg für den Herrn in den Tod ging, und der
Bischof, dessen Leben an die Rettung Mitteleuropas aus größter Gefahr erinnert
und dessen Gestalt für immer mit dem siegreichen Kreuz verbunden ist. Vergessen
wir es nicht: Wir leben vom geistgewirkten Zeugnis Ungezählter vor uns und neben
uns.
Bedenken wir aber zugleich: Wir leben auch für das Zeugnis. Uns allen
gilt die Verheißung Christi: ”Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes
empfangen“. Sein Auftrag nimmt uns alle in Pflicht: ”Ihr werdet meine Zeugen
sein“ (Mt 18, 8). Wer immer den Glauben empfängt, ist auch gehalten,
ihn mitzuteilen. Das Licht des Herrn, das in unsere Finsternis hineinleuchtet,
ist das Licht für die Welt. Wir schulden es allen unseren Mitmenschen. Unser
Leben steht unter dem Wort des Völkerapostels: ”Weh mir, wenn ich das Evangelium
nicht verkünde“ (1 Kor 9, 16). Jeder ist zu einem ganz persönlichen
Zeugnis gerufen. Zugleich ist jeder verpflichtet, das gemeinsame Zeugnis
anzustreben.
Jesus Christus verheißt den Heiligen Geist ja der Gemeinschaft der Jünger: ”Ihr
werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen“. Ebenso überträgt er die
Zeugnisaufgabe allen zusammen: ”Ihr werdet meine Zeugen sein“ (Mt
18, 8). Wenn vor Gericht ein wichtiger Tatbestand zu ermitteln ist, braucht man
mehrere Zeugen. Erst wenn ihre Aussagen übereinstimmen, kommt Licht ins Dunkel.
Bei den wichtigsten Fakten im Prozeß der Welt kommt es entscheidend auf das
einhellige gemeinsame Zeugnis an. Deshalb fleht der Herr im Blick auf den
Glauben und auf das Heil aller: ”Alle sollen eins sein, . . . damit die Welt
glaubt“ (Joh 17, 21).
Wenn wir der Weisung des Herrn gehorchen und Zeugnis von ihm geben wollen,
müssen wir alles daran setzen, um immer mehr eins zu werden. Dabei dürfen wir
auf den Heiligen Geist vertrauen. Der Geist der Wahrheit kann in alle Wahrheit
einführen; der Geist der Liebe kann alle Trennung überwinden. Seit dem ersten
Pfingstfest ist er am Werk. Danken wir für alle Einheitsgnaden, die er uns
bereits geschenkt hat. Bitten wir um Verzeihung dafür, daß wir uns nur
unzulänglich von diesen Gnaden haben ergreifen, beseelen und bewegen lassen.
Danken wir für alle Schritte, die uns in den letzten Jahren der größeren Einheit
nähergebracht haben. Insbesondere sollten wir denen danken, die sich in
intensivem ökumenischem Gespräch darum bemüht haben, die Trennungen, die zu
wechselseitigen Verurteilungen geführt haben, nach kräftigen überwinden zu
helfen. Lohnen wir der hierfür nach meiner ersten Pastoralreise eingesetzten
Dialogkommission die sorgfältige und verantwortungsbewußte Arbeit, indem wir
alle auf der Ebene unserer jeweiligen Kompetenz ihre Ergebnisse ernsthaft und
zügig studieren, werten und einem möglichen kirchlichen Konsens zuführen.
Was immer man uns in unserem Bemühen um die Einheit aller Christen skeptisch
entgegenhält -werden wir nicht müde auf dem Weg zum gemeinsamen Herrn; er ist
auch der geradeste Weg zueinander. Erstreben wir das gemeinsame Zeugnis, wo
immer es geht. Je mehr wir es versuchen, um so mehr werden wir weitere mögliche
Schritte zur vollen Einheit entdecken; je mehr wir eins werden, um so bessere
Zeugen des Herrn können wir sein.
Liebe Schwestern und Brüder! Nicht weit von hier sind im Jahre 1518 Martin
Luther und Kardinal Cajetan zusammengetroffen. Was wäre geworden, wenn am Ende
ihrer Gespräche die erneuerte, vertiefte und verstärkte Einheit im Glauben
gestanden hätte? Um 1530 waren viele hier in Augsburg noch um Versöhnung und
Gemeinschaft bemüht. Welchen Weg hätte die Geschichte genommen welche
missionarischen Möglichkeiten hätten sich doch für die neuentdeckten Erdteile
ergeben, wenn damals die Überbrückung des Trennenden und die verständnisvolle
Klärung der Streitpunkte gelungen wären! Es ist nicht unsere Sache, über Wenn
und Aber zu spekulieren. Auch hierfür gilt wohl die Mahnung Jesu: ”Euch steht es
nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren“ (Mt 18, 6). Uns ist
aufgetragen, heute zu tun, was heute fällig ist, damit morgen geschehen kann,
was morgen; vonnöten ist. ”Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet
euer Herz nicht“ (Hebr 3, 7s.), sagt uns der Herr. Laßt uns sein Wort
und seinen Geist aufnahmen. ”Laß uns eins sein, Jesu Christi, wie du mit dem
Vater bist.“ Laß uns einmütig und ohne Unterlaß beten: ”Sende aus deinen Geist,
und alles wird neu geschaffen“: unser Zeugnis, unsere Kirche, unsere Welt! Das
schenke uns Gott in seiner Barmherzigkeit und Güte! Amen.
©
Copyright 1987 - Libreria Editrice Vaticana
|