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PASTORALBESUCH IN ÖSTERREICH

VESPER UND VIGIL AM FEST DES HL. JOHANNES DES TÄUFERS

PREDIGT VON JOHANNES PAUL II.

Stephansdom - Donnerstag, 23. Juni 1988

 

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

1. ”Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes. Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen“. 

Das Gedächtnis Johannes des Täufers, des Wegbereiters des Herrn, vereint uns am Vorabend seines Festes – am Beginn meines Pastoralbesuches – zum Gottesdienst in diesem herrlichen Stephansdom von Wien. Die Gestalt und Sendung dieses großen Gottesboten als Zeuge vom Licht, damit die Menschen glauben, laden uns ein zur Besinnung. In ihm wollen wir unseren Auftrag als Jünger Jesu Christi für die Wegbereitung des Herrn in unserem Leben und in der Welt von heute erkennen.

Von Herzen grüße ich euch, die ihr zu diesem Gottesdienst gekommen seid. Mein brüderlicher Gruß gilt der ganzen Erzdiözese Wien mit ihrem Erzbischof Hans-Hermann Groër, den ich in Kürze mit der Kardinalswürde auszeichnen darf, und dem verehrten Altersbischof Kardinal Franz König. Ich grüße den Herrn Bundespräsidenten, den Herrn Bundeskanzler und die anwesenden Mitglieder der Bundesregierung sowie alle Männer und Frauen, die in der Stadt Wien und im Land Niederösterreich oder für die ganze Nation in Kirche und Gesellschaft eine besondere Verantwortung tragen. Ebenso grüße ich auch alle jene, die in nah und fern durch Radio oder Fernsehen mit uns verbunden sind und an unserem Gebet teilnehmen.

2. ”Er (Johannes) kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht“. 

Der Prolog des Johannesevangeliums, in dem sich diese Worte der heutigen Lesung finden, lenkt unseren gläubigen Blick auf das Geheimnis des göttlichen Wortes, das ”im Anfang“ war.  ”Die Welt ist durch ihn geworden“,  denn das Wort ”war Gott“.  Wir begegnen hier dem Geheimnis der Schöpfung – dem Geheimnis Gottes, der erschafft. Das Wort ist das ewige Licht, wesensgleich mit dem Vater. Es ist der göttliche Sohn: der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. 

Dieses Licht schenkt sich an die Geschöpfe, die die Spuren der göttlichen Weisheit in sich tragen. In einer besonderen Weise aber schenkt es sich den Menschen. Damit führt uns der Prolog des Johannes vom erschaffenden Gott weiter zum Geheimnis der Menschwerdung. Denn das dem Vater wesengleiche Wort schenkt sich dem Menschen dadurch, daß es selbst ”Fleisch wird“.  Das Wort kommt, um das Licht der Menschen zu werden – um aus der Nähe, aus der innersten Mitte des Menschseins und der Menschheitsgeschichte jeden Menschen su ”erleuchten“, der in diese Welt kommt. Dies bewirkt das ewige Wort als Mensch, damit jeder Mensch im Menschsein Gottes Gott selber besser erkennen kann. Zugleich soll dadurch der Mensch auch sein eigenes Menschsein, das von Anfang an das Bild und Gleichnis Gottes in sich trägt, in der Tiefe verstehen.

3. Auf diese Weise veranschaulicht uns der Prolog des Johannesevangeliums das Geheimnis der Menschwerdung des göttlichen Wortes, den Gipfel und entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit und der Welt. Aber es fügt hinzu: ”Er (das Wort) war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“.  Mit diesen Worten faßt der Evangelist das Leben und Schicksal Jesu Christi, des von Gott in die Welt gesandten Messias und Erlösers, zusammen. Er selbst hat ihn ja mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört; mit seinen Händen hat er das göttliche Wort, das Fleisch geworden ist, berührt.

Gott kam als Mensch zu den Menschen – das menschgewordene Wort, durch das alles erschaffen ist –, aber seine Geschöpfe nahmen ihn nicht auf. ”Das Licht leuchtet in der Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht erfaßt“.  Die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht.

4. In diese zusammenfassende Darstellung der Geheimnisse Gottes in Jesus Christus wird sodann – schon im Prolog – ein Mann eingeführt, von dem es heißt: ”Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes. 

Er ist gesandt als Zeuge, um ”Zeugnis abzulegen für das Licht“;  und zwar nicht erst am Ende des Lebens und Wirkens Jesu, sondern gleich am Anfang; sofort als das göttliche Wort die Schwelle des ewigen Geheimnisses überschritten hat, als Christus in die Welt kam in der Nacht von Betlehem, als er aus dem Schoß der Jungfrau geboren wurde.

Und ebenso gleich am Anfang, als der inzwischen dreißigjährige Jesus von Nazaret am Jordan auftrat, um in Israel seine messianische Sendung zu beginnen.

Wer ist dieser Johannes? Schon im Prolog des vierten Evangeliums sehen wir ihn – wie auch bei den Synoptikern – am Jordan. Und wir hören sogar seine Stimme: ”Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war“. 

Johannes ist der Bote, der – gleichaltrig mit Christus – dessen Kommen vorbereitet. Er ragt aus dem ganzen Alten Bund heraus ähnlich wie die Propheten, die das Kommen des Messias vorhergekündigt haben, und ist zugleich ”der größte“ unter ihnen.

Der Prolog des vierten Evangeliums nennt ihn nicht einen Propheten, sondern sagt, daß ”er als Zeuge kam“.  Er ist der erste von denjenigen, die Christus zu seinen Zeugen beruft mit den Worten: ”Und auch ihr sollt Zeugnis ablegen, weil ihr von Anfang an bei mir seid“. 

Johannes der Täufer am Jordan ist der erste unter diesen Zeugen. Er ist Zeuge von jenem ”neuen Anfang“, der mit dem Geheimnis der Menschwerdung des göttlichen Wortes begonnen hat. Sein Zeugnis gehört noch zum großen Advent Israels und der ganzen Menschheit. Er ist gleichsam die ”Schwelle der Zeugnisse“ vom Alten zum Neuen Bund. Alle, die danach in Einheit mit dem Geist der Wahrheit, dem göttlichen Beistand,  von Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, Zeugnis geben – alle diese haben die ”Schwelle“ des Zeugnisses des Johannes am Jordan schon überschritten.

5. Während wir uns, liebe Brüder und Schwestern, heute – am Beginn meines Pastoralbesuches – hier im Stephansdom von Wien begegnen, wollen wir bei der großen Bedeutung dieses ”Zeugnisses“ ein wenig verweilen, das – angefangen von Johannes dem Täufer, über die Apostel – als Auftrag auf das ganze Volk Gottes übergegangen ist.

Das ”Zeugnis“ für Christus bestimmt das innerste Wesen unseres Christseins. Jünger Jesu Christi sein, heißt Zeuge sein! Der Herr sagt von sich selber vor Pilatus: ”Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit Zeugnis ablege“.  Dieselbe Sendung, die Christus vom Vater empfangen hat, überträgt er nach seiner Auferstehung auch den Aposteln: ”Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“.  Bei seiner Himmelfahrt erfolgt schließlich in ihnen die Aussendung der Kirche, um vor allen Völkern seine Frohe Botschaft zu bezeugen: ”Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!“. 

Das Zeugnis unzähliger Glaubensboten hat die Botschaft Christi durch die Jahrhunderte in alle Erdteile verbreitet. Große Anstrengungen sind noch heute erforderlich, damit sie wirklich zu allen Menschen gelangt. Gleichzeitig aber sind auch die Christen in den schon christlichen Ländern wie nie zuvor aufgerufen, alles zu tun, damit der Glaube und die Treue zu Christus bei ihnen selbst nicht wieder verkümmern, sondern zu neuem Leben erwachen. Unser ganzer – sogenannter christlicher – europäischer Kontinent bedarf heute einer Neu-Evangelisierung. Das II. Vatikanische Konzil hat darum alle Christen zu einem neuen und verstärkten Glaubenszeugnis aufgerufen. Nicht nur Bischöfe, Priester und Ordensleute, sondern ”jeder Laie muß vor der Welt Zeuge der Auferstehung und des Lebens Jesu, unseres Herrn, und Zeichen des lebendigen Gottes sein“.  Denselben Aufruf hat sich die letzte Bischofssynode über die Sendung und Aufgabe der Laien in der Welt von heute zu eigen gemacht. In ihrer Botschaft an das Volk Gottes heißt es: ”Wer Taufe, Firmung und Eucharistie empfängt, verpflichtet sich, Christus zu folgen und ihn mit dem ganzen Leben – auch in Arbeit und Beruf – zu bezeugen“.

6. Wie ich schon bei meinem ersten Pastoralbesuch von euren Bischöfen betont habe, leben wir in einer Zeit, ”da Gottes Antlitz vielen Menschen dunkel und unerkennbar geworden ist. Die Erfahrung der scheinbaren Abwesenheit Gottes lastet nicht nur auf den Fernstehenden, sie ist generell“.  Das Leitwort der kommenden Tage ”Ja zum Glauben – Ja zum Leben“ soll ein Aufruf an uns sein, uns dieser Not unserer Mitmenschen entschlossen zu stellen.

Die Christen dürfen sich nicht damit begnügen, die Abwesenheit oder Vergessenheit Gottes unter den Menschen nur zu beklagen. Sie müssen sofort mit der Wegbereitung Gottes neu beginnen; zuerst durch ihre eigene Bekehrung und ihren Dienst an den Mitmenschen, wie es der Prophet Jesaja fordert: ”Bahnt eine Straße, ebnet den Weg, entfernt die Hindernisse auf dem Weg meines Volkes!“.  Darum rufe ich euch heute zu: Räumt die Hindernisse aus, die dem Glauben an Gott in unseren Tagen entgegenstehen! Schafft Bedingungen, die den Glauben erleichtern! Sucht vom Vertrauen auf Gott her auch ein neues Vertrauen zueinander. Wo gegenseitiges Mißtrauen das Leben bestimmt, wird nicht nur der Zugang der Menschen zueinander erschwert. Zusehends geschieht Tieferes: Es verschwindet das Vertrauen zum Menschen überhaupt, zu seiner Fähigkeit und Bereitschaft für das Wahre und Gute. Die Transparenz der Welt auf die Wahrheit, auf den Grund allen Vertrauens hin, erlischt langsam. Eine vom Mißtrauen verdunkelte Welt versperrt die Wege zu Gott, lähmt den Schwung des Glaubens. Gebt im Mut zu Wahrheit und Vertrauen einander den Weg frei zu Gott, der will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.  Das alles ist nicht nur eine religiöse, sondern auch eine eminent gesellschaftliche Aufgabe der Christen. Das II. Vatikanische Konzil, das den spezifisch religiösen Charakter der Sendung der Kirche besonders unterstreicht, sagt darauf ebenso deutlich: ”Doch fließen aus eben dieser religiösen Sendung Auftrag, Licht und Kraft, um der menschlichen Gemeinschaft zu Aufbau und Festigung nach göttlichem Gesetz behilflich zu sein“, 

7. Der hl. Clemens Maria Hofbauer, der Patron dieser Stadt, kam, nachdem er schon in meiner Heimat segensreich gewirkt hatte, nach Wien und wurde hier zum Erneuerer des kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens. Gemeinsam mit seinen Mitbrüdern wirkte er in allen Bereichen der Seelsorge gegen die Gleichgültigkeit des Zeitalters der Aufklärung. Möge er euch helfen, euch in seinem Geist und mit dem gleichen Eifer für eine christliche Erneuerung in der Kirche und Gesellschaft von heute einzusetzen.

Ihr lebt in einem demokratischen Staat, der allen die tatkräftige Mitarbeit am Aufbau der Gesellschaft ermöglicht und sie von allen auch erwartet. Als Christen müßt ihr euch fragen, ob ihr darin den euch von Gott und seinem Evangelium aufgetragenen Beitrag leistet. Wie steht es um eine Gesellschaft, in der Alter oft wie eine Krankheit betrachtet, Kranke mitunter als Störenfriede angesehen, in welcher Ehen leichtfertig geschlossen und noch leichtfertiger geschieden, in der zehntausende Kinder jährlich getötet werden, bevor sie das Licht der Welt erblicken?

Über den Auftrag der Christen in der Gesellschaft sagt die letzte Bischofssynode in ihrer Botschaft an das Volk Gottes: ”Übereinstimmung von Glaube und Leben muß das Wirken der Gläubigen im öffentlichen Leben auszeichnen, in der Mitarbeit in den politischen und sozialen Institutionen wie im täglichen Leben. Nur so können sie in die weltlichen Strukturen und Tätigkeiten den Geist des Evangelium einbringen“. Sagen wir darum unser entschlossenes Ja zum Glauben – Ja zum Leben, auch angesichts eines Egoismus ohne Hoffnung, der das Leben erstickt. Sagen wir ja zum Glauben – ja zum Leben, aus der tiefen Überzeugung, daß wir eine Gemeinschaft von Menschen sind, ”die, in Christus geeint, vom heiligen Geist auf ihrer Pilgerschaft zum Reich des Vaters geleitet werden und eine Heilsbotschaft empfangen haben, die allen auszurichten ist“. 

8. In einer altkirchlichen Schrift, dem Diognetbrief, heißt es über die Rolle des Christen in der Gesellschaft: ”Die Christen sind Menschen wie die übrigen: sie unterscheiden sich von den anderen nicht nach Land, Sprache oder Gebräuchen... Sie heiraten wie alle anderen und zeugen Kinder, aber sie verstoßen nicht die Frucht ihres Leibes... Um es kurz zu sagen: Was die Seele im Leib ist, das sind die Christen in der Welt. Die Seele durchdringt alle Glieder des Leibes, die Christen alle Städte der Welt... Die Christen sind im Gewahrsam der Welt und halten doch die Welt zusammen...“. 

In der Welt, aber nicht von dieser Welt! Wie die Christen jener ersten Jahrhunderte müssen die Christen auch heute den Mut und das Gottesvertrauen haben, sich in ihrem Leben von ihrer Umwelt zu unterscheiden, nicht um diese zu verurteilen, sondern um sie durch ihr Lebenszeugnis mit dem Licht und der Wahrheit des Evangeliums zu durchdringen; so wie die Seele den Leib durchdringt und belebt, wie der Sauerteig alles durchsäuert.

Das Zeugnis der Christen erfolgt vor der ”Welt“, im Hinblick auf die verschiedenen Probleme der Welt, aber es bleibt letztlich ein Zeugnis für Christus, für das Licht, das in der Finsternis leuchtet, auf daß es die Menschen und die Welt immer heller erleuchtet. Das Ja der Christen zum Leben ist letztlich ein Ja zu Christus, der gerade dazu gekommen ist, daß ”wir das Leben haben und es in Fülle haben“.  Wie Johannes vom Licht Zeugnis ablegte, damit alle durch ihn zum Glauben kommen, so muß auch unser christliches Zeugnis in der Welt immer ein Zeugnis über die Erlösung sein, damit die Menschen in Christus ihr ewiges Heil finden. Heute wie damals gibt Gott allen, die sein göttliches Wort, seinen menschgewordenen Sohn aufnehmen, die Macht, Kinder Gottes zu werden. 

Heiliger Johannes der Täufer, Zeuge und Wegbereiter des Herrn, mache uns heute nach deinem Vorbild zu glaubwürdigen Zeugen für Christus und sein anbrechendes Reich in den Herzen der Menschen und in der Welt! -Amen.

 

© Copyright 1988 - Libreria Editrice Vaticana

 

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