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PASTORALBESUCH IN ÖSTERREICH
MARIANISCHE FEIER IN DER BASILIKA
VON WILTEN
PREDIGT VON JOHANNES
PAUL II.
Innsbruck - Montag, 27. Juni 1988
Liebe Brüder und Schwestern!
Die Kirche beendet in ihrem Stundengebet jeden Tag mit einem Gruß an die
Gottesmutter. So möchte ich nun auch meinen Pastoralbesuch in Österreich, gerade
in diesem Marianischen Jahr, mit einem Gruß an Maria in eurer Gebetsgemeinschaft
beschließen. Dazu haben wir uns vor dem ehrwürdigen Gnadenbild, ”Maria unter den
vier Säulen“ hier in Wilten versammelt. Die Verehrung der Gottesmutter steht
nicht am Rande unseres Glaubens, sondern gehört zum Herzen der
Erlösungsbotschaft.
In Maria leuchtet die Sonne des Heils auf, das uns in Christus geschenkt ist.
Betrachten wir nun gemeinsam den großen Reichtum dieses Heiles!
1. IN MARIA IST DAS WUNDER DER WUNDER GESCHEHEN, DIE MENSCHWERDUNG GOTTES
”Und das Wort ist Fleisch geworden, und hat unter uns gewohnt“. Diese
entscheidende Botschaft des christlichen Glaubens ist von Maria nicht zu trennen.
In ihr hat das Heil auf dieser Erde seinen Anfang genommen. Und so verweist
Maria auf den Sohn Gottes, der ihr Kind und unser Bruder wurde, in dem allein
unsere Hoffnung und unser Trost liegen.
Dieser Hinweis auf die Mitte des Glaubens, den uns Maria ständig gibt, ist stets
zeitgemäß. Immer mehr Menschen suchen wieder nach der Mitte ihres Daseins.
Dieses Suchen mag manchmal auf Irrwege geraten; aber es will ernstgenommen
werden. Viele fragen neu nach den Wahrheiten des Glaubens. Ja, gerade junge
Leute geben sich nicht zufrieden mit vordergründigen Auskünften. Vielmehr fragen
sie hartnäckig nach Gott, nach Christus und dem Geheimnis der Kirche. Und damit
fragen sie nach der Wahrheit ihres Lebens. Sprechen nicht gerade die Wallfahrten
immer mehr Menschen an? Wallfahrten sind aber ein Teil der Pilgerschaft des
Volkes Gottes. Sie sind eine betende Wanderung zur Mitte hin, zum Wesentlichen
unseres Lebens.
Bitten wir die Mutter Gottes, die uns in ihrem Sohn diese Heimat, diese Mitte
geschenkt hat, daß alle Glieder der Kirche von der Sehnsucht danach erfaßt
werden und wir uns nicht in Nebensächlichkeiten verlieren. Diesem Ziel müßten
alle unsere Einrichtungen, besonders jene der Katechese und der Bildung, dienen.
Bitten wir auch die Mutter Gottes, daß die Kirche in der weiten Welt wie in
Österreich und in Tirol die rechte Sprache im wahren Glauben finde, damit sie
die Menschen tiefer hineinzuführen vermag in die Fülle der christlichen
Botschaft von der Wahrheit, die frei macht. Marias letztes Wort im Evangelium
stellt ein Vermächtnis für uns dar: ”Was er euch sagt, das tut!“.
2. IN MARIA SEHEN WIR DIE MACHT DER GNADE
Die Jungfrau und Mutter von Nazaret ist jener Mensch, in dem sich der Himmel auf
die Erde neigt. Wie eine geöffnete Schale hat sich Maria der verschenkenden
Liebe des Allmächtigen dargeboten. Aber was Maria tut, das tut sie bereits aus
Gnade. Sie schenkt auch uns die Gewißheit, daß Gott uns liebt und beschenkt. Er
ist der Erste, und wir empfangen. Er spricht zuerst, und wir hören. Er ist das
Wort, und wir sind die Antwort. Darum sagt der Engel zu ihr: ”Du bist der Gnade“.
Diese wunderbare Erinnerung, ein wesentlicher Teil unseres Glaubens, hat ebenso
hohe Bedeutung für die Gegenwart.
Noch nie in seiner Geschichte hat der Mensch die Gestaltung der Erde so sehr in
die Hand nehmen können wie heute. Noch nie war seine Macht so groß und
erfolgreich. Noch nie aber war ihm die Versuchung so nahe, alles machen zu
wollen, was er kann, ohne zu fragen, ob wir es auch dürfen. Die uralte Stimme
des Verführers von Anbeginn ”Ihr werdet wie Gott“ ist keineswegs verstummt.
Doch gerade am Ende dieses Jahrhunderts ahnen wir, daß unsere Fähigkeit zu
großen Taten der Wissenschaft und Technik ebenso die Bereitschaft braucht, sich
von Gott beschenken zu lassen. Sonst wird unser Können wegführen vom Menschen,
ja ihn zerstören, weil wir unser Maß verlieren, das Urmaß, das wir nur in Gott,
dem Schöpfer finden können.
Bitten wir deshalb in dieser Stunde, daß wir dankbar die Gaben annehmen, die
Gott uns schenkt: das Vertrauen auf ihn, die geduldige Treue in Ehe und Familie,
die Tapferkeit, ein Kreuz zu tragen, die Bereitschaft, das Herz für andere
einzusetzen. Wie sehr ist doch dafür die Jungfrau Maria ein leuchtendes Vorbild!
Sie hat die Liebe Gottes angenommen, und so wurde ihr Leben fruchtbar für das
Heil der Welt.
Wer die Macht der schenkenden Gnade erfaßt hat, wird sich den Sinn für das Gebet
bewahren. Wer nichts annehmen will, wird meinen, das Gebet sei überflüssig. Bei
Maria, die schweigt, betet und alle Worte Gottes im Herzen erwägt, können wir
heutige Menschen in die Schule des Gebetes gehen; dann wird sich auch in unserem
Leben die Macht, die Größe und die Liebe Gottes entfalten.
3. MARIA LEHRT UNS DIE FREIHEIT UND WÜRDE DES DIENENS
”Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort“. In dieser
Antwort Marias ist wohl das Schönste gesagt, was ein Geschöpf zu seinem Schöpfer
sagen kann. Sie ist voll hellhöriger Liebe, die auf das eingeht, was der Herr
will. Sie steht in äußerstem Gegensatz zu jener stolzen Stimme des gefallenen
Engels, der sein rebellisches ”Ich will nicht dienen“ gegen Gott geschleudert
hat. Maria dagegen hat mit ihrer Antwort den Gläubigen aller Zeiten das Tor zur
wahren Freiheit und Würde geöffnet.
So viele Güter der Erde und des Lebens stehen uns zur Verfügung. Wirklich
notwendig ist uns aber eine Zivilisation der Liebe, eine neue Kultur
menschlicher Gemeinschaft. Sonst wird diese Welt nie wohnlich und menschenwürdig
werden.
Maria hat ihrem Kinde mit der Hilfe Josefs Wohnung und Schutz gegeben. Die ganze
Kirche kann sich darin am Haus von Nazaret orientieren. In ihm herrscht
Bereitschaft zum Dienen: Maria nannte sich eine ”Magd“, und ihr göttlicher Sohn
hat den Seinen die Füße gewaschen. ”Wer bei euch groß sein will, der soll euer
Diener sein“. Und Josef hat durch seine Arbeit das tägliche Brot für sich und
die anderen verschafft. In der Atmosphäre gegenseitiger Hilfe ist Jesus als Kind
aufgewachsen, und diesen Einsatz hat er fortgeführt bis zur letzten und größten
Hingabe in seinem Tod am Kreuz.
Der ganze Mensch wird gesund, wenn er den rechten Geist des Dienens entwickelt.
Er atmet die große innere Freiheit, die ein Zeichen seiner unauslöschlichen
Würde ist.
Maria hat ein verborgenes, bescheidenes Leben geführt. Damit sie gerade den
Menschen im Schatten, den Menschen ohne zählbaren Erfolg, den unauffälligen
Menschen ihre wahre Größe vorgezeichnet.
4. So schauen wir mit Dankbarkeit auf das liebliche Bild unserer Mutter, der
Jungfrau Maria. Wir wissen um die Macht ihren Fürsprache. Sie nimmt alles, was
uns bewegt und bedrückt, in ihre gütigen Hände und trägt es zu ihrem Sohn, so
wie sie bei seinem ersten Wunder zur Dolmetscherin kleiner und großer
menschlicher Sorgen wurde: ”Sie haben keinen Wein mehr“. So spricht sie zu ihm
auch heute, wenn uns der Mut, die Treue, die Hoffnung verloren gehen.
Nun muß ich mich von euch verabschieden, und ich bin dankbar, daß ich es
zunächst hier an diesem geheiligten Ort tun kann. Ich weiß eure Sorgen und
Anliegen und auch meine eigenen Bitten in den Händen der Gottesmutter gut
aufgehoben. So empfehlen wir uns alle ihrer Fürbitte und der machtvollen Gnade
ihres Sohnes Jesus Christus. Sein Name sei gelobt! Amen.
© Copyright 1988 - Libreria Editrice Vaticana
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