1. »Das Licht kam in die Welt« (Joh 3,19).
Gerade um dieses
Kommen zu feiern, ist das Große Jubiläum ausgerufen worden: Das ewige Wort,
»Gott von Gott, Licht vom Licht«, ist vor zweitausend Jahren in unsere
Geschichte getreten. Durch seine Geburt durch die Jungfrau Maria in unserem
sterblichen Fleisch hat es der Welt die Liebe des Vaters offenbart: »Gott
hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab« (Joh
3,16).
Das Licht der Liebe Gottes erschien in Betlehem in der »Fülle der
Zeit« und erstrahlte nach »unbegreiflichem Zweikampf« mit der Finsternis des
Sünde im Pascha der Auferstehung. Das in der Freude von Weihnachten
eröffnete Große Jubiläum hat in der Herrlichkeit von Ostern seinen
Höhepunkt. Im Osterglauben verkündet die Kirche der Welt, daß in Christus
der Mensch erlöst ist, geheilt von seiner tödlichen Krankheit.
In diesem
Glauben hat der Nachfolger Petri die Gläubigen gerufen, das Jubeljahr zu
feiern, damit im Namen Jesu Christi, der gekreuzigt wurde und auferstand,
jeder Mensch zum Heil gelangen könne (vgl. Apg 4,10). So ergeht die erste
Verkündigung der Apostel durch denselben Geist von Geschlecht zu Geschlecht,
um alle Nationen zu erreichen. [Der Papst setzte die auf italienisch
begonnene Predigt auf rumänisch fort:]
2. Das Evangelium Christi befruchtet
die Geschichte der Völker. Es ruft sie auf, sich dem Geheimnis des Reiches
Gottes zu öffnen durch den demütigen, aber notwendigen Dienst der heiligen
apostolischen Kirche, versammelt um den Bischof von Rom, Diener der Diener
Gottes, und die Bischöfe in Gemeinschaft mit ihm. Mit diesem Bewußtsein,
Brüder und Schwestern der geliebten rumänischen Nation, seid ihr heute hier
in der Vatikanbasilika zusammengekommen, um euer Jubiläum zu feiern. Gerne
entbiete ich euch allen meinen herzlichen Willkommensgruß.
Mit Zuneigung
grüße ich an erster Stelle die Bischöfe der griechisch-katholischen wie auch
der lateinischen Kirche. Mit besonderem Dank begrüße ich Msgr. Lucian
Muresan, Erzbischof von Fagaras und Alba Iulia und Präsident der Rumänischen
Bischofskonferenz. Ich grüße sodann die Priester, die Ordensmänner und
Ordensfrauen und die Laien, die zahlreich an dieser Nationalwallfahrt
teilnehmen. Mein herzliches Gedenken dehne ich auf alle Brüder und
Schwestern im Glauben aus, die sich aus Rumänien geistlich uns anschließen
in dieser wichtigen, gewissermaßen historischen Feier. [Er sagte wieder auf
italienisch:]
3. Es sind nunmehr drei Jahrhunderte seit der Synode der
rumänischen Kirche von Transsilvanien vergangen, die am 7. Mai 1700 in Alba Iulia den einige Jahre zuvor begonnenen
Weg auf die Union mit dem Stuhl
Petri hin abschloß. Dieser Akt entsprach dem Willen der Bischöfe, Priester
und Gläubigen, die damit die Gemeinschaft mit Rom wiederhergestellt sahen
bei gleichzeitigem Beibehalten und Bewahren des orientalischen Ritus, des
Kalenders, der liturgischen Sprache der Rumänen und ihrer Bräuche und
Traditionen. Mit diesem Ereignis gab man die von der Zeit her zugelassene
Antwort auf die im Herzen vieler aufrechter Jünger Christi wohnende
unerfüllte Sehnsucht nach Einheit.
Von Herzen danken wir heute dem
allmächtigen Gott für alle die in diesen dreihundert Jahren der Gemeinschaft
erwiesenen Wohltaten. Zugleich bitten wir ihn um eine gelassene und
glückliche Zukunft im Namen des Herrn Jesus Christus.
Um seine großen Werke
zu vollbringen, braucht Gott Menschen, die er mit Sorgfalt auswählt und
seinem Volk schenkt. Wie sollte man hier nicht der wohlverdienten Hirten
eurer Kirche, der Bischöfe Atanasie Anghel, Inocentiu Micu-Klein und Petru
Aron, gedenken. Vermochte die Union durch ihr Wirken nicht nur zahlreiche
Schwierigkeiten zu überstehen, sondern fruchtbare Werke an Gutem für die
ganze Bevölkerung hervorzubringen? Ich beschränke mich lediglich darauf, das
Wiedererwachen des Ordenslebens, die Entwicklung der Schulen, das Interesse
für die Lebensbedingungen und bürgerlichen Rechte der Menschen sowie einen
wertvollen Beitrag zur rumänischen Kultur und selbst zur Wissenschaft zu
nennen. Der bekannte Schriftsteller Ion Eliade Radulescu konnte zu Recht
sagen: Aus Blaj »ist die Sonne der Rumänen aufgegangen«.
4. Die rumänische
griechisch-katholische Kirche hat in treuer Nachfolge ihres Bräutigams
Christus die Erfahrung des Leidens und des Kreuzes gemacht, vor allem
während des letzten Jahrhunderts, als das grausame atheistische Regime ihre
Aufhebung beschloß. Man versuchte, den Menschen auf den Boden
herabzudrücken, ihn vergessen zu machen, daß es den Himmel gibt und eine
Liebe, die größer ist als alle menschliche Erbärmlichkeit. Gott sei Dank
konnte sich dieser Plan nicht endgültig durchsetzen. Christus ist
auferstanden – und mit ihm alle christlichen Gemeinschaften in Rumänien.
Bei
meinem unvergeßlichen Besuch in eurem Land, der genau in diesen Tagen vor
einem Jahr stattfand, habe ich in Bukarest an den Gräbern der Märtyrer des
Glaubens auf dem katholischen Friedhof Belu gebetet. Damit habe ich dem
ungeheuren Opfer der vielen Bischöfe, Priester und Gläubigen Ehre erwiesen,
die das Martyrium auf sich nahmen als höchste Bestätigung ihrer Treue zu
Christus und zu den Nachfolgern Petri. [… und erneut auf rumänisch:]
Heute, da
wir das Jubiläum der Union feiern, möchte ich noch einmal Dankbarkeit und
Anerkennung für ihr Zeugnis zum Ausdruck bringen . Ein Wort des Dankes gilt
insbesondere dem geschätzten Kardinal Alexandru Todea, der trotz Kerker und
Isolierung unverzagt blieb in der Erfüllung seiner Hirtenpflichten und der
die griechisch- katholische Kirche in die neue, mit dem Anbruch der
demokratischen Freiheit entstandene Wirklichkeit geführt hat.
Bewahrt, meine
Lieben, die Erinnerung an das Martyrium in eurem Herzen lebendig, und gebt
sie an die kommenden Generationen weiter, damit sie fortgesetzt Inspiration
zu allzeit hochherzigem, echtem christlichen Zeugnis gebe. Das Martyrium ist
vor allem eine einschneidende geistliche Erfahrung: Es entspringt einem
Herzen, das den Herrn als höchste Wahrheit und größtes und unverzichtbares
Gut liebt. Möge dieser Schatz eurer Kirche auch in der wiedergewonnenen
Freiheit reichliche Früchte bringen.
5. Einen Gruß voll besonderer Zuneigung
will ich nun auch an die Gläubigen der lateinischen Kirche richten. Auch sie
konnten, nachdem sie lange die Unterdrückung ihrer Freiheit erfahren hatten,
ihre pastoralen Strukturen wieder festigen und erweitern: Das Ordensleben
ist neu aufgeblüht; die Katechese wurde entschlossen wiederaufgenommen; die
Werke der Nächstenliebe, oft gemeinsam und mit der Hilfe der Katholiken
anderer Länder projektiert, leisten einen bedeutsamen Beitrag zum
Wiederaufbau der Nation und öffnen für eine Zusammenarbeit, welche im Namen
der Solidarität in Christus die Horizonte weitet. [Er sagte wieder auf
italienisch:]
Haltet fest, liebe Brüder und Schwestern, an der vorrangigen
Pflicht, den Herrn Jesus bekannt zu machen und die Begegnung mit ihm
Wirklichkeit werden zu zu lassen. Damit möge er die verwundeten Herzen
heilen, aufrechte und um das Gemeinwohl besorgte Gewissen schaffen,
Hoffnungen erschließen, die nicht auf der Vergänglichkeit des Konsums und
der Suche nach materiellem Wohlstand um jeden Preis, sondern auf den wahren
Werten gründen, die allein eine sichere und glückliche Zukunft verschaffen
können, da ihre Grundlage das Wort ist, das nie enttäuscht.
6. Meine lieben
katholischen Gläubigen Rumäniens, ihr könnt stolz sein auf die wichtige
Rolle, die ihr in der Geschichte eurer Nation innehattet und die ihr
weiterhin mit Begeisterung wahrnehmen sollt, indem ihr euch eure reichen
Traditionen zunutze macht. So werdet ihr zur Förderung des Wachstums der
gesamten Gesellschaft beitragen.
Damit das auf schnellere und einschneidendere Weise vollbracht werden kann, ist es allerdings unerläßlich,
vollends die Einheit unter den Jüngern Christi wiederherzustellen. Die
Einheit der Kirche ist ein Geschenk des Vaters, des Sohnes und des Heiligen
Geistes, um das wir unablässig bitten müssen. Sie ist auch eine jedem von
uns aufgetragene Verpflichtung, ein Weg, den wir niemals müde werden dürfen,
beharrlich weiterzugehen, auch wenn gewisse Schwierigkeiten uns manchmal zu
entmutigen drohen.
Den Blick fest auf Jesus, den Urheber und Vollender des
Glaubens (vgl. Hebr 12,2), gerichtet, vertieft ihr euren Einsatz für die
Einheit immer mehr und laßt nie ab, darauf hinzuwirken, daß diese eines
nicht allzu fernen Tages zur tröstlichen Wirklichkeit für alle werden kann.
7. »Wer […] die Wahrheit tut, kommt zum Licht«
(Joh 3,21).
In dieser Feier beten wir, daß die gesamte Gemeinschaft der
Katholiken in Rumänien, die griechisch- katholische, die lateinische und die
armenische, sich, »von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten« (Eph
4,15) möge, um auf ihrem Antlitz ganz das Licht Christi widerzustrahlen und
somit ihrerseits Licht für die Völker zu sein, zu denen sie gesandt ist.
Bischöfe, Priester, Ordensleute, Familien, junge Menschen:
Wachst in allem auf Christus hin, durch den der ganze Leib Kraft empfängt,
um in Liebe aufgebaut zu werden (vgl. Eph 4,16)!
In alten Quellen wird eure Heimat »Garten der Jungfrau Maria«
genannt. Dieses schöne Bild läßt an die fürsorgliche Liebe denken, mit der
die Muttergottes sich ihrer Kinder annimmt. Sie, die mit ihrer Gegenwart und
ihrem Gebet die erste Christengemeinde stützte, lenke mit ihrem Beistand das
Leben der griechisch-katholischen wie der lateinischen Kirche in ihren
Gliedern, damit sie – auch dank des Jubiläumsjahres – ohne Flecken und
Falten zur Verherrlichung Gottes erstrahlen. Amen.
Copyright 2000 © Libreria Editrice Vaticana