1. »Ihr aber, für wen haltet ihr mich?« (Mt 16,15)
Diese Frage
nach seiner Identität richtet Jesus an die Jünger, als er sich mit ihnen im
oberen Galiläa aufhält. Mehrere Male waren es die Jünger, die ihm Fragen
stellten: nun ist er es, der sie befragt. Seine Frage ist unmißverständlich und
verlangt eine Antwort. Simon Petrus ergreift für alle das Wort: »Du bist der
Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!« (Mt 16,16)
Diese Antwort ist von
außergewöhnlicher Klarheit. In ihr spiegelt sich in vollkommener Weise der
Glaube der Kirche wider. Vor allem spiegelt sich in den Worten des Petrus der
Bischof von Rom wider, der nach göttlichem Willen sein unwürdiger Nachfolger ist.
Und um ihn herum und mit ihm spiegelt ihr euch in diesen Worten wider, liebe Metropolitanerzbischöfe, die ihr aus vielen Teilen der Welt hier
zusammengekommen seid, um am Hochfest der hll. Petrus und Paulus das Pallium zu
empfangen.
Einem jeden von euch entbiete ich meinen herzlichen Gruß. Diesen Gruß
weite ich gerne auf all jene aus, die euch nach Rom begleitet haben, sowie auf
eure Gemeinden, die bei diesem feierlichen Anlaß in geistlicher Weise mit uns
verbunden sind.
2. »Du bist der Messias!« Auf das
Bekenntnis des Petrus gibt Jesus zur Antwort: »Selig bist du, Simon Barjona;
denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im
Himmel« (Mt 16,17).
Selig bist du, Petrus! Selig, denn diese Wahrheit, die die
Mitte des Glaubens der Kirche darstellt, konnte deinem menschlichen
Erfassungsvermögen allein durch das Wirken Gottes entspringen. »Niemand«, so
sagte Jesus, »kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater nur der
Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will« (Mt 11,27).
Wir denken über diese
einzigartig inhaltsreiche Stelle aus dem Evangelium nach: das menschgewordene
Wort hatte seinen Jüngern den Vater offenbart. Nun ist der Augenblick gekommen,
in dem der Vater selbst ihnen seinen eingeborenen Sohn offenbart. Petrus nimmt
diese innere Erleuchtung an und bekennt mutig: »Du bist der Messias, der Sohn
des lebendigen Gottes!«
Diese Worte aus dem Munde des Petrus entstammen dem
Wesensinneren des göttlichen Mysteriums. Sie enthüllen die innerste Wahrheit,
das Leben Gottes selbst. Und Petrus wird durch das Wirken des Geistes Gottes zum
Zeugen und Bekenner dieser den Menschen übersteigenden Wahrheit. Sein Bekenntnis
des Glaubens bildet somit das feste Fundament des Glaubens der Kirche: »Du bist
Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen…« (Mt 16,18). Die
Kirche Christi wurde auf dem Glauben und der Treue des Petrus errichtet.
Dessen
war sich die erste christliche Gemeinde sehr wohl bewußt, die – wie in der
Apostelgeschichte berichtet wird – inständig für Petrus zu Gott betete, als er
im Gefängnis festgehalten wurde (Apg 12,5). Dieses Gebet wurde erhört, denn die
Gegenwart des Petrus war für die im Entstehen begriffene Gemeinde noch
unerläßlich: der Herr schickte seinen Engel, um ihn aus den Händen der Verfolger
zu befreien (vgl. ebd., 12,7–11). Es war Gottes Plan, daß Petrus, nachdem
er über lange Zeit seine Brüder im Glauben gestärkt hatte, hier in Rom das
Martyrium erleiden sollte, gemeinsam mit Paulus, dem Völkerapostel, der ebenso
mehrere Male dem Tod entronnen war.
3. »Aber der
Herr stand mir zur Seite und gab mir Kraft, damit durch mich die Verkündigung
vollendet wird und alle Heiden sie hören« (2 Tim 4,17). Dies sind die Worte des
Paulus an den treuen Jünger Timotheus, die wir in der zweiten Lesung gehört
haben. Sie legen Zeugnis ab von dem Werk, das der Herr in ihm vollbracht hat. Er
hatte Paulus zum Diener des Evangeliums erwählt, indem er ihn auf dem Weg nach
Damaskus »ergriffen« hat.
Von gleißendem Licht umstrahlt, zeigte der Herr sich
ihm und sprach: »Saul, Saul, warum verfolgst du mich? (Apg 9,4), während ihn
eine geheimnisvolle Kraft zu Boden warf (vgl. Apg 9,5). »Wer bist du, Herr?«,
hatte Paulus gefragt. »Ich bin Jesus, den du verfolgst« (Apg 9,5). Dies war die
Antwort Christi. Saulus verfolgte die Anhänger Jesu, und Jesus teilte ihm mit,
daß Er selbst in ihnen verfolgt wurde. Er, Jesus von Nazaret, der Gekreuzigte,
von dem die Christen behaupteten, er sei auferstanden. Wenn Saulus nun es
offenkundig, daß Gott ihn wahrhaftig von den Toten auferweckt hatte. Er war der
Messias, den Israel erwartete, er war der Christus, der in seiner Kirche und in
der Welt lebt und gegenwärtig ist!
Hätte Saulus mit seiner bloßen
Verstandeskraft all das erfassen können, was ein derartiges Ereignis mit sich
bringen würde? Mit Sicherheit nicht! Er war nämlich ein Teil des geheimnisvollen
Planes Gottes. Der Vater wird Paulus die Gnade verleihen, das Geheimnis der
Erlösung zu erkennen, die in Christus gewirkt wurde. Gott wird es ihm
ermöglichen, die wunderbare Wirklichkeit der Kirche zu verstehen, die für
Christus, mit Christus und in Christus lebt. Und er, der dieser Wahrheit
teilhaftig wurde, wird sie unablässig und unermüdlich bis an die Enden der Erde
verkünden.
Von Damaskus aus wird Paulus seinen apostolischen Weg aufnehmen, der
ihn das Evangelium in so weiten Teilen der damals bekannten Welt verbreiten
lassen wird. Sein missionarischer Eifer wird somit zur Verwirklichung des
Auftrages beitragen, den Christus seinen Aposteln gegeben hatte: »Darum geht zu
allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern…« (Mt 28,19).
4. Liebe
Brüder im Bischofsamt, die ihr hierhergekommen seid, um das Pallium
entgegenzunehmen: eure Anwesenheit unterstreicht auf beredte Weise die
universale Dimension der Kirche, die auf die Weisung des Herrn zurückgeht: »Darum
geht …und macht alle Menschen zu meinen Jüngern …« (Mt 28,19).
In der Tat kommt
ihr aus fünfzehn Ländern, verteilt auf vier Kontinente. Ihr seid vom Herrn dazu
berufen, als Oberhirten von Metropolitansitzen tätig zu sein.
Liebe Brüder, jedesmal wenn ihr euch diese Pallien umlegt, seid dessen eingedenk, daß wir als
Hirten dazu berufen sind, die Reinheit des Evangeliums und die Einheit der
Kirche Christi zu bewahren, die auf dem »Felsen« des Glaubens Petri gegründet
ist. Hierzu beruft uns der Herr. Hierin besteht unsere unabdingbare Sendung als
fürsorgende Führer der Herde, die der Herr uns anvertraut hat.
5. Die volle
Einheit der Kirche! Diesen Auftrag Christi höre ich in mir widerhallen. Ein
Auftrag, der jetzt zu Beginn des neuen Jahrtausends besonders dringlich ist.
Hierfür beten wir, und hierauf wirken wir hin, ohne je in der Hoffnung
nachzulassen.
Mit diesen Empfindungen umarme und grüße ich die Delegation des
Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel, die hierhergekommen ist, um mit
uns das liturgische Gedenken der hll. Petrus und Paulus zu feiern. Danke,
verehrte Brüder, für eure Anwesenheit und für eure herzliche Teilnahme an dieser
festlichen Liturgiefeier. Gott möge uns gewähren, daß wir möglichst bald zur
vollen Einheit aller an Christus Glaubenden gelangen.
Dieses Geschenk mögen uns
die hll. Apostel Petrus und Paulus erwirken, derer die Kirche von Rom am
heutigen Tag gedenkt. Am heutigen Tag wird das Gedächtnis ihres Martyriums und
somit ihrer Geburt in das Leben in Gott begangen. Um des Evangeliums willen
nahmen sie Leid und Tod an und wurden so der Auferstehung des Herrn teilhaftig.
Ihr Glaube, der durch das Martyrium bekräftigt wurde, kommt dem Glauben Mariens
gleich, der Mutter der Gläubigen, der Apostel, der heiligen Männer und Frauen
aller Jahrhunderte.
Heute bekennt die Kirche von neuem ihren Glauben. Es ist
unser Glaube, der unabänderliche Glaube der Kirche an Jesus, den
einzigen Heiland der Welt: an Christus, den Sohn des lebendigen Gottes, der für
uns und alle Menschen gestorben und auferstanden ist.