1. Im Kontext des Jubiläumsjahres nehme ich mit tiefer
Freude die Seligsprechung von zwei Päpsten, Pius IX. und Johannes XXIII., und
von drei weiteren Dienern des Evangeliums im Priesteramt und im geweihten Leben
vor: der Erzbischof von Genua, Tommaso Reggio, der Diözesanpriester
Guillaume-Joseph Chaminade und der Benediktinermönch Columba Marmion.
Fünf unterschiedliche Persönlichkeiten, jede mit ihren
besonderen Eigenschaften und ihrer eigenen Sendung und doch alle in ihrem
Streben nach Heiligkeit vereint. Denn es ist eben ihre Heiligkeit, die wir heute
anerkennen: Diese Heiligkeit ist eine tiefe Beziehung zu Gott, die uns verändert.
Sie wird im täglichen Bemühen, seinem Willen zu entsprechen, aufgebaut und
gelebt. Die Heiligkeit lebt in der Geschichte, und kein Heiliger ist den
Beschränkungen und Einflüssen unserer Menschlichkeit entzogen. Mit der
Seligsprechung einer ihrer Kinder möchte die Kirche nicht deren besondere
historische Entscheidungen rühmen, sondern sie wegen ihrer Tugenden
zur Nachahmung und Verehrung herausstellen, zum Lobe der göttlichen Gnade, die
in ihnen erstrahlt.
Meinen ehrerbietigen Gruß richte ich an die offiziellen
Delegationen von Italien, Frankreich, Irland, Belgien, Bulgarien und der Türkei,
die sich zu diesem feierlichen Anlaß hier eingefunden haben. Ich begrüße auch
die Verwandten der neuen Seligen, zusammen mit den Kardinälen, den Bischöfen und
den Persönlichkeiten des bürgerlichen und religiösen Lebens, die an dieser Feier
teilnehmen. Schließlich begrüße ich euch alle, liebe Brüder und Schwestern, die
ihr so zahlreich zusammengekommen seid, um diesen Dienern Gottes, die die Kirche
heute in das Buch der Seligen einträgt, die Ehre zu erweisen.
2. Als wir die Worte des Hallelujarufs vor dem Evangelium: »Herr,
… leite mich auf ebner Bahn…« (Ps 27,11) hörten, gingen die Gedanken
unmittelbar zur menschlichen und religiösen Lebensgeschichte von Papst Pius IX.,
Giovanni Maria Mastai Ferretti, zurück. Inmitten der turbulenten Ereignisse
seiner Zeit war er ein Vorbild für das bedingungslose Festhalten am
unveränderlichen Erbe der offenbarten Glaubenswahrheiten. Er blieb in jeder
Situation den Verpflichtungen seines Amtes treu und wußte Gott und den
spirituellen Werten immer den absoluten Primat einzuräumen. Sein
außerordentlich langes Pontifikat war alles andere als einfach, und er hatte bei
der Erfüllung seiner Sendung im Dienst des Evangeliums nicht wenig zu leiden. Er
wurde von vielen geliebt, von anderen aber wurde er gehaßt und verleumdet.
Doch gerade inmitten dieser Gegensätze vermochte das Licht
seiner Tugenden am hellsten zu erstrahlen: Die langanhaltenden Sorgen
stärkten sein Vertrauen in die göttliche Vorsehung, und er zweifelte nie daran,
daß sie die menschlichen Geschicke leite. Daraus ergab sich die tiefe
Gelassenheit von Pius IX. – trotz allen Unverständnisses und aller Angriffe
seitens feindlich gesinnter Personen. Denen, die ihm nahestanden, pflegte er zu
sagen: »In den menschlichen Dingen muß man sich damit begnügen, das Bestmögliche
zu tun, und ansonsten muß man sich der Vorsehung überlassen, die die Mängel und
Unzulänglichkeiten des Menschen ausgleicht.«
Von dieser inneren Überzeugung getragen, berief er das I.
Vatikanische Konzil ein, das mit lehramtlicher Autorität einige damals
umstrittene Fragen klarstellte und die »Harmonie« von Glauben und Vernunft
bestätigte. In Zeiten der Prüfung fand Pius IX. Unterstützung bei Maria, die er
sehr verehrte. Durch die Verkündung des Dogmas von der Unbefleckten
Empfängnis erinnerte er alle daran, daß in den Wechselfällen des
menschlichen Daseins in Maria das Licht Christi leuchtet, der stärker ist als
Sünde und Tod.
3. »Herr, du bist gütig und bereit, zu verzeihen« (Eröffnungsvers
22. Sonntag im Jahreskreis). Heute schauen wir in der Herrlichkeit des Herrn
auch einen weiteren Papst, Johannes XXIII.: Er beeindruckte die Welt mit
seiner Liebenswürdigkeit, die seine einzigartige Seelengüte erkennen ließ. Im
göttlichen Heilsplan war es so vorgesehen, daß zwei Päpste, die unter recht
unterschiedlichen geschichtlichen Gegebenheiten lebten, in der Seligsprechung
vereint würden; jenseits aller Äußerlichkeiten aber waren sie auf menschlicher
und spiritueller Ebene durch nicht wenige Gemeinsamkeiten verbunden. Wohlbekannt
ist die tiefe Verehrung, die Papst Johannes XXIII. für Pius IX. hegte,
dessen Seligsprechung er selbst schon gewünscht hatte. Während einer Zeit
geistlicher Einkehr im Jahr 1959 schrieb er in sein Tagebuch: »Ich denke oft an
Pius IX. heiligen und ruhmreichen Angedenkens, und möchte in der Nachahmung
seines opfervollen Lebens würdig werden, seine Heiligsprechung noch zu feiern« (Giornale
dell’Anima – Geistliches Tagebuch, Freiburg, 11. Aufl. 1964, S. 322).
Von Papst Johannes ist allen Menschen das Bild eines lächelnden
Gesichts und von zwei ausgebreiteten Armen zur Umarmung der ganzen Welt in
Erinnerung geblieben. Wie viele Leute wurden von der Einfachheit seines
Gemüts ergriffen, die begleitet wurde von einer umfassenden Erfahrung mit
Menschen und Dingen! Der von ihm gebrachte »frische Wind« betraf sicherlich
nicht die Lehre selbst, sondern eher die Art und Weise, sie darzulegen; neu war
der Stil im Sprechen und Handeln, neu auch sein sympathisches Wesen, mit der er
den gewöhnlichen Menschen und den Mächtigen der Erde begegnete. In diesem Geist
berief er das II. Vatikanische Konzil ein, mit dem er eine neue Seite in
der Kirchengeschichte aufschlug: Die Christen fühlten sich aufgerufen, das
Evangelium mit neuem Mut und mit noch wachsamerer Aufmerksamkeit gegenüber den »Zeichen«
der Zeit zu verkünden. Das Konzil war in der Tat eine prophetische Eingebung
dieses betagten Papstes, der – trotz mancher Schwierigkeiten – ein Zeitalter der
Hoffnung für die Christen und die Menschheit eröffnete.
In den letzten Augenblicken seines irdischen Daseins vertraute
er der Kirche sein Testament an: »Was im Leben am meisten gilt: Jesus Christus,
seine heilige Kirche, sein Evangelium … die Wahrheit und die Güte« (O. R. dt.,
1.9.2000). Dieses Testament möchten auch wir heute erwähnen, während wir den
Herrn dafür preisen, daß er ihn uns zum Hirten gab.
4. »Hört das Wort nicht nur an, sondern handelt danach« (Jak
1,22). An diese Worte des Apostels Jakobus läßt uns das Leben und Apostolat des
Priesters und Journalisten Tommaso Reggio denken, der später Bischof von
Ventimiglia und schließlich Erzbischof von Genua wurde. Er war ein Mann des
Glaubens und der Kultur und vermochte – als Hirte – sich zu einem in jeder
Situation aufmerksamen Leiter der Gläubigen zu machen. Er war aufgeschlossen
gegenüber dem vielfältigen Leid und der Armut seines Volkes und kam in jeder
Notlage prompt zu Hilfe. Vor diesem Hintergrund gründete er die
Ordenskongregation der »Suore di Santa Marta« und übertrug ihr den
Auftrag, den Hirten der Kirche zu helfen – vor allem im karitativen und
erzieherischen Bereich.
Seine Botschaft läßt sich in zwei Worten zusammenfassen:
Wahrheit und Nächstenliebe. In erster Linie die Wahrheit, die ein
aufmerksames Hören des Wortes Gottes und mutiges Engagement bei der Verteidigung
und Verbreitung der Lehren des Evangeliums bedeutet. Dann die Liebe, die
den Menschen dazu drängt, Gott zu lieben und sich – aus Liebe zu ihm – aller
Menschen anzunehmen, weil sie Brüder in Christus sind. Wenn Tommaso Reggio je in
seinen Entscheidungen eine Gruppe bevorzugte, dann waren es jene Menschen, die
unter widrigen Umständen und im Leid lebten. Deshalb wird er heute nicht nur den
Mitgliedern seiner geistigen Familie, sondern auch den Bischöfen, Priestern und
Laien als Vorbild vorgestellt. [Johannes Paul II. fuhr auf französisch fort:]
5. Die während des Jubiläumsjahres vorgenommene Seligsprechung
von Guillaume-Joseph Chaminade, dem Gründer der Marianisten, erinnert die
Gläubigen an ihre Aufgabe, ständig nach neuen Formen zu suchen, Zeugen des
Glaubens zu sein, besonders um jene Mitmenschen zu erreichen, die der Kirche
fernstehen und die nicht über die notwendigen Mittel verfügen, um Christus
kennenzulernen. Guillaume-Joseph Chaminade lädt jeden Christen dazu ein, sich
in der eigenen Taufe zu verankern, die ihn dem Herrn Jesus gleichförmig
macht und ihm den Heiligen Geist vermittelt.
Die Liebe von P. Chaminade zu Christus, die in die Spiritualität
der französischen Schule einzureihen ist, hat ihn dazu bewegt, durch die
Gründung von Ordenskongregationen in einer unruhigen Epoche der Geschichte der
Religion in Frankreich sein Werk unermüdlich fortzusetzen. Seine kindliche
Zuneigung zu Maria bewahrte ihm in allen Situationen seinen inneren Frieden
und half ihm so, den Willen Christi zu tun. Seine Sorge um die menschliche,
sittliche und religiöse Erziehung ist für die ganze Kirche ein Aufruf zu
erneuerter Aufmerksamkeit gegenüber der Jugend, die sowohl Lehrer als auch
Zeugen braucht, um sich dem Herrn zuzuwenden und ihren Anteil an der Sendung der
Kirche zu übernehmen.
6. Heute freut sich der Benediktinerorden über die
Seligsprechung eines ihrer berühmtesten Söhne, Dom Columba Marmion, Mönch
und Abt von Maredsous. Dom Marmion hat uns einen wahren Schatz an geistlichen
Lehren für die Kirche unserer Zeit hinterlassen. In seinen Schriften lehrt er
einen Weg der Heiligkeit, schlicht und dennoch anspruchsvoll, für alle
Gläubigen, die Gott aus Liebe dazu bestimmt hat, seine Adoptivkinder durch
Christus Jesus zu werden (vgl. Eph 1,5). Jesus Christus, unser Erlöser
und Quelle aller Gnade, ist der Mittelpunkt unseres spirituellen Lebens und
unser Vorbild der Heiligkeit. [Der Papst sagte dann auf englisch:]
Bevor er in den Benediktinerorden eintrat, verbrachte Columba
Marmion einige Jahre in der Seelsorge als Priester seiner Heimatdiözese
Dublin. Sein ganzes Leben lang war der sel. Columba ein einzigartiger
spiritueller Leiter, dessen besonderes Augenmerk dem geistigen Leben von
Priestern und Ordensleuten galt. Einem jungen Mann, der sich auf die
Priesterweihe vorbereitete, schrieb er einmal: »Die beste aller Vorbereitungen
auf das Priestertum besteht darin, jeden Tag aus Liebe zu leben, wo immer uns
Gehorsam und Vorsehung auch hinstellen« (vgl. Brief vom 27. Dezember
1915). Möge eine breitangelegte Neuentdeckung der spirituellen Schriften des sel.
Columba Marmion den Priestern, Ordensleuten und Laien helfen, in Einheit mit
Christus zu wachsen und treu Zeugnis für ihn zu geben durch eine tiefempfundene
Liebe zu Gott und einen hochherzigen Dienst für die Brüder und Schwestern. [Der
Heilige Vater schloß auf italienisch:]
7. Vertrauensvoll bitten wir die neuen Seligen Pius IX.,
Johannes XXIII., Tommaso Reggio, Guillaume- Joseph Chaminade und Columba Marmion,
sie mögen uns dabei helfen, immer mehr im Geist Christi zu leben. Ihre Liebe zu
Gott und zu den Brüdern sei Licht auf unseren Wegen zu Beginn des Dritten
Jahrtausends!
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