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HEILIGE MESSE AM HOCHFEST DER GOTTESMUTTER MARIA 
-  XXXIV. WELTFRIEDENSTAG

PREDIGT VON JOHANNES PAUL  II.

1. Januar 2001

1. »So eilten [die Hirten] hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag« (Lk 2,16). 

Heute, in der Weihnachtsoktav, fordert uns die Liturgie mit diesen Worten auf, mit neuem und entschlossenem Eifer nach Betlehem zu ziehen, um das göttliche Kind anzubeten, das für uns geboren wurde. Sie lädt uns ein, den Schritten der Hirten zu folgen, die sich in die Grotte begeben und in jenem kleinen Menschenwesen, »geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt« (Gal 4,4), den Allmächtigen erkennen, der zu einem von uns geworden ist. Neben ihm sind Josef und Maria stille Zeugen des Weihnachtswunders. Das ist das Geheimnis, das auch wir heute staunend betrachten: Der Herr ist für uns zur Welt gekommen. Maria hat »den König geboren, der in Ewigkeit herrscht über Himmel und Erde« (vgl. Sedulius). 

Verzückt stehen wir vor der Szene, die der Evangelist uns erzählt. Halten wir nun ein wenig inne, um die Hirten zu betrachten. Sie bringen auf einfache und freudvolle Weise das menschliche Suchen zum Ausdruck und stellen – insbesondere im Rahmen des Großen Jubiläumsjahres – die inneren Voraussetzungen zur Begegnung mit Jesus heraus. 

Die entwaffnende Zartheit des Kindes, die überraschende Armut, in der es sich befindet, die demütige Bescheidenheit von Maria und Josef verwandeln das Leben der Hirten: Sie werden somit zu Heilsboten, zu Evangelisten ante litteram. Der hl. Lukas schreibt: »Die Hirten kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn für das, was sie gehört und gesehen hatten; denn alles war so gewesen, wie es ihnen gesagt worden war« (Lk 2,20). Sie verließen das Kind voll Freude und bereichert von einem Ereignis, das ihre Existenz verändert hatte. In ihren Worten hallt eine innere Freude wider, die zum Lied wird: »Sie kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn.« 

2. Auch wir haben uns in diesem Jubiläumsjahr auf den Weg gemacht, um Christus, dem Erlöser des Menschen, zu begegnen. Beim Gang durch die Heilige Pforte haben wir seine geheimnisvolle Gegenwart gespürt, durch die dem Menschen die Möglichkeit gegeben ist, von der Sünde zur Gnade und vom Tod zum Leben zu gelangen. Der Gottessohn, der für uns Fleisch geworden ist, hat uns den eindringlichen Aufruf zur Bekehrung und Liebe vernehmen lassen. 

Wie viele Gnadengaben, wie viele außerordentliche Gelegenheiten hat das Große Jubiläumsjahr den Gläubigen geboten! Durch die Erfahrung der empfangenen und geschenkten Vergebung, im Gedenken an die Märtyrer, im Hören des Aufschreies der Armen dieser Welt und in den Glaubenszeugnissen, die uns die gläubigen Brüder aller Zeiten hinterlassen haben, konnten auch wir die heilbringende Gegenwart Gottes in der Geschichte erkennen. Wir haben seine Liebe, die das Antlitz der Erde erneuert, gewissermaßen am eigenen Leibe erfahren. Diese besondere Zeit der Gnade wird nun in wenigen Tagen zu Ende gehen. Ebenso wie von den Hirten, die herbeieilten, um ihn anzubeten, fordert Christus auch von den Gläubigen, denen er die Freude der Begegnung mit ihm geschenkt hat, eine mutige Bereitschaft zum Wiederaufbruch, um sein so altes und doch immer neues Evangelium zu verkünden. Er sendet sie aus, um die Geschichte und die Kulturen der Menschen mit seiner heilbringenden Botschaft zu beleben.  

3. »Die Hirten kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn« (Lk 2,20). Von der Gnade des Heiligen Jahres ermutigt und bereichert, beginnen auch wir dieses neue Jahr, das der Herr uns schenkt. Es mögen uns dabei die Worte aus der ersten Lesung stärken, die den Segen des Schöpfers erneuern: »Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil« (Num 6,24–26). Der Herr schenke uns seinen Frieden, der nicht das Ergebnis menschlicher Kompromisse, sondern die überraschende Wirkung seines wohlwollendes Blickes auf uns ist. Dies ist der Friede, um den wir heute bitten, wenn wir den 34. Weltfriedenstag feiern. 

Mit großer Herzlichkeit begrüße ich die Botschafter des beim Hl. Stuhl akkreditierten Diplomatischen Korps, die an dieser feierlichen Liturgie teilnehmen. Besonders begrüße ich den lieben Msgr. François Xavier Nguyên Van Thuân, Präsident des Päpstlichen Rats für Gerechtigkeit und Frieden, und mit ihm die Mitarbeiter des Dikasteriums, das mit der besonderen Aufgabe betraut ist, die Bemühungen des Papstes und des Apostolischen Stuhls für die Förderung einer gerechteren und geeinteren Welt zum Ausdruck zu bringen. Ich begrüße die Vertreter des öffentlichen Lebens und alle, die an dieser Begegnung des Gebetes für den Frieden teilnehmen. Ihnen allen möchte ich im Geiste noch einmal die Botschaft zum diesjährigen Weltfriedenstag übergeben; darin habe ich mich mit einem besonders aktuellen Thema auseinandergesetzt, nämlich dem »Dialog zwischen den Kulturen für eine Zivilisation der Liebe und des Friedens«.  

4. In diesem eindrucksvollen liturgischen Rahmen erneuere ich heute gegenüber jedem Menschen guten Willens die nachdrückliche Einladung, den privilegierten Weg des Dialogs vertrauensvoll und beharrlich zu gehen. Nur so werden die besonderen Reichtümer, die die Geschichte und das Leben der Menschen und Völker prägen, nicht verlorengehen, sondern können im Gegenteil zum Aufbau eines neuen Zeitalters brüderlicher Solidarität beitragen. Alle sollen um die Förderung einer echten Kultur der Solidarität und Gerechtigkeit bemüht sein; sie »ist eng mit dem Wert des Friedens verbunden, dem vorrangigen Ziel jeder Gesellschaft und des Zusammenlebens auf nationaler und internationaler Ebene« (Botschaft zum Weltfriedenstag,18). 

Dies ist überaus notwendig in der jetzigen Situation der Welt, die durch die zunehmende Mobilität der Menschen, durch die globale Kommunikation und die nicht immer einfache Begegnung zwischen verschiedenen Kulturen noch komplexer geworden ist. Zugleich muß die Dringlichkeit der Verteidigung des Lebens mit Nachdruck betont werden. Das Leben ist ein fundamentales Gut der Menschheit, denn »man kann nicht den Frieden fordern und das Leben mißachten« (ebd. 19). 

Bitten wir den Herrn, daß die Achtung dieser Grundwerte, die zum Bestand jeder Kultur gehören, zum Aufbau der ersehnten Zivilisation der Liebe und des Friedens beitragen möge. Dies erwirke uns Christus, der Friedensfürst, den wir in der Armut der Krippe betrachten.  

5. »Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach« (Lk 2,19). 

Heute feiert die Kirche das Hochfest der Gottesmutter Maria. Nachdem der Evangelist sie als diejenige dargestellt hat, die den suchenden Hirten das Kind zeigt, schenkt er uns ein weiteres,  einfaches und zugleich majestätisches Bild Mariens. Maria ist die Frau des Glaubens, die in ihrem Herzen, in ihren Plänen, in ihrem Leib, in ihrer Erfahrung als Braut und Mutter für Gott Raum schuf. Sie ist die Glaubende, die in der ungewöhnlichen Lebensgeschichte des Sohnes das Kommen jener »Fülle der Zeit«(vgl. Gal 4,4) zu erahnen vermochte. In ihr wollte Gott, indem er die einfachen Wege der menschlichen Existenz wählte, sich persönlich in das Heilswerk einbringen. 

Der Glaube führt die heilige Jungfrau dazu, unbekannte und unvorhersehbare Wege zu gehen; dabei bewahrt sie alles in ihrem Herzen, das heißt in der Tiefe ihres Geistes, um Gott und seinem Liebesplan mit erneuerter Treue Antwort zu geben.  

6. An sie richten wir zu Beginn dieses neuen Jahres unser Gebet. 

Hilf auch uns, o Maria, unser Dasein immer im Geiste des Glaubens zu überdenken. Hilf uns, im hektischen täglichen Leben Zeiten der Stille und Betrachtung zu bewahren. Mach, daß wir immer nach den Bedürfnissen des wahren Friedens streben, der ein Geschenk der Geburt Christi ist. 

Dir empfehlen wir an diesem ersten Tag des Jahres 2001 die Erwartungen und Hoffnungen der ganzen Menschheit: »Unter deinen Schutz und Schirm fliehen wir, heilige Gottesgebärerin; verschmähe nicht unser Gebet in unsern Nöten, sondern erlöse uns jederzeit von allen Gefahren,  o du glorreiche und gebenedeite Jungfrau« (Aus dem Stundenbuch). 

Jungfrau und Gottesmutter, sei unsere Fürsprecherin bei deinem Sohn, damit sein Antlitz über dem Weg des neuen Jahrtausends leuchte und damit jeder Mensch in Gerechtigkeit und Frieden leben kann! 

Amen!

 

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