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 EUCHARISTIEFEIER AM HOCHFEST 
DER AUFNAHME MARIENS IN DEN HIMMEL 

PREDIGT VON JOHANNES PAUL II. 

Mittwoch, 15. August 2001

 

1. »Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod« (1 Kor 15,26). 

Die Worte des hl. Paulus, die wir soeben in der zweiten Lesung gehört haben, helfen uns, den Sinngehalt des Hochfestes, das wir heute feiern, zu verstehen. In Maria, die am Ende ihres Erdenlebens in den Himmel aufgenommen wurde, erstrahlt der endgültige Sieg Christi über den Tod, der durch die Sünde Adams in die Welt kam. Christus, der »neue« Adam, hat den Tod besiegt, indem er in einer Haltung gehorsamer Liebe gegenüber dem Vater auf dem Kalvarienberg sein Leben hingab. Auf diese Weise hat er uns von der Sklaverei der Sünde und des Bösen freigekauft. Im Triumph der Muttergottes betrachtet die Kirche jene Frau, die der Vater als wahre Mutter seines eingeborenen Sohnes erwählt hat, indem er sie zutiefst in den Heilsplan der Erlösung miteinbezog. 

Aus diesem Grund ist Maria, wie die Liturgie uns deutlich erkennen läßt, das trostreiche Zeichen unserer Hoffnung. Wenn wir auf sie schauen, wie sie in den Jubel der Engelscharen hineingenommen wird, öffnet sich das gesamte menschliche Dasein, das zwischen Licht und Schatten hin- und hergerissen ist, auf die Perspektive ewiger Glückseligkeit. Wenn uns die Wechselfälle des Alltags am eigenen Leibe erfahren lassen, wie sehr die irdische Pilgerreise unter dem Zeichen der Unsicherheit und des Kampfes steht, schenkt uns die in die Herrlichkeit des Paradieses aufgenommene Jungfrau die Gewißheit, daß wir nie der göttlichen Hilfe entbehren müssen. 

2. »Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet« (Offb 12,1). Laßt uns auf Maria schauen, liebe Brüder und Schwestern, die ihr an diesem für die Frömmigkeit des Gottesvolkes so wichtigen Tag hier zusammengekommen seid. Ich begrüße euch sehr herzlich. Besonders begrüße ich Kardinal Angelo Sodano, meinen ersten Mitarbeiter, und den Bischof von Albano mit seinem Weihbischof; ich danke ihnen für ihre freundliche Anwesenheit. Außerdem begrüße ich den Pfarrer mit den Priestern, die ihm zur Seite stehen, die Ordensmänner und Ordensfrauen und alle anwesenden Gläubigen, insbesondere die Salesianer, die Gemeinschaft von Castelgandolfo und die der Päpstlichen Villen. Ich weite meinen Gruß auf die Pilger verschiedener Sprachen aus, die sich unserer Feier angeschlossen haben. Einem jeden wünsche ich, er möge in Freude den heutigen Festtag verbringen, der so reich ist an Anregungen zur Meditation. 

Ein großes Zeichen erscheint für uns heute am Himmel: die jungfräuliche Mutter! Davon berichtet uns mit prophetischen Worten der Verfasser des Buches der Offenbarung in der ersten Lesung. Welch einzigartiges Wunder bietet sich unseren erstaunten Augen! Wir sind gewohnt, uns auf die Wirklichkeiten der Erde zu fixieren; nun aber werden wir aufgefordert, unseren Blick nach oben zu richten: zum Himmel, der unsere endgültige Heimat ist und wo die heiligste Jungfrau auf uns wartet. 

Der moderne Mensch ist – vielleicht mehr als in vergangenen Zeiten – von materiellen Interessen und Sorgen eingenommen. Er sucht Sicherheit und erfährt nicht selten Einsamkeit und Beklemmung. Und was sollen wir zum Rätsel des Todes sagen? Die Aufnahme Mariens in den Himmel ist ein Ereignis, das auch uns aus nächster Nähe betrifft, gerade weil jeder Mensch dazu bestimmt ist, zu sterben. Doch der Tod wird nicht das letzte Wort haben. Er ist – so versichert uns das Geheimnis der Aufnahme Mariens – der Übergang zu einem Leben, das uns zur Liebe führt. Er ist Überleitung zur himmlischen Glückseligkeit, die denen vorbehalten ist, welche sich für Wahrheit und Gerechtigkeit einsetzen und sich bemühen, Christus nachzufolgen. 

3. »Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter« (Lk 1,48). So ruft die Mutter Christi bei ihrer Begegnung mit ihrer älteren Verwandten Elisabet aus. Im Evangelium haben wir vor kurzem erneut das Magnifikat gehört, das die Kirche jeden Tag singt. Es ist die Antwort Mariens auf die prophetischen Worte der hl. Elisabet: »Selig ist die, die geglaubt hat, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ« (Lk 1,45). 

In Maria wird die Verheißung zur Wirklichkeit: Selig ist die Mutter, und wir, ihre Kinder, werden selig sein, wenn wir – ebenso wie sie – das Wort des Herrn hören und es in die Tat umsetzen.

Möge das heutige Hochfest unser Herz für diese höhere Perspektive unseres Daseins offen machen. Möge die Jungfrau, die wir heute strahlend zur Rechten des Sohnes betrachten, den Menschen von heute dabei helfen, im Vertrauen auf die »Erfüllung des Wortes des Herrn zu leben«. 

4. »Jubelnd feiern heute die Söhne und Töchter der Kirche auf Erden den Übergang der Jungfrau in die erhabene Stadt, das himmlische Jerusalem« (vgl. Laudes et hymni, V). So betet die armenische Liturgie am heutigen Tag. Ich mache mir diese Worte zu eigen und denke dabei an die apostolische Pastoralreise nach Kasachstan und Armenien, die ich – so Gott will – ungefähr in einem Monat unternehmen werde. Dir, Maria, vertraue ich den Erfolg dieser neuen Etappe meines Dienstes für die Kirche und die Welt an. Dich bitte ich, den Gläubigen dabei zu helfen, Vorboten der Hoffnung zu sein, die nicht enttäuscht, und unermüdlich zu verkünden, daß Christus der Sieger über das Böse und den Tod ist. Erleuchte du, treue Frau, die Menschheit unserer Zeit, damit sie erkennt, daß das Leben jedes Menschen nicht in einer Handvoll Staub endet, sondern zu einem Ziel ewiger Freude bestimmt ist.

Maria, du bist »die Freude des Himmels und der Erde«; wache und bete für uns und für die ganze Welt, jetzt und in Ewigkeit. Amen!

 

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