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ERÖFFNUNG DER X. ORDENTLICHEN VOLLVERSAMMLUNG
DER BISCHOFSSYNODE
PREDIGT VON JOHANNES PAUL
II. 1. »Der Bischof als Diener des
Evangeliums Jesu Christi für die Hoffnung der Welt.«
Mit diesem Thema werden
sich die Arbeiten der X. Ordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode
auseinandersetzen, die wir nun im Namen des Herrn eröffnen. Sie folgt der Reihe
von Sonderversammlungen für verschiedene Kontinente, die zur Vorbereitung auf
das Große Jubiläumsjahr 2000 stattgefunden haben. Alle diese Versammlungen
waren durch den Aspekt der Evangelisierung miteinander verbunden, wie die bisher
veröffentlichen Nachsynodalen Apostolischen Schreiben belegen. Unter derselben
Perspektive findet die jetzige Synode statt, die ebenfalls in Kontinuität zu
den vorherigen ordentlichen Versammlungen steht; diese waren den verschiedenen
Berufungen im Gottesvolk gewidmet: den Laien (1987), den Priestern (1990), dem
geweihten Leben (1994). Die Behandlung der Thematik der Bischöfe
vervollständigt so das Bild einer Ekklesiologie der Gemeinschaft und Sendung,
die wir immer vor Augen haben müssen.
Mit großer Freude empfange ich euch,
liebe und verehrte Brüder im Bischofsamt, die ihr aus allen Teilen der Welt
hier zusammengekommen seid. Eure Versammlung und eure Zusammenarbeit unter der
Leitung des Nachfolgers Petri zeigt, »daß alle Bischöfe in der hierarchischen
Gemeinschaft an der Sorge für die ganze Kirche teilhaben« (Christus Dominus,
5). Ich weite meinen herzlichen Gruß auf die anderen Mitglieder der Versammlung
und alle weiteren Personen aus, die in den kommenden Tagen an deren
erfolgreicher Durchführung beteiligt sein werden. Besonders danke ich dem
Generalsekretär der Synode, Kardinal Jan Pieter Schotte, und seinen
Mitarbeitern, die diese Synodenversammlung aktiv vorbereitet haben.
2. In der Weihnachtsnacht 1999 habe ich das Große
Jubiläumsjahr eröffnet; nachdem ich die Heilige Pforte geöffnet hatte, bin
ich mit dem Evangelienbuch in meinen Händen hindurchgegangen. Dies war eine
Geste mit hohem Symbolwert. Darin können wir gewissermaßen den ganzen Inhalt
der Synode erkennen, die wir heute beginnen und deren Thema lautet: »Der
Bischof als Diener des Evangeliums Jesu Christi für die Hoffnung der Welt.«
Der Bischof ist »minister«, also »Diener«. Die Kirche steht im Dienst des
Evangeliums. »Ancilla Evangelii«: So könnte man sie in Anlehnung an die Worte
der Jungfrau nach der Verkündigung durch den Engel bezeichnen. »Ecce ancilla
Domini«, sagte Maria damals. »Ecce ancilla Evangelii«, ruft heute die Kirche
aus.
»Propter spem mundi.« Die Hoffnung der Welt liegt in Christus. In Ihm
finden die Erwartungen der Menschheit ihre wahre und solide Grundlage. Die
Hoffnung jedes Menschen geht vom Kreuz aus, diesem Zeichen des Sieges der Liebe
über den Haß, der Vergebung über die Rache, der Wahrheit über die Lüge, der
Solidarität über den Egoismus. Wir haben die Aufgabe, den Männern und Frauen
unserer Zeit diese heilsbringende Botschaft nahezubringen.
3. »Selig, die arm sind vor Gott«, haben wir im Kehrvers zum
Antwortpsalm gesungen.
Die Seligpreisung der Armut im Geiste des Evangeliums,
die uns das Wort Gottes am heutigen Sonntag aufs neue vorschlägt, ist eine
wertvolle Botschaft für die synodale Versammlung, die wir nun beginnen, denn
die Armut ist ein Wesensmerkmal der Persönlichkeit Jesu und seines Heilsamtes
und stellt eine der unabdingbaren Voraussetzungen dafür dar, daß die
Verkündigung des Evangeliums bei der zeitgenössischen Menschheit Aufnahme und
Anhörung findet.
Im Licht der ersten Lesung aus dem Buch des Propheten Amos und,
noch mehr, im Gleichnis vom »reichen Mann« und dem armen Lazarus, das uns der
Evangelist Lukas erzählt, werden wir, verehrte Brüder, dazu ermutigt, uns
über unsere Einstellung gegenüber den irdischen Gütern und über deren
Verwendung zu befragen. Wir sind aufgefordert, zu überprüfen, bis zu welchem
Punkt die persönliche und gemeinschaftliche Bekehrung zu einer wahrhaftigen,
dem Evangelium entsprechenden Armut in der Kirche gelangt ist. Dabei kommen uns
die Worte des Zweiten Vatikanischen Konzils in den Sinn: »Wie aber Christus das
Werk der Erlösung in Armut und Verfolgung vollbrachte, so ist auch die Kirche
berufen, den gleichen Weg einzuschlagen, um die Heilsfrucht den Menschen
mitzuteilen« (Lumen gentium, 8).
4. Es ist der Weg der Armut, der es uns ermöglichen wird,
unseren Zeitgenossen die »Früchte des Heils« weiterzuvermitteln. Als
Bischöfe sind wir daher aufgerufen, arm im Dienste des Evangeliums zu sein;
Diener des offenbarten Wortes zu sein, die bei Bedarf ihre Stimme zur
Verteidigung der Geringsten erheben und die Übergriffe jener anklagen, die Amos
als »Sorglose« und »Selbstsichere« bezeichnet; Propheten zu sein, die mutig
auf die sozialen Sünden hinweisen, die einhergehen mit Konsumismus, Hedonismus
und einer Wirtschaftsform, die ein unannehmbares Gefälle zwischen Luxus und
Elend, zwischen wenigen »reichen Schlemmern« und zahllosen zur Not
verurteilten Menschen wie Lazarus verursacht. Zu jeder Zeit zeigte sich die
Kirche mit diesen Personen solidarisch, und sie zeichnete sich durch heilige
Hirten aus, die sich als unerschrockene Apostel der Nächstenliebe auf die Seite
der Armen gestellt haben.
Damit die Stimme der Hirten aber glaubwürdig wird, müssen sie selbst ein von
Eigeninteressen abgekehrtes und um die Schwächsten besorgtes Verhalten unter
Beweis stellen. Es ist notwendig, daß sie zum Vorbild für die ihnen
anvertraute Gemeinschaft werden, indem sie jene Gesamtheit von Grundsätzen der
Solidarität und sozialen Gerechtigkeit lehren und stützen, die die Soziallehre
der Kirche kennzeichnet.
5. »Du aber, ein Mann Gottes« (1 Tim 6,11): Mit diesem
Titel wird Timotheus vom hl. Paulus in der soeben vorgetragenen zweiten Lesung
bezeichnet. Es ist ein Text, in dem der Apostel ein für den Bischof stets
gültiges Lebensprogramm skizziert: Der Hirte muß ein »Mann Gottes« sein;
seine Existenz und sein Amt stehen gänzlich unter der göttlichen Herrschaft
und schöpfen Licht und Kraft aus dem erhabensten Geheimnis Gottes.
Paulus
fährt fort: »Du aber, ein Mann Gottes, […] Strebe unermüdlich nach
Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Glauben, Liebe, Standhaftigkeit und Sanftmut« (6,11). Wieviel Weisheit liegt in dem Wort »strebe«! Die Bischofsweihe flößt
nicht die Vollkommenheit der Tugenden ein: Der Bischof ist aufgerufen, seinen
Weg der Heiligung mit größerer Intensität fortzusetzen, um das Format Christi,
des vollkommenen Menschen, zu erreichen.
Der Apostel fügt hinzu: »Kämpfe den
guten Kampf des Glaubens, ergreife das ewige Leben …« (6,12). Auf das Reich
Gottes hinorientiert, stellen wir uns, liebe Brüder, unseren täglichen
Bemühungen um den Glauben; dabei suchen wir keinen weiteren Lohn als jenen, den
Gott uns am Ende geben wird. Wir sind berufen, »vor vielen Zeugen das gute
Bekenntnis« abzulegen (6,12). Der Glanz des Glaubens wird auf diese Weise zum
Zeugnis: Widerschein der Herrlichkeit Christi in den Worten und Taten jedes
seiner treuen Amtsträger.
Der
hl. Paulus schließt mit den Worten: »Erfülle deinen Auftrag rein und ohne
Tadel, bis zum Erscheinen Jesu Christi, unseres Herrn« (6,14). Der Auftrag!
In
diesem Wort ist Christus ganz enthalten: sein Evangelium, sein Vermächtnis der
Liebe, die Gabe seines Geistes, der das Gesetz erfüllt. Die Apostel haben von
ihm dieses Erbe empfangen und es uns anvertraut, damit es bis zum Ende der
Zeiten unversehrt erhalten und weitergegeben werde.
6. Liebe Brüder im Bischofsamt! Christus wiederholt uns heute:
»Duc in altum – Fahr hinaus« (Lk 5,4). Im Licht dieser seiner
Einladung können wir den dreifachen »munus«, der uns in der Kirche
übertragen wurde: »munus docendi, sanctificandi et regendi« (vgl. Lumen
gentium, 25 – 27; Christus Dominus, 12 –16), auf neue Weise deuten.
»Duc in docendo!« »Verkünde das Wort« – würden wir mit dem Apostel sagen
– »tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht; weise zurecht, tadle,
ermahne, in unermüdlicher und geduldiger Belehrung« (2 Tim 4,2).
»Duc
in sanctificando!« Die »Netze«, die wir unter den Menschen auswerfen sollen,
sind in erster Linie die Sakramente, deren erste Ausspender, Leiter, Förderer
und Aufseher wir sind (vgl. Christus Dominus, 15). Sie bilden eine Art
heilsbringendes »Netz«, das vom Bösen erlöst und zur Fülle des Lebens
führt.
»Duc in regendo!« Als Hirten und wahre Väter haben wir die Aufgabe,
durch die Unterstützung der Priester und unserer anderen Mitarbeiter die
Familie der Gläubigen zusammenzuführen und die Liebe und brüderliche
Gemeinschaft zu fördern (vgl. ebd., 16).
Obwohl es sich dabei um einen
schwierigen und mühevollen Auftrag handelt, soll niemand den Mut verlieren. Mit
Petrus und den ersten Jüngern erneuern auch wir vertrauensvoll unser
aufrichtiges Glaubensbekenntnis: Herr, »wenn du es sagst, werde ich die Netze
auswerfen« (Lk 5,5)! Wenn du es sagst, Christus, wollen wir deinem
Evangelium dienen für die Hoffnung der Welt!
Und auch auf deine mütterliche
Unterstützung vertrauen wir, Jungfrau Maria. Du hast die ersten Schritte der
christlichen Gemeinschaft geführt: Sei auch für uns Stütze und Ermutigung.
Tritt für uns ein, Maria, die wir mit den Worten des Dieners Gottes Paul VI.
als »Hilfe der Bischöfe und Mutter der Hirten« anrufen. Amen!
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