BRIEF VON PAPST JOHANNES PAUL II. AN DIE KÜNSTLER
1999
An alle, die mit leidenschaftlicher Hingabe nach neuen »Epiphanien« der Schönheit suchen, um sie im künstlerischen Schaffen der Welt zum Geschenk zu machen.
Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut (Gn
1,31).
Der Künstler, Abbild des Schöpfergottes
1. Besser als ihr Künstler, geniale Baumeister der Schönheit,
vermag niemand intuitiv etwas von dem Pathos zu erfassen, mit dem Gott am
Anfang der Schöpfung auf das Werk seiner Hande blickte. Ein
Nachschwingen jenes Gefühls hat sich unendliche Male in den Blicken
niedergeschlagen, mit welchen ihr als Künstler jeden Zeitalters, vom
Staunen über die geheimnisvolle Macht der Klange und Worte, der
Farben und Formen gebannt, das Werk eurer Eingebung bewundert und darin
gleichsam das Echo jenes Geheimnisses der Schöpfung wahrgenommen
habt, an dem Gott, der alleinige Schöpfer aller Dinge, euch in
gewisser Weise teilnehmen lassen wollte.
Es schienen mir daher keine Worte geeigneter als jene aus dem Buch
Genesis, um sie an den Anfang meines Briefes an euch zu stellen, fühle
ich mich doch durch Erfahrungen verbunden, die weit in die Vergangenheit
zurückreichen und mein Leben unauslöschlich geprägt haben.
Mit diesem Schreiben möchte ich den Weg jenes fruchtbaren Gespräches
der Kirche mit den Künstlern einschlagen, das in der zweitausendjährigen
Geschichte der Kirche nie abgerissen ist und an der Schwelle zum dritten
Jahrtausend eine noch größere Zukunft hat.
In Wirklichkeit handelt es sich um einen Dialog, der uns nicht nur von
historischen Umständen und praktischen Erwägungen aufgenötigt
wird, sondern in dem eigentümlichen Wesen sowohl der religiösen
Erfahrung wie des künstlerischen Schaffens verwurzelt ist. Der Anfang
der Bibel stellt uns Gott gleichsam als das beispielhafte Modell jedes
Menschen vor, der ein Werk hervorbringt: Im Künstler spiegelt sich
sein Bild als Schöpfer. Besonders offenkundig wird diese Beziehung im
Polnischen durch die sprachliche Verwandtschaft zwischen den Worten stwórca
(Schöpfer) und twórca (Künstler).
Worin liegt der Unterschied zwischen »Schöpfer« und »Künstler«?
Wer (etwas) erschafft, schenkt das Sein selbst, bringt etwas aus dem
Nichts hervor ex nihilo sui et subiecti, sagt man im Lateinischen ,
und das ist im strengen Sinn die Vorgehensweise, die nur dem Allmächtigen
zukommt. Der Künstler hingegen verwendet etwas bereits Vorhandenes,
dem er Gestalt und Bedeutung gibt. Das ist die charakteristische
Handlungsweise des Menschen als Ebenbild Gottes. Nachdem es nämlich
in der Bibel geheißen hatte, daß Gott Mann und Frau »als
sein Abbild« schuf (vgl. Gen 1,27), wird hinzugefügt, daß
er ihnen die Aufgabe übertrug, über die Erde zu herrschen (vgl.
Gen 1,28). Es war der letzte Schöpfungstag (vgl. Gen
1,28-31). An den vorangegangenen Tagen hatte Jahwe das Universum
geschaffen und damit gleichsam den Rhythmus der kosmischen Evolution
bestimmt. Am Ende schuf er den Menschen als erhabenste Frucht seines
Planes; ihm unterwarf er die sichtbare Welt als unermeßliches Feld,
auf dem er seiner Erfindungsgabe Ausdruck verleihen sollte.
Gott hat also den Menschen ins Dasein gerufen und ihm die Aufgabe übertragen,
Künstler zu sein. Im »künstlerischen Schaffen« erweist
sich der Mensch mehr denn je als »Abbild Gottes«. Er
verwirklicht diese Aufgabe vor allem dadurch, daß er die wunderbare »Materie«
des eigenen Menschseins gestaltet und dann auch eine kreative Herrschaft über
das ihn umgebende Universum ausübt. Der göttliche Künstler
kommt dem menschlichen Künstler liebevoll entgegen und gibt ihm einen
Funken seiner überirdischen Weisheit weiter, indem er ihn dazu
beruft, an seiner Schöpfungskraft teilzuhaben. Selbstverständlich
handelt es sich dabei um eine Teilhabe, die den unendlichen Abstand
zwischen Schöpfer und Geschöpf unangetastet läßt, wie
Kardinal Nikolaus von Kues unterstrich: »Die schöpferische
Kunst, die die glückselige Seele erlangen wird, ist der Wesenheit
nach nicht jene Kunst, die Gott ist, sondern deren Mitteilung und Teilhabe«.(1)
Je mehr sich daher der Künstler seiner »Gabe« bewußt
ist, um so mehr fühlt er sich dazu gedrängt, auf sich selbst und
auf die ganze Schöpfung mit Augen zu blicken, die sich betrachtend zu
vertiefen und zu danken vermögen, während er seinen Lobeshymnus
zu Gott emporrichtet. Nur so kann er sich selbst, seine Berufung und seine
Sendung in letzter Tiefe erfassen.
Die besondere Berufung des Künstlers
2. Nicht alle sind im eigentlichen Sinne des Wortes zu Künstlern
berufen. Nach Aussage der Genesis wird jedoch jeder Mensch mit der Aufgabe
betraut, Baumeister des eigenen Lebens zu sein: Er soll aus seinem Leben
gleichsam ein Kunstwerk, ein Meisterstück machen.
Es ist wichtig, den Unterschied, aber auch den Zusammenhang zwischen
diesen zwei Seiten des menschlichen Tuns zu erheben. Der Unterschied ist
augenfällig. Denn das eine ist die Anlage, der es der Mensch
verdankt, Urheber seiner Handlungen zu sein, für deren moralischen
Wert er verantwortlich ist. Das andere ist die Anlage, auf Grund welcher
er Künstler ist, d.h. gemäß den Ansprüchen der Kunst
zu handeln versteht, indem er die für sie spezifischen Vorschriften
getreu annimmt.(2) Deshalb ist der Künstler fähig, Objekte
herzustellen, aber das sagt an und für sich noch nichts über
seine moralischen Dispositionen aus. Denn hier handelt es sich nicht
darum, sich selbst und seine eigene Persönlichkeit zu gestalten,
sondern nur darum, operative Fähigkeiten nutzbringend anzuwenden und
den mit dem Verstand konzipierten Ideen ästhetische Gestalt zu geben.
Doch wenn der Unterschied zwischen diesen beiden Dispositionen, der
moralischen und der künstlerischen, wesentlich ist, so ist der
Zusammenhang zwischen beiden nicht weniger wichtig. Sie bedingen sich
gegenseitig zutiefst. Beim Gestalten eines Werkes bringt der Künstler
in der Tat sich selber soweit zum Ausdruck, daß seine Schöpfung
einen einzigartigen Widerschein seines Seins, dessen also, was er ist und
wie er es ist, darstellt. Das findet zahllose Bestätigungen in der
Geschichte der Menschheit. Denn wenn der Künstler ein Meisterwerk
gestaltet, ruft er nicht nur sein Werk ins Leben, sondern durch das Werk
enthüllt er gewissermaßen auch seine eigene Persönlichkeit.
In der Kunst findet er eine neue Dimension und ein einzigartiges
Ausdrucksmittel für sein geistiges Wachstum. Durch die Werke, die er
geschaffen hat, spricht und kommuniziert der Künstler mit den
anderen. Die Kunstgeschichte ist darum nicht nur eine Geschichte von
Werken, sondern auch von Menschen. Die Kunstwerke sprechen von ihren
Urhebern, machen uns mit deren Innerstem bekannt und offenbaren den echten
Beitrag, den die Künstler der Kulturgeschichte geben.
Die Berufung des Künstlers im Dienst an der Schönheit
3. Ein bekannter polnischer Dichter, Cyprian Norwid, schreibt: »Die
Schönheit ist dazu da, für das Werk zu begeistern, das Werk, um
aufblühen zu lassen«.(3)
Das Thema Schönheit gehört zu einem Gespräch über
die Kunst. Ich deutete es bereits an, als ich Gottes gefälligen Blick
auf das Schöpfungswerk hervorhob. Bei der Feststellung, daß
alles, was er geschaffen hatte, gut war, sah Gott auch, daß es schön
war.(4) Die Beziehung zwischen gut und schön regt zum weiteren
Nachdenken an. Die Schönheit ist gleichsam der sichtbare Ausdruck des
Guten, so wie das Gute die metaphysische Voraussetzung der Schönheit
ist. Das haben die Griechen richtig verstanden, die durch Verschmelzung
der beiden Begriffe eine Wendung prägten, die beide umfaßt: »kalokagathía«,
das heißt »das Schön-Gute«. Platon schreibt darüber:
»Die Macht des Guten entflieht in die Natur des Schönen«.(5)
Durch sein Leben und Tun legt der Mensch sein Verhältnis zum Sein,
zur Wahrheit und zum Guten fest. Der Künstler erlebt eine besondere
Beziehung zur Schönheit. Es ist sehr treffend, wenn man sagt, die Schönheit
ist die vom Schöpfer durch das Geschenk des »künstlerischen
Talentes« an ihn gerichtete Berufung. Und mit Sicherheit ist auch das
ein Talent, das nach der Logik des Gleichnisses von den Talenten, wie es
die Frohe Botschaft erzählt (vgl. Mt 25,14-30), Früchte
bringen soll.
Hier berühren wir einen wesentlichen Punkt. Wer in sich diesen göttlichen
Funken der künstlerischen Berufung zum Dichter, zum
Schriftsteller, zum Maler, zum Bildhauer, zum Architekten, zum Musiker,
zum Schauspieler... spürt, nimmt gleichzeitig die
Verpflichtung wahr, dieses Talent nicht zu vergeuden, sondern es zu
entfalten, um es in den Dienst des Nächsten und der ganzen Menschheit
zu stellen.
Der Künstler und das Gemeinwohl
4. Die Gesellschaft braucht tatsächlich Künstler ebenso, wie
sie Wissenschaftler, Techniker, Arbeiter, Fachleute, Glaubenszeugen,
Lehrer, Vater und Mütter benötigt. Durch jene sehr erhabene
Kunstform, die »Erziehungskunst« heißt, sollen diese das
Wachstum des einzelnen und die Entwicklung der Gemeinschaft gewährleisten.
Die Künstler indes haben in dem umfassenden Kulturpanorama jeder
Nation ihren eigenen Platz. Solange sie bei der Ausführung wirklich
wertvoller und schöner Werke ihrer Eingebung folgen, bereichern sie
ja nicht nur das Kulturgut jeder einzelnen Nation und der ganzen
Menschheit, sondern leisten auch einen qualifizierten sozialen Dienst zum
Nutzen des Gemeinwohls.
Während die unterschiedliche Berufung jedes Künstlers den
Bereich seines Dienstes bestimmt, verweist sie auf die Aufgaben, die er zu
übernehmen, die harte Arbeit, der er sich zu unterziehen, und die
Verantwortung, der er sich zu stellen hat. Ein Künstler, der sich all
dessen bewußt ist, weiß auch, daß er tätig sein muß,
ohne sich von eitler Ruhmsucht oder von der Begierde nach oberflächlicher
Popularitat, geschweige denn von einer persönlichen Gewinnrechnung
beherrschen zu lassen. Es gibt also eine Ethik, ja eine »Spiritualität«
des künstlerischen Dienstes, die auf ihre Weise zum Leben und zum
Wiedererstehen eines Volkes beiträgt. Genau darauf scheint Cyprian
Norwid anspielen zu wollen, wenn er sagt: »Die Schönheit ist
dazu da, für das Werk zu begeistern, das Werk, um aufblühen zu
lassen«.
Die Kunst vor dem Geheimnis des fleischgewordenen Wortes
5. Das Gesetz des Alten Testaments enthält ein ausdrückliches
Verbot, den unsichtbaren und aussprechlichen Gott mit Hilfe »eines
geschnitzten oder gegossenen Bildnisses« (Dtn 27,15)
darzustellen, da Gott jede materielle bildliche Darstellung übersteigt:
»Ich bin der Ich-bin-da (Ex 3,14). Im Geheimnis
der Menschwerdung jedoch hat sich der Sohn Gottes persönlich sichtbar
gemacht: »Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen
Sohn, geboren von einer Frau« (Gal 4,4). Gott ist in Jesus
Christus Mensch geworden; dieser ist »der Mittelpunkt, auf den man
sich beziehen muß, um das Rätsel vom menschlichen Dasein, der
geschaffenen Welt und von Gott selber begreifen zu können«.(6)
Diese grundlegende Offenbarung Gottes als Geheimnis stand als Ermutigung
und Herausforderung für die Christen auch auf der Ebene des künstlerischen
Schaffens. Daraus erwuchs ein Erblühen von Schönheit, das eben
von hier, aus dem Geheimnis der Menschwerdung, seinen Lebenssaft zog. Denn
durch sein Menschwerden hat der Sohn Gottes in die Geschichte der
Menschheit den ganzen evangelischen Reichtum der Wahrheit und des Guten
eingeführt und damit auch eine neue Dimension der Schönheit enthüllt:
Davon ist die evangelische Botschaft bis zum Rand voll.
Die Heilige Schrift ist so gleichsam zu einem »unermeßlichen
Wortschatz« (P. Claudel) und »Bilderatlas« (M. Chagall)
geworden, aus welchen die christliche Kultur und Kunst geschöpft
haben. Selbst das im Licht des Neuen Testaments ausgelegte Alte Testament
hat unerschöpfliche Inspirationsströmungen offenbar werden
lassen. Von den Berichten über die Schöpfung, den Sündenfall,
die Sintflut, die Reihe der Patriarchen, den Auszug aus Ägypten bis
hin zu den vielen Episoden und Personen der Heilsgeschichte hat der
biblische Text die Phantasie von Malern, Dichtern, Musikern, Bühnenschriftstellern
und Filmemachern angeregt. Um nur ein Beispiel zu nennen: Eine Gestalt wie
die des Hiob mit ihrer brennenden und stets aktuellen Problematik des
Schmerzes weckt immer wieder das philosophische wie auch das literarische
und künstlerische Interesse. Und was soll ich erst vom Neuen
Testament sagen? Von der Geburt bis Golgota, von der Verklärung bis
zur Auferstehung, von den Wundertaten bis zu den Lehrreden Christi und
weiter bis zu den Ereignissen, die in der Apostelgeschichte erzählt
oder von der Offenbarung des Johannes unter eschatologischem Aspekt
dargestellt werden, ist das Wort der Bibel unzählige Male Bild, Musik
und Dichtung geworden, die durch die Sprache der Kunst das Geheimnis des »fleischgewordenen
Wortes« wachrufen.
In der Kulturgeschichte bildet all das ein reiches Kapitel des Glaubens
und der Schönheit. Nutzen davon trugen vor allem die Gläubigen für
ihre Gebets- und Lebenserfahrung. In Zeiten mit geringer Alphabetisierung
boten die bildlichen Bibeldarstellungen geradezu eine konkrete
katechetische Glaubensvermittlung.(7) Aber für alle, ob gläubig
oder nicht, bleiben die an der Heiligen Schrift inspirierten Kunstwerke
ein Widerschein des unergründlichen Geheimnisses, das die Welt umgibt
und in ihr wohnt.
Ein fruchtbares Bündnis zwischen Evangelium und Kunst
6. In der Tat geht jede künstlerische Intuition über das
hinaus, was die Sinne wahrnehmen, und bemüht sich, indem sie die
Wirklichkeit durchdringt, deren verborgenes Geheimnis zu deuten. Die
Intuition entspringt aus der Tiefe der menschlichen Seele, dort, wo das
Bestreben, seinem Leben einen Sinn zu geben, einhergeht mit der flüchtigen
Wahrnehmung der Schönheit und der geheimnisvollen Einheit der Dinge.
Eine von allen Künstlern geteilte Erfahrung ist die von dem unüberwindlichen
Unterschied, der zwischen dem noch so gelungenen Werk ihrer Hände und
der am Höhepunkt des schöpferischen Aktes wahrgenommenen überwältigenden
Vollkommenheit der Schönheit besteht: Alles, was sie in dem, was sie
malen, meißeln, schnitzen und schaffen, auszudrücken vermögen,
ist nur ein Schimmer jenes Glanzes, der für einige Augenblicke vor
ihrem geistigen Auge aufleuchtete.
Der Glaubende wundert sich darüber nicht: Er weiß, daß
er für einen Augenblick an jenem Abgrund an Licht stehen durfte, der
in Gott seine Urquelle hat. Muß man sich vielleicht wundern, wenn
der Geist davon so überwältigt ist, daß er sich nur mit
Gestammel ausdrücken kann? Niemand ist mehr als der wahre Künstler
dazu bereit, seine Grenze zu erkennen und sich die Worte des Apostels
Paulus zu eigen zu machen, wonach »Gott nicht in Tempeln wohnt, die
von Menschenhand gemacht sind. Daher dürfen wir nicht meinen, das Göttliche
sei wie ein goldenes oder silbernes oder steinernes Gebilde menschlicher
Kunst und Erfindung« (vgl. Apg 17,24.29). Wenn schon die
innerste Wirklichkeit der Dinge immer »jenseits« der Fähigkeit
zu menschlicher Durchdringung liegt, wieviel mehr gilt das für Gott
in den Tiefen seines unergründlichen Geheimnisses!
Von anderer Natur ist die Glaubenserkenntnis: Sie setzt eine persönliche
Begegnung mit Gott in Jesus Christus voraus. Doch auch diese Erkenntnis
kann aus der künstlerischen Intuition Nutzen ziehen. Ausdrucksvolles
Vorbild einer sich im Glauben erhöhenden ästhetischen
Betrachtung sind zum Beispiel die Werke des Beato Angelico. Nicht weniger
vielsagend ist in diesem Zusammenhang der ekstatische Lobgesang, den der
hl. Franz von Assisi, nachdem er auf dem Monte della Verna die Wundmale
Christi empfangen hatte, auf einem Blättchen (chartula) zweimal
wiederholte: »Du bist Schönheit... Du bist Schönheit!«.(8)
Der heilige Bonaventura kommentiert: »Er betrachtete in den schönen
Dingen über den Schönsten und, während er den in die Geschöpfe
eingeprägten Spuren folgte, jagte er überall dem Geliebten nach«.(9)
Eine ähnliche Annäherung kann man in der orientalischen
Spiritualität feststellen, wo Christus als »der Schönste,
von größerer Schönheit als alle Sterblichen«(10)
bezeichnet wird. Makarios der Große erläutert die verklärende
und befreiende Schönheit des Auferstandenen so: »Die Seele, die
von der unsagbaren Schönheit der strahlenden Herrlichkeit des
Antlitzes Christi voll erleuchtet wurde, ist vom Heiligen Geist erfüllt...,
sie ist ganz Auge, ganz Licht, ganz Angesicht«.(11)
Jede echte Form von Kunst ist, jeweils auf ihre Art, ein Zugang zur
tiefsten Wirklichkeit des Menschen und der Welt. Als solcher stellt sie
eine sehr wertvolle Annäherung an den Glaubenshorizont dar, wo das
menschliche Dasein und seine Geschichte ihre vollendete Deutung finden.
Genau deshalb mußte ja die Fülle der Wahrheit, wie sie in den
Evangelien entfaltet ist, von Anfang an das Interesse der Künstler
wecken, die auf Grund ihrer Natur für alles empfänglich sind,
was die innere Schönheit der Wirklichkeit offenbart.
Die Anfänge
7. Die Kunst, der das Christentum in seiner Anfangszeit begegnete, war
die reife Frucht der klassischen Welt, brachte deren ästhetische
Gesetze zum Ausdruck und gab gleichzeitig ihre Werte weiter. Wie im
Bereich des Lebens und Denkens, so verlangte der Glaube von den Christen
auch auf dem Gebiet der Kunst ein Unterscheidungsvermögen, das die
automatische Übernahme dieses Erbes nicht gestattete. Die Kunst
christlicher Inspiration begann daher im Stillen, in engem Zusammenhang
mit dem Bedürfnis der Glaubenden Zeichen zu erarbeiten, mit denen man
auf der Grundlage der Schrift die Geheimnisse des Glaubens und zugleich
einen »Symbolkodex« ausdrücken kann, mit dessen Hilfe die
Glaubenden sich besonders in den schweren Zeiten der Verfolgung zu
erkennen geben und zu identifizieren vermochten. Wer erinnert sich nicht
an jene Symbole, die auch die ersten Anzeichen einer Mal- und
Bildhauerkunst waren? Der Fisch, die Brote, der Hirt riefen das Geheimnis
wach und wurden fast unmerklich zum Konzept einer neuen Kunst.
Als durch den Erlaß Kaiser Konstantins den Christen gewährt
wurde, sich in voller Freiheit zu äußern, wurde die Kunst zu
einem bevorzugten Weg der Glaubensbekundung. Eine erste Blüte begann
mit dem Bau imposanter Basiliken, wobei die architektonischen Gesetze des
antiken Heidentums aufgegriffen und zugleich den Erfordernissen des neuen
Kultes angepaßt wurden. Muß man nicht wenigstens die alte
Petersbasilika und die alte Lateranbasilika erwähnen, die Konstantin
selbst errichten ließ? Oder als Beispiel für die prachtvolle
byzantinische Kunst die auf Wunsch von Kaiser Justinian errichtete Hagia
Sophía in Konstantinopel?
Wahrend die Architektur den heiligen Raum schuf, führte allmählich
das Verlangen, sich in das Geheimnis zu vertiefen und es den einfachen
Menschen auf unmittelbare Art und Weise anzubieten, zu den Anfangsäußerungen
der Mal- und Bildhauerkunst. Zugleich entstanden die ersten Versuche einer
Wort- und Tonkunst, und wenn Augustinus unter die vielen Themen seines
Schaffens auch ein De musica aufnahm, so wurden Hilarius, Ambrosius,
Prudentius, Ephram der Syrer, Gregor von Nazianz, Paulinus von Nola
um nur einige Namen zu nennen zu Initiatoren einer christlichen
Poesie, die häufig nicht nur einen hohen theologischen, sondern auch
literarischen Wert erreicht. Ihr dichterisches Programm verwertete von den
Klassikern überkommene Formen, schöpfte aber aus dem reinen
Lebenssaft des Evangeliums, wie es der heilige Dichter aus Nola treffend
aussprach: »Unsere einzige Kunst ist der Glaube, und Christus ist
unser Gesang«.(12) Einige Zeit später schuf Gregor der Große
mit der Sammlung Antiphonarium seinerseits die Voraussetzung für die
organische Entwicklung jener Kirchenmusik, die so originell war, daß
sie nach ihm benannt wurde. Der gregorianische Gesang mit seinen
inspirierten Modulationen sollte in den kommenden Jahrhunderten zur
typischen melodischen Ausdrucksform des Glaubens der Kirche während
der liturgischen Feier der heiligen Geheimnisse werden. So verband sich
das »Schöne« mit dem »Wahren«, damit die Seelen
auch auf dem Wege über die Kunst vom Sinnlichen her zum Ewigen hin
mitgerissen würden.
Auf diesem Weg blieben schwierige Abschnitte nicht aus. Gerade im
Zusammenhang mit dem Thema, wie das christliche Geheimnis dargestellt
werden könne, erlebte die Antike eine erbitterte Auseinandersetzung,
die unter dem Namen »Bilderstreit« in die Geschichte einging.
Der in der Frömmigkeit des Gottesvolkes bereits verbreitete
Bilderkult wurde zum Gegenstand einer gewalttätigen Protestbewegung.
Das 787 in Nicäa abgehaltene Konzil, das die Zulässigkeit der
Bilder und ihrer Verehrung beschloß, war nicht nur für den
Glauben, sondern gerade auch für die Kultur ein historisches
Ereignis. Das entscheidende Argument, auf das sich die Bischöfe
beriefen, um den Streit beizulegen, war das Geheimnis der Menschwerdung:
Wenn der Sohn Gottes in die Welt der sichtbaren Wirklichkeiten eingetreten
ist, indem er durch sein Menschsein eine Brücke zwischen dem
Sichtbaren und dem Unsichtbaren schlug, darf man analog annehmen, daß
eine Darstellung des Geheimnisses in der Logik des Zeichens als sinnlich
wahrnehmbare Evokation des Geheimnisses verwendet werden kann. Das Bild
wird nicht um seiner selbst willen verehrt, sondern verweist auf den
Gegenstand, den es darstellt.(13)
Das Mittelalter
8. Die nachfolgenden Jahrhunderte waren Zeugen einer großartigen
Entfaltung der christlichen Kunst. Im Osten ging die Blüte der
Ikonenkunst weiter, gebunden an gewichtige theologische und ästhetische
Regeln und getragen von der Überzeugung, daß die Ikone in
gewissem Sinn ein Sakrament sei: Denn analog zu dem, was in den
Sakramenten geschieht, macht sie das Geheimnis der Menschwerdung in deren
einem oder anderem Aspekt gegenwärtig. Eben darum kann man die Schönheit
der Ikone vor allem im Inneren einer Kirche genießen, wo Lampen
brennen und im Halbschatten unzählige Lichtreflexe hervorrufen. Dazu
schreibt Pavel Florenskij: »Das Gold, das im diffusen Tageslicht
fremd, schwer und nichtig anmutet, lebt durch das flackernde Licht einer
Lampe oder einer Kerze wieder auf, da es von Myriaden Funken bald
hier, bald da erstrahlt und andere, nicht irdische Lichter ahnen läßt,
die den Himmelsraum erfüllen«.(14)
Im Abendland gehen die Künstler, auch in Abhängigkeit von den
in der kulturellen Umwelt ihrer Zeit vorhandenen Grundüberzeugungen,
von den verschiedensten Gesichtspunkten aus. Zu den Kunstschätzen,
die sich im Laufe der Jahrhunderte angehäuft haben, zählt eine
reiche Fülle sakraler Kunstwerke hoher Inspiration, die auch den
heutigen Betrachter mit Bewunderung erfüllen. An erster Stelle stehen
die großartigen Kirchenbauten, bei denen sich die Zweckmäßigkeit
immer mit der Eingebung verbindet und diese letztere sich vom Sinn für
das Schöne und von der Intuition des Mysteriums inspirieren läßt.
Daraus entstehen die in der Kunstgeschichte wohlbekannten Baustile. Kraft
und Schlichtheit des romanischen Stils, wie sie in den Kathedralen oder in
den Klosteranlagen zum Ausdruck kommen, führen nach und nach zu den
schlanken Linien und zur herrlichen Pracht der Gotik. In diesen Formen
steckt nicht nur der geniale Geist eines Künstlers, sondern die Seele
eines Volkes. An dem Spiel von Licht und Schatten, an den bald massiven,
bald schlanken Formen sind sicher bautechnische Überlegungen, aber
auch Spannungen der Gotteserfahrung, die »schreckliches« und »faszinierendes«
Geheimnis ist, beteiligt. Wie soll man in wenigen Andeutungen und für
die verschiedenen Ausdrucksformen der Kunst die schöpferische Kraft
der langen Jahrhunderte des christlichen Mittelalters zusammenfassen? Wenn
auch in den immer vorhandenen Grenzen des Menschlichen, hatte sich eine
ganze Kultur mit dem Evangelium vollgesogen, und dort, wo das theologische
Denken die Summa des hl. Thomas hervorbrachte, bearbeitete die kirchliche
Kunst die Materie für die Anbetung des Geheimnisses, während ein
so wunderbarer Dichter wie Dante Alighieri »das heilige Epos, nach
dem sowohl Himmel wie Erde gegriffen hat«(15) verfassen konnte
die er selbst als Divina Commedia (Göttliche Komödie)
bezeichnete.
Humanismus und Renaissance
9. Das fruchtbare kulturelle Klima, aus dem die außerordentliche künstlerische
Blüte des Humanismus und der Renaissance erwächst, hat
bedeutsame Auswirkungen auch auf die Art der Beziehung der Künstler
dieser Zeit zur religiösen Thematik. Natürlich sind die
Inspirationen ebenso vielfaltig, wie es ihre Stile oder wenigstens jene
der größten unter ihnen sind. Aber es ist nicht meine Absicht,
Dinge zu erwähnen, die euch Künstlern nur zu gut bekannt sind.
Wenn ich euch aus diesem Apostolischen Palast schreibe, der auch eine auf
der Welt wohl einzigartige Schatzkammer von Meisterwerken ist, möchte
ich mich vielmehr zur Stimme der größten Künstler machen,
die hier die Fülle ihrer oft von großer spiritueller Tiefe
durchdrungenen genialen Begabung ausgegossen haben. Von hier aus spricht
Michelangelo, der in der Sixtinischen Kapelle von der Schöpfung bis
zum Jüngsten Gericht das Drama und Geheimnis der Welt
zusammengestellt hat, indem er Gottvater, dem Richter Christus und dem
Menschen auf seinem mühseligen Weg von den Ursprüngen bis ans
Ziel der Geschichte ein Gesicht gegeben hat. Von hier aus spricht der
feinfühlige und tiefsinnige Genius eines Raffael, der in der Vielfalt
seiner Gemälde, und das besonders in der »Disputa« der
Stanza della Segnatura, auf das Geheimnis der Offenbarung des dreieinigen
Gottes hinweist, der in der Eucharistie zum Weggefährten des Menschen
wird; damit wirft er ein Licht auf die Fragen und Erwartungen des
menschlichen Denkens. Von hier aus, von der imposanten, dem Apostelfürsten
geweihten Basilika, von den Kolonnaden, die von ihr wie zwei geöffnete
Arme ausgehen, als wollten sie die Menschheit umgreifen, sprechen auch
um nur die größten zu nennen ein Bramante, ein Bernini,
ein Borromini, ein Maderno, indem sie den Sinn des Geheimnisses plastisch
darstellen, das die Kirche zu einer universalen, gastfreundlichen
Gemeinschaft, zur Mutter und Weggefährtin für jeden Menschen
macht, der auf der Suche nach Gott ist.
In diesem außergewöhnlichen Komplex, wo sie Höhen unvergänglichen
Wertes sowohl in asthetischer wie auch religiöser Hinsicht erreichte,
hat die sakrale Kunst einen Ausdruck einzigartiger Wirkungskraft gefunden.
Was sie unter dem Impuls des Humanismus und der Renaissance und der
darauffolgenden Tendenzen in Kultur und Wissenschaft immer mehr
kennzeichnet, ist ein wachsendes Interesse für den Menschen, die Welt
und die Wirklichkeit der Geschichte. Diese Aufmerksamkeit stellt an und für
sich überhaupt keine Gefahr für den christlichen Glauben dar,
dessen Mittelpunkt das Geheimnis der Menschwerdung und somit die
Aufwertung des Menschen durch Gott bildet. Das zeigen uns gerade die größten
Künstler, die oben erwähnt wurden. Man braucht nur daran zu
denken, wie Michelangelo in seinen Gemälden und Skulpturen der Schönheit
des menschlichen Körpers Ausdruck verleiht.(16)
Auch im neuen Klima der letzten Jahrhunderte, wo ein Teil der
Gesellschaft dem Glauben gegenüber scheinbar gleichgültig
geworden ist, riß übrigens die religiöse Kunst nicht ab.
Diese Feststellung gewinnt an Gewicht, wenn wir von den bildenden Künsten
zur Betrachtung der großartigen Entwicklung übergehen, die
innerhalb derselben Zeitspanne die Kirchenmusik erlebt hat, die für
die liturgischen Bedürfnisse komponiert wurde oder auch nur an religiöse
Themen gebunden war. Neben den unzähligen Künstlern, die sich
ihr umfassend gewidmet haben es seien wenigstens Pier Luigi da
Palestrina, Claudio Monteverdi und Tomás Luis de Victoria genannt ,
haben uns bekanntlich auch auf diesem Gebiet viele große Komponisten
von Händel bis Bach, von Mozart bis Schubert, von Beethoven
bis Berlioz, von Liszt bis Verdi Werke höchster Inspiration
geschenkt.
Auf einen neuen Dialog zu
10. Es trifft freilich zu, daß sich in der Moderne neben diesem
christlichen Humanismus, der nicht aufgehört hat, sich in Kultur und
Kunst auszudrücken, zunehmend auch eine Form von Humanismus
durchgesetzt hat, für den die Abwesenheit Gottes und häufig der
Widerstand gegen ihn charakteristisch ist. Dieses Klima hat bisweilen,
zumindest im Sinn eines verminderten Interesses vieler Künstler für
religiöse Themen, zu einer gewissen Distanz zwischen der Welt der
Kunst und jener des Glaubens geführt.
Ihr wibt jedoch, daß die Kirche weiterhin eine hohe Achtung für
den Wert der Kunst als solcher genährt hat. Diese hat nämlich,
wenn sie echt ist, auch jenseits ihrer typisch religiösen
Ausdrucksformen eine innere Nähe zur Welt des Glaubens, so daß
sogar in den Situationen eines größeren Abrückens der
Kultur von der Kirche gerade die Kunst weiter eine Art Brücke zur
religiösen Erfahrung hin darstellt. Als Suche nach dem Schönen,
Frucht einer das Alltägliche übersteigenden Einbildungskraft,
ist sie ihrer Natur nach eine Art Anruf an das Mysterium. Selbst wenn er
die dunkelsten Tiefen der Seele oder die erschütterndsten Seiten des
Bösen ergründet, wird der Künstler gewissermaßen zur
Stimme der universalen Erlösungserwartung.
Man begreift also, warum die Kirche am Dialog mit der Kunst in
besonderer Weise festhält und den Wunsch hat, daß in unserer
Zeit ein neues Bündnis mit den Künstlern zustande komme, wie es
mein ehrwürdiger Vorganger Paul VI. in seiner beschwörenden
Ansprache an die Künstler während der Begegnung in der
Sixtinischen Kapelle am 7. Mai 1964 wünschte.(17) Von dieser
Zusammenarbeit erhofft sich die Kirche eine neue »Epiphanie« der
Schönheit für unsere Zeit und entsprechende Antworten auf die
Anliegen der christlichen Gemeinschaft.
Im Geiste des Zweiten Vatikanischen Konzils
11. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Grundlagen gelegt für
die Erneuerung der Beziehung zwischen Kirche und Kultur mit unmittelbaren
Auswirkungen auch für die Welt der Kunst. Es ist eine Beziehung, die
sich im Zeichen der Freundschaft, der Öffnung und des Dialogs
darstellt. In der Pastoralkonstitution Gaudium et spes haben die
Konzilsvater die »große Bedeutung« der Literatur und der Künste
im Leben des Menschen hervorgehoben: »Denn sie bemühen sich um
das Verständnis des eigentümlichen Wesens des Menschen, seiner
Probleme und seiner Erfahrungen bei dem Versuch, sich selbst und die Welt
zu erkennen und zu vollenden; sie gehen darauf aus, die Situation des
Menschen in Geschichte und Universum zu erhellen, sein Elend und seine
Freude, seine Not und seine Kraft zu schildern und ein besseres Los des
Menschen vorausahnen zu lassen«.(18)
Auf diesem Fundament haben die Vater zum Abschluß des Konzils ein
Grußwort und einen Appell an die Künstler gerichtet: »Diese
Welt so sagten sie , in der wir leben, hat Schönheit nötig,
um nicht in Verzweiflung zu verfallen. Die Schönheit legt, wie die
Wahrheit, die Freude in das Herz des Menschen und ist eine kostbare
Frucht, die dem zeitlichen Verschleiß widersteht, die Generationen
verbindet und sie in der Bewunderung miteinander in Kommunikation treten läßt!«.(19)
Genau in diesem Geist tiefer Achtung vor der Schönheit hatte die
Konstitution über die Heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium an die
historische Freundschaft der Kirche zur Kunst erinnert. Als sie im
besonderen von der sakralen Kunst als der »höchsten Form«
religiöser Kunst sprach, hatte die Konstitution nicht gezögert,
das Wirken der Künstler als »edlen Dienst« anzusehen, wenn
ihre Werke in der Lage sind, in gewisser Weise die unendliche Schönheit
Gottes widerzuspiegeln sowie Geist und Sinn der Menschen auf ihn
hinzulenken.(20) Auch ist es dem Beitrag der Künstler zu verdanken,
daß »das Wissen um Gott besser verdeutlicht und die
evangelische Botschaft dem Geist der Menschen zugänglicher«
wird.(21) Im Licht des eben Gesagten kann die Äußerung von P.
Marie Dominique Chenu nicht überraschen, wonach selbst der
Theologiehistoriker unvollständige Arbeit leisten würde, wenn er
den literarischen wie auch bildnerischen Kunstwerken nicht die gebührende
Aufmerksamkeit erwiese; stellen sie doch auf ihre Weise »nicht nur ästhetische
Illustrationen, sondern richtige theologische Orte dar«.(22)
Die Kirche braucht die Kunst
12. Um die Botschaft weiterzugeben, die ihr von Christus anvertraut
wurde, braucht die Kirche die Kunst. Denn die Kirche soll die Welt des
Geistes, des Unsichtbaren, die Welt Gottes wahrnehmbar, ja, so weit als möglich,
faszinierend machen. Sie muß also das an sich Unaussprechliche in
bedeutungsvolle Formeln übertragen. Nun besitzt die Kunst die eigentümliche
Fähigkeit, den einen oder anderen Aspekt der Botschaft
herauszugreifen und ihn in Farben, Formen, Töne umzusetzen, welche
die Intuition des Betrachters oder Hörers begünstigen. Und das
geschieht, ohne die Botschaft ihrer transzendenten Bedeutung zu berauben
und ihr den Nimbus eines Geheimnisses zu nehmen.
Die Kirche braucht im besonderen Leute, die all das auf literarischer
und bildnerischer Ebene dadurch zu verwirklichen vermögen, daß
sie mit den unendlichen Möglichkeiten der Bilder und ihrer
symbolischen Bedeutungen arbeiten. Christus selbst hat der Entscheidung
entsprechend, in der Menschwerdung selbst zur Ikone des unsichtbaren
Gottes zu werden, in seiner Verkündigung umfassend von Bildern
Gebrauch gemacht.
Ebenso braucht die Kirche Musiker. Wie viele Kirchenkompositionen sind
im Laufe der Jahrhunderte von Menschen geschaffen worden, die zutiefst vom
Sinn des Geheimnisses erfüllt waren! Unzählige Gläubige
haben ihren Glauben von Melodien genährt, die im Herzen anderer
Glaubender entstanden und Teil der Liturgie oder zumindest eine äußerst
wirksame Hilfe für ihre würdevolle Gestaltung geworden sind. Im
Gesang erfährt sich der Glaube als überschwengliche Freude,
Liebe und zuversichtliche Erwartung des rettenden Eingreifens Gottes.
Die Kirche braucht Architekten, weil sie Raume benötigt, wo das
christliche Volk sich versammeln und die Heilsgeheimnisse feiern kann.
Nach den furchtbaren Zerstörungen des letzten Weltkrieges und der
Expansion der Großstädte hat sich eine neue
Architektengeneration an den Erfordernissen des christlichen
Gottesdienstes versucht und damit die Kraft der Inspiration bestätigt,
die das religiöse Thema auch gegenüber den architektonischen
Kriterien unserer Zeit besitzt. Nicht selten wurden nämlich
Gotteshauser errichtet, die zugleich Orte des Gebetes und echte Kunstwerke
sind.
Braucht die Kunst die Kirche?
13. Die Kirche braucht also die Kunst. Kann man auch sagen, daß
die Kunst die Kirche braucht? Die Frage mag provokant erscheinen. Tatsächlich
aber hat sie, wenn sie richtig verstanden wird, ihre legitime und
tiefgehende Begründung. Der Künstler sucht immer nach dem
verborgenen Sinn der Dinge; seine quälende Sorge ist, daß es
ihm gelinge, die Welt des Unaussprechlichen auszudrücken. Sieht man
da nicht, welch große Inspirationsquelle für ihn jene Art von
seelischer Heimat sein kann, wie sie die Religion darstellt? Werden etwa
nicht im religiösen Bereich die wichtigsten persönlichen Fragen
gestellt und die endgültigen existentiellen Antworten gesucht?
In der Tat gehört die religiöse Frage zu den von den Künstlern
jeder Epoche am meisten behandelten Themen. Die Kirche hat stets an deren
kreative Fähigkeiten appelliert, damit sie die Botschaft des
Evangeliums und ihre konkrete Anwendung im Leben der christlichen
Gemeinschaft darstellen. Diese Zusammenarbeit war eine Quelle
gegenseitiger geistiger Bereicherung. Nutzen gezogen hat daraus schließlich
das Verständnis vom Menschen, seines authentischen Bildes und seiner
Wahrheit. Zutage getreten ist auch die besondere Verbindung, die zwischen
Kunst und christlicher Offenbarung besteht. Das soll nicht heißen,
daß der geniale menschliche Geist nicht auch in anderen religiösen
Umfeldern anregende Eindrücke gefunden hat. Man denke nur an die
antike, besonders die griechische und römische Kunst und an die noch
immer blühende Kunst der ältesten orientalischen Kulturen. Es
ist jedoch wahr, daß das Christentum kraft des zentralen Dogmas von
der Fleischwerdung des Wortes Gottes dem Künstler einen Horizont
anbietet, der besonders reich an inspirierenden Motiven ist. Welche
Verarmung wäre für die Kunst ein Aussetzen des unerschöpflichen
Stromes des Evangeliums!
Appell an die Künstler
14. Mit diesem Brief wende ich mich an euch, ihr Künstler auf der
ganzen Welt, um euch meine Wertschätzung zu versichern und
beizutragen zur Wiederanknüpfung einer noch nützlicheren
Zusammenarbeit zwischen Kunst und Kirche. Meinerseits lade ich dazu ein,
die Tiefe der geistlichen und religiösen Dimension wiederzuentdecken,
wie sie zu allen Zeiten für die Kunst in ihren edelsten
Ausdrucksformen charakteristisch war. Aus dieser Perspektive appelliere
ich an euch Künstler des geschriebenen und gesprochenen Wortes, des
Theaters und der Musik, der bildenden Künste und der modernen
Technologien der Kommunikation. Besonders wende ich mich an euch
christliche Künstler: Ich möchte einen jeden daran erinnern, daß
das seit jeher bestehende Bündnis zwischen Evangelium und Kunst über
die funktionalen Erfordernisse hinaus die Aufforderung einschließt,
mit schöpferischer Intuition in das Geheimnis des menschgewordenen
Gottes und zugleich in das Geheimnis des Menschen einzudringen.
Jeder Mensch ist in einem gewissen Sinn sich selbst unbekannt. Jesus
Christus offenbart nicht nur Gott, sondern »er macht dem Menschen den
Menschen selbst voll kund«.(23) In Christus hat Gott die Welt mit
sich versöhnt. Alle Glaubenden sind aufgerufen, davon Zeugnis zu
geben; aber an euch Männern und Frauen, die ihr euer Leben der Kunst
gewidmet habt, liegt es, mit dem Reichtum eurer genialen Begabung zu
sagen, daß in Christus die Welt erlöst wird: erlöst wird
der Mensch, erlöst wird der menschliche Leib, erlöst wird die
ganze Schöpfung, die, wie der hl. Paulus geschrieben hat, »sehnsüchtig
auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes wartet« (Röm
8,19). Sie erwartet die Offenbarung der Söhne Gottes auch durch die
Kunst und in der Kunst. Das ist eure Aufgabe. Vom Kontakt mit den
Kunstwerken erwartet sich die Menschheit aller Zeiten auch die
heutige , über ihren Weg und ihre Bestimmung aufgeklärt zu
werden.
Schöpfergeist und künstlerische Inspiration
15. In der Kirche ist häufig die Anrufung des Heiligen Geistes zu
vernehmen: Veni, Creator Spiritus... »Komm, Heilger Geist, der
Leben schafft, erfülle uns mit deiner Kraft. Dein Schöpferwort
rief uns zum Sein: nun hauch uns Gottes Odem ein«.(24)
Auf den Heiligen Geist, »den Hauch« (ruah), weist bereits das
Buch Genesis hin: »Die Erde war wüst und leer, Finsternis lag über
der Urflut, und Gottes Geist schwebte über dem Wasser« (1,2).
Welch große Ähnlichkeit besteht zwischen den Worten »Hauch
Hauchen« und »Einhauchung«, Inspiration! Der Geist
ist der geheimnisvolle Künstler des Universums. Im Ausblick auf das
dritte Jahrtausend möchte ich allen Künstlern wünschen, daß
sie reichlich das Geschenk jener schöpferischen Inspirationen
empfangen können, von denen jedes echte Kunstwerk seinen Anfang
nimmt.
Liebe Künstler, ihr wißt sehr wohl: Es gibt viele innere und äußere
Anregungen, die euer Talent inspirieren können. Jede echte
Inspiration jedoch enthält etwas von dem Rauschen jenes »Hauches«,
mit dem der Schöpfergeist von Anbeginn das Schöpfungswerk
durchdrang. Während er über die geheimnisvollen Gesetze wacht,
die das Universum lenken, trifft der göttliche Hauch des Schöpfergeistes
mit dem Geist des Menschen zusammen und stimuliert dessen schöpferische
Begabung. Er erreicht den menschlichen Geist durch eine Art innere
Erleuchtung, welche die Anlage des Guten und des Schönen miteinander
verbindet, und weckt in ihm die Kräfte des Verstandes und des
Herzens, während er ihn dazu befahigt, eine Idee zu konzipieren und
ihr im Kunstwerk Gestalt zu geben. Man spricht dann zu Recht, wenngleich
in analoger Weise, von »Gnadenmomenten«, weil der Mensch die Möglichkeit
hat, eine Erfahrung des ihn übersteigenden Absoluten zu machen.
Die »Schönheit«, die rettet
16. An der Schwelle des dritten Jahrtausends wünsche ich euch
allen, liebe Künstler, daß ihr mit besonderer Intensitat von
diesen schöpferischen Inspirationen erreicht werdet. Die Schönheit,
die ihr an die Generationen von morgen weitergebt, möge so beschaffen
sein, daß sie in ihnen das Staunen weckt! Angesichts der Heiligkeit
des Lebens und des Menschen, angesichts der Wunder des Universums ist die
einzig angemessene Haltung die des Staunens.
Aus diesem Staunen heraus wird jene Begeisterung entspringen können,
von der Norwid in dem Gedicht spricht, auf das ich mich am Anfang bezogen
habe. Solche Begeisterung brauchen die Menschen von heute und morgen, um
sich den entscheidenden Herausforderungen, die sich am Horizont ankündigen,
zu stellen und sie zu bewältigen. Ihr ist es zuzuschreiben, daß
sich die Menschheit nach jeder Verwirrung wieder aufrichten und ihren Weg
neu aufnehmen können. Genau in diesem Sinn hat man mit tiefer
intuitiver Erkenntnis gesagt, daß »die Schönheit die Welt
retten wird«.(25)
Die Schönheit ist Chiffre des Geheimnisses und Hinweis auf das
Ewige. Sie ist Einladung, das Leben zu genießen und von der Zukunft
zu träumen. Deshalb vermag die Schönheit der geschaffenen Dinge
nicht zu befriedigen und weckt jene heimliche Sehnsucht nach Gott, die ein
so leidenschaftlicher Liebhaber des Schönen wie der hl. Augustinus
mit unvergleichlichen Worten einzufangen wußte: »Spät hab
ich dich geliebt, du Schönheit, ewig alt und ewig neu, spät hab
ich dich geliebt!«.(26)
Ich wünsche euch Künstlern der Welt, daß eure
vielfaltigen Pfade alle zu jenem unendlichen Ozean der Schönheit führen
mögen, wo das Staunen zu trunkener Bewunderung und unsagbarer Freude
wird.
Ich wünsche euch, daß das Geheimnis des auferstandenen
Christus, dessen Betrachtung sich die Kirche in diesen Tagen mit Freude
hingibt, eure Arbeit inspiriere.
Es begleite euch die heilige Jungfrau Maria, die »Tota Pulchra«,
die unzählige Künstler dargestellt haben und die der große
Dante im Strahlenkranz des Paradieses betrachtet als »Schönheit
und Freude, die allen anderen Heiligen vor Augen stand«.(27)
»Aus dem Chaos taucht die Welt des Geistes auf«. Aus den
Worten, die Adam Mickiewicz in einem Augenblick großen Leidens für
die polnische Heimat schrieb,(28) leite ich einen Wunsch für euch ab:
Eure Kunst trage dazu bei, die wahre Schönheit herauszustellen, die
als eine Art Widerschein des Geistes Gottes die Materie verwandle und dem
Inneren der Menschen den Sinn für das Ewige erschließe.
Das wünsche ich euch aus ganzem Herzen!
Aus dem Vatikan, am 4. April, Ostersonntag 1999.
(1) Dialogus de ludo globi, lib. II: Philosophisch-Theologische
Schriften, Wien 1967, III, S. 332.
(2) Die sittlichen Tugenden und darunter besonders die Besonnenheit
lassen den Menschen nach dem Kriterium des sittlich Guten und des sittlich
Bösen handeln: gemäß der recta ratio agibilium (des
richtigen Kriteriums des Verhaltens). Die Kunst hingegen wird in der
Philosophie als recta ratio factibilium (das richtige Kriterium der
Realisierung) definiert.
(3) Promethidion: Bogumil, v. 185-186: Pisma wybrane, Warszawa
1968, vol. 2, p. 216.
(4) Diesen Aspekt drückt die griechische Übersetzung der
Septuaginta eindrucksvoll aus, wenn sie das Wort t(o-)b (gut) des
hebraischen Textes mit kalón (schön) wiedergibt.
(5) Philebos, 65 A.
(6) JOHANNES PAUL II., Enzyklika Fides et ratio (14. September 1998), n.
80: AAS 91 (1999), 67.
(7) Dieses pädagogische Prinzip wurde vom hl. Gregor dem Großen
599 in einem Brief an Bischof Serenus von Marseille in kompetenter Weise
formuliert: «Die Malerei wird in den Kirchen verwendet, damit die
Analphabeten wenigstens, wenn sie auf die Wände schauen, das lesen,
was sie in den Codices nicht zu entziffern in der Lage sind»
(Epistulae, IX, 209: CCL 140A, 1714).
(8) Lodi di Dio altissimo, V. 7 u. 10, in: Fonti Francescane, n. 261,
Padua 1982, S. 177.
(9) Legenda maior, IX, 1, in: Fonti Francescane, n. 1162, a.a.O., S.
911.
(10) Enkomia der Matutin vom Karsamstag.
(11) Homilie I, 2: PG 34, 451.
(12) »At nobis ars una fides et musica Christus«: Carmen
20,31: CCL 203, 144.
(13) Vgl. JOHANNES PAUL II., Apostolisches Schreiben Duodecimum Saeculum
(4. Dezember 1987), 8-9: AAS 80 (1988) 247-249.
(14) La prospettiva rovesciata ed altri scritti, Rom 1984, S. 63.
(15) Paradiso XXV,1-2.
(16) Vgl. JOHANNES PAUL II., Predigt während der hl. Messe anläßlich
der Beendigung der Restaurierung der Fresken von Michelangelo in der
Sixtinischen Kapelle (8. April 1994): Insegnamenti 171 (1994), 899-904.
(17) Vgl. AAS 56 (1964), 438-444.
(18) N. 62.
(19) Botschaft an die Künstler (8. Dezember 1965): AAS 58 (1966),
13.
(20) Vgl. N. 122.
(21) II. VAT. KONZIL, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 62.
(22) La teologia nel XII secolo, Jaca Book, Mailand 1992, S. 9.
(23) II. VAT. KONZIL, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 22.
(24) Hymnus bei der Vesper zum Pfingstfest.
(25) F. DOSTOJEWSKIJ, Der Idiot, III. Teil, Kap. V.
(26) »Sero te amavi! Pulchritudo tam antiqua et tam nova, sero te
amavi!«: Confessiones 10, 27,38: CCL 27, 251.
(27) Paradiso XXXI, 134-135.
(28) Oda do mlodosci, 69: Wybór poezji, Wroclaw 1986,
vol. 1, p. 63.
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