Der Herr wird allen Vö lkern ein Festmahl richten
(vgl. Jes 25, 6)
Brüder und Schwestern in Christus,
die vor uns liegende Fastenzeit ist Gottes Geschenk. Er will uns helfen,
daß wir uns wieder als seine Kinder sehen, von des Vaters Liebe
durch Christus im Hl. Geist geschaffen und erneuert.
1. Der Herr wird allen Völkern ein Festmahl richten. Diese
Worte bestimmen die vorliegende Fastenbotschaft, und sie möchten vor
allem anregen, der liebenden Fürsorge des Himmlischen Vaters für
alle Menschen innezuwerden. Sie offenbart sich schon im Schöpfungsakt,
als Gott "sah, was er gemacht hatte: Es war sehr gut" (Gen
1,31). Sie wird bestätigt in der besonderen Nähe zum Volk
Israel, das Gott als sein Volk für das Heilswerk auserwählt. In
Jesus Christus erreicht diese liebende Fürsorge ihre Vollendung: Im
Herrn geht der Segen Abrahams auf alle Völker über, und aufgrund
des Glaubens erhalten wir den verheißenen Geist (vgl. Gal
3,14).
Gerade die Fastenzeit eignet sich, dem Herrn aufrichtig zu danken für
seine durch die Geschichte fortdauernden Wundertaten an den Menschen und
vor allem für die Erlösung, derentwegen er selbst seinen Sohn
nicht verschonte (vgl. Röm 8,32).
Gottes heilschaffende Gegenwart in den Wechselfällen des Menschen
zu entdecken, spornt zur Umkehr an. Wer wahrnimmt, daß die Auserwählung
Gottes allen gilt, den drängt es zu Lob und Preis. Mit dem Heiligen
Paulus wiederholen wir: "Gepriesen sei der Gott und Vater unseres
Herrn Jesus Christus. Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet
durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel. Denn in ihm hat er uns
erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig
leben vor Gott" (Eph 1, 3-4). Unseren Glauben zu erneuern, lädt
Gott selbst uns zu Buße und innerer Reinigung ein. Unermüdlich
ruft er uns zu sich, und jedesmal wenn wir die Niederlage der Sünde
erleben, zeigt er uns den Weg zurück in sein Haus, dort finden wir
diese einzigartige Zuwendung wieder, für die er uns in Christus erwählt
hat. So wächst in uns Dankbarkeit für die Liebe, die der Vater
uns erfahren läßt.
2. Die Fastenzeit bereitet uns für die Feier von Christi Leiden und
Auferstehung, das Geheimnis unserer Erlösung. Wenn der Herr mit
seinen Jüngern am Gründonnerstag Mahl hält, und er sich
selbst in den Zeichen von Brot und Wein darbringt, dann nimmt er dieses
Mysterium vorweg. In der Eucharistie "verwirklicht sich die reale,
substantielle und dauernde Gegenwart des auferstandenen Herrn ... mit der
Darbringung jenes Brotes des Lebens, das Unterpfand der zukünftigen
Herrlichkeit ist", so schrieb ich im Apostolischen Schreiben Dies
Domini (Nr. 39).
Das Mahl ist Zeichen der Freude, weil sich dort die tiefe Verbundenheit
derer zeigt, die es begehen. Das vom Propheten Jesaja für alle Völker
angekündigte Festmahl (vgl. Jes 25,6) wird so in der
Eucharistie Wirklichkeit. Untrüglich verweist sie auf die Endzeit.
Der Glaube sagt uns, daß das Pascha-Geheimnis in Christus schon erfüllt
ist; aber es muß sich noch in jedem von uns realisieren. Mit seinem
Tod und seiner Auferstehung schenkte uns der Sohn Gottes das ewige Leben,
das hier seinen Anfang nimmt und seine endgültige Verwirklichung im
ewigen Ostern des Himmels findet. Viele unserer Brüder und Schwestern
sind fähig, Elend, Sorgen und Krankheit anzunehmen in der Gewißheit,
eines Tages am ewigen Mahl des Himmels teilzunehmen. So läßt
die Fastenzeit den Blick über die Gegenwart, die Geschichte und den
Horizont dieser Welt hinausgehen; sie verweist auf die vollkommene und
dauernde Gemeinschaft mit der Heiligsten Dreifaltigkeit.
Der in Christus erhaltene Segen reißt die Mauer der Zeitlichkeit
nieder und öffnet die Pforte der endgültigen Teilhabe am Leben
in Gott. "Selig, wer zum Hochzeitsmahl des Lammes eingeladen ist"
(Offb 19,9): Wir können nicht vergessen, daß unser
Leben in diesem Festmahl, vorweggenommen im Sakrament der Eucharistie,
sein Endziel hat. Christus hat nicht nur unserem irdischen Leben neue Würde
erlangt, sondern er hält vor allem die neue Würde der Kinder
Gottes bereit, die zum ewigen Leben mit Ihm berufen sind. Die Fastenzeit
wappnet gegen die Versuchung, die Wirklichkeit dieser Welt als endgültig
anzusehen; sie will erkennen machen, daß "unsere Heimat im
Himmel ist" (Phil 3,20).
3. Im Hören auf diesen wunderbaren Ruf, den der Vater in Christus
an uns richtet, können wir seine Liebe für uns nicht vergessen.
Dieses Jahr der Vorbereitung auf das Große Jubiläum 2000 will
neu bewußt werden lassen, daß Gott Vater ist, der uns in
seinem auserwählten Sohn sein eigenes Leben mitteilt. Durch die
Heilsgeschichte, die Er mit jedem und für jeden von uns wirkt, lernen
wir, die Liebe intensiver zu leben (vgl. 1 Joh 4, 10 ff.), die
theologische Tugend, deren Vertiefung ich für 1999 im Apostolischen
Schreiben Tertio millennio adveniente empfohlen hatte.
Die Erfahrung der Liebe des Vaters drängt den Christen, in einer
Logik des Dienens und Teilens seinerseits lebendiges Geschenk zu werden,
offen für die Aufnahme der Menschen. In unendlich vielen Bereichen
hat die Kirche im Laufe der Jahrhunderte mit Wort und Taten die Liebe
Gottes bezeugt. Auch heute noch öffnen sich vor uns weite Räume,
in denen durch das Wirken der Christen die Liebe Gottes präsent
werden muß. Die neue Armut und andere quälende Fragen, die
vielen Angst machen, suchen konkrete und zutreffende Antworten. Wer einsam
ist oder an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurde, wer hungert,
Opfer der Gewalt oder hoffnungslos ist, soll in der Fürsorge der
Kirche das Mitfühlen des Himmlischen Vaters erfahren, der seit
Anbeginn der Welt jeden umsorgt und mit seinem Segen beschenkt.
4. Eine Fastenzeit mit dem Blick auf den Vater wird zu einer einmaligen
Zeit der Liebe und findet Ausdruck in den leiblichen und geistigen Werken
der Barmherzigkeit. Unübersehbar sind ja alle die, die vom Mahl des
alltäglichen Wohlstands ausgeschlossen sind. Es gibt viele "Lazarus",
die an die Türen der Gesellschaft klopfen: alle, die keinen Anteil an
den materiellen Vorteilen des Fortschritts haben. Andauernde Situationen
der Misere müssen das Gewissen der Christen aufrütteln und
verpflichten, individuell und gemeinsam Abhilfe zu schaffen.
Nicht nur einzelne haben Gelegenheit, Arme an ihrem Wohlstand teilhaben
zu lassen; auch internationale Institutionen, Staatsregierungen und führende
Zentren der Weltwirtschaft sind zu mutigen Wegen verpflichtet, Güter
innerhalb der jeweiligen Länder und zwischen den Völkern gerecht
zu verteilen.
5. Brüder und Schwestern, am Beginn der Fastenzeit wende ich mich
mit dieser Botschaft an euch, um euch zur Umkehr zu ermutigen; sie führt
zu einer volleren Kenntnis des Geheimnisses des Guten, das Gott für
uns bereithält. Maria, die Mutter der Barmherzigkeit, leite unsere
Schritte. Sie hat als erste den liebenden Plan des Vaters erkannt und
angenommen; sie hat geglaubt und ist die "gesegnete unter den Frauen"
(Lk 1,42). Sie war gehorsam im Leiden und wurde so als erste der
Herrlichkeit der Kinder Gottes teilhaftig.
Maria stärke uns mit ihrer Gegenwart; sie sei "Zeichen der
sicheren Hoffnung" (Lumen gentium 68) und trete bei Gott ein,
damit uns Gottes Barmherzigkeit neu erfülle.
Aus dem Vatikan, 15. Oktober 1998