Liebe Schwestern und Brüder!
Ihr stellt Euch die Frage: „Was ist aus der Fastenzeit geworden?“ Die geringe
Enthaltung von Speisen, meint Ihr, bedeutet nicht viel, da doch so viele unserer
Brüder und Schwestern, die Opfer von Kriegen und Katastrophen, physisch und
moralisch große Not leiden.
Das Fasten bezieht sich auf die immer notwendige persönliche Askese; die Kirche
verlangt aber von den Getauften, in dieser liturgischen Zeit auch auf andere
Weise ein Zeichen zu setzen. Die Fastenzeit hat in der Tat für uns eine große
Bedeutung: sie soll vor den Augen der Welt sichtbar machen, dass das Volk Gottes
in seiner Gesamtheit, weil es sündig ist, sich durch Buße vorbereitet, um das
Leiden, den Tod und die Auferstehung Christi liturgisch nachzuvollziehen. Dieses
öffentliche und gemeinsame Zeugnis hat seine Quelle im Geist der Buße eines
jeden von uns; zugleich befähigt es uns, diese innere Haltung zu vertiefen und
sie noch besser zu motivieren.
Auf etwas verzichten bedeutet nicht nur von seinem Überfluss geben, sondern
bisweilen auch vom Lebensnotwendigen, wie die Witwe im Evangelium, die wusste,
dass ihre Gabe ein bereits von Gott erhaltenes Geschenk war. Sich enthalten
bedeutet auch, sich zu befreien von den Zwängen einer Zivilisation, die uns zu
immer mehr Komfort und Verbrauch anreizt, ohne sich dabei zugleich um die
Erhaltung unserer Umwelt zu kümmern, die doch das gemeinsame Erbe der Menschheit
ist.
Für Eure kirchlichen Gemeinschaften ist es sinnvoll, an Fastenaktionen
teilzunehmen; sie helfen Euch, Eurer Bußpraxis eine Richtung zu geben, indem Ihr
Eure Güter mit denen teilt, die weniger oder überhaupt nichts haben.
Könnt Ihr etwa noch untätig an Eurem Platz verharren, weil niemand Euch gebeten
hätte, etwas zu tun? Auf dem Werkplatz christlicher Liebe fehlen Arbeiter; die
Kirche ruft Euch dorthin. Wartet nicht, bis es zu spät ist, um Christus zu Hilfe
zu kommen, der im Gefängnis ist oder ohne Kleidung; Christus, der Verfolgung
leidet oder sich auf der Flucht befindet; Christus, der Hunger hat oder
heimatlos ist. Helft unseren Brüdern und Schwestern, denen es am Notwendigsten
mangelt, die unmenschlichen Lebensbedingungen zu verlassen und wirklich zu einem
volleren Menschsein zu gelangen.
Euch alle, die Ihr entschlossen seid, dieses Zeichen der Buße und des Teilens in
der Kraft des Evangeliums zu setzen, segne ich im Namen des Vaters und des
Sohnes und des Heiligen Geistes.
IOANNES PAULUS II
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