1. "Ein Kind wird uns geboren, ein Sohn ist uns
geschenkt" (Jes 9, 5).
Mit diesen Worten möchte ich heute, an diesem großen
Festtag, die Kirche und die Menschheitsfamilie grüßen.
Wir begegnen uns an dem Geburtsfest. Ein Kind
wird geboren; ein Sohn kommt zur Welt. Er wird geboren
von der Mutter. Neun Monate war er wie jedes Menschenkind in ihrem
Schoß geborgen. Er wird von der Mutter
geboren in der Zeit und nach den zeitlichen Gesetzen
der Geburt eines Menschen.
Vom Vater wurde er geboren von Ewigkeit. Er
ist der Sohn Gottes. Er ist das Wort. Er bringt die ganze Liebe des Vaters für
den Menschen mit in die Welt. Er ist die Offenbarung der göttlichen
Menschenfreundlichkeit. In ihm schenkt sich der Vater selbst jedem Menschen. In
ihm wird das ewige Erbe des Menschen in Gott bekräftigt. In ihm wird bis zum
Ende die Zukunft des Menschen offenbart. Er gibt dem menschlichen Leben
Bedeutung und Sinn, unabhängig von Leiden oder Behinderungen, die auf diesem
Leben während seiner zeitlichen Dauer lasten können.
All das wird er durch seine Frohbotschaft und schließlich durch seinen
Kreuzestod und seine Auferstehung verkünden.
All das verkündet er schon jetzt durch seine Geburt.
2. "Ein Kind wird uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt."
Heute wenden sich unsere Herzen, die bei dem neugeborenen Kind von
Betlehem verweilen, zugleich jedem Kind zu, jedem neuen Menschen, der von
menschlichen Eltern geboren wird: dem Kind, das noch geboren werden muß oder
schon geboren ist, zunächst dem Säugling und dann dem Kleinkind, das die ersten
Schritte versucht; das zu lachen, zu sprechen und zu verstehen beginnt; dem Kind,
das sich auf den Schuleintritt vorbereitet, und dem, das sich in der Schule für
das Leben heranbildet.
Weihnachten ist das Fest aller Kinder in der Welt;
aller ohne Unterschied von Rasse, Nationalität, Sprache oder
Herkunft. Christus ist in Betlehem für sie alle geboren. Er
vertritt sie alle. Von ihnen und von jedem einzelnen spricht zu
uns sein erster Tag auf dieser Erde; die erste Botschaft des
Kindes einer armen Frau, der Mutter, die ihn nach der Geburt „in
Windeln wickelte und ihn in eine Krippe legte, weil in der
Herberge kein Platz für sie war" (Lk 2, 7).
Diese Botschaft des Kindes, die Botschaft des
Neugeborenen, muß am Ende dieses Jahres, das auf Initiative der
Organisation der Vereinten Nationen von der ganzen
Menschheitsfamilie als "Jahr des Kindes" begangen wurde, mit
besonderer Deutlichkeit erschallen.
3. Jenes Kind, das in Betlehem geboren wurde, soll zu
uns deshalb am Ende dieses Jahres und am Beginn eines neuen von
den Rechten eines jeden Kindes sprechen, von seiner Würde, von
seiner Bedeutung für unser Leben: das Leben einer jeden Familie
und Nation, das Leben der ganzen Menschheit.
Das Kind ist immer eine neue Offenbarung des Lebens,
das dem Menschen vom Schöpfer geschenkt wird. Es ist eine neue
Bekräftigung des Bildes und Gleichnisses Gottes, das er von
Anfang an dem Menschen eingeprägt hat.
Das Kind ist ferner ständiger Prüfstein unserer Treue
zu uns selbst und unserer Treue zur Menschheit. Es ist ein
Prüfstein unserer Achtung vor dem Geheimnis des Lebens, in das
der Schöpfer vom ersten Augenblick der Empfängnis die Zeichen
seines Bildes und Gleichnisses eingeprägt hat.
Die Würde des Kindes fordert von seiten der Eltern und
der Gesellschaft ein waches, verantwortungsbewußtes Gewissen.
Denn das Kind ist jener neuralgische Punkt, wo sich die
sittliche Haltung der Familie und folglich der ganzen Nation und
Gesellschaft festigt oder auflöst. Die Würde des Kindes fordert
große Verantwortung von seiten der Eltern und auch die größte
soziale Verantwortung in jedem Bereich.
4. Vor einigen Monaten hatte ich die Ehre, vor der
Organisation der Vereinten Nationen in New York zu sprechen. Ich
erlaube mir, heute die Worte zu wiederholen, die ich bei jener Gelegenheit vorgetragen habe: „Ich möchte ... vor der Welt
der Freude Ausdruck geben, die für jeden von uns die Kinder
bedeuten, der Frühling des Lebens, der Anfang der zukünftigen
Geschichte eines jeden hier vertretenen Vaterlandes. Kein Land
der Welt, kein politisches System kann anders an seine eigene
Zukunft denken als nur mit dem Blick auf diese neuen
Generationen, die von ihren Eltern das vielfaltige Erbe an
Werten, Verpflichtungen und Hoffnungen der Nation, zu der sie
gehören, zusammen mit dem Erbe der gesamten Menschheitsfamilie
übernehmen. Die Sorge für das Kind noch vor seiner Geburt, vom
ersten Augenblick seiner Empfängnis an, und dann in den Jahren
der Kindheit und der Jugendzeit ist die erste und grundlegende
Probe für das Verhältnis des Menschen zum Menschen.
Was könnte man also einer jeden Nation und der ganzen
Menschheit sowie allen Kindern der Welt Besseres wünschen als
jene schönere Zukunft, in der die Achtung der Menschenrechte
voll und ganz zur Wirklichkeit wird nach den Maßstäben des
Jahres 2000?
Bei einer solchen Sicht müssen wir uns allerdings
fragen, ob über dieser neuen Generation die Bedrohung der
allgemeinen Vernichtung noch weiter zunehmen wird, für die die
Mittel in der Hand der heutigen Staaten und vor allem der
größeren Mächte der Erde bereitliegen. Müssen sie vielleicht von
uns wie ein unausweichliches Erbe den Rüstungswettlauf
übernehmen?" (Ansprache vor der UN-Vollversammlung vom 2.10.79, Nr. 21-22).
5. Kehren wir nun vom Versammlungssaal der UNO wieder zurück zum Stall
von Betlehem. Halten wir noch einmal vor der Krippe inne und sagen wir, während
wir uns zu jenem neugeborenen Kind hinwenden, allen Kindern dieser Erde: Ihr seid unsere Liebe, ihr seid unsere Zukunft! Wir
wollen euch das Beste übergeben, was wir besitzen. Wir wollen
euch eine bessere und gerechtere Welt überlassen: eine Welt
menschlicher Brüderlichkeit und des Friedens. Wir wollen euch
die Frucht der Arbeit aller Generationen und das Erbe aller
Kulturen überantworten.
Wir wollen an euch vor allem jenes kostbare Erbe, jenes
unerschöpfliche Geschenk weiterreichen, das das
neugeborene Kind von Betlehem
uns Menschen gebracht hat!
Kommt alle zu ihm! Alle Kinder der ganzen
Menschheitsfamilie! Singt in allen Sprachen und in allen
Dialekten! Singt dem neugeborenen Kind! Verkündet die Freude!
Verkündet die große Freude! Die Freude eures Festes.
6. Und nun möchte ich, indem ich besonders der Kinder
gedenke, die an so vielen Orten der Erde leben, den
weihnachtlichen Segenswunsch an euch richten: "Christus natus
est nobis, venite adoremus!"
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