ENZYKLIKA ÜBER DIE
LICHTSPIELE
VIGILANTI CURA
Ehrwürdige Brüder und Schwestern, Gruß und Apostolischen Segen,
es war für uns, die wir mit wachsamem Auge, unserer Hirtenpflicht gemäß,
die segensreiche Tätigkeit unserer Mitbrüder im Episkopat und des gläubigen
Volkes begleiten, überaus trostreich, die Früchte zu sehen, die schon
geerntet sind, und die immer noch anhaltenden Fortschritte jener vorsorglichen
Tätigkeit, die vor mehr als zwei Jahren gegen die Mißbräuche in den
Kinovorstellungen begonnen wurde: Wir meinen jenen heiligen Kreuzzug, der
insbesondere der "Legion des Anstandes" anvertraut war.
Dieser ausgezeichnete Versuch gibt uns die freudig ergriffene Gelegenheit,
in umfassender Weise unsere Gedanken über eine Angelegenheit zu äußern, die
so nahe das moralische und religiöse Leben des gesamten christlichen Volkes
berührt.
Vor allem unsern Dank der Hierarchie der Vereinigten Staaten und ihren
treuen Mitarbeitern für die bedeutenden Leistungen, die unter ihrer Leitung
und Führung von der "Legion des Anstandes" vollbracht worden sind.
Um so lebhafter ist unser Dank, je mehr wir in Sorge gewesen waren, als wir
Tag für Tag den traurigen Fortschritten - "magni passus extra viam"
(große Schritte, aber vom Wege ab) - der Filmkunst und -industrie in der
Darstellung von Sünden und Lastern begegneten.
I.
So oft sich Gelegenheit geboten hat, haben wir uns der Pflicht unseres
erhabenen Amtes erinnert und auf dieses Gebiet die Aufmerksamkeit nicht nur
des Episkopates und des Klerus gelenkt, sondern auch aller jener
rechtschaffenen Menschen, denen das öffentliche Wohl am Herzen liegt.
Schon in dem Rundschreiben Divini illius Magistri haben wir darüber
geklagt, daß "validissima eiusmodi ad quidvis evulgandum subsidia, quae,
si ad sana principia apte regantur, erudititioni magnopere atque educationi
prodesse queant, saepe - proh dolor - provehendis vitiorum illicitis
sordidisque quaestibus serviunt"(1) (die gewaltigsten Propagandamittel
dieser Art, die so sehr dem Unterricht und der Erziehung nützen könnten,
wenn sie nach den richtigen Grundsätzen angewandt würden, oft - leider - dem
Anreiz der Laster und schmutziger Leidenschaften dienen).
Wir erinnern ferner an unsere Ausführungen vor einer Vertretung der
Internationalen Vereinigung der Filmpresse im Jahre 1934. Wir warfen damals
einen Blick auf die außerordentlicke Bedeutung, die diese Art von
Schauspielen in unsern Tagen gewonnen hat, und auf den weitreichenden Einfluß,
den sie als Anreiz zum Guten oder zum Bösen ausüben. Schließlich machten
wir darauf aufmerksam, wie es notwendig sei, auf das Filmwesen die höchste
Norm anzuwenden, die das große Geschenk der Kunst beherrschen und leiten
soll, das Gesetz der Moral, wobei wir nicht immer an die christliche Moral
denken, sondern einfach an die natürliche gute Sitte.
Es hat eben die Kunst die wesentliche Aufgabe, die aus ihrem eigenen
Daseinsgrund schon hervorgeht, daß sie nämlich eine Vervollkommnung des
Menschen darstellt, der ein moralisches Wesen ist, daß sie infolgedessen
selber moralisch sein muß. Wir schlossen damals unter dem lauten Beifall
dieser auserlesenen Persönlichkeiten - noch erinnern wir uns an sie mit
herzlicher Freude - mit der Betonung der Notwendigkeit, den Film moralisch zu
machen, zu einem "Lehrer der Moral, zu einem Erzieher".
Und noch jüngst, im April des laufenden Jahres, als wir eine Gruppe des in
Rom tagenden Interniationalen Kongresses der Filmpresse in einer Audienz
willkommen hießen, haben wir von neuem die Schwere dieses Problems
betrachtet; mit warmen Worten haben wir alle, die guten Willens sind, im Namen
der Religion, aber auch im Namen des wahren moralischen und bürgerlichen
Wohles der Völker aufgefordert, all ihr Können, gerade auch das der Presse,
aufzubieten, damit die Filmkunst zu einem wertvollen Element der Belehrung und
der Erholung werde und nicht mehr zu einem der Zerstörung und des Untergangs
der Seelen.
Aber der Gegenstand ist von solcher Bedeutung, nicht bloß seiner selbst
wegen, sondern auch wegen der Lebensbedingungen der heutigen Gesellschaft, daß
wir es für notwendig erachten, noch einmal darauf zurückzukommen. Und zwar
soll das nicht bloß unter besonderen Gesichtspunkten geschehen, wie bei den
früheren Gelegenheiten, sondern mit einem umfassenden Blick auf die
Erfordernisse nicht nur in Euren Diözesen, Ehrwürdige Brüder und
Schwestern, sondern des ganzen Erdkreises.
II.
Es ist in der Tat dringend notwendig, dafür zu wirken, daß auch in dieser
Sache die Fortschritte der Kunst, des Wissens und selbst der Technik und
Industrie, die wahre Gaben Gottes sind, auf die Ehre Gottes und auf das Heil
der Seelen hingerichtet werden; daß sie praktisch der Ausbreitung des Reiches
Gottes auf Erden dienen, auf daß alle, wie die Kirche es erflehen läßt,
daran in solcher Weise teilhaben, daß sie der ewigen Güter deshalb nicht
verlustig gehen: "sic transeamus per bona temporalia, ut non amittamus
aeterna"(2) (so sollen wir durch die irdischen Güter hindurchgehen, daß
wir die ewigen nicht verlieren).
Nun ist es gewiß und durch allgemeine Erfahrung bestätigt, daß die
Fortschritte der Filmkunst und -industrie, je erstaunlicher sie sich entfaltet
hatten, um so verderblicher und verhängnisvoller für die Moral und für die
Religion wurden, ja für die ganze sittliche Haltung des bürgerlichen
Zusammenlebens.
Die Direktoren der Industrie in den Vereinigten Staaten haben das selber
zugegeben, als sie sich öffentlich vor der ganzen Welt zu ihrer eigenen
Verantwortlichkeit bekannten. Im März 1930 nahmen sie in einem freien Beschluß,
der einmütig gefaßt, feierlich unterschrieben und von der großen Presse
verbreitet wurde, die feierliche Verpflichtung auf sich, in Zukunft die Moral
der Besucher ihrer Filmtheater stützen zu wollen.
In ihrem Kodex finden wir das Versprechen, daß kein Film mehr gedreht
werden soll, der das moralische Niveau der Besucher niederdrücktt, der die
natürliche und menschliche Sitte in Mißkredit bringt, der Sympathien schafft
für ihre Verletzung.
Leider aber zeigten sich trotz der weisen Beschlüsse, die freiwillig gefaßt
wurden, die Verantwortlichen außerstande, sie durchzuführen, und die
Regisseure schienen nicht gewillt zu sein, sich den Prinzipien zu fügen, zu
deren Beobachtung sie verpflichtet worden waren.
Da sich nun die besagte Verpflichtung als wenig wirksam erwiesen hatte und
man in den Filmtheatern fortfuhr, Laster und Verbrechen zu verherrlichen,
schien der Weg zu einer anständigen Unterhaltung im Filmtheater für immer
verlegt.
In dieser Krise nun, Ehrwürdige Brüder und Schwestern, wart ihr unter den
ersten, die die Frage untersuchten, wie man die Seelen derer stützen könne,
die eurer Sorge anvertraut waren, und ihr machtet mit der "Legion des
Anstandes" den Anfang eines Kreuzzuges für die öffentliche
Sittlichkeit, um die Ideale einer natürlichen und christlichen Ehrbarkeit neu
zu beleben. Jeder Gedanke lag Euch fern, die Filmindustrie schädigen zu
wollen; im Gegenteil habt ihr sie indirekt vor dem sicheren Zusammenbruch all
jener Formen der Erholung bewahrt, die einer Zersetzung der Kunst zutreiben.
Eure Direktiven weckten die empfängliche und ergebene Anhänglichkeit
eurer Gläubigen; Millionen von amerikanischen Katholiken unterschrieben das
Gebot der "Legion des Anstandes" und verpflichteten sich, keiner
Filmvorstellung mehr beizuwohnen, die einen Angriff auf die katholisdle Moral
und auf die rechten Lebensnormen enthalte.
So können wir mit Freude feststellen, daß nur wenige Probleme der letzten
Zeit Bischöfe und Volk so eng miteinander verbunden haben, wie die hier in
Rede stehende Zusammenarbeit bei diesem heiligen Kreuzzug. Nicht bloß
Katholiken, sondern auch angesehene Protestanten, Juden und viele andere, sind
eurem Vorgehen gefolgt und haben sich Euren Bemühungen angeschlossen, indem
nun auch sie dem Film weise Normen in künstlerischer und moralischer Hinsicht
zurückgaben.
Es ist von größter Bedeutung, den beachtenswerten Erfolg dieses
Kreuzzuges hervorzuheben, da das Filmwesen unter eurer Wachsamkeit und unter
dem Druck der aufgerufenen öffentlichen Meinung sich tatsächlich moralisch
hob: Verbrechen und Laster erschienen seltener auf der Leinwand; die Sünde
wurde nicht so offen gebilligt und verherrlicht; falsche Lebensauffassungen
zeigten sich nicht mehr in dieser aufreizenden Art vor den Augen der empfänglichen
Jugend.
Wenn man in gewissen Kreisen voraussagte, es würden die künstlerischen
Werte des Films durch die Hartnäckigkeit der "Legion des Anstandes"
Schaden nehrnen, so scheint gerade das Gegenteil davon eingetroffen zu sein.
Sie gab jenen Kräften keinen geringen Antrieb, die den FiIm zu einer
vornehmen künstlerischen Leistung führen möchten, zu einer Nachbildung
klassischer Werke und zu einer originalen Gestaltung außergewöhnlicher
Werte.
Es traten auch keine finanziellen Verluste ein, wie man leichthin
prophezeit hatte;. denn viele, die dem Kinotheater aus moralischen Gründen
ferngeblieben waren, kehrten zu ihm zurück, als sie Gelegenheit bekamen, anständige
Stücke zu sehen, die nicht die guten Sitten beleidigten und die keine
Gefahren für die christliche Tugend waren.
Als Ihr mit eurem Kreuzzug begannet, sagte man, daß das Bemühen von
kurzer Dauer und die Erfolge vorübergehender Art sein würden. Nach und nach
werde die Wachsamkeit der Bischöfe und der Gläubigen nachlassen, und die
Produzenten konnten wieder ungehindert zu ihren alten Gewohnheiten zurückehren.
Es ist auch leicht einzusehen, daß einzelne Unternehmer wieder nach der
Freiheit für zweideutige Stücke verlangten, die die niedere Begierlichkeit
aufreizen, und die von Euch geächtet worden waren. Während die Produktion
von wirklich künstlerischen Gestalten und bedeutenden menschlichen
Schicksalen geistige Kraft, Arbeit, Fähigkeit und nicht selten auch einen
beachtlichen finanziellen Einsatz erfordert, ist es oft verhältnismäßig
leicht, den Andrang gewisser Menschen und sozialer Schichten zum Kino zu
erreichen mit Vorstellungen, die die Leidenschaften entflammen und die
verborgenen niederen Instinkte im menschlichen Herzen aufwecken.
Statt dessen muß nun eine nicht erlahmende und allgemeine
Wachsamkeit die Produzenten überzeugen, daß man die "Legion des
Anstandes" nicht gegründet hat für einen Kreuzzug von kurzer Dauer, daß
man sie übergehen oder vergessen könne, sondern daß die Bischöfe der
Vereinigten Staaten entschlossen sind, die moralisch einwandfreie Unterhaltung
des Volkes, koste es, was es wolle, zu jeder Zeit und unter allen Umständen
zu schützen.
III.
Die Erholung in ihren vielfältigen Entwicklungen ist in
unserer Zeit um so notwendiger geworden, je mehr sich die Menschen plagen müssen
in den Geschäften und Sorgen des Lebens; aber sie muß anständig sein und
darum gesund und moralisch, sie muß sich zum Rang eines positiven Faktors und
zu edlen Empfindungen erheben. Ein Volk, das sich in den Stunden seiner Ruhe
Zerstreuungen hingibt, die das gesunde Gefühl der Schicklichkeit, der Ehre,
der Moral verletzen, Zerstreuungen, die Gelegenheit zur Sünde geben,
besonders bei der Jugend, befindet sich in großer Gefahr, seine Größe und
seine nationale Kraft zu verlieren.
Ohne Zweifel hat unter den Unterhaltungen der neueren Zeit das Kino in den
letzten Jahren sich einen Platz von universaler Bedeutung erobert.
Es erübrigt sich, auf die Tatsache hinzuweisen, daß Millionen von
Menschen Tag für Tag an Filmvorführungen teilnehmen; daß Räume für solche
Schauspiele in stets wachsender Zahl bei zivilisierten und halbzivilisierten Völkern
eröffnet werden; daß das Kino die volkstümlichste Form der Unterhaltung
geworden ist; daß es in Stunden der Muße nicht nur den Reichen, sondern
allen Klassen der Gesellschaft offensteht.
Anderseits gibt es heute kein stärkeres Mittel als das Kino, um die Massen
zu beeinflussen, sei es wegen der Natur des Bildes selbst, das auf die
Leinwand geworfen wird, sei es wegen der Popularität des Schauspiels oder
wegen der Umstände, die es begleiten.
Die Macht des Films beruht auf der Tatsache, daß er durch das Bild
spricht, lebendig und anschaulich. Es wird aufgenommen von der Seele mit Lust
und ohne Ermüdung, auch von einer ungebildeten und primitiven Seele, die
nicht die Fähigkeit hat und nicht einmal das Verlangen spürt, sich mit den
Abstraktionen oder Deduktionen des Denkens abzumühen; auch das Lesen und das
Zuhören verlangt noch eine gewisse Anstrengung, die dagegen beim Film ersetzt
wird durch das ununterbrochene Lustgefühl beim Anblick der einander folgenden
und sozusagen lebendigen Bilder. Im Tonfilm verstärkt sich diese Macht, da
die Deutung der Geschehnisse noch leichter wird und der Zauber der Musik sich
mit dem Schauspiel verbindet. Sodann erhöhen Tänze und Varieté-Spiele, die
man mitunter willkürlich in den Zwischenstücken einlegt, die Erregung der
Leidenschaften.
Es ist tatsächlich eine Lektüre, die sich einprägt, sei es zum Guten,
sei es zum Bösen, die viel wirksamer ist für den größten Teil der Menschen
als abstrakte Erörterungen. Es ist darum notwendig, daß sich die Filmkunst
zu der Höhe des christlichen Gewissens erhebe und daß sie sich befreie von
herabwürdigender und zersetzender Effekthascherei.
Es ist allen bekannt, welch üble Wirkungen unmoralische Filme im Geiste
des Menschen hervorbringen. Sie bieten Gclegenheiten zur Sünde; sie führen
die Jugend auf schlechte Wege, denn sie sind eine Verherrlichung böser
Leidenschaften; sie stellen das Leben. unter eine falsche Beleuchtung; sie trüben
die Ideale; sie zerstören die reine Liebe, die Achtung vor der Ehe, die
Verehrung für die Familie. Sie können ebenfalls leicht Vorurteile schaffen
zwischen einzelnen Menschen und Mißverständnisse zwischen den Nationen, den
sozialen Klassen und ganzen Rassen.
Auf der anderen Seite können gute Filme aber auch tiefgehenden moralischen
Einfluß auf die Zuschauer ausüben. Über die Unterhaltung hinaus können sie
hinweisen auf hohe Lebensideale, wertvolle Kenntnisse vermitteln, weiteres
Wissen um die Geschichte und die Schönheit des eigenen Landes fördern,
Wahrheit und Tugend in anziehender Form darstellen, gegenseitiges Verständnis
unter den Nationen, den sozialen Klassen und den Rassen schaffen oder
wenigstens begünstigen, die Sache der Gerechtigkeit verteidigen, für die Schönheit
und Tugend eintreten und in jeder Weise wirken für eine gerechte soziale
Ordnung in der Welt.
Diese Erörterungen erhalten ein noch größeres Gewicht dadurch, daß der
Film nicht zu einzelnen, sondern zu den Massen spricht, und das zu einer Zeit,
in einem Raum und in einer Umgebung, die wie nie etwas geeignet sind,
Begeisterung für das Gute wie für das Böse zu wecken und zu jener
Massensuggestion zu führen, die leider, wie die Erfahrung lehrt, geradezu
krankhafte Formen annehmen kann.
Die Lichtbilder des Filmstreifens werden ja dem Volk vorgeführt, während
es in einem dunklen Theater sitzt und während seine geistigen, physischen und
oft auch geistlichen Fähigkeiten herabgesetzt sind. Man braucht nicht weit zu
gehen, um ein Kino zu finden; sie stoßen an unsere Häuser, Kirchen und
Schulen, sie tragen den Film bis mitten ins Volksleben hinein.
Ferner werden die Bildspiele dargeboten von Männern und Frauen, die etwas
Bezauberndes haben durch ihre Kunst, durch ihre natürlichen Gaben und durch
die Anwendung jener Mittel, die besonders für die Jugend auch ein Anreiz der
Verführung werden können.
Dazu hat der Film meist in seinen Dienst genommen die Musik, luxuriöse Räume,
realistische Kraft und jeden Einfall extravaganter Laune. Eben dadurch
fasziniert er in ganz besonderer Weise die Jugend, die Halbwüchsigen und
selbst die Kinder. Also gerade in dem Alter, in dem sich der moralische Sinn
zu bilden pflegt, in dem sich die Begriffe und die Empfindungen von
Gerechtigkeit und Rechtlichkeit, von Aufgaben und Pflichten, überhaupt von
Lebensidealen entwickeln, nimmt der Film mit seiner unmittelbaren Wirkung eine
besondere Stellung ein.
Leider, wie die Dinge heute stehen, häufig zum Bösen. So kommt einem bei
dem Gedanken an die schrecklichen Verheerungen in den Seelen der Jugend und
der Kinder, an soviel Unschuld, die gerade in den Filmtheatern verloren geht,
das schreckliche Wort unseres Meisters über die Verführung der Kleinen in
den Sinn: "Qui autem scandalizaverit unum de pusillis istis qui in me
credunt, expedit ei, ut suspendatur mola asinaria in collo eius et demergatur
in profundum maris" (Mt 18, 6-7), (Wer aber eines von diesen
Kleinen ärgert, die an mich glauben, es wäre für ihn besser, daß ein Mühlstein
an seinen Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde).
IV.
Es gehört also zu den dringlichsten Aufgaben unserer Zeit, zu wachen und
zu wirken, daß der Film nicht ferner eine Schule der Verführung sei, sondern
daß er sich umgestalte in ein wertvolles Mittel der Erziehung und der
Erhebung der Menschheit. Wir erinnern hier auch mit Genugtuung daran, daß
manche Regierungen, voll Sorge wegen des Einflusses des Films auf sittlichem
und erzieherischem Gebiet, rechtschaffene und ehrenhafte Personen beriefen,
insbesondere Familienväter und -mütter, und so Zensurbehörden schufen sowie
Ämter zur Regelung der Filmproduktion, mit der Absicht, ihr Anregungen zu
geben aus den Werken der großen nationalen Dichter und Schriftsteller.
So war es also im höchsten Grade berechtigt und entsprechend, daß ihr,
Ehrwürdige Brüder, eine besondere Wachsamkeit der Filmindustrie Eures Landes
gewidmet habt, die besonders große Fortschritte gemacht hat und einen nicht
geringen Einfluß auf andere Länder ausübt. Es ist aber auch die Pflicht der
Bischöfe der ganzen katholischen Welt, sich dahin zu einigen, daß sie diese
allgemeine und einflußreiche Form der Unterhaltung und der Unterweisung überwachen,
daß sie als Beweggrund ihrer Verbote geltend machen die Beleidigung des
sittlichen und religiosen Empfindens und alles dessen, was dem christlichen
Geist und seinen ethischen Prinzipien zuwiderläuft, was dazu beiträgt, den
Sinn für gute Sitte und Ehre im Volk zu schwächen.
Es ist eine Pflicht, die nicht nur den Bischöfen zufällt, sondern allen
gläubigen Katholiken und allen rechtschaffenen Menschen, denen die Würde und
die Gesundheit der Familie, der Nation und der ganzen Menschen Gesellschaft am
Herzen liegt.
Worin soll diese Überwachung bestehen?
Das Problem der Produktion moralisch einwandfreier Filme wäre in der
Wurzel gelöst, wenn man eine Produktion einrichten könnte, die vollkommen
von den Prinzipien des Christentums beherrscht wäre.
Unsere Anerkennung für alle jene kann nicht groß genug sein, die sich der
edlen Aufgabe gewidmet haben, die Filmkunst auf die Höhe ihrer erzieherischen
Aufgaben zu bringen und sie den Forderungen des christlichen Gewissens gemäß
diesem Ziele anzupassen, mit der Kompetenz von Fachleuten natürlich und nicht
durch Dilettanten, um jeden Verlust an Kraft und Geld zu vermeiden.
Weil wir aber überzeugt sind, daß es schwer ist, eine solche Industrie zu
organisieren, besonders aus finanziellen Gründen, und weil es andererseits
doch wünschenswert wäre, einen Einfluß auf die gesamte Produktion zu haben,
daß sie nicht in einem das religiöse, moralische und soziale Leben schädigenden
Sinne arbeite, so müssen sich die Seelsorger für die Filme interessieren,
die heute hergestellt und dem christlichen Volke allenthalben vorgesetzt
werden.
Was die Filmindustrie betrifft, so fordern wir die Bischöfe aller
Produktionsänder auf, insbesondere euch, Ehrwürdige Brüder in den
Vereinigten Staaten, einen Appell an jene Katholiken zu richten, die an dieser
Industrie einen bedeutenden Anteil haben. Sie mögen sich ernstlich ihrer
Pflichten erinnern und der Verantwortlichkeit, die sie haben, als Kinder der
Kirche ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß die Filme, die sie
produzieren oder bei deren Produktion sie beteiligt sind, den gesunden Grundsätzen
der Moral entsprechen. Die Zahl der Katholiken, die als Unternehmer,
Direktoren, als Autoren und Akteure im Filmwesen tätig sind, ist nicht klein;
aber leider ist ihre Einflußnahme auf die Produktion selber nicht immer in Übereinstimmung
mit ihrem Glauben und mit ihren Idealen gewesen. Ihr, Ehrwürdige Brüder und
Schwestern, werdet wohl daran tun, wenn ihr auf sie einwirkt, daß sie ihren
Beruf in Übereinstimmung mit ihrem Gewissen als Ehrenpersonen und als Jünger
Christi ausüben.
Auch auf diesem Gebiet, wie auf jedem anderen Feld des Apostolats, werden
die Seelsorger sicherlich ausgezeichnete Mitarbeiter in den Reihen der
katholischen Aktion finden, an die wir in diesem unserem Schreiben einen heißen
Appell richten, daß sie doch ihren Beitrag leisten, daß sie nicht ermüden
in ihrem Eifer, daß sie nicht nachlassen darin.
Von Zeit zu Zeit werden die Bischöfe gut daran tun, die Filmindustrie darüber
zu unterrichten, daß sie kraft ihres seelsorglichen Amtes verpflichtet sind,
sind für jede Form einer geziemenden und gesunden Unterhaltung zu
interessieren, daß sie Gott verantwortlich sind für die Moral ihres Volkes,
auch wenn es sich erholt.
Ihr heiliges Amt verpflichtet sie, es klar und offen auszuspredlen, daß
eine ungesunde und unsaubere Art des Vergnügens den moralischen Charakter
einer Nation zerstört. Sie mögen die Filmindustrie ebenfalls daran erinnern,
daß in dieser Hinsicht nicht nur die Katholiken ihre Forderungen stellen,
sondern das gesamte Filmpublikum.
Im besonderen könnt ihr, Ehrwürdige Brüder und Schwestern,
gerechterweise immer wieder die Tatsache betonen, daß die Filmindustrie Eures
Landes selbst ihre Verantwortlichkeit in aller Öffentlichkeit zugegeben hat.
Mögen also die Bischöfe aller Welt die Filmindustriellen dahin aufklären,
daß eine so bedeutend‚ und weitverbreitete Macht auf das hohe Ziel
individueller und sozialer Reform nützlich geleitet werden kann. Warum soll
man in der Tat nur an die Unterdrückung des Bösen denken? Der Film braucht
nicht ein bloßes Vergnügen zu sein, er braucht nicht nur nichtige und müßige
Stunden auszufüllen, er kann und rnuß mit seinen positiven Wirkungen
Bildungsmittel werden und positiv zum Guten führen.
Wir halten es nunmehr bei der Bedeutung der Frage für nützlich, einige
praktische Vorschläge zu machen.
Zunächst sollten, was wir schon angedeutet haben, alle Seelsorger von
ihren Gläubigen nach dem Beispiel ihrer amerikanischen Amtsbrüder das
Versprechen zu erhalten suchen, niemals einer Kinodarstellung beizuwohnen, die
Glaube und Sitte des Christentums beleidigt.
Dieses Pfand oder Versprechen erreicht man auf die wirksamste Weise durch
die Pfarrei und durch die Schule und durch die eifrige Mitwirkung der
Familienväter und -mütter, die sich ihrer schweren Verantwortung bewußt
sind.
Die Bischöfe können sich auch zu diesem Zweck der katholischen Presse
bedienen, die die Schönheit und den Wert eines solchen Versprechens darlegen
wird.
Die Einlösung dieses Versprechens verlangt, daß das Volk gut daruber
unterrichtet wird, welche Filme erlaubt sind für alle, welche nur mit
Vorbehalt, welche schädlich oder positiv schlecht sind. Das erfordert die Veröffentlichung
von regelmäßigen, häufig erscheinenden und sorgfältig hergestellten
Listen, die man allen leicht zugänglich machen muß durch besondere
Mitteilungen oder durch andere geeignete Publikationen: natürlich gerade auch
durch die katholische Tagespresse.
Es wäre an sich wünschenswert, eine einzige Liste für die ganze Welt
aufzustellen, weil überall das gleiche Gesetz der Moral in Geltung ist. Aber
da es sich um Darstellungen handelt, die alle Klassen der Gesellschaft
interessieren, groß und klein, gelehrt und ungelehrt, so kann das Urteil über
einen Film nicht überall das gleiche sein in jedem Fall und unter jeder Rücksicht.
In der Tat wechseln Lebensbedingungen, Sitten und Gebräuche in den
verschiedenen Ländern; es scheint darum nicht praktisch zu sein, nur eine
einzige Liste für die ganze Welt aufzustellen. Wenn aber auch nur in jeder
Nation eine Klassifikation, so wie wir sie oben gekennzeichnet haben,
vorgenommen wird, so ist schon im Prinzip die verlangte Führung vorhanden.
Es wird deshalb notwendig sein, daß in jedem Land die Bischöfe ein
permanentes nationales Revisionsbüro schaffen, das die guten Filme fördern,
die übrigen klassifizieren und das Urteil Priestern und Gläubigen zugänglich
machen kann. Es wird dieses Büro am besten der Zentralstelle der katholischen
Aktion anvertraut, die unmittelbar von den Hodlwürdigsten Bischöfen abhängig
ist. In jedem Fall muß dieses Büro gut eingerichtet sein: es muß der Aufklärungsdienst,
um wirksam und organisch zu sein, auf nationaler Grundlage erfolgen und von
einem Zentrum aus. Falls sodann sehr wichtige lokale Gründe es nonvendig
machen, können die Hochwürdigsten Herren Bischöfe in ihrer eigenen Diözese
durch ihre Diözesanzensurkommission selbst in bezug auf die nationale Liste,
die ihre Normen der ganzen Nation anpassen muß, strengere Maßstäbe anlegen,
wie es für die Bedürfnisse der Gegend notwendig sein kann, und somit auch
Filme zensurieren, die auf der allgemeinen Liste zugelassen wurden.
Dieses Filmamt wird ferner die Organisation der Pfarrkinos betreuen und
jene Katholikenausschüsse, die für die Versorgung dieser Kinos mit
revidierten Filmen tätig sind. Durch die Organisation solcher Kinos, die für
die Industrie oft gute Abnehmer sind, kann sich ein neues Verfahren
herausbilden, demgemäß die Industrie selber Filme produziert, die ganz und
gar unsern Prinzipien entsprechen; Filme, die man leicht nicht nur in unsern
Theatern, sondern auch in allen andern vorführen kann.
Wir geben zu, daß die Errichtung eines solchen bischöflidlen Filmamtes
ein gewisses Opfer verlangt und eine gewisse Belastung der Katholiken der
einzelnen Länder darstellt. Aber die große Bedeutung des Filmtheaters und
die Notwendigkeit, die Moralität des christlichen Volkes und ganzer Nationen
zu schützen, läßt ein solches Opfer gerechtfertigt erscheinen.
In der Tat war ja die Tätigkeit unserer Schulen, unserer Vereine und auch
der Kirche selbst geschmälert und in Gefahr gebracht durch die Landplage
eines sittenlosen und verderblichen Filmwesens.
Das Filmamt soll im allgemeinen durch Mitglieder besetzt werden, die mit
der Filmtechnik vertraut sind und wohlbefestigt in den Grundsätzen der
christlichen Moral und Lehre. Es soll unter der Leitung eines vom Bischof
auserwählten Geistlichen stehen, der sich direkt an den Arbeiten beteiligt.
Es empfehlen sich auch Anregungen und Austausch der Qualifikationen und
Informationen zwischen den verschiedenen Ländern, um die Arbeit der Filmprüfung
wirksamer und harmonischer zu gestalten und um die verschiedenen Bedingungen
und Umstände gebührend in Rechnung zu stellen. So wird sich eine
einheitliche Richtung in den Urteilen und Qualifikationen in. der gesamten
katholischen Weltpresse herausbilden. Auch wird man die Erfahrungen, die nicht
nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in der Filmarbeit der Katholiken
in anderen Ländern gemacht wurden, ebenso wie die Ergebnisse der großen
Internationalen katholischen Filmkongresse auf diesen Büros sinngemäß ausnützen.
Sollten einmal die Mitglieder des Filmamtes trotz aller guten Absichten und
Vorkehrungen sich irren, wie das in allen menschlichen Dingen vorkommen kann,
so werden die Bischöfe das in aller Klugheit und Hirtensorge in möglichst
wirksamer Weise in Ordnung zu bringen wissen, und zugleich werden sie nach Kräften
die Autorität und Wertschätzung des Amtes selbst schützen, z. B. dadurch,
daß sie durch eine neue tüchtige Kraft das Ansehen des Amtes erhöhen oder
diejenigen entfernen, die sich als weniger geeignet für eine so
verantwortungsvolle Aufgabe gezeigt haben.
Wenn die Bischöfe der Welt ihre Verantwortlichkeit anerkennen und eine
solche mühsame Überwachung des Filmwesens auf sich nehmen, woran wir bei der
Kenntnis ihres Hirteneifers nicht zweifeln, dann können sie eine große
Aufgabe zum Schutz der Moralität ihres Volkes für die Stunden seiner Muße
und seiner Erholung erfüllen. Sie werden die Billigung und die Mitarbeit
aller Wohlgesinnten finden, seien es Katholiken oder Nichtkatholiken. Sie
werden den Aufstieg dieser großen internationalen Macht, denn das ist der
Film, auf sichere Wege leiten, zu dem hohen Ziel der Förderung ritterlicher
Ideale und richtiger Lebensnormen.
Um diesen Vorsätzen und Wünschen, die aus unserem väterlichen Herzen
hervorquellen, die rechte Kraft zu verleihen, flehen wir um die Hilfe der göttlichen
Gnade; in der Hoffnung auf sie erteilen wir aus ganzer Seele euch, Ehrwürdige
Brüder, und dem euch anvertrauten Klerus und Volk den Apostolischen Segen.
PAPST PIUS. XI
1) AAS, 1930, vol XXII, p. 82.
2) Kirchengebet, III. Sonntag nach Pfingsten.
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