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INTERNATIONALE THEOLOGISCHE KOMMISSION
ERINNERN UND VERSÖHNEN Die
Kirche und die Verfehlungen in ihrer Vergangenheit
INHALT
Vorwort des Herausgebers Einleitung
Erstes Kapitel DAS THEMA: SCHULDBEKENNTNISSE IN VERGANGENHEIT UND
GEGENWART 1.1 Die Sichtweise vor dem II. Vatikanum 1.2 Die
Aussagen des Konzils 1.3 Die Vergebungsbitten Johannes Pauls II. 1.4
Die zur Beantwortung anstehenden Fragen
Zweites Kapitel BIBLISCHE ZUGÄNGE ZUR FRAGE: HEILIGES GOTTESVOLK
UND SCHULD 2.1 Altes Testament 2.2 Neues Testament 2.3
Das biblische "Jubeljahr 2.4 Zusammenfassung
Drittes Kapitel SYSTEMATISCHE DARSTELLUNG 3.1 Die
Kirche: Zeichen und Werkzeug des universalen Heilswillens Gottes 3.2
Die Kirche ist heilig ... 3.3 ... und als Gemeinschaft aus Menschen
stets der Buße und der Reinigung bedürftig 3.4 Die Kirche Gottes
ist unser aller Mutter im Glauben
Viertes Kapitel HISTORISCHE UND THEOLOGISCHE BEURTEILUNG GESCHICHTLICHER
VORGÄNGE 4.1 Die Schwierigkeit, Geschichte zu interpretieren 4.2
Geschichtsforschung und theologische Auswertung
Fünftes Kapitel MORALISCHE BEWERTUNG 5.1 Ethische Kriterien
und das Problem ihrer Anwendung 5.2 Am Beispiel: Spaltung der
Christenheit 5.3 Am Beispiel: Anwendung von Gewalt im Dienst an der
Wahrheit 5.4 Am Beispiel: Verhältnis von Christen und Juden 5.5
Wer trägt die Verantwortung für die Mißstände in der Gegenwart?
Sechstes Kapitel PASTORALE UND MISSIONARISCHE PERSPEKTIVEN 6.1
Pastorale Zielsetzung 6.2 Ekklesiale Implikationen 6.3
Konsequenzen für den Dialog und für die Mission
Siebtes Kapitel ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK
VORWORT DES HERAUSGEBERS
Der Aschermittwoch des Heiligen Jahres 2000 der Menschwerdung des Sohnes
Gottes wird die Welt in Erstaunen versetzen. In Rom, dem Ort des Martyriums
der Apostel Petrus und Paulus, will Papst Johannes Paul II. als universaler
Hirte der Kirche Gott öffentlich um Vergebung bitten für die Schuld ihrer
Söhne und Töchter.
Ist diese Vergebungsbitte Ausdruck ungebrochener
Glaubensstärke der katholischen Kirche, oder meldet sich ein Zweifel an ihrer
Sendung? Kapituliert sie vor kirchenfeindlicher Polemik, oder handelt es sich
gar um einen Propagandatrick, um ihre Kritiker zu beschwichtigen?
Diesen Akt
der Vergebungsbitte kann man in seinem Sinn und Ziel nur verstehen, wenn man
sich einlässt auf das Selbstverständnis der Kirche. Sie versteht sich nicht
als eine von Menschen organisierte Gesellschaft, die mit einem von Menschen
ausgedachten religiösen und ethischen Programm vor die Welt tritt.
Vielmehr
ist mit der Kirchenkonstitution des II. Vatikanischen Konzils (21.11.1964) zu
sagen: "Das Geheimnis der heiligen Kirche wird in ihrer Gründung
offenbar" (Lumen gentium, 4). Die Kirche verdankt sich in ihrem
Ursprung und in ihrem Auftrag dem Heilswillen des dreifaltigen Gottes
gegenüber der ganzen Menschheit.
Seinen universalen Heilswillen hat Gott, der
Vater Jesu Christi, in der Menschwerdung seines Sohnes und in der Ausgießung
seines Geistes geschichtlich konkret in Raum und Zeit durch Jesus Christus
verwirklicht, so dass er allein der von Gott geoffenbarte Mittler zwischen
Gott und den Menschen ist (vgl. 1 Tim 2,4f.): "Und in keinem
anderen ist das Heil zu finden. Denn es ist uns Menschen kein anderer Name
unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen" (Apg
4,12).
Durch die Gemeinschaft der an ihn Glaubenden führt der von den Toten
auferstandene Herr seine Sendung bis ans Ende der Geschichte fort. Er bleibt
für immer bei seinen Jüngern, und durch sie ruft er die Menschen zum Glauben
und erhellt damit das Rätsel menschlicher Existenz. Im Licht Christi kann
jeder Mensch seine höchste Berufung erkennen: die Gemeinschaft mit dem Gott
der dreieinigen Liebe und mit allen Menschen, die ihn gesucht und gefunden
haben."Jesus Christus, das fleischgewordene Wort, ist das wahre Licht, das
jeden Menschen erleuchtet" (Joh 1,9.14.18). Er lässt seine
Herrlichkeit auf dem Antlitz der Kirche widerscheinen, damit seine Kirche
durch die Verkündigung der Botschaft vom ewigen Leben immer neu werde, was
sie in ihrer Gründung im Geheimnis Christi ist.
"Die Kirche ist ja in
Christus gleichsam Sakrament, d.h. Zeichen und Werkzeug für die innigste
Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit" (Lumen
gentium, 1).
Die Kirche ist heilig, weil sie das Heilsinstrument des heiligen Gottes
ist, der im Gang der Geschichte durch die Kirche seinen Heilswillen auf alle
Menschen bezieht und in ihr jeden einzelnen persönlich anspricht. Deshalb ist
sie unzerstörbar im Bekenntnis der Heilstaten Gottes, in ihrem Glauben, ihrer
Lehre und in den sakramentalen Lebensvollzügen, die Christus ihr eingestiftet
hat. Weder innerer Zerfall noch Feindschaft von außen, die alle menschlichen
Gemeinschaftsgebilde in ihrem Bestand bedrohen, werden sie jemals überwinden
(Mt 16,18). Aber die Kirche des dreieinigen Gottes besteht auch aus
Menschen, die auf dem Weg ihres Glaubens immer versagen und der Versuchung zur
Sünde verfallen können. Zur Kirche als der in der Welt sichtbaren
Gemeinschaft der Glaubenden in ihrer sichtbaren Gestalt gehören darum immer
auch Sünder.
"Die Kirche ist zugleich heilig und stets der Reinigung
bedürftig, sie geht immerfort den Weg der Buße und Erneuerung. Die Kirche
<schreitet
zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes auf ihrem
Pilgerweg dahin> (Augustinns, Civ. Dei, XVIII, 51,2) und verkündet
das Kreuz und den Tod des Herrn, bis er wiederkommt (vgl.1 Kor 11,26).
Von der Kraft des auferstandenen Herrn aber wird sie gestärkt, um ihre
Trübsale und Mühen, innere gleichermaßen wie äußere, durch Geduld und
Liebe zu besiegen und sein Mysterium, wenn auch schattenhaft, so doch getreu
in der Welt zu enthüllen, bis es am Ende im vollen Lichte offenbar werden
wird" (Lumen gentium, 8).
Somit gehört zum Weg der Kirche auch
das Bekenntnis zur Erneuerung und die Bitte um Vergebung (ecclesia semper
reformanda). Die Kirche gewinnt damit an Glaubwürdigkeit vor Gott und den
Menschen. Sie dient der Einheit der Menschen unterschiedlicher Kulturen,
Religionsrichtungen und Weltanschauungen, wenn sie um Vergebung bittet für
das Übel, das in der Vergangenheit von Gliedern der Kirche und gerade auch
von ihren Repräsentanten den Menschen anderer Gemeinschaften zugefügt worden
ist. Zwar gibt es keine Kollektivschuld, deren Zurechnung eine Verletzung der
ethischen Verantwortung jeder Person für ihre eigenen Taten wäre. Aber
Verantwortung, Schuldübernahme und Bitte um Verzeihung dienen einer
"Reinigung des Gedächtnisses", das Menschen und Menschengruppen
auch über die Generationen miteinander verbindet oder trennt und
gegeneinander aufbringt. Die Formulierung "Reinigung des
Gedächtnisses", wörtliche Wiedergabe des italienischen Ausdrucks
"purificazione della memoria", bedeutet eine selbstkritische
Auseinandersetzung mit der eigenen, von der Sünde entstellten Vergangenheit
der Gemeinschaft, der man angehört. Dadurch soll die Möglichkeit der
Versöhnung eröffnet werden. Nicht gemeint ist damit ein Sich-Reinwaschen,
das auf ein Verdrängen oder bloßes Vergessen von Schuld hinausläuft und
einen endgültigen Schlußstrich unter die Vergangenheit setzen will. Ziel ist
eine "versöhnte Erinnerung" an die Wunden, die man sich in der
Vergangenheit zugefügt hat (vgl. unten 5.1).
Das theologische Verständnis
von Sein und Sendung der Kirche hat auch unmittelbare Auswirkung auf das
Verständnis und die Interpretation ihrer Geschichte. Die
theologisch-wissenschaftliche Disziplin "Kirchengeschichte" hat zwei
Extreme zu vermeiden, die bei allem Gegensatz im gleichen falschen Bild von
Kirche zutiefst miteinander verbunden sind. Zu vermeiden ist eine Apologetik,
die alle Schattenseiten und alles Versagen herunterspielt oder leugnet.
Töricht und unfruchtbar wäre auf der anderen Seite aber auch eine
fundamentalistische Kritik, der es um den Aufweis geht, dass die Kirche nicht
von Gott kommen kann und dass sie im innersten Wesen korrumpiert sei, wenn man
sie an ihren Idealen misst.
Von dieser Seite her wird der katholischen Kirche
eine aus immer den gleichen Punkten bestehende Kurzlitanei vorgehalten:
Kreuzzüge - Inquisition Hexenwahn - Wissenschaftsfeindlichkeit - Intoleranz.
Neuerdings sind weitere Elemente hinzugetreten. Man macht das Christentum
verantwortlich für den ausbeuterischen Umgang des Menschen mit der
Schöpfung. Man bezichtigt die katholische Kirche der Sexualfeindlichkeit und
der Behinderung der Emanzipation der Frau. Dieser Kanon der Kritik an allem,
was mit der katholischen Kirche zusammenhängt, bleibt dem engen
eurozentrischen Horizont der westlichen Welt zwischen dem 17. und 20.
Jahrhundert verhaftet. Er ist markiert von globalen Vorwürfen und
Schuldzuweisungen aus der konfessionalistischen Polemik des 17. Jahrhunderts
und der folgenden Epoche der Religionskritik, im Rationalismus der
Aufklärung, der antikirchlichen Propaganda des Liberalismus sowie der
totalitären Ideologien des Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus.
Dies beschränkt sich auf das Verhältnis der Kirche zur Gesellschaft und
ihren Institutionen. Genau genommen reduziert sich der "Kanon der
Kritik" auf die Epoche der abendländischen Christenheit, das sogenannte
"Mittelalter", als Kirche und weltliche Gesellschaft fast
ununterscheidbar miteinander verflochten waren. Neuere Kritikpunkte sind nur
die Nachwirkungen des Bildes, das sich seit dem 18. Jahrhundert im westlichen
Europa bei meist klischeehafter und vorurteilsbefrachteter Interpretation des
"Mittelalters" verfestigt hat. Geschichte soll nicht möglichst
objektiv erforscht werden in ihren kulturellen, sozialen und mentalen
Bedingungen und in den Motivationen ihrer handelnden Personen.
Kirchengeschichte wird instrumentalisiert, um die Kirche als Gegenmacht zu den Idealen von
Freiheit, Autonomie, Wissenschaft und Fortschritt zu desavouieren. Von dieser Seite ist kaum zu erwarten, dass das
mea culpa der Kirche mit
einem mea culpa der Anhänger dieser Geistesrichtungen für all das beantwortet wird,
was im Namen dieser Ideale den
Christen und den Menschen anderen Glaubens an Leid zugefügt worden ist. Sie werden sich in ihrer Anklagehaltung
bestätigt fühlen und um so lauter der
katholischen Kirche entgegenrufen: "Tua sola culpa ist seit zweitausend Jahren Christentum die Welt nicht
besser geworden". Zu
erwarten ist sicher auch, dass gegenwärtige innerkirchliche Spannungen in diese Vergebungsbitte
hineinprojiziert werden. Es wäre nur eine weitere Form der Instrumentalisierung der Kirchengeschichte,
wenn Christen - Glieder am Leib Christi, der die Kirche ist - den Papst zur
Vergebung nötigen wollten für das, was sie für ein Versagen der
Kirche angesichts der Herausforderungen der Gegenwart halten, wenn z.B. manche
den Zölibat der Priester in der
lateinischen Kirche fälschlicherweise für einen Mißstand halten, der mit
dem Menschenrecht auf Ehe in Konflikt stehe, oder wenn sie die Lehre von der
dem Mann vorbehaltenen Weihe mit den Themen der Vergebungsbitte vermengen,
weil sie meinen, dass, ähnlich wie im Fall Galilei, die Tradition der Kirche
von falschen naturwissenschaftlichen Annahmen ausgehe.
Die Vitalität der Kirche Jesu Christi erweist sich darin, dass sie die
Gerechtigkeit des Schuldbekenntnisses für das Versagen in der Vergangenheit
nicht zur Bedingung eines neuen Miteinanders machen muss. Sie hat die Kraft,
den ersten Schritt zu tun. Die Kirche traut sich dies zu, weil sie um die Gabe
der Heiligkeit weiß, aus der sie lebt und die sie ihrer Sendung zum
Heilsdienst an den Menschen gewiss macht. Darum kann sie sich auch zu der
Tatsache bekennen, dass es im Laufe ihrer Geschichte - gemessen am Evangelium,
das sie zu allen Zeiten, auch durch den Mund ihrer sündigen Glieder, verkündet
hat, und an den geistigen Erfordernissen der jeweiligen Geschichtsepoche -
persönliche Sünden,
erschreckendes Versagen, unangemessenes und unverantwortliches Handeln ihrer
Glieder und ihrer Repräsentanten gegeben hat. In diesem Sinn kann
man auch von Sünden nicht nur der einzelnen Glieder der Kirche, sondern auch
von den Sünden der Kirche sprechen, besonders wenn sie von denen begangen
wurden, die ermächtigt waren, in ihrem Namen zu handeln. Es geht um das
Handeln der Kirche in ihrer Auswirkung auf die zivile Gesellschaft und ihre
Institutionen (Staat, Kultur, Wissenschaft, Kunst, Rechtsordnung u.a.). Nicht
gemeint ist in diesem Zusammenhang die Infallibilität in der Auslegung der
Offenbarung und die Wirksamkeit der sakramentalen Heilsvermittlung, die der
Kirche anvertraut sind und die vom Geist Gottes vor Korruption und Zersetzung
bewahrt werden (Lumen gentium, 25)
Papst Johannes Paul II. wagt als
Repräsentant der universalen Kirche diesen Schritt im Dienst an der
geschichtlichen Wahrheit, wenn er um Vergebung bittet für Sünden und
Fehlleistungen der Kirche und ihrer Glieder in der Vergangenheit. Die Kirche lässt
sich führen von Christus, der nicht gekommen
ist, um sich bedienen
zu lassen, sondern um zu dienen, der seinen Jüngern mit dem Dienst der Fußwaschung
ein Beispiel der Demut geschenkt hat
Die kritische Überprüfung der Vergangenheit und die Bitte um Vergebung
für die Wunden, die im kollektiven Gedächtnis der religiösen und
kulturellen Gemeinschaften zurückgeblieben sind und destruktiv nachwirken,
hat als Ziel die Versöhnung unter den Menschen, die heute diesen
Gemeinschaften angehören.
Die Internationale Theologische Kommission hat den
Auftrag erhalten, mit einer wissenschaftlichen Studie diesen Akt der
Vergebungsbitte vorzubereiten und in seinem tieferen Sinn zu erläutern.
Unter
der Leitung von Prof. Dr. Bruno Forte (Neapel) hat eine Subkommission den Text
"Memoria e riconciliazione. La Chiesa e le colpe del passato"
erarbeitet. Als Mitglieder gehörten ihr an die Professoren Roland Minnerath
(Strassburg), Christopher Begg (Washington D.C.), Francis Moloney S.D.B.
(Washington), Anton Strukelj (Ljubljana, Slowenien), Thomas Norris (Maynooth,
Irland), Jean-Louis Bruguès O.P. (Fribourg) und Rafael Salazar Cardenas
M.Sp.S. (Guadalajara, Mexico). Er wurde in zwei Vollversammlungen der
Internationalen Theologischen Kommission ausführlich diskutiert, nach
Einarbeitung mehrerer Modi in forma specifica gebilligt und ihrem
Präsidenten, Kardinal Joseph Ratzinger, Präfekt der Glaubenskongregation,
vorgelegt, der ihn für die Veröffentlichung genehmigt hat.
Im Auftrag des
Vorsitzenden der Internationalen Theologischen Kommission, des Präfekten der
Kongregation für die Glaubenslehre, Joseph Kardinal Ratzinger, wird der Text
veröffentlicht und hier den Lesern deutscher Sprache vorgestellt.
Zu beachten
ist das eigene literarische Genus einer solchen Publikation. Man kann von ihr
nicht die Geschlossenheit und den einheitlichen Duktus einer
wissenschaftlichen Monographie eines Einzelautors erwarten. Die Stufen der
Erarbeitung und der Endredaktion sind ebenso zu erkennen wie sich im Text die
vielfältigen Perspektiven der Kulturen, der geographischen Räume und der
historischen Perspektiven widerspiegeln. Deutlich zeichnet sich der Fächer
theologischer Stile ab, in dem sich die Pluralität der Weltkirche
präsentiert.
Bei dem Text der Kommission handelt es sich nicht um das
offizielle Schuldbekenntnis der Kirche, das vom Papst am Aschermittwoch
persönlich vorgetragen und das von ihm als Vertreter der universalen Kirche
verantwortet wird. Es ist aber auch keine kirchengeschichtliche
Spezialuntersuchung zum Thema "Kirche und Schuld in der
Vergangenheit". Man wird wohl der literarischen Eigenart dieses Textes am
besten gerecht, wenn er als eine Interpretationshilfe betrachtet wird, die von
Fachleuten für Exegese, Kirchengeschichte und Ekklesiologie erarbeitet wurde,
die - von den Bischofskonferenzen als Repräsentanten der Theologie ihrer
Länder vorgeschlagen - sich durch Kompetenz und Treue zum Lehramt der Kirche
auszeichnen. Im Licht der hier zusammengestellten theologischen Kategorien und
hermeneutischen Prinzipien können sich Sinn und Tragweite dieser in der
bisherigen Kirchengeschichte einmaligen Liturgie der Buße und der
Vergebungsbitte erschließen und mitvollziehen lassen, die der Heilige Vater
zu Beginn der Österlichen Bußzeit des Heiligen Jahres 2000 mit der ganzen
Kirche und in ihrem Namen feiern möchte. Liturgie ist immer Lob und
Verherrlichung Gottes (confessio laudis), der uns die Sünden vergibt, die zu bekennen er uns die Kraft geschenkt hat
(confessio peccati).
Von Jesus Christus, dem Sohn Gottes belehrt, sprechen
seit 2000 Jahren Christen Gott als ihren Vater an und bitten ihn: "Vergib
uns unsere Schuld, wie auch wir denen vergeben, die an uns schuldig geworden
sind" (Lk 11,4).
Wer ist mehr zu diesem Schuldbekenntnis im Namen der
katholischen Kirche ermächtigt als der Bischof von Rom, der Nachfolger Petri,
dem Christus im Abendmahlssaal Verleugnung und Umkehr vorausgesagt hatte? Es
ist derselbe Apostel, dem der Herr auch die Verheißung gegeben hat:
"Ich
aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du dich
einst bekehrt haben wirst, dann stärke deine Brüder" (Lk 22,32).
München, den 22. Februar 2000, am Fest Cathedra Petri Gerhard Ludwig Müller
EINLEITUNG
In seiner Ankündigungsbulle des Heiligen Jahres 2000 Incarnationis
mysterium (29. November 1998) hebt der Heilige Vater unter den Zeichen,
"die in angemessener Weise dazu dienen können, die außerordentliche
Gnade des Jubiläums intensiver zu erleben", die "Reinigung des
Gedächtnisses" hervor.
Eine solche "Reinigung des Gedächtnisses"
vollzieht sich als ein Prozess, der auf die Befreiung des individuellen und
gemeinschaftlichen Gewissens von allen Formen des Ressentiments und der Gewalt
zielt, die historische Schuld und Verfehlung hinterlassen haben. Als Mittel
dazu dient eine vertiefte historische und theologische Beurteilung der
betreffenden Ereignisse. Wenn dieses Urteil sich als richtig erweist,
ermöglicht es eine entsprechende Schuldanerkenntnis und eröffnet einen
wirklich gangbaren Weg zur Versöhnung.
Dieser Prozess kann sich in spürbarer
Weise auch auf die Gegenwart auswirken, besonders da sich die Sünden aus der
Vergangenheit in ihren Konsequenzen bis zum heutigen Tag belastend auswirken
und auch in der Gegenwart eine Versuchung darstellen.
Darum fordert die
"Reinigung des Gedächtnisses" "von allen einen mutigen Akt der
Demut, nämlich die Verfehlungen zuzugeben, die von denen begangen wurden, die
den Namen Christen trugen und tragen". (1)
Darauf gründet sich die Überzeugung, dass "wegen des Bandes, das uns
im mystischen Leib miteinander vereint, wir alle die Last der Irrtümer und
der Schuld derer mittragen, die uns vorausgegangen sind, auch wenn wir dafür
keine persönliche Verantwortung haben und nicht den Richterspruch Gottes, der
allein die Herzen der Menschen kennt, vorwegnehmen können".
Eindringlich fordert der Papst die Christen auf, "vor Gott und den
Menschen, die durch ihr Verhalten verletzt wurden, zu den von ihnen begangenen
Fehlern zu stehen" und er schließt: "Das sollen sie tun, ohne
dafür irgend etwas einzufordern, stark allein durch <die Liebe Gottes, die
in unsere Herzen ausgegossen ist> (Röm 5,5)"(2).
Die verschiedenen Vergebungsbitten des Bischofs von Rom, die er in diesem
Geist der Ehrlichkeit und Großmut geäußert hat, haben verschiedenartige
Reaktionen hervorgerufen. Das unbedingte Vertrauen, das der Papst in die Macht
der Wahrheit setzt, hat eine wohlwollende Aufnahme und Anerkennung gefunden
sowohl bei Menschen innerhalb wie auch bei Menschen außerhalb der Kirche.
Viele haben den Zuwachs an Glaubwürdigkeit der kirchlichen Verkündigung
unterstrichen, der auf diesen Umgang mit der eigenen Geschichte folgt. Es hat
aber auch nicht an Vorbehalten gefehlt. Manche fürchten, dass in bestimmten
historischen und kulturellen Kontexten das Eingeständnis der von Gliedern der
Kirche begangenen Schuld als Kapitulation vor den eingefleischten Vorurteilen
antikirchlich gesinnter Kreise aufgefasst werden könnte.
Angesichts von Zustimmung und Vorbehalt, auf das die Schuldanerkennung
stößt, zeigt sich die Dringlichkeit einer umfassenden Reflexion der Gründe
und Bedingungen sowie der genaueren Form von Bitten um eine Vergebung der
Verfehlungen aus der Vergangenheit.
Mit dieser Aufgabe ist die Internationale Theologische Kommission
betraut worden. In ihr sind Vertreter verschiedener Kulturen und Mentalitäten
in der Mitte des einen katholischen Glaubens versammelt. In dem von dieser
Kommission ausgearbeiteten Text wird eine theologische Reflexion der
Bedingungen für die Möglichkeit der Akte einer "Reinigung des
Gedächtnisses" angeboten.
Auf folgende Fragen soll eine Antwort versucht werden: Mit welchem Ziel
werden diese zeichenhaften Akte vollzogen? Wer sind ihre adäquaten Träger?
Wie sind ihre Gegenstände zu bestimmen, wenn historisches und theologisches
Urteil präzis aufeinander bezogen sein sollen? Wer sind die Adressaten dieser
öffentlichen Vergebungsbitten und Gesten der Versöhnung? Welche moralischen
und ethischen Implikationen sind zu beachten? Welche möglichen Auswirkungen
ergeben sich daraus für das Leben der Kirche und der Gesellschaft?
Das Ziel, das sich die Kommission mit diesem Text setzt, besteht nicht
darin, einzelne historische Vorkommnisse zu prüfen und zu bewerten, sondern
die Voraussetzungen zu klären, die die Grundlage bilden für die Reue über
die Verfehlungen aus der Vergangenheit.
Nachdem das besondere Genus der hier vorgelegten Reflexion präzisiert
worden ist, muss noch geklärt werden, was im folgenden unter
"Kirche" verstanden wird, von der die Vergebungsbitte ausgesprochen
wird. "Kirche" soll hier weder allein die historische Institution
noch allein die geistlich-unsichtbare Gemeinschaft der Gläubigen bezeichnen.
Unter Kirche versteht man immer die Gemeinschaft der Getauften in den beiden
voneinander untrennbaren Dimensionen ihres Wesens: Sie ist sowohl sichtbar als
handelndes Subjekt in der Geschichte unter der Leitung ihrer Hirten als auch
zugleich in der Tiefe ihres Mysteriums geeint durch den Heiligen Geist, der in
ihr wirkt und ihr Leben einhaucht. Es ist jene Kirche, von der das II.
Vatikanische Konzil erklärt, dass sie "in einer nicht unbedeutenden
Analogie dem Mysterium des fleischgewordenen Wortes ähnlich ist. Wie nämlich
die angenommene Natur dem göttlichen Wort als lebendiges, ihm unlöslich
geeintes Heilsorgan dient, so dient auf eine ganz ähnliche Weise das
gesellschaftliche Gefüge der Kirche dem Geist Christi, der es belebt, zum
Wachstum seines Leibes (vgl. Eph 4,16)".(3)
Die Kirche, die in einer wirklichen und tiefen Gemeinschaft ihre Söhne und
Töchter der Vergangenheit ebenso wie die der Gegenwart umfasst, ist die
einzige Mutter in der Gnade, die die Lasten auch der Schuld aus der
Vergangenheit auf ihre Schultern zu nehmen vermag, um das "Gedächtnis zu
reinigen" und die Herzen zur Erneuerung und einem Leben nach dem Willen
des Herrn zu bewegen.
Die Kirche ist imstande dies zu tun, insofern Jesus Christus, dessen
mystischer Leib sie ist und durch den er im Gang der Geschichte sakramental
gegenwärtig bleibt, ein für allemal die Sünden der Welt auf sich genommen
hat.
Im Aufbau richtet sich der Text nach den aufgeworfenen Fragen: Im 1.
Kapitel wird ein kurzer historischer Rückblick auf die Entwicklung des
Themas gegeben. Im 2. Kapitel sollen die biblischen Grundlagen
herausgearbeitet werden, um dann im 3. Kapitel die theologischen
Bedingungen der Bitten um Vergebung zu vertiefen. Im 4. Kapitel geht es
um eine Abklärung des Verhältnisses von historischer und theologischer
Beurteilung kirchengeschichtlicher Vorgänge, um sich angesichts der
unterschiedlichen Zeiten, Orte und Umstände ein korrektes und begründetes
Urteil über spezifische Geschichtsereignisse bilden zu können. Das 5.
Kapitel behandelt die moralischen Implikationen, während im 6. Kapitel
die Konsequenzen für das pastorale und missionarische Handeln der Kirche
bedacht werden, die sich aus der Vergebungsbitte für die katholische Kirche
im Verständnis ihrer Sendung ergeben.
Im Bewusstsein jedoch, dass die Forderung, die eigene Schuld anzuerkennen,
für alle Völker und Religionen sinnvoll ist, darf man von den hier
vorgelegten Überlegungen eine Hilfe erwarten im Fortschritt aller auf dem Weg
der Wahrheit, des brüderlichen Dialogs und der Versöhnung.
Am Ende dieser Hinführung zum Thema ist es sicher angebracht, das letzte
Ziel jedes möglichen Aktes der "Reinigung des Gedächtnisses"
anzusprechen. Diese Aufgabe der Gläubigen hat auch die Arbeit der Kommission
innerlich bestimmt. Es handelt sich um die Verherrlichung Gottes. Denn ein
Leben im Gehorsam gegenüber der Wahrheit Gottes und den Herausforderungen,
die von ihr ausgehen, führt hin zu einer Form des Bekennens unserer Sünden
und Fehler, die vom Bekenntnis zur ewigen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit des
Herrn nicht zu trennen ist.
Das Bekenntnis der Sünde (confessio peccati), das getragen und
erleuchtet ist vom Glauben an die Wahrheit, die frei macht und erlöst (confessio
fidei), wird zu einem Bekenntnis des Lobes (confessio laudis), das
sich an Gott richtet. Er allein weiß um den Zusammenhang der Sünden in
Vergangenheit und Gegenwart. Nur in Jesus Christus, dem einzigen Retter der
Welt, können wir uns von Gott und mit Gott versöhnen lassen. Er allein kann
uns auch fähig machen, selbst denen Vergebung zu gewähren, die an uns
schuldig geworden sind. Dieses Angebot der Vergebung hat eine besondere
Signalwirkung, wenn man sich die vielen Verfolgungen vor Augen hält, die die
Christen im Laufe der Geschichte erlitten haben.
In dieser Perspektive kommen den vom Heiligen Vater schon vollzogenen und
in Aussicht genommenen Akten bezüglich der Schuld und der Verfehlungen der
Vergangenheit eine exemplarische, ja prophetische Bedeutung zu. Dies betrifft
ebenso die Religionen wie die Regierungen und die Völker auch über den
Bereich der katholischen Kirche hinaus. Die Kirche kann in ihrer Absicht
bereichert werden, wirksamer das Große Jubiläum der Menschwerdung Gottes als
ein Ereignis der Gnade und der Versöhnung für alle zu feiern.
Erstes Kapitel
DAS THEMA: SCHULDBEKENNTNISSE IN VERGANGENHEIT
UND GEGENWART
1.1 Die Sichtweise vor dem II. Vatikanum
Das Jubiläum ist in der Kirche immer als eine Zeit der Freude
über die in Christus empfangene Erlösung und als eine besondere Gelegenheit
der Buße und der Versöhnung für die gegenwärtigen Sünden im Leben des
Volkes Gottes betrachtet worden. Schon seit der ersten Feier des Heiligen
Jahres unter Papst Bonifaz VIII. im Jahre 1300 war die Bußwallfahrt zu den
Gräbern der heiligen Apostel Petrus und Paulus mit der Gewährung eines
außerordentlichen (vollkommenen oder teilweisen) Ablasses verbunden gewesen,
der, zusammen mit der Vergebung im Bußsakrament, der Ausheilung und
Überwindung der zeitlichen Sündenstrafen dienen sollte, die als negative
Auswirkungen der Sünden auf das Verhältnis des Menschen zu Gott und zu den
Mitmenschen zu verstehen sind(4). In diesem Kontext wird sowohl hinsichtlich
der sakramentalen Vergebung wie im Hinblick auf den Nachlass der
Sündenstrafen der personale Charakter der Buße sichtbar. Im Laufe des
"Jahres der Vergebung und der Gnade"(5) öffnet die Kirche in
außergewöhnlicher Weise den "Schatz der Gnaden", den Christus für
das pastorale Wirken hinterlassen hat(6).
Allerdings gab es bisher bei keinem Jubeljahr eine
Gewissenserforschung über mögliche Verfehlungen der Kirche in der
Vergangenheit. Ebensowenig wurde eine Vergebungsbitte an Gott gerichtet für
ihr Verhalten in der näheren oder ferneren Geschichte.
Man findet in der gesamten Geschichte der Kirche keinen
Präzedenzfall einer vom Lehramt selbst formulierten Vergebungsbitte für die
Verfehlungen der Vergangenheit. Die Konzilien und die päpstlichen Dekretalien
sanktionierten zwar die Missbräuche, derer sich Kleriker und Laien schuldig
gemacht hatten, und nicht wenige Hirten der Kirche bemühten sich darum, sie
abzustellen. Ganz selten ergab sich die Gelegenheit, dass kirchliche
Autoritäten - Päpste, Bischöfe oder Konzilien - öffentlich Schuld und
Verfehlungen anerkannt haben, für die sie die Verantwortung trugen. Ein
berühmtes Beispiel dafür hat der Reformpapst Hadrian VI. gegeben, der in
einer Botschaf t an den Reichstag von Nürnberg am 25. November 1522
aufrichtig bekannte: "Missbräuche in geistlichen Dingen, Übertretungen
der Gebote, ja, dass alles sich zum Ärgeren verkehrt hat. So ist es nicht zu
verwundern, dass die Krankheit sich vom Haupt auf die Glieder, von den
Päpsten auf die Prälaten verpflanzt hat. <Wir alle>, Prälaten und
Geistliche, <sind vom Wege des Rechtes abgewichen, und es gab schon lange
keinen einzigen, der Gutes tat> (Ps 14,3). Deshalb müssen wir alle
Gott die Ehre geben und uns vor ihm demütigen; ein jeder von uns soll
betrachten, weshalb er gefallen, und sich lieber selber richten, als dass er
von Gott am Tage seines Zornes gerichtet werde."(7)
Hadrian VI. beklagte die zeitgenössischen Sünden und Fehler,
genaugenommen die seines unmittelbaren Vorgängers Leos X. und seiner Kurie,
ohne jedoch damit eine Vergebungsbitte zu verbinden.
Erst Papst Paul VI. wird eine Vergebungsbitte an Gott und auch
an eine Gruppe von Zeitgenossen richten. Bei der Eröffnungsansprache zur z.
Konzilssession bat der Papst "Gott und die getrennten Brüder des
Orients" um Verzeihung, und er erklärte sich von seiner Seite aus dazu
bereit, die Anfeindungen zu vergeben, denen die katholische Kirche ausgesetzt
war.
In der Sicht Pauls VI. betrafen die von beiden Seiten
vorauszusetzende Bitte um Vergebung und das gegenseitige Angebot der Vergebung
allein die Sünde der Spaltung unter Christen.
1.2 Die Aussagen des Konzils
Das II. Vatikanum nimmt die gleiche Perspektive ein wie Paul
VI. Die Konzilsväter sagen im Hinblick auf die Verfehlungen gegen die
Einheit: "In Demut bitten wir also Gott und die getrennten Brüder
um Verzeihung, wie auch wir unseren Schuldigem vergeben."(8)
Neben den Sünden gegen die Einheit der Kirche greift das
Konzil weitere negative Erscheinungen der Geschichte auf, bei denen Christen
eine bestimmte Verantwortung zukommt. "Deshalb sind gewisse
Geisteshaltungen, die einst auch unter Christen wegen eines unzulänglichen
Verständnisses für die legitime Autonomie der Wissenschaft vorkamen, zu
bedauern. Durch die dadurch entfachten Schwierigkeiten und
Auseinandersetzungen schufen sie in der Mentalität vieler die Überzeugung
von einem Widerspruch zwischen Glauben und Wissenschaft."(9)
Ähnlich beurteilt das Konzil "die Entstehung des
Atheismus", bei der auch die Gläubigen "einen gewissen Anteil"
haben können, insofern man sagen muss, "dass sie durch Vernachlässigung
der Glaubenserziehung, durch missverständliche Darstellung der Lehre oder
auch durch Mängel ihres religiösen, sittlichen und gesellschaftlichen Lebens
das wahre Antlitz Gottes und der Religion eher verhüllen als offenbaren"(10).
Außerdem "beklagt" das Konzil "die Verfolgungen und
Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von
irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben"(11). Dennoch verbindet
das Konzil mit diesem Bedauern keine Bitte um Vergebung für die genannten
historischen Fakten.
Vom theologischen Standpunkt aus unterscheidet das Konzil
zwischen der unzerstörbaren Treue der Kirche und den Verfehlungen ihrer
Glieder, Klerikern wie Laien, gestern und heute(12), d.h. zwischen sich
selbst, insofern sie die Braut Christi ist "ohne Makel und Runzeln,
heilig und unversehrt" (Eph 5,27), und ihren Söhnen und
Töchtern, die Sünder sind, denen vergeben wurde und die berufen sind zu
steter Umkehr und Erneuerung im Heiligen Geist. "Die Kirche, die in ihrem
eigenen Schoß Sünder umfasst, ist zugleich heilig und stets der Reinigung
bedürftig, sie geht immerfort den Weg der Buße und der Erneuerung."(13)
Das Konzil hat auch schon einige Unterscheidungskriterien herausgearbeitet
hinsichtlich von Schuld oder Verantwortlichkeit der jetzt Lebenden für die
Verfehlungen aus der Zeit früherer Generationen.
So wurde in zwei unterschiedlichen Zusammenhängen, die einmal
das Verhältnis von Juden und Christen, zum anderen das Verhältnis zwischen
den getrennten Christen aufgreifen, klargestellt, dass man den Zeitgenossen
nicht die Sünden der Vorfahren anlasten kann, nur weil sie Mitglieder
derselben religiösen Gemeinschaft sind:
- "Obgleich die jüdischen Obrigkeiten mit ihren
Anhängern auf den Tod Christi gedrungen haben, kann man dennoch die
Ereignisse seines Leidens weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied
noch den heutigen Juden zur Last legen."(14) - "In
dieser einen und einzigen Kirche Gottes sind schon von den ersten Zeiten an
Spaltungen entstanden, die der Apostel aufs schwerste tadelt und verurteilt;
in den späteren Jahrhunderten aber sind ausgedehntere Verfeindungen
entstanden, und es kam zur Trennung recht großer Gemeinschaften von der
vollen Gemeinschaft der katholischen Kirche, oft nicht ohne Schuld der
Menschen auf beiden Seiten. Den Menschen jedoch, die jetzt in solchen
Gemeinschaften geboren sind und in ihnen den Glauben an Christus erlangen,
darf die Schuld der Trennung nicht zur Last gelegt werden - die katholische
Kirche betrachtet sie als Brüder und Schwestern, in Verehrung und
Liebe."(15)
Für das erste Heilige Jahr, das nach dem Konzil 1975 gefeiert
wurde, hatte Paul VI. das Thema "Erneuerung und Versöhnung"(16)
vorgegeben, und er präzisierte es dann in der Exhortatio Apostolica Paterna
cum benevolentia. Versöhnung muss sich vor allem und zuerst unter den
Gläubigen der katholischen Kirche vollziehen".(17) Wie seit seinen
Anfängen bleibt das Heilige Jahr eine Gelegenheit zur Umkehr und
Wiederversöhnung der Sünder mit Gott mittels des Heilsdienstes der Kirche,
den sie in ihren Sakramenten ausübt.
1.3 Die Vergebungsbitten Johannes Pauls II.
Papst Johannes Paul II. hat das Bedauern über die "schmerzenden
Erinnerungen", die die Geschichte der innerchristlichen Spaltungen
begleiten, nicht einfach nur wiederholt. Er ist über die Erklärungen seines
Vorgängers Pauls VI. wie auch des II. Vatikanischen Konzils hinausgegangen(18)
und hat die Vergebungsbitte auf eine Vielzahl von historischen Vorgängen
ausgedehnt, in die die Kirche oder einzelne Gruppen von Christen - freilich in
jeweils spezifischer rechtlich-politischer Kompetenz - involviert waren(19).
In dem Apostolischen Schreiben Tertio Millennio Adveniente (20)
kündigte der Papst an, dass das Jubiläum des Jahres 2000 die Gelegenheit
biete zu einer "Reinigung des Gedächtnisses" der Kirche "von
allen Denk und Handlungsweisen, die im Verlauf des vergangenen Millenniums
geradezu Formen eines Gegenzeugnisses und Skandals darstellten"(21).
Die Kirche ist eingeladen, "sich stärker der Schuld ihrer Söhne und
Töchter bewusst zu werden". "Die Heilige Pforte des Jubeljahres
2000 wird in symbolischer Hinsicht größer sein müssen als die
vorhergehenden." Darum kann sie "die Schwelle des neuen Jahrtausends
nicht überschreiten, ohne ihre Kinder dazu anzuhalten, sich durch Reue von
Irrungen, Treulosigkeiten, Inkonsequenzen und Verspätungen zu reinigen"(22).
Auch an die Verantwortlichkeit der Christen für die Übel unserer Zeit wird
erinnert(23), wenngleich der Akzent vornehmlich auf der Solidarität der
Kirche von heute mit den Fehlhaltungen von gestern liegt, wovon schon die Rede
war, wobei etwa an die Spaltung der Christenheit zu denken ist(24) oder an
"die Methoden der Intoleranz oder sogar der Gewalt"(25), die für
die Verkündigung des Evangeliums herangezogen wurden.
Fördern möchte der Papst auch eine theologische Vertiefung dieser
bewussten Annahme des historischen Versagens und der möglichen Bitte um
Vergebung gegenüber den Zeitgenossenz(26). Im Apostolischen Schreiben Reconciliatio
et Paenitentia bekräftigt er den Glauben, dass im Sakrament der Buße
"der Sünder sich mit seiner Schuld allein vor Gott gestellt sieht,
seiner Reue und seinem Heilsvertrauen. Keiner kann an dessen Stelle oder in
seinem Namen um Vergebung bitten." Die Sünde ist daher immer der Person
eigen, wenn sie auch die ganze Kirche verletzt und beeinträchtigt, die,
vergegenwärtigt durch den Priester als Diener des Bußsakraments, die
sakramentale Vermittlerin der Versöhnungsgnade mit Gott ist(27).
Auch die Situationen, die innerhalb einer menschlichen Gemeinschaft durch
Verletzung der Gerechtigkeit, der Freiheit und des Friedens die "soziale
Sünde" bedingen, "sind immer Frucht, Verknotungen und
Zusammenballung von persönlichen Sünden". So sehr sich oft auch die
moralische Verantwortung in anonymen Ursachen fast aufzulösen scheint, so
sehr muss man dagegen betonen, dass von sozialer Sünde nur in einem analogen
Sinn die Rede sein kann(28).
Daraus ergibt sich die Einsicht, dass Schuld im eigentlichen Sinne des
Wortes den Personen nicht angerechnet werden kann, die nicht freiwillig in
Tat, Unterlassung oder Fahrlässigkeit dem schuldhaften Tun zugestimmt
haben.
1.4 Die zur Beantwortung anstehenden Fragen
Die Kirche ist eine lebendige Gemeinschaft, die in der Folge der
Generationen durch die Geschichte geht. Ihr Gedächtnis ist nicht nur durch
die auf die Apostel zurückreichende Tradition geprägt. In ihrem Gedächtnis
sind auch die verschiedensten historischen Erfahrungen im positiven und
negativen Sinn gespeichert, die sie erlebt und durchlebt hat. Die Geschichte
der Kirche bestimmt zu einem großen Teil ebenso ihr Bewusstsein in der
Gegenwart. Die Lehrtradition, die Überlieferungen ihres liturgischen,
kanonischen und aszetischen Lebens bieten der gegenwärtigen Gemeinschaft der
Glaubenden reiche Nahrung. Sie sind gleichsam wie ein unerschöpflicher
Katalog von nachahmenswerten Modellen, die für die Gestaltung christlichen
Lebens bereitstehen. Aber während ihrer ganzen irdischen Pilgerschaft wird
der gute Weizen unentwirrbar mit dem Unkraut zusammenstehen (vgl. Mt 13,24-30.
36-43), d.h. die Heiligkeit steht neben Untreue und Sünde(29)
Und so kann die Erinnerung an die Ärgernisse der Vergangenheit das Zeugnis
der Kirche von heute behindern, wie umgekehrt das Eingeständnis des Versagens
der Söhne und Töchter der Kirche von gestern die Erneuerung und Versöhnung
in der Gegenwart begünstigen kann.
Die Schwierigkeit, die sich abzeichnet, besteht in einer genauen
Beschreibung der Sünden der Vergangenheit im Hinblick vor allem auf die
Kriterien einer historischen Urteilsbildung. Man muss genau unterscheiden
zwischen der Verantwortung oder der Schuld, die Christen als gläubigen
Gliedern der Kirche zukommt, und den Verfehlungen, die mit der christlich
geprägten Gesellschaftsform einiger Jahrhunderte (der sogenannten
cristianità) zusammenhängen, als die Strukturen der weltlichen und
geistlichen Macht ineinander verwoben waren.
Ohne eine wirklich geschichtliche Hermeneutik, die zwischen dem Handeln der
Kirche als Glaubensgemeinschaft und einer christianisierten Gesellschaft klar
zu unterscheiden weiß, kommt hier niemand weiter.
Die von Johannes Paul II. unternommenen Schritte auf konkrete
Vergebungsbitten hin sind in den verschiedensten Bereichen, im kirchlichen wie
auch im nichtkirchlichen Milieu, als Zeichen der Vitalität und Authentizität
der Kirche verstanden worden, die sie in ihrer Glaubwürdigkeit nur bestärken
können.
Damit kann die Kirche auch falsche und nicht akzeptable Vorstellungen über
sich relativieren, die in einflussreichen Kreisen gehegt werden, wo man
ignorant oder wider besseres Wissen die Kirche mit Obskurantismus und
Intoleranz identifiziert.
Die Vergebungsbitten des Papstes haben indessen im positiven Sinn einen
Wetteifer im kirchlichen Bereich und darüber hinaus ausgelöst. Denn auch
höchste Repräsentanten von Staaten und privaten wie öffentlichen
Gesellschaften sowie die Führer religiöser Gemeinschaften bitten
gegenwärtig um Vergebung für bestimmte geschichtliche Vorkommnisse in
Perioden, die von Ungerechtigkeiten gekennzeichnet waren.
Diese Handlungen sind das Gegenteil von bloßer Rhetorik, und zwar in einem
solchen Ausmaß, dass viele zögern, die Vergebungsbitte zu billigen und
mitzuvollziehen aus Angst vor den - nicht nur im gerichtlichen Sinn
verstandenen- "Kosten", die eine Anerkennung der Mitverantwortung
für die negativen Ereignisse der Geschichte mit sich bringen könnte. Gerade
auch unter diesem Gesichtspunkt erweist sich die Bildung eines historischen
Urteilsvermögens als vordringlich.
Nicht zu übersehen ist auch, dass sich manche Gläubige von dem
kirchlichen Schuldbekenntnis vor den Kopf gestoßen fühlen, insofern ihre
Loyalität gegenüber der Kirche erschüttert werden könnte. Einige fragen,
wie es möglich sein soll, der jungen Generation eine Liebe zur Kirche
einzupflanzen, wenn man dieser Vergehen und Sünden anlastet. Andere
beobachten mit Sorge, dass das Schuldbekenntnis der Kirche sehr einseitig
bleiben könnte und eingefleischte Kirchenhasser es als Bestätigung ihrer
Vorurteile und als Waffe antichristlicher Propaganda missbrauchen.
Andere schrecken davor zurück, die heutigen Generationen der Gläubigen
willkürlich für das Versagen in der Vergangenheit zu beschuldigen, vor allem
für Taten, denen sie in keiner Weise zugestimmt hätten, obgleich sie sich
bereit erklären, Verantwortung zu übernehmen, und zwar in dem Maß, in dem
menschliche Gemeinschaften sich auch heute noch von den Nachwirkungen
betroffen fühlen, die von den Ungerechtigkeiten herrühren, deren sich ihre
Vorfahren schuldig gemacht haben. Andere schließlich halten dafür, dass die
Kirche ihr "Gedächtnis reinigen" soll hinsichtlich zweifelhafter
Aktionen, in die sie verwickelt war, indem sie einfach teilnimmt an der
kritischen Aufarbeitung des historischen Bewusstseins, das sich in unserer
Gesellschaft entwickelt hat. So könnte sie gemeinsam mit allen Zeitgenossen
all das ablehnen, was das moralische Gewissen zurückweist, ohne sich als die
einzige schuldige und verantwortliche Gemeinschaft für alle Übel der
Vergangenheit hinzustellen. Dies schließe gleichzeitig den im wechselseitigen
Verstehen geführten Dialog mit denen ein, die sich noch heute von Vorgängen
der Vergangenheit verletzt fühlen, die Gliedern der Kirche anzukreiden sind.
Schließlich ist zu erwarten, dass auch einige andere Gruppen eine
vergleichbare Vergebungsbitte reklamieren, analog zu anderen Gruppen oder weil
sie glauben, ebenfalls Unrecht erlitten zu haben.
Auf jeden Fall ist aber festzuhalten, dass die "Reinigung des
Gedächtnisses" nicht den Verzicht der Kirche auf ihre Sendung bedeuten
kann, die geoffenbarte Wahrheit in Glaubens- und Sittenfragen zu verkünden,
die ihr von Gott anvertraut worden ist.
Es kristallisieren sich also verschiedene wichtige Fragestellungen heraus:
Kann man das Gewissen heutiger Menschen mit einer "Schuld" belasten,
die untrennbar mit unwiederholbaren historischen Phänomenen verknüpft ist,
wie z.B. die Kreuzzüge und die Inquisition?
Macht man es sich nicht zu leicht, die Protagonisten der Vergangenheit aus
der Sichtweise der Gegenwart zu beurteilen, wie es die Schriftgelehrten und
Pharisäer taten, die sagten: "Hätten wir in den Tagen unserer Väter
gelebt, wären wir nicht wie sie am Tod der Propheten schuldig geworden"
(vgl. Mt 23,29-32.30). Kann man ohne Rücksicht auf die Zeitumstände,
in die jede Gewissensentscheidung eingebettet ist, die Handlungsweise der
Vorfahren von einem (nur scheinbar) übergeschichtlich-reinen
Gewissensstandpunkt aus beurteilen?
Aber von der anderen Seite her betrachtet kann man sicher nicht leugnen,
dass das moralische Urteil immer im Spiel bleibt, schon allein auf Grund der
schlichten Tatsache, dass die Wahrheit Gottes und ihre moralischen Forderungen
immer Bestand haben. Welche Haltung hier auch immer einzunehmen sein mag, sie
muss sich an diesen Fragen orientieren und darf ihr Niveau nicht
unterschreiten. Es gilt, Antworten zu suchen, die zutiefst fundiert sind in
der Offenbarung und in ihrer lebendigen Weitergabe im Glauben der
Kirche.
Die vordringlichste Aufgabe besteht in der Beantwortung der Frage, welche
Form die Vergebungsbitte für Verfehlungen aus der Vergangenheit haben kann,
besonders wenn sie sich an heutige menschliche Gemeinschaften richtet.
Entscheidend ist hier das Evangelium von der Versöhnung des Menschen mit
Gott und dem Nächsten. Diese Botschaft kann in ihrer tiefsten Bedeutung nur
im Horizont eines biblischen und theologischen Horizontes erhellt
werden.
Zweites Kapitel
BIBLISCHE ZUGÄNGE ZUR FRAGE: HEILIGES
GOTTESVOLK UND SCHULD
Man kann das Schuldbekenntnis Israels im Alten Testament theologisch in
verschiedener Weise herausarbeiten. Das gilt auch für das Sündenbekenntnis,
wie es sich in den Überlieferungen des Neuen Testaments darstellt (30).
Die Aufgabe, das Schuldbekenntnis der Kirche theologisch zu reflektieren,
legt einen thematischen Zugang nahe, der sich von der Frage führen lässt: In
welchem Sinnkontext und Referenzrahmen steht nach dem Zeugnis der Heiligen
Schrift die Einladung Johannes Pauls II. an die Kirche, Sünden und Fehler der
Vergangenheit zu bekennen?
2.1 Altes Testament
Sündenbekenntnisse und Vergebungsbitten finden sich in der ganzen Heiligen
Schrift, in den Geschichtserzählungen des Alten Testaments ebenso wie in den
Psalmen, den Propheten und in den Evangelien. Das gilt gleichfalls, wenn auch
eher sporadisch, für die Weisheitsliteratur und die neutestamentlichen
Briefe. Angesichts der Überfülle der Zeugnisse stellt sich die Frage, wie
man die sprechendsten Zeugnisse auswählen und inhaltlich ordnen soll.
Man kann die biblischen Zeugnisse in Bezug auf das Sündenbekenntnis mit
der Leitfrage untersuchen: Wer bekennt wem welche Sünde?
Anhand dieser Fragestellung ergeben sich zwei Hauptkategorien der
Sündenbekenntnisse, wozu natürlich diverse Unterkategorien gehören: a)
Texte des Bekenntnisses individueller Sünden, und b) Texte mit dem Bekenntnis
der Sünden des ganzen Volkes (und der Vorfahren).
Angesichts der aktuellen kirchlichen Praxis, der diese Untersuchung dient,
empfiehlt sich eine Beschränkung der Analyse auf die zweite Kategorie.
In dieser Kategorie des Sündenbekenntnisses des ganzen Volkes lassen sich
verschiedene Möglichkeiten unterscheiden: Wer spricht das Bekenntnis der
Sünden des Volkes, wer ist miteinbezogen und wer nicht, noch ganz abgesehen
davon, ob und inwieweit sich ein Bewusstsein persönlicher Verantwortlichkeit
erkennen lässt, das sich erst nach und nach ausgebildet hat (vgl. Ez
14,12-23;18,1-32; 33,10-20).
Anhand dieser Kriterien sind folgende Fälle zu unterscheiden, die aber
durchaus fließende Übergänge aufweisen:
- Eine erste Reihe von Texten zeigt das ganze Volk (das manchmal in einem
einzelnen "Ich" personifiziert ist), wie es in einem besonderen
Moment seiner Geschichte seine Sünden vor Gott bekennt oder auf sie hinweist,
ohne dass irgendein (expliziter) Bezug auf die Sünden und Fehler
vorangegangener Generationen hergestellt wird(31).
- Eine zweite Gruppe von Texten legt das Bekenntnis der Sünden des Volkes
vor Gott auf die Lippen einzelner oder mehrerer (religiöser) Autoritäten,
die sich ausdrücklich in das Volk, für das sie bitten, miteinschließen
können (oder auch nicht)(32). - Eine dritte Textgruppe stellt das
Volk oder einen seiner Repräsentanten vor, wie diese die Sünden der
Vorfahren ins Gedächtnis rufen, ohne dabei jedoch die Sünden der
gegenwärtigen Generation zu erwähnen(33). - Sehr häufig werden die
Sündenbekenntnisse, die die Schuld der Vorfahren erwähnen, ausdrücklich auf
die Irrtümer der gegenwärtigen Generation bezogen und mit ihnen in
Verbindung gebracht(34).
Aus den angeführten Zeugnissen ergibt sich: In allen Fällen, in denen die
"Sünden der Väter" erwähnt werden, richtet sich das Bekenntnis
ausschließlich an Gott. Alle Sünden, die das Volk bekennt oder die in seinem
Namen bekannt werden, sind immer Sünden, die sich unmittelbar gegen Gott
gerichtet haben, eher als die Sünden, die man gegenüber anderen Menschen
beging (nur im Sündenbekenntnis von Num 21,7 ist eine Auflehnung
erwähnt, die sich gegen einen Menschen richtet, nämlich gegen Mose)(35).
Somit erhebt sich die Frage nach dem Grund, warum die biblischen
Schriftsteller nicht die Notwendigkeit einer an die gegenwärtigen Partner
gerichteten Vergebungsbitte für die von den Vätern begangenen Sünden
gesehen haben. Dies ist um so bemerkenswerter angesichts des klaren
Bewusstseins der generationenübergreifenden Solidarität im Guten wie im
Bösen (man denke nur an die Vorstellung der "korporativen
Persönlichkeit"). Die verschiedensten Hypothesen wurden als Antwort auf
diese Fragen aufgestellt.
Als allerwichtigster Umstand ist hier die biblische Theozentrik zu
beachten. Sie bestimmt die gesamte Schrift, sie stellt alle
individuellen Sünden und Verfehlungen des Volkes in den Horizont Gottes.
Darüber hinaus ist zu beachten, dass Gewalttätigkeiten Israels gegen andere
Völker, für die man eine Vergebungsbitte Israels an diese Völker und ihre
Nachkommen erwarten sollte, als Ausführung des göttlichen Heilsplans mit
Israel verstanden wurden (insofern sich diese Völker der Führung Israels
durch Gott entgegengestellt hatten). Die Interpretation der kriegerischen
Konflikte Israels im Licht der Führungsgeschichte Jahwes findet man etwa im
Zusammenhang der Ausrottung der Kanaanäer (Jos 2-11; Dtn 7,2)
oder der Vernichtung der Amalekiter (1 Sam 15; Dtn 25,19). In
solchen Fällen scheint die Ausführung eines von Gott erhaltenen Auftrags von
vornherein jede mögliche Vergebungsbitte auszuschließen(36).
Die üblen Erfahrungen mit der Gewalttätigkeit anderer Völker dürften
die Idee einer Bitte um Vergebung an diese Völker für das ihnen zugefügte
Böse nicht gerade gefördert haben".(37)
Aufs ganze gesehen darf aber der bedeutende Beitrag des Alten Testaments
zum Thema in der Vergebungsbitte für Unrecht aus der Vergangenheit bestehen.
Es ist das Bewusstsein der Solidarität in der Sünde wie auch in der Gnade,
die es unter den Generationen gibt, die in der Aufeinanderfolge ein Volk zu
einem geschichtlichen Subjekt machen. Es findet seinen Ausdruck im Bekenntnis
der "Sünden der Väter vor Gott". Daher konnte Johannes Paul II.
die tiefgründigen Worte aus dem Lobgesang Asarjas im Feuerofen aufgreifen und
im Blick auf die Gegenwart bekennen: "<Gepriesen bist du, Herr Gott
unserer Väter... wir haben gesündigt und durch Treubruch gefrevelt und haben
in allem gefehlt. Wir haben deinen Geboten nicht gehorcht> (Dan
3,26.29). Auf diese Weise beteten die Juden nach dem Exil (vgl. auch Bar
2,11-13), indem sie bewusst die Last der Sünden auf sich nahmen, die ihre
Väter begangen hatten. Die Kirche ahmt ihr Beispiel nach und bittet um
Vergebung für die vergangenen Sünden auch ihrer Söhne und Töchter."(38)
2.2 Neues Testament
Entscheidend für das Verständnis von Schuld und Sünde im gesamten Neuen
Testament ist das Bewusstsein von der absoluten Heiligkeit Gottes. Der Gott
Jesu ist der Gott Israels (vgl. Joh 4,22), den Jesus anspricht als
"Heiliger Vater" (Joh 17,11), der auch schlechthin "der
Heilige" (Joh 2,20; vgl. Offb 6,10) genannt wird. Das
Dreimal-Heilig der Jesaja-Vision (Jes 6,3) ertönt auch in der
himmlischen Liturgie, wie der Seher Johannes bezeugt (Offb 4,8).
Deswegen sind die Christen mit apostolischer Autorität (1 Petr 1,16)
aufgerufen zur Heiligkeit, "weil geschrieben steht: Seid heilig, wie ich
heilig bin" (Lev 11,44f.;19,2). In diesen Aussagen spiegelt sich
das alttestamentliche Verständnis der absoluten Heiligkeit Gottes wider. Die
spezifisch christliche Sicht ist das Bekenntnis, dass Gottes Heiligkeit in der
Person Jesu von Nazaret in die Geschichte eingetreten ist. Damit ist aber die
alttestamentliche Sicht nicht aufgegeben, sondern erst in ihrem vollen Sinn
ans Licht getreten. Die Heiligkeit Gottes vergegenwärtigt sich in der
Heiligkeit des fleischgewordenen ewigen Wortes, des Sohnes Gottes (Mk 1,24;
Lk 1,35; 4,34; Joh 6,69; Apg 3,14; 4,27.30; Offb
3,7). An der Heiligkeit des Sohnes haben "die Seinen" Anteil (Joh
17,16-19), da sie hineingenommen sind in die Sohnesbeziehung Christi zum
Vater. Sie sind Söhne und Töchter Gottes im Sohn Gottes (vgl. Gal
4,4-6; Röm 8,14-17). Doch kann es keinen Anspruch auf die Anteilnahme
am Sohnesverhältnis Jesu zum Vater geben, ohne dass es sich auch in der Liebe
zum Nächsten auswirkt (vgl. Mk 12,29-31; Mt 22,37f.; Lk
10,27f.). Dieses Motiv, das in der Verkündigung Jesu so entscheidend ist,
begegnet im Johannesevangelium als "das neue Gebot": Die Jünger
müssen einander lieben, wie er sie geliebt hat (vgl. Joh
13,34f.;15,12.17), und zwar "bis zur Vollendung" (Joh 13,1f
.).
Der Christ ist darum berufen zu lieben und zu vergeben nach einem Maß, das
alles menschliche Maß von Gerechtigkeit übersteigt. Es geht um eine
Wechselseitigkeit der Liebe unter den Menschen, welche die Gemeinschaft der
Liebe von Vater und Sohn widerspiegelt (vgl. Joh
13,34f.;15,1-11;17,21-26). In dieser Perspektive erhält das Thema der
Wiederversöhnung und der Vergebung eine ganz neue Ausprägung. Jesus verlangt
von seinen Jüngern, immer zur Vergebung bereit zu sein, wenn sich jemand an
ihnen versündigt hat, so wie auch Gott selbst immer Vergebung gewährt:
"Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigem"
(Mt 6,12.12-15), wie Jesus die Jünger im Gebet des Herrn zu sprechen
gelehrt hatte. Wer wirklich seinem Nächsten vergibt, hat verstanden, dass er
selber immer der Vergebung Gottes bedarf. Die Jünger sind eingeladen, bis zu
"siebenmal siebzigmal" denen zu vergeben, die sie beleidigten,
selbst wenn diese sie nicht um Verzeihung gebeten haben sollten (vgl. Mt
18,21f.).
Jesus insistiert auf diesem Verhalten des Geschädigten gegenüber seinen
Schuldigem. Er ist aufgerufen, den ersten Schritt zu tun. Nur der kann den
Teufelskreis der Vergeltung durchbrechen, der "von Herzen" vergibt
(vgl. Mt 18,35; Mk 11,25), wohlwissend, dass er selbst Sünder
ist vor Gott, der die ehrliche Bitte um Vergebung nie zurückweist. In der
Bergpredigt erwartet Jesus von dem, der weiß, dass sein Bruder etwas gegen
ihn hat, "dass er hingeht und sich mit seinem Bruder versöhnt, ehe er
seine Gabe auf dem Altar opfert" (Mt 5,23f.). Derjenige ist eines
Aktes der Verehrung Gottes nicht würdig, der nicht zuvor den Schaden
wiedergutmachen will, den er dem Nächsten zugefügt hat. Was zählt, ist
Herzensänderung und die Bereitschaft zu wirklicher Versöhnung. Der Sünder,
der darum weiß, dass seine bösen Taten seine Beziehung zu Gott und zugleich
zum Mitmenschen geschädigt haben (Lk 15,21), kann von niemandem außer
von Gott Vergebung erwarten, weil Gott allein immer barmherzig und zur
Überwindung der Sünden bereit ist. Darin liegt auch der tiefere Sinn des
Opfers Christi, der uns ein für allemal von unseren Sünden erlöst hat (vgl.
Hebr 9,22; 10,18). Auf diese Weise sind Menschen, als Täter und Opf er
der bösen Taten, in Gott wieder miteinander versöhnt in seiner
Barmherzigkeit, in der er alle annimmt und allen seine Vergebung gewährt.
Im Kontext dieser Aussagen, die man mühelos mit Hilfe der Paulinischen und
der Katholischen Briefe und weiterer neutestamentlicher Schriften noch
anreichern und ausbauen könnte, findet man jedoch nirgends ein Indiz dafür,
dass die Urkirche ihre Aufmerksamkeit den Sünden der Vergangenheit zugewendet
hätte mit der Absicht, für sie um Vergebung zu bitten. Das lässt sich
leicht erklären. Die ungeheure Neuheit des Christlichen hat das Bewusstsein
der jungen Kirche ganz auf die Zukunft gerichtet. Der Blick in die
Vergangenheit tritt zurück. Man trifft jedoch auf eine Einsicht, die in den
Evangelien und in den apostolischen Briefen immer neu und mit Nachdruck betont
wird: die besondere Ambivalenz der christlichen Hoffnung. Bei Paulus ist die
Kirche, das neue Volk Gottes, eine eschatologische Gemeinde, die jetzt schon
als die "neue Schöpfung" (2 Kor 5,17; Gal 6,15)
existiert. Diese Erfahrung hat ihren Ermöglichungsgrund in Tod und
Auferstehung Christi (vgl. Röm 3,21-26; 5,6-11; 8,1-11; 1 Kor
15,54-57). Sie befreit uns aber nicht von der Neigung zur Sünde, solange wir
in dieser Weltzeit leben, die noch bis zur Parusie vom Fall Adams geprägt
bleibt.
Als Ergebnis des göttlichen Eingreifens in die Geschichte durch den Tod
Jesu Christi bleiben zwei mögliche Szenarien übrig: die Geschichte in der
Konsequenz der Sünde Adams und die Geschichte unter der Macht der Gnade
Christi. Diese beiden Grundorientierungen durchziehen die Geschichte und
laufen nebeneinander her. Der Glaubende jedoch wird voll und ganz auf Tod und
Auferstehung Christi, des Herrn, bauen (vgl. Röm 6,1-11; Gal
3,27f; Kol 3,10; 2 Kor 5,14f .) und so zu der Geschichte
gehören, in der die Gnade überreich wurde und alles durchprägt (vgl. Röm
5,12-21).
Eine ähnliche theologische Relecture des Osterereignisses zeigt, dass die
Kirche seit ihren Anfängen ein deutliches Bewusstsein hatte von möglichen
Fehlern und Mängeln der Getauften. Ohne weiteres kann man sagen, dass das
gesamte paulinische Schrifttum die Gläubigen zur vollen Erkenntnis ihrer
Würde führen möchte, indem sie zugleich an die Gebrechlichkeit der
menschlichen Existenz erinnert werden. Die Conditio humana et christiana umschreibt
der Apostel so: "Zur Freiheit hat Christus uns befreit. Bleibt daher fest
und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen!" (Gal
5,1). Eine ähnliche Aussage findet sich besonders auch im
Markusevangelium. Zu den Hauptthemen zählen dort die Fehler und Mängel der
Jünger Jesu (vgl. Mk 4,40f.; 6,36f.51f.; 8,14-21.31-33; 9,5f.32-41;
10,32-45; 14,10f.17-21.27-31.50; 16,8). Dieses Motiv findet sich in
unterschiedlicher Schattierung in allen Evangelien. Judas ist der Verräter
Christi und Petrus hat seinen Meister verleugnet. Judas verzweifelt angesichts
seiner Tat (vgl. Apg 1,15-20), während Petrus bereut (vgl. Lk
22,61f.) und schließlich das dreifache Bekenntnis der Liebe ablegt (vgl.
Joh 21,15-19). Bei Matthäus findet sich die Bemerkung, dass bei der
letzten Erscheinung des auferstandenen Herrn "einige zweifelten" (Mt
28,17), während die Jünger vor ihm niederknieten. Im vierten Evangelium sind
die Jünger diejenigen, die mit einer unvergleichbaren Liebe beschenkt sind,
obgleich ihre Antwort verdunkelt ist von Unverständnis, Glaubensschwäche,
Verleugnung und Verrat (vgl. Joh 13,1-38).
Diese durchgängige Darstellung der Jünger, die in die Nachfolge Jesu
berufen sind und die doch unsicher und zur Sünde geneigt bleiben, dient nicht
einfach nur einer bloßen Information über historische Vorkommnisse der
Anfangszeit. Die biblischen Erzählungen richten sich an alle Jünger Christi,
die in schwierige Situationen geraten und das Evangelium als Orientierung für
das Leben und als Quelle geistlicher Belehrung ansehen. So ist das Neue
Testament voll von Ermahnungen zu einem Leben nach dem Maß des Guten, zur
Erkenntnis der eingegangenen Verpflichtungen und zur Vermeidung böser Taten
(vgl. etwa Jak 1,5. 8.19-21; 2,1-7; 4,1-10; 1 Petr 1,13-25; 2 Petr
2,1-22; Jud 3-13; 1 Joh 1,5-10; 2,1-11.18-27; 4,1-6; 2 Joh
7-11; 3 Joh 9f.).
Es bleibt aber festzuhalten, dass es kein explizites Zeugnis gibt, nach dem
die ersten Christen aufgefordert werden, Sünden und Fehler aus der
vergangenen Geschichte zu bekennen, auch wenn es bezeichnend ist, dass die
Wirklichkeit der Sünde und des Bösen in Erinnerung gerufen wird auch und
gerade für das innere Leben der Kirche, deren Glieder, die Christen, zur
eschatologischen Existenz berufen sind. Man denke nur an die starken Worte des
Tadels, die sich in den Briefen an die sieben Kirchen in der Apokalypse des
Johannes finden.
Belehrt von ihrem Herrn beten die Christen: "Erlass uns unsere Schuld,
wie auch wir jedem erlassen, was er uns schuldig ist" (Lk 11,4;
vgl. Mt 6,12).
Es besteht kein Zweifel, dass sich die ersten Christen - überblickt
man den biblischen Befund - durchaus der Möglichkeit bewusst waren, in ihrem
Handeln von ihrer Berufung zum ewigen Leben abzuweichen, das ihnen zuteil
geworden war in der Taufe auf den Tod und die Auferstehung Jesu Christi.
2.3 Das biblische "Jubeljahr"
Darüber hinaus gibt uns die Bibel einen besonderen Rahmen für eine
Versöhnung, die auf eine Überwindung der Altlasten der Geschichte hinzielt:
die Feier des "Jubeljahres", wie es im einzelnen im Buch Leviticus
geregelt ist (Lev 25).
In einer Sozialstruktur, die aus Stämmen, Clans und Großfamilien besteht,
entstehen unvermeidlicherweise Situationen der Unordnung, wenn Individuen oder
Familien sich genötigt sehen, sich aus unerträglichen Lebensumständen
"auszulösen" durch Verzicht auf ihr Eigentum an Land oder Haus oder
ihren Knechten und Kindern, die sie an diejenigen abgeben mussten, die ohnehin
schon unter besseren Bedingungen lebten. Ein solches System führte dazu, dass
einige Israeliten in unerträgliche Formen der Verschuldung, der Armut und
Schuldsklaverei gerieten ausgerechnet in dem Land, das ihnen und den
Israeliten von Gott selbst zum Nutzen und Formen aller geschenkt worden war,
nachdem er sie aus der Sklaverei und Knechtschaft Ägyptens befreit hatte.
Für eine mehr oder weniger lange Zeit konnten also ein Territorium oder ganze
Familien in die Hand weniger Reicher fallen, während sich andere Israeliten
in hoffnungsloser Verschuldung und Knechtschaft in totaler Abhängigkeit von
den Reichen wiederfanden.
Die Gesetzgebung von Levitikus 25 ist der Versuch, diese
Ungleichheit und Ungerechtigkeit von Grund auf zu überwinden. Wenn auch
Zweifel bestehen, ob der Versuch jemals vollkommen in die Praxis umgesetzt
werden konnte, so ist doch die Zielsetzung von großer Wirkung. Die Feier des
Jubeljahres alle 50 Jahre hatte zum Ziel, die soziale Grundverfassung des
Volkes Gottes zu bewahren und die soziale Unabhängigkeit und Freiheit auch
der kleinen Familien des Landes wiederherzustellen.
Entscheidend für Levitikus 25 ist die regelmäßige Wiederholung
des Glaubensbekenntnisses Israels. Israel bekennt seinen Glauben an Gott, der
sein Volk im Exodus aus der Sklaverei befreit hatte: "Ich bin der Herr,
euer Gott, der euch aus Ägypten herausgeführt hat, um euch das Land Kanaan
zu geben und euer Gott zu sein" (Lev 25,38; vgl. 25,42. 45). Mit
der Feier des Jubeljahres war ein Schuldenerlass verbunden und der Versuch der
Wiederherstellung einer gerechten Ordnung. Jedes System, das irgendeinen
Israeliten zum Fremden machte, der ja einmal Sklave war, dann aber durch die
machtvolle Hand Gottes befreit wurde, widerspräche in der Tat direkt dem
göttlichen Heilshandeln.
Später nehmen die Propheten die Befreiung der Opfer von Gewalt und der
unter Ungerechtigkeit Leidenden wieder auf. Es wird geradezu ihr Programm. In
den Liedern vom leidenden Gottesknecht (Jes 42, 1-9; 49,1-6; 50,4-11;
52,13-53,12) entwickelt Deutero-Jesaja diese Bezüge zur Praxis des
Jubeljahres weiter mit seinen großen Themen vom "Lösegeld" und von
der Freiheit, der Rückkehr und der Erlösung. Jesaja 58 ist ein
Angriff gegen einen bloßen Ritualismus, der nichts zu tun haben will mit
sozialer Gerechtigkeit. Es ergeht der Aufruf zur Befreiung der Versklavten (Jes
58,6). Nachdruck wird gelegt auf die Pflichten gegenüber der Verwandtschaft.
Es gibt keine eindrücklichere Erläuterung des inneren Sinnes des
Jubeljahres, als wenn Jesus am Beginn seines öffentlichen Wirkens, mit
deutlicher Anspielung auf Jesaja 58,b und mit Rückverweis auf Levitikus
25, die Aufgabe seines Lebens, seine Sendung und seinen Dienst vorstellt mit
den Worten: "Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr
hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt; damit ich den Armen das Evangelium
verkünde; damit ich den Gefangenen die Entlassung predige und den Blinden das
Augenlicht, damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr
des Herrn ausrufe" (Lk 4,18f.).
2.4 Zusammenfassung
Aus den bisherigen Untersuchungen kann man ersehen, dass der Aufruf
Johannes Pauls II. an die Kirche, das Jubeljahr zu begehen mit dem
charakteristischen Merkmal eines Eingeständnisses der Schuld für alle Leiden
und Kränkungen, die die Söhne und Töchter der Kirche in der Vergangenheit
anderen zugefügt haben(39), in den biblischen Zeugnissen zwar keinen
unmittelbaren Vergleichspunkt hat. Dennoch bietet die Heilige Schrift hierfür
eine gute und ausreichende Grundlage, sofern man nur an die Grundaussagen zur
Heiligkeit Gottes, zur generationenübergreifenden Solidarität im Gottesvolk
denkt, und sofern wir uns immer der Tatsache bewusst bleiben, dass wir Sünder
sind.
Zudem trifft der Aufruf des Papstes exakt den Geist des biblischen
Jubeljahres, das Handlungen und Taten einfordert, wodurch die ursprüngliche
Ordnung wiederhergestellt werden soll, wie Gott sie für seine Schöpfung
entworfen hatte. Dies verlangt, dass die Proklamation des "Heute"
des Jubeljahres, das mit Jesus selbst seinen Anfang nahm (vgl. Lk 4,21
), sich in die Jubiläumsfeier seiner Kirche hinein fortsetzt. Diese
einzigartige Erfahrung der Gnade motiviert das ganze Gottesvolk und jeden
einzelnen Getauften, das Gebot des Herrn ganz ernst zu nehmen, nämlich immer
bereit zu sein, seinen Schuldigem zu vergeben.
Drittes Kapitel
SYSTEMATISCHE DARSTELLUNG
"Zu Recht nimmt sich daher die Kirche, während sich das zweite
christliche Jahrtausend seinem Ende zuneigt, mit stärkerer Bewusstheit der
Schuld ihrer Söhne und Töchter an, eingedenk aller jener Vorkommnisse im
Laufe der Geschichte, wo diese sich vom Geist Christi und seines Evangeliums
dadurch entfernt haben, dass sie der Welt statt eines an den Werten des
Glaubens inspirierten Lebenszeugnisses den Anblick von Denk- und
Handlungsweisen boten, die geradezu Formen eines Gegenzeugnisses und
Skandals darstellten.
Obwohl die Kirche durch ihre Inkorporation in Christus heilig ist, wird sie
nicht müde, Buße zu tun, sie anerkennt immer, vor Gott und vor den
Menschen, die Sünder als ihre Söhne. "(40)
Diese Worte Johannes Pauls II. zeigen, dass sich die Kirche von den Sünden
ihrer Glieder selbst betroffen weiß. Die Kirche ist heilig, insofern sie vom
Vater durch die Vermittlung des Kreuzesopfers des Sohnes in Heiligkeit
konstituiert wurde. Sie ist darum nicht ein menschliches Werk, sondern die
Gabe des Heiligen Geistes an die Menschen. Doch in einem gewissen Sinn ist
diese Kirche auch Sünderin, insofern sie real die Sünden derer, die sie wie
eine Mutter in der Taufe als ihre Kinder geboren hat, auf sich nimmt, ähnlich
wie Christus, der selbst ohne Sünden war, die Sünden der Welt, d.h. derer
getragen hat, die durch Glaube und Taufe zu Gliedern seines Leibes, der
Kirche, werden sollten (vgl. Röm 8,3; 2 Kor 5,21; Gal
3,13; 1 Petr 2,24)(41).
Es begegnet uns im Tiefenbewusstsein der Kirche in ihrem Gang durch die
Geschichte die Überzeugung, dass die Kirche nicht einfach die Gemeinschaft
der Heiligen und Prädestinierten ist, sondern dass sie in ihrem Schoß sowohl
Gerechte als auch Sünder umfasst. Dies gilt für ihre Vergangenheit wie für
ihre Gegenwart. Denn aus ihrer Herkunft und Sendung ergibt sich ihre die
Zeiten übergreifende Einheit als Wesenszug ihres Mysteriums. In der Gnade und
auch in den Wunden, die ihr durch die Sünde ihrer Glieder zugefügt wurden,
sind sich die Getauften von gestern und heute nahe und verbunden. Darum kann
man sagen: Die Kirche, die in Christus und im Heiligen Geist geeint ist und
darum eine einzige und selbige Gemeinschaft in Raum und Zeit der
Menschheitsgeschichte darstellt, ist in Wahrheit "zugleich heilig und
stets der Reinigung bedürftig"(42).
Dieses Paradox, das das Geheimnis der Kirche charakterisiert, wirft nun die
Frage auf, wie man beide Aspekte zusammensehen kann. Denn das Bekenntnis zu
Gottes Wirken, aus dem die Kirche hervorgeht, enthält sowohl den Glauben an
die Heiligkeit der Kirche und zugleich das Wissen um die immer bleibende
Notwendigkeit von Umkehr und Reinigung.
3.1 Die Kirche: Zeichen und Werkzeug des universalen Heilswillens
Gottes
"Die Kirche steht inmitten der Geschichte, gleichzeitig aber
überschreitet sie auch die Dimension des geschichtlich Greifbaren. Nur
<mit den Augen des Glaubens> (Catechismus Romanus 1,10,20) vermag
man in ihrer sichtbaren Wirklichkeit auch eine geistige Realität
wahrzunehmen, die Trägerin göttlichen Lebens ist."(43) Diese innere
Vermittlung des sichtbaren und geschichtlich wahrnehmbaren Aspektes zur
unsichtbaren Dimension, insofern die Kirche Gabe Gottes an die Menschen ist,
kann in Analogie gesehen werden zum gott-menschlichen Geheimnis Jesu Christi.
Im fleischgewordenen ewigen Wort Gottes ist die von der Person des Logos
angenommene menschliche Natur Christi Zeichen und Instrument des Heilswirkens
des Sohnes Gottes in der Welt. Die beiden Dimensionen des Seins und Wesens der
Kirche "bilden eine einzige komplexe Wirklichkeit, die aus menschlichem
und göttlichem Element zusammenwächst."(44) Es ist eine Communio, die
teilhat am Leben des dreieinigen Gottes. Sie bewirkt, dass sich die Getauften
untereinander vereint wissen trotz der Verschiedenheit der Zeiten und Orte
ihrer geschichtlichen Existenz.
In der Kraft dieser alle Zeiten und Geschichtsräume umspannenden
Gemeinschaft versteht sich die Kirche als ein einziges Handlungssubjekt und
stellt sich als eine einzige Wirklichkeit in der Geschichte der Menschheit
dar. So ist sie Trägerin der Gaben Gottes, aber auch der Verdienste und der
Sünden ihrer Glieder gestern und heute.
Um Missverständnisse zu vermeiden, darf bei der Erwähnung der nicht
"unwesentlichen Analogie des Mysteriums der Kirche mit dem Geheimnis des
fleischgewordenen Wortes" der Hinweis auf die tiefreichende Grenze dieser
Analogie nicht unterbleiben. "Während aber Christus heilig, schuldlos,
unbefleckt war (Hehr 7,26) und die Sünde nicht kannte (2 Kor
5,21), sondern allein die Sünden des Volkes zu sühnen gekommen ist (vgl. Hebr
2,17), umfasst die Kirche Sünder in ihrem eigenen Schoß. Sie ist
zugleich heilig und stets der Reinigung bedürftig, sie geht immerfort den Weg
der Buße und der Erneuerung."(45) Das Fehlen jeder Sünde bei Christus,
dem fleischgewordenen Wort, kann nicht unmittelbar auf seinen Leib, der die
Kirche ist, übertragen werden. Wenn auch jeder einzelne, insofern er Glied
ist am ekklesialen Leib Christi und an der von Gott geschenkten Gnade teilhat,
so muss er doch stets wachsam sein und bedarf einer lebenslang währenden
Buße und Erneuerung. Darin muss er sich auch verbunden wissen mit der
Schwachheit seiner Mitchristen. "Alle Glieder der Kirche, auch ihre
Diener, müssen bekennen, dass sie Sünder sind (vgl.1 Joh l,8ff.). In
allen wächst zwischen der guten Saat des Evangeliums bis zum Ende der Zeiten
auch das Unkraut der Sünde (vgl. Mt 13,24-30). Die Kirche vereint
sündige Menschen, die zwar vom Heil Christi erfasst, aber noch immer erst auf
dem Weg zur Heiligkeit sind."(46)
Schon Paul VI. hatte feierlich bekräftigt, dass "die Kirche heilig
ist, obwohl sich in ihrer Mitte auch Sünder befinden; denn sie lebt kein
anderes Leben als das der Gnade... Darum leidet die Kirche und büßt für die
Sünden ihrer Söhne und Töchter. Sie hat jedoch aus dem Blute Christi und
aus der Gabe des Heiligen Geistes auch die Vollmacht erhalten, ihre Kinder von
den Wunden, welche die Sünde geschlagen hat, zu heilen"(47). In ihrem
Geheimnis ist die Kirche also ein ständiges Aufeinandertreffen von Heiligkeit
und Schwachheit, von Erlösung und Versagen. Die Kirche bedarf darum immer neu
der Erlösungsmacht der Gnade. Die liturgische Praxis weist uns auf eine
innere Gesetzmäßigkeit des Glaubens ("lex credendi") hin. Der
einzelne Gläubige und die Kirche als ganze flehen Gott an, dass er nicht auf
die Sünden der einzelnen schauen möge, sondern auf den Glauben seiner
Kirche, denn die Sünden sind eine Negation dieses Glaubens: "Ne
respicias peccata nostra, sed fidem Ecclesiae tuae".
Nimmt man die Einheit der Kirche in den Blick, die ihr Mysterium in dem
einen Raum der menschlichen Geschichtszeit vergegenwärtigt, treten die drei
wesentlichen Aspekte ihres Geheimnisses deutlich hervor: Der Aspekt der
Heiligkeit, der Aspekt der beständig notwendigen Buße und Reform sowie der
Aspekt, wie sich dies im Wirken der Kirche als unserer Mutter ausformt.
Diese drei Aspekte sollen im folgenden näher beleuchtet werden.
3.2 Die Kirche ist heilig ...
Die Kirche ist heilig, weil sie von Christus geheiligt worden ist. Indem er
sich für sie dahingegeben hat aus Liebe bis zum Tod am Kreuz, hat er sich die
Kirche als sein Eigentum erworben. Die Kirche wird in dieser Heiligkeit
erhalten vom Heiligen Geist, der ihr Leben und Wirken unaufhörlich innerlich
durchdringt und formt. So erklärt das II. Vatikanische Konzil: "Es ist
Gegenstand des Glaubens, dass die Kirche, deren Geheimnis die Heilige Synode
vorlegt, unzerstörbar heilig ist. Denn Christus, der Sohn Gottes, der mit dem
Vater und dem Geist als <allein Heiliger> gepriesen wird, hat die Kirche
als seine Braut geliebt und sich für sie hingegeben, um sie zu heiligen (vgl.
Eph 5,25f.), er hat sie als seinen Leib mit sich verbunden und mit der
Gabe des Heiligen Geistes reich beschenkt zur Ehre Gottes. Daher sind in der
Kirche alle, mögen sie zur Hierarchie gehören oder von ihr geleitet werden,
zur Heiligkeit berufen."(48) In diesem Sinne ist es zu verstehen, dass
von den Anfängen der Kirche an ihre Glieder "die Heiligen" genannt
wurden (vgl. Apg 9,13; 1 Kor 6,1f.;16,1).
Man muss hier von Heiligkeit in einem zweifachen Sinne sprechen: einmal von
der Heiligkeit der Kirche und zum andern von der Heiligkeit in der Kirche. Die
Heiligkeit der Kirche ist begründet in den Sendungen des Sohnes und des
Heiligen Geistes. Sie gewährleistet die Kontinuität der Sendung des
Gottesvolkes bis ans Ende der Zeiten. Sie motiviert die Gläubigen und hilft
ihnen auf dem Weg zur persönlichen subjektiven Heiligkeit. In der Berufung,
die jeder einzelne empfängt, ist dagegen die besondere Form der Heiligkeit
verwurzelt, die ihm geschenkt wird als Gabe und die von ihm eingefordert wird
als volle Erfüllung seiner eigenen Berufung und Sendung.
Die persönliche Heiligkeit richtet sich auf Gott hin aus und auch auf die
anderen hin. Ihr kommt darum eine wesentliche soziale Bestimmung zu. Es ist
eine Heiligkeit "in der Kirche", die sich orientiert am Heil und
Wohl aller.
Dieser Heiligkeit der Kirche muss die Heiligkeit in der Kirche entsprechen:
"Die Anhänger Christi sind von Gott nicht kraft ihrer Werke, sondern
aufgrund seines gnädigen Ratschlusses berufen und in Jesus dem Herrn
gerechtfertigt, in der Taufe des Glaubens wahrhaft Kinder Gottes und der
göttlichen Natur teilhaftig und so wirklich heilig geworden. Sie müssen
daher die Heiligung, die sie empfangen haben, mit Gottes Gnade im Leben
bewahren und zur vollen Entfaltung bringen."(49)
Der Getaufte ist berufen, mit seiner ganzen Existenz zu werden, was er in
der Kraft des Taufsakraments schon geworden ist. Dies kann nie geschehen ohne
freie Zustimmung des Menschen und ohne die Gnadenhilfe Gottes.
Wenn dies im Leben des Glaubenden Wirklichkeit wird, dann tritt in der
Geschichte die neue Menschheit ins Licht, wie Gott sie will. Niemand erreicht
die Vollkommenheit außer dem, der den Heilsplan Gottes sich zu eigen macht
und mit Hilfe der Gnade in seinem ganzen Sein eins wird mit dem Lebensentwurf,
den Gott für ihn bereitet hat. In diesem Sinne sind die Heiligen wie ein
Licht, das vom Herrn ausgeht und das Christi Licht inmitten der Kirche zum
Leuchten bringt. Sie sind prophetische Zeichen für die ganze Welt.
3.3 ... und als Gemeinschaft aus Menschen stets der Buße und der
Reinigung bedürftig
Ohne diese Heiligkeit einzuschränken, muss man doch zugeben, dass auch die
Erneuerung ständig notwendig ist, weil die Sünde immer da ist. Eine
fortwährende Umkehr im Gottesvolk ist unerlässlich. "Die Kirche ist
schon auf Erden durch eine wahre, wenn auch unvollkommene Heiligkeit
ausgezeichnet."(50)
Der hl. Augustinns bemerkt gegenüber den Pelagianern: "Die Kirche in
ihrer Gesamtheit bittet: Vergib uns unsere Schuld! Die Kirche leidet noch
unter dem Makel, den Furchen und Falten. Aber mittels des Bekenntnisses werden
die Furchen und Falten geglättet, durch das Bekenntnis wird auch der Makel
abgewaschen. Die Kirche verharrt im Gebet, um durch das Bekenntnis ihre
Reinigung zu empfangen. Solange Menschen auf der Erde leben, wird es so
bleiben."(51)
Der hl. Thomas von Aquin führt diesen Gedanken weiter. Die Vollendung der
Heiligkeit gehört der eschatologischen Zeit an. Indessen darf sich die
pilgernde Kirche nicht vorgaukeln, ohne Sünde zu sein: "Die herrliche
Kirche, die keinen Makel und keine Runzeln hat, ist das letzte Ziel, das wir
durch das Leiden Christi erreichen sollen. Dieses Ziel liegt aber erst im
Leben der Heimat, nicht im Leben der Pilgerschaft, von der Johannes sagt:
<Wir betrügen uns selbst, wenn wir sagten, wir sind ohne Sünde> (1 Joh
1,8)."(52) In Wirklichkeit ist es so, wie sich vom Gebet des Herrn her
gut zeigen lässt: "In der Bitte, dass sein Name geheiligt werde, haben
wir darum gebetet, selbst immer mehr geheiligt zu werden. Obwohl wir das
Taufkleid tragen, hören wir nicht auf zu sündigen, uns von Gott abzuwenden.
Jetzt, in dieser neuen Bitte, kehren wir wie der verlorene Sohn zu ihm zurück
(vgl. Lk 15,11-32) und bekennen uns vor ihm als Sünder, wie der
Zöllner es getan hat (vgl. Lk 18,13). Unsere Bitte beginnt mit einer
<Beichte>, in der wir zugleich unser Elend und Gottes Barmherzigkeit
bekennen."(53)
Darum bekennt die ganze Kirche mit dem Bekenntnis der Sünden ihrer Glieder
immer auch ihren Glauben an Gott und seine unendliche Güte und
Vergebungsbereitschaft. Dank des Bandes, durch das der Heilige Geist die
Kirche zusammenhält, ist die Zeit und Raum umspannende Gemeinschaft unter den
Getauften so geprägt, dass darin jeder einzelne immer eine für das eigene
Tun verantwortliche Person bleibt und er doch in einem wechselseitigen
Bedingungsverhältnis zu den Mitchristen steht, so dass in einem lebendigen
Austausch der geistlichen Güter der Leib Christi und darin auch jedes
einzelne seiner Glieder aufgebaut wird. Wenn so die Heiligkeit des einen die
anderen in ihrem Wachstum in der Gnade beeinflusst und umgekehrt, dann darf
die Kehrseite nicht aus dem Blick geraten. Die Sünde hat nie eine nur
individuelle Seite. Wenn in dieser Gemeinschaft durch die Sünde einzelner der
Heilsweg aller behindert und verstellt wird, dann ist die Kirche in der
Einheit ihres geschichtlichen Weges auch von jeder Sünde, zu welcher Zeit
auch immer sie begangen wurde, zutiefst betroffen.
Diese Überzeugung veranlasste die Kirchenväter, wie hier den hl.
Ambrosius, zu der lapidaren Feststellung: "Seien wir darauf bedacht, dass
unser Fall nicht eine Wunde der Kirche wird."(54)
Die Kirche, "die auf grund ihrer Inkorporation in Christus heilig ist,
wird nicht müde, Buße zu tun. Sie anerkennt immer, vor Gott und den
Menschen, dass die Sünder aus ihren Reihen ihre Söhne sind"(55), seien
es Christen, die früher gelebt haben oder die heute leben.
3.4 Die Kirche Gottes ist unser aller Mutter im Glauben
Die Überzeugung, dass die Kirche sich die Verantwortung für die Sünde
ihrer Glieder aufladen kann, ist in einprägsamer Weise ausgedrückt im
Gedanken von der "Kirche als Mutter". Dieses Konzept der Ecclesia
Mater ist sicher das Herzstück der frühpatristischen Ekklesiologie(56).
Mit diesem Bildwort bringen die Väter die Raum und Zeit durchziehende
Solidarität aller Glaubenden und Getauften zum Ausdruck, die in der
Inkorporation der Kirche in Christus und der einzelnen in der Taufe in der
Kirche Christi und im Wirken des Heiligen Geistes begründet ist.
Das II. Vatikanum erklärte das Geheimnis der Mutterschaft der Kirche mit
Hinweis auf das Geheimnis Marias als Mutter und Jungfrau: "Nun aber wird
die Kirche, indem sie Marias geheimnisvolle Heiligkeit betrachtet, ihre Liebe
nachahmt und den Willen des Vaters getreu erfüllt, durch die gläubige
Annahme des Wortes Gottes auch selbst Mutter: Durch Predigt und Taufe nämlich
gebiert sie die vom Heiligen Geist empfangenen und aus Gott geborenen Kinder
zum neuen und unsterblichen Leben. Auch ist sie Jungfrau, da sie das
Treuewort, das sie dem Bräutigam gegeben hat, unversehrt und rein bewahrt und
in Nachahmung der Mutter ihres Herrn in der Kraft des Heiligen Geistes
jungfräulich einen unversehrten Glauben, eine feste Hoffnung und eine
aufrichtige Liebe bewahrt."(57)
Der hl. Augustinus fasste diese reiche Tradition der Idee Ecclesia Mater in
die prägnante Formulierung: "Diese heilige Mutter, die aller Verehrung
wert ist, die Kirche, gleicht Maria, die geboren hat und Jungfrau geblieben
ist, von ihr seid ihr geboren. Sie brachte Christus hervor, denn ihr seid
Christi Glieder."(58)
Der hl. Cyprian von Karthago sagt es ohne Umschweife: "Der kann Gott
nicht zum Vater haben, der die Kirche nicht zur Mutter hat."(59) Und der
hl. Paulinus von Nola besingt die Kirche in seinen geistlichen Gedichten:
"Wie die Mutter empfängt sie den Samen des ewigen Wortes, sie trägt die
Völker in ihrem Schoß und bringt sie in der Geburt zur Welt."(60)
Nach dieser Vision verwirklicht sich die Kirche kontinuierlich in der
Gemeinschaft des Geistes und im geistlichen Austausch der Glaubenden
untereinander. Die Kirche bietet so ein förderndes Umfeld des Glaubens und
der Heiligkeit in brüderlicher Gemeinschaft, in der Einmütigkeit des Betens,
in der solidarischen Teilnahme an Kreuz und Leiden und im gemeinsamen Zeugnis.
Gestärkt von dieser lebensaufbauenden Gemeinschaft kann sich jeder einzelne
Getaufte zur gleichen Zeit begreifen als Glied der Kirche, insofern er aus ihr
geboren worden ist, und als Mutter Kirche, insofern er mit seinem Glauben und
seiner Liebe mitwirkt, neue Söhne und Töchter Gottes hervorzubringen. Er ist
um so mehr Mutter Kirche, je größer seine Heiligkeit und je brennender sein
Eifer ist, die empfangene Gabe an andere weiter zu verschenken.
Andererseits aber bleibt er Glied der Kirche, wenn er sich auch durch die
Sünde dem Herzen nach von der Kirche getrennt hat. Denn er kann immer von
neuem zu den Quellen der Gnade hinzutreten und sich von der Last seiner Schuld
befreien lassen, die seine Gemeinschaft mit der Kirche beschädigt hat. Es ist
klar, dass sich die Kirche als wahre Mutter von den Sünden ihrer Söhne und
Töchter gestern und heute verletzt fühlen muss, aber ebenso klar ist, dass
sie wie eine Mutter auch nie aufhören kann, sie zu lieben und die
Auswirkungen der Schuld ihrer Kinder mitzutragen. Den Kirchenvätern erschien
die Kirche wie eine Schmerzensmutter, nicht allein wegen der äußeren
Verfolgung der Christen, sondern in einem noch viel tieferen Sinn wegen des
Verrats, des Scheiterns, des Zurückbleibens, der Fehler und Mängel ihrer
Glieder.
Heiligkeit und Sünde bleiben nie ohne erhebliche Auswirkungen auf díe
Kirche als ganze, wenn auch vom Glauben her feststeht, dass die Heiligkeit als
Frucht der göttlichen Gnade sich immer als stärker erweist als die Sünde
der Menschen. Ein Beweis dafür sind die überzeugenden Gestalten der
Heiligen, die ihre Heiligkeit bis zum Tod bewahrt haben und die die Kirche als
Beispiel und Hilfe für alle empfiehlt. Zwischen Gnade und Sünde gibt es
keine Parallelität, Symmetrie oder gar ein dialektisches Verhältnis, denn
der Einfluss des Bösen wird die Macht der Gnade nie besiegen und die
Ausstrahlung, die vom oft noch so verborgenen Guten ausgeht, verdunkeln
können.
In dieser Hinsicht weiß sich die Kirche existentiell heilig in ihren
heiligen Männern und Frauen. Während sie sich dieser Heiligkeit erfreut und
aus den Wohltaten Gottes Kraft schöpft, bekennt sich die Kirche aber nicht
minder als Sünderin. Aber in welchem Sinn versteht sie sich als Sünderin?
Sie ist nicht Sünderin in dem Sinn, dass sie selber Subjekt und Täterin der
Sünde ist. Die Kirche versteht sich als Sünderin, insofern sie sich in
mütterlicher Solidarität die Last der Sünden ihrer Glieder selber auflädt,
denn sie möchte in ihrer mütterlichen Liebe mitwirken an der Überwindung
der Sünde und dem daraus entstandenen Schaden für den einzelnen und die
Gemeinschaft. Darum gewährt die Kirche in der Vollmacht Christi nicht nur die
Vergebung der Sünden und die Wiederversöhnung mit der Gemeinschaft. Die
Kirche geht selbst den Weg der Buße und Umkehr zur Erneuerung des Lebens in
der Gnade mit. Deswegen erkennt es die Kirche als ihre Pflicht, "zutiefst
die Schwachheit so vieler ihrer Söhne zu bedauern, die das Antlitz der Kirche
dadurch entstellten, dass sie sie hinderten, das Abbild ihres gekreuzigten
Herrn als eines unübertrefflichen Zeugen geduldiger Liebe und demütiger
Sanftheit widerzuspiegeln".(61)
Schuldeingeständnis und Übernahme der Verantwortung können in geeigneter
Weise geschehen seitens derer, die durch ihr Charisma und ihr Amt die
Gemeinschaft des Gottesvolkes in besonders deutlicher Weise repräsentieren.
Im Namen der Ortskirchen können die verantwortlichen Oberhirten ein
Schuldbekenntnis und eine Bitte um Vergebung ausdrücken. Im Namen der
Gesamtkirche, die eine ist in der Geschichte zu allen Zeiten und an allen
Orten, kann dies der Bischof von Rom, der Papst, tun, da er das Amt der
universalen Einheit ausübt und der Kirche "vorsteht in der Liebe"(62).
Es ist ein besonders eindrückliches Zeichen, dass gerade vom Heiligen
Vater diese Einladung an die Kirche ausgesprochen wurde, "sich erneut und
vertieft die Sünden ihrer Söhne und Töchter bewusst zu machen" und die
Notwendigkeit von Buße und Wiedergutmachung zu erkennen, "indem Christus
inständig um Vergebung angerufen wird"(63)
Viertes Kapitel
HISTORISCHE
UND THEOLOGISCHE BEURTEILUNG GESCHICHTLICHER VORGÄNGE
Betrachtet man die
Sünden und Fehlleistungen der Vergangenheit im einzelnen, für die um
Vergebung gebeten werden soll, erhebt sich die Frage nach einer exakten
historischen Beurteilung. Historische Sachkenntnis muss auch die Grundlage
sein für eine Beurteilung der Ereignisse und der handelnden Personen aus der
theologischen Sicht der Kirche, die im Glauben als Mysterium anerkannt wird.
Es ist immer genau zu fragen: Was hat sich wirklich ereignet? Was wurde
verifizierbar gesagt und getan? Erst wenn es auf diese Fragen eine
wissenschaftlich korrekte Antwort gibt, kann man auch untersuchen, ob das, was
sich wirklich zugetragen hat, mit dem Evangelium in Einklang steht. Im Fall,
dass Christen sich wirklich gegen die Forderungen des Evangeliums vergangen
haben, muss natürlich auch gefragt werden, ob sie sich in den Bedingungen,
unter denen sie lebten und dachten, des Widerspruchs zum Evangelium bewußt
waren, ja sich darüber im Klaren sein konnten. Nur wenn man unter diesen
Voraussetzungen zu dem moralisch gewissen Urteil kommt, dass sich Glieder der
Kirche wissentlich und mit freiem Willen gegen den Geist des Evangeliums
verhalten haben und dieses Fehlverhalten, obwohl sie es konnten, nicht
unterlassen haben, hat es einen Sinn, wenn die Kirche von heute für die
Sünden der Vergangenheit Buße tut und um Vergebung bittet.
Die Beziehung zwischen "historischem" und "theologischem
Urteil" zu klären ist ebenso kompliziert wie notwendig und entscheidend.
Man muss diese beiden Urteilsmaßstäbe in Beziehung zueinander setzen, ohne
dieses Verfahren von der einen oder anderen Seite durch Vorurteile von
vornherein zum Scheitern zu bringen. Was man auf jeden Fall vermeiden muss,
ist die fruchtlose Diskussion entgegengesetzter Einseitigkeiten: auf der einen
Seite eine Art von Apologetik, die alles und jedes, was in der
Kirchengeschichte vorgefallen ist, um jeden Preis zu rechtfertigen versucht,
und auf der anderen Seite eine Beschuldigungsattitüde, die jedes Ereignis,
jedes Wort und jede Handlung, ob gerechtfertigt oder nicht, benutzt, um die
Kirche auf die Anklagebank zu verweisen.
Die Zuweisung historischer
Verantwortung hat nur einen Sinn, wenn die betreffenden Vorgänge mit
intellektueller Redlichkeit wissenschaftlich fundiert dargestellt werden.
Papst Johannes Paul II. hat bezüglich der Inquisition aus einer
historisch-theologischen Perspektive folgende Wertung vorgenommen: "Das
kirchliche Lehramt kann nicht mit Gewissheit einen moralischen Akt - wie die
Bitte um Vergebung - vornehmen, bevor es sich nicht exakt über die Situation
dieser Zeit hat ins Bild setzen lassen. Es darf sich aber auch nicht auf die
von der öffentlichen Meinung vermittelten Ansichten über die Vergangenheit
stützen, denn diese sind oft mit Leidenschaften und Emotionen überladen, die
einer ausgeglichenen und objektiven Beurteilung im Wege stehen ... Deshalb
besteht der erste Schritt in der Befragung der Historiker, von denen man nicht
eine ethische Bewertung erwartet, die außerhalb ihres
Zuständigkeitsbereiches läge, sondern vielmehr eine Hilfe zur möglichst
präzisen Rekonstruktion der Ereignisse, Gewohnheiten und Einstellungen von
damals im Zusammenhang des geschichtlichen Umfeldes der betreffenden
Epoche."(64)
4.1 Die Schwierigkeit, Geschichte zu interpretieren
Welche
Bedingungen einer korrekten Interpretation der Vergangenheit sind für ein
reflektiertes historisches Denken zu fordern? Um sie näher zu bestimmen, muss
man sich immer der komplexen Korrelation bewusst bleiben, die zwischen dem
interpretierenden Subjekt und dem zu interpretierenden geschichtlichen
Gegenstand besteht(65).
Unter diesen Kriterien ist an erster Stelle die
Erfahrung der Fremdheit zwischen dem Betrachter und seinem Gegenstand zu
nennen. Bei der Beschäftigung mit der Vergangenheit wird zunächst ein
wechselseitiges Befremden ausgelöst. Ereignisse und Aussagen sind zuallererst
einmal vergangen und passé. Sie lassen sich niemals auf aktuelle
Gegebenheiten reduzieren, sondern haben eine objektive Dichte und
Komplexität, die ihre schlichte Funktionalisierung für gegenwärtige
Interessen ausschließt. Darum kann man sich ihnen nur mittels einer historisch-kritischen Untersuchung annähern. Diese
Methode verlangt eine sorgfältige Verwendung aller erreichbaren Informationen
zur Rekonstruktion des Umfeldes, der Denkweisen, der Rahmenbedingungen und
Entwicklungsabläufe, in denen sich die entsprechenden Ereignisse und Aussagen
bewegen. Nur so kann man die Inhalte genau benennen und die Herausforderungen
beschreiben, die die Ereignisse bei all ihrer Eigenart und Verschiedenheit
für die Gegenwart bedeuten.
An zweiter Stelle ist unter diesen Kriterien
einer historischen Urteilsbildung ein gewisses Einfühlungsvermögen zu
nennen. Zwischen dem heutigen Interpreten und der von ihm behandelten Epoche
und ihren handelnden Personen muss es ein gewisses Sympathieverhältnis geben.
Diese kommunikative Verbindung gründet in der einfachen Tatsache, dass jeder
Mensch, ob er gestern gelebt hat oder heute lebt, sich immer als menschliches
Wesen in einer Vielfalt historischer Verflechtungen vorfindet und so zur
Sprach- und Denkgemeinschaft der Menschen gehört. Wir alle gehören zur
Menschheitsgeschichte! Diese Wechselwirkung zwischen dem Interpreten und dem
Interpretandum ist in der gemeinsamen Teilhabe in dem begründet, was die
geschichtliche Existenz des Menschen als einzelner und als Glied der
Menschheit ausmacht. Im einzelnen muss sich diese Vermittlung auf
schriftliche, archäologische oder auch persönliche Traditionszeugnisse
stützen. Wem dies bewusst ist, der wird auch die Schwierigkeiten kennen, eine
wirkliche Korrespondenz herzustellen zwischen dem Verständniskontext des
Interpreten und dem zu verstehenden geschichtlichen Gegenstand. Dies erfordert
eine kritische Selbstreflexion über die Frage, welche Motive und Interessen
die Forschung leiten und wie sie sich möglicherweise auf das Ergebnis
auswirken. Zu bedenken ist auch der Lebenskontext, in dem man tätig ist, und
die Interpretationsgemeinschaft, zu der man gehört, in deren Sprachwelt man
lebt und von der man verstanden werden möchte.
Dazu ist es unerlässlich,
sich auf bestmögliche Weise des Vorverständnisses, das in der Tat mit jeder
Interpretation einhergeht, bewusst zu werden und es zu reflektieren. Nur so
lässt sich seine Auswirkung auf den Interpretationsvorgang beobachten und in
Grenzen halten.
Schließlich ist klar, dass sich zwischen dem Interpreten und
seinem historischen Gegenstand im Durchgang durch die Anstrengung des
Erkennens und Auswertens eine Art Osmose und "Horizontverschmelzung"
vollziehen wird. Darin besteht ja eigentlich der Akt der Erkenntnis. Darin
drückt sich das Urteil aus, die Ereignisse oder Aussagen der Vergangenheit
richtig verstanden zu haben. Das bedeutet soviel, wie den Sinn entdecken, den
diese Ereignisse für den Interpreten und seine Welt haben. Dank dieser
Begegnung lebendiger Welten wird es möglich, das Verständnis der
Vergangenheit auf die Gegenwart zu beziehen, so dass auch die Gegenwart im
Lichte der Vergangenheit besser verstanden werden kann. So kann man aus der
Vergangenheit Lehren ziehen für die Gestaltung der Gegenwart und Zukunft.
Diese fruchtbare innere Durchdringung der Geschichte erreicht man mit einigen
in sich verschränkten fundamentalen hermeneutischen Operationen, die den genannten Momenten der Fremdheit, des historischen
Einfühlungsvermögens und des wahren und eigentlichen Verständnisses
entsprechen.
In Beziehung zu einem historischen "Text" - der ganz
allgemein verstanden sein soll als schriftliches, mündliches,
archäologisches oder figürliches Zeugnis lassen sich drei exegetische
Grundvollzüge konkret benennen:
"1. Das Verstehen des Textes; 2. das
Beurteilen, wie zutreffend das eigene Verstehen des Textes ist; und 3. das
Ausdrücken dessen, was nach eigenem Urteil das richtige Verständnis des
Textes ist."(66)
Es geht darum, das Zeugnis der Geschichte in
größtmöglicher Objektivität zu sehen mittels aller Quellen, mit deren
Hilfe man sie darstellen kann. Die Korrektheit der eigenen Interpretation zu
beurteilen bedeutet, mit Ernst und Nachdruck zu verifizieren, in welchem Maß
sie möglicherweise von einem Vorverständnis geleitet oder bedingt ist oder
gar von welchem Vor-Urteil dieses Urteil abhängt. Die Darlegung der
erreichten Interpretation bedeutet, die anderen Beteiligten des komplexen
Dialogs mit der Vergangenheit miteinzubeziehen, sei es um die Relevanz dieser
Interpretation zu verifizieren, sei es um sie mit möglichen anderen
Auslegungen zu konfrontieren.
4.2 Geschichtsforschung und theologische
Auswertung
Wenn diese Auslegungsprinzipien in allen hermeneutischen
Operationen beachtet werden, ergibt sich auch eine Interpretation der historischen und der theologischen
Fragestellung. Dies verlangt, dass man an erster Stelle die höchste
Aufmerksamkeit den Elementen der Differenzierung und der Fremdartigkeit
zuwendet, die es in der Beziehung zwischen Gegenwart und Vergangenheit zu
beachten gilt. Wenn also eine mögliche Schuld aus der Vergangenheit anerkannt
werden soll, kann dies nicht geschehen, ohne die Verschiedenheit des sozialen
und kulturellen Kontextes einer von der Gegenwart so weit entfernten Zeit in
Betracht zu ziehen. Wer die Paradigmen und Urteilsmaßstäbe einer
Gesellschaft aus einer anderen Epoche unreflektiert oder mit einem moralischen
Überlegenheitsgefühl auf eine gänzlich verschiedene Geschichtsphase
appliziert, macht sich einer Verfälschung schuldig. Man muss immer die
unterschiedlichen Denkweisen und historischen Bedingungen beachten. Dies
heißt nicht, die Verantwortung zurückweisen, die die Kirche als ein in der
Geschichte einheitliches Subjekt für die Verfehlungen aus der Vergangenheit
übernimmt. Es kann aber nicht außer Acht bleiben, dass eben dieses
einheitliche Subjekt in den unterschiedlichsten historischen und
geographischen Situationen gehandelt hat. Verschieden sind auch die Grade der
Repräsentation der Kirche. Es stellt sich die Frage: Hat einer im Namen der
Kirche gehandelt oder hat einer in persönlicher Verantwortung als Glied der
Kirche, als Geistlicher oder Laie, gehandelt und sich dabei gegen den Auftrag
und die Sendung der Kirche verfehlt, wie sie theologisch und unter den
gegebenen Mentalitätsstrukturen und den soziokulturellen Bedingungen der Zeit
verstanden worden waren? Verallgemeinerungen und Klischeevorstellungen führen
hier nicht weiter.
Jede Form von gegenwärtiger Erklärung muss situationsbezogen sein und
bedarf der Autorisierung durch die zuständigen Repräsentanten der Kirche
(als Universalkirche, seitens der nationalen Episkopate und der Ortskirchen,
der Bistümer, etc.).
Ein zweiter Punkt ist zu beachten. Die Beachtung der
Korrelation zwischen historischem und theologischem Urteil ist nicht allein
von aktuellen Interessen gelenkt oder nur von dem Wissen um die allgemeine
Zusammengehörigkeit aller Menschen und der verschiedenen Formen der
Realisierung der einen menschlichen Existenz bestimmt. Die Erkenntnis der
inneren Verknüpfung von historischer und theologischer Sicht der Kirche hat
einen tiefer reichenden Grund. Wer an die Selbstoffenbarung Gottes glaubt,
erkennt, dass die Kirche nicht einfach ein Gebilde ist, das durch menschliche
Aktionen bestimmt wird. Die Kirche ist als einheitliches soziologisch
fassbares historisches Subjekt als Gemeinschaft der Glaubenden konstituiert
durch das einheitsstiftende Wirken des Heiligen Geistes.
Kraft dieser
Communio, die stets neu hervorgeht aus dem Wirken des Geistes Christi, der die
Einheit der Glaubensgemeinschaft in Raum und Zeit stiftet, wird sich die
Kirche nie ohne dieses übernatürliche Prinzip verstehen können, das ihr
Wesen und ihre Identität ausmacht. Das Wesen der Kirche kann mit bloß
soziologischen Mitteln nicht erfasst werden. Dieses vom Wirken des erhöhten
Herrn im Heiligen Geist geeinte geschichtliche Subjekt, die Kirche, ist
berufen, sich der Geschichte einzuprägen als Antwortgestalt auf die Gabe
Gottes, und zwar in unterschiedlicher Form und in verschiedenen
geschichtlichen Situationen nach Urteil und Entscheidung ihrer Glieder,
ohne dass wir dabei die Mängel und Fehlleistungen vergessen, die ihr
Erscheinungsbild in der Geschichte mitprägen. Die Gemeinschaft aller
Glaubenden im Heiligen Geist ist nicht nur synchron zu sehen. Es gibt auch
eine die Geschichte mit der Gegenwart verbindende diachrone Einheit. In der
Zusammenschau beider Aspekte wird die Kirche auch "Gemeinschaft der
Heiligen" genannt. Die gegenwärtig lebenden Getauften, die wegen der in
der Taufe empfangenen Heiligung auch "Heilige" heißen, sind mit den
Heiligen der Vergangenheit, den im ewigen Leben vollendeten Heiligen,
verbunden. Sie empfangen von den Wohltaten ihrer Verdienste und stärken sich
an den Zeugnissen ihrer Heiligkeit. Im Bewusstsein dieser Verbundenheit werden
die Gläubigen der Gegenwart aber auch Verantwortung fühlen für die Fehler
ihrer Vorfahren im Glauben, die wie sie Glieder derselben Glaubensgemeinschaft
waren und sind. Diese Übernahme von Verantwortung setzt aber ein historisches
und theologisches Urteil mit einem methodisch geklärten wissenschaftlichen
Instrumentarium voraus.
Unter Beachtung des objektiven und transzendenten
Grundes der Communio des Gottesvolkes inmitten allen geschichtlichen Wandels
im Ausdruck seiner geschichtlichen Präsenz erkennt die Interpretation der
Kirchengeschichte vom Standpunkt einer gläubigen Sicht der Vergangenheit der
Kirche eine entscheidende Bedeutung für die Kirche von heute. Aus dieser
inneren Begegnung der Kirche von gestern mit der Kirche im Heute kann sich
eine performative Dynamik ergeben, die gar nicht von vornherein berechenbar
ist.
Gewiss ist immer die Gefahr einer apologetischen oder instrumentalistischen
Umgangsweise mit der Geschichte im Auge zu behalten. Dies kann sich leicht
nahelegen angesichts der vereinheitlichenden hermeneutischen Perspektive wie
auch des theologischen Interpretationsstandpunktes, von dem aus die Einheit
der Kirche als geschichtliches Subjekt vorausgesetzt wird. Um so mehr ist Wert
zu legen auf eine exakte Anwendung der hermeneutischen Prinzipien, mit deren
Hilfe die Vorgänge und Aussagen aus der Geschichte für die Gegenwart
erschlossen werden. Die gläubige Lektüre der Geschichte bedient sich zu
diesem Zweck aller erreichbaren Beiträge aus der Geschichtswissenschaft und
ihrer Interpretationsmethoden. Die Anwendung der historischen Hermeneutik darf
jedoch keineswegs die Auswertung im Glauben behindern, der daran gelegen ist,
die Texte auf ihren spezifischen Ausdruck des Glaubens zu befragen, die
Interaktion zwischen Vergangenheit und Gegenwart in den Blick zu nehmen,
insofern sich darin die fundamentale Einheit der Kirche als eines identischen
Subjekts im Wandel ihrer historischen Ausdrucksformen widerspiegelt.
Damit ist
auch die Gefahr eines Historismus gebannt, der alle Lasten historischer Schuld
relativiert und meint, die Geschichte rechtfertige alles. Demgegenüber hat
Johannes Paul II. zu Recht betont: "Die Berücksichtigung der mildernden
Umstände entbindet die Kirche nicht von der Pflicht, zutiefst die Schwachheit
so vieler ihrer Söhne und Töchter zu bedauern, die das Antlitz der Kirche
dadurch entstellten, dass sie sie hinderten, das Abbild ihres gekreuzigten
Herrn als eines unübertrefflichen Zeugen geduldiger Liebe und demütiger
Sanftheit widerzuspiegeln."(67)
Die Kirche also "fürchtet nicht die
historische Wahrheit. Sie ist bereit, die wirklich erwiesenen Fehler
anzuerkennen, vor allem wenn sie den schuldigen Respekt vor Personen und
Gemeinschaften betreffen. Mit Rücksicht auf die unterschiedlichen
geschichtlichen Epochen warnt sie aber auch vor allen Verallgemeinerungen, was
Entschuldigung oder Verdammung betrifft. Die Kirche setzt auf eine mit Geduld
und Redlichkeit wissenschaftlich erarbeitete Rekonstruktion der Vergangenheit,
die frei ist von konfessionalistischen und ideologischen Vorurteilen. Dies
betrifft die auf sie gerichteten Anschuldigungen wie auch das von ihr
erlittene Unrecht."(68)
Im folgenden Kapitel sollen diese Prinzipien
exemplarisch auf einige konkrete historische Fälle kirchlichen Fehlverhaltens
angewendet werden.
Fünftes Kapitel
MORALISCHE BEWERTUNG
Da die Kirche vor Gott eine
Erforschung ihres historischen Gewissens unternimmt, um dadurch ihre innere
Erneuerung sowie ihr Wachstum in Gnade und Heiligkeit zu fördern, erweist
sich eine genaue Kenntnis aller "Formen des Gegenzeugnisses und der
Skandale" aus der Geschichte als unerlässlich. Dies gilt vor allem für
das vergangene Millennium. Diese Aufgabe kann nur erfüllt werden, wenn die
moralische und spirituelle Bedeutung in den Blick kommt. Dazu sind einige
Schlüsselbegriffe aus dem Bereich der Ethik genauer zu beschreiben.
5.1
Ethische Kriterien und das Problem ihrer Anwendung
Auf moralischer Ebene setzt
die Bitte um Vergebung immer die Zubilligung der Verantwortlichkeit voraus,
genau gesagt der Verantwortlichkeit für eine an anderen begangenen Schuld.
Die moralische Verantwortung erstreckt sich normalerweise auf den Konnex von
Tat und Täter. So ergibt sich, dass eine bestimmte Tat immer einer bestimmten
Person bzw. mehreren Personen eignet. Die Verantwortlichkeit kann objektiv
oder subjektiv sein. Die objektive Verantwortlichkeit bezieht sich auf den
moralischen Wert einer Handlung, insofern sie in sich gut oder schlecht ist,
und dann auch auf die Zurechnung der Handlung an ihren Träger. Die
Verantwortlichkeit in subjektiver Hinsicht meint das Vermögen des
individuellen Gewissens, die Gutheit oder Verwerflichkeit der begangenen
Handlung festzustellen. Die subjektive Verantwortlichkeit erlischt mit dem Tod
ihres Akteurs. So ist klar, dass sie nicht über die Generationen
weitergereicht werden kann. Die Nachgeborenen können niemals die subjektive
Verantwortlichkeit ihrer Vorfahren erben. Somit setzt die Vergebung immer die
Zeitgenossenschaft zwischen Opfer und Täter voraus. Die einzige Form der
Verantwortlichkeit, für die es eine geschichtliche Kontinuität gibt, ist die
objektive Verantwortung, der man sich freiwillig persönlich stellen oder
entziehen kann. Denn es ist eine Tatsache, dass die böse Tat wenigstens in
ihren destruktiven Auswirkungen weiterwirkt, die durchaus zu einer schweren
Belastung für das Gewissen und das geschichtliche Gedächtnis der Nachfahren
werden können.
In einem solchen Kontext darf die Solidarität angesprochen
werden, die das Bewusstsein einer Einheit und Reziprozität von Vergangenheit
und Gegenwart formiert. In gewissen Situationen kann diese Gewissensbelastung
eine spezifische Weise des moralischen und religiösen Gedenkens der bösen
Tat auslösen, das man seiner Natur nach gemeinsames Gedächtnis nennen kann.
Es belegt in eindrücklicher Weise die Existenz einer objektiven Solidarität
zwischen denen, die in der Vergangenheit Böses taten, und ihren Erben in der
Gegenwart. Somit ist es möglich, von einer gemeinsamen objektiven
Verantwortlichkeit zu sprechen. Von einer solchen Art von Verantwortung
entlastet man sich vor allem durch die Bitte an Gott, er möge die Sünden der
Vergangenheit vergeben. Dazu gehört die "Reinigung des
Gedächtnisses", die im wechselseitigen Vergeben der Sünden und Beleidigungen in der Gegenwart
kulminiert.
"Das Gedächtnis reinigen" ist der Versuch, aus dem
persönlichen und gemeinschaftlichen Bewusstsein alle Formen von Ressentiment
und Gewalt zu überwinden, die uns die Vergangenheit als Erbe hinterlassen
hat. Auf der Basis einer neuen und vertieften historischen und theologischen
Bewertung der Geschichte öffnet sich der Weg zur Erneuerung des moralischen
Handelns. Dies ereignet sich jedesmal, wenn man zu einer neuen Qualifizierung
historischer Ereignisse gelangt, die eine ganz neue und verschiedene Wirkung
auf die Gegenwart mit sich bringt, vor allem im Hinblick auf eine entstehende
Versöhnung in der Wahrheit, der Gerechtigkeit und Liebe unter allen Menschen
und besonders zwischen der Kirche und den verschiedenen religiösen,
kulturellen und zivilen Gemeinschaften, mit denen sie in Beziehung steht.
Modell eines solchen Wandels der historischen Beurteilung vergangener
Ereignisse aus einem neuen Blickwinkel kann etwa die Rezeption der Konzilien
sein oder die Aufhebung der wechselseitigen Anathematisierung. Diese Akte sind
Sinnbild für das künftige Leben der ganzen Kirche, da sie eine neue
Qualifikation der Geschichte wagen, um eine andere Ausgestaltung der in der
Gegenwart gelebten Beziehungen zueinander zu ermöglichen. Die Erinnerung an
die Spaltung und die Konfrontation wird geheilt und transponiert in die Form
einer versöhnten Erinnerung. Alle Glieder der Kirche sind eingeladen, sich
der versöhnten Erinnerung zu öffnen und sich davon formen zu lassen.
Die
Kombination des historischen und theologischen Urteils bei der
Neuinterpretation der Geschichte verbindet sich hier mit allen moralischen
Rückwirkungen, die sie in der Gegenwart auslöst. Nicht zu vergessen sind
einige moralische Prinzipien, die der Hermeneutik einer Interferenz von
historischer und theologischer Beurteilung entsprechen.
Es handelt sich um
folgende Prinzipien:
a. Das Prinzip des Gewissens. Das Gewissen als
"moralisches Urteil" und "moralischer Imperativ"
begründet im Angesicht Gottes die letztgültige Bewertung einer Handlung als
gut oder schlecht. In der Tat kennt allein Gott den moralischen Wert einer
jeden menschlichen Tat, wenn auch die Kirche nach der Lehre Jesu bestimmte
Handlungsweisen in Typen klassifizieren und bewerten kann und mitunter
bestimmte Handlungsweisen verurteilen und ablehnen muss (vgl. Mt 18,15-18).
b.
Das Prinzip der Geschichtlichkeit. Wenn es zweifellos zutrifft, dass jeder
menschliche Akt seinem Täter eignet, so handelt doch jedes individuelle
Gewissen und jede Gemeinschaft innerhalb des ihnen eigenen Horizontes von Raum
und Zeit. Um also die sittlichen Akte des Menschen und die mit ihnen
einhergehenden Wirkungen richtig zu verstehen, müssen wir in die Lebens- und
Kulturwelt derer eintreten, die diese Handlungen begangen haben. Allein auf
diese Weise können wir uns ihren Motivationen und ihren leitenden moralischen
Grundüberzeugungen nähern. Dies muss man sagen ohne Vorurteil über die
Solidarität, die die Mitglieder einer bestimmten Gemeinschaft im Durchgang
der Zeiten miteinander verbindet.
c. Das Prinzip des "Paradigmenwechsels". Im Raum der
abendländischen Christenheit gab es bis zum Zeitalter der
"Aufklärung" eine Art Einheit von Kirche und Staat, von Glaube und
Kultur, von Moral und Gesetz, die sich aber bekanntlich seit Anfang des 18.
Jahrhunderts aufgelöst oder modifiziert hatte. Das Resultat war die Ablösung
einer sakralen Ordnung durch eine pluralistische oder säkulare Gesellschaft.
Die Grundmodelle des Denkens und Handelns, die sogenannten "Handlungs-
und Bewertungsparadigmen" änderten sich nachhaltig. Ein solcher
soziokultureller Wandlungsprozess bleibt nicht ohne Auswirkung auf die
moralischen Urteilskriterien. Diese Einsicht rechtfertigt freilich in keiner
Weise die Idee eines Relativismus moralischer Prinzipien oder der Moralität
als solcher.
Der gesamte Prozess einer "Reinigung des
Gedächtnisses" erschöpft sich nicht in der richtigen Verbindung von
historischem und theologischem Urteil und in der korrekten Anwendung der
hermeneutischen Prinzipien. Es geht auch nicht darum, Abscheu vor der
Vergangenheit oder eine depressive Haltung zu erzeugen, die Selbstgeißelung
zur kirchlichen Tugend machen wollte.
Vielmehr geht es um das dankbare
Bekenntnis zu Gott, der seine Barmherzigkeit "von Generation zu
Generation" (Lk 1,50) erweist. Denn Gott will das Leben und nicht den Tod
des Sünders, er will die Liebe und nicht Furcht und Angst.
Nicht zu
unterschätzen sind auch die exemplarischen Wirkungen, die von einer
großherzigen Bereitschaft zur Mitverantwortung für die Sünden der
Vergangenheit auf die Mentalität in Kirche und Gesellschaft ausgehen. Viele
werden auf die Verpflichtung aufmerksam werden, die von der Wahrheit ausgeht,
und sie werden sich vom Respekt, von der Würde und den Rechten "des
Anderen", besonders des Schwachen, tiefer bestimmen lassen. Mit den
zahlreichen Bitten um Vergebung hat Johannes Paul II. ein gutes Beispiel
gegeben, das zur Nachahmung einlädt. Die Vergebungsbitten fördern in jedem
Fall das Zusammenleben der verschiedenen Gemeinschaften. Eine vorurteilsfreie
und großherzige Gewissenserforschung ist nur zu begrüßen, weil sie die
einzelnen und die Völker auf Wege zur Versöhnung leitet.
Im Licht dieser
Klärungen der ethischen Urteilskriterien sollen nun einige Vorkommnisse aus
der Geschichte dargestellt werden, bei denen das Verhalten von Gliedern der
Kirche im ausdrücklichen Widerspruch zum Evangelium Jesu Christi zu stehen
scheint. Mehrere dieser Beispiele hat Johannes Paul II. in Tertio Millennio
Adveniente bereits angesprochen(69).
5.2 Am Beispiel: Spaltung der Christenheit
Die Einheit ist das Lebensgesetz des dreifaltigen Gottes, das er der Welt
durch den Sohn geoffenbart hat (vgl. Joh 17,21), der in der Kraft des Heiligen
Geistes die Seinen liebte bis zur Vollendung (Joh 13,1) und sie dieses Lebens
teilhaftig machte. Diese Einheit ist auch Quelle und Formgesetz der
Lebensgemeinschaft der Menschheit mit dem dreifaltigen Gott.
Wenn die Christen das Gesetz der wechselseitigen Liebe verwirklichen, sind
sie eins, "wie der Vater und der Sohn eins sind", "damit die
Welt glaubt, dass der Sohn vom Vater gesandt ist" (Joh 17,21) und
"damit die Welt erkennt, dass sie seine Jünger sind" (Joh 13,35).
Leider hat sich dies nicht so ereignet, vor allem in dem nun zu Ende gehenden
Jahrtausend, in dem große Spaltungen unter den Christen entstanden sind.
Diese stehen in offensichtlichem Widerspruch zum ausdrücklichen Willen
Christi, so als ob er selbst gleichsam geteilt wäre (vgl. l Kor 1,13). Das
II. Vatikanische Konzil beurteilt diesen Tatbestand so: "Eine solche
Spaltung widerspricht aber ganz offenbar dem Willen Christi, sie ist ein
Ärgernis für die Welt und ein Schaden für die heilige Sache der
Verkündigung des Evangeliums vor allen Geschöpfen."(70)
Die
hauptsächlichen Spaltungen, die im vergangenen Jahrtausend "den
nahtlosen Leibrock Christi getroffen"(71) haben sind das Schisma
zwischen den Kirchen des Orients und des Okzidents am Anfang des 2.
Jahrtausends und dann im Abendland 400 Jahre später der Riss "aufgrund
von Ereignissen, die man die Reformation nennt"'(72). Zu beachten ist aber
auch: "Indessen sind diese einzelnen Trennungen untereinander sehr
verschieden, nicht allein bedingt durch ihre Entstehung und
durch die Umstände von Raum und Zeit, sondern vor allem nach Art und
Bedeutsamkeit der Probleme, die sich auf den Glauben und die kirchliche
Struktur beziehen."(73)
Im Schisma des 11. Jahrhunderts haben kulturelle
und historische Faktoren eine sehr große Rolle gespielt. Die Lehre von der
Autorität des Bischofs von Rom hatte zu dieser Zeit noch nicht die spätere
lehrmäßige Abklärung und Ausformulierung gefunden. In der Zeit der
protestantischen Reformation wurden dann allerdings Fragen des Verständnisses
der Offenbarung und ihre Formulierung in der kirchlichen Lehre zum Gegenstand
der Kontroverse.
Der Weg, der sich auftut, um diese Differenzen zu
überwinden, ist der Dialog über Lehrfragen in wechselseitiger Liebe und
Achtung. Beiden Spaltungen scheint ein Mangel an übernatürlicher Liebe (der
agape) anzuhaften. Dieser Mangel an Liebe, "ohne die alles andere nur
dröhnendes Erz und lärmende Pauke ist" (1 Kor 13,1), muss in allem
Ernst vor dem auferstandenen Herrn der Kirche, der auch der Herr der
Geschichte ist, gesehen und bekannt werden. In Anerkenntnis dieses schweren
Mangels an Liebe hat Paul VI. Gott und die "getrennten Brüder", die
sich "von uns" (der katholischen Kirche) beleidigt sehen, um
Verzeihung gebeten(74).
Im Jahre 1965, in einem Klima, das mit dem II.
Vatikanischen Konzil gewachsen war, hat Patriarch Athenagoras in seinem Dialog
mit Papst Paul VI. das Thema einer Wiederherstellung (apokatástasis) der wechselseitigen Liebe in den
Mittelpunkt gestellt. Es ist eine Geschichte, die belastet ist von
Widersprüchen, wechselseitigem Misstrauen und Gegensätzen(75).
Was sich in der
Geschichte abspielte, wirkt durch das Gedächtnis bis in die Gegenwart fort:
die Ereignisse des Jahres 1965, die am 7. Dezember 1965 mit der Aufhebung der
Anathemata zwischen West und Ost aus dem Jahre 1054 ihren Höhepunkt fanden,
stellen ein Schuldbekenntnis für den vorangehenden wechselseitigen Ausschluss
dar, aber in einer Weise, dass das Gedächtnis gereinigt wird und ein neues
Gedächtnis entstehen kann. Das Fundament dieses neuen Gedächtnisses kann
nichts anderes sein als die gegenseitige Liebe, oder besser gesagt, die
Verpflichtung, sie zu leben. Dies ist das vordringliche Gebot, das über allem
steht (1 Petr 4,8) und das die Kirche im Osten und im Westen verpflichtet. So
befreit sich das Gedächtnis von der Gefangenschaft der Vergangenheit. Die
Katholiken und Orthodoxen, wie auch die Katholiken und Protestanten sind in
diesem Geist eingeladen, Architekten einer neuen Zukunft zu werden, die mit
dem neuen Gebot, der Liebe, mehr konform geht. Das Zeugnis Papst Pauls VI. und
des Patriarchen Athenagoras für dieses neue Gedächtnis ist exemplarisch.
Beim Weg zur Einheit der Christen darf man auf keinen Fall der Versuchung
erliegen, sich von kulturellen Faktoren, historischen Konstellationen oder
Vorurteilen führen oder gar
beherrschen zu lassen, die immer wieder der Trennung und dem wechselseitigen
Misstrauen Nahrung geben, obwohl sie gar nichts mit dem eigentlichen Inhalt
unseres christlichen Glaubens zu tun haben.
Die Glieder der Kirche müssen ihr
Gewissen sorgfältig erforschen, ob sie sich vom Gebot zur "inneren
Bekehrung" bestimmen lassen, "denn aus dem Neuwerden des Geistes,
aus der Selbstverleugnung und aus dem freien Strömen der Liebe erwächst und
reift das Verlangen nach Einheit"(76). Der Widerstand gegen diese Botschaft
seit dem Abschluss des Konzils bis zum heutigen Tag hat sicher "den
Heiligen Geist beleidigt" (Eph 4,30). Die Weise, wie sich einige
Katholiken im Verharren in den Spaltungen aus der Vergangenheit gefallen und
nicht die geringsten Anstalten machen, die Hindernisse der Einheit aus dem Weg
zu räumen, rechtfertigt fast den Vorwurf der "Solidarität in der Sünde
der Spaltung" (vgl. 1 Kor 1,10-16). Angesichts dieser Haltungen sind die
Worte des Konzils im Ökumenismus-Dekret aktueller denn je: "In Demut
bitten wir also Gott und die getrennten Brüder um Verzeihung, wie auch wir
unseren Schuldigem vergeben."(77)
5.3 Am Beispiel: Anwendung von Gewalt
im Dienst an der Wahrheit
Zu diesem Gegenzeugnis der Spaltungen unter den
Christen sind verschiedene Vorkommnisse im vergangenen Jahrtausend
hinzuzufügen, bei denen zweifelhafte Mittel angewandt worden sind, um gerechte Ziele zu erreichen. Mit
diesen rechten Zielen sind gemeint die Verkündigung des Evangeliums und die
Verteidigung der Einheit des Glaubens. In Tertio Millennio Adveniente
umschreibt der Papst das Problem: "Ein anderes schmerzliches Kapitel, auf
das die Kinder der Kirche mit reuebereitem Herzen zurückkommen müssen,
stellt die besonders in manchen Jahrhunderten an den Tag gelegte
Nachgiebigkeit angesichts von Methoden der Intoleranz oder sogar der Gewalt im
Dienst an der Wahrheit dar."(78)
Es geht also um Formen der
Evangelisierung, die ungeeignet sind zur Verkündigung der geoffenbarten
Wahrheit. Dazu sind auch Methoden zu rechnen, die das Evangelium ohne Gespür
für die kulturellen Werte der Völker propagiert und dabei die innere
Hinordnung dieser Werte auf das Evangelium übersehen haben. Zu bedauern ist
auch mangelnder Respekt vor dem Gewissen der Personen, denen man den Glauben
vorgelegt hat. Verwerflich war jede Form der Gewaltausübung im Kampf gegen
Irrtümer.
Eine ebenso große Aufmerksamkeit erfordern die möglichen
Unterlassungen der Anklage von Ungerechtigkeit und Gewalt, derer sich die
Glieder der Kirche in verschiedenen historischen Situationen schuldig gemacht
haben können. "Da ist der Mangel an Wahrnehmungsfähigkeit vieler
Christen angesichts fundamentaler Verletzungen der Menschenrechte. Die Bitte
um Vergebung gilt auch für das Schweigen aus Feigheit oder falscher
Lagebeurteilung und für das, was unentschlossen und in wenig
geeigneter Weise getan und gesagt wurde."(79)
Wie in allen Fällen geht es
auch hier darum, die historische Wahrheit durch eine historisch-kritische
Untersuchung herauszufinden.
Wenn die Fakten gesichert sind, ist die
geistliche und moralische Auswertung möglich. Dann kann man ihre objektive
Bedeutung erhellen. Nur mit Hilfe historischer Forschung kann Mythenbildung
verhindert werden. Nur ein von historisch-kritischem Bewusstsein geprägtes
geschichtliches Gedächtnis ist fähig, im Lichte des Glaubens die Früchte
der Umkehr und der Erneuerung zu tragen: "Aus jenen schmerzlichen Zügen
der Vergangenheit ergibt sich eine Lektion für die Zukunft, die jeden
Christen veranlassen muss, sich ganz fest an das vom Konzil geltend gemachte
goldene Prinzip zu halten: <Die Wahrheit erhebt nicht anders Anspruch als
kraft der Wahrheit selbst, die sanft und zugleich stark den Geist
durchdringt>."(80)
5.4 Am Beispiel: Verhältnis von Christen und Juden
Eines der Felder, wo eine besondere Gewissenserforschung unausweichlich ist,
ist das Verhältnis zwischen Christen und Juden(81). "Das Verhältnis der
Kirche zum jüdischen Volk ist verschieden vom Verhältnis zu allen anderen Religionen."(82)
Dennoch muss gesagt werden: "Die
Geschichte der Beziehungen zwischen Juden und Christen ist eine schmerzliche
Geschichte ... In der Tat, die Bilanz dieser Beziehungen in zwei Jahrtausenden
ist leider negativ."(83)
Die Feindseligkeit oder das Misstrauen vieler
Christen gegenüber den Juden im Laufe der Zeit ist eine bedrückende
historische Tatsache. Es ist Grund zu tiefem Bedauern für alle Christen, die
sich klarmachen, dass Christus ein Nachkomme Davids war, dass Maria und die
Apostel als Kinder des jüdischen Volkes geboren wurden, dass die Kirche
genährt wird von den Wurzeln des guten Ölbaums, in den die Zweige des wilden
Ölbaums der Heidenvölker eingepfropft sind (Röm 11,17-24), dass die Juden
unsere geliebten Brüder und Schwestern sind und dass sie in einem gewissen
aber wahren Sinn "unsere älteren Brüder"(84) sind.
Die Schoah, der
Judenmord, war freilich das Ergebnis der ganz und gar heidnischen Ideologie
des Nationalsozialismus, der, getrieben von einem erbarmungslosen
Antisemitismus, nicht nur den Glauben der Juden verachtete, sondern die
Menschenwürde des jüdischen Volkes negierte. Dennoch "kann man sich
fragen, ob die Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten nicht doch
auch von antijüdischen Vorurteilen begünstigt wurde, die in den Köpfen und Herzen einiger Christen
lebendig waren. Haben die Christen den Verfolgten und darunter besonders den
Juden jede mögliche Hilfe gewährt?"(85)
Zweifellos gab es viele Christen,
die ihr Leben riskierten, um das Leben ihnen bekannter Juden zu retten und
ihnen beizustehen. Auf der anderen Seite aber scheint es auch wahr zu sein,
dass "neben all diesen mutigen Männern und Frauen der geistliche
Widerstand und die konkrete Aktion anderer Christen nicht diejenige war, die
man von einem Jünger Christi erwarten durfte"(86). Diese Tatsache bedeutet
für alle Christen von heute einen Appell an das Gewissen zu einem "Akt
der Reue (teschva)"(87). Er soll ein Ansporn sein, die Anstrengungen zu
verdoppeln, "sich zu wandeln und im Denken zu erneuern" (Röm 12,2)
sowie ein "moralisches und religiöses Gedächtnis" angesichts der
dem jüdischen Volk geschlagenen Wunden aufrechtzuerhalten. Was in diesem
Bereich schon alles getan wurde, kann bekräftigt und vertieft werden.
5.5 Wer
trägt die Verantwortung für die Mißstände in der Gegenwart?
"Die
gegenwärtige Epoche weist neben viel Licht auch nicht wenige Schattenseiten
auf."(88) Unter diesen Schattenseiten der Gegenwart muss an erster Stelle
das Phänomen der Negation Gottes in den verschiedensten Varianten genannt
werden. Es ist bedrückend, dass diese Leugnung von Gottes Sein und Wirken, besonders in ihrer
theoretischen Begründung, vom Abendland ausging. Mit dieser
"Gottesdämmerung" gehen eine Reihe von negativen Phänomenen
einher: religiöse Indifferenz, verbreiteter Mangel an Verständnis für die
transzendente Dimension des menschlichen Lebens, ein Klima des Säkularismus
und ethischen Relativismus, Leugnung des Lebensrechtes der ungeborenen Kinder
bis hin zur Legalisierung der Abtreibung und eine Unempfindlichkeit für den
Schrei der Armen in allen Bereichen des Lebens der Menschheitsfamilie.
Die
beunruhigende Frage stellt sich, inwieweit die Christen selbst
mitverantwortlich sind für den Atheismus in seiner theoretischen und
praktischen Ausprägung. Das II. Vatikanum hat in der Pastoralkonstitution
"Gaudium et spes" eine wohldurchdachte Antwort gegeben: "Gewiss
sind die, die im Ungehorsam gegen den Spruch ihres Gewissens absichtlich Gott
von ihrem Herzen fernzuhalten und religiöse Fragen zu vermeiden suchen, nicht
ohne Schuld; aber auch die Gläubigen selbst tragen daran eine gewisse
Verantwortung. Denn der Atheismus, allseitig betrachtet, ist nicht eine
ursprüngliche und eigenständige Erscheinung; er entsteht vielmehr aus
verschiedenen Ursachen, zu denen auch die kritische Reaktion gegen die
Religionen, und zwar in einigen Ländern vor allem gegen die christliche
Religion, zählt. Deshalb können an dieser Entstehung des Atheismus die
Gläubigen einen erheblichen Anteil haben."(89)
Seit das wirkliche Antlitz Gottes uns Menschen in Jesus Christus geoffenbart
ist, ist den Christen die unermessliche Gnade geschenkt, dieses Angesicht
Gottes zu erkennen. Darum fällt ihnen aber auch die Verantwortung zu, so zu
leben, dass sie anderen das wahre Antlitz des lebendigen Gottes kund machen.
Sie sind berufen, die Wahrheit in der Welt aufleuchten zu lassen, dass Gott
Liebe (agape) ist (1 Joh 4,8.16). Weil Gott Liebe ist, ist er auch die
Trinität der Personen, deren Leben sich in einem unendlichen Austausch von
Liebe vollzieht. Daraus folgt, dass der bessere Weg die wechselseitige Liebe
ist, weil die Christen das Licht der Wahrheit, dass Gott Liebe ist,
verbreiten: "Daran sollen alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid:
wenn ihr einander liebt" (Joh 13,35). Von diesem hohen Anspruch her ist
aber auch verständlich, warum das Konzil sagen konnte, dass Christen
"durch Vernachlässigung der Glaubenserziehung, durch missverständliche
Darstellung der Lehre oder auch durch Mängel ihres religiösen, sittlichen
und gesellschaftlichen Lebens das wahre Antlitz Gottes und der Religion eher
verhüllen als offenbaren"(90).
Wir wollen betonen, dass die Erwähnung
dieser Fehler und Mängel der Christen in der Vergangenheit nicht nur als
Sündenbekenntnis vor Christus aufgefasst werden soll, sondern auch als Lob
und Verherrlichung des Herrn der Geschichte für seine barmherzige Liebe. Die
Christen wissen nicht nur um die Existenz der Sünde, mehr noch: sie glauben
an die "Vergebung der Sünden".
Aber die Sünden der Vergangenheit ins Gedächtnis zurückzurufen, bringt
unsere Solidarität mit denen zum Ausdruck, die uns im Guten wie im Versagen
auf dem Weg der Wahrheit vorausgegangen sind. Der Gegenwart erwächst daraus
ein starker Antrieb, sich zu den Forderungen des Evangeliums zu bekehren und
damit ein Vorspiel der an Gott gerichteten Bitte um Vergebung einzuläuten,
die uns den Weg ebnet, uns wechselseitig zu vergeben und uns miteinander
auszusöhnen.
Sechstes Kapitel
PASTORALE UND MISSIONARISCHE PERSPEKTIVEN
Im
Licht der bisherigen Überlegungen stellen sich nun die folgenden Fragen:
Was
sind die pastoralen Ziele der Anerkennung einer Verantwortung der Kirche für
die Sünden ihrer Glieder in der Vergangenheit, und warum tut sie hierfür
Buße? Welche Implikationen sind damit für das Leben des Volkes Gottes
verbunden? Was sind die Auswirkungen auf die Mission der Kirche und ihren
Dialog mit den verschiedenen Kulturen und Religionen?
6.1 Pastorale
Zielsetzung
Unter den unterschiedlichen Aspekten, die das Schuldbekenntnis
hat, können unter anderen folgende genannt werden: - Das erste Ziel ist die
"Reinigung des Gedächtnisses". Der Prozess einer neuen
Erschließung der Vergangenheit ist notwendig, da die Ereignisse der
Vergangenheit immer in der Gegenwart nachwirken und als Versuchungen von heute
fortbestehen. Wenn in einem geduldigen Dialog ermittelt wurde, wer sich von
wem in der Vergangenheit durch Taten oder Worte verletzt sieht, ist es
möglich, alle diese Belastungen aufzuarbeiten und in ihrer aktuellen
destruktiven Dimension zu tilgen. So kann der negative Einfluss schlimmer
geschichtlicher Ereignisse auf das gegenwärtige Zusammenleben der Menschen
beseitigt oder wenigstens eingedämmt werden. Die kirchliche Gemeinschaft hat darüber
hinaus die Chance zu einem Fortschritt in der Heiligkeit, in die sie durch die
Versöhnung und den Frieden im Gehorsam gegenüber der Wahrheit tiefer
hineinwächst. In Tertio Millennio Adveniente unterstreicht der Papst diese
Aussicht: "Das Eingestehen des Versagens von gestern ist ein Akt der
Aufrichtigkeit und des Mutes, der uns dadurch unseren Glauben zu stärken
hilft, dass er uns aufmerksam und bereit macht, uns mit den Versuchungen und
Schwierigkeiten von heute auseinanderzusetzen. "(91) Das Erinnern der
Schuld, der Fehler und des Versagens in der Geschichte ist darum zu begrüßen, auch wenn heute sicher nicht mehr alles in lebendiger Erinnerung
präsent ist. Um das Zerrbild der Kirchengeschichte als einer einzigen
chronique scandaleuse zu vermeiden, darf man aber nie den Einsatz so vieler
Christen bis hin zur Hingabe des Lebens für ihre Treue zum Evangelium und im
Dienst der Nächstenliebe aus den Augen verlieren(92).
- Zweites pastorales Ziel
ist die mit der ersten Zielbestimmung eng verbundene Aufgabe einer ständigen
Erneuerung des Volkes Gottes. Mit den Worten des II. Vatikanischen Konzils
kann dies so formuliert werden: "Die Kirche wird auf dem Wege ihrer
Pilgerschaft von Christus zu dieser dauernden Reform (ad hanc perennem
reformationem) gerufen, deren sie allzeit bedarf, soweit sie menschliche und
irdische Einrichtung ist; was also etwa je nach Umständen und
Zeitverhältnissen im sittlichen Leben, in der Kirchenzucht oder auch in der
Art der Lehrverkündigung die von dem Glaubensschatz selbst genau
unterschieden werden muss - nicht genau genug bewahrt worden ist, muss deshalb
zu gegebener Zeit sachgerecht und pflichtgemäß erneuert werden."(93) Alle
Getauften sind aufgefordert, "hierbei ihre Treue gegenüber dem Willen
Christi hinsichtlich der Kirche zu prüfen und tatkräftig ans Werk der
notwendigen Erneuerung und Reform zu gehen (opus renovationis nec non
reformationis)"(94). Das Kriterium einer wahren Reform und einer ehrlichen
Erneuerung kann dabei kein anderes sein als die Treue zu Gottes Willen im
Bezug auf Sein Volk(95). Dies setzt eine ernsthafte Anstrengung voraus, um sich
von all dem zu befreien, was von diesem Willen wegführt, sei es dass es sich
dabei um ein Erbe der Vergangenheit oder um Sünden der Gegenwart handelt.
-
Drittes pastorales Ziel ist das Zeugnis, das die Kirche ablegt für die
Barmherzigkeit Gottes und Seine befreiende und heilende Wahrheit, die sie im
Lauf ihrer Geschichte immer neu erfahren durfte. Ein weiterer Aspekt des
Zeugnisses ist der Dienst, mit dem die Kirche dazu beiträgt, die Übel der
Gegenwart zu überwinden. Mit ihrem Gehorsam gegenüber dem Heilswillen Gottes
dienen Christen den Menschen, damit alle den Glanz und die Schönheit von
Gottes Wahrheit erkennen.
Der Heilige Vater hat von der von vielen Bischöfen gewünschten
Gewissensprüfung gesprochen, die auf die Sendung der Kirche in der Gegenwart
gerichtet sein soll: "An der Schwelle des neuen Jahrtausends müssen die
Christen demütig vor den Herrn treten, um sich nach den Verantwortlichkeiten
zu fragen, die auch sie angesichts der Übel unserer Zeit haben."(96) Was
können sie zu ihrer Überwindung beitragen?
6.2 Ekklesiale Implikationen
Welche Folgerungen ergeben sich aus dem Schuldbekenntnis für das Leben der
Kirche selbst?
- Erstens muss sich ein Gespür entwickeln für die
unterschiedliche Rezeption der einzelnen offiziellen kirchlichen Akte der
Buße. Denn sie weisen eine große Bandbreite auf, unterscheiden sich in den
religiösen, kulturellen sowie sozialen Kontexten und betreffen die einzelnen
Personen in spezieller Weise. Es ist zu bedenken, dass bestimmte Ereignisse
und Aussagen, die einem regionalen Geschichtskontext angehören, nicht einfach
auf die universale Kirche bezogen werden dürfen und umgekehrt. In
theologischer und pastoraler Hinsicht haben diese Akte erhebliche Konsequenzen
für die Verbreitung des Evangeliums. Dabei kann man an die unter sich so
verschiedenen Modelle und Konzeptionen einer Theologie der Mission denken.
Einkalkulieren muss man auch das Verhältnis von geistlichem Gewinn und dem
möglichen Preis, den man dafür zu zahlen hat. Von großer Bedeutung ist auch die Aufnahme und Darstellung dieser offiziellen kirchlichen
Erklärungen in den Massenmedien, die oft die Aufmerksamkeit auf
Nebensächliches lenken und den Blick auf die zentrale Botschaft des
kirchlichen Bekenntnisses zu historischer Schuld verstellen. Nicht zu
vergessen ist die Mahnung des Apostels, mit Klugheit und Liebe Rücksicht zu
nehmen auf "die Schwachen im Glauben" (Röm 14,1).
Große Bedeutung
hat in der enger zusammenrückenden Welt eine stärkere Berücksichtigung der
Kirchengeschichte aus der Perspektive der orientalischen Kirchen und der
jungen Kirchen in den Ländern, in denen Christen nur eine Minderheit sind.
-
Zweitens muss das adäquate Subjekt genannt werden, das zu diesem Akt der
öffentlichen Vergebungsbitte für die Fehler aus der Vergangenheit
autorisiert ist. Es sind sowohl die Hirten der Ortskirchen, die als einzelne
oder in einem kollegialen bischöflichen Akt diese Bitte aussprechen können.
Es ist insbesondere der universale Hirte der Kirche, der Bischof von Rom, der
für die Kirche als ganze sprechen kann. Bei dieser Vergebungsbitte und der
Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung für die Verfehlungen der
Vergangenheit muss man unterscheiden zwischen dem Lehramt der Kirche und der
Autorität der Kirche. Nicht jeder Akt kirchlicher Autoritäten hat im
eigentlichen Sinn lehramtliche Qualität. Wenn einer oder mehrere Träger der
kirchlichen Autorität sich eines Verhaltens schuldig gemacht haben, das dem
Evangelium widerspricht, bedeutet das nicht per se, dass darin das Charisma
der bischöflichen Lehrvollmacht verwickelt ist, mit dem der Herr die Hirten
der Kirche ausgestattet hat. Deshalb kann als Konsequenz der Vergebungsbitte des Papstes und vieler Bischöfe keineswegs die Rücknahme
oder Relativierung früherer lehramtlicher Aussagen verlangt werden.
-
Drittens ist festzustellen, dass zuerst Gott der Adressat möglicher
Vergebungsbitten ist. Die in Frage kommenden menschlichen Adressaten, vor
allem wenn es sich um Gemeinschaften innerhalb oder außerhalb der Kirche
handelt, können nur ganz spezifisch angesprochen werden unter Beachtung einer
historischen und theologischen Kenntnis der Zusammenhänge. Dies betrifft
sowohl geeignete Akte der Wiedergutmachung wie auch die Möglichkeit, ihnen
von seiten der Glieder der Kirche den guten Willen und die Liebe zur Wahrheit
zu bezeugen. Den Weg der Versöhnung kann man am besten beschreiten im Dialog
und in wechselseitiger Bereitschaft, die Sünden der Vergangenheit zu bereuen.
Dies hängt im einzelnen aber von dem religiösen Selbstverständnis des
Dialogpartners ab. Die Wechselseitigkeit (Reziprozität) soll daher
kirchlicherseits nicht zur absoluten Bedingung gemacht werden. Die Kirche
sollte die Haltung zuvorkommender Liebe einnehmen, indem sie die Initiative
ergreift und sich dabei nicht von der erhofften Reaktion der anderen Seite
abhängig macht.
- Viertens sind die möglichen Gesten einer Wiedergutmachung
ins Auge zu fassen. Sie hängen ab vom Bewusstsein einer die Zeit
überdauernden Verantwortung. Sie sind von symbolischem Charakter, können
aber auch die Bedeutung einer wirksamen Wiederversöhnung bekommen, wenn man
zum Beispiel an die Spaltung der Christenheit denkt. Für die nähere
Ausgestaltung dieser symbolischen Gesten ist eine gemeinsame Vorbereitung mit
den möglichen Adressaten und die Erwägung ihrer legitimen Wünsche und
Vorstellungen in Aussicht zu nehmen.
- Fünftens ist der pädagogische Aspekt
anzuführen. Ein endloses Weiterschleppen negativer Vorstellungen vom anderen
darf keine Zukunft haben. Unerträglich wäre auch die Attitüde einer
ständigen Selbstanklage, die das eigene Existenzrecht bezweifelt. Es muss
klar werden, dass die Übernahme einer Verantwortung für die Sünden aus der
Vergangenheit eine Art von Teilnahme am Mysterium des gekreuzigten und
auferstandenen Christus ist, der sich die Schuld aller auf seine Schultern hat
legen lassen. In dieser Perspektive, die aus dem Osterereignis hervorgeht,
zeigen sich die Früchte sowohl für das Subjekt wie auch für den Adressaten
der Bitte um Vergebung. Es sind Befreiung, Versöhnung und Freude, die denen
zuteil werden, die diesen Weg aus dem Glauben heraus wagen.
6.3 Konsequenzen
für den Dialog und für die Mission
Mehrere Auswirkungen auf den Dialog
zwischen der Kirche und religiösen und gesellschaftlichen Gruppen wie auch
für die Verwirklichung ihrer Mission sind von diesem kirchlichen
Schuldbekenntnis zu erwarten.
- Auf der Ebene der Mission muss man zunächst
beachten, dass diese Akte der Vergebungsbitte nicht den Schwung der
Evangeliumsverkündigung hindern, indem man die negativen Aspekte verschärft.
Auf der anderen Seite ist aber nicht zu übersehen, dass dadurch auch die
Glaubwürdigkeit der Botschaft wachsen kann, wenn nur deutlich wird, dass sie
dem Gehorsam gegenüber der Wahrheit entspringen und Früchte der Versöhnung hervorbringen. Die Missionare "ad gentes" wissen
sicher, in welchem Kontext sie diese öffentlichen Akte der kirchlichen
Autorität ihren Hörern verständlich machen können. Zu beachten ist zum
Beispiel, dass viele Christen nichteuropäischer Länder mit bestimmten
Aspekten der europäischen Kirchengeschichte möglicherweise nicht viel
anzufangen wissen.
- In ökumenischer Hinsicht kann das Ziel kirchlicher
Vergebungsbitten gar kein anderes als die vom Herrn gewollte Einheit sein. Von
einem wechselseitigen Austausch der Vergebungsbitte darf man sich viel
erhoffen, wenn es auch manchmal prophetische Gesten geben kann, die eine
einseitige und uneingeschränkt großzügige Initiative fordern.
- In der
interreligiösen Begegnung ist es angezeigt, deutlich herauszustellen, wie das
Schuldbekenntnis der Kirche der Fehler der Vergangenheit für die
Christgläubigen mit der Forderung der Treue zum Evangelium übereinstimmt und
wie sie so ein glänzendes Zeugnis ihres Glaubens an die Wahrheit und
Barmherzigkeit Gottes, der sich in Christus geoffenbart hat, ablegen können.
Zu vermeiden ist das mögliche Missverständnis dieser Akte der Vergebungs-
und Versöhnungsbitten, als übernähme die Kirche selbst damit Vorurteile,
die gegen das Christentum gehegt werden. Vielleicht sehen sich die Anhänger
anderer Religionen angeregt und motiviert, die Fehler aus ihrer eigenen
Vergangenheit einzusehen und anzuerkennen. Die Menschheitsgeschichte ist
übervoll von Gewalt, Völkermorden, Menschenrechtsverletzung und
Versündigung gegen das Völkerrecht, Ausbeutung der Schwachen und einer
Vergötzung der Machthaber. Leider sind nicht wenige Religionen in ihrer
Geschichte übersät von Intoleranz, Aberglauben, einem Sicheinlassen mit
ungerechten Mächten und mit einer Negation der Würde und Freiheit des
Gewissens. Die Christen sehen sich nicht als Ausnahme. Sie sind sich bewusst,
wie sehr sie sich alle vor Gott als Sünder zu bekennen haben.
- Im Dialog mit
den Kulturen ist die Komplexität und Pluralität der verschiedenen
Mentalitäten im Auge zu behalten, mit denen ein Dialog über die Idee der
Vergebungsbitte begonnen werden soll. Hier ist es dringlicher als sonstwo,
diese Vergebungsbitte im Licht des Evangeliums und besonders im Hinblick auf
das Geheimnis des gekreuzigten Herrn zu verdeutlichen. Es ist zu sagen, dass
die Offenbarung der Barmherzigkeit Gottes die Quelle der Vergebung ist und
weiter reicht als die Kirche in ihren sichtbaren Grenzen, als die in Raum und
Zeit eine und dieselbe Gemeinschaft. Wenn es sicher auch sehr schwierig sein
dürfte, die Vergebungsbitte in einer Kultur verständlich zu machen, der
diese Idee völlig fremd ist, muss man dennoch eine günstige Gelegenheit
wahrnehmen, um die theologischen und spirituellen Gründe im Licht der
biblischen Botschaft zu vermitteln und auf ihren kritischen und prophetischen
Charakter aufmerksam zu machen. Wo man mit einer von Vorurteilen bestimmten
Gleichgültigkeit gegenüber dem Wort des Glaubens zu rechnen hat, muss man
sich immer den doppelt möglichen Effekt kirchlicher Vergebungsbitten
klarmachen. Die einen fühlen sich bestätigt in ihren negativen Vorurteilen
und einer feindseligen Haltung voller Verachtung, während sich die anderen
vom Wunder des "gekreuzigten Gottes"(97) angezogen sehen. Im heutigen kulturellen Kontext und besonders
in der abendländisch-westlichen Welt bedeutet die "Reinigung der
historischen Erinnerung" eine Verpflichtung, die Glaubende und Nicht-Glaubende miteinander verbindet. Eine solche gemeinsame Arbeit ist ein
positives Zeugnis für die Lehre, die uns die Wahrheit erteilt.
- Im
Verhältnis zur weltlichen Gesellschaft ist Wert zu legen auf die Differenz
zwischen der Kirche als einem Geheimnis der Gnade und irgendeiner weltlichen
Gesellschaftsbildung. Dennoch kann man den exemplarischen Charakter der
kirchlichen Vergebungsbitte nicht genug herausstellen.
- Es ist zu hoffen,
dass sie zu vergleichbaren Schritten ermutigt, eine "Reinigung des
Gedächtnisses" und eine Versöhnung zu suchen gerade dort, wo sie sich
in ganz bestimmten Zusammenhängen als vordringlich erweist.
- Diese Sicht
findet ihre Bestätigung in den Worten Johannes Pauls II. in einer Ansprache
an die Teilnehmer eines Internationalen Symposiums: "Die Bitte um
Vergebung ... betrifft an erster Stelle das Leben der Kirche, ihren Auftrag
zur Verkündigung des Evangeliums von der Erlösung, ihr Zeugnis für
Christus, ihr Engagement für die Einheit, in einem Wort die Folgerichtigkeit,
die das christliche Dasein prägen muss. Doch Licht und Kraft des Evangeliums,
aus dem die Kirche ihre Lebenskraft gewinnt, bieten auch reiche
Möglichkeiten, die Grundmuster und Aktionen der weltlichen
Gesellschaft - unter voller Achtung ihrer Unabhängigkeit - zu erleuchten und
zu unterstützen. ... An der Schwelle zum dritten Jahrtausend darf man hoffen,
dass die Verantwortlichen in der Politik und die Völker - vor allem jene, die
in dramatische, vom Hass und von der Erinnerung an alte Wunden genährte
Konflikte verwickelt sind - sich vom Geist des Verzeihens und der Versöhnung
leiten lassen, den die Kirche bezeugt, und sich um eine Beilegung der
Streitigkeiten durch einen aufrichtigen und offenen Dialog bemühen."(98)
Siebtes Kapitel
ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK
Am Ende dieser Überlegungen
über das Schuldbekenntnis der Kirche und seine Formen kann nur noch einmal
betont werden, dass sich die Kirche in all ihren Äußerungen und gerade auch
in diesen Akten der Bitte um Vergebung zuallererst an Gott wendet und ihn in
seiner herrlichen Gnade und Barmherzigkeit rühmt und bekennt. Das Lob Gottes
ist untrennbar verbunden mit der Würde der menschlichen Person, die ihre
Vollendung in der Lebensgemeinschaft mit Gott findet, der den Menschen zum
ewigen Leben berufen hat: "Gottes Herrlichkeit ist der lebendige Mensch
das Leben des Menschen aber ist die Schau Gottes."(99) Wenn die Kirche in
dieser Weise handelt, bezeugt sie auch ihr Vertrauen in die Wahrheit, die frei
macht (vgl. Joh 8,32).
"Ihre Vergebungsbitte ist kein Trick, der sich mit
Demut tarnt. Die Vergebungsbutte ist auch keine Absage an ihre
zweitausendjährige Geschichte, die so reich ist in allen Bereichen der
Caritas, der Kultur und der Heiligkeit. Die Kirche antwortet jedoch auf eine
unwidersprechliche Herausforderung der Wahrheit, dass es neben all den
positiven Aspekten auch die menschlichen Grenzen und Schwächen gegeben hat, die in vielen Generationen der Jünger Christi zu verzeichnen
sind."(100)
Die erkannte Wahrheit ist Quelle der Versöhnung und des
Friedens, da "die Liebe zur Wahrheit, die in Demut erforscht wurde, einer
der großen Werte ist, der die Menschen von heute inmitten der Vielfalt der
Kulturen zusammenführen kann"(101), wie Johannes Paul II. bei einer
anderen Gelegenheit erklärte.
Aufgrund ihrer Verantwortung vor der Wahrheit
kann die Kirche "die Schwelle des neuen Jahrtausends nicht
überschreiten, ohne ihre Kinder dazu anzuhalten, sich durch Reue von
Irrungen, Treulosigkeiten, Inkonsequenzen und Verspätungen zu reinigen. Das
Eingestehen des Versagens von gestern ist ein Akt der Aufrichtigkeit und des
Mutes"(102).
Wir alle dürfen mit einem neuen Morgen rechnen.
(1) Johannes Paul II, Incarnationis
mysterium, Verkündigungsbulle des Großen Jubiläums des Jahres 2000 (=
Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 136), Art, 11. (2) Ebd. Schon in
mehreren Stellungnahmen, besonders in Art. 33 des Apostolischen Schreibens Tertio
Millennio Adveniente (TMA), hat der Papst die Kirche darauf hingewiesen,
sich auf den Weg zu begeben, das "Gedächtnis zu reinigen", und zwar
hinsichtlich der Schuld aus der Vergangenheit. Auf diese Weise könne die
Kirche den einzelnen und der Gesellschaft ein Beispiel für Reue und Umkehr
bieten. (3) Lumen gentium, 8. (4) Vgl. Extravagantes communes,
lib. V, tit. IX, c. 1 (A. Friedberg, Corpus iuris canonici, II, c.
1304). (5) Vgl. Benedikt XIV., Brief Salutis nostrae, 30.4.1774, §
2. Leo XIL, Brief Quod hoc ineunte, 24. Mai 1824, § 2, spricht vom
"Jahr der Sühne, der Verzeihung und Befreiung, der Gnade, der Vergebung
und des Nachlasses". (6) In diesem Sinne ist die Definition des
Ablasses zu verstehen, den Clemens VI. bei der Festlegung des alle 50 Jahre
wiederkehrenden Jubeljahres gegeben hat. Er sieht im kirchlichen Jubeljahr
"die geistliche Erfüllung" des "Jubeljahres der Vergebung und
der Freude" aus dem Alten Testament (Lev 25).
(7) Zitiert nach Erwin Iserloh, Die protestantische Reformation,
in: Handbuch der Kirchengeschichte IV, hg. v. Hubert Jedin, Freiburg /
Basel / Wien 1967,111. (8) Unitatis redintegratio, 7. (9) Gaudium
et spes, 36. (10) Ebd. 19. (11) Nostra aetate, 4. (12)
Gaudium et spes, 43 § 6. (13) Lumen gentium, 8; vgl. Unitatis
redintegratio, 6: "Die Kirche wird auf dem Wege ihrer Pilgerschaft
von Christus zu dieser dauernden Reform gerufen, deren sie allezeit bedarf,
soweit sie menschliche und irdische Einrichtung ist." (14) Nostra
aetate, 4. (15) Unitatis redintegratio, 3. (16) Vgl. Paul
VL, Apostolisches Schreiben Apostolorum limina, 23. Mai 1974 (Enchiridion
Vaticanum 5, 305). (17) Paul VL, Exhortatio Paterna cum benevolentia,
8. Dezember 1974 (Enchiridion Vaticanum 5, 526-553). (18) Vgl.
Enzyklika Ut unum sint, vom 25. Mai 1995, Nr. 88: "Für das,
wofür wir verantwortlich sind, bitte ich um Verzeihung." (19) Einige
Beispiele: Im Rahmen der Heiligsprechung des Jan Sarkander in der
Tschechischen Republik am 21. Mai 1995 bittet der Papst "im Namen aller
Katholiken um Verzeihung für das von ihnen im Lauf der Geschichte verursachte
Unrecht gegenüber Nicht-Katholiken" in Mähren. - In seiner Botschaft an
die Indianer Amerikas in Santo Domingo am 13. Oktober 1992 und in der
Ansprache zur Generalaudienz vom 21. Oktober 1992 wollte er einen "Akt
der Sühne" leisten und die indianische Urbevölkerung von Lateinamerika
sowie die als Sklaven deportierten Afrikaner um Vergebung bitten. - Wegen der
Versklavung der Schwarzen hatte er schon zehn Jahre zuvor an die Afrikaner
eine Bitte um Vergebung gerichtet (Ansprache in Yaoundé am 13. August
1985). (20) Vgl. T'MA, 33-36. (21) TMA, 33.
(22) TMA, 33. (23) Ebd. 36. (24) Ebd.
34. (25) Ebd. 35. (26) Dieser letztgenannte Aspekt kommt in T'MA
nur in Nr. 33 zum Vorschein, wo von der Kirche gesagt wird: "Obwohl die
Kirche durch ihr Einverleibtsein in Christus heilig ist, wird sie nicht müde,
Buße zu tun: sie anerkennt immer, vor Gott und den Menschen, die
Sünder als ihre Söhne. (27) Johannes Paul IL, Apostolisches
Schreiben Reconciliatio et Paenitentia (= Verlautbarungen des
Apostolischen Stuhls, 60), vom 2. Dezember 1984, 31. (28) Reconciliatio
et Paenitentia, 16. (29) Vgl. Augustinus, De civitate Dei I,35
(CCL 47,33); XI,1 (CCL 48,321); XIX,26 (CCL 48,696). (30)
Zu den verschiedenen Methoden der Schriftinterpretation vgl. das Dokument der
Päpstlichen Bibelkommission Die Interpretation der Bibel in der Kirche
(1993). (31) Aus dieser Reihe von Texten sind als Beispiele zu nennen Dtn
1,41: Die Wüstengeneration bekennt, gesündigt zu haben durch die Weigerung,
in das verheißene Land hinaufzuziehen; Ri 10,10. 12: Zur Zeit der
Richter sagt das Volk zweimal "wir haben gesündigt" gegen den
Herrn, da sie den Baalen gedient haben; 1 Sam 7,6: Das Volk zur Zeit
des Samuel bekennt: "Wir haben gegen den Herrn gesündigt!"; Num
21,7: Dieser Text unterscheidet sich insofern, als das Volk der Mosegeneration
hier zugibt, sich mit seiner Klage über "die elende Speise" der
"Sünde" schuldig gemacht zu haben, weil es gegen den Herrn und auch
gegen seinen menschlichen Führer, Mose, gemurrt hatte; 1 Sam 12,19:
Die Israeliten der Samuelepoche erkennen an, dass sie, indem sie einen König
forderten, dies "zu all ihren Sünden hinzugefügt haben"; Esra 10,13:
Das Volk erkennt vor Esra, schwer gesündigt zu haben, da man sich mit fremden
Frauen verheiratet hatte; vgl, auch Ps 65,2; 90,8;103,10
(107,10-11.17); Jes 59,9-15; 64,5-9; Jer 8,14;14,7; Klgl
1,14.18a. 22 (das "Ich" ist hier die Personifikation Jerusalems);
3,42 (4,13); Bar 4,12-13: Zion ruft die Sünden seiner Söhne wach, die
zu seiner Verwüstung beigetragen haben; Ez 33,10; Mi 7,9
("Ich").18-19. (32) Zum Beispiel Ex 9,27, wo der Pharao zu
Mose und Aaron sagt: "Diesmal bekenne ich mich schuldig. Jahwe ist im
Recht; ich aber und mein Volk, wir sind im Unrecht."; Ex 34,9:
Mose bittet: "Vergib uns unsere Schuld und Sünde"; Lev
16,21: Der Hohepriester bekennt am großen Versöhnungstag die Sünden des
Volkes, während er seine Hände auf den Kopf des "Sündenbocks"
legt und diesem so die Sünden auflädt; Ex 32,11-13 (vgl. Dtn
9,26-29: Mose); Ex 32,31 (Mose); 1 Kön 8,33ff. (vgl. 2 Chr
6,22ff.): Salomon bittet, dass Gott mögliche zukünftige Sünden vergebe; 2 Chr
28,13: Die Führer Israels beteuern: "Unsere Schuld ist schon groß
genug; Esra 10,2. Schechanja sagt zu Esra: "Ja, wir haben unserem
Gott die Treue gebrochen; wir haben fremde Frauen aus der Bevölkerung des
Landes geheiratet; Neh 1,5-11: Nehemia bekennt die vom Volk Israel
begangenen Sünden, sowohl seine eigenen wie auch die des Hauses seines
Vaters; Est 4,17n: Esther bekennt: "Wir haben gesündigt gegen
dich und du hast uns unseren Feinden ausgeliefert, weil wir ihre Götter
verehrt haben"; 2 Makk 7,18. 32: Die jüdischen Märtyrer
bekennen, dass sie zu leiden haben wegen "unserer Sünden" gegen
Gott. - (33) Als Beispiele kann man anführen 2 Kön 22,13
(vgl. 2 Chr 34,21): Joschija fürchtet den Zorn des Herrn, "weil
unsere Väter auf die Worte dieses Buches nicht gehört haben; 2 Chr
29,5-7: Der König Hiskija sagt zu den Priestern und Leviten: "Heiligt
euch jetzt, und heiligt das Haus des Herrn. Schafft alles Unreine aus dem
Heiligtum. Unsere Väter haben treulos gehandelt und getan, was dem Herrn
missfiel"; Ps 78,8ff.: Der Beter spricht in Ich-Form: "...
damit sie nicht werden wie ihre Väter, jenes Geschlecht voll Trotz und
Empörung; zu beachten ist aber auch die sprichwörtliche Rede Jer
31,29f. und Ez 18,2: "In jenen Tagen sagt man nicht mehr: Die
Väter haben saure Trauben gegessen, und den Söhnen werden die Zähne stumpf.
Nein, jeder stirbt nur für seine eigene Schuld: nur dem, der die sauren
Trauben isst, werden die Zähne stumpf. (34) Dies ist etwa der Fall Lev
26,40: Die Exilierten sollen "ihre und ihrer Väter Treulosigkeit
eingestehen"; Esra 9,56-15, das Bußgebet des Esra, V. 7:
"Seit den Tagen unserer Väter bis heute sind wir in großer Schuld";
vgl. Neh 9,6-37; Tob 3,1-5: In seinem Gebet ruft Tobit zu Gott:
"Strafe mich nicht für die Sünden und Fehler, die ich und meine Väter
dir gegenüber begangen haben (V. 3). In V. 5 stellt er fortfahrend fest:
"denn wir haben deine Gebote nicht gehaltene"; Ps 79,8-9: In
diesem Volksklagelied wird Gott angefleht: "Rechne uns die Schuld der
Vorfahren nicht an ... Reiß uns heraus und vergib uns die Sünden!"; Ps
106,6: "wir haben gesündigt wie unsere Väter"; Jer
3,25: "Wir haben gesündigt gegen den Herrn unseren Gott ... wir und
unsere Väter"; Jer 14,19-22: "Wir erkennen, Herr, unser
Unrecht und die Schuld unserer Väter" (V. 20); Klgl 5,7:
"Unsere Väter sündigten; sie sind nicht mehr. Wir müssen ihre Schuld
tragen"; Klgl 5,16 b: "Weh uns, wir haben gesündigt; Bar
1,15-3,18; Bar 1,17: "wir haben gesündigt vor dem Herrn; vgl. Bar
1,19. 21; 2,5. 24; Bar 3,5: "gedenke nicht der Treulosigkeit unserer
Väter; vgl. 2,23; 3,4.7; Dan 3,26-45: Asarja betet: "Ja, nach
Wahrheit und Recht hast du all dies wegen unserer Sünden herbeigeführte (V.
28); Dan 9,4-19: "Wegen unserer Sünden und der bösen Taten
unserer Väter sind Jerusalem und das ganze Volk zum Gespött für alle
geworden, die rings um uns wohnen" (V.16). (35) Das schließt den
Mangel an Vertrauen Gott gegenüber ein (wie zum Beispiel Dtn 1,41; Num
14,10), die Idolatrie (wie in Ri 10, 10-15), das Verlangen nach einem
Menschen als König (1 Sam 12,9), die Eheschließung mit fremden Frauen
im Widerspruch zum Gesetz Gottes (Esra 9-10). In Jes 59,13 b
sagt das Volk von sich: "Wir reden von Gewalt und Aufruhr, wir haben
Lügen im Herzen und sprechen sie aus." (36) Einen
vergleichbaren Fall stellt die Verstoßung der fremden Frauen durch die Juden
nach Esra 9-10 dar. Die Frage nach einer Bitte um Vergebung für die
negativen Konsequenzen, die das für diese Frauen und ihre Nachkommen hatte,
stellt sich nicht, da diese Verstoßung als Ausführung des Gesetzes Gottes
aufgefasst wurde (vgl. Dtn 7,3). (37) Man kann hier an die ständig
gespannten Beziehungen zwischen Israel und Edom denken. Obwohl Edom eigentlich
ein "Brudervolk" Israels war, nahm es begeistert an der Zerstörung
Jerusalems durch die Babylonier teil (vgl. Obd 10-14). Angesichts
dieser schändlichen Behandlung sah Israel keine Notwendigkeit, für das
Blutbad an unbewaffneten edomitischen Gefangenen unter dem König Amazja um
Vergebung zu bitten (vgl. 2 Chr 25,12). (38) Johannes Paul II., Ansprache
am 1. September 1999, in: L`Osservatore Romano, 2. September 1999,
4 (L`Osservatore Romano dt. vom 10. September 1999, 2). (39) Vgl. TMA,
33-36. (40) T'MA, 33. (41) Man denke hier an das bei den
christlichen Autoren verschiedener Epochen stets gegenwärtige Motiv des
Tadels an der Kirche wegen ihrer Schuld. Ein besonders repräsentatives
Beispiel bietet Maximus Confessor, Liber asceticus; PG 90,912-956. (42)
Lumen gentium, 8 (43) Katechismus der Katholischen Kirche
(1993), Nr. 770. (44) Lumen gentium, 8. (45) Lumen gentium, 8,
vgl, auch Unitatis redintegratio, 3 und 6. (46) Katechismus der
Katholischen Kirche, Nr. 827. (47) Paul VL, Credo des Volkes Gottes (30.
Juni 1968), Nr.l9 (zitiert in Katechismus der Katholischen Kirche, Nr.
827). (48) Lumen gentium, 39. (49) Lumen gentium, 40. (50)
Lumen gentium, 48. (51) Augustinns, Sermo 181,5,7 (PL
38,982). (52) Thomas von Aquin, Summa theologiae III, q. 8, a. 3, ad
2. (53) Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2839. (54)
Ambrosius, De virginitate, 8,48 (PL 16,278 D): "Caveamus igitur,
ne Lapsus noster vulnus Ecclesiae fiat." Vgl. Lumen gentium, 11:
"Die aber zum Sakrament der Buße hinzutreten, erhalten für ihre Gott
zugefügten Beleidigungen von seiner Barmherzigkeit Verzeihung und werden
sogleich mit der Kirche versöhnt, die sie durch ihre Sünde verwundet haben
und die zu ihrer Bekehrung durch Liebe, Beispiel und Gebet mitwirkt." (55)
TMA, 33. (56) Vgl. K. Delahaye, La Comunità. Madre dei credenti,
Cassano M. (Bari) 1974, 110. Vgl. auch Hugo Rahner, Mater Ecclesia.
Lobpreis der Kirche aus dem ersten Jahrtausend christlicher Literatur,
Einsiedeln 1944. (57) Lumen gentium, 64. (58) Augustinus, Sermo
25, 8 (PL 46,938): "Mater ista sancta, honorata, Mariae similis, et parit
et Virgo est. Ex illa nati estis et Christum parit: nam membra Christi estis." (59)
Cyprian von Karthago, De Ecclesiae Catholicae unitate, 6 (CCL
3,253): "Habere iam non potest Deum patrem qui ecclesiam non habet
matrem"; ders., Ep. 74,7 (CCL 3C,572): "Ut habere quis
possit Deum Patrem, habeat ante ecclesiam matrem"; Augustinus, In Ps.
88, sermo 2,14 (CCL 39,1244): "Tenete ergo carissimi,
tenente omnes unanimiter Deum patrem, et matrem Ecclesiam." (60)
Paulinus von Nola, Carmen 25,171f. (CSEL 30,243): "Inde
manet mater aeterni semine verbi / concipiens populos et pariter pariens." (61)
T'MA, 35. (62) Vgl. Ignatius von Antiochien, An die Römer, Proem.
(SCh 10,124;
Th. Camelot, Paris (2) 1958). (63) Vgl. TMA, 33 und 34. (64)
Johannes Paul IL, Ansprache an
die Teilnehmer der Internationalen Studientagung zur Erforschung der
Inquisition (31. Oktober 1998), veranstaltet von der Theologisch-Historischen
Kommission des Zentralkomitees des Heiligen Jahres, Nr. 4 (L`Osservatore
Romano dt. vom 20.11.1998, 7). (65) Vgl. insgesamt Hans-Georg Gadamer,
Wahrheit
und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, Tübingen 3. erw.
Aufl. 1972. (66) Bernard J. F. Lonergan SJ,
Methode in der Theologie, übers. u. hg. von Johannes Bernard, Leipzig
1991,162 (67) TMA, 35. (68) Johannes Paul IL, Ansprache am
1. September 1999, in; L`Osservatore Romano, 2. (69) September 1999, 4
(L`Osservatore Romano dt. vom 10. September 1999, 2). (69)Vgl.
T'MA,
34-36. (70) Unitatis redintegratio, l. (71) Ebd. 13. In
T'MA, 34 heißt es: "Mehr noch als im ersten
Jahrtausend hat die kirchliche Gemeinschaft im Verlauf des nun zu Ende
gehenden Jahrtausends <oft nicht ohne Schuld der Menschen auf beiden
Seiten> schmerzliche Trennungen erlebt, die offenkundig dem Willen Christi
widersprechen und der Welt ein Ärgernis sind." (72) Ebd.
13 (73) Unitatis redintegratio, 13. (74) Siehe die
Eröffnungsansprache zur II. Konzilssession am 29. September 1964 (Enchiridion
Vaticanum 1, 106, n.176). (75) Vgl. die Dokumentation des Dialoges der Liebe zwischen dem
Heiligen Stuhl und dem Patriarchal von Konstantinopel im Tómos Agápes:
Vatican-Phanar (1958-1970), Rom / Istanbul 1971 (76) Unitaus redintegratio, 7. (77)
Ebd. 7. (78) T'MA, 35. (79) Johannes Paul
IL, Ansprache vom 1. September 1999, in: L`Osservatore Romano,
2. September
1999, 4 (L`Osservatore Romano dt. vom 10. September 1999). (80) TMA, 35.
Das
Konzilszitat stammt aus Dignitatis Numanae, l. (81) Das II, Vatikanum hat dieses
Thema in der Erklärung Nostra Aetate mit großem Nachdruck behandelt. (82) Johannes Paul IL,
Ansprache anlässlich des
Besuches der römischen Synagoge (13. April 1986), 4 (AAS 78,1986,1120;
L`Osservatore Romano dt. vom 18. April 1986). (83) So das Urteil im jüngsten
Dokument der Kommission für die Religiösen Beziehungen zum Judentum Wir
erinnern. Eine Reflexion über die Shoah, Rom, l6. März 1998, 3. (84)
Ebd. 7. (85) Wir erinnern. Eine Reflexion über die Shoah,
5. (86) Ebd. 6. (87) Ebd. 5. (88) T'MA, 36. (89)
Gaudium et spes, 19. (90) Gaudium et spes, 19. (91)
TMA, 33. (92) Man
denke nur an das Zeichen des Martyriums: vgl. TMA, 37. (93) Unitatis redintegratio, 6. (94)
Ebd. 4. (95) Ebd. 6:
"Jede Erneuerung der Kirche besteht wesentlich im Wachstum der Treue
gegenüber ihrer eigenen Berufung." (96) TMA, 36 (97) Diese starke Formulierung
geht zurück auf den hl. Augustinns, De Trinitate I,13, 28 (CCL 50, 69,13);
Ep.169,2 (CSEL 44,617); Sermo 342 A,1 (Misc. Agost.
314,22) (98) Johannes Paul IL, Ansprache an die Teilnehmer des Internationalen
Symposiums zum Studium der Inquisition (31. Oktober 1998) 5. (99) Irenäus von Lyon,
Adversus haereses IV, 20, 7 (N. Brox: FC 8/4, Freiburg
1997, 166): "Gloria enim Dei vivens homo, vita autem hominis visio
Dei." (100) Johannes
Paul II., Ansprache vom 1. September 1999, in: L`Osservatore Romano, 2.
September 1999, (101) Ansprache im europäischen Zentrum für Kernforschung
(CERN), Genf am 15. Juni 1982, in: Insegnamenti di Giovannni Paolo II, V,2,
Vaticano 1982, 2321 (dt: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 40, 34-40). (102)
TMA, 33.
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