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APOSTOLISCHES SCHREIBEN IM ANSCHLUSS AN DIE BISCHOFSSYNODE RECONCILIATIO ET PAENITENTIA VON JOHANNES PAUL
II. AN DIE BISCHÖFE DIE PRIESTER UND DIAKONE UND AN ALLE GLÄUBIGEN ÜBER
VERSÖHNUNG UND BUSSE IN DER SENDUNG DER KIRCHE HEUTE
EINLEITUNG
URSPRUNG UND BEDEUTUNG DES DOKUMENTES
1. Von Versöhnung und Buße zu sprechen bedeutet eine Einladung an
die Männer und Frauen unserer Zeit, in ihrer Sprache jene Worte
wiederzuentdecken, mit denen unser Heiland und Meister Jesus Christus seine Verkündigung
beginnen wollte: »Kehrt um und glaubt an das Evangelium!«,(1) das heißt,
nehmt an die Frohe Botschaft der Liebe, der Gotteskindschaft und so auch der Brüderlichkeit.
Warum legt die Kirche dieses Thema und diese Einladung erneut vor?
Der brennende Wunsch, den heutigen Menschen und seine Welt besser
kennenzulernen und zu verstehen, seine Rätsel zu lösen und sein
Geheimnis zu enthüllen sowie die guten von den schlechten Fermenten, die
heute wirksam sind, zu unterscheiden, läßt viele schon seit längerem
mit fragenden Augen auf diesen Menschen und auf diese Welt blicken. Dies tun der
Historiker und der Soziologe, der Philosoph und der Theologe, der Psychologe und
der Humanist, der Dichter, der Mystiker: vor allem aber tut dies - besorgt und
doch auch voller Hoffnung - der Seelsorger.
Ein solch fragender Blick ist besonders deutlich auf jeder Seite der
wichtigen Pastoralkonstitution Gaudium et spes des II. Vatikanischen
Konzils über die Kirche in der Welt von heute zu finden, vor allem in der
umfangreichen und tiefgehenden Einführung, ebenso in einigen
Dokumenten, die aus der Weisheit und Hirtenliebe meiner verehrten Vorgänger
hervorgegangen sind, deren herausragende Pontifikate vom geschichtlichen und
prophetischen Ereignis jenes Ökumenischen Konzils geprägt sind.
Wie die anderen entdeckt auch das Auge des Seelsorgers unter den
verschiedenen charakteristischen Zügen der Welt und der Menschheit unserer
Tage leider die Existenz zahlreicher tiefer und schmerzlicher Spaltungen.
Eine zerrissene Welt
2. Diese Spaltungen zeigen sich in den Beziehungen zwischen Personen und
Gruppen, aber auch bei den größten gesellschaftlichen Gebilden:
Nationen gegen Nationen, gegeneinanderstehende Blöcke von Ländern,
alle in atemlosem Streben nach Vorherrschaft. Es ist nicht schwer, an der Wurzel
der Spaltungen Konflikte zu entdecken, die sich in Auseinandersetzung und Streit
verschärfen, anstatt im Dialog eine Lösung zu finden.
Auf der Suche nach den Ursachen solcher Spaltung finden aufmerksame
Beobachter die verschiedensten Elemente: von wachsender Ungleichheit zwischen
den Gruppen, sozialen Klassen und Ländern bis zu noch keineswegs überwundenen
ideologischen Gegensätzen; vom Gegensatz ökonomischer Interessen bis
zu politischer Frontenbildung; von Stammeskonflikten bis zu gesellschaftlicher
und religiöser Diskriminierung. Einige für alle sichtbare Tatsachen
bilden gleichsam das traurige Antlitz solcher Spaltungen: Sie sind deren Frucht
und zeigen ihre Schwere in unwiderlegbarer konkreter Deutlichkeit. Unter vielen
anderen schmerzlichen sozialen Erscheinungen unserer Zeit kann man auf die
folgenden hinweisen:
- die Verletzung der grundlegenden Menschenrechte, darunter an erster Stelle
das Recht auf Leben und auf eine menschenwürdige Lebensqualität, was
umso empörender ist, als sie einhergeht mit einer bisher nie gekannten
Rhetorik über diese Rechte;
- die Angriffe und Drohungen gegen die Freiheit der einzelnen und der
Gemeinschaften, darin eingeschlossen, ja noch weit mehr verletzt und bedroht,
die Freiheit, einen eigenen Glauben zu haben, zu bekennen und zu leben;
- die verschiedenen Formen von Diskriminierung: rassisch, kulturell, religiös
usw.;
- Gewalt und Terrorismus;
- Gebrauch der Folter und ungerechte wie unerlaubte Formen staatlicher
Gewalt;
- die Anhäufung von konventionellen oder atomaren Waffen und ein Rüstungswettlauf
mit Militärkosten, die dazu dienen könnten, das unverschuldete Elend
von Völkern zu lindern, die sozial und wirtschaftlich zurückliegen;
- die ungerechte Verteilung der Hilfsquellen dieser Welt und ihrer Kulturgüter,
die ihren Gipfel in einer Sozialstruktur erreicht, durch welche der Abstand
zwischen den sozialen Bedingungen der Reichen und der Armen immer mehr
zunimmt.(2)
Der überwältigende Druck dieser Spaltungen macht aus der Welt, in
der wir leben, eine bis in ihre Fundamente zerrissene Welt.(3)
Weil die Kirche andererseits, ohne sich mit der Welt gleichzusetzen oder
von der Welt zu sein, doch in der Welt lebt und im Dialog
mit der Welt steht,(4) darf es nicht verwundern, wenn man auch in der
kirchlichen Gemeinschaft selbst Auswirkungen und Zeichen jener Zerrissenheit
feststellen kann, die die ganze menschliche Gesellschaft verwundet. Außer
den Spaltungen zwischen den christlichen Gemeinschaften, die sie seit
Jahrhunderten bedrücken, erlebt die Kirche heute in ihrem Inneren
Spaltungen zwischen ihren eigenen Mitgliedern, die durch unterschiedliche
Auffassungen und Standpunkte im Bereich der Glaubenslehre und Pastoral
verursacht werden.(5) Auch diese Spaltungen scheinen zuweilen unheilbar zu sein.
So beängstigend solche Wunden der Einheit bereits auf den ersten Blick
erscheinen mögen, ihre Wurzel kann man erst entdecken, wenn man bis in die
Tiefe schaut: Die Wurzel liegt in einer Wunde im Inneren des Menschen.
Im Licht des Glaubens nennen wir sie Sünde: beginnend mit der Ursünde,
die jeder von Geburt an wie ein von den Eltern empfangenes Erbe in sich trägt,
bis hin zur Sünde, die ein jeder begeht, wenn er die eigene Freiheit gegen
den Plan Gottes benutzt.
Sehnsucht nach Versöhnung
3. Und doch, wenn der gleiche prüfende Blick scharfsichtig genug ist,
entdeckt er inmitten der Spaltung ein unverkennbares Verlangen von Menschen
guten Willens und von wirklichen Christen, die Brüche zu heilen, die Risse
zu schließen und auf allen Ebenen die wesentliche Einheit
wiederherzustellen.
Dieses Verlangen wird bei vielen zu einer wahren Sehnsucht nach Versöhnung,
auch dann, wenn das Wort selbst nicht benutzt wird.
Für manche handelt es sich hierbei um eine Utopie, die zum idealen
Hebel für eine echte Veränderung der Gesellschaft werden könnte;
für andere dagegen muß die Versöhnung durch hartes, intensives
Bemühen errungen werden und stellt darum ein Ziel dar, das man durch
ernsthaften Einsatz von Denken und Handeln erreichen soll. In jedem Falle ist
das Verlangen nach einer aufrichtigen und dauerhaften Versöhnung ohne allen
Zweifel ein grundlegendes Motiv unserer Gesellschaft und eine Folge ihres
unaufhaltsamen Friedenswillens; und das ist es - auch wenn dies paradox
erscheint - um so stärker, je mächtiger die Ursachen der Spaltung
sind.
Allerdings darf die Aussöhnung nicht weniger tief reichen als die
Entzweiung. Die Sehnsucht nach Versöhnung und die Versöhnung selbst
werden nur in dem Maße voll wirksam sein, wie sie heilend bis zu jener
ursprünglichen Verwundung vordringen, welche die Wurzel aller anderen ist;
und das ist die Sünde.
Die Blickrichtung der Synode
4. Darum muß jede Institution oder Organisation, die dem Menschen
dienen will und ihn in seinen grundlegenden Belangen retten möchte, ihren
aufmerksamen Blick auf die Versöhnung richten, um deren Bedeutung und volle
Tragweite tiefer zu erfassen und daraus die notwendigen praktischen Konsequenzen
zu ziehen.
Auch die Kirche Jesu Christi durfte sich dieser besonderen Aufmerksamkeit
nicht verschließen. Mit der Hingabe einer Mutter und der Klugheit einer
Lehrerin geht sie mit Eifer und Umsicht daran, aus der Gesellschaft zusammen mit
den Zeichen der Spaltung auch jene ebenso deutlichen und aufschlußreichen
Zeichen der Suche nach Aussöhnung zu sammeln. Sie ist sich ja bewußt,
daß ihr in besonderer Weise die Möglichkeit gegeben und die Sendung
aufgetragen ist, den wahren und tief religiösen Sinn sowie die wesentlichen
Dimensionen der Versöhnung aufzuzeigen und schon so dazu beizutragen, daß
die wesentlichen Aspekte der Frage von Einheit und Frieden klarer werden.
Meine Vorgänger haben unablässig die Versöhnung gepredigt und
die ganze Menschheit sowie jede Gruppe und jeden Bereich der menschlichen
Gemeinschaft, die sie zerrissen und gespalten sahen, zur Versöhnung
aufgefordert.(6) Aus einem inneren Antrieb, der zugleich - dessen bin ich gewiß
- einer höheren Eingebung sowie den Appellen der Menschheit gehorchte, habe
ich selbst in zwei verschiedenen, aber beidemal feierlichen und verbindlichen
Weisen
das Thema der Versöhnung besonders herausgestellt: zunächst,
indem ich die VI. Allgemeine Versammlung der Bischofssynode einberufen habe; und
dann, indem ich es zum Mittelpunkt des Jubiläumsjahres gemacht habe, das
zur Feier des 1950. Jahrestages der Erlösung ausgerufen worden ist.(7) Als
ich der Synode ein Thema zuweisen mußte, konnte ich jenem voll und ganz
zustimmen, das zahlreiche meiner Brüder im Bischofsamt vorgeschlagen
hatten, nämlich das fruchtbare Thema der Versöhnung in enger
Verbindung mit der Buße.(8)
Der Ausdruck und der Begriff der Buße selbst sind sehr vielschichtig.
Sehen wir sie mit der Metánoia verbunden, wie die Synoptiker sie
darstellen, so bezeichnet Buße die innere Umkehr des Herzens unter dem
Einfluß des Wortes Gottes und mit dem Blick auf das Reich Gottes.(9) Buße
bedeutet aber auch, das Leben zu ändern in Übereinstimmung mit
der Umkehr des Herzens; in diesem Sinne wird das »Buße tun«
dadurch ergänzt, daß »würdige Früchte der Buße«hervorgebracht
werden:(10) Die ganze Existenz wird in die Buße einbezogen, das heißt,
sie ist bereit, beständig zum Besseren voranzuschreiten. Buße tun ist
allerdings nur dann echt und wirksam, wenn es sich in Akten und Taten der Buße
konkretisiert. In diesem Sinne bedeutet Buße im theologischen und
geistlichen christlichen Sprachgebrauch Aszese, das heißt die konkrete
und tägliche Anstrengung des Menschen, mit Hilfe der Gnade Gottes sein
Leben um Christi willen zu verlieren, als einzige Weise, es wirklich zu
gewinnen;(11) den alten Menschen abzulegen und den neuen Menschen
anzuziehen;(12) alles in sich zu überwinden, was »fleischlich«
ist, damit das »Geistliche« sich durchsetze;(13) beständig
von den irdischen Dingen hinaufzustreben zu den himmlischen, wo Christus
ist.(14) Buße ist also eine Umkehr, die vom Herzen hin zu den Taten geht
und daher das gesamte Leben des Christen erfaßt.
In allen diesen Bedeutungen ist Buße eng mit Versöhnung
verbunden; denn sich mit Gott, mit sich selbst und mit den anderen zu versöhnen,
setzt voraus, daß man jenen radikalen Bruch überwindet, den die Sünde
darstellt. Dies geschieht nur durch eine innere Wandlung oder Umkehr,
die sich durch Bußakte im täglichen Leben auswirkt.
Das Ausgangsdokument der Synode (auch »Lineamenta«, »Grundlinien«,
genannt), das ausschließlich vorbereitet worden war, um das Thema
vorzustellen und davon einige grundlegende Gesichtspunkte besonders
hervorzuheben, hat es den kirchlichen Gemeinschaften in aller Welt ermöglicht,
fast zwei Jahre lang über diese Aspekte einer alle interessierenden Frage,
nämlich der nach Umkehr und Versöhnung, nachzudenken und daraus neue
Kraft für ein christliches Leben und Apostolat zu gewinnen. Die Reflexion
hat sich dann bei der unmittelbareren Vorbereitung auf die Synodenarbeit weiter
vertieft durch den »Arbeitstext« (»Instrumentum laboris«),
der den Bischöfen und ihren Mitarbeitern rechtzeitig zugestellt worden ist.
Schließlich haben die Väter der Synode, von denjenigen unterstützt,
die zur eigentlichen Synodensitzung berufen worden waren, mit tiefem
Verantwortungsbewußtsein dieses Thema und die zahlreichen und
verschiedenen damit verbundenen Fragen behandelt. Aus Debatte und gemeinsamem
Studium, aus eifrigem und gründlichem Forschen ist so ein großer
wertvoller Schatz entstanden, der in den »Schlußvorlagen« (»Propositiones«)
im wesentlichen zusammengefaßt ist.
Die Synode übersieht nicht die Akte der Versöhnung - einige davon
werden in ihrer Alltäglichkeit fast gar nicht bemerkt -, die alle in
verschiedenem Maße mithelfen, die zahlreichen Spannungen zu lösen,
die vielen Konflikte zu überwinden, die kleinen wie die großen
Spaltungen zu beheben und die Einheit wiederherzustellen. Aber das hauptsächliche
Bemühen der Synode richtete sich darauf, auf dem Grund dieser einzelnen
Akte die verborgene gemeinsame Wurzel zu entdecken, eine Urversöhnung, die
gleichsam wie eine Quelle für alles andere im Herzen und Gewissen des
Menschen wirkt.
Die besondere, originale Gabe der Kirche hinsichtlich der Versöhnung,
wo immer diese erreicht werden soll, besteht darin, daß sie stets bis zu
dieser ursprunghaften Versöhnung vordringt. Kraft ihrer wesentlichen
Sendung sieht sich die Kirche nämlich verpflichtet, bis an die Wurzeln der
Urwunde der Sünde vorzudringen, um dort Heilung zu wirken und gleichsam
eine Urversöhnung zu schaffen, die dann ein kraftvolles Prinzip jeder
weiteren echten Versöhnung sein soll. Das ist es, was die Kirche
beabsichtigt und durch die Synode dargelegt hat.
Von dieser Versöhnung spricht die Heilige Schrift, wenn sie uns
auffordert, hierfür alle Anstrengungen zu unternehmen;(15) aber sie sagt
uns auch, daß solche Versöhnung vor allem ein barmherziges Geschenk
Gottes an den Menschen ist.(16) Die Heilsgeschichte der gesamten Menschheit wie
auch jedes einzelnen Menschen zu allen Zeiten ist die wundervolle Geschichte
einer Versöhnung, bei der Gott, weil er Vater ist, im Blut und im Kreuz
seines menschgewordenen Sohnes die Welt wieder mit sich versöhnt und so
eine neue Familie von Versöhnten geschaffen hat.
Versöhnung wird notwendig, weil es einen Bruch durch die Sünde
gegeben hat, aus dem sich alle weiteren Formen einer Spaltung im Inneren des
Menschen und in seiner Umgebung herleiten. Damit die Versöhnung vollständig
sei, muß sie also notwendigerweise die Befreiung von der Sünde bis in
ihre tiefsten Wurzeln umfassen. So sind Umkehr und Versöhnung
durch ein inneres Band eng miteinander verbunden: Es ist unmöglich, diese
beiden Wirklichkeiten voneinander zu trennen oder von der einen zu sprechen und
die andere zu verschweigen.
Die Bischofssynode hat gleichzeitig von der Versöhnung der ganzen
Menschheitsfamilie und von der inneren Umkehr jeder einzelnen Person, von ihrer
neuen Hinwendung zu Gott, gesprochen; sie wollte damit anerkennen und verkünden,
daß es keine Einheit der Menschen ohne eine Änderung im Herzen eines
jeden einzelnen geben kann. Die persönliche Umkehr ist der
notwendige Weg zur Eintracht unter den Menschen.(17) Wenn die Kirche die
Frohe Botschaft von der Versöhnung verkündigt oder dazu einlädt,
sie durch die Sakramente zu verwirklichen, handelt sie wahrhaft prophetisch: Sie
klagt die Übel des Menschen in ihrer verschmutzten Quelle an; sie weist hin
auf die Wurzel der Spaltung und gibt Hoffnung, daß die Spannungen und
Konflikte überwunden werden können, damit man zu Brüderlichkeit
und Eintracht und zum Frieden auf allen Ebenen und in allen Gruppen der
menschlichen Gesellschaft gelangt. Sie beginnt, eine von Haß und Gewalt
geprägte geschichtliche Situation in eine Zivilisation der Liebe zu
verwandeln; sie bietet allen das sakramentale Prinzip des Evangeliums für
jene Urversöhnung an, aus der jede andere versöhnende Geste oder
Handlung, auch im gesellschaftlichen Bereich, hervorgeht.
Von dieser Versöhnung als einer Frucht der Umkehr handelt das
vorliegende Apostolische Schreiben. Denn wie es schon am Ende der drei
vorhergehenden Synodenversammlungen geschehen war, haben die Väter der
Synode dem Bischof von Rom, dem obersten Hirt der Kirche und Haupt des
Bischofskollegiums, in seiner Eigenschaft als Präsident der Synode auch
diesesmal die Ergebnisse ihrer Arbeit übergeben wollen. Als schwere und
zugleich dankbare Verpflichtung meines Amtes habe ich die Aufgabe übernommen,
aus dem überaus großen Reichtum der Synode zu schöpfen, um als
Frucht der Synode ein Lehr- und Pastoralschreiben zum Thema der Versöhnung
und Buße an das Volk Gottes zu richten. In einem ersten Teil möchte
ich von der Kirche und dem Vollzug ihrer versöhnenden Sendung, von ihrem
Einsatz für die Bekehrung der Herzen, für die erneuerte Einheit
zwischen Gott und dem Menschen, zwischen dem Menschen und seinem Bruder,
zwischen dem Menschen und der gesamten Schöpfung handeln. Im zweiten Teil
werde ich die wurzelhafte Ursache jeder Verwundung und Spaltung unter den
Menschen und vor allem in ihrem Verhältnis zu Gott aufzeigen, nämlich
die Sünde. Schließlich will ich jene Hilfsmittel angeben, die es der
Kirche ermöglichen, die volle Aussöhnung der Menschen mit Gott und
folglich auch der Menschen untereinander zu fördern und zu erwirken.
Das Dokument, das ich hiermit den Gläubigen der Kirche, aber auch all
denjenigen übergebe, die, gläubig oder nicht, mit Interesse und
aufrichtigem Herzen auf sie schauen, will die pflichtgemäße Antwort
auf die an mich gerichtete Bitte der Synode sein. Aber es ist auch - das möchte
ich um der Wahrheit und Gerechtigkeit willen sagen - ein Werk der Synode selbst.
Der Inhalt dieser Seiten stammt nämlich von ihr: aus ihrer entfernten oder
näheren Vorbereitung, aus dem Arbeitstext, aus den Stellungnahmen
in der Synodenaula und bei den Arbeitsgruppen und vor allem aus
den 63 Schlußvorlagen. Dies ist die Frucht der gemeinsamen Arbeit
der Väter, zu denen auch Vertreter der Ostkirchen gehörten, deren
theologisches, spirituelles und liturgisches Erbe so reich und wertvoll auch für
das vorliegende Thema ist. Darüberhinaus hat der Rat des
Synodensekretariates in zwei wichtigen Sitzungen die Ergebnisse und Grundlinien
der soeben abgeschlossenen Synode geprüft, den inneren Zusammenhang der
genannten Schlußvorlagen aufgezeigt und die Themen skizziert, die für
die Abfassung dieses Dokumentes am meisten geeignet erschienen. Ich bin all
jenen dankbar, die diese Arbeit geleistet haben, während ich im folgenden
in Treue zu meiner Sendung all das vermitteln möchte, was mir aus dem für
Lehre und Pastoral so reichen Schatz der Synode als ein Geschenk der Vorsehung
erscheint für das Leben so vieler Menschen in dieser großartigen und
zugleich schwierigen Stunde der Geschichte.
Es empfiehlt sich, das zu tun - und es erweist sich als sehr bedeutungsvoll
-, während im Herzen vieler die Erinnerung an das Heilige Jahr, das ganz
von Buße, Umkehr und Versöhnung geprägt war, noch lebendig ist.
Möge dieses Lehrschreiben, das ich den Brüdern im Bischofsamt und
ihren Mitarbeitern, den Priestern und Diakonen, den Ordensmännern und
Ordensfrauen, allen Gläubigen und allen gewissenhaften Männern und
Frauen übergebe, nicht nur eine Hilfe zur Läuterung, Bereicherung und
Vertiefung ihres persönlichen Glaubens sein, sondern auch ein Sauerteig,
dem es gelingt, im Herzen der Welt Frieden und Brüderlichkeit, Hoffnung und
Freude wachsen zu lassen, Werte, die aus dem Evangelium hervorgehen, wenn es
angenommen, meditiert und Tag für Tag nach dem Beispiel Marias gelebt wird,
der Mutter unseres Herrn Jesus Christus, durch den Gott alles mit sich versöhnen
wollte.(18)
ERSTER TEIL VERSÖHNUNG UND BUSSE: AUFTRAG UND EINSATZ DER
KIRCHE
ERSTES KAPITEL EIN GLEICHNIS DER VERSÖHNUNG
5. Am Beginn dieses Apostolischen Schreibens steht vor meinem geistigen
Auge jener außerordentliche Text des hl. Lukas, dessen tiefen religiösen
wie menschlichen Inhalt ich schon in einem früheren Dokument zu erläutern
versucht habe.(19) Ich meine das Gleichnis vom verlorenen Sohn.(20)
Vom Bruder, der verloren war...
»Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu
seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht«, so erzählt
Jesus bei der Darstellung der dramatischen Geschichte dieses jungen Mannes: der
leichtsinnige Weggang aus seinem Vaterhaus, die Vergeudung all seines Besitzes
in einem ausschweifenden Lebenswandel ohne Sinn, die dunklen Tage der Fremde und
des Hungers, aber mehr noch die Tage der verlorenen Würde, der Erniedrigung
und Beschämung und schließlich die Sehnsucht nach dem Vaterhaus, der
Mut zur Heimkehr, der Empfang durch den Vater. Dieser hatte den Sohn keineswegs
vergessen; im Gegenteil, er hatte ihm unverändert Liebe und Achtung
bewahrt. So hatte er immer auf ihn gewartet, und so umarmt er ihn jetzt, während
er zum großen Fest für denjenigen auffordert, der tot war und wieder
lebt, der verloren war und wiedergefunden wurde.
Der Mensch - ein jeder Mensch - ist ein solcher verlorener Sohn: betört
von der Versuchung, sich vom Vater zu trennen, um ein unabhängiges Leben zu
führen; dieser Versuchung verfallen; enttäuscht von der Leere, die ihn
wie ein Blendwerk verzaubert hatte; allein, entehrt, ausgenutzt, als er sich
eine Welt ganz für sich allein zu schaffen versucht; auch in der Tiefe
seines Elendes noch immer gequält von der Sehnsucht, zur Gemeinschaft mit
dem Vater zurückzukehren. Wie der Vater im Gleichnis erspäht Gott den
heimkehrenden Sohn, er umarmt ihn bei seiner Ankunft und läßt die
Tafel herrichten für das Festmahl ihrer neuen Begegnung, mit dem der Vater
und die Brüder die Wiederversöhnung feiern.
Was an diesem Gleichnis am meisten beeindruckt, ist die festliche und
liebevolle Aufnahme, die der Vater dem heimkehrenden Sohn bereitet: ein Zeichen
der Barmherzigkeit Gottes, der immer bereit ist zu verzeihen. Sagen wir es
gleich: Die Versöhnung ist in erster Linie ein Geschenk des himmlischen
Vaters
... zum Bruder, der zu Hause geblieben war
6. Das Gleichnis läßt aber auch den älteren Bruder
auftreten, der seinen Platz beim Festmahl verschmäht. Er wirft dem jüngeren
Bruder dessen lockeres Treiben vor und dem Vater den Empfang, den dieser dem
verlorenen Sohn vorbehalten habe, während es ihm selbst, immer beherrscht
und fleißig und treu zum Vater und zum Hause stehend, niemals erlaubt
worden sei - wie er sagt -, mit seinen Freunden ein Fest zu feiern. Ein Zeichen,
daß er die Güte des Vaters nicht versteht. Solange dieser Bruder, von
sich selbst und seinen Verdiensten allzu sehr überzeugt, eifersüchtig
und verächtlich, voller Bitterkeit und Zorn, sich nicht bekehrt und mit dem
Vater und dem Bruder versöhnt, ist dieses Mahl noch nicht ganz das Fest der
Begegnung und des Sichwiederfindens.
Der Mensch - ein jeder Mensch - ist auch ein solcher älterer Bruder.
Egoismus macht ihn eifersüchtig, läßt sein Herz hart werden,
verblendet und verschließt ihn gegenüber den anderen und vor Gott.
Die Güte und Barmherzigkeit des Vaters reizen und ärgern ihn; das Glück
des heimgekehrten Bruders schmeckt ihm bitter.(21) Auch in dieser Hinsicht hat
der Mensch es nötig, sich zu bekehren, um sich auszusöhnen.
Das Gleichnis vom verlorenen Sohn ist vor allem die wunderbare Geschichte
der großen Liebe Gottes, des Vaters, der dem zu ihm heimgekehrten Sohn das
Geschenk einer vollständigen Versöhnung anbietet. Weil es aber in der
Gestalt des älteren Bruders ebenso an den Egoismus erinnert, der die Brüder
untereinander entzweit, wird es auch zur Geschichte der Menschheitsfamilie. Es
kennzeichnet unsere Lage und gibt den zu gehenden Weg an. Der verlorene Sohn in
seiner Sehnsucht nach Umkehr, nach Heimkehr in die Arme des Vaters und nach
Vergebung stellt all jene dar, die im Grund ihres Herzens die Sehnsucht nach
einer Aussöhnung auf allen Ebenen und ohne Vorbehalt verspüren und mit
innerer Sicherheit sehen, daß diese nur dann möglich ist, wenn sie
sich von jener ersten, grundlegenden Aussöhnung herleitet, die den Menschen
aus der Gottferne zur kindhaften Freundschaft mit Gott bringt, um dessen
unendliche Barmherzigkeit er weiß. Wenn es jedoch mit dem Blick auf den
anderen Sohn gelesen wird, beschreibt das Gleichnis die Lage der
Menschheitsfamilie, die von ihren Egoismen zerrissen ist; es beleuchtet die
Schwierigkeiten, der Sehnsucht und dem Heimweh nach einer gemeinsamen, versöhnten
und geeinten Familie zu entsprechen, und erinnert so an die Notwendigkeit einer
tiefen Änderung der Herzen verbunden mit der Wiederentdeckung der
Barmherzigkeit des Vaters und der Überwindung von Unverständnis und
Feindseligkeit unter Brüdern.
Im Licht dieses unerschöpflichen Gleichnisses von der Barmherzigkeit,
die die Sünde tilgt, versteht die Kirche, in dem sie den darin enthaltenen
Anruf aufnimmt, ihre Sendung, auf den Spuren des Herrn für die Bekehrung
der Herzen und die Versöhnung der Menschen mit Gott und untereinander zu
wirken, zwei Bereiche, die eng miteinander verbunden sind.
ZWEITES KAPITEL ZU DEN QUELLEN DER VERSÖHNUNG
Im Lichte Christi, der Versöhnung bewirkt
7. Wie sich aus dem Gleichnis vom verlorenen Sohn ergibt, ist die Versöhnung
ein Geschenk Gottes und ganz seine Initiative. Unser Glaube belehrt uns,
daß diese Initiative konkrete Gestalt im Geheimnis Jesu Christi annimmt,
der den Menschen erlöst und versöhnt und ihn von der Sünde in all
ihren Formen befreit. Paulus faßt gerade in dieser Aufgabe und in diesem
Handeln die einzigartige Sendung Jesu von Nazaret, des menschgewordenen Wortes
und Sohnes Gottes, zusammen.
Auch wir können von diesem zentralen Geheimnis des Heilswerkes
ausgehen, dem Schlüsselbegriff der Christologie des Apostels. »Da wir
mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, als wir noch (Gottes)
Feinde waren«, so schreibt Paulus an die Römer, »werden wir erst
recht, nachdem wir versöhnt sind, gerettet werden durch sein Leben. Mehr
noch, wir rühmen uns Gottes durch Jesus Christus, unseren Herrn, durch den
wir jetzt schon die Versöhnung empfangen haben«.(22) Weil also »Gott
die Welt in Christus mit sich versöhnt hat«, fühlt sich Paulus
dazu gedrängt, die Christen von Korinth aufzurufen: »Laßt euch
mit Gott versöhnen!«.(23)
Von einer solchen versöhnenden Sendung durch den Tod am Kreuz spricht
mit anderen Worten auch der Evangelist Johannes, wenn er feststellt, daß
Christus sterben mußte, »um die versprengten Kinder Gottes wieder zu
sammeln«.(24)
Paulus wiederum läßt unsere Sicht des Werkes Christi sich
ausweiten in kosmische Dimensionen, wenn er schreibt, daß der Vater in ihm
alle Geschöpfe mit sich versöhnt hat, jene im Himmel und jene auf
Erden.(25) In Wahrheit kann man vom Erlöser Jesus Christus sagen, daß
»er zur Zeit des Untergangs ein neuer Anfang war« (26) und daß
er, wie »unser Friede«,(27) so auch unsere Versöhnung ist.
Zu Recht werden sein Leiden und Sterben, die in der Eucharistiefeier in
sakramentaler Weise erneuert werden, von der Liturgie »Opfer unserer Versöhnung«(28)
genannt: eine Aussöhnung mit Gott, ohne Zweifel, aber auch mit den Brüdern,
wenn Jesus selbst lehrt, daß vor dem Opfer die Versöhnung unter den
Brüdern erfolgen muß.(29)
Wenn man also von diesen und anderen bedeutsamen Abschnitten des Neuen
Testamentes ausgeht, ist es durchaus berechtigt, unsere Überlegungen auf
das gesamte Geheimnis Christi und seiner versöhnenden Sendung hinzulenken.
Noch einmal muß der Glaube der Kirche an das erlösende Handeln
Christi, an das österliche Geheimnis seines Todes und seiner Auferstehung,
hervorgehoben werden, das die Ursache der Versöhnung des Menschen in ihrer
doppelten Richtung einer Befreiung von der Sünde und einer
Gnadengemeinschaft mit Gott ist.
Gerade vor dem traurigen Hintergrund der Spaltungen und der Schwierigkeiten
einer Aussöhnung unter den Menschen lade ich dazu ein, das Geheimnis
des Kreuzes zu betrachten, das größte Drama von allen, bei dem
Christus das Drama der Trennung des Menschen von Gott bis auf den Grund
wahrnimmt und erleidet, und dies so intensiv, daß er mit den Worten des
Propheten aufschreit »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«(30)
und dabei zugleich unsere Versöhnung erwirkt. Der Blick auf das Geheimnis
von Golgota muß uns immer an jene »vertikale« Dimension
der Trennung und Wiederversöhnung im Verhältnis des Menschen zu Gott
erinnern, die aus der Sicht des Glaubens die »horizontale«
Dimension immer übersteigt, das heißt die Wirklichkeit von
Spaltung und die notwendige Wiederversöhnung unter den Menschen. Wir wissen
ja, daß eine solche gegenseitige Aussöhnung nur die Frucht ist und
sein kann aus dem erlösenden Handeln Christi, der gestorben und
auferstanden ist, um das Reich der Sünde zu besiegen, den Bund mit Gott
wiederherzustellen und so die Trennungsmauer niederzureißen,(31) die die Sünde
zwischen den Menschen aufgerichtet hatte.
Versöhnung durch die Kirche
8. Aber - so sagte Leo der Große, als er vom Leiden Christi sprach - »alles,
was der Sohn Gottes für die Aussöhnung der Welt getan und gelehrt hat,
kennen wir nicht nur aus der Geschichte seiner Handlungen, die vergangen sind,
sondern wir sehen es auch an den Wirkungen dessen, was er heute vollbringt«.(32)
So erfahren wir die Versöhnung, die er in seinem Menschsein vollbracht hat,
aus dem Wirken der heiligen Geheimnisse, die von seiner Kirche gefeiert werden,
für die sich Christus dahingegeben und die er zum Zeichen und Werkzeug des
Heils gemacht hat.
Das versichert der hl. Paulus, wenn er schreibt, daß Gott die Apostel
Christi an seinem versöhnenden Werk teilnehmen läßt. »Gott«,
so sagt er, »hat uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen... und das
Wort von der Versöhnung anvertraut«.(33) In Hände und Mund der
Apostel, seiner Boten, hat der Vater voller Erbarmen den Dienst der Versöhnung
gelegt, den sie in einer einzigartigen Weise vollziehen, kraft der Vollmacht, »in
der Person Christi« zu handeln. Aber auch der gesamten Gemeinschaft der Gläubigen,
dem ganzen Leib der Kirche ist das »Wort von der Versöhnung«
anvertraut, das heißt der Auftrag, alles zu tun, um Versöhnung zu
bezeugen und in der Welt zu verwirklichen.
Man kann sagen, daß auch das II. Vatikanische Konzil, indem es die
Kirche definiert hat als »das Sakrament, das heißt Zeichen und
Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der
ganzen Menschheit«, und indem es als ihre Aufgabe bezeichnet, »die
volle Einheit in Christus« für die Menschen zu erlangen, »die
heute durch vielfältige... Bande enger miteinander verbunden sind«,(34)
damit anerkannt hat, daß sich die Kirche vor allem dafür einsetzen muß,
die Menschen zu einer vollständigen Versöhnung zu führen.
Im engen Zusammenhang mit der Sendung Christi kann man also die an sich
reiche und vielschichtige Sendung der Kirche zusammenfassen in der für sie
zentralen Aufgabe der Versöhnung des Menschen mit Gott, mit sich selbst,
mit den Brüdern, mit der ganzen Schöpfung; und dies fortwährend:
denn - wie ich schon bei anderer Gelegenheit gesagt habe - »die Kirche ist
von Natur aus immer versöhnend«.(35)
Versöhnend ist die Kirche, weil sie die Frohe Botschaft von der Versöhnung
verkündet, wie sie es in ihrer Geschichte immer getan hat, angefangen vom
Apostelkonzil in Jerusalem(36) bis zur letzten Bischofssynode und zum jüngsten
Jubiläumsjahr der Erlösung. Das Besondere an dieser Verkündigung
liegt darin, daß die Versöhnung für die Kirche eng mit der
Bekehrung des Herzens verbunden ist: Diese ist der notwendige Weg zu einer Verständigung
zwischen den Menschen.
Versöhnend ist die Kirche auch, weil sie dem Menschen die Wege zeigt
und die Mittel anbietet für die obengenannte vierfache Aussöhnung.
Diese Wege sind gerade die Bekehrung des Herzens und die Überwindung der Sünde,
mag diese in Egoismus oder Ungerechtigkeit, in Anmaßung oder Ausbeutung
des Nächsten, im Verfallensein an materielle Güter oder in
hemmungsloser Genußsucht bestehen. Die Mittel sind das treue und liebende
Hören des Wortes Gottes, das persönliche und das gemeinschaftliche
Gebet und vor allem die Sakramente als die wahren Zeichen und Mittel der Versöhnung,
aus denen gerade unter dieser Hinsicht jenes Sakrament hervorragt, das wir zu
Recht Sakrament der Versöhnung oder auch Bußsakrament zu nennen
pflegen. Hierauf werde ich im folgenden noch näher eingehen.
Die versöhnte Kirche
9. Mein verehrter Vorgänger Paul VI. hat das Verdienst, klargestellt zu
haben, daß die Kirche, um die Frohe Botschaft wirksam verkündigen zu
können, bei sich selbst beginnen und sich als Hörerin der Botschaft
erweisen muß, das heißt als offen für die volle und ganze Verkündigung
der Frohen Botschaft Jesu Christi, um sie aufzunehmen und zu verwirklichen.(37)
Auch ich habe, als ich in einem eigenen Dokument die Überlegungen der IV.
Generalversammlung der Synode zusammenhängend dargelegt habe, von einer
Kirche gesprochen, die in dem Maße, wie sie anderen Glaubensunterricht
erteilt, auch selbst tiefer in den Glauben hineinwächst.(38)
Ich zögere nun nicht, diese Zuordnung hier wieder aufzugreifen und sie
auf das Thema anzuwenden, das ich behandle: Ich möchte betonen, daß
die Kirche, um versöhnend zu wirken, bei sich selbst beginnen muß,
eine versöhnte Kirche zu sein. Hinter dieser einfachen und
knappen Formulierung steht die Überzeugung, daß die Kirche, um der
Welt die Versöhnung noch wirksamer verkünden und anbieten zu können,
immer mehr zu einer Gemeinschaft (und sei sie auch die »kleine Herde«
der ersten Zeiten) von Jüngern Christi werden muß, einig im Bemühen,
sich beständig zum Herrn zu bekehren und als neue Menschen zu leben, im
Geist und in der Wirklichkeit der Versöhnung.
Vor unseren Zeitgenossen, die so empfindsam für den Beweis eines
konkreten Lebenszeugnisses sind, ist die Kirche aufgerufen, ein Beispiel für
Versöhnung vor allem in ihrem eigenen Inneren zu geben; darum müssen
wir alle darauf hinwirken, die Herzen friedfertig zu stimmen, die Spannungen zu
verringern, die Spaltungen zu überwinden, die Wunden zu heilen, die sich Brüder
vielleicht gegenseitig zufügen, wenn sich der Gegensatz zwischen
verschiedenen Einstellungen im Rahmen erlaubter Meinungsvielfalt zuspitzt, und
zu versuchen, einig in dem zu sein, was wesentlich für den Glauben und das
christliche Leben ist, nach der altbewährten Regel: In dubiis libertas,
in necessariis unitas, in omnibus caritas - im Zweifel Freiheit, im
Wesentlichen Einheit, in allem Liebe.
Nach demselben Maßstab muß die Kirche auch ihre ökumenische
Aufgabe erfüllen. Sie ist sich ja dessen sehr bewußt, daß sie,
um vollkommen versöhnt zu sein, unaufhörlich weiter nach der Einheit
unter denjenigen suchen muß, die sich rühmen dürfen, Christen zu
sein, aber - auch als Kirchen und Gemeinschaften - von einander und von der römischen
Kirche getrennt sind. Die Kirche von Rom sucht eine Einheit, die, um Frucht und
Ausdruck einer echten Versöhnung zu sein, weder die trennenden Elemente
einfach übergeht noch sich auf Kompromisse gründet, die ebenso
leichtfertig wie oberflächlich und hinfällig wären. Die Einheit
muß das Ergebnis einer wahren Bekehrung aller, der gegenseitigen
Vergebung, des theologischen Dialogs, des brüderlichen Umganges
miteinander, des Gebetes, der vollen Offenheit für das Handeln des Heiligen
Geistes sein, der auch der Geist der Wiederversöhnung ist.
Um sich vollständig versöhnt nennen zu können, fühlt
sich die Kirche schließlich auch zu immer größeren
Anstrengungen verpflichtet, das Evangelium zu allen Völkern zu bringen und
den »Heilsdialog«(39) mit jenen weiten Bereichen der Menschheit in der
heutigen Welt zu fördern, die den Glauben der Kirche nicht teilen oder die
aufgrund der wachsenden Verweltlichung sogar Abstand nehmen von der Kirche und
ihr kühl und gleichgültig gegenüberstehen, ja sie manchmal sogar
anfeinden und verfolgen. Allen glaubt die Kirche immer wieder mit dem hl. Paulus
sagen zu müssen: »Laßt euch mit Gott versöhnen!«.(40)
In jedem Falle aber fördert die Kirche nur eine Versöhnung in
der Wahrheit, weil sie sehr wohl weiß, daß weder Versöhnung
noch Einheit außerhalb oder gegen die Wahrheit möglich sind.
DRITTES KAPITEL INITIATIVE GOTTES UND DIENST DER KIRCHE
10. Als versöhnte und versöhnende Gemeinschaft kann die Kirche
nicht vergessen, daß die Quelle ihrer Gabe und Sendung der Versöhnung
die Initiative voller mitfühlender Liebe und Barmherzigkeit jenes Gottes
ist, der die Liebe ist(41) und aus Liebe die Menschen erschaffen hat:(42) Er hat
sie erschaffen, damit sie in Freundschaft mit ihm und in Gemeinschaft
miteinander leben.
Versöhnung geht von Gott aus
Gott bleibt seinem ewigen Plan treu, auch wenn der Mensch, vom Bösen
getrieben(43) und von seinem Stolz verführt, die Freiheit mißbraucht,
die ihm dazu gegeben ist, das Gute hochherzig zu lieben und zu suchen, und
seinem Herrn und Vater den Gehorsam verweigert; wenn er, anstatt mit Liebe auf
die Liebe Gottes zu antworten, sich ihm wie einem Rivalen widersetzt, wobei er
sich selbst täuscht und seine Kräfte überschätzt. Die Folge
davon ist ein Bruch in den Beziehungen zu demjenigen, der ihn erschaffen hat.
Trotz dieser Treulosigkeit des Menschen bleibt Gott treu in seiner Liebe.
Gewiß, die Erzählung vom Garten Eden läßt uns über
die traurigen Folgen der Zurückweisung des Vaters nachdenken, die zu einer
inneren Unordnung im Menschen und zum Bruch in der harmonischen Einheit zwischen
Mann und Frau, zwischen Bruder und Bruder führt.(44) Auch das Gleichnis des
Evangeliums von den zwei Söhnen, die sich, jeder auf seine Weise, vom Vater
entfernen und einen Abgrund zwischen sich aufreißen, spricht von dieser
Wahrheit. Die Zurückweisung der Vaterliebe Gottes und der Geschenke seines
Herzens findet sich immer an der Wurzel von Spaltungen unter den Menschen.
Aber wir wissen, daß Gott, »der voll Erbarmen ist«(45) wie
der Vater im Gleichnis, sein Herz vor keinem seiner Kinder verschließt. Er
wartet auf sie und sucht sie; er erreicht sie dort, wo ihre Verweigerung der
Gemeinschaft sie zu Gefangenen ihrer Einsamkeit und Trennung macht; er ruft sie,
sich wieder um seinen Tisch zu versammeln und sich über das Fest der
Vergebung und Versöhnung zu freuen.
Diese Initiative Gottes findet ihre konkrete Gestalt und ihren Ausdruck im
erlösenden Handeln Christi, das durch den Dienst der Kirche in die Welt
ausstrahlt.
Das Wort Gottes hat ja nach unserem Glauben Fleisch angenommen und ist
gekommen, auf der Erde unter den Menschen zu wohnen; es ist in die Geschichte
der Welt eingetreten, hat ihre Bedingungen auf sich genommen und sie in seinem
Leben zusammengefaßt.(46) Christus hat uns offenbart, daß Gott Liebe
ist, und hat uns das »neue Gesetz« der Liebe gegeben;(47) dabei hat er
uns die Gewißheit vermittelt, daß der Weg der Liebe auf alle
Menschen zuführt, so daß die Bemühungen, eine weltweite Brüderlichkeit(48)
zu erreichen, nicht vergeblich sind. Indem er mit seinem Tod am Kreuz das Böse
und die Macht der Sünde besiegt hat, hat er durch seinen von Liebe
durchdrungenen Gehorsam allen das Heil gebracht und ist für alle »Versöhnung«
geworden. In ihm hat Gott den Menschen mit sich versöhnt.
Die Kirche setzt die Verkündigung dieser Versöhnung, wie Christus
sie in den Dörfern Galiläas und ganz Palästinas ausgerufen
hat,(49) fort und lädt die ganze Menschheit unaufhörlich dazu ein,
umzukehren und an diese Frohe Botschaft zu glauben. Die Kirche spricht dabei im
Namen Christi; sie übernimmt den Aufruf des Apostels Paulus, auf den wir
bereits hingewiesen haben: »Wir sind also Gesandte an Christi Statt, und
Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi Statt: Laßt euch
mit Gott versöhnen!«.(50)
Wer diesem Aufruf folgt, tritt ein in das Werk der Versöhnung und erfährt
an sich die Wahrheit, die in jenem anderen Aufruf des hl. Paulus enthalten ist,
nach dem Christus »unser Friede ist. Er vereinigte die beiden Teile (Juden
und Heiden) und riß durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft
nieder... Er stiftete Frieden und versöhnte die beiden durch das Kreuz mit
Gott in einem einzigen Leib«.(51) Wenn dieser Text auch direkt die Überwindung
der religiösen Trennung zwischen Israel, dem erwählten Volk des Alten
Bundes, und den anderen Völkern, die alle zur Teilnahme am Neuen Bund
berufen sind, betrifft, so enthält er doch auch die Zusage der neuen
geistlichen Universalität, die von Gott gewollt und durch das Opfer seines
Sohnes, des menschgewordenen Ewigen Wortes, ohne Grenzen oder irgendwelche
Ausschlüsse für alle diejenigen bewirkt worden ist, die umkehren und
an Christus glauben. Alle sind wir also dazu berufen, die Früchte dieser
gottgewollten Versöhnung zu genießen: jeder Mensch und jedes Volk.
Die Kirche, das große Sakrament der Versöhnung
11. Die Kirche ist gesandt, diese Versöhnung zu verkünden und ihr
Sakrament in der Welt zu sein. Sakrament, das heißt Zeichen und
Werkzeug der Versöhnung, ist die Kirche in verschiedenen Weisen mit
unterschiedlichem Wert; alle aber wirken darauf hin zu erreichen, was die göttliche
Initiative der Barmherzigkeit den Menschen schenken will.
Sakrament ist sie schon allein durch ihr Dasein als versöhnte
Gemeinschaft, die in der Welt das Werk Christi bezeugt und darstellt.
Sakrament ist sie ferner durch ihren Dienst als Hüterin und Interpretin
der Heiligen Schrift, der Frohen Botschaft von der Versöhnung; von
Generation zu Generation macht sie den Plan der Liebe Gottes bekannt und zeigt
jeder die Wege zu einer umfassenden Versöhnung in Christus.
Sakrament ist sie schließlich durch die sieben Sakramente, die in je
eigener Weise »die Kirche erbauen«.(52) Weil sie nämlich das österliche
Geheimnis Christi in Erinnerung bringen und in der ihnen eigenen Weise erneuern,
sind alle Sakramente eine Lebensquelle für die Kirche und bilden in ihren Händen
Werkzeuge für die Umkehr zu Gott und für die Versöhnung unter den
Menschen.
Andere Wege der Versöhnung
12. Die versöhnende Sendung kommt der ganzen Kirche zu, auch und vor
allem jenem Teil, der schon endgültig an der göttlichen Herrlichkeit
teilhaben darf, zusammen mit der Jungfrau Maria, mit den Engeln und Heiligen,
die den dreimalheiligen Gott schauen und anbeten. Die Kirche im Himmel, die
Kirche auf Erden, die Kirche im Fegfeuer, sie wirken in geheimnisvoller Einheit
mit Christus zusammen, um die Welt mit Gott zu versöhnen.
Der erste Weg dieses Heilswirkens ist das Gebet. Ohne Zweifel unterstützen
die heilige Jungfrau Maria, Mutter Christi und der Kirche,(53) und die Heiligen,
die das Ende ihrer irdischen Pilgerschaft erreicht haben und nun in der
Herrlichkeit Gottes leben, fürbittend ihre Brüder, die noch Pilger auf
dieser Erde sind, in deren Bemühen, sich ständig zu bekehren, den
Glauben zu vertiefen, nach jedem Fall sich wieder aufzurichten und so zu
handeln, daß Gemeinsamkeit und Frieden in Kirche und Welt wachsen. Im
Geheimnis der Gemeinschaft der Heiligen verwirklicht sich die universale Versöhnung
in ihrer tiefsten und für das gemeinsame Heil fruchtbarsten Form.
Ein zweiter Weg ist die Verkündigung. Als Schülerin des einzigen
Meisters Jesus Christus wird die Kirche ihrerseits als Mutter und Lehrerin nicht
müde, den Menschen die Versöhnung anzubieten; unbeirrt weist sie auf
die Bosheit der Sünde hin, verkündigt sie die Notwendigkeit der
Bekehrung, lädt sie die Menschen ein und fordert sie auf, sich versöhnen
zu lassen. Ja, das ist ihre prophetische Sendung in der Welt von heute wie von
gestern: Es ist dieselbe Sendung ihres Herrn und Meisters Jesus Christus. Wie
er, so wird auch die Kirche diese ihre Sendung stets mit dem Gefühl
barmherziger Liebe erfüllen und allen die Worte der Vergebung und der
Ermutigung zu neuer Hoffnung, die vom Kreuz kommen, überbringen.
Weiter gibt es dann den oft so schwierigen und harten Weg der Pastoral, die
versucht, jeden Menschen - wer auch immer er sei oder wo auch immer er lebe -
auf den zuweilen langen Weg der Rückkehr zum Vater in der Gemeinschaft mit
allen Brüdern zu führen.
Schließlich gibt es den Weg des Zeugnisses, meist ohne Worte, das aus
einer zweifachen Überzeugung der Kirche hervorgeht: aus der Überzeugung,
von ihrem Wesen her »unzerstörbar heilig«(54) zu sein, zugleich
es aber auch nötig zu haben, »sich Tag für Tag zu reinigen, bis
daß Christus sie in all ihrer Schönheit, ohne Flecken und Runzeln,
vor sich erscheinen läßt«; denn wegen unserer Sünden
leuchtet ihr Antlitz vor den Augen derer, die sie betrachten, nicht recht
auf.(55) Dieses Zeugnis muß also zwei grundlegende Formen annehmen:
Zeichen sein für jene umfassende Liebe, die Jesus Christus seinen Jüngern
als Erweis ihrer Zugehörigkeit zu seinem Reich als Erbe hinterlassen hat;
und immer wieder neue Umkehr und Versöhnung bewirken, innerhalb wie außerhalb
der Kirche, und Spannungen überwinden, sich gegenseitig vergeben sowie im
Geist der Brüderlichkeit und des Friedens wachsen und diese Haltung in der
ganzen Welt verbreiten. Auf diesem Wege kann die Kirche mit Erfolg dafür
wirken, daß die von meinem Vorgänger Paul VI. so genannte »Zivilisation
der Liebe« allmählich entsteht.
ZWEITER TEIL DIE LIEBE IST GRÖSSER ALS DIE SÜNDE
Das Drama des Menschen
13. Der Apostel Johannes schreibt: »Wenn wir sagen, daß wir keine
Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre, und die Wahrheit ist
nicht in uns. Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht; er
vergibt uns die Sünden«.(56) Diese inspirierten Worte, an den Anfängen
der Kirche geschrieben, leiten besser als jeder andere menschliche Ausdruck die
Betrachtung über die Sünde ein, die eng mit jener über die Versöhnung
verbunden ist. Sie berühren das Problem der Sünde in seinem
anthropologischen Horizont, als einen festen Bestandteil der Wahrheit über
den Menschen; aber sie stellen es zugleich in den göttlichen Horizont, in
welchem die Sünde der Wahrheit der göttlichen Liebe begegnet, die
gerecht ist, großherzig und treu und sich besonders im Vergeben und Erlösen
offenbart. Deshalb kann derselbe Apostel Johannes kurz nach jenen Worten
schreiben: »Wenn das Herz uns auch verurteilt - Gott ist größer
als unser Herz«.(57)
Die eigene Sünde anerkennen, ja - wenn man bei der Betrachtung
der eigenen Person noch tiefer vordringt - sich selbst als Sünder
bekennen, zur Sünde fähig und zur Sünde neigend, das ist der
unerläßliche Anfang einer Rückkehr zu Gott. Das ist auch die
beispielhafte Erfahrung des David, der, nachdem »er vor den Augen des Herrn
Böses getan hatte«, vom Propheten Nathan getadelt,(58) ausruft: »Ich
bekenne meine bösen Taten, meine Sünde steht mir immer vor Augen.
Gegen dich allein habe ich gesündigt; ich habe getan, was dir mißfällt«.(59)
Ebenso läßt Jesus Mund und Herz des verlorenen Sohnes diese
deutlichen Worte sprechen: »Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen
dich versündigt«.(60)
Versöhnung mit Gott setzt in der Tat voraus und schließt ein,
sich klar und eindeutig von der Sünde zu trennen, die man begangen hat. Sie
setzt also voraus und umfaßt das Bußetun im vollen Sinn des Wortes:
bereuen, die Reue sichtbar machen, das konkrete Verhalten eines Büßers
annehmen, der sich auf den Rückweg zum Vater begibt. Das ist ein
allgemeines Gesetz, dem jeder in seiner besonderen Situation folgen muß.
Das Reden über Sünde und Umkehr darf nicht bei abstrakten Begriffen
stehenbleiben.
In der konkreten Verfaßtheit des Sünders, in der es keine Umkehr
ohne die Erkenntnis der eigenen Sünde geben kann, stellt der kirchliche
Dienst der Versöhnung immer wieder eine Hilfe zur Verfügung, die
deutlich auf Buße ausgerichtet ist, das heißt den Menschen zur »Selbsterkenntnis«(61)
bringen will, zur Trennung vom Bösen, zur Erneuerung der Freundschaft mit
Gott, zur Wiederherstellung der inneren Ordnung, zu einer neuen Hinwendung zur
Kirche. Über den Bereich der Kirche und der Gläubigen hinaus wenden
sich die Botschaft zur Umkehr und der Dienst an der Buße an alle Menschen,
weil alle der Bekehrung und Versöhnung bedürfen.(62)
Um diesen Dienst an der Buße in angemessener Weise zu erfüllen,
ist es auch notwendig, mit den »erleuchteten Augen«(63) des Glaubens
die Folgen der Sünde zu erwägen, die ja Anlaß sind für
Trennung und Zerrissenheit nicht nur im Innern jedes Menschen, sondern auch in
seinen verschiedenen Lebensräumen, in Familie und Umwelt, Beruf und
Gesellschaft, wie man oft aus Erfahrung feststellen kann, in Bestätigung
der biblischen Erzählung von Babel und seinem Turm.(64) Indem sie erbauen
wollten, was zugleich Symbol und Ausgangspunkt der Einheit sein sollte, fanden
sich diese Menschen am Ende zerstreuter vor als am Anfang, verwirrt in der
Sprache, untereinander gespalten, unfähig zu Übereinstimmung und
Gemeinsamkeit.
Warum ist dieser ehrgeizige Plan gescheitert? Warum mühten sich die
Erbauer vergebens?(65) Weil die Menschen zum Zeichen und zur Garantie der
ersehnten Einheit nur ein Werk ihrer eigenen Hände gemacht und das Wirken
Gottes vergessen hatten. Sie hatten allein auf die horizontale Dimension der
Arbeit und des gesellschaftlichen Lebens gesetzt, ohne jene vertikale Dimension
zu beachten, durch die sie in Gott, ihrem Schöpfer und Herrn, ihre
Verwurzelung gefunden und sich auf ihn als das letzte Ziel ihres Weges
ausgerichtet hätten.
Man kann sagen, daß das Drama des Menschen von heute, in gewissem Maße
das Drama des Menschen zu allen Zeiten, geradezu in seiner Ähnlichkeit mit
Babel besteht.
ERSTES KAPITEL DAS GEHEIMNIS DER SÜNDE
14. Wenn wir die biblische Erzählung von der Stadt Babel und ihrem Turm
im Licht der neuen Wahrheit des Evangeliums lesen und sie mit jener anderen
Geschichte des Falles der Ureltern vergleichen, können wir daraus kostbare
Elemente für ein Verständnis des Geheimnisses der Sünde
gewinnen. Dieser Ausdruck, in dem anklingt, was der hl. Paulus über das
Geheimnis der Bosheit(66) schreibt, will uns auf das Dunkle und
Unbegreifbare aufmerksam machen, das sich in der Sünde verbirgt. Diese ist
zweifellos eine Tat des freien Menschen; aber innerhalb dieser menschlichen
Realität wirken Faktoren mit, durch welche die Sünde über den
Menschen hinausragt in den Grenzbereich, wo Bewußtsein, Wille und
Empfinden in Kontakt mit den dunklen Kräften stehen, die nach dem hl.
Paulus in der Welt fast bis zu deren Beherrschung wirken.(67)
Der Ungehorsam gegen Gott
Aus der biblischen Erzählung vom Turmbau zu Babel ergibt sich ein
erstes Element, das uns hilft, die Sünde zu verstehen: Die Menschen haben
danach verlangt, eine Stadt zu erbauen, sich in einer Gesellschaft
zusammenzuschließen, stark und mächtig zu sein ohne Gott,
wenn nicht sogar gegen Gott.(68) In dieser Hinsicht stimmen die Erzählung
von der ersten Sünde im Garten Eden und die Geschichte von Babel trotz
ihrer beachtlichen Unterschiede in Inhalt und Form miteinander überein; in
beiden sehen wir, wie Gott ausgeschlossen wird: durch eine direkte
Opposition gegen eines seiner Gebote, durch eine Geste der Rivalität ihm
gegenüber, durch die verlockende Absicht, sein zu wollen »wie er«.(69)
In der Geschichte von Babel erscheint der Ausschluß Gottes nicht
so sehr als bewußter Gegensatz zu ihm, sondern als Vergessenheit und
Gleichgültigkeit ihm gegenüber, als ob man sich bei dem geplanten
gemeinschaftlichen Handeln des Menschen um Gott nicht zu kümmern brauche.
Aber in beiden Fällen wird die Beziehung zu Gott gewaltsam abgebrochen.
In der Geschichte vom Garten Eden wird der innerste und dunkelste Kern der Sünde
in seiner ganzen Ernsthaftigkeit und Dramatik sichtbar: der Ungehorsam gegen
Gott, gegen sein Gesetz, gegen die moralische Norm, die er dem Menschen ins
Herz geschrieben und mit seiner Offenbarung bestätigt und vervollkommnet
hat.
Ausschluß Gottes, Bruch mit Gott, Ungehorsam gegen Gott: das
war und ist die Sünde in der ganzen Menschheitsgeschichte, in ihren
verschiedenen Formen bis hin zur Verneinung Gottes und seiner
Existenz. Das ist die Wirklichkeit, die Atheismus genannt wird.
Ungehorsam des Menschen, der mit einem freien Willensakt die
Herrschaft Gottes über sein Leben nicht anerkennt, zumindest in jenem
Augenblick, wo er das Gesetz Gottes verletzt.
Die Trennung zwischen den Brüdern
15. In den oben erwähnten biblischen Erzählungen mündet der
Bruch mit Gott dramatisch ein in eine Trennung zwischen den Brüdern.
In der Beschreibung der »ersten Sünde« löst der Bruch
mit Jahwe zugleich die Freundschaft auf, die die Menschheitsfamilie verband, so
daß uns die folgenden Seiten der Genesis den Mann und die Frau
zeigen, wie sie gleichsam gegeneinander den Anklagefinger erheben,(70) und dann
den Sohn, der in seiner Feindschaft zum Bruder so weit kommt, daß er ihm
das Leben nimmt.(71)
Nach der Erzählung des Geschehens von Babel ist die Folge der Sünde
die Zersplitterung der Menschheitsfamilie, die schon mit der ersten Sünde
begonnen hatte und nun im gesellschaftlichen Bereich ihren Höhepunkt
erreicht.
Wer das Geheimnis der Sünde erforschen will, muß diese Verkettung
von Ursache und Wirkung beachten. Als Bruch mit Gott ist die Sünde der Akt
des Ungehorsams eines Geschöpfes, das wenigstens einschlußweise den
zurückweist, dem es seinen Ursprung verdankt und der es am Leben hält;
Sünde ist daher ein selbstmörderischer Akt. Weil der Mensch in der Sünde
sich weigert, sich Gott zu unterstellen, zerbricht auch sein inneres
Gleichgewicht, und in seinem Herzen brechen Widerspruch und Streit auf.
Innerlich zerrissen, erzeugt der Mensch fast unvermeidlich einen Riß auch
im Geflecht seiner Beziehungen mit den anderen Menschen und mit der geschaffenen
Welt. Das ist ein Gesetz und ein objektiver Tatbestand, die sich in vielen
Momenten der menschlichen Psychologie und des geistigen Lebens bestätigen
wie auch in der Wirklichkeit des gesellschaftlichen Lebens, wo man die
Auswirkungen und Zeichen innerer Unordnung leicht beobachten kann.
Das Geheimnis der Sünde besteht in dieser doppelten Verwundung, die der
Sünder sich selbst und seiner Beziehung zum Nächsten zufügt.
Deshalb kann man von personaler und von sozialer Sünde
sprechen: Jede Sünde ist in einer Hinsicht personal; in anderer
Hinsicht aber ist sie sozial, insofern sie auch soziale Folgen hat.
Personale Sünde - soziale Sünde
16. Die Sünde im wahren und eigentlichen Sinne ist immer ein Akt
der Person, weil sie ein Akt der Freiheit des einzelnen Menschen ist, nicht
eigentlich einer Gruppe oder einer Gemeinschaft. Dieser Mensch kann von
mancherlei schwerwiegenden äußeren Faktoren abhängen, von ihnen
bedrängt und getrieben sein, wie er auch Neigungen, Belastungen und
Gewohnheiten unterworfen sein kann, die mit seiner persönlichen Verfassung
gegeben sind. In zahlreichen Fällen können solche äußeren
und inneren Faktoren seine Freiheit und damit seine Verantwortung und Schuld
mehr oder weniger vermindern. Aber es ist eine Glaubenswahrheit, von Erfahrung
und Verstand bestätigt, daß die menschliche Person frei ist. Man darf
diese Wahrheit nicht übersehen und die Sünde der einzelnen auf äußere
Wirklichkeiten - auf Strukturen und Systeme oder auf die anderen Menschen - abwälzen.
Das würde vor allem bedeuten, die Würde und die Freiheit der Person zu
zerstören, die sich - wenn auch nur negativ und in entstellter Weise - auch
in der Verantwortung für die begangene Sünde zeigen. Darum gibt es im
Menschen nichts, was so persönlich und unübertragbar ist, wie das
Verdienst aus der Tugend oder die Verantwortung für die Schuld.
Als Akt der Person hat die Sünde ihre ersten und wichtigsten
Auswirkungen im Sünder selbst: in seiner Beziehung zu Gott, der
tiefsten Grundlage menschlichen Lebens; dann auch in seinem geistigen Leben, wo
durch die Sünde der Wille geschwächt und der Verstand verdunkelt
werden.
An diesem Punkt müssen wir uns fragen, auf welche Wirklichkeit sich
diejenigen bezogen haben, die bei der Vorbereitung der Synode und im Verlauf der
synodalen Arbeiten oft die soziale Sünde erwähnten.
Dieser Ausdruck und der zugrundeliegende Begriff haben ja verschiedene
Bedeutungen.
Von sozialer Sünde sprechen heißt vor allem anerkennen, daß
die Sünde eines jeden einzelnen kraft einer menschlichen Solidarität,
die so geheimnisvoll und verborgen und doch real und konkret ist, sich in
irgendeiner Weise auf die anderen auswirkt. Das ist die Kehrseite jener
Solidarität, die sich auf religiöser Ebene im tiefen und wunderbaren
Geheimnis der Gemeinschaft der Heiligen darstellt, derentwegen jemand
hat sagen können, daß »jede Seele, die sich selbst emporhebt,
die Welt emporhebt«.(72) Diesem Gesetz des Aufstiegs entspricht
leider das Gesetz des Abstiegs, so daß man auch von einer Gemeinschaft
der Sünde sprechen kann, durch die eine Seele, die sich durch die Sünde
erniedrigt, mit sich auch die Kirche erniedrigt und in gewisser Weise die ganze
Welt. Mit anderen Worten, es gibt keine Sünde, und sei sie auch noch so
intim und geheim und streng persönlich, die ausschließlich den
betrifft, der sie begeht. Jede Sünde wirkt sich mehr oder weniger heftig
und zum größeren oder kleineren Schaden aus auf die gesamte
kirchliche Gemeinschaft und auf die ganze menschliche Familie. Nach dieser
ersten Bedeutung kann man jeder Sünde unbestreitbar den Charakter einer
sozialen Sünde zuerkennen.
Einige Sünden aber stellen schon durch ihren Inhalt selbst einen
direkten Angriff auf den Nächsten dar oder, besser gesagt in der Sprache
des Evangeliums, auf den Bruder. Sie sind eine Beleidigung Gottes, weil sie den
Nächsten beleidigen. Solchen Sünden pflegt man die Bezeichnung sozial
zu geben; und so liegt hierin die zweite Bedeutung des Begriffs der sozialen Sünde.
Sozial in diesem Sinne ist die Sünde gegen die Nächstenliebe,
die im Gesetz Christi noch schwerer wiegt, weil es hierbei ja um das zweite
Gebot geht, das dem »ersten gleich ist«.(73) Sozial ist ebenso
jede Sünde gegen die Gerechtigkeit in den Beziehungen von Person zu Person,
von Person zu Gemeinschaft oder auch von Gemeinschaft zu Person. Sozial
ist jede Sünde gegen die Rechte der menschlichen Person, angefangen vom
Recht auf Leben, dabei nicht ausgenommen das Recht des Kindes im Mutterschoß,
oder gegen die leibliche Unversehrtheit der einzelnen; jede Sünde gegen die
Freiheit anderer, insbesondere gegen jene höchste Freiheit, an Gott zu
glauben und ihn zu verehren; jede Sünde gegen die Würde und Ehre des Nächsten.
Sozial ist jede Sünde gegen das Gemeinwohl und seine Forderungen im
weiten Bereich der Rechte und Pflichten der Bürger. Sozial kann die
Sünde einer Tat oder Unterlassung auf seiten der Verantwortlichen in
Politik, Wirtschaft und Verwaltung sein, die sich, obwohl sie es könnten,
nicht mit Klugheit um die Verbesserung oder Reform der Gesellschaft entsprechend
den Erfordernissen und Möglichkeiten der jeweiligen Zeit bemühen; wie
auch auf seiten der Arbeitnehmer, die nicht ihren Pflichten der Präsenz am
Arbeitsplatz und der Zusammenarbeit nachkommen, auf daß die Unternehmen
weiter zum Wohl der Arbeitnehmer selbst, ihrer Familien und der ganzen
Gesellschaft wirken können.
Die dritte Bedeutung von sozialer Sünde meint die Beziehungen
zwischen den verschiedenen Gemeinschaften der Menschen. Diese Beziehungen sind
nicht immer in Übereinstimmung mit dem Plan Gottes, der in der Welt
Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden zwischen den Individuen, den Gruppen und den
Völkern will. So ist der Klassenkampf ein soziales Übel, wer
immer auch dafür verantwortlich ist oder seine Gesetze diktiert. So ist die
Bildung fester Fronten zwischen Blöcken von Nationen und von einer Nation
gegen die andere und zwischen Gruppen innerhalb desselben Volkes ebenfalls ein
soziales Übel. In beiden Fällen kann man sich fragen, ob
jemandem die moralische Verantwortung für solche Übel und somit die
entsprechende Sünde zugeschrieben werden kann. Nun ist zuzugeben, daß
Wirklichkeiten und Situationen, wie die angegebenen als soziale Tatbestände
durch ihre weite Verbreitung und ihr Anwachsen bis zu gigantischen Ausmaßen
fast immer anonym bleiben, weil ja ihre Ursachen vielschichtig und nicht immer
nachweisbar sind. Wenn hierbei von sozialer Sünde gesprochen wird,
hat dieser Ausdruck also offensichtlich eine analoge Bedeutung.
Auf jeden Fall darf das Sprechen von sozialen Sünden, und sei
es nur im analogen Sinne, niemanden dazu verführen, die Verantwortung der
einzelnen zu unterschätzen; es will vielmehr die Gewissen aller dazu
aufrufen, daß jeder seine eigene Verantwortung übernehme, um
ernsthaft und mutig jene unheilvollen Verhältnisse und unerträglichen
Situationen zu ändern.
Dies klar und unmißverständlich vorausgeschickt, muß
sogleich hinzufügt werden, daß jene Auffassung von sozialer Sünde
nicht berechtigt und annehmbar ist - auch wenn sie heute in bestimmten Bereichen
oft vorkommt(74) -, welche in unklarer Weise die soziale Sünde der
personalen Sünde entgegenstellt und dadurch mehr oder weniger
unbewußt dazu führt, die personale Sünde abzuschwächen
und fast zu beseitigen, um nur noch soziale Schuld und Verantwortung
zuzulassen. Nach dieser Auffassung, die ihre Herkunft von nichtchristlichen
Systemen und Ideologien leicht erkennen läßt - welche vielleicht
heute selbst von denen aufgegeben sind, die einst ihre offiziellen Verfechter
waren -, wäre praktisch jede Sünde sozial in dem Sinne, daß sie
nicht so sehr dem moralischen Gewissen einer Person angelastet werden könnte,
sondern nur einer vagen Wirklichkeit und einem namenlosen Kollektiv, welche die
konkrete Situation, das System, die Gesellschaft, die Strukturen, die
Institution sein können.
Wenn die Kirche von Situationen der Sünde spricht oder
bestimmte Verhältnisse und gewisse kollektive Verhaltensweisen von mehr
oder weniger breiten sozialen Gruppen oder sogar von ganzen Nationen und Blöcken
von Staaten als soziale Sünden anklagt, dann weiß sie und
betont es auch, daß solche Fälle von sozialer Sünde die Frucht,
die Anhäufung und die Zusammenballung vieler personaler Sünden
sind. Es handelt sich dabei um sehr persönliche Sünden dessen, der
Unrecht erzeugt, begünstigt oder ausnutzt; der, obgleich er etwas tun könnte,
um gewisse soziale Übel zu vermeiden, zu beseitigen oder wenigstens zu
begrenzen, es aus Trägheit oder Angst, aus komplizenhaftem Schweigen oder
geheimer Beteiligung oder aus Gleichgültigkeit doch unterläßt;
der Zuflucht sucht in der behaupteten Unmöglichkeit, die Welt zu verändern,
und der sich den Mühen und Opfern entziehen will, indem er vorgebliche Gründe
höherer Ordnung anführt. Die wirkliche Verantwortung liegt also bei
den Personen.
Eine Situation - ebenso wie eine Institution, eine Struktur, eine
Gesellschaft - ist an sich kein Subjekt moralischer Akte; deshalb kann sie in
sich selbst nicht moralisch gut oder schlecht sein. Hinter jeder Situation
von Sünde stehen immer sündige Menschen. Dies ist so sehr wahr, daß
selbst dann, wenn eine solche Situation in ihren strukturellen und
institutionellen Elementen kraft des Gesetzes oder - wie es leider häufiger
vorkommt - durch das Gesetz der Gewalt verändert werden kann, diese Änderung
sich in Wirklichkeit als unvollständig und von kurzer Dauer und schließlich
als nichtig und unwirksam - wenn nicht sogar als kontraproduktiv - erweist, wenn
sich nicht die Personen, die für eine solche Situation direkt oder indirekt
verantwortlich sind, selbst bekehren.
Todsünde - läßliche Sünde
17. Im Geheimnis der Sünde gibt es eine weitere Dimension, über
die der menschliche Geist immer wieder nachgedacht hat: Gemeint ist die Schwere
der Sünde. Es handelt sich um eine Frage, die sich notwendig stellt und auf
die das christliche Gewissen stets eine Antwort gegeben hat: Weshalb und
in welchem Maße ist Sünde als Beleidigung Gottes und in ihrer
Rückwirkung auf den Menschen schwerwiegend? Die Kirche hat hierzu eine
eigene Lehre, die sie in ihren wesentlichen Elementen bestätigt, wobei sie
jedoch weiß, daß es in konkreten Situationen nicht immer leicht ist,
klare Abgrenzungen vorzunehmen.
Schon das Alte Testament erklärte bei nicht wenigen Sünden - bei
jenen, die mit Überlegung begangen wurden,(75) bei den verschiedenen Formen
von Unzucht,(76) von falschem Gottesdienst(77) und der Anbetung falscher Götter(78)
-, daß der Schuldige »aus seinem Volk« entfernt werden müsse,
was auch die Verurteilung zum Tode bedeuten konnte.(79) Diesen Sünden
wurden andere gegenübergestellt, vor allem jene, die aus Unwissenheit
begangen worden waren: Sie wurden durch ein Opfer nachgelassen.(80)
Schon im Blick auf diese Texte spricht die Kirche seit Jahrhunderten von
Todsünde und von läßlicher Sünde. Diese
Unterscheidung und die dabei verwandten Begriffe erhalten jedoch im Neuen
Testament ein besonderes Licht; denn hier finden sich viele Texte, die mit kräftigen
Ausdrücken die Sünden aufzählen und mißbilligen, die in
besonderer Weise verurteilenswert sind,(81) und zwar über den von Jesus
selbst bestätigten Dekalog hinaus.(82) Ich will mich hier insbesondere auf
zwei wichtige und eindrucksvolle Abschnitte beziehen.
In einem Text seines ersten Briefes spricht Johannes von
einer Sünde, die zum Tod führt (pròs thánaton),
im Unterschied zu einer Sünde, die nicht zum Tod führt (mä pròs
thánaton).(83) Offensichtlich ist der Tod hier geistlich gemeint: Es
handelt sich um den Verlust des wahren Lebens oder des »ewigen Lebens«,
das für Johannes die Erkenntnis des Vaters und des Sohnes ist,(84) die
Gemeinschaft und innige Einheit mit ihnen. Die Sünde, die zum Tode führt,
scheint in diesem Abschnitt die Verleugnung des Sohnes(85) oder die Anbetung
falscher Gottheiten(86) zu sein. Jedenfalls will Johannes mit dieser
begrifflichen Unterscheidung anscheinend die unendliche Schwere der Sünde,
der Zurückweisung Gottes, hervorheben, die sich vor allem im Abfall von
Gott und im Götzendienst
zeigt, das heißt in der Zurückweisung des Glaubens an die
geoffenbarte Wahrheit und in der Gleichsetzung Gottes mit gewissen geschaffenen
Wirklichkeiten, die man dabei zu Idolen oder falschen Göttern macht.(87)
Der Apostel möchte an jener Stelle aber auch die Zuversicht hervorheben,
die der Christ durch seine »Wiedergeburt aus Gott« und durch »das
Kommen des Sohnes« gewinnt: In ihm ist eine Kraft, die ihn vor dem Fall in
die Sünde bewahrt; Gott schützt ihn, »der Böse berührt
ihn nicht«. Wenn er aus Schwäche oder Unwissenheit sündigt, trägt
er doch in sich die Hoffnung auf Vergebung, auch wegen der Hilfe, die ihm durch
das gemeinsame Gebet der Brüder zuteil wird.
An einer anderen Stelle des Neuen Testamentes, im Matthäusevangelium,(88)
spricht Jesus selbst von einer »Lästerung gegen den Heiligen Geist«,
die »nicht vergeben wird«, weil sie in ihren verschiedenen Formen eine
hartnäckige Weigerung darstellt, sich zur Liebe des barmherzigen Vaters zu
bekehren.
Das sind gewiß extreme und radikale Formen: die Zurückweisung
Gottes, die Verweigerung seiner Gnade und somit der Widerstand gegenüber
der Quelle unseres Heiles selbst,(89) wodurch sich der Mensch den Weg zur
Vergebung willentlich zu versperren scheint. Es ist zu hoffen, daß nur
ganz wenige Menschen bis zu ihrem Ende in dieser Haltung der Rebellion oder
geradezu der Herausforderung gegen Gott verharren wollen, der seinerseits - wie
uns Johannes ebenfalls lehrt (90) - in seiner barmherzigen Liebe größer
ist als unser Herz und alle unsere psychologischen und geistigen Widerstände
überwinden kann, so daß man - wie Thomas von Aquin schreibt - »am
Heil keines Menschen in diesem Leben zu verzweifeln braucht, wenn man die
Allmacht und die Barmherzigkeit Gottes betrachtet«.(91)
Aber angesichts der Frage des Zusammenstoßes eines rebellischen
Willens mit dem unendlich gerechten Gott kann man nur heilsame Gefühle von »Furcht
und Schrecken« empfinden, wie der hl. Paulus empfiehlt,(92) während
die Mahnung Jesu über die Sünde, die nicht vergeben werden kann, die
Existenz von Schuld bestätigt, die für den Sünder den »ewigen
Tod« als Strafe nach sich ziehen kann.
Im Licht dieser und weiterer Texte der Heiligen Schrift haben die
Kirchenlehrer und Theologen, die geistlichen Meister und Hirten die Sünden
in Todsünden und läßliche Sünden
unterschieden. Mit anderen spricht der hl. Augustinus von tödlichen
oder todbringenden Vergehen, die er den läßlichen,
leichten oder täglichen gegenüberstellt.(93) Die
Bedeutung, die er diesen Worten gibt, wird später in die offizielle Lehre
der Kirche einfließen. Nach Augustinus wird es Thomas von Aquin sein, der
in möglichst klaren Begriffen die Lehre formuliert hat, die sich dann in
der Kirche beständig erhalten hat.
Bei der Bestimmung und Unterscheidung von Todsünde und läßlicher
Sünde mußten der hl. Thomas und die Theologie der Sünde, die
sich auf ihn beruft, den biblischen Bezug und somit auch den Gedanken eines
geistlichen Todes einbeziehen. Nach dem Doctor Angelicus muß der Mensch,
um geistlich zu leben, in Gemeinschaft mit dem höchsten Lebensprinzip
bleiben, das Gott ist, insofern dieser das letzte Ziel all seines Seins und
Handelns ist. Die Sünde nun ist ein Vergehen, das der Mensch gegen dieses
Lebensprinzip begeht. Wenn »die Seele durch die Sünde eine Unordnung
schafft, die bis zum Bruch mit dem letzten Ziel - Gott - geht, an das er durch
die Liebe gebunden ist, dann ist dies eine Todsünde; wann immer jedoch die
Unordnung unterhalb der Trennung von Gott bleibt, ist es eine läßliche
Sünde«.(94) Daher entzieht die läßliche Sünde nicht
die heiligmachende Gnade, die Freundschaft mit Gott, die Liebe und so auch nicht
die ewige Seligkeit, während ein solcher Entzug gerade die Folge der Todsünde
ist.
Wenn man die Sünde unter dem Aspekt der Strafe sieht, die sie
mit sich bringt, so nennt der hl. Thomas zusammen mit anderen Glaubenslehrern
diejenige Sünde tödlich, die eine ewige Strafe nach sich
zieht, wenn sie nicht zuvor vergeben wird; läßlich nennt er
die Sünde, die eine einfache zeitliche Strafe verdient, das heißt
eine begrenzte Strafe, die auf Erden oder im Fegfeuer abgebüßt
werden kann.
Wenn man den Gegenstand der Sünde betrachtet, so verbindet sich
der Gedanke des Todes, des radikalen Bruches mit Gott, dem höchsten Gut,
der Abkehr vom Weg, der zu Gott führt, oder der Unterbrechung des Weges zu
ihm (lauter Weisen, um die Todsünde zu bestimmen) mit dem Gedanken der
Schwere des objektiven Inhaltes: Deshalb wird in Lehre und Pastoral der Kirche
die schwere Sünde praktisch mit der Todsünde
gleichgesetzt.
Hier berühren wir den Kern der traditionellen Lehre der Kirche, wie er
oft im Verlauf der letzten Synode deutlich betont worden ist. Diese hat nämlich
nicht nur die vom Tridentinischen Konzil über Existenz und Natur von Todsünde
und läßlicher Sünde verkündete Lehre(95) bekräftigt,
sondern hat auch daran erinnern wollen, daß jene Sünde eine Todsünde
ist, die eine schwerwiegende Materie zum Gegenstand hat und die dazu mit vollem
Bewußtsein und bedachter Zustimmung begangen wird. Man muß hinzufügen
- wie es auch auf der Synode geschehen ist -, daß einige Sünden, was
ihre Materie betrifft, von innen her schwer und todbringend sind. Das
heißt, es gibt Handlungen, die durch sich selbst und in sich, unabhängig
von den Umständen, immer schwerwiegend unerlaubt sind wegen ihres
objektiven Inhaltes. Wenn solche Handlungen mit hinreichender Bewußtheit
und Freiheit begangen werden, stellen sie immer eine schwere Schuld dar.(96)
Diese Lehre, die auf dem Dekalog und der Predigt des Alten Testamentes gründet,
von der Verkündigung der Apostel aufgenommen wurde und zur ältesten
Lehre der Kirche gehört, die sie bis heute wiederholt, entspricht genau der
menschlichen Erfahrung aller Zeiten. Aus Erfahrung weiß der Mensch gut, daß
er auf dem Weg des Glaubens und der Gerechtigkeit, der ihn zur Erkenntnis und
zur Liebe Gottes in diesem Leben und zur vollkommenen Gemeinschaft mit ihm in
der Ewigkeit führt, stehenbleiben oder sich ablenken kann, ohne freilich
den Weg zu Gott zu verlassen: In diesem Falle handelt es sich um läßliche
Sünde, die jedoch nicht abgeschwächt werden darf, als ob sie ohne
weiteres etwas Unwesentliches, eine Sünde von geringem Gewicht sei.
Der Mensch weiß allerdings auch durch schmerzliche Erfahrung, daß
er mit einem bewußten und freien Akt seines Willens auf dem Weg umkehren
und in entgegengesetzter Richtung zum Willen Gottes gehen kann und sich so von
ihm entfernt (aversio a Deo - Abkehr von Gott), wobei er die
Gemeinschaft mit ihm verweigert, sich von seinem Lebensprinzip, das Gott ist,
trennt und so den Tod wählt.
Mit der ganzen Tradition der Kirche nennen wir denjenigen Akt eine Todsünde,
durch den ein Mensch bewußt und frei Gott und sein Gesetz sowie den Bund
der Liebe, den dieser ihm anbietet, zurückweist, indem er es vorzieht, sich
selbst zuzuwenden oder irgendeiner geschaffenen und endlichen Wirklichkeit,
irgendeiner Sache, die im Widerspruch zum göttlichen Willen steht (conversio
ad creaturam - Hinwendung zum Geschaffenen). Dies kann auf direkte und
formale Weise geschehen, wie bei den Sünden der Götzenverehrung, des
Abfalles von Gott und der Gottlosigkeit, oder auf gleichwertige Weise, wie in
jedem Ungehorsam gegenüber den Geboten Gottes bei schwerwiegender Materie.
Der Mensch spürt, daß dieser Ungehorsam Gott gegenüber die
Verbindung mit seinem Lebensprinzip abschneidet: Es ist eine Todsünde,
das heißt ein Akt, der Gott schwer beleidigt und sich schließlich
gegen den Menschen selbst richtet mit einer dunklen und mächtigen Gewalt
der Zerstörung.
Während der Synodenversammlung wurde von einigen Vätern eine
dreifache Unterscheidung der Sünden vorgeschlagen, die in läßliche,
schwere und todbringende Sünden einzuteilen wären.
Eine solche Dreiteilung könnte deutlich machen, daß es bei den
schweren Sünden Unterschiede gibt. Dabei bleibt es jedoch wahr, daß
der wesentliche und entscheidende Unterschied zwischen jener Sünde besteht,
die die Liebe zerstört, und der Sünde, die das übernatürliche
Leben nicht tötet: Zwischen Leben und Tod gibt es keinen mittleren Weg.
Gleichfalls muß man vermeiden, die Todsünde zu beschränken
auf den Akt einer Grundentscheidung gegen Gott (»optio fundamentalis«),
wie man heute zu sagen pflegt, unter der man dann eine ausdrückliche und
formale Beleidigung Gottes oder des Nächsten versteht. Es handelt sich nämlich
auch um Todsünde, wenn sich der Mensch bewußt und frei aus
irgendeinem Grunde für etwas entscheidet, was in schwerwiegender Weise der
Ordnung widerspricht. Tatsächlich ist ja in einer solchen Entscheidung
bereits eine Mißachtung des göttlichen Gebotes enthalten, eine Zurückweisung
der Liebe Gottes zur Menschheit und zur ganzen Schöpfung: Der Mensch
entfernt sich so von Gott und verliert die Liebe. Die Grundentscheidung kann
also durch einzelne Akte völlig umgeworfen werden. Zweifellos kann es unter
psychologischem Aspekt viele komplexe und dunkle Situationen geben, die für
die subjektive Schuld des Sünders Bedeutung haben. Aus der Betrachtung des
psychologischen Bereichs kann man jedoch nicht zur Aufstellung einer
theologischen Kategorie übergehen, wie es gerade die »optio
fundamentalis« ist, wenn sie so verstanden wird, daß sie auf der
objektiven Ebene die traditionelle Auffassung von Todsünde ändert oder
in Zweifel zieht.
Wenn auch jeder ehrliche und kluge Versuch, das psychologische und
theologische Geheimnis der Sünde zu klären, anerkannt werden muß,
so hat die Kirche doch die Pflicht, alle Erforscher dieser Materie einerseits an
die Notwendigkeit zu erinnern, dem Wort Gottes treu zu bleiben, das uns auch über
die Sünde belehrt, und andererseits auf die Gefahr hinzuweisen, daß
man dazu beiträgt, in der heutigen Welt den Sinn für die Sünde
noch mehr abzuschwächen.
Verlust des Sündenbewußtseins
18. Durch die Heilige Schrift, wie sie in der Gemeinschaft der Kirche
gelesen wird, hat sich das christliche Gewissen die Generationen hindurch ein
feines Gespür und eine wache Aufmerksamkeit für die Fermente des
Todes erworben, die in der Sünde enthalten sind; ein Gespür und
eine Aufmerksamkeit, um solche Fermente auch in den tausenderlei Formen
auszumachen, die die Sünde annimmt, in den Tausenden von Gesichtern, mit
denen sie sich zeigt. Das ist es, was man Sündenbewußtsein zu
nennen pflegt.
Dieses Bewußtsein hat seine Wurzel im Gewissen des Menschen und ist
gleichsam dessen Barometer. Es ist an das Bewußtsein für Gott
gebunden, da es sich von der bewußten Beziehung herleitet, die der Mensch
zu Gott, seinem Schöpfer, Herrn und Vater, hat. Wie man also das Bewußtsein
für Gott nicht vollständig zum Verschwinden bringen noch das Gewissen
auslöschen kann, so kann man auch niemals vollständig das Sündenbewußtsein
beseitigen.
Und doch geschieht es nicht selten im Lauf der Geschichte über mehr
oder weniger lange Zeiten hin und unter dem Einfluß vielfältiger
Faktoren, daß sich das moralische Bewußtsein in vielen Menschen
stark verdunkelt. »Haben wir eine richtige Vorstellung vom Gewissen?«,
so habe ich mich vor zwei Jahren an die Gläubigen gewandt. - »Lebt der
moderne Mensch nicht unter der Bedrohung einer Verdunkelung seines Gewissens?
Einer Verformung des Gewissens? Einer Trübung oder Betäubung des
Gewissens?«.(97)
Allzu viele Anzeichen deuten darauf hin, daß es in unserer Zeit tatsächlich
eine solche Verdunkelung gibt, die um so beunruhigender ist, als dieses
Gewissen, vom Konzil definiert als »die verborgenste Mitte und das
Heiligtum im Menschen«,(98) »eng an die Freiheit des Menschen
gebunden ist... Deshalb ist das Gewissen die erste Grundlage der inneren Würde
des Menschen und zugleich seiner Beziehung zu Gott«.(99) Deshalb ist es
unvermeidlich, daß in dieser Situation auch das Sündenbewußtsein
verdunkelt wird, welches eng mit dem moralischen Bewußtsein, mit der Suche
nach der Wahrheit, mit dem Willen, die Freiheit verantwortlich zu gebrauchen,
verbunden ist. Mit dem Gewissen wird auch das Gottesbewußtsein
verdunkelt, und mit dem Verlust dieses entscheidenden inneren Bezugspunktes
verliert man dann auch das Sündenbewußtsein. Deshalb konnte mein Vorgänger
Pius XII. einmal mit einem emphatischen Wort, das nahezu sprichwörtlich
geworden ist, erklären, daß »die Sünde des Jahrhunderts der
Verlust des Bewußtseins von Sünde ist«.(100)
Warum gibt es dieses Phänomen in unserer Zeit? Ein Blick auf einige
Elemente heutiger Kultur kann uns helfen, das fortschreitende Schwinden und
sogar Erlöschen des Sündenbewußtseins zu verstehen, und das
gerade wegen der Krise des Gewissens und des Gottesbewußtseins, wie oben
betont worden ist.
Der »Säkularismus«, der seiner Natur und Definition nach eine
Bewegung von Ideen und Haltungen ist, die für einen Humanismus völlig
ohne Gott kämpft, der sich ganz konzentriert auf den Kult des Machens und
des Produzierens, der überwältigt ist vom Rausch des Konsums und des
Genusses, ohne Sorge um die Gefahr, die eigene Seele zu verlieren, muß
notwendigerweise das Sündenbewußtsein untergraben. Bestenfalls wird
sich dabei das Sündenbewußtsein auf das reduzieren, was den Menschen
beleidigt. Aber gerade hier drängt sich die bittere Erfahrung auf, an die
ich in meiner ersten Enzyklika erinnert habe, daß nämlich der Mensch
eine Welt ohne Gott bauen kann, diese Welt sich aber schließlich gegen den
Menschen selbst richten wird.(101) Gott ist jedoch tatsächlich der Ursprung
und das höchste Ziel des Menschen, und dieser trägt in sich einen göttlichen
Keim.(102) Deshalb ist es das Geheimnis Gottes, das das Geheimnis des Menschen
enthüllt und beleuchtet. Es ist also vergeblich, zu hoffen, daß ein Sündenbewußtsein
gegenüber den Menschen und den menschlichen Werten Bestand haben könnte,
wenn der Sinn für die gegen Gott begangene Beleidigung, das heißt das
wahre Sündenbewußtsein, fehlt.
Dieses Sündenbewußtsein schwindet in der heutigen Gesellschaft
auch aufgrund der Mißverständnisse, zu denen man kommt, wenn man
gewisse Ergebnisse der Humanwissenschaften übernimmt. Gestützt auf
bestimmte Aussagen der Psychologie, führt die Sorge, von Schuld zu sprechen
oder die Freiheit nicht zu beschränken, zum Beispiel dazu, überhaupt
kein Vergehen mehr anzuerkennen. Durch eine ungebührliche Ausweitung
soziologischer Kriterien kommt man schließlich dazu - wie ich bereits
angedeutet habe -, alle Schuld auf die Gesellschaft abzuwälzen, während
der einzelne als unschuldig erklärt wird. Indem gewisse Lehren zur
menschlichen Kultur die gewiß unleugbaren Bedingungen und Einflüsse
von Umwelt und Geschichte, die auf den Menschen einwirken, erweitern, schränken
auch sie die Verantwortung des Menschen so stark ein, daß sie ihm nicht
mehr die Fähigkeit zuerkennen, wahre menschliche Akte zu setzen und somit
auch zu sündigen.
Das Sündenbewußtsein schwindet auch leicht infolge einer Ethik,
die sich aus einem gewissen Geschichtsrelativismus herleitet. Das geschieht auch
durch eine Ethik, die die moralische Norm relativiert und ihren absoluten,
unbedingten Wert leugnet und folglich bestreitet, daß es Akte geben könne,
die in sich unerlaubt sind, unabhängig von den Umständen, unter denen
der Handelnde sie setzt. Es handelt sich dabei um einen wahren »Umsturz und
Verfall der moralischen Werte«; »das Problem ist dann nicht so sehr
die Unkenntnis der christlichen Ethik«, sondern »vielmehr des Sinnes,
der Grundlagen und der Kriterien einer moralischen Haltung«.(103) Die
Wirkung eines solchen Umsturzes der Ethik ist stets eine derartige Schwächung
des Sündenbegriffes, daß man bei der Behauptung endet, die Sünde
sei wohl vorhanden, aber man wisse nicht, wer sie begehe.
Schließlich schwindet das Sündenbewußtsein, wenn es - wie
es in der Unterweisung der Jugend, in den Massenmedien, ja selbst in der
Erziehung zu Hause geschehen kann - fälschlicherweise mit einem krankhaften
Schuldgefühl gleichgesetzt oder mit einer bloßen Übertretung von
gesetzlichen Normen und Vorschriften verbunden wird.
Der Verlust des Sündenbewußtseins ist also eine Form oder eine
Frucht der Verneinung Gottes nicht nur in ihrer atheistischen, sondern
auch in ihrer säkularistischen Spielart. Wenn Sünde ein Abbruch der
Kindesbeziehung zu Gott ist, um die eigene Existenz aus dem Gehorsam ihm gegenüber
herauszunehmen, dann ist Sündigen nicht nur eine Verneinung Gottes: Sündigen
ist auch, so zu leben, als ob er nicht existiere; Sündigen ist, ihn aus dem
eigenen Alltag zu beseitigen. Ein verstümmeltes oder in manchem Sinne
unausgewogenes Gesellschaftsmodell, wie es häufig von den Massenmedien
vertreten wird, fördert nicht wenig den fortschreitenden Verlust des Sündenbewußtseins.
In einer solchen Situation ist die Verdunkelung oder Schwächung des Sündenbewußtseins
das Ergebnis einer Ablehnung jeden Bezuges zur Transzendenz im Namen des
Verlangens nach personaler Autonomie; oder auch der Unterwerfung unter ethische
Modelle, welche der allgemeine Konsens und das generelle Verhalten aufdrängen,
auch wenn das Gewissen des einzelnen sie verurteilt; oder auch das Ergebnis der
dramatischen sozio-ökonomischen Verhältnisse, die einen so großen
Teil der Menschheit unterdrücken und dadurch die Tendenz erzeugen, Irrtum
und Schuld nur im Bereich der Gesellschaft zu sehen; schließlich und vor
allem auch das Ergebnis der Verdunkelung der Vaterschaft Gottes und seiner
Herrschaft über das Leben des Menschen.
Selbst im Bereich des kirchlichen Denkens und Lebens begünstigen einige
Tendenzen unvermeidlich den Niedergang des Sündenbewußtseins. Einige
zum Beispiel neigen dazu, übertriebene Einstellungen der Vergangenheit
durch neue Übertreibungen zu ersetzen: Nachdem die Sünde überall
gesehen wurde, gelangt man dazu, sie nirgendwo mehr zu sehen; von einer Überbetonung
der Furcht vor den ewigen Strafen kommt man zu einer Verkündigung der Liebe
Gottes, die jede für Sünde verdiente Strafe ausschließt; von der
Strenge im Bemühen, irrige Gewissen zu bessern, gelangt man zu einer
scheinbaren Achtung des Gewissens, derentwegen man sogar die Pflicht, die
Wahrheit auszusprechen, unterdrückt. Warum sollte man nicht hinzufügen,
daß die Verwirrung, die in den Gewissen vieler Gläubigen
durch unterschiedliche Meinungen und Lehren in Theologie, Verkündigung,
Katechese und geistlicher Führung zu schwerwiegenden und heiklen Fragen
der christlichen Moral geschaffen worden ist, auch dazu führt, das
echte Sündenbewußtsein zu mindern und nahezu auszulöschen? Es
sollen auch nicht einige Mängel in der Praxis des Bußsakramentes
verschwiegen werden: so zum Beispiel die Tendenz, die kirchliche Dimension von Sünde
und Bekehrung zu verdunkeln, indem man sie zu rein individuellen Angelegenheiten
macht, oder umgekehrt die Tendenz, die personale Tragweite von Gut und Böse
aufzuheben, indem man ausschließlich ihre gemeinschaftliche Dimension
beachtet; solcherart ist auch die nie ganz gebannte Gefahr eines gewohnheitsmäßigen
Ritualismus, der dem Bußsakrament seine volle Bedeutung und seine formende
Kraft nimmt.
Das echte Sündenbewußtsein wieder neu zu formen, das ist die
erste Weise, um die schwere geistige Krise, die den Menschen unserer Zeit bedrückt,
anzugehen. Das Sündenbewußtsein stellt man aber nur durch eine klare
Berufung auf unaufgebbare Prinzipien der Vernunft und des Glaubens wieder
her, wie die Morallehre der Kirche sie immer vertreten hat.
Es besteht die berechtigte Hoffnung, daß vor allem im christlichen und
kirchlichen Bereich ein gesundes Sündenbewußtsein wieder aufbricht.
Dem dienen eine gute Katechese, erhellt durch die biblische Theologie des
Bundes, ein aufmerksames Hören auf das Lehramt der Kirche, das unaufhörlich
den Gewissen Licht bietet, und eine vertrauensvolle Annahme ihres Wortes sowie
eine immer sorgfältigere Praxis des Bußsakramentes.
ZWEITES KAPITEL GEHEIMNIS DES GLAUBENS
19. Um die Sünde zu erkennen, mußten wir unseren Blick auf ihre
Natur richten, wie sie uns die Offenbarung der Heilsökonomie hat erkennen
lassen: sie ist Geheimnis des Bösen. In dieser Ökonomie ist
die Sünde aber nicht der Haupthandelnde und noch weniger der Sieger. Sie
hat einen Gegenspieler in einem anderen Wirkprinzip, das wir - um einen schönen
und suggestiven Ausdruck des hl. Paulus zu benutzen - das Geheimnis oder
Sakrament des Glaubens nennen können. Die Sünde des Menschen wäre
siegreich und am Ende zerstörerisch, der Heilsplan Gottes würde
unvollkommen bleiben und sogar vereitelt werden, wenn dieses Geheimnis des
Glaubens nicht seinen Platz in der Dynamik der Geschichte erhalten hätte,
um die Sünde des Menschen zu besiegen.
Wir finden diesen Ausdruck in einem der Pastoralbriefe des hl.
Paulus, im 1. Brief an Timotheus. Er tritt unerwartet auf, wie durch
eine plötzliche Eingebung. Der Apostel hat nämlich vorher lange
Abschnitte seiner Botschaft seinem Lieblingsjünger gewidmet, um ihm die
Bedeutung der Gemeindeordnung (die liturgische und die mit ihr verbundene
hierarchische) zu erklären; er hat also von der Aufgabe der Gemeindeleiter,
vor allem der Diakone, gesprochen, um schließlich das Verhalten von
Timotheus selber in »der Kirche des lebendigen Gottes, die die Säule
und das Fundament der Wahrheit ist«, zu behandeln. Da ruft er am Ende des
Abschnittes unvermittelt und doch wohlbedacht aus, was allem, das er geschrieben
hat, einen besonderen Sinn gibt: »Wahrhaftig, das Geheimnis unseres
Glaubens ist groß...«.(104)
Ohne den wörtlichen Sinn des Textes im geringsten zu verraten, können
wir diese großartige theologische Intuition des Apostels zu einer
umfassenderen Sicht von der Aufgabe ausweiten, die der von ihm verkündeten
Wahrheit in der Heilsökonomie zukommt. »Wahrhaftig«, wiederholen
wir mit dem Apostel, »das Geheimnis unseres Glaubens ist groß«,
weil es die Sünde besiegt.
Was aber ist nach paulinischer Auffassung dieser »Glaube«?
Er ist Christus selber
20. Es ist von tiefer Bedeutung, daß Paulus zur Beschreibung dieses »Geheimnisses
des Glaubens«, ohne eine grammatikalische Verbindung mit dem vorhergehenden
Text herzustellen,(105) drei Verse eines Christushymnus wörtlich
zitiert, der nach der Meinung von Fachleuten in den hellenistisch-christlichen
Gemeinden in Gebrauch war.
Mit den Worten jenes Hymnus, der reich an theologischem Inhalt und voll
edler Schönheit ist, bekannten die Gläubigen des ersten Jahrhunderts
ihren Glauben an das Geheimnis Christi:
- daß er sich in der Wirklichkeit des menschlichen Fleisches
geoffenbart hat und vom Heiligen Geist zum Gerechten bestellt worden ist, der
sich für die Ungerechten hingibt;
- daß er den Engeln erschienen ist, größer als sie, und den
Heiden als Vermittler des Heils verkündet worden ist;
- daß er in der Welt als Gesandter des Vaters geglaubt und vom Vater
selbst als der Herr in den Himmel aufgenommen worden ist.(106)
Das Geheimnis oder Sakrament des Glaubens ist deshalb das Geheimnis Christi
selber. Es ist in einer gedrängten Synthese das Geheimnis der Menschwerdung
und der Erlösung, des vollen Ostergeschehens Jesu, des Sohnes Gottes und
des Sohnes Marias: Geheimnis seines Leidens und Sterbens, seiner Auferstehung
und Verherrlichung. Was der hl. Paulus durch die Zitation dieser Sätze des
Hymnus hat unterstreichen wollen, ist dies, daß dieses Geheimnis das
verborgene Lebensprinzip ist, das die Kirche zum Hauswesen Gottes, zur Säule
und zum Fundament der Wahrheit macht. In der Linie der paulinischen Unterweisung
können wir sagen, daß dieses Geheimnis des unendlichen Erbarmens
Gottes uns gegenüber imstande ist, bis zu den verborgensten Wurzeln
unserer Bosheit vorzudringen, um die Seele zur Bekehrung zu bewegen, um sie zu
erlösen und zur Versöhnung zu führen.
Indem sich der hl. Johannes ohne Zweifel auf dieses Geheimnis bezog, konnte
auch er in der ihm charakteristischen Sprache, die von der des hl. Paulus
verschieden ist, schreiben: »Wer von Gott stammt, sündigt nicht,
sondern der von Gott Gezeugte bewahrt ihn, und der Böse tastet ihn nicht an«.(107)
In dieser Aussage des Johannes liegt ein Zeichen von Hoffnung, die auf den göttlichen
Verheißungen gründet: Der Christ hat die Zusicherung und die
notwendigen Kräfte erhalten, nicht zu sündigen. Es handelt sich hier
also nicht um eine durch eigene Tugend erworbene Sündenlosigkeit oder gar
um eine solche, die dem Menschen angeboren wäre, wie die Gnostiker meinten.
Sie ist ein Ergebnis des Handelns Gottes. Um nicht zu sündigen, verfügt
der Christ über die Kenntnis Gottes, erinnert der hl. Johannes an derselben
Stelle. Kurz vorher aber hatte er geschrieben: »Jeder, der von Gott stammt,
tut keine Sünde, weil Gottes Same in ihm bleibt«.(108) Wenn wir unter
diesem »Samen Gottes«, wie einige Kommentatoren vorschlagen, Jesus,
den Sohn Gottes, verstehen, können wir also sagen, daß der Christ, um
nicht zu sündigen - oder sich von der Sünde zu befreien - über
die innere Gegenwart von Christus selbst und vom Geheimnis Christi verfügt,
das Geheimnis des Glaubens ist.
Das Bemühen des Christen
21. Es gibt im Geheimnis des Glaubens aber noch eine andere Seite:
Das Erbarmen Gottes dem Christen gegenüber muß eine Antwort
in der Frömmigkeit des Christen Gott gegenüber finden. In
dieser zweiten Bedeutung besagt die »pietas« (eusébeia) das
Verhalten des Christen, der auf das väterliche Erbarmen Gottes mit
kindlicher Frömmigkeit antwortet.
Auch in diesem Sinn können wir mit dem hl. Paulus sagen, daß »das
Geheimnis unseres Glaubens groß ist«. Auch in diesem Sinn wendet sich
die Frömmigkeit als Kraft der Bekehrung und Versöhnung gegen
die Bosheit und die Sünde. Auch in diesem Fall sind die wesentlichen
Aspekte des Geheimnisses Christ in dem Sinn Gegenstand der Frömmigkeit,
daß der Christ das Geheimnis annimmt, es betrachtet und daraus die
notwendige geistige Kraft schöpft, um nach dem Evangelium zu leben. Auch
hier muß man sagen, daß, »wer von Gott stammt, keine Sünde
tut«; diese Aussage aber hat einen imperativen Sinn: Gestärkt vom
Geheimnis Christi wie von einer inneren Quelle geistiger Kraft ist der Christ
gewarnt zu sündigen, ja er erhält sogar das Gebot, nicht zu sündigen,
sondern sich würdig zu verhalten »im Hauswesen Gottes, das heißt
in der Kirche des lebendigen Gottes«,(109) da er ein »Kind Gottes«
ist.
Unterwegs zu einem versöhnten Leben
22. So öffnet das Wort der Schrift, indem es uns das Geheimnis des
Glaubens offenbart, den menschlichen Verstand für die Bekehrung und die
Versöhnung, verstanden nicht als abstrakte Größen, sondern als
konkrete christliche Werte, die es in unserem Alltag zu erwerben gilt.
Bedroht vom Verlust des Sündenbewußtseins und zuweilen versucht
von einer wenig christlichen Illusion von Sündenlosigkeit haben es auch die
Menschen von heute nötig, die Ermahnung des hl. Johannes als an jeden persönlich
gerichtet neu zu hören: »Wenn wir sagen, daß wir keine Sünde
haben, führen wir uns selbst in die Irre, und die Wahrheit ist nicht in uns«,(110)
ja sogar »die ganze Welt steht unter der Macht des Bösen«.(111)
Jeder ist also durch die Stimme der göttlichen Wahrheit eingeladen,
realistisch sein Gewissen zu erforschen und zu bekennen, daß er in Schuld
geboren ist, wie wir im Psalm Miserere beten.(112)
Dennoch können sich die Menschen von heute, die von Furcht und
Verzweiflung bedrängt sind, durch die göttliche Verheißung
aufgerichtet fühlen, die ihnen die Hoffnung auf die volle Versöhnung
schenkt.
Das Geheimnis des Glaubens von seiten Gottes ist jene Barmherzigkeit, an der
der Herr, unser Vater, - ich wiederhole es noch einmal - unendlich reich
ist.(113) Wie ich in meiner Enzyklika, die dem Thema der göttlichen
Barmherzigkeit gewidmet ist,(114) gesagt habe, ist dies eine Liebe, die stärker
ist als die Sünde, stärker als der Tod. Wenn wir erkennen, daß
die Liebe, die Gott zu uns hat, vor unserer Sünde nicht Halt macht, vor
unseren Beleidigungen nicht zurückweicht, sondern an Sorge und hochherziger
Zuwendung noch wächst; wenn wir uns bewußt werden, daß diese
Liebe sogar das Leiden und den Tod des menschgewordenen Wortes bewirkt hat, das
bereit war, uns um den Preis seines Blutes zu erlösen, dann rufen wir
voller Dankbarkeit aus: »Ja, der Herr ist reich an Erbarmen« und sagen
sogar: »Der Herr ist Barmherzigkeit«.
Das Geheimnis des Glaubens ist der offene Weg von der göttlichen
Barmherzigkeit zum versöhnten Leben.
DRITTER TEIL DIE PASTORAL DER BUSSE UND DER VERSÖHNUNG
Die Förderung von Buße und Versöhnung
23. Es ist die wesentliche Aufgabe der Kirche, den Menschen im Herzen zu
Umkehr und Buße zu führen und ihm das Geschenk der Versöhnung
anzubieten, wodurch sie das Erlösungswerk ihres göttlichen Stifters
fortsetzt. Dies ist eine Sendung, die sich nicht in einigen theoretischen
Aussagen und in der Verkündigung eines ethischen Ideals erschöpft,
welche von keinen wirksamen Kräften begleitet ist. Sie zielt vielmehr
darauf ab, sich für eine konkrete Praxis der Buße und der Versöhnung
in bestimmten Amtshandlungen auszudrücken.
Diesen amtlichen Dienst, der auf den oben dargelegten Glaubensprinzipien gründet
und von ihnen erleuchtet wird, der auf bestimmte Ziele ausgerichtet und durch
angemessene Mittel gestützt wird, können wir als eine Pastoral der
Buße und der Versöhnung bezeichnen. Ihr Ausgangspunkt ist die Überzeugung
der Kirche, daß der Mensch, an den sich jede Form der Pastoral, hauptsächlich
aber die Pastoral der Buße und der Versöhnung richtet, der von der Sünde
gezeichnete Mensch ist, dessen typisches Bild wir im König David finden.
Vom Propheten Nathan zurechtgewiesen, ist er bereit, sich mit den eigenen
ruchlosen Vergehen auseinanderzusetzen, und bekennt: »Ich habe gegen den
Herrn gesündigt«.(115) Er ruft aus: »Ich erkenne meine bösen
Taten, meine Sünde steht mir immer vor Augen«;(116) aber er bittet
auch: »Entsündige mich mit Ysop, dann werde ich rein; wasche mich,
dann bin ich weißer als Schnee«,(117) und er erhält die Antwort
der göttlichen Barmherzigkeit: »Der Herr hat dir deine Sünde
vergeben; du wirst nicht sterben«.(118)
Die Kirche findet also einen Menschen - eine ganze Welt des Menschen - vor,
der von der Sünde verwundet und von ihr in seinem innersten Sein getroffen
ist, der aber zugleich von einem unbändigen Wunsch nach Befreiung von der Sünde
erfüllt ist. Vor allem wenn er Christ ist, ist er sich auch dessen bewußt,
daß das Geheimnis der Barmherzigkeit, Christus, der Herr, schon in
ihm und in der Welt mit der Kraft der Erlösung am Werk ist.
Die versöhnende Funktion der Kirche muß somit jenen inneren
Zusammenhang beachten, der die Verzeihung und die Vergebung der Sünde jedes
Menschen eng mit der grundsätzlichen und vollen Versöhnung der
Menschheit verbindet, die mit der Erlösung geschehen ist. Dieser
Zusammenhang läßt uns verstehen, daß aufgrund der Tatsache, daß
die Sünde das aktive Prinzip der Entzweiung ist - Entzweiung zwischen dem
Menschen und dem Schöpfer, Entzweiung im Herzen und im Sein des Menschen,
Entzweiung zwischen den einzelnen Menschen und Gruppen, Entzweiung zwischen dem
Menschen und der von Gott geschaffenen Natur -, nur die Bekehrung von der Sünde
imstande ist, dort, wo eine solche Entzweiung eingetreten ist, eine tiefe und
dauerhafte Versöhnung zu bewirken.
Es ist nicht nötig zu wiederholen, was ich schon über die
Bedeutung des »Dienstes der Versöhnung«(119) und der
entsprechenden Pastoral gesagt habe, die diesen Dienst im Bewußtsein und
im Leben der Kirche konkretisiert. Die Kirche würde in einem ihrer
wesentlichen Aspekte und in einer unentbehrlichen Funktion versagen, wenn sie
nicht klar und entschlossen, gelegen oder ungelegen, die »Botschaft der
Versöhnung«(120) verkündete und der Welt das Geschenk der Versöhnung
nicht anbieten würde. Es ist sinnvoll, daran zu erinnern, daß sich
diese Bedeutung des kirchlichen Dienstes der Versöhnung über die
Grenzen der Kirche hinaus auf die ganze Welt erstreckt.
Von der Pastoral der Buße und der Versöhnung zu sprechen,
bedeutet also, auf die Gesamtheit der Aufgaben hinzuweisen, die der Kirche auf
allen Ebenen obliegen, um beides zu fördern. Noch konkreter, von dieser
Pastoral sprechen heißt, alle Handlungen in Erinnerung zu rufen, wodurch
die Kirche durch alle und jedes einzelne ihrer Glieder - Hirten und Gläubige
auf allen Ebenen und in allen Bereichen - und mit allen ihr zur Verfügung
stehenden Mitteln - Wort und Tat, Unterweisung und Gebet - die Menschen, einzeln
oder in Gruppen, zu wahrer Buße führt und sie so auf den Weg zur
vollen Versöhnung geleitet.
Die Bischöfe der Synode haben sich als Vertreter ihrer Mitbrüder
im Bischofsamt, der Hirten des ihnen anvertrauten Volkes, mit dieser Pastoral in
ihren mehr praktischen und konkreten Elementen befaßt. Mit Freude pflichte
ich ihnen bei und teile ihre Sorgen und Hoffnungen. Ich nehme die Frucht ihrer
Untersuchungen und Erfahrungen entgegen und ermutige sie in ihren Plänen
und Initiativen. Mögen sie in diesem Teil des Apostolischen Schreibens
jenen Beitrag wiederfinden, den sie selber für die Synode geleistet haben,
einen Beitrag, dessen Nutzen ich durch diese Seiten der ganzen Kirche zugänglich
machen möchte.
Deshalb möchte ich das Wesen der Pastoral der Buße und der
Versöhnung darlegen, indem ich mit der Synode die beiden folgenden
Punkte besonders behandle:
- Die von der Kirche benutzten Mittel und Wege, um Buße und Versöhnung
zu fördern.
- Das eigentliche Sakrament der Buße und Versöhnung.
ERSTES KAPITEL DIE FÖRDERUNG VON BUSSE UND VERSÖHNUNG: MITTEL
UND WEGE
24. Um Buße und Versöhnung zu fördern, hat die Kirche hauptsächlich
zwei Mittel zur Verfügung, die ihr von ihrem Stifter selber anvertraut
worden sind: die Katechese und die Sakramente. Ihre Anwendung, die von der
Kirche immer in vollem Einklang mit den Erfordernissen ihrer Heilssendung und
zugleich als den Erfordernissen und geistlichen Bedürfnissen der Menschen
aller Zeiten angemessen erachtet worden ist, kann in alten und neuen Formen
erfolgen. Unter diesen ist besonders an jene zu erinnern, die wir im Anschluß
an meinen Vorgänger Paul VI. die Methode des Dialoges nennen können.
Der Dialog
25. Der Dialog ist für die Kirche in gewissem Sinn ein Mittel und vor
allem eine Weise, um in der Welt von heute zu wirken.
Das II. Vatikanische Konzil hat nämlich verkündet, daß »die
Kirche kraft ihrer Sendung, die ganze Welt mit der Botschaft des Evangeliums zu
erleuchten und alle Menschen... in einem Geist zu vereinigen, zum Zeichen jener
Brüderlichkeit wird, die einen aufrichtigen Dialog ermöglicht und
gedeihen läßt«. Es fügt hinzu, daß sie imstande sein
muß, »ein immer fruchtbareres Gespräch zwischen allen in Gang zu
bringen, die das eine Volk Gottes bilden«,(121) und auch »mit der
menschlichen Gesellschaft... in ein Gespräch zu kommen«.(122)
Mein Vorgänger Paul VI. hat dem Dialog einen beträchtlichen Teil
seiner ersten Enzyklika Ecclesiam suam gewidmet, wo er ihn
bezeichnenderweise als Heilsdialog beschreibt und kennzeichnet.(123)
Die Kirche bedient sich in der Tat der Methode des Dialoges, um die Menschen
- jene, die sich durch Taufe und Glaubensbekenntnis als Glieder der christlichen
Gemeinschaft bekennen, und jene, die ihr fernstehen - besser zu Bekehrung und Buße,
auf den Weg einer tiefen Erneuerung ihres persönlichen Gewissens und ihres
Lebens sowie zum Licht des Geheimnisses der Erlösung und des Heiles zu führen,
das von Christus gewirkt und dem Dienst seiner Kirche anvertraut worden ist. Der
echte Dialog ist somit vor allem auf die Erneuerung eines jeden durch innere
Bekehrung und Buße gerichtet, wobei er jedoch die Gewissen besonders
achtet und mit Geduld und nur schrittweise vorgeht, was bei der Lage der
Menschen unserer Zeit unerläßlich ist.
Der pastorale Dialog für eine Versöhnung bleibt auch heute in
verschiedenen Bereichen und auf unterschiedlichen Ebenen eine grundlegende
Aufgabe der Kirche.
Sie fördert vor allem einen ökumenischen Dialog, das heißt
den Dialog zwischen den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, die sich auf den
Glauben an Christus, den Sohn Gottes und einzigen Erlöser, berufen, und
einen Dialog mit den anderen Gemeinschaften von Menschen, die Gott suchen und
Gemeinschaft mit ihm haben möchten.
Die Grundlage dieses Dialoges mit den anderen Kirchen und kirchlichen
Gemeinschaften und mit den anderen Religionen muß, als Bedingung für
seine Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit, ein aufrichtiges Bemühen um
einen ständigen und erneuerten Dialog im Innern der katholischen Kirche
selber sein. Die Kirche ist sich dessen bewußt, von Natur aus Sakrament
der »universalen Gemeinschaft der Liebe« zu sein;(124) aber sie ist
sich auch der Spannungen bewußt, die in ihrem Innern bestehen und die zu
Ursachen der Spaltung zu werden drohen.
Der ernste und entschlossene Aufruf, den schon mein Vorgänger im
Hinblick auf das Heilige Jahr 1975 an alle gerichtet hat,(125) gilt auch noch im
gegenwärtigen Augenblick. Um die Konflikte zu überwinden und zu
verhindern, daß die normalen Spannungen der Einheit der Kirche schaden, müssen
wir uns alle unter das Wort Gottes stellen. Indem wir die eigenen subjektiven
Ansichten aufgeben, haben wir die Wahrheit dort zu suchen, wo sie zu finden ist,
das heißt im Wort Gottes und in der authentischen Interpretation, die das
Lehramt der Kirche davon gibt. In diesem Licht sind das gegenseitige
Aufeinanderhören, die Achtung voreinander und die Vermeidung jedes
voreiligen Urteils, die Geduld und die Fähigkeit, die Unterordnung des
Glaubens, der eint, unter die Meinungen, Modeerscheinungen und ideologischen
Parteinahmen, die entzweien, zu vermeiden, alles Eigenschaften eines Dialoges,
der im Innern der Kirche mit Ausdauer, bereitwillig und aufrichtig geübt
werden muß. Es ist offenkundig, daß er nicht von solcher Art wäre
und nicht ein Faktor der Versöhnung werden könnte, wenn er nicht auf
das Lehramt achtet und es annimmt.
Indem sich die katholische Kirche auf diese Weise wirksam um die eigene
innere Einheit bemüht, kann sie - wie sie es schon seit geraumer Zeit tut -
an die anderen christlichen Kirchen, mit denen keine volle Einheit besteht, an
die anderen Religionen und sogar an jene, die Gott mit aufrichtigem Herzen
suchen, den Aufruf zur Versöhnung richten.
Im Licht des Konzils und des Lehramtes meiner Vorgänger, deren
kostbares Erbe ich übernommen habe und zu bewahren und zu verwirklichen
mich bemühe, kann ich feststellen, daß sich die katholische Kirche in
allen ihren Bereichen mit Redlichkeit um den ökumenischen Dialog bemüht,
und zwar ohne leichtfertigen Optimismus, aber auch ohne Mißtrauen, ohne Zögern
und Zaudern. Die Grundregeln, die sie in diesem Dialog zu befolgen sucht, sind
einerseits die Überzeugung, daß nur ein geistlicher Ökumenismus
- das heißt einer, der im gemeinsamen Gebet und in der gemeinsamen Verfügbarkeit
dem einen Herrn gegenüber gründet - es gestattet, aufrichtig und
ernsthaft auf die anderen Erfordernisse ökumenischen Handelns zu
antworten;(126) andererseits die Überzeugung, daß ein gewisser
leichtfertiger Irenismus im Bereich der Lehre, vor allem im Dogma, allenfalls zu
einer nicht dauerhaften Form oberflächlichen Zusammengehens führen könnte,
nicht aber zu jener tiefen und beständigen Gemeinschaft, die wir uns alle wünschen.
Zu dieser Gemeinschaft wird man in der von der göttlichen Vorsehung
bestimmten Stunde gelangen; damit dies aber gelingt, weiß die katholische
Kirche, daß sie selber offen und empfänglich sein muß für »die
wahrhaft christlichen Güter aus dem gemeinsamen Erbe..., die sich bei den
von uns getrennten Brüdern finden«.(127) Gleichzeitig aber bilden
Klarheit in der Gesprächsführung, Treue und Übereinstimmung mit
dem im Lauf der christlichen Tradition vom Lehramt überlieferten und
definierten Glauben die unerläßlichen Voraussetzungen für einen
ehrlichen und konstruktiven Dialog. Trotz der Gefahr eines gewissen Defätismus
und eines unvermeidlich langsamen Vorgehens, das niemals durch Unbesonnenheit
behoben werden kann, fährt die katholische Kirche fort, mit allen anderen
christlichen Brüdern die Wege zur Einheit und mit den Anhängern der
anderen Religionen einen aufrichtigen Dialog zu suchen. Möge dieser Dialog
mit den anderen Kirchen und Religionen zur Überwindung jeglicher Form von
Feindseligkeit, Mißtrauen, gegenseitigem Verurteilen und erst recht von
gegenseitigen Angriffen führen, Vorbedingung für eine Begegnung
wenigstens im Glauben an den einen Gott und in der Hoffnung auf ein ewiges Leben
für die unsterbliche Seele. Gebe Gott, daß der ökumenische
Dialog zu einer aufrichtigen Verständigung über all das führe,
was wir mit diesen Kirchen bereits gemeinsam haben können: der Glaube an
Jesus Christus, den menschgewordenen Sohn Gottes, unseren Erlöser und
Herrn, das Hören auf das Wort, das Studium der Offenbarung, das Sakrament
der Taufe.
In dem Maße, wie die Kirche fähig ist, in ihrem eigenen Innern
eine wirksame Eintracht - die Einheit in der Verschiedenheit - zu verwirklichen
und sich gegenüber den anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften und
den anderen Religionen als Zeugin und demütige Dienerin der Versöhnung
zu erweisen, wird sie selber nach einem prägnanten Ausdruck des hl.
Augustinus »versöhnte Welt«.(128) So wird sie Zeichen der
Versöhnung in der Welt und für die Welt sein können.
Im Bewußtsein der ungeheuer schwierigen Situation, die durch die Kräfte
der Entzweiung und des Krieges geschaffen worden ist und heute eine schwere
Bedrohung nicht nur für das Gleichgewicht und die Harmonie zwischen den
Nationen, sondern für das Überleben der Menschheit selbst darstellt, fühlt
die Kirche sich verpflichtet, ihre spezifische Mitarbeit für die Überwindung
der Konflikte und die Wiederherstellung der Eintracht anzubieten und zu
empfehlen.
Es ist ein komplexer und heikler Dialog der Versöhnung, um den sich die
Kirche vor allem durch das Wirken des Heiligen Stuhles und seiner
verschiedenen Organismen bemüht. Man kann sagen, daß der
Heilige Stuhl alle Kraft dafür verwendet, bei den Regierungen der Nationen
und den Verantwortlichen der verschiedenen internationalen Einrichtungen
vorstellig zu werden oder durch Gespräche mit ihnen und durch die Förderung
des Dialogs zwischen ihnen mit diesen zusammenzuwirken, um inmitten zahlreicher
Konflikte eine Aussöhnung herbeizuführen. Sie tut dies nicht sekundärer
Zwecke oder geheimer Interessen wegen - denn solche hat sie nicht -, sondern »aus
humanitärer Sorge«,(129) indem sie ihre einzigartige institutionelle
Struktur und moralische Autorität in den Dienst der Eintracht und des
Friedens stellt. Sie tut dies in der Überzeugung, daß wie »im
Krieg sich zwei Seiten gegeneinander erheben«, so auch »in der Frage
des Friedens es immer und notwendig zwei Seiten sind, die sich dafür
einsetzen müssen«, und daß darin »der wahre Sinn des
Dialoges für den Frieden liegt«.(130)
Im Dialog für die Versöhnung setzt sich die Kirche auch durch die
Bischöfe ein entsprechend der ihnen eigenen Zuständigkeit und
Verantwortung, sei es individuell in der Leitung ihrer jeweiligen Teilkirchen,
sei es vereint in ihren Bischofskonferenzen, unter der Mitarbeit der Priester
und aller Glieder der christlichen Gemeinschaften. Sie erfüllen ihre
Aufgaben dadurch, daß sie jenen unentbehrlichen Dialog fördern und
die menschlichen und christlichen Forderungen nach Versöhnung und Frieden
erheben. In Gemeinschaft mit ihren Hirten sind die Laien, die als »eigentliches
Feld ihrer evangelisierenden Tätigkeit die weite und schwierige Welt der
Politik, der sozialen Wirklichkeit, der Wirtschaft.... des internationalen
Lebens«(131) haben, aufgerufen, sich unmittelbar um den Dialog oder um die
Förderung des Dialogs für den Frieden zu bemühen. Auch durch sie
verwirklicht die Kirche ihren Einsatz für Versöhnung.
In der Erneuerung der Herzen durch Bekehrung und Buße liegt also die
grundlegende Voraussetzung und das sichere Fundament für jede dauerhafte
soziale Erneuerung und für den Frieden unter den Völkern.
Es bleibt noch zu betonen, daß der Dialog von seiten der Kirche und
ihrer Glieder, in welcher Form er auch immer geschieht - und es sind und können
sehr verschiedene sein, so daß der Begriff Dialog eine analoge Bedeutung
hat -, niemals von einer indifferenten Haltung gegenüber der Wahrheit
ausgehen darf, sondern diese vielmehr zur Darstellung bringen soll, und zwar in
einer ausgeglichenen Weise, die auch den Verstand und das Gewissen der anderen
achtet. Der Dialog zur Versöhnung kann niemals die Verkündigung der
Wahrheit des Evangeliums ersetzen oder abschwächen, die eindeutig die
Bekehrung von der Sünde und die Gemeinschaft mit Christus und der Kirche
zum Ziel hat, sondern muß ihrer Weitervermittlung und Verwirklichung durch
jene Mittel dienen, die Christus seiner Kirche für die Pastoral der Versöhnung
hinterlassen hat: die Katechese und die Buße.
Die Katechese
26. Im weiten Bereich, in dem die Kirche mit dem Mittel des Dialoges ihre
Sendung auszufüren sucht, wendet sich die Pastoral der Buße und
der Versöhnung an die Glieder der kirchlichen Gemeinschaft vor allem
mit einer entsprechenden Katechese über diese zwei verschiedenen
und sich ergänzenden Wirklichkeiten, denen die Väter der Synode eine
besondere Bedeutung beigemessen haben und die von ihnen in einigen Schlußvorlagen
besonders herausgestellt worden sind: eben die Buße und die Versöhnung.
Die Katechese ist also das erste Mittel, das eingesetzt werden muß.
An der Wurzel dieser sehr zeitgemäßen Empfehlung der Synode liegt
eine grundlegende Voraussetzung: Was pastoral ist, steht nicht im
Widerspruch zur Lehre, noch kann das pastorale Wirken vom Glaubensinhalt
absehen, von dem es vielmehr seine Substanz und wirkliche Kraft erhält.
Wenn die Kirche »Säule und Fundament der Wahrheit«(132) ist und
als Mutter und Lehrmeisterin in die Welt gesandt ist, wie könnte sie dann
die Aufgabe unterlassen, die Wahrheit zu lehren, die den Weg zum Leben
darstellt?
Von den Hirten der Kirche erwartet man zuallererst eine Katechese über
die Versöhnung. Diese muß sich unbedingt auf die Lehre der Bibel
gründen, besonders auf jene des Neuen Testamentes über die
Notwendigkeit, den Bund mit Gott in Christus, der erlöst und versöhnt,
wiederherzustellen, und - im Licht und als Ausweitung dieser neuen Gemeinschaft
und Freundschaft - über die Versöhnung mit dem Bruder, selbst wenn dafür
die Darbringung des Opfers unterbrochen werden müßte.(133) Jesus
betont nachdrücklich dieses Thema der brüderlichen Versöhnung:
zum Beispiel wenn er einlädt, dem, der uns schlägt, auch die andere
Wange hinzuhalten, und dem, der uns das Hemd raubt, auch den Mantel zu überlassen,(134)
oder wenn er das Gesetz der Vergebung einschärft: eine Vergebung, die jeder
in dem Maß empfängt, wie er selber vergibt,(135) eine Vergebung, die
auch den Feinden anzubieten ist,(136) eine Vergebung, die man siebzigmal
siebenmal gewähren muß,(137) das heißt praktisch ohne jede
Einschränkung. Unter diesen Bedingungen, die nur in echt evangelischem
Geist verwirklicht werden können, ist wahre Versöhnung unter den
einzelnen, zwischen Familien, Gemeinschaften, Völkern und Nationen möglich.
Von diesen biblischen Aussagen über die Versöhnung leitet sich natürlich
eine theologisch bestimmte Katechese ab, die in ihre Synthese auch die
Elemente der Psychologie, der Soziologie und der Humanwissenschaften einbeziehen
wird, weil sie dazu dienen können, die Situationen zu klären, die
Probleme richtig zu stellen, die Hörer oder die Leser zu überzeugen,
konkrete Entscheidungen zu treffen.
Von den Hirten der Kirche erwartet man ferner eine Katechese über
die Buße. Auch hierfür muß der Reichtum der biblischen
Botschaft die Quelle sein. Diese Botschaft unterstreicht in der Buße vor
allem deren Wert für die Bekehrung, ein Begriff, mit dem man das
griechische Wort metánoia zu übersetzen sucht,(138) das wörtlich
besagt, den Geist umzuwenden, um ihn auf Gott hinzuwenden. Dies
sind übrigens auch die beiden Grundelemente, die im Gleichnis vom
verlorenen und wiedergefundenen Sohn deutlich hervortreten: das »Insichgehen«
(139) und die Entscheidung, zum Vater zurückzukehren. Es kann ohne diese
ursprünglichen Verhaltensweisen der Bekehrung keine Versöhnung geben.
Die Katechese muß sie mit Begriffen und Worten erklären, die den
verschiedenen Altersstufen und den unterschiedlichen kulturellen, sittlichen und
sozialen Verhältnissen angepaßt sind.
Dies ist ein erster Wert der Buße, der sich in einem zweiten
fortsetzt: Buße bedeutet auch Reue. Diese beiden Bedeutungen von
metánoia zeigen sich in der bezeichnenden Weisung, die Jesus
gegeben hat: »Wenn dein Bruder... sich ändert (und zurückkehrt),
vergib ihm. Und wenn er sich siebenmal am Tag gegen dich versündigt und
siebenmal wieder zu dir kommt und sagt: Ich will mich ändern!, so sollst du
ihm vergeben«.(140) Eine gute Katechese wird aufzeigen, wie die Reue ebenso
wie die Bekehrung, weit davon entfernt, nur ein oberflächliches Gefühl
zu sein, eine wirkliche Umwandlung der Seele darstellt.
Ein dritter Wert ist in der Buße enthalten. Es ist die Bewegung, durch
die sich die vorhergehenden Haltungen der Bekehrung und Reue nach außen
zeigen: das Bußetun. Diese Bedeutung ist im Begriff metánoia
gut erkenntlich, wie er vom Vorläufer Jesu im Text der Synoptiker benutzt
wird.(141) Bußetun will vor allem besagen, das Gleichgewicht und
die Harmonie, die durch die Sünde zerstört worden sind,
wiederherzustellen und auch um den Preis von Opfern die Richtung zu ändern.
Eine möglichst umfassende und angemessene Katechese über die Buße
ist in einer Zeit wie der unsrigen unverzichtbar, in der die vorherrschenden
Haltungen im gesellschaftlichen Denken und Verhalten in so offenem Gegensatz zu
dem soeben erläuterten dreifachen Wert stehen: Dem heutigen Menschen
scheint es schwerer zu fallen als je zuvor, seine eigenen Fehler zuzugeben und
sich zu entscheiden, seine Schritte zu überprüfen, um den Weg nach
erfolgter Änderung der Richtung wieder aufzunehmen. Es widerstrebt ihm sehr
zu sagen »ich bereue« oder »es tut mir leid«; er scheint
instinktiv und oft unwiderstehlich alles abzulehnen, was Buße im Sinn
eines Opfers ist, das zur Korrektur der Sünde angenommen und getan wird.
Hierzu möchte ich betonen, daß die Bußdisziplin der Kirche,
auch wenn sie seit einiger Zeit erleichtert worden ist, nicht ohne großen
Schaden für das innere Leben der Christen und der kirchlichen Gemeinschaft
wie für ihre missionarische Ausstrahlungskraft aufgehoben werden könnte.
Nicht selten sind Nichtchristen über das geringe Zeugnis an wahrer Buße
von seiten der Jünger Christi überrascht. Selbstverständlich ist
christliche Buße nur dann echt, wenn sie von der Liebe und nicht von bloßer
Furcht eingegeben ist; wenn sie sich ernsthaft darum bemüht, den »alten
Menschen« zu kreuzigen, damit durch das Wirken Christi der »neue«
geboren werden kann; wenn sie als Vorbild Christus folgt, der, obwohl
unschuldig, den Weg der Armut, der Geduld, der Entsagung und, so kann man sagen,
der Buße gewählt hat.
Von den Hirten der Kirche erwartet man ferner - wie die Synode in Erinnerung
gebracht hat - eine Katechese über das Gewissen und seine Formung.
Auch das ist ein Thema von großer Aktualität, wenn man beachtet, wie
dieses innere Heiligtum, das heißt die Ich-Mitte des Menschen, sein
Gewissen, von den Stößen, denen die Kultur unserer Zeit ausgesetzt
ist, allzu oft bedrängt, auf die Probe gestellt, verwirrt und verdunkelt
wird. Für eine kluge Katechese über das Gewissen kann man wertvolle
Hinweise bei den Kirchenvätern, in der Theologie des II. Vatikanischen
Konzils, besonders in den zwei Dokumenten über die Kirche in der Welt von
heute(142) und über die Religionsfreiheit(143) finden. Ebenso hat auch
Papst Paul VI. oft dazu Stellung genommen, um an die Natur und die Rolle des
Gewissens in unserem Leben zu erinnern.(144) Ich selber unterlasse, indem ich
ihm darin folge, keine Gelegenheit, um diesen überaus wichtigen Teil der Größe
und Würde des Menschen deutlich herauszustellen,(145) diese »Art von
moralischem Sinn, der uns befähigt, zwischen gut und böse
zu unterscheiden... wie ein inneres Auge, eine Sehkraft des Geistes, die unsere
Schritte auf den Weg des Guten zu führen vermag«. Zugleich
unterstreiche ich die Notwendigkeit, das eigene Gewissen christlich zu formen,
damit es nicht zu »einer zerstörenden Macht des wahren Menschseins
(der Person) werde, sondern vielmehr zum heiligen Ort, wo Gott dieser ihr wahres
Gut offenbart«.(146)
Auch über andere für die Versöhnung nicht weniger wichtige
Punkte erwarten die Menschen die Katechese der Hirten der Kirche:
- Über das Sündenbewußtsein, das - wie ich schon
gesagt habe - in unserer Welt nicht wenig verkümmert ist.
- Über die Versuchung und die Versuchungen: Jesus
Christus selber, der Sohn Gottes, »der wie wir in allem versucht worden
ist, aber nicht gesündigt hat«,(147) wollte vom Bösen versucht
werden,(148) um zu zeigen, daß, wie er, auch seine Jünger der
Versuchung ausgesetzt sind und wie sie sich in der Versuchung zu verhalten
haben. Für den, der den Vater bittet, nicht über seine Kräfte
versucht zu werden(149) und der Versuchung nicht zu unterliegen,(150) für
den, der sich nicht den Gelegenheiten zur Sünde aussetzt, bedeutet die
Tatsache der Versuchung nicht, schon gesündigt zu haben, sondern wird für
ihn vielmehr zum Anlaß, in Treue und konsequenter Lebensführung durch
Demut und Wachsamkeit zu wachsen.
- Über das Fasten, das in alten und neuen Formen als Zeichen der
Bekehrung und Reue, der persönlichen Abtötung und zugleich der Einheit
mit Christus, dem Gekreuzigten, und der Solidarität mit den Hungernden und
Leidenden geübt werden kann.
- Über das Almosen, das ein Mittel ist, die Liebe konkret zu
leben, indem man das, was man besitzt, mit dem teilt, der unter den Folgen von
Armut leidet.
- Über den inneren Zusammenhang, der die Überwindung aller
Spaltungen in der Welt an die volle Gemeinschaft mit Gott und unter den Menschen
bindet, was das eschatologische Ziel der Kirche darstellt.
- Über die konkreten Umstände, in denen man die Versöhnung
verwirklichen soll (in der Familie, in der bürgerlichen Gesellschaft, in
den sozialen Strukturen) und besonders über die vier Versöhnungen,
die die vier grundlegenden Brüche heilen: Versöhnung des Menschen mit
Gott, mit sich selber, mit den Brüdern, mit der ganzen Schöpfung.
Auch kann die Kirche nicht ohne schwerwiegende Verstümmelung ihrer
wesentlichen Botschaft auf eine beständige Katechese darüber
verzichten, was der traditionelle christliche Sprachgebrauch als die vier Letzten
Dinge des Menschen bezeichnet: Tod, Gericht, Hölle und Paradies. In
einer Kultur, die den Menschen in sein mehr oder weniger gelungenes irdisches
Leben einzuschließen sucht, verlangt man von den Hirten der Kirche eine
Katechese, die mit der Gewißheit des Glaubens das Jenseits erschließt
und erhellt: Jenseits der geheimnisvollen Pforten des Todes zeichnet sich eine
Ewigkeit der Freude in der Gemeinschaft mit Gott oder der Strafe in der Ferne
von ihm ab. Nur in dieser eschatologischen Sicht kann man das richtige Maß
für die Sünde erhalten und sich entschieden zu Buße und Versöhnung
angetrieben fühlen.
Eifrigen und fähigen Hirten fehlen niemals die Gelegenheiten, um diese
umfassende und vielfältige Katechese zu erteilen, wobei sie der
Verschiedenheit der Kultur und der religiösen Bildung derer Rechnung
tragen, an die sie sich richten. Solche Gelegenheiten bieten oft die biblischen
Lesungen und die Riten der hl. Messe und der anderen Sakramente wie auch die Anlässe
selbst, zu denen diese gefeiert werden. Zum selben Zweck können auch viele
andere Anlässe benutzt werden wie: Predigten, Lesungen, Diskussionen,
Begegnungen, religiöse Fortbildungskurse usw., wie es an vielen Orten
geschieht. Ich möchte hier besonders die Bedeutung und Wirksamkeit
unterstreichen, die für die Katechese die alten Volksmissionen
haben. Wenn sie an die besonderen Erfordernisse unserer Zeit angepaßt
werden, können sie heute wie gestern ein geeignetes Mittel für die
Glaubenserziehung sein, auch was den Bereich der Buße und Versöhnung
betrifft.
Wegen der großen Bedeutung, die der Versöhnung, die auf der
Bekehrung gründet, im vielschichtigen Bereich der menschlichen Beziehungen
und des gesellschaftlichen Zusammenlebens auf allen Ebenen, einschließlich
der internationalen, zukommt, muß sich die Katechese auch des wertvollen
Beitrages der Soziallehre der Kirche bedienen. Die zeitgemäße
und klare Lehre meiner Vorgänger, angefangen von Papst Leo XIII., an die
sich die wichtigen Aussagen der Pastoralkonstitution Gaudium et spes des
II. Vatikanischen Konzils und jene der verschiedenen Episkopate anschließen,
mit denen diese auf die verschiedenen Verhältnisse in den jeweiligen Ländern
geantwortet haben, bildet ein umfangreiches und solides Lehrgefüge für
die vielfältigen Erfordernisse im Leben der menschlichen Gemeinschaft, in
den Beziehungen der einzelnen, der Familien und Gruppen in ihren verschiedenen
Bereichen und beim Aufbau einer Gesellschaft, die dem Sittengesetz, der
Grundlage der Zivilisation, entsprechen will.
Dieser sozialen Unterweisung der Kirche liegt natürlich jene Sicht
zugrunde, die sich aus dem Wort Gottes über die Rechte und Pflichten der
einzelnen, der Familien und der Gemeinschaft herleitet; ferner über den
Wert der Freiheit und die Dimensionen der Gerechtigkeit; über den Primat
der Liebe; über die Würde der menschlichen Person und die
Erfordernisse des Gemeinwohls, auf das Politik und Wirtschaft hingeordnet sein müssen.
Auf diesen Grundprinzipien der katholischen Soziallehre, die die universalen
Gebote der Vernunft und des Gewissens der Völker bekräftigen und
vorlegen, gründet in hohem Maße die Hoffnung auf eine friedliche Lösung
der vielen sozialen Konflikte und schließlich auf eine weltweite Aussöhnung.
Die Sakramente
27. Das zweite Mittel, das von Gott gestiftet und von der Kirche der
Pastoral der Buße und Versöhnung angeboten wird, sind die Sakramente.
In der geheimnisvollen Dynamik der Sakramente, die so reich an Symbolen und
Inhalten ist, kann man einen Aspekt erkennen, der nicht immer deutlich
hervorgehoben wird: Jedes von ihnen ist über die ihm eigene Gnade hinaus
auch Zeichen der Buße und Versöhnung. Deshalb ist es möglich, in
jedem von ihnen auch diese Dimensionen des Geistes zu leben.
Die Taufe ist gewiß ein heiligendes Bad, das, wie der hl. Petrus sagt,
»nicht dazu dient, den Körper von Schmutz zu reinigen, sondern eine
Bitte an Gott um ein gutes Gewissen ist«.(151) Sie ist Tod, Bestattung und
Auferstehung mit Christus, der gestorben, begraben worden und auferstanden
ist.(152) Es ist Geschenk des Heiligen Geistes durch Christus.(153) Diese
wesentliche und grundlegende Eigenschaft der christlichen Taufe hebt aber das in
ihr schon vorhandene Bußelement keineswegs auf, sondern bereichert es.
Jesus selbst hat von Johannes die Taufe empfangen, um »die Gerechtigkeit
ganz zu erfüllen«.(154) Sie ist nämlich ein Akt der Bekehrung und
der Eingliederung in die rechte Ordnung der Beziehungen zu Gott, der Versöhnung
mit Gott, wobei die Erbsünde getilgt und der Mensch in die große
Familie der Versöhnten aufgenommen wird.
Gleichermaßen bedeutet und verwirklicht die Firmung, auch als Bekräftigung
der Taufe und zusammen mit ihr als Initiationssakrament, indem sie die Fülle
des Heiligen Geistes mitteilt und das christliche Leben zum Vollalter führt,
eine tiefere Bekehrung des Herzens und eine innigere und wirksamere Zugehörigkeit
zur Gemeinschaft der Versöhnten, welche die Kirche Christi ist.
Die Definition, die der hl. Augustinus von der Eucharistie als Sakrament
des Glaubens, Zeichen der Einheit und Band der Liebe(155) gibt, stellt
deutlich die Wirkungen der persönlichen Heiligung (pietas) und der
gemeinschaftlichen Versöhnung (unitas und caritas) heraus,
die sich aus dem Wesen des eucharistischen Geheimnisses selbst als unblutige
Erneuerung des Kreuzesopfers und Quelle des Heiles und der Versöhnung für
alle herleiten. Es ist jedoch notwendig, daran zu erinnern, daß die
Kirche, geleitet vom Glauben an dieses erhabene Sakrament, lehrt, daß kein
Christ, der sich einer schweren Sünde bewußt ist, die Eucharistie
empfangen darf, bevor er von Gott Vergebung erlangt hat. So lesen wir in der
Instruktion Eucharisticum mysterium, die, von Papst Paul VI. ordnungsgemäß
approbiert, die Lehre des Tridentinischen Konzils voll bestätigt: »Die
Eucharistie soll den Gläubigen auch vorgestellt werden 'als Gegengift,
durch das wir von den täglichen Vergehen befreit und vor den schweren Sünden
bewahrt' werden; auch werde ihnen gezeigt, wie sie in angemessener Weise vom Bußritus
der Meßliturgie Gebrauch machen können. Wer kommunizieren will, soll
an das Gebot erinnert werden: Jeder soll sich selbst prüfen (1 Kor
11, 28). Die Praxis der Kirche zeigt, daß eine solche Prüfung
notwendig ist, damit niemand, der sich einer schweren Sünde bewußt
ist, zur Heiligen Kommunion hinzutrete, ohne daß er vorher das Bußsakrament
empfangen hat, selbst wenn er bereits die vollkommene Reue erweckt hätte.
Wenn jemand sich in einer Notlage befindet und keinen Beichtvater erreichen
kann, so muß er zuvor 'einen Akt vollkommener Reue erwecken'«.(156)
Das Weihesakrament ist dazu bestimmt, der Kirche die Hirten zu geben, die
als Lehrer und Vorsteher auch dazu berufen sind, Zeugen und Vermittler der
Einheit, Erbauer der Familie Gottes, Verteidiger und Beschützer der
Gemeinschaft dieser Familie gegen die Einwirkungen von Spaltung und
Zersplitterung zu sein.
Das Ehesakrament, Erhöhung der menschlichen Liebe unter dem Wirken der
Gnade, ist gewiß Zeichen der Liebe Christi zur Kirche, aber auch des
Sieges, den er den Eheleuten über jene Kräfte gewährt, die die
Liebe entstellen und zerstören, so daß die Familie, die aus diesem
Sakrament entsteht, auch zum Zeichen der versöhnten und versöhnenden
Kirche wird für eine in allen ihren Strukturen und Institutionen versöhnte
Welt.
Die Krankensalbung schließlich ist in der Prüfung durch Krankheit
und Alter, besonders in der letzten Stunde des Christen, ein Zeichen der endgültigen
Bekehrung zum Herrn sowie der vollen Annahme von Leid und Tod als Buße für
die Sünden. Und darin vollzieht sich die tiefste Versöhnung mit dem
Vater.
Doch gibt es unter den Sakramenten eines, das, wenn auch oft wegen des darin
erfolgenden Sündenbekenntnisses Beichte genannt, im eigentlichen
Sinn als das Sakrament der Buße angesehen werden kann, wie es denn
auch tatsächlich heißt. Es ist das Sakrament der Bekehrung und
der Versöhnung. Wegen seiner Bedeutung für die Versöhnung
hat sich die letzte Versammlung der Synode mit diesem Sakrament besonders befaßt.
ZWEITES KAPITEL
DAS SAKRAMENT DER BUSSE UND DER VERSÖHNUNG
28. Die Synode hat während ihres ganzen Verlaufs und auf allen ihren
Ebenen mit größter Aufmerksamkeit jenes sakramentale Zeichen
betrachtet, welches auf Buße und Versöhnung hinweist und sie zugleich
verwirklicht. Gewiß schöpft dieses Sakrament für sich allein
nicht aus, was mit Bekehrung und Versöhnung gemeint ist. In der Tat kennt
und schätzt die Kirche von ihren ersten Anfängen her zahlreiche und
vielfältige Formen der Buße: einige von liturgischer oder
paraliturgischer Art, vom Bußakt der hl. Messe bis zu Sühneandachten
und Pilgerfahrten, andere von aszetischer Art wie das Fasten. Doch ist unter all
diesen Akten keiner bedeutsamer, von Gott her wirksamer, erhabener und in seiner
Vollzugsform so leicht zugänglich wie das Bußsakrament.
Schon von ihrer Vorbereitung her, dann in zahlreichen Wortmeldungen während
ihres Verlaufs, bei den Arbeiten der Sprachgruppen und in den abschließenden
Schlußvorlagen wurde die Synode mit der oft wiederholten und mit
verschiedenem Ton und Inhalt vorgebrachten Feststellung konfrontiert: Das Bußsakrament
befindet sich in einer Krise. Dieser Tatsache hat sich die Synode gestellt.
Sie empfahl eine Vertiefung der Katechese, aber auch eine ebenso eingehende
Untersuchung theologischer, geschichtlicher, psychologischer, soziologischer und
rechtlicher Art über die Buße im allgemeinen und das Bußsakrament
im besonderen. Dadurch beabsichtigte sie, die Gründe der Krise zu klären
und zum Wohl der Menschheit Wege zu einer positiven Lösung aufzuzeigen.
Zugleich aber hat die Kirche von der Synode eine klare Bestätigung ihres
Glaubens hinsichtlich dieses Sakramentes erhalten, durch das jedem Christen und
der ganzen Gemeinschaft der Gläubigen die Gewißheit der Vergebung
kraft des erlösenden Blutes Christi zuteil wird.
Es ist angebracht, diesen Glauben zu erneuern und zu bekräftigen
in einem Augenblick, da er unter den bedrohlichen negativen Einwirkungen der erwähnten
Krise schwächer werden, etwas von seiner Vollständigkeit verlieren
oder in ein schattenhaftes und stummes Dasein abgleiten könnte. In der Tat,
das Bußsakrament ist gefährdet: auf der einen Seite durch eine
Verdunkelung des sittlich-religiösen Gewissens, durch eine Schwächung
des Sündenbewußtseins, durch eine falsche Vorstellung von Reue, durch
mangelndes Streben nach echt christlicher Lebensführung; auf der anderen
Seite durch die mitunter verbreitete Meinung, man könne die Vergebung gewöhnlich
auch unmittelbar von Gott erlangen, ohne das Sakrament der Versöhnung zu
empfangen, und durch die Routine einer sakramentalen Praxis, der es,
vielleicht wegen einer irrigen oder abwegigen Auffassung von den Wirkungen des
Sakramentes, zuweilen an echter geistlicher Tiefe und Spontaneität mangelt.
Darum ist es angebracht, sich die wichtigsten Dimensionen dieses großen
Sakramentes ins Gedächtnis zu rufen.
»Welchen ihr die Sünden nachlaßt«
29. Die erste grundlegende Wirklichkeit erkennen wir aus den heiligen Büchern
des Alten und Neuen Testamentes: die Barmherzigkeit Gottes und seine Vergebung.
In den Psalmen und in der Verkündigung der Propheten wird Gott wohl am häufigsten
als der Barmherzige bezeichnet, ganz im Gegensatz zu dem hartnäckigen
Vorurteil, nach welchem der Gott des Alten Testamentes vor allem streng und
strafend erscheint. So ruft uns unter den Psalmen ein langes Weisheitslied, das
aus der Tradition des Exodus schöpft, das gnädige Handeln Gottes
inmitten seines Volkes in Erinnerung. Selbst in seiner menschlichen
Darstellungsweise ist dieses Handeln Gottes wohl eine der ausdrucksstärksten
alttestamentlichen Aussagen über die göttliche Barmherzigkeit. Es mag
hier genügen, die folgenden Verse zu zitieren: « Er aber vergab ihnen
voll Erbarmen die Schuld und tilgte sein Volk nicht aus. Oftmals ließ er
ab von seinem Zorn und unterdrückte seinen Groll. Denn er dachte daran, daß
sie nichts sind als Fleisch, nur ein Hauch, der vergeht und nicht wiederkehrt ».(157)
Als dann in der Fülle der Zeiten der Sohn Gottes kommt als das Lamm,
das die Sünde der Welt hinwegnimmt und selber trägt,(158)
erscheint er als derjenige, der Vollmacht hat, zu richten(159) und Sünden
zu verzeihen,(160) als einer, der kommt, nicht um zu verurteilen, sondern um zu
verzeihen und zu heilen.(161)
Diese Vollmacht, von den Sünden zu lösen, verleiht Christus durch
Vermittlung des Heiligen Geistes auch an einfache Menschen, die selbst den
Nachstellungen der Sünde ausgesetzt sind, an seine Apostel: »Empfangt
den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem
ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert«.(162) Das ist eine
der erstaunlichsten Neuheiten des Evangeliums! Er teilt diese Vollmacht den
Aposteln zugleich mit - wie es die Kirche von ihren frühesten Anfängen
her verstanden hat - als übertragbar an ihre Nachfolger, denen von den
Aposteln selbst die Sendung und Verantwortung anvertraut wurde, die Verkündigung
des Evangeliums und den Dienst am Erlösungswerk Christi fortzusetzen.
Hier zeigt sich in ihrer ganzen Größe die Gestalt dessen, der das
Bußsakrament verwaltet und nach ältestem Brauch oft Beichtvater
genannt wird.
Wie bei der Feier der Eucharistie am Altar und bei jedem anderen Sakrament
handelt der Priester auch als Verwalter des Bußsakramentes »in der
Person Christi«. Christus, der durch den Priester gegenwärtig gesetzt
wird und durch ihn das Geheimnis der Sündenvergebung wirkt, erscheint als
der Bruder des Menschen,(163) als barmherziger, treuer und mitfühlender
Hoherpriester,(164) als Hirt, der entschlossen ist, das verlorene Schaf zu
suchen,(165) als Arzt, der heilt und stärkt,(166) als einziger Meister, der
die Wahrheit lehrt und die Wege Gottes aufzeigt,(167) als Richter der Lebenden
und der Toten,(168) der nach der Wahrheit und nicht nach dem Augenschein
richtet.(169)
Ohne Zweifel ist dieser Dienst des Priesters der schwierigste und
delikateste, der am meisten ermüdet und die höchsten Anforderungen
stellt; zugleich aber ist er auch eine seiner schönsten und trostreichsten
Aufgaben. Eben darum und auch wegen des nachdrücklichen Aufrufs der Synode
werde ich nicht müde, meine Brüder, Bischöfe und Priester, zu
einer treuen und sorgfältigen Erfüllung dieses Dienstes zu
ermahnen.(170) Gegenüber dem Gläubigen, der ihm sein Gewissen in einer
Mischung von Angst und Vertrauen eröffnet, ist der Beichtvater zu der hohen
Aufgabe berufen, diesen zu Buße und menschlicher Versöhnung zu führen.
Er muß die Schwächen und das Versagen des Gläubigen erkennen,
sein Verlangen nach Besserung und sein Bemühen darum richtig bewerten, das
Wirken des heiligmachenden Geistes im Herzen des Beichtenden aufspüren und
ihm eine Vergebung zusprechen, die nur Gott zu gewähren vermag; er muß
seine Wiederversöhnung mit Gott, dem Vater, »feiern«, wie sie im
Gleichnis vom verlorenen Sohn versinnbildet ist, den von seiner Schuld befreiten
Sünder wieder in die kirchliche Gemeinschaft der Brüder und Schwestern
aufnehmen und ihn väterlich und bestimmt, ermutigend und freundschaftlich
ermahnen: »Sündige von jetzt an nicht mehr«.(171)
Zur wirksamen Erfüllung eines solchen Dienstes muß der
Beichtvater unbedingt mit besonderen menschlichen Qualitäten
ausgestattet sein: Klugheit, Diskretion, Unterscheidungsgabe, sanfte Festigkeit
und Güte. Darüber hinaus bedarf er einer seriösen und gründlichen,
nicht nur bruchstückhaften, sondern vollständigen und harmonischen
Vorbereitung in den verschiedenen Bereichen der Theologie, in der Pädagogik
und der Psychologie, in den Methoden der Gesprächsführung und vor
allem in der lebendigen und mitteilungsfähigen Kenntnis des Wortes Gottes.
Aber noch dringlicher ist, daß er ein tiefes und echtes geistliches Leben
führt. Um andere auf den Weg der christlichen Vollkommenheit zu bringen, muß
der Verwalter des Bußsakramentes selbst zuerst diesen Weg gehen
und mehr durch Taten als mit wortreichen Reden unter Beweis stellen, daß
er wirklich erfahren ist im gelebten Gebet, in der Übung der theologischen
und sittlichen Tugenden des Evangeliums, im treuen Gehorsam gegenüber dem
Willen Gottes, in der Liebe zur Kirche und in der Befolgung ihres Lehramtes.
Diese Ausstattung mit menschlichen Gaben, christlichen Tugenden und
pastoralen Fähigkeiten kann man nicht aus dem Stegreif besitzen oder ohne
Anstrengung erwerben. Für den Dienst des Bußsakramentes muß
jeder Priester schon vom Seminar an vorbereitet werden durch das Studium der
Dogmatik, der Moraltheologie, der Spiritualität und der Pastoraltheologie
(Fächer, die stets nur eine Theologie bilden), dazu die
Humanwissenschaften, die Methoden der Gesprächsführung, vor allem des
pastoralen Gesprächs. Ferner muß er in seine ersten Erfahrungen als
Beichtvater eingeführt und darin begleitet werden. Durch ständiges
Studium soll er sich um seine eigene Vervollkommnung und eine zeitgemäße
Weiterbildung bemühen. Welch großen Schatz an Gnade, echtem Leben und
geistlicher Ausstrahlungskraft würde die Kirche gewinnen, wenn jeder
Priester dafür Sorge trüge, niemals, weder aus Nachlässigkeit
noch aus sonstigen Vorwänden, die Begegnung mit den Gläubigen im
Beichtstuhl zu versäumen und vor allem niemals unvorbereitet oder ohne die
notwendige menschliche Eignung und die geistigen und pastoralen Voraussetzungen
in den Beichtstuhl zu gehen!
Hier kann ich es nicht unterlassen, in ehrfürchtiger Bewunderung an die
außergewöhnlichen Apostel des Beichtstuhls zu erinnern: an den hl.
Johannes Nepomuk, den hl. Johannes Maria Vianney, den hl. Josef Cafasso und den
hl. Leopold von Castelnuovo, um nur die bekanntesten zu nennen, die die Kirche
in das Verzeichnis ihrer Heiligen aufgenommen hat. Ich möchte aber auch
jene unzählbare Schar heiliger und fast stets unbekannter Beichtväter
ehrend erwähnen, denen so viele Seelen ihr Heil verdanken. Sie haben diesen
beigestanden bei ihrer Bekehrung, in ihrem Kampf gegen Sünde und
Versuchung, in ihrem geistlichen Fortschritt und in ihrer gesamten Heiligung.
Ich zögere nicht zu sagen, daß auch die großen Heiligen
allgemein aus jenen Beichtstühlen hervorgegangen sind; und mit den Heiligen
auch das geistige Erbe der Kirche und die Blüte einer Kultur, die von
christlichem Geist durchdrungen ist! Ehre gebührt also dieser stillen Schar
unserer Mitbrüder, die Tag für Tag durch den Dienst der sakramentalen
Buße für die Sache der Versöhnung gewirkt haben und weiterhin
wirken!
Das Sakrament der Vergebung
30. Aus der Offenbarung der großen Bedeutung dieses Dienstes und der
Vollmacht, Sünden zu vergeben, die von Christus den Aposteln und deren
Nachfolgern übertragen worden ist, entwickelte sich in der Kirche das Bewußtsein
vom Zeichen der Vergebung, die im Bußsakrament vermittelt wird;
das Bewußtsein davon, daß Jesus, der Herr, selber - als Geschenk
seiner Güte und »Menschenliebe«(172) für alle - ein eigenes
Sakrament für die Vergebung der Sünden, die nach der Taufe begangen
wurden, der Kirche anvertraut hat.
Die konkrete Feier und Form dieses Sakramentes haben sich langsam
entwickelt. Das bezeugen die ältesten Sakramentare, die Akten von Konzilien
und Bischofssynoden, die patristische Verkündigung und die Unterweisung der
Kirchenlehrer. Was jedoch das Wesen des Sakramentes betrifft, so war
sich die Kirche stets und ohne Schwanken dessen sicher bewußt, daß
die Vergebung nach dem Willen Christi jedem einzelnen in der sakramentalen
Lossprechung durch den Spender des Bußsakramentes zuteil wird. Diese Gewißheit
wurde nachdrücklich bekräftigt durch das Konzil von Trient(173) und
das II. Vatikanische Konzil: »Die zum Sakrament der Buße hinzutreten,
erhalten für ihre Gott zugefügten Beleidigungen von seiner
Barmherzigkeit Verzeihung und werden zugleich mit der Kirche versöhnt, die
sie durch die Sünde verwundet haben und die zu ihrer Bekehrung durch Liebe,
Beispiel und Gebet mitwirkt«(174). Als wesentliches Element des
Glaubens über den Wert und Sinn der Buße muß erneut
festgestellt werden, daß unser Heiland Jesus Christus in seiner Kirche das
Bußsakrament gestiftet hat, damit die Gläubigen, die nach der Taufe
in Sünde gefallen sind, die Gnade wiedererlangen und sich mit Gott versöhnen.(175)
Der Glaube der Kirche an dieses Sakrament schließt einige andere
grundlegende Wahrheiten ein, die unverzichtbar sind. Der sakramentale Bußritus
hat diese Wahrheiten während seiner geschichtlichen Entfaltung und in
seinen verschiedenen konkreten Ausdrucksformen stets bewahrt und deutlich
herausgestellt. Als das II. Vatikanische Konzil eine Reform dieses Ritus
anordnete, war es von der Absicht geleitet, diese Wahrheiten noch klarer zum
Ausdruck zu bringen.(176) Das geschah in der neuen Bußordnung,(177)
in welche die wesentlichen Lehraussagen der Tradition unverkürzt
aufgenommen worden sind, die das Konzil von Trient zusammengestellt hatte,
allerdings so, daß diese Aussagen aus ihrem besonderen geschichtlichen
Zusammenhang (dem ausdrücklichen Bemühen um Klarstellung der Lehre
gegenüber den schwerwiegenden Abweichungen von der wahren
Glaubensunterweisung der Kirche) herausgelöst und inhaltsgetreu in eine
Sprache übersetzt wurden, die unserer Zeit besser entspricht.
Einige grundlegende Glaubensüberzeugungen
31. Die erwähnten Wahrheiten, die von der Synode nachdrücklich und
deutlich bekräftigt wurden und in den Schlußvorlagen
enthalten sind, können in den folgenden Glaubensüberzeugungen
zusammengefaßt werden, um die sich alle anderen katholischen Lehraussagen über
das Bußsakrament gruppieren lassen.
I. Die erste Überzeugung besteht darin, daß für den Christen
das Bußsakrament der ordentliche Weg ist, um Vergebung und Nachlaß
seiner schweren Sünden zu erlangen, die nach der Taufe begangen worden
sind. Gewiß sind der Erlöser und sein Heilswirken nicht in der Weise
an ein sakramentales Zeichen gebunden, daß sie nicht jederzeit und überall
in der Heilsgeschichte auch außerhalb der Sakramente und über sie
hinaus wirksam werden können. Aber wir wissen aus der Schule des Glaubens,
daß derselbe Erlöser es so gewollt und verfügt hat, daß
die schlichten und kostbaren Sakramente des Glaubens für gewöhnlich
die wirksamen Mittel sind, durch die seine erlösende Kraft vermittelt und
wirksam wird. Es wäre deshalb unvernünftig, ja vermessen, willkürlich
von den Gnaden- und Heilsmitteln abzusehen, die der Herr bestimmt hat; das heißt
in unserem Zusammenhang, Verzeihung erlangen zu wollen ohne das Sakrament, das
Christus gerade für die Sündenvergebung eingesetzt hat. Die nach dem
Konzil vorgenommene Erneuerung der Liturgie berechtigt zu keinerlei Illusion und
Änderung in dieser Richtung. Vielmehr sollte und soll diese nach der
Absicht der Kirche jedem einzelnen von uns helfen, einen neuen Anlauf zu
nehmen zu einer Erneuerung unserer inneren Haltung: hin zu einem tieferen Verständnis
der Natur des Bußsakramentes; zu einer Annahme dieses Sakramentes, die
mehr vom Glauben, nicht von Angst, sondern von Vertrauen geprägt ist; zu
einem häufigeren Empfang dieses Sakramentes, das wir von der barmherzigen
Liebe des Herrn ganz umfangen wissen.
II. Die zweite Überzeugung betrifft die Bedeutung des Bußsakramentes
für den, der es empfängt. Nach ältester Überlieferung ist es
eine Art von Gerichtsverfahren. Aber dieses Verfahren vollzieht sich vor
einem Gericht, das mehr von Erbarmen als von strenger Gerechtigkeit bestimmt
wird, so daß es mit menschlichen Gerichten nur in analoger Weise
vergleichbar ist.(178) Der Sünder bekennt nämlich hier seine Sünden
und sich selbst als ein der Sünde unterworfenes Geschöpf; er
verpflichtet sich, der Sünde zu entsagen und sie zu bekämpfen, nimmt
die Strafe an (sakramentale Buße), welche der Beichtvater ihm
auferlegt, und empfängt die Lossprechung.
Beim tieferen Nachdenken über die Bedeutung dieses Sakramentes erblickt
das Bewußtsein der Kirche in ihm außer dem gerade beschriebenen
Gerichtscharakter auch eine heilende Funktion. Dies hängt mit der
Tatsache zusammen, daß Christus im Evangelium häufig gleichsam als
Arzt erscheint(179) und sein erlösendes Wirken von den frühesten
christlichen Anfängen an oft als »heilende Medizin« bezeichnet
wird. »Heilen will ich, nicht anklagen«, sagte der hl. Augustinus
gerade mit Bezug auf die Bußpastoral; (180) und es geschieht dank der
Medizin der Beichte, daß die Erfahrung der Sünde nicht zur
Verzweiflung führt.(181) Der Bußritus deutet auf diesen
heilenden Charakter des Sakramentes hin,(182) für den der heutige Mensch
vielleicht besonders empfänglich ist; sieht er doch in der Sünde nicht
nur eine Verirrung, sondern mehr noch menschliche Schwäche und Anfälligkeit.
Mag man dieses Sakrament als Gericht der Barmherzigkeit oder als Ort
geistlicher Heilung betrachten, beides erfordert eine Kenntnis der inneren
Verfassung des Sünders, um ihn beurteilen und lossprechen, ihn betreuen und
heilen zu können. Gerade deshalb ist vom Beichtenden das aufrichtige und
vollständige Bekenntnis seiner Sünden erforderlich. Dieses geschieht
also nicht nur aus aszetischen Motiven (als Übung von Demut und
Selbstverleugnung), sondern gründet im Wesen des Sakramentes selbst.
III. Die dritte Überzeugung, auf die ich hinweisen möchte,
betrifft jene Wirklichkeiten oder Teilakte, die das sakramentale
Zeichen der Sündenvergebung und der Versöhnung ausmachen. Einige davon
sind dem Tun des Beichtenden zugeordnet. Sie sind zwar von
unterschiedlicher Bedeutung, doch im einzelnen unerläßlich zur Gültigkeit,
Vollständigkeit oder Fruchtbarkeit des Zeichens.
Eine unerläßliche Voraussetzung ist vor allem, daß das Gewissen
des Beichtenden richtig gebildet und klar ist. Niemand gelangt zu wahrer und
echter Buße, wenn er nicht einsieht, daß die Sünde der
sittlichen Norm widerspricht, die seinem innersten Wesen eingestiftet ist;(183)
wenn er nicht erkennt, daß er die persönlich zu verantwortende
Erfahrung eines solchen Widerspruchs gemacht hat; wenn er nicht nur sagt, »es
gibt die Sünde«, sondern »ich habe gesündigt«, und wenn
er nicht zugibt, daß die Sünde in seinem Bewußtsein einen Riß
bewirkt hat, der sein ganzes Sein durchzieht und ihn von Gott und den Brüdern
trennt. Das sakramentale Zeichen, das zu einer solchen Klarheit des Gewissens führt,
wird traditionsgemäß Gewissenserforschung genannt. Diese
sollte keineswegs eine ängstliche psychologische Selbstbeobachtung sein,
sondern eine aufrichtige und ruhige Konfrontation mit dem inneren sittlichen
Gesetz, mit den Normen des Evangeliums, wie sie von der Kirche vorgelegt werden,
ja mit Jesus Christus selbst, der für uns Meister und Vorbild des Lebens
ist, und mit dem himmlischen Vater, der uns zum Heil und zur Vollkommenheit
beruft.(184)
Der für den Beichtenden wesentliche Bußakt aber ist die Reue,
die klare und entschiedene Verwerfung der begangenen Sünde zusammen mit dem
Vorsatz, sie nicht mehr zu begehen(185) aufgrund der Liebe zu Gott, die mit der
Reue wiedererwacht. Die so verstandene Reue ist also Anfang und Mitte der
Bekehrung, jener Metánoia des Evangeliums, die den Menschen
zu Gott zurückführt wie den verlorenen Sohn zu seinem Vater und die im
Bußsakrament ihr sichtbares Zeichen hat, welches das einfache Bedauern zu
seiner Vollendung führt. »Von dieser inneren Reue hängt die
Echtheit der Buße ab«.(186)
Während ich auf all das verweise, was die Kirche, vom Wort Gottes
geleitet, über die Reue lehrt, drängt es mich, hier wenigstens einen
Gesichtspunkt dieser Lehre hervorzuheben, damit er besser erkannt und berücksichtigt
werde. Nicht selten betrachtet man die Bekehrung und Reue nur im
Hinblick auf die Anforderungen, die sie zweifellos stellen, und auf die
Selbstverleugnung, die sie für eine grundlegende Änderung des Lebens
auferlegen. Es ist aber gut, daran zu erinnern und hervorzuheben, daß Reue
und Bekehrung mehr noch eine Annäherung an die Heiligkeit Gottes
sind, eine Rückgewinnung der eigenen inneren Wahrheit, die durch die Sünde
entstellt wurde, eine im tiefsten sich vollziehende Befreiung von sich selbst
und darum eine Rückgewinnung verlorener Freude, der Freude darüber,
erlöst zu sein,(187) welche die meisten Menschen von heute nicht mehr recht
zu verkosten vermögen.
So wird verständlich, daß die Kirche seit den ersten christlichen
Zeiten, die mit den Aposteln und mit Christus selbst noch in unmittelbarer
Verbindung standen, das Bekenntnis der Sünden in das sakramentale
Zeichen der Buße einbezogen hat. Dieses erscheint als so wichtig, daß
das Bußsakrament seit Jahrhunderten und bis heute gewöhnlich als Beichte
bezeichnet wird. Das Bekenntnis der eigenen Sünden ist vor allem deshalb
erforderlich, weil der Spender des Sakramentes, insofern er
Richter ist, den Sünder kennen sowie die Schwere der Sünden
und die Ernsthaftigkeit der Reue beurteilen muß, so wie er in seiner
Funktion als Arzt den Zustand des Kranken kennen muß, um ihn
behandeln und heilen zu können. Doch hat das persönliche Bekenntnis
auch den Sinn eines Zeichens: Es ist Zeichen der Begegnung des Sünders
mit der vermittelnden Kirche in der Person des Beichtvaters, Zeichen seiner
Selbsterkenntnis als Sünder im Angesicht Gottes und der Kirche sowie
Zeichen dafür, daß er vor Gott mit sich selbst ins klare kommt. Das Sündenbekenntnis
läßt sich also nicht auf irgendeinen Versuch psychologischer
Selbstbefreiung reduzieren, auch wenn es jenem berechtigten und natürlichen,
dem menschlichen Herzen innewohnenden Bedürfnis entspricht, sich jemandem
zu eröffnen. Es ist vielmehr eine liturgische Handlung, feierlich in ihrer
Dramatik, demütig und nüchtern angesichts ihrer großen
Bedeutung. Es ist die Geste des verlorenen Sohnes, der zum Vater zurückkehrt
und von ihm mit dem Friedenskuß empfangen wird; eine Geste der Redlichkeit
und des Mutes; eine Geste, in der man sich über die Sünde hinaus dem
verzeihenden Erbarmen anvertraut.(188) So versteht man, daß das Bekenntnis
der Sünden gewöhnlich individuell und nicht kollektiv geschehen muß;
denn die Sünde ist ein zutiefst personales Geschehen. Zugleich aber entreißt
das Bekenntnis die Sünde in gewisser Weise dem Geheimnis des Herzens und
somit dem Bereich der reinen Individualität und macht ihren sozialen
Charakter offenbar, weil in der Person des Beichtvaters die kirchliche
Gemeinschaft, die durch die Sünde verletzt worden ist, den reuigen Sünder
durch die Vergebung wieder aufnimmt.
Ein anderer, wesentlicher Bestandteil des Bußsakramentes betrifft den
Beichtvater, sofern er Richter und Arzt ist, Abbild Gottes, des Vaters, der
denjenigen, der zurückkehrt, aufnimmt und ihm verzeiht: die
Lossprechung. Die Worte, mit denen sie zugesprochen wird, und die Gesten,
die sie im alten wie im neuen Bußritus begleiten, sind von
bedeutungsschwerer Einfachheit. Die sakramentale Formel »Ich spreche dich
los...« sowie die Auflegung der Hände und das Zeichen des Kreuzes über
den Beichtenden zeigen an, daß der reuige und bekehrte Sünder in
diesem Augenblick der Macht und dem Erbarmen Gottes begegnet. Es ist der
Augenblick, da als Antwort auf den Beichtenden die Dreifaltigkeit gegenwärtig
wird, um seine Sünde zu löschen und ihm die Unschuld wieder zurückzugeben;
ihm wird die heilende Kraft des Leidens, Sterbens und der Auferstehung Christi
zuteil, als »Erbarmen, das stärker als Schuld und Beleidigung«
ist, wie ich es in der Enzyklika Dives in misericordia beschrieben habe.
Gott ist immer der erste, der durch die Sünde beleidigt wird - »tibi
soli peccavi!« -, und nur Gott kann verzeihen. Darum ist die Lossprechung,
die der Priester als Diener der Vergebung, obgleich selbst Sünder, dem
Beichtenden erteilt, das wirksame Zeichen des Eingreifens des Vaters und der »Auferstehung«
vom »geistlichen Tod«, das sich bei jeder Spendung des Bußsakramentes
wiederholt. Nur der Glaube kann uns versichern, daß in diesem
Augenblick jede Sünde vergeben und ausgelöscht wird durch das
geheimnisvolle Eingreifen des Erlösers.
Die Genugtuung ist der Schlußakt, der das Zeichen des Bußsakramentes
krönt. In einigen Ländern wird das, was der Beichtende nach dem
Empfang der Vergebung und der Lossprechung auszuführen hat, auch Buße
genannt. Welches ist nun die Bedeutung dieser Genugtuung oder Buße,
die es zu verrichten gilt? Gewiß ist sie nicht der Preis, den man für
die Lossprechung von der Sünde und die erlangte Vergebung bezahlt; kein
menschlicher Preis kann dem entsprechen, was man als Frucht des kostbaren Blutes
Christi empfangen hat. Die Werke der Genugtuung - die, obwohl stets einfach und
bescheiden, noch besser zum Ausdruck bringen sollten, was sie bezeichnen -
wollen einige kostbare Werte anzeigen: Sie sind Zeichen der persönlichen
Verpflichtung, die der Christ mit Gott im Sakrament eingegangen ist, nämlich
ein neues Leben zu beginnen (darum dürfte sich die Genugtuung nicht nur auf
die Verrichtung einiger Gebetsformeln beschränken, sondern sollte in Werken
der Gottesverehrung, der Nächstenliebe, der Barmherzigkeit oder der
Wiedergutmachung bestehen). Sie schließen den Gedanken ein, daß der
Sünder, dem vergeben wurde, imstande ist, seine eigene körperliche und
geistige Abtötung, die er sich selbst auferlegt oder zumindest angenommen
hat, mit dem Leiden Jesu zu vereinen, der ihm die Vergebung erlangt hat. Die
Werke der Genugtuung erinnern daran, daß im Christen auch nach der
Lossprechung eine Zone des Schattens verbleibt als Folge der durch die Sünde
verursachten Wunden, der unvollkommenen Liebesreue und der Schwächung der
geistlichen Fähigkeiten, in denen noch immer ein ansteckender
Krankheitsherd der Sünde wirksam bleibt, den es durch stete Abtötung
und Buße zu bekämpfen gilt. Darin liegt der Sinn der bescheidenen,
aber aufrichtigen Genugtuung.(189)
IV. Es bleibt noch, kurz auf einige andere wichtige Überzeugungen
hinsichtlich des Bußsakramentes hinzuweisen. Es ist vor allem
hervorzuheben, daß nichts persönlicher und inniger ist als dieses
Sakrament, in welchem der Sünder Gott allein gegenübersteht mit seiner
Schuld, seiner Reue und seinem Vertrauen. Niemand kann ihn vertreten in seiner
Reue und Bitte um Vergebung. In seiner Schuld ist der Sünder gewissermaßen
einsam. Das läßt sich auf dramatische Weise an Kain ersehen mit der Sünde,
die »an seiner Tür lauert«, wie es das Buch Genesis so
eindrucksvoll sagt, und mit dem besonderen Zeichen, das auf seiner Stirn eingeprägt
ist;(190) ebenso an David, der vom Propheten Nathan zurechtgewiesen wird,(191)
oder am verlorenen Sohn, der, als er sich seiner Lage bewußt wird, in die
er durch die Trennung von seinem Vater geraten ist, sich entschließt, zu
ihm heimzukehren:(192) Dies alles geschieht nur zwischen dem Menschen und Gott.
Zugleich aber hat dieses Sakrament unleugbar eine soziale Dimension; in ihm
steht die ganze Kirche - die streitende, die leidende und die im Himmel
verherrlichte - dem Büßenden bei und nimmt ihn wieder in ihre
Gemeinschaft auf, und das um so mehr, als die ganze Kirche durch seine Sünde
verletzt und verwundet worden ist. Der Priester als Diener des Bußsakramentes
bezeugt und versinnbildet diese kirchliche Dimension kraft seines geistlichen
Amtes. Beide Aspekte des Sakramentes, die subjektive Seite und die kirchliche
Dimension, ergänzen einander. Dies haben die fortschreitende Reform des Bußritus
und vor allem der von Paul VI. veröffentlichte Ordo Paenitentiae
hervorzuheben und für seine Feier noch deutlicher zu machen versucht.
V. Ferner ist zu betonen, daß die kostbarste Frucht der Vergebung, die
im Bußsakrament empfangen wird, in der Versöhnung mit Gott besteht;
sie vollzieht sich in der Verborgenheit des Herzens des verlorenen und wieder
zurückkehrenden Sohnes, wie es jeder Beichtende ist. Man muß zugleich
hinzufügen, daß diese Versöhnung mit Gott gleichsam noch andere
Arten von Versöhnung zur Folge hat, die noch andere von der Sünde
verursachte Risse heilen: Der Beichtende, dem verziehen wird, wird in seinem
innersten Sein mit sich selbst versöhnt, wodurch er seine innere Wahrheit
wiedererlangt; er versöhnt sich mit seinen Brüdern, die von ihm in
gewisser Weise angegriffen und verletzt worden sind; er versöhnt sich mit
der Kirche und der ganzen Schöpfung. Aus dieser inneren Erfahrung entsteht
im Beichtenden am Ende des Ritus das Bewußtsein, Gott für das
Geschenk seines gütigen Erbarmens danken zu müssen, wozu ihn auch die
Kirche einlädt.
Jeder Beichtstuhl ist ein privilegierter und gesegneter Ort, von dem her
nach der Behebung der Spaltungen neu und makellos ein versöhnter Mensch,
eine versöhnte Welt entstehen!
VI. Schließlich liegt mir noch eine letzte Betrachtung
besonders am Herzen, welche uns Priester alle angeht, die wir die Verwalter des
Bußsakramentes sind, aber auch Empfänger seiner Wohltaten sind und
sein müssen. Reife und Eifer im geistlichen Leben und pastoralen Einsatz
des Priesters wie auch der Laien und Ordensleute, die seine Brüder sind, hängen
von seinem häufigen und bewußten Empfang des Bußsakramentes
ab.(193) Die Feier der Eucharistie und der Dienst der anderen Sakramente, der
pastorale Eifer, die Beziehung zu den Gläubigen, die Verbundenheit mit den
Mitbrüdern, die Zusammenarbeit mit dem Bischof, das Gebetsleben, ja die
ganze priesterliche Existenz würden unweigerlich schweren Schaden nehmen,
wenn man es aus Nachlässigkeit oder anderen Gründen unterließe,
regelmäßig und mit echtem Glauben und tiefer Frömmigkeit das Bußsakrament
zu empfangen. Wenn ein Priester nicht mehr zur Beichte geht oder nicht gut
beichtet, so schlägt sich das sehr schnell in seinem priesterlichen
Leben und Wirken nieder, und auch die Gemeinde, deren Hirte er ist, wird
dessen bald gewahr.
Ich füge noch hinzu, daß der Priester, sogar um ein guter und
wirksamer Diener des Bußsakramentes zu sein, auch selber aus dieser Quelle
der Gnade und Heiligkeit schöpfen muß. Aus unserer persönlichen
Erfahrung können wir Priester zu Recht sagen, daß wir unseren Dienst
als Beichtväter zum Segen für die Beichtenden um so besser erfüllen,
je mehr uns selbst daran gelegen ist, das Bußsakrament häufig und gut
vorbereitet zu empfangen. Dieser unser Dienst würde hingegen viel von
seiner Wirksamkeit verlieren, wenn wir es irgendwie versäumten, selbst gute
Beichtende zu sein. Das gehört zur inneren Logik dieses großen
Sakramentes. Wir Priester Christi sind darum alle eingeladen, mit erneuter
Aufmerksamkeit auf unsere persönliche Beichte zu achten.
Die persönliche Erfahrung muß heute ihrerseits zum
Ansporn werden, den heiligen Dienst des Bußsakramentes, zu dem wir durch
unser Priestertum, durch unsere Berufung zu Hirten und Dienern unserer Brüder
verpflichtet sind, sorgfältig und treu, mit Geduld und Eifer zu versehen.
Darum richte ich auch in diesem Apostolischen Schreiben an alle Priester in der
Welt, besonders an meine Mitbrüder im Bischofsamt und an die Pfarrer, die
eindringliche Bitte, den häufigen Empfang dieses Sakramentes bei den Gläubigen
mit allen Kräften zu fördern, alle möglichen und geeigneten
Mittel einzusetzen sowie alle Wege zu versuchen, um unsere Brüder wieder in
größerer Zahl zu der »uns gewährten Gnade« hinzuführen,
die uns durch das Bußsakrament zur Versöhnung jedes einzelnen und der
ganzen Welt mit Gott in Christus vermittelt wird.
Formen der Bußfeier
32. Entsprechend den Weisungen des II. Vatikanischen Konzils legt die
heutige Bußordnung, der Ordo Paenitentiae, drei mögliche
Formen vor, die es unter jeweiliger Wahrung der wesentlichen Bestandteile
gestatten, die Feier des Bußsakramentes an bestimmte pastorale Situationen
anzupassen.
Die erste Form - Feier der Versöhnung für einzelne - ist
die einzige normale und ordentliche Weise der sakramentalen Feier; sie kann und
darf nicht außer Gebrauch kommen oder vernachlässigt werden. Die
zweite Form - Gemeinschaftliche Feier der Versöhnung mit Bekenntnis und
Lossprechung der einzelnen - läßt bei der Vorbereitung den
Gemeinschaftsbezug des Bußsakramentes besonders hervortreten, erreicht
aber die erste Form im krönenden sakramentalen Akt, in der Beichte und
Lossprechung eines jeden einzelnen; darum kann sie, was den Charakter eines
normalen Ritus betrifft, der ersten Form gleichgesetzt werden. Die dritte Form
hingegen - Gemeinschaftliche Feier der Versöhnung mit allgemeinem
Bekenntnis und Generalabsolution - hat den Charakter einer Ausnahme und ist
darum nicht der freien Wahl überlassen, sondern wird durch eigens dafür
erlassene Bestimmungen geregelt.
Die erste Form ermöglicht es, die mehr persönlichen - und
wesentlichen - Aspekte auf dem Weg zur Umkehr besser zur Geltung zu bringen. Das
Gespräch zwischen Beichtendem und Beichtvater sowie alle benutzten Mittel
(Worte aus der Bibel, die Wahl der »Genugtuung« usw.) sind Elemente,
welche die sakramentale Feier besser an die konkrete Situation des Beichtenden
anpassen. Man entdeckt den Wert dieser Elemente, wenn man die verschiedenen Gründe
bedenkt, die einen Christen zum Bußsakrament führen: ein Bedürfnis
nach persönlicher Versöhnung und Wiederzulassung zur Freundschaft mit
Gott, indem man die durch die Sünde verlorene Gnade wiedererlangt; ein Bedürfnis
nach Klärung des eigenen geistlichen Weges und mitunter nach einer besseren
Erkenntnis seiner Berufung; oftmals auch ein Bedürfnis und Verlangen, sich
aus geistlicher Gleichgültigkeit und einer religiösen Krise zu
befreien. Schließlich erlaubt die erste Form der Feier dank ihres persönlichen
Charakters, das Bußsakrament mit etwas zu verbinden, das von ihm zwar
verschieden, aber doch mit ihm gut zu vereinbaren ist: Ich meine die
geistliche Führung. Es ist also offensichtlich, daß in dieser
ersten Form die persönliche Entscheidung und das eigene Engagement deutlich
unterstrichen und gefördet werden.
Die zweite Form der Feier unterstreicht gerade wegen ihres
Gemeinschaftscharakters und der besonderen Art ihrer Gestaltung einige andere
Aspekte von großer Bedeutung. Das Wort Gottes, das man gemeinsam hört,
hat gegenüber der privaten Bibellesung eine besondere Wirkung und
verdeutlicht besser den kirchlichen Charakter von Bekehrung und Versöhnung.
Diese Form erweist sich als besonders geeignet für die verschiedenen Zeiten
des Kirchenjahres und im Zusammenhang mit Ereignissen von besonderer pastoraler
Bedeutung. Es genügt hier, darauf hinzuweisen, daß für diese
Form der Feier die Anwesenheit einer genügenden Zahl von Beichtvätern
zweckmäßig ist.
Es ist selbstverständlich, daß die Kriterien für die
Entscheidung, in welcher der beiden Formen das Sakrament gespendet werden soll,
nicht durch zufällige und subjektive Beweggründe bestimmt werden dürfen,
sondern vom Willen, im Gehorsam gegenüber der Bußordnung der Kirche
dem wahren geistlichen Wohl der Gläubigen zu dienen.
Es wird auch gut sein, daran zu erinnern, daß es für eine
ausgewogene geistliche und pastorale Orientierung notwendig ist, weiterhin sehr
darauf zu achten und die Gläubigen dazu zu erziehen, daß sie auch für
läßliche Sünden das Bußsakrament empfangen, wie es die überlieferte
Lehre und Praxis seit Jahrhunderten bezeugen.
Obwohl die Kirche weiß und lehrt, daß läßliche Sünden
auch auf andere Weise vergeben werden - man denke an Reueakte, an Werke der Nächstenliebe,
an das Gebet, an Bußfeiern usw. -, so weist sie doch stets alle auf den
einzigartigen Reichtum des Sakramentes auch hinsichtlich solcher Sünden
hin. Der häufige Empfang des Bußsakramentes - zu dem einige Gruppen
von Gläubigen sogar verpflichtet sind - stärkt das Bewußtsein,
daß auch die kleineren Sünden Gott beleidigen und die Kirche, den
Leib Christi, verwunden; zugleich bietet er Gelegenheit und Anlaß, »Christus
gleichförmiger zu werden und sorgfältiger dem Anruf des Geistes zu
folgen«.(194) Vor allem ist hervorzuheben, daß die Gnade, die dieser
sakramentalen Feier eigen ist, eine große Heilkraft besitzt und die
Wurzeln der Sünde auszureißen hilft.
Die sorgfältige Pflege der äußeren Feier mit besonderer
Betonung des Wortes Gottes,(195) das den Gläubigen und zusammen mit ihnen,
soweit es möglich und angemessen ist, verlesen, in Erinnerung gerufen und
erklärt wird, kann dazu beitragen, die Praxis dieses Sakramentes lebendiger
zu gestalten und zu verhindern, daß sie in Formalismus und reine
Gewohnheit abgleitet. Vielmehr soll dem Beichtenden geholfen werden zu
entdecken, daß sich an ihm ein Heilsgeschehen vollzieht, das ihm neue
Lebenskraft und wahren Frieden des Herzens zu vermitteln vermag. Die Sorge für
eine gute Gestaltung wird die einzelnen Kirchen unter anderem dazu veranlassen,
feste Zeiten für die Feier des Bußsakramentes festzusetzen
und die Gläubigen, besonders die Kinder und Jugendlichen, dazu zu erziehen,
daß sie sich in der Regel daran halten - abgesehen von Notsituationen, in
denen der Seelsorger jedem gern zur Verfügung stehen soll, der ihn darum
bittet.
Die Feier des Sakramentes mit Generalabsolution
33. In der neuen Liturgieordnung und nun auch im neuen Kirchenrecht(196)
werden die Bedingungen genau angegeben, unter denen die »Gemeinschaftliche
Feier der Versöhnung mit allgemeinem Bekenntnis und Generalabsolution«
rechtmäßig benutzt werden kann. Die hierzu erlassenen Bestimmungen
und Anordnungen, die aus reifen und ausgewogenen Überlegungen erwachsen
sind, müssen angenommen und beobachtet werden, wobei man jede Art von willkürlicher
Interpretation vermeidet.
Es ist nützlich, tiefer über die Beweggründe nachzudenken,
welche die Bußfeier in einer der ersten beiden Formen gebieten oder den
Gebrauch der dritten Form erlauben. Ein Grund ist vor allem die Treue
gegenüber dem Willen des Herrn, der von der Lehre der Kirche überliefert
worden ist. Ein weiterer ist der Gehorsam gegenüber den kirchlichen
Gesetzen. In einer ihrer Schlußvorlagen hat die Bischofssynode die
unveränderte Lehre der Kirche bekräftigt, die auf ältester Überlieferung
beruht, sowie das Gesetz, durch das sie die antike Bußpraxis rechtlich
festgelegt hat: Das persönliche und vollständige Bekenntnis der Sünden
mit individueller Lossprechung ist der einzige ordentliche Weg,
auf dem der Gläubige, der sich schwerer Schuld bewußt ist, mit Gott
und der Kirche versöhnt wird. Aus dieser Bestätigung der Lehre der
Kirche ergibt sich eindeutig, daß jede schwere Sünde stets in
persönlicher Beichte unter Angabe ihrer bestimmenden Umstände bekannt
werden muß.
Ferner gibt es auch einen Grund pastoraler Natur. Wenn es auch wahr
ist, daß man unter den von der kirchlichen Disziplin geforderten
Bedingungen das Bußsakrament in der dritten Form spenden kann, so darf
doch nicht vergessen werden, daß diese keine normale Form werden
darf. Wie die Synode erneut betont hat, kann und darf sie nur in »schweren
Notlagen« angewandt werden mit der Verpflichtung zur persönlichen
Beichte der schweren Sünden vor dem Empfang einer weiteren
Generalabsolution. Der Bischof, dem allein es zusteht, für den Bereich
seiner Diözese zu erwägen, ob die vom Kirchenrecht für den
Gebrauch der dritten Form aufgestellten Bedingungen konkret gegeben sind, wird
dieses Urteil als schwerwiegende Gewissensentscheidung und in voller
Beachtung von Gesetz und Praxis der Kirche abgeben. Dabei wird er ebenso die
Kriterien und Richtlinien berücksichtigen, wie sie auf der Grundlage der
oben dargelegten theologischen und pastoralen Überlegungen mit den anderen
Mitgliedern der Bischofskonferenz vereinbart worden sind. Zugleich wird es stets
eine echte pastorale Sorge bleiben, jene Bedingungen zu schaffen und zu gewährleisten,
daß auch diese dritte Form die von ihr erhofften geistlichen Früchte
erbringen kann. Niemals darf der ausnahmsweise Gebrauch der dritten Form der Bußfeier
zu einer Geringachtung oder gar zur Aufgabe der gewöhnlichen Formen führen.
Ebensowenig darf diese Form als Alternative zu den beiden anderen angesehen
werden: Es ist nämlich nicht der Freiheit der Hirten und Gläubigen überlassen,
sich einfach für diejenige der genannten Formen zu entscheiden, die man für
die geeignetste hält. Den Seelsorgern obliegt die Pflicht, den Gläubigen
die Praxis des vollständigen und persönlichen Bekenntnisses ihrer Sünden
zu erleichtern, zu dem diese nicht nur verpflichtet sind, sondern auf das sie
ein unverletzliches und unveräußerliches Recht haben, abgesehen
davon, daß es auch ein Bedürfnis der Seele ist. Bei der dritten Bußform
sind die Gläubigen dazu verpflichtet, alle Bestimmungen zu beachten, die
deren Anwendung regeln, einschließlich der Anordnung, vor dem Empfang
einer weiteren Generalabsolution so bald wie möglich eine reguläre
vollständige und persönliche Beichte der schweren Sünden
abzulegen. Auf diese Anordnung und deren verpflichtende Beobachtung müssen
die Gläubigen durch den Priester vor der Lossprechung hingewiesen und darüber
entsprechend unterrichtet werden.
Mit diesem nachdrücklichen Hinweis auf die Lehre und das Gesetz der
Kirche möchte ich bei allen das lebendige Gespür für die
Verantwortung wachrütteln, die uns im Umgang mit den heiligen Dingen leiten
muß, die - wie die Sakramente - nicht unser Eigentum sind oder - wie das
Gewissen der Menschen - ein Anrecht darauf haben, nicht in Ungewißheit und
Verwirrung belassen zu werden. Ich wiederhole: Beides sind heilige Dinge, die
Sakramente und das Gewissen der Menschen, und sie fordern von uns, daß wir
ihnen in Wahrheit dienen.
Das ist der Grund für das Gesetz der Kirche.
Einige schwierigere Fälle
34. Ich erachte es als meine Pflicht, hier wenigstens kurz auf einen
pastoralen Fall einzugehen, den die Synode, soweit es ihr möglich war, erörtert
und auch in den Schlußvorlagen berücksichtigt hat. Ich meine
gewisse, heute nicht seltene Situationen, in denen sich Christen befinden, die
weiterhin am sakramentalen Leben teilnehmen möchten, aber daran gehindert
sind durch ihre persönliche Situation, die in Widerspruch zu ihren vor Gott
und der Kirche freiwillig übernommenen Verpflichtungen steht. Diese
Situationen erscheinen als besonders schwierig und fast unentwirrbar.
Im Verlauf der Synode haben eine Reihe von Wortmeldungen, welche die
allgemeine Ansicht der Väter hierzu zum Ausdruck brachten, hervorgehoben,
daß es angesichts dieser Fälle zwei Grundsätze gibt, die
zusammen gelten, gleich wichtig sind und sich gegenseitig bedingen. Der erste
ist der Grundsatz des Mitgefühls und der Barmherzigkeit, nach welchem die
Kirche, die in der Geschichte die Gegenwart und das Werk Christi fortsetzt, der
nicht den Tod des Sünders, sondern dessen Bekehrung und Leben will,(197)
darauf bedacht ist, das geknickte Rohr nicht zu brechen oder den glimmenden
Docht nicht zu löschen.(198) Sie ist vielmehr immer darum bemüht,
soweit es ihr möglich ist, dem Sünder den Weg der Rückkehr zu
Gott und zur Versöhnung mit ihm zu weisen. Der andere ist der Grundsatz der
Wahrheit und Folgerichtigkeit, aufgrund dessen die Kirche es nicht duldet, gut
zu nennen, was böse ist, und böse, was gut ist. Die Kirche, welche
sich auf diese beiden sich ergänzenden Grundsätze stützt, kann
ihre Söhne und Töchter, die sich in jener schmerzlichen Lage befinden,
nur dazu einladen, sich auf anderen Wegen der Barmherzigkeit Gottes zu nähern,
jedoch nicht auf dem Weg der Sakramente der Buße und der Eucharistie,
solange sie die erforderlichen Voraussetzungen noch nicht erfüllt haben.
Zu diesem Problem, das auch unser Herz als Hirten schwer bedrückt, habe
ich mich verpflichtet gefühlt, im Apostolischen Schreiben Familiaris
Consortio ein deutliches Wort zu sagen, was den Fall der wiederverheirateten
Geschiedenen betrifft(199) oder allgemein jener Christen, die unrechtmäßig
zusammenleben.
Zugleich empfinde ich es als meine besondere Pflicht, zusammen mit der
Synode die kirchlichen Gemeinschaften und vor allem die Bischöfe
aufzufordern, den Priestern, die ihren mit der Weihe übernommenen schweren
Verpflichtungen nicht nachkommen und sich deshalb in einer irregolären Lage
befinden, jede mögliche Hilfe zu gewähren. Keiner dieser Mitbrüder
darf sich von der Kirche verlassen fühlen.
Für alle diejenigen, die gegenwärtig die objektiven Bedingungen
nicht erfüllen, die vom Bußsakrament gefordert sind, können die
Beweise der mütterlichen Güte von seiten der Kirche, die Übung
anderer Formen der Frömmigkeit als die der Sakramente, das aufrichtige Bemühen
um Verbundenheit mit dem Herrn, die Teilnahme an der heiligen Messe, die häufige
Erneuerung von möglichst vollkommenen Akten des Glaubens, der Hoffnung, der
Liebe und der Reue den Weg bereiten zur vollen Versöhnung in einer Stunde,
die nur der göttlichen Vorsehung bekannt ist.
ABSCHLIESSENDER WUNSCH
35. Zum Abschluß dieses Dokumentes höre ich wie ein Echo in mir
die Ermahnung, die der erste Bischof von Rom in einem kritischen Augenblick am
Anfang der Kirche an die Gläubigen »in der Zerstreuung, ... von Gott
von jeher ausersehen«, gerichtet hat. Ich möchte sie für euch
alle wiederholen: »Seid alle eines Sinnes, voll Mitgefühl und brüderlicher
Liebe, seid barmherzig und demütig!«.(200) Der Apostel mahnt: »Seid
alle eines Sinnes...«; gleich darauf weist er auf die Sünden gegen die
Eintracht und den Frieden hin, die es zu vermeiden gilt: »Vergeltet nicht Böses
mit Bösem noch Kränkung mit Kränkung! Statt dessen segnet; denn
ihr seid dazu berufen, Segen zu erlangen«. Er schließt mit einem Wort
der Ermutigung und der Hoffnung: »Wer wird euch Böses zufügen,
wenn ihr euch voll Eifer um das Gute bemüht?«.(201)
In einer nicht weniger kritischen Stunde der Geschichte wage ich es, mich
mit meinem Schreiben der Ermahnung jenes Apostelfürsten anzuschließen,
der als erster diesen römischen Bischofssitz als Zeuge Christi und Hirte
der Kirche innehatte und gegenüber der ganzen Welt den »Vorsitz in der
Liebe« führte. Auch ich habe in Gemeinschaft mit den Bischöfen,
den Nachfolgern der Apostel, und unterstützt durch die kollegiale Beratung,
die viele von ihnen im Rahmen der Synode den Themen und Problemen der Versöhnung
gewidmet haben, im selben Geist des Fischers von Galiläa euch zurufen
wollen, was er unseren Glaubensbrüdern, die uns zeitlich zwar fern, aber
unserem Herzen so nahe sind, gesagt hat: »Seid alle eines Sinnes, ...
vergeltet nicht Böses mit Bösem ..., bemüht euch voll Eifer um
das Gute«.(202) Und er fügt hinzu: »Es ist besser, für gute
Taten zu leiden, wenn es Gottes Wille ist, als für böse«.(203)
Diese Weisung ist zutiefst geprägt von den Worten, die Petrus von Jesus
selbst gehört hat, und von Inhalten, die zur »Frohen Botschaft«
gehören: das neue Gebot gegenseitiger Liebe; Streben und Einsatz für
Einheit; die Seligpreisung der Barmherzigkeit und der Geduld in der Verfolgung
um der Gerechtigkeit willen; die Vergeltung des Bösen mit Gutem; die
Vergebung der Beleidigungen und die Feindesliebe. In diesen Worten und Themen
findet sich die ursprüngliche und alles Vorläufige übersteigende
Zusammenfassung der christlichen Ethik, oder besser und treffender, der
Spiritualität des Neuen Bundes in Jesus Christus.
Ich empfehle Gott dem Vater, der reich an Erbarmen ist, dem Sohn Gottes, der
Mensch wurde und uns erlöst und versöhnt hat, und dem Heiligen Geist,
der Quelle der Einheit und des Friedens, diesen meinen Aufruf als Vater und
Hirte zu Buße und Versöhnung. Möge die allerheiligste und
anbetungswürdige Dreifaltigkeit in der Kirche und in der Welt das kleine
Samenkorn aufkeimen lassen, das ich in dieser Stunde dem fruchtbaren Erdreich so
vieler Menschenherzen anvertraue.
Auf daß daraus an einem nicht allzu fernen Tag reiche Früchte
erwachsen, lade ich euch alle ein, euch zusammen mit mir an das Herz Jesu zu
wenden, Zeichen und Ausdruck des göttlichen Erbarmens, »Sühne für
unsere Sünden«, »unser Friede und unsere Versöhnung«,(204)
um von dorther den inneren Antrieb zu erhalten, die Sünde zu verabscheuen
und zu Gott umzukehren, und um dort die göttliche Güte zu erfahren,
die auf menschliche Reue in Liebe antwortet.
Ebenso lade ich euch ein, euch gemeinsam mit mir an das Unbefleckte Herz
Marias, der Mutter Jesu, zu wenden, in der »die Versöhnung Gottes mit
der Menschheit gewirkt worden ist... und sich das Werk der Versöhnung erfüllte,
da sie von Gott aus der Kraft des erlösenden Opfers Christi die Fülle
der Gnade empfangen hat«.(205) Dank ihrer göttlichen Mutterschaft ist
sie in Wahrheit zur »Verbündeten Gottes« im Werk der Versöhnung
geworden.(206)
Der Hand dieser Mutter, deren »Fiat« den Anfang jener »Fülle
der Zeit« anzeigt, in welcher Christus die Versöhnung des Menschen mit
Gott erwirkt hat, und ihrem Unbefleckten Herzen - dem wir wiederholt die ganze
Menschheit, die von der Sünde bedrängt und von Spannungen und
Konflikten zerrissen ist, anvertraut haben - empfehle ich heute in besonderer
Weise meinen Wunsch: Möge auf ihre Fürsprache hin die ganze Menschheit
den Weg der Buße entdecken und beschreiten, der sie allein zur vollen Versöhnung
führen kann.
Euch allen, die ihr im Geist kirchlicher Gemeinschaft in Gehorsam und
Glauben(207) die in diesem Dokument enthaltenen Hinweise, Empfehlungen und
Weisungen annehmt und euch bemüht, sie in eine lebendige pastorale Praxis
zu übertragen, erteile ich von Herzen meinen besonderen Apostolischen
Segen.
Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 2. Dezember, dem 1. Adventssonntag
1984, im siebten Jahr meines Pontifikates.
1 Mk 1, 15.
2 Vgl. JOHANNES PAUL II., Ansprache zur Eröffnung der III.
Vollsammlung des lateinamerikanischen Episkopates, III, 1-7: AAS 71
(1979) 198-204.
3 Die Sicht einer »zerrissenen Welt« ist in den Werken nicht
weniger Schriftsteller von heute, Christen und Nichtchristen, enthalten, die von
der Lage des Menschen in dieser unserer geplagten Geschichtsepoche zeugen.
4 Vgl. Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium
et spes, 43-44; Dekret über Dienst und Leben der Priester Presbyterorum
Ordinis, 12; PAUL VI., Enzyklika Ecclesiam suam: AAS 56 (1964)
609-659.
5 Über die Spaltungen am Leibe der Kirche schrieb zu ihren Anfängen
der Apostel Paulus mit flammenden Worten in jenem berühmten Abschnitt 1
Kor 1, 10-16. An dieselben Korinther wird sich Jahre danach der hl.
Klemens von Rom wenden, um die Spaltungen im Schoß jener Gemeinde
anzuprangern: vgl. Brief an die Korinther, III-VI; LVII: Patres
Apostolici, ed. FUNK, I, 103-109; 171-173. Bekanntlich ist seit den ältesten
Vätern der aus einem Stück gefertigte Rock Christi, den die Soldaten
deshalb nicht zerteilt hatten, ein Bild für die Einheit der Kirche
geworden: vgl. CYPRIAN, De Ecclesiae catholicae unitate, 7: CCL 3/1, 254
f.; AUGUSTINUS, In Ioannis Evangelium tractatus, 118, 4: CCL 36, 656 f.;
BEDA VENERABILIS, In Marci Evangelium expositio, IV, 15: CCL 120, 630;
In Lucae Evangelium expositio, VI, 23: CCL 120, 403; In S. Ioannis
Evangelium expositio, 19: PL 92, 911 f.
6 Die Enzyklika Pacem in terris, das geistliche Testament von
Johannes XXIII. (vgl. AAS 55 [1963] 257-304), wird oft als ein »soziales
Dokument« und auch als eine »politische Botschaft« angesehen, und
das ist sie auch, wenn man diese Begriffe in ihrer ganzen Breite nimmt. Dieses päpstliche
Lehrschreiben ist tatsächlich - so erscheint es mehr als zwanzig Jahre nach
seiner Veröffentlichung - nicht nur eine Strategie für das
Zusammenleben der Völker und Nationen, sondern vor allem eine eindringliche
Erinnerung an die höchsten Werte, ohne die der Friede auf Erden zu einem
bloßen Traumbild wird. Einer dieser Werte ist gerade die Versöhnung
unter den Menschen, ein Thema, auf das sich Papst Johannes XXIII. so oft bezogen
hat. Was Paul VI. betrifft, genügt es, daran zu erinnern, daß er bei
seinem Aufruf an die ganze Kirche und an alle Welt, das Heilige Jahr 1975 zu
feiern, verfügt hat, daß »Erneuerung und Versöhnung«
die zentrale Idee dieses wichtigen Jubiläumsjahres sein sollten. Hierbei dürfen
auch die Katechesen nicht unerwähnt bleiben, die er diesem Leitthema, auch
zur Verdeutlichung des Jubiläumsjahres selbst, gewidmet hat.
7 »Diese besonders dichte Zeit, in der jeder Christ dazu aufgefordert
ist, seine Berufung zur Versöhnung mit Gott, dem Vater, im Sohn Jesus
Christus tiefer zu verwirklichen«, so habe ich in der Verkündigungsbulle
zum außerordentlichen Jubiläumsjahr der Erlösung geschrieben, »erreicht
ihr Ziel nur dann voll und ganz, wenn sie in einen neuen Einsatz aller und jedes
einzelnen für den Dienst an der Versöhnung nicht nur zwischen allen Jüngern
Christi, sondern zwischen allen Menschen... einmündet«: Bulle Aperite
portas Redemptori, 3: AAS 75 (1983) 93.
8 Das Thema der Synode lautete genauer: Versöhnung und Buße
in der Sendung der Kirche.
9 Vgl. Mt 4, 17; Mk 1, 15.
10 Vgl. Lk 3, 8.
11 Vgl. Mt 16, 24-26; Mk 8, 34-36; Lk 9, 23-25.
12 Vgl. Eph 4, 23 f
13 Vgl. 1 Kor 3, 1-20.
14 Vgl. Kol 3, 1 f.
15 »Wir bitten an Christi Statt: Laßt euch mit Gott versöhnen!«:
2 Kor 5, 20
16 »Wir rühmen uns Gottes durch Jesus Christus, unseren Herrn,
durch den wir jetzt schon die Versöhnung empfangen haben«: Röm
5, 11; vgl. Kol 1, 20.
17 Das II. Vatikanische Konzil hat hervorgehoben: »In Wahrheit hängen
die Störungen des Gleichgewichts, an denen die moderne Welt leidet, mit
jener tiefer liegenden Störung des Gleichgewichts zusammen, die im Herzen
des Menschen ihren Ursprung hat. Denn im Menschen selbst sind viele widersprüchliche
Elemente gegeben. Einerseits erfährt er sich nämlich als Geschöpf
vielfältig begrenzt, andererseits empfindet er sich in seinem Verlangen
unbegrenzt und berufen zu einem Leben höherer Ordnung. Zwischen vielen Möglichkeiten,
die ihn anrufen, muß er dauernd unweigerlich eine Wahl treffen und so auf
dieses oder jenes verzichten. Als schwacher Mensch und Sünder tut er oft
das, was er nicht will, und was er tun wollte, tut er nicht (vgl. Röm
7, 14 ff.). So leidet er an einer inneren Zwiespältigkeit, und daraus
entstehen viele und schwere Zerwürfnisse auch in der Gesellschaft«:
Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium et
spes, 10.
18 Vgl. Kol 1, 19 ff.
19 Vgl. JOHANNES PAUL II., Enzyklika Dives in misericordia, IV, 5-6:
AAS 72 (1980) 1193-1199.
20 Vgl. Lk 15, 11-32.
21 Das Buch Jona ist im Alten Testament in wunderbarer Weise
Vorwegnahme und Bild dieser Seite des Gleichnisses. Die Sünde des Jona ist
es, starkes Mißfallen zu empfinden und zornig zu werden, weil Gott gnädig
und barmherzig, langmütig und voll Güte ist und sich erweichen läßt;
er ist es, dem der Rizinusstrauch leidtut, der über Nacht da war und über
Nacht wieder eingegangen ist, und nicht versteht, daß es dem Herrn leidtut
um Ninive (vgl. Jon 4).
22 Röm 5, 10 f.; vgl. Kol 1, 20-22.
23 2 Kor 5,18. 20.
24 Joh 11, 52.
25 Vgl. Kol 1, 20.
26 Sir 44, 17.
27 Eph 2, 14.
28 Eucharistisches Hochgebet III.
29 Vgl. Mt 5, 23 f.
30 Mt 27, 46; Mk 15, 34; Ps 22, 2
31 Vgl. Eph 2, 14-16.
32 LEO DER GROSSE Tractatus 63 (De passione Domini 12), 6:
CCL 138/A, 386.
33 2 Kor 5, 18f
34 Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 1.
35 »Die Kirche ist von Natur aus immer versöhnend, weil sie den
anderen das Geschenk weitergibt, das sie selbst empfangen hat, das Geschenk der
Vergebung und der Einheit mit Gott«: Johannes Paul II., Ansprache in
Liverpool (30. Mai 1982), 3: Insegnamenti, V, 2 (1982) 1992.
36 Vgl. Apg 15, 2-33.
37 Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, 13: AAS 68
(1976) 12 f.
38 Vgl. JOHANNES PAUL II., Apostolisches Schreiben Catechesi tradendae,
24: AAS 71 (1979) 1297.
39 Vgl. PAUL VI., Enzyklika Ecclesiam suam: AAS 56 (1964) 609-659.
40 2 Kor 5, 20.
41 Vgl .1 Joh 4, 8
42 Vgl. Weish 11, 23-26; Gen 1, 27; Ps 8, 4-8.
43 Vgl. Weish 2, 24.
44 Vgl. Gen 3, 12 f.; 4, 1-16.
45 Eph 2, 4.
46 Vgl. Eph 1, 10.
47 Joh 13, 34.
48 Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Pastoralkonstitution über die Kirche
in der Welt von heute Gaudium et spes, 38.
49 Vgl. Mk 1, 15.
50 2 Kor 5, 20.
51 Eph 2, 14-16.
52 Vgl. AUGUSTINUS, De Civitate Dei, XXII, 17: CCL 48, 835 f.,
THOMAS VON AQUIN, Summa Theologiae, pars III, q. 64, a. 2 ad tertium.
53 Vgl. PAUL VI., Ansprache zum Abschluß der 3. Sitzungsperiode
des II. Vatikanischen Konzils (21. November 1964): AAS 56 (1964) 1015-1018.
54 II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die Kirche
Lumen gentium, 39.
55 Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dekret über den Ökumenismus Unitatis
redintegratio, 4.
56 1 Joh 1, 8f.
57 1 Joh 3, 20; vgl. das Zitat dieser Stelle in meiner Ansprache bei
der Generalaudienz vom 14 März 1984: Insegnamenti VII, 1 (1984)
683.
58 Vgl. 2 Sam 11-12.
59 Ps 51, 5f.
60 Lk 15, 18. 21
61 »Conoscimento di sé«, wie Katharina von Siena oft
schreibt: Lettere, Florenz 1970, I, S. 3 f.; Il Dialogo della Divina
Provvidenza, Rom 1980, passim.
62 Vgl. Röm 3, 23-26.
63 Vgl. Eph 1, 18.
64 Vgl. Gen 11, 1-9.
65 Vgl. Ps 127, 1
66 2 Thess 2, 7.
67 Vgl. Röm 7, 7-25; Eph 2, 2; 6, 12.
68 Die Terminologie, die die griechische Übersetzung der Septuaginta
und das Neue Testament benutzen, wenn sie von Sünde sprechen, enthält
mehrere Bedeutungsgehalte. Das am meisten benutzte Wort ist hamartía
mit den Ableitungen aus derselben Wurzel. Diese bezeichnet eine mehr oder
weniger schwere Verfehlung gegen eine Norm oder ein Gesetz, gegen eine Person
oder sogar gegen eine Gottheit. Die Sünde wird aber auch adikía
genannt; gemeint ist hierbei das Unrechttun. Man spricht auch von parábasis
oder Übertretung; von asébeia, Gottlosigkeit, u.a. Alle
diese Ausdrucksweisen ergeben zusammen das Bild von der Sünde.
69 Gen 3, 5: ».. ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse»;
vgl. auch. v. 22.
70 Vgl. Gen 3, 12.
71 Vgl. Gen 4, 2-16.
72 Der Ausdruck stammt von der französischen Schriftstellerin ELISABETH
LESEUR: Journal et pensées de chaque jour, Ed. J. de Gigord,
Paris 1918, S. 31.
73 Vgl. Mt 22, 39; Mk 12, 31; Lk 10, 27 f.
74 Vgl. KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE, Instruktion über
einige Aspekte der »Theologie der Befreiung« Libertatis nuntius
(6. August 1984), IV, 14-15: AAS 76 (1984) 885 f.
75 Vgl. Num 15, 30.
76 Vgl. Lev 18, 26-30.
77 Vgl. Lev 19, 4.
78 Vgl. Lev 20, 1-7.
79 Vgl. Ex 21, 17.
80 Vgl. Lev 4, 2 ff.; 5, 1 ff., Num 15, 22-29.
81 Vgl. Mt 5, 28; 6, 23; 12, 31 f., 15, 19; Mk 3, 28-30; Röm
1, 29-31; 13, 13, Jak 4.
82 Vgl. Mt 5, 17; 15, 1-10; Mk 10, 19; Lk 18, 20.
83 Vgl. 1 Joh 5, 16 f.
84 Vgl. Joh 17, 3.
85 Vgl. 1 Joh 2, 22.
86 Vgl 1 Joh 5, 21.
87 Vgl. 1 Joh 5, 16-21.
88 Mt 12, 31 f.
89 Vgl. THOMAS VON AQUIN, Summa Theologiae, IIa-IIae, q. 14, aa.
1-3.
90 Vgl. 1 Joh 3, 20.
91 THOMAS VON AQUIN, Summa Theologiae, IIa-IIae, q. 14, a. 3, ad
primum.
92 Vgl. Phil 2, 12.
93 Vgl. AUGUSTINUS, De Spiritu et littera, XXVIII: CSEL 60, 202f.;
Enarrat. in ps. 39, 22: CCL 38, 441; Enchiridion ad Laurentium de
fide et spe et caritate, XIX, 71: CCL 46, 88; In Ioannis Evangelium
tractatus, 12, 3, 14: CCL 36, 129.
94 THOMAS VON AQUIN, Summa Theologiae, Ia-IIae, q. 72, a. 5.
95 Vgl. KONZIL VON TRIENT, Sessio VI, De iustificatione, Kap. 2 und
Kan. 23, 25, 27: Conciliorum Oecumenicorum Decreta, Bologna 1973³,
S. 671, 680f. (DS 1573, 1575, 1577).
96 Vgl. KONZIL VON TRIENT, Sessio VI, De iustificatione, Kap. XV:
Conciliorum Oecumenicorum Decreta, ed. cit., S. 677 (DS 1544).
97 JOHANNES PAUL II., Engel-des-Herrn vom 14. März 1982: Insegnamenti,
V, 1 (1982) 861.
98 Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium
et spes, 16.
99 JOHANNES PAUL II., Engel-des-Herrn vom 14. März 1982: Insegnamenti,
V, 1 (1982) 860.
100 PIUS XII., Radiobotschaft an den Nationalen Katechetischen Kongreß
der Vereinigten Staaten von Amerika in Boston (26. Oktober 1946): Discorsi
e Radiomessaggi, VIII (1946) 288.
101 Vgl. JOHANNES PAUL II., Enzyklika Redemptor hominis, 15: AAS
71 (1979) 286-289.
102 Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Pastoralkonstitution über die Kirche
in der Welt von heute Gaudium et spes, 3; vgl. auch 1 Joh 3, 9.
103 IOHANNES PAUL II., Ansprache an die Bischöfe der Region Ost in
Frankreich (1. April 1982), 2: Insegnamenti, V, 1 (1982) 1081.
104 1 Tim 3, 15 f.
105 Der Text bereitet darum der Interpretation eine gewisse Schwierigkeit:
Das Relativpronomen, das das wörtliche Zitat eröffnet, stimmt nicht
mit dem Neutrum mysterion überein. Einige späte Manuskripte
haben den Text verändert, um ihn grammatikalisch zu verbessern; Paulus aber
ging es lediglich darum, seinem Text einen anderen, angesehenen, zur Seite zu
stellen, der für ihn vollkommen klar war.
106 Die Urkirche glaubt an den verherrlichten Gekreuzigten, den die Engel
anbeten und der Herr ist. Das erregende Moment dieser Botschaft bleibt aber, daß
er sich »im Fleisch offenbart« hat: Das »große Geheimnis«
besteht dann, daß der ewige Sohn Gottes Mensch geworden ist.
107 1 Joh 5, 18.
108 1 Joh 3, 9.
109 1 Tim 3, 15.
110 1 Joh 1, 8.
111 1 Joh 5, 19.
112 Vgl. Ps 51, 7.
113 Vgl. Eph 2, 4.
114 Vgl. JOHANNES PAUL II., Enzyklika Dives in misericordia, 8; 15:AAS
72 (1980) 1203-1207; 1231.
115 2 Sam 12, 13.
116 Ps 51, 5.
117 Ps 51, 9.
118 2 Sam 12, 13.
119 Vgl. 2 Kor 5, 18.
120 Vgl. 2 Kor 5, 19.
121 Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute Gaudium
et spes, 92.
122 Dekret über die Hirtenaufgabe der Bischöfe in der Kirche
Christus Dominus, 13; vgl. Erklärung über die christliche
Erziehung
Gravissimum educationis, 8; Dekret über die Missionstätigkeit
der Kirche Ad gentes, 11-12.
123 Vgl. PAUL VI., Enzyklika Ecclesiam suam, III: AAS 56
(1964) 639-659.
124 Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution über die
Kirche Lumen gentium, 1.9.13.
125 PAUL VI., Apostolisches Schreiben Paterna cum benevolentia: AAS
67 (1975) 5-23.
126 Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dekret über den Ökumenismus
Unitatis redintegratio, 7-8.
127 Ebenda, 4.
128 AUGUSTINUS, Sermo 96, 7: PL 38, 588.
129 Vgl. JOHANNES PAUL II., Ansprache an die Mitglieder des
Diplomatischen Korps beim Heiligen Stuhl (15. Januar 1983), 4. 6. 11: AAS
75 (1983) 376. 378 f. 381.
130 JOHANNES PAUL II., Homilie in der Messe zum XVI. Weltfriedenstag
(1. Januar 1983), 6: Insegnamenti, VI, 1(1983) 7.
131 PAUL VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, 70: AAS
68 (1976) 59 f.
132 1 Tim 3, 15.
133 vgl. Mt 5, 23 f.
134 Vgl. Mt 5, 38-40.
135 Vgl. Mt 6, 12.
136 Vgl. Mt 5, 43 ff.
137 Vgl. Mt 18, 21 f.
138 Vgl. Mk 1, 4. 14; Mt 3, 2; 4, 17: Lk 3, 8.
139 Vgl. Lk 15, 17.
140 Lk 17, 3 f.
141 Vgl. Mt 3, 2; Mk 1, 4; Lk 3, 3.
142 Vgl. Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute
Gaudium et spes, 8. 16. 19. 26. 41. 48.
143 Vgl. Erklärung über die Religionsfreiheit Dignitatis
humanae, 2. 3. 4.
144 Vgl. unter vielen anderen die Ansprachen zu den Generalaudienzen vom 28.
März 1973: Insegnamenti, XI (1973) 294 ff.; 8. August 1973: ebenda,
772 ff.; 7. November 1973: ebenda 1054 ff.; 13. März 1974: Insegnamenti,
XII (1974) 230 ff.; 8. März 1974: ebenda, 402 ff.; 12. Februar
1975:
Insegnamenti, XIII (1975) 154 ff.; 9. April 1975: ebenda, 290
ff.; 13. Juli 1977: Insegnamenti, XV (1977) 710 ff.
145 Vgl. JOHANNES PAUL II., Engel-des-Herrn vom 17. März 1982:
Insegnamenti, V, 1 (1982) 860 f.
146 Vgl. JOHANNES PAUL II., Ansprache bei der Generalaudienz vom 17.
August 1983, 1-3: Insegnamenti, VI 2 (1983) 256 f.
147 Hebr 4, 15.
148 Vgl. Mt 4, 1-11; Mk 1, 12 f.; Lk 4, 1-13.
149 Vgl. 1 Kor 10, 13.
150 Vgl. Mt 6, 13; Lk 11, 4.
151 1 Petr 3, 21.
152 Vgl. Röm 6, 3 f.; Kol 2, 12.
153 Vgl. Mt 3, 11; Lk 3,16; Joh 1, 33; Apg
1, 5; 11,16.
154 Vgl. Mt 3, 15.
155 AUGUSTINUS, In Joannis Evangelium tractatus, 26, 13: CCL
36, 266.
156 RITENKONGREGATION, Instruktion über Feier und Verehrung des
eucharistischen Geheimnisses Eucharisticum mysterium (25. Mai 1967), 35:
AAS 59 (1967) 560 f.
157 Ps 78, 38.
158 Vgl. Joh 1, 29; Jes 53, 7.12.
159 Vgl. Joh 5, 27.
160 Vgl. Mt 9, 2-7; Lk 5, 18-25; 7, 47-49; Mk 2,
3-12.
161 Vgl. Joh 3, 17.
162 Joh 20, 22; Mt 18, 18; vgl. auch, was Petrus betrifft,
Mt 16, 19. Isaak von Stella betont in einer Predigt die volle Einheit
Christi mit seiner Kirche bei der Vergebung der Sünde: »Nichts kann
die Kirche vergeben ohne Christus, und Christus will nichts vergeben ohne die
Kirche. Vergeben kann die Kirche nur demjenigen, der bereut, das heißt,
der von Christus berührt worden ist; Christus will nichts als vergeben
ansehen bei dem, der die Kirche verachtet«: Sermo 11 (In
dominica III post Epiphaniam, I): PL 194, 1729.
163 Vgl. Mt 12, 49 f.; Mk 3, 33 f.; Lk 8, 20 f.;
Röm 8, 29: »der Erstgeborene von vielen Brüdern«.
164 Vgl. Hebr 2, 17; 4, 15.
165 Vgl. Mt 18, 12 f.; Lk 15, 4-6.
166 Vgl. Lk 5, 31 f.
167 Vgl. Mt 22, 16.
168 Vgl. Apg 10, 42.
169 Vgl. Joh 8, 16.
170 Vgl. die Ansprache an die Pönitenziare der Patriarchalbasiliken
Roms und an die Beichtväter zum Abschluß des Jubiläumsjahres der
Erlösung (9. Juli 1984): L'Osservatore Romano, 9.-10. Juli 1984.
171 Joh 8, 11.
172 Vgl. Tit 3, 4.
173 Vgl. KONZIL VON TRIENT, Sessio XIV De sacramento Paenitentiae,
Kap. I und Kanon 1: Conciliorum Oecumenicorum Decreta, Bologna 1973³,
703 f.; 711 (DS 1668-1670; 1701).
174 Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, 11.
175 Vgl. KONZIL VON TRIENT, a.a.O.
176 Vgl. Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum
Concilium,
72.
177 Vgl. Rituale Romanum ex Decreto Sacrosancti Concilii Oecumenici
Vaticani II instauratum, auctoritate Pauli VI promulgatum. Ordo Paenitentiae,
Typis Polyglottis Vaticanis, 1974.
178 Das Konzil von Trient gebraucht den zurückhaltenden Ausdruck »eine
Art von Gerichtsverfahren« (Sessio XIV, De sacramento Paenitentia,
Kap 6:
Conciliorum Oecumenicorum Decreta, Bologna 1973³, 707 (DS
1685), um so den Unterschied zu weltlichen Gerichtshöfen zu unterstreichen.
Auch der neue Bußritus spielt hierauf an: Nr. 6 b und 10 a.
179 Vgl. Lk 5, 31 f.: »Nicht die Gesunden brauchen den Arzt,
sondern die Kranken«, mit der abschließenden Feststellung: »Ich
bin gekommen, um die Sünder zur Umkehr zu rufen,...«; Lk 9, 2:
»Und er sandte sie aus mit dem Auftrag, das Reich Gottes zu verkünden
und zu heilen«. Das Bild Christi als eines Arztes erscheint in einem neuen,
beeindruckenden Licht, wenn wir es in einen Zusammenhang bringen mit der Gestalt
jenes »Knechtes Yahwe«, von dem das Buch Jesaja prophetisch
sagt: »Er hat unsere Krankheiten getragen und unsere Schmerzen auf sich
genommen«, und »durch seine Wunden sind wir geheilt« (Jes
53, 4 f.).
180 AUGUSTINUS, Sermo 82, 8: PL 38, 511.
181 Vgl. AUGUSTINUS, Sermo 352, 3. 8-9: PL 39, 1558 f.
182 Vgl. Ordo Paenitentiae, 6c.
183 Schon die Heiden - wie Sophokles (Antigone, vv. 450-460) und
Aristoteles (Rhetor., Buch I, Kap. 15, 1375 a-b) - erkannten die
Existenz von »göttlichen« moralischen Normen an, die »schon
immer« beständen und dem Herzen des Menschen tief eingeschrieben
seien.
184 Zu dieser Rolle des Gewissens vgl. Ansprache zur Generalaudienz vom 14.
März 1984: Insegnamenti VII, 1 (1984) 683.
185 Vgl. KONZIL VON TRIENT, Sessio XIV, De sacramento Paenitentiae,
Kap. IV,
De contritione: Conciliorum Oecumenicorum Decreta, ed. cit., 705 (DS
1676-1677). Bekanntlich genügt für den Empfang des Bußsakramentes
die
attritio, das heißt die unvollkommene Reue, die mehr von Furcht
als von Liebe getragen ist; unter dem Wirken des Heiligen Geistes, den der
reuige Sünder empfängt, wird dieser aus einem attritus zu
einem contritus, da das Bußsakrament dem Beichtenden, der die
rechte Einstellung mitbringt, zur Bekehrung aus Liebe
verhilft: vgl. KONZIL VON TRIENT, a.a.O. 705 (DS 1678).
186 Ordo Paenitentiae, 6a.
187 Vgl. Ps 51, 14.
188 Von all diesen grundlegenden Aspekten der Buße habe ich bei
folgenden Generalaudienzen gesprochen: 19. Mai 1982: Insegnamenti, V, 2
(1982) 1758 ff.; 28. Februar 1979: Insegnamenti, II (1979) 475-478; 21.
März 1984:
Insegnamenti, VII, 1 (1984) 720-722. Es wird außerdem an die
Normen des Kirchenrechtes zum Ort der Spendung des Bußsakramentes und über
den Beichtstuhl erinnert (can. 964 § 2 und 3).
189 Ich habe dieses Thema kurz behandelt bei der Generalaudienz vom 7. März
1984: Insegnamenti, VII, 1 (1984) 631-633.
190 Vgl. Gen 4, 7. 15.
191 Vgl. 2 Sam 12.
192 Vgl. Lk 15, 17-21.
193 Vgl. II. VATIKANISCHES KONZIL, Dekret über Leben und Dienst der
Priester Presbyterorum Ordinis, 18.
194 Ordo Paenitentiae, 7 b.
195 Ordo Paenitentiae, 17.
196 Kanones 961-963.
197 Vgl. Ez 18, 23.
198 Vgl. Jes 42, 3; Mt 12, 20.
199 Vgl. Apostoliches Schreiben Familiaris consortio, 84; AAS
74 (1982) 184-186.
200 1 Petr 1, 1 f. und 3, 8.
201 1 Petr 3, 9. 13.
202 Petr 3, 8. 9. 13.
203 1 Petr 3, 17.
204 Litanei vom Heiligsten Herzen Jesu; vgl. 1 Joh 2, 2; Eph
2, 14; Röm
3, 25; 5, 11.
205 JOHANNES PAUL II., Ansprache zur Generalaudienz vom 7. Dezember
1983, 2:
Insegnamenti, VI, 2 (1983) 1264.
206 JOHANENS PAUL II., Ansprache zur Generalaudienz vom 4. Januar
1984:
Insegnamenti, VII, 1 (1984) 16-18.
207 Vgl. Röm 1, 5; 16, 26.
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