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APOSTOLISCHE REISE VON PAPST FRANZISKUS
 NACH MAROKKO
[30.-31. MÄRZ 2019]

TREFFEN MIT PRIESTERN, ORDENSLEUTEN, PERSONEN DES GEWEIHTEN LEBENS
UND DEM ÖKUMENISCHEN KIRCHENRAT

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS

Kathedrale von Rabat
Sonntag, 31. März 2019

[Multimedia]


 

Liebe Schwestern und Brüder, bonjour à tous!

Ich freue mich sehr, mit Euch zusammentreffen zu können. Ich danke besonders Pater Germain und Schwester Mary für ihre Zeugnisse. Gerne begrüße ich auch die Mitglieder des Ökumenischen Kirchenrates, der hier in Marokko die gelebte Gemeinschaft zwischen Christen verschiedener Konfessionen auf dem Weg zur Einheit sichtbar werden lässt. Die Christen sind in diesem Land nur eine kleine Minderheit. In meinen Augen stellt diese Tatsache aber kein Problem dar, auch wenn ich zugestehe, dass das manchmal für einige schwer zu leben ist. Eure Situation erinnert mich an die Frage Jesu: »Wem ist das Reich Gottes ähnlich, womit soll ich es vergleichen? [...] Es ist wie der Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Sea Mehl verbarg, bis das Ganze durchsäuert war« (Lk 13,18.21). Wenn wir diese Worte des Herrn umschreiben, könnten wir uns fragen: wem gleicht ein Christ in diesem Land? Mit was kann ich ihn vergleichen? Er ist wie ein bisschen Sauerteig, den die Mutter Kirche mit einer Menge Mehl vermischen will, damit das Ganze durchsäuert wird. Jesus hat uns nämlich nicht erwählt und ausgesandt, damit wir die Mehrheit werden! Er hat uns zu einer Sendung berufen. Er hat uns in die Gesellschaft gestellt, so wie das bisschen Sauerteig: der Sauerteig der Seligpreisungen und der brüderlichen Liebe, in dem wir uns als Christen alle wiederfinden, um das Reich Gottes zu vergegenwärtigen. Da kommt mir der Ratschlag in den Sinn, den der heilige Franziskus seinen Brüdern gab, als er sie aussandte: „Geht und verkündet das Evangelium, wenn nötig, auch mit Worten“.

Liebe Freunde, das bedeutet, dass unsere Sendung als Getaufte, als Priester und Gottgeweihte, nicht wirklich von der Anzahl oder vom Umfang der Räume bestimmt wird, die wir besetzen, sondern von der Fähigkeit, Verwandlung, Erstaunen und Mitleid zu bewirken; davon, wie wir als Jünger Jesu leben, inmitten derer, deren tägliches Leben wir teilen, ihre Freude, ihre Trauer, ihre Schmerzen und ihre Hoffnung (vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 1). Anders ausgedrückt: Die Wege der Mission führen nicht über den Proselytismus. Bitte kein Proselytismus! Erinnern wir uns an Benedikt XVI.: „Die Kirche wächst nicht durch Proselytismus, sondern durch Anziehung, durch ihr Zeugnis.“ Sie führen nicht über den Proselytismus, der immer in einer Sackgasse endet, sondern über unsere Nähe zu Jesus und den Mitmenschen. Das Problem ist also nicht, wenige zu sein, sondern unbedeutend, so wie das Salz, das den Geschmack des Evangeliums verloren hat – das ist das Problem! – oder ein Licht, das nichts mehr erhellt (vgl. Mt 5,13-15).

Ich denke, dass die Sorge entsteht, wenn uns Christen der Gedanke beherrscht, nur dann Bedeutung zu besitzen, wenn wir eine Masse sind und Räume besetzen. Ihr wisst ganz genau, dass es im Leben darum geht, als Sauerteig dort „durchzusäuern“, wo wir uns befinden und mit wem wir uns befinden, auch wenn das augenscheinlich keine greifbaren und unmittelbaren Vorteile bringt (vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 210). Denn Christ sein bedeutet nicht, einer Lehre zuzustimmen, oder zu einem Gotteshaus gehören oder zu einer ethnischen Gruppe. Christ sein ist eine Begegnung, eine Begegnung mit Jesus Christus. Wir sind Christen, weil wir geliebt wurden und uns jemand begegnet ist. Wir sind nicht das Resultat eines Proselytismus. Christ zu sein bedeutet, sich der eigenen Vergebung bewusst zu sein und sich aufgerufen zu wissen, so zu handeln, wie Gott an uns gehandelt hat. Denn »daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt« (Joh 13,35).

Im Anbetracht des Kontextes in dem ihr, liebe Schwestern und Brüder, eure Taufberufung, euern Dienst, eure Weihe leben sollt, kommen mir die Worte des Heiligen Paul VI. in der Enzyklika Ecclesiam suam in den Sinn: »Die Kirche muss zu einem Dialog mit der Welt kommen, in der sie nun einmal lebt. Die Kirche macht sich selbst zum Wort, zur Botschaft, zum Dialog« (Nr. 67). Die Behauptung, dass die Kirche in Dialog treten muss, ist nicht eine Modeerscheinung – „Dialog“ ist heute ein Modewort, aber das ist nicht gemeint –, und auch keine Strategie, um die Mitgliedszahlen zu erhöhen, nein, auch keine Strategie. Die Kirche muss aus Treue zu ihrem Herrn und Meister in Dialog treten. Dieser hat von Anfang an, aus Liebe, in Dialog treten wollen, so wie ein Freund um uns einzuladen, an seiner Freundschaft teilzuhaben (vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Dei Verbum, 2). So sind wir als Jünger Jesu Christi vom Tag unserer Taufe an dazu berufen, an diesem Dialog des Heils und der Freundschaft, dessen erste Beschenke wir sind, teilzuhaben.

In diesem Land lernt der Christ ein lebendiges Sakrament des Dialogs zu sein, den Gott mit jeder Frau und jedem Mann in jedweder Lebenssituation aufnehmen will. Diesen Dialog haben wir deshalb auf Jesu Weise zu führen, so wie er, gütig und von Herzen demütig (vgl. Mt 11,29), mit einer brennenden und uneigennützigen Liebe, ohne Berechnungen und Begrenzungen und mit Respekt vor der persönlichen Freiheit. In dieser Geisteshaltung finden wir ältere Geschwister, die uns den Weg weisen, weil sie mit ihrem Leben bezeugt haben, dass das möglich ist, ein „hoher Maßstab“ der uns herausfordert und anfeuert. Wie sollten wir da nicht an Franz von Assisi denken, der inmitten eines Kreuzzuges zum Sultan Abdel Malik ging, um ihn zu treffen? Oder an den seligen Charles de Foucault: tief getroffen vom demütigen und verborgenen Leben Jesu in Nazareth, den er in der Stille anbetete, wollte er ein „universaler Bruder“ sein. Oder denken wir an jene Schwestern und Brüder, die die Solidarität mit einem Volk bis zur Hingabe des eigenen Lebens gewählt haben. Wenn also die Kirche in Treue zu ihrer vom Herrn empfangenen Sendung mit der Welt in Dialog tritt und so zu einem „Zwiegespräch“ wird, dann hat sie Teil am Anbruch der Brüderlichkeit, die ihren tiefsten Ursprung nicht in uns hat, sondern in der Vaterschaft Gottes.

Diesen heilsmäßigen Dialog müssen wir Gottgeweihte vor allem als Fürsprache für das uns anvertraute Volk leben. Ich erinnere mich, einmal mit einem Priester gesprochen zu haben, der sich wie ihr in einem Land befand, in dem die Christen die Minderheit sind. Für ihn hatte das Gebet des Vaterunser eine besondere Bedeutung gewonnen. Wenn er es inmitten von Menschen anderer Religionen betete, fühlte er die Kraft der Worte „unser tägliches Brot gib uns heute“. Das fürbittende Gebet des Missionars auch für dieses Volk, das ihm in einem gewissen Sinn nicht zum Betreuen sondern zum Lieben anvertraut war, hat in ihm dazu geführt, dieses Gebet mit einem besonderen Ton und einem besonderen Geschmack zu beten. Die gottgeweihte Person, der Priester, trägt auf seinen Altar und in seinem Gebet das Leben der Leute seines Landes mit. Damit hält er wie durch eine kleine Einflugschneise in diesem Land die lebensspendende Kraft des Geistes am Strömen. Es ist schön zu wissen, dass in den unterschiedlichen Gegenden dieser Welt die Schöpfung durch unsere Stimmen weiter seufzen und beten kann: „Vater unser“.

Es ist ein Dialog, der eben zum Gebet wird und den wir jeden Tag konkret umsetzen können im Namen »der „Brüderlichkeit aller Menschen“, die alle Menschen umfasst, vereint und gleich macht an Würde. Im Namen dieser Brüderlichkeit, welche durch die politischen Bestrebungen von Integralismus und Spaltung sowie durch maßlos gewinnorientierte Systeme und abscheuliche ideologische Tendenzen, die die Handlungen und Schicksale der Menschen manipulieren, entzweit wird« (Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen, Abu Dhabi, 4. Februar 2019). Es ist ein Gebet, das nicht unterscheidet, trennt oder ausgrenzt, sondern das Leben unseres Nächsten miteinbezieht; es ist ein Fürbittgebet, das befähigt, zum Vater zu sagen: »Dein Reich komme«. Nicht mit Gewalt, nicht mit Hass, nicht mit ethnischer, religiöser, wirtschaftlicher oder sonst irgendeiner Überlegenheit dieser Art, sondern mit der Kraft des Mitgefühls, das sich vom Kreuz her auf alle Menschen erstreckt. Das ist die Erfahrung der meisten von euch.

Ich danke Gott für das, was ihr als Jünger Jesu Christi hier in Marokko getan habt, indem ihr täglich im Dialog, in der Zusammenarbeit und in der Freundschaft die Mittel findet, um Zukunft und Hoffnung zu säen. So schafft ihr es, alle Versuche zu entlarven und anzuzeigen, die Unterschiede und Unwissenheit ausnutzen, um Angst, Hass und Konflikte zu säen. Denn wir wissen, dass Angst und Hass, da wo sie genährt und bewusst eingesetzt werden, unsere Gemeinschaften destabilisieren und verwundbar machen.

Ich ermutige euch, und habe dabei nur diesen einen Wunsch, die Gegenwart und Liebe Christi sichtbar zu machen, der unseretwegen arm wurde, um uns durch seine Armut reich zu machen (vgl. 2 Kor 8,9): Bleibt denen nahe, die so oft auf der Strecke bleiben, den Kleinen und Armen, den Gefangenen und Migranten. Eure Liebe sei immer eine tätige Liebe, und damit ein Weg der Gemeinschaft der Christen aller in Marokko vertretenen Konfessionen: eine Ökumene der Nächstenliebe. Möge sie auch ein Weg des Dialogs und der Zusammenarbeit mit unseren muslimischen Brüdern und Schwestern und mit allen Menschen guten Willens sein. Die Liebe, insbesondere zu den Schwächsten, ist die beste Gelegenheit, um auch zukünftig eine Kultur der Begegnung zu fördern. Sie möge schließlich dazu führen, dass die verwundeten, leidenden und ausgeschlossenen Menschen sich im Zeichen der Brüderlichkeit als Mitglieder der einen Menschheitsfamilie erkennen können. Es liege euch als Jüngerinnen und Jünger Jesu Christi, in diesem Geist des Dialogs und der Zusammenarbeit, immer am Herzen, euren Beitrag für Gerechtigkeit und Frieden, zur Erziehung der Kinder und Jugendlichen, zum Schutz und zur Begleitung älterer, schwacher, behinderter und unterdrückter Menschen zu leisten.

Brüder und Schwestern, ich danke euch allen noch einmal für eure Anwesenheit und eure Mission hier in Marokko. Ich danke euch für die Beständigkeit eurer demütigen und diskreten Gegenwart nach dem Beispiel unserer ältesten Vertreter gottgeweihten Lebens, unter denen ich die „Dekanin“ Schwester Ersilia, begrüßen möchte. Mit dir, liebe Schwester, grüße ich herzlich die älteren Schwestern und Brüder, die aufgrund ihres Gesundheitszustandes nicht körperlich anwesend, aber durch das Gebet mit uns verbunden sind.

Ihr alle seid Zeugen einer glorreichen Geschichte, weil sie eine Geschichte der Opfer, der Hoffnung, des täglichen Kampfes, eines sich im Dienst verzehrenden Lebens, der Beständigkeit in harter Arbeit ist, denn jede Arbeit geschieht im „Schweiß unseres Angesichts“ (vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii Gaudium, 96). Aber lasst mich euch auch sagen: »Ihr sollt euch nicht nur einer glanzvollen Geschichte erinnern und darüber erzählen, sondern ihr habt eine große Geschichte aufzubauen! Blickt in die Zukunft, lasst euch auf die Zukunft ein, in die der Geist euch versetzt« (vgl. Nachsynodales Apostolisches Schreiben Vita consecrata, 110), um weiterhin ein lebendiges Zeichen jener Brüderlichkeit zu sein, zu der uns der Vater berufen hat, ohne dabei nur auf die eigenen Kräfte zu setzen und ohne zu resignieren, sondern als Gläubige, die wissen, dass der Herr uns immer vorausgeht und dort Räume der Hoffnung öffnet, wo etwas oder jemand verloren schien.

Der Herr segne einen jeden und eine jede von euch. Und durch euch segne er die Mitglieder aller eurer Gemeinschaften. Möge sein Geist euch helfen, reiche Frucht zu bringen: Früchte des Dialogs, der Gerechtigkeit, des Friedens, der Wahrheit und der Liebe, damit hier, in diesem von Gott geliebten Land, die Brüderlichkeit aller Menschen weiter gedeihe. Und vergesst bitte nicht, für mich zu beten. Danke!

[Vier Kinder kommen zum Papst. Er sagt zu ihnen: »Voici le futur! Le maintenant et le futur!«.]

Und jetzt stellen wir uns unter den Schutz der Jungfrau Maria und beten den Angelus.

 



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