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VIDEOBOTSCHAFT DES HEILIGEN VATERS
AN DIE TEILNEHMER DES
FESTIVALS DER KIRCHLICHEN SOZIALLEHRE

[Verona, 26.-29. November 2020]

[Multimedia]


 

Einen herzlichen Gruß an den Bischof und euch alle, die ihr in Verona und verschiedenen anderen über Internet verbundenen italienischen Städten am Festival der kirchlichen Soziallehre teilnehmt, das mit einer kreativen Methode einen Austausch in Gang bringen möchte zwischen Akteuren, die sich in ihrer Sensibilität und Handlungsweise unterscheiden, aber im Aufbau des Gemeinwohls dasselbe Ziel haben. Das Festival ist anders als sonst, weil wir mit der immer noch andauernden Pandemie zu kämpfen haben, ein Szenarium, das Schwierigkeiten sowie gravierende persönliche und soziale Verwundungen mit sich bringt

Und es ist auch etwas anders als sonst, weil zum ersten Mal Don Adriano Vincenzi nicht mehr unter euch ist, um diese Bildungsinitiative zu unterstützen, die mittlerweile zum zehnten Mal stattfindet. Wir wollen Seiner gedenken mit dem Hinweis auf ein wesentliches Merkmal seines Dienens, mit passenden Worten aus dem, was ich in meiner letzten Enzyklika Fratelli tutti geschrieben habe: »Es ist eine edle Haltung, Prozesse in der Hoffnung auf die geheime Kraft des ausgesäten Guten anzustoßen, deren Früchte von anderen geerntet werden« (Nr. 196).

In diesem Jahr habt ihr das Thema gewählt: »Gedächtnis der Zukunft«. Es mag ein wenig seltsam klingen, aber es ist kreativ: »Gedächtnis der Zukunft«. Es fordert uns zu jener kreativen Haltung auf, die wir als »die Zukunft frequentieren« bezeichnen könnten. Für uns Christen hat die Zukunft einen Namen und dieser Name lautet Hoffnung. Hoffnung ist die Tugend eines Herzens, das sich nicht im Dunkel verschließt, nicht bei der Vergangenheit stehenbleibt, nicht in der Gegenwart dahinvegetiert, sondern das Morgen zu sehen versteht. Was bedeutet das »Morgen« für uns Christen? Es ist das erlöste Leben, die Freude über das Geschenk der Begegnung mit der dreifaltigen Liebe. In diesem Sinn bedeutet KircheSein, dass der Blick und das Herz kreativ und eschatologisch ausgerichtet sind, ohne der Versuchung der Nostalgie nachzugeben, die eine wahre geistliche Krankheit ist.

Ein russischer Denker, Vjacˇeslav Ivanovicˇ Ivanov, sagt, dass nur das wirklich existiert, woran Gott sich erinnert. Daher liegt die christliche Dynamik nicht darin, nostalgisch an der Vergangenheit festzuhalten, sondern vielmehr den Zugang zum ewigen Gedächtnis des Vaters zu finden. Und das ist möglich, wenn man ein Leben der Nächstenliebe lebt. Daher: nicht Nostalgie, die die Kreativität blockiert und auch im sozialen, politischen und kirchlichen Bereich rigide, ideologische Menschen aus uns macht; sondern vielmehr das Erinnern, das so eng an Liebe und Erfahrung gebunden ist, dass es eine der tiefsten Dimensionen der menschlichen Person wird. Wir alle sind in der Taufe zum Leben geboren worden. Wir haben das Leben zum Geschenk erhalten, das Gemeinschaft mit Gott, mit den anderen und mit der Schöpfung ist. Wir sind daher aufgerufen, das Leben in der Gemeinschaft mit Gott zu verwirklichen, das heißt in der Intimität des Gebets in der Gegenwart des Herrn; in der Liebe zu den Menschen, denen wir begegnen, das heißt in der Nächstenliebe, und schließlich gegenüber der Mutter Erde, was bedeutet, einen Prozess der Verwandlung der Welt in Gang zu setzen. Das Leben, das wir als Geschenk erhalten haben, ist das Leben Christi, und wir können nicht als Glaubende in der Welt leben, wenn wir nicht sein Leben in uns bezeugen. Im Leben der dreifaltigen Liebe verwurzelt, werden wir fähig zur Erinnerung, zur Erinnerung Gottes. Und nur das, was Liebe ist, fällt nicht dem Vergessen anheim, gerade weil es seinen Daseinsgrund in der Liebe des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes findet. In dieser Hinsicht muss unser gesamtes Leben in gewisser Weise Liturgie sein, eine »anamnesis«, ein ewiges Gedenken des Pascha Christi.

Das ist also der Sinn des diesjährigen Festivals: Das Gedächtnis der Zukunft zu leben bedeutet, sich dafür einzusetzen, dass die Kirche, das große Volk Gottes (vgl. Lumen gentium, 6), auf der Erde Anfang und Keim des Gottesreiches sein kann. Als Gläubige leben, die in die Gesellschaft eingetaucht sind und das Leben Gottes offenbaren, das wir in der Taufe als Geschenk erhalten haben, damit wir jetzt Gedächtnis halten können an das zukünftige Leben, in dem wir gemeinsam vor dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist sein werden. Diese Haltung hilft uns, die Versuchung der Utopie zu überwinden, die Verkündigung des Evangeliums auf eine rein soziologische Perspektive zu beschränken und uns vom »Marketing« der verschiedenen wirtschaftlichen Theorien oder politischen Gruppen vereinnahmen zu lassen. In der Welt mit der Kraft und der Kreativität des göttlichen Lebens in uns: so werden wir das Herz und den Blick der Menschen für das Evangelium Jesu zu faszinieren wissen, wir werden helfen, Projekte einer neuen inklusiven Wirtschaft und einer Politik heranreifen zu lassen, die zur Liebe fähig ist.

Ein Wort möchte ich noch besonders an die verschiedenen Akteure gesellschaftlichen Lebens richten, die zu diesem Festival versammelt sind: an die Unternehmer, Fachleute, Vertreter der Institutionen, der Genossenschaften, der Wirtschaft und der Kultur: Engagiert euch weiterhin und folgt dabei dem Weg, den Don Adriano Vincenzi gemeinsam mit euch vorgezeichnet hat, um die kirchliche Soziallehre zu kennen und darin ausgebildet zu sein. Brückenbauer: diejenigen, die hier einander begegnen, mögen keine Mauern finden, sondern Gesichter… Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten. Danke.

 



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