ANSPRACHE VON PAPST LEO XIV.
AN DIE TEILNEHMER DES PROJEKTS „POLICORO” DER ITALIENISCHEN BISCHOFSKONFERENZ
Sala Clementina
Samstag, 21. Februar 2026
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Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Der Friede sei mit euch!
Liebe Mitbrüder im Bischofsamt,
liebe Brüder und Schwestern,
guten Tag und herzlich willkommen!
Das Projekt »Policoro« feiert sein 30-jähriges Jubiläum: ein Anlass, der uns dazu bewegen muss, mit Dankbarkeit und Vertrauen nach vorn zu blicken. Ihr jungen Menschen seid das schöne Antlitz eines Italiens, das sich nicht aufgibt, das nicht resigniert, sondern die Ärmel hochkrempelt und wieder aufsteht. In diesen drei Jahrzehnten habt ihr eine ungeheure Fülle des Guten gesät, das es wert ist, erzählt zu werden: junge Menschen, die sich im sozialen und politischen Leben engagiert haben; Lebenswege, die durch das Evangelium und die Soziallehre der Kirche neue Motivation gefunden haben.
Viele »Nein« wurden gesprochen gegen-über billigen Lösungen wie Korruption, Ausbeutung der Arbeit und Ungerechtigkeit; einige der von der Mafia beschlagnahmten Güter wurden im sozialen Bereich investiert; Genossenschaften sind entstanden, die Städte und Gebiete zum Blühen gebracht haben; zahlreiche junge Menschen wurden auf ihrem Weg begleitet, unternehmerische Initiativen zu gründen. Darüber hinaus habt ihr unzählige Stunden in den Schulen und Pfarreien verbracht, um das Gespür für den Sinn von Arbeit und Gerechtigkeit zu erziehen, zum Frieden heranzubilden und für das Gemeinwohl zu sensibilisieren. Ihr habt die Wunden junger Menschen geheilt, die an den Rand gedrängt, enttäuscht und entmutigt waren. Danke für all das Gute, das ihr gesät habt! Danke, weil ihr klar erkannt habt, dass kein junger Mensch im Leben »auf der Ersatzbank« sitzen bleiben darf, sondern unterstützt werden muss, um seine Träume zu verwirklichen und die Welt zu bessern.
Es war im Jahr 1995, als das »Progetto Policoro« dank der pastoralen Kreativität der nationalen Verantwortlichen für Sozialpastoral, Caritas und Jugendseelsorge der Italienischen Bischofskonferenz seine ersten Schritte tat. Der »Convegno ecclesiale« (kirchliche Tagung) von Palermo hatte zu einer besonderen Aufmerksamkeit für den Süden des Landes aufgerufen. Das »Progetto« war eine Antwort auf diesen Ruf, und im Laufe der Zeit ist es gewachsen, indem es sich den neuen Anforderungen stellte und vor allem die Welt der Arbeit evangelisieren wollte. Verschiedene Personen haben einander in der Verantwortung für Ausbildung und Begleitung abgelöst, in einer Staffel, die bis heute fortdauert. Jede von ihnen hat zum Wachstum des »Progetto« in den einzelnen Gebieten beigetragen. Die koordinierte Arbeit vieler hat die Kräfte und Früchte vervielfacht. So ist ein lebendiges und junges Bild dessen entstanden, was die Kirche im Dienst des Landes sein kann und sein muss. Für all dies sagen wir dem Herrn Dank, der euch durch die Kraft des Heiligen Geistes im sozialen Bereich lebendig und fruchtbar werden hat lassen, fähig, das Leben zu lieben.
Euer Einsatz ist weiterhin notwendig, gerade in einer Zeit des demographischen Winters, der Entvölkerung der verletzlichsten Regionen des Landes und der Gefahr, dass junge Menschen entmutigt werden und sich verschließen. Niemand darf vernachlässigt werden. Niemand darf sich verlassen fühlen. Das »Progetto Policoro« ist als kirchliche Erfahrung entstanden und Frucht der schöpferischen Kraft einer Kirche, die nicht nur etwas für die jungen Menschen tun will, sondern sie zu Protagonisten ihres eigenen Weges und der Zukunft jedes Gebiets macht. Mit euch sind wir Kirche im Dienst an der Welt, wie Hefe im Teig.
Eine der schönsten Erfahrungen, die ihr täglich macht, ist jene der Begleitung: Die Diözesen wählen euch und leiten euch an, und ihr steht dann jungen Menschen zur Seite, die ihren Weg in Arbeit, Wirtschaft und Gesellschaft suchen. Auf diese Weise hat sich euer Einsatz als Antwort auf die soziale und arbeitsbezogene Krise des »Mezzogiorno« zu einem erneuerten Engagement auch in anderen Regionen ausgeweitet. Es ist immer die Stunde gekommen, mit eurem Enthusiasmus und eurer Sensibilität selbst die undurchdringlichsten Orte und die resigniertesten Menschen anzustecken. Wenn ihr nach vorn blickt, verliert nicht die Bezugspunkte aus dem Auge, die euch bis hierhergeführt haben und es euch ermöglichen werden, noch lange weiterzugehen. In diesem Moment möchte ich sie euch allen sozusagen neu anvertrauen.
Der Kompass eures Engagements ist das Evangelium: In ihm liegt die wahre Kraft, welche die Herzen und die Welt verwandelt. Don Mario Operti, zusammen mit Giuseppe Pasini einer der Gründer des »Progetto«, schrieb: »Wenn wir so arm wären, dass wir den anderen nichts geben könnten, dann würden wir vielleicht umso stärker den Reichtum des Evangeliums erkennen, das das Leben der Leute wirklich verändern und den Menschen helfen kann, ihren Weg zu gehen«.(1)
Ein zweiter Bezugspunkt ist die Soziallehre der Kirche. Das Studium der Soziallehre befähigt euch, diese Zeit zu lieben, und es verleiht euch die Werkzeuge, die Wirklichkeit zu deuten. Lasst euch nicht von Un-heilspropheten betören, die alles negativ sehen; seid aber auch nicht so naiv zu glauben, alles sei gut. So sagt uns der heilige Paulus: »Löscht den Geist nicht aus! Verachtet prophetisches Reden nicht! Prüft alles und behaltet das Gute!« (1 Thess 5,19-21). Die Zentralität der menschlichen Person, das Gemeinwohl, die Solidarität, die Subsidiarität, die universale Bestimmung der Güter, die Teilhabe, die ganzheitliche Ökologie und der Friede leiten uns beim Aufbau einer Gesellschaft, die dem liebenden Plan Gottes für die Menschheit entspricht.
Die dritte Ressource ist die Gemeinschaft als eine Art von »Brutkasten« für die Zukunft. Die gegenwärtige Kultur neigt dazu, uns isoliert und in Konkurrenz zueinander zu denken. Doch Arbeit, Wirtschaft, Politik und Kommunikation gründen nicht auf dem Genie einzelner einsamer Führungspersönlichkeiten, sondern auf Menschen, die in sozialen Beziehungen erfahren sind. Wo das gemeinschaftliche Leben wächst, in der Gesellschaft wie in der Kirche, dort entstehen die Voraussetzungen dafür, dass das Leben keimen kann. Ihr werdet fruchtbar sein, sooft ihr die Netze der Gemeinschaft pflegt. Intelligenz, Talent, Wissen, soziale Organisation und Arbeitsamkeit entfalten sich dank gelungener Beziehungen. Wenn ihr gemeinsam träumt, wenn ihr Zeit darauf verwendet, gemeinsame Wege wachsen zu lassen, wenn ihr eure Städte liebt, dann werdet ihr wie das Salz sein, das allem Geschmack verleiht (vgl. Mt 5,13).
Vergesst schließlich nicht, dass ihr viele Väter und Mütter im Geist habt, die für Städte und Regionen und für das ganze Land zu Bezugspunkten geworden sind: Es sind die Heiligen und Zeugen, deren soziales Engagement Quell der Erneuerung im zivil-gesellschaftlichen und karitativen Bereich war. Wie könnte man nicht Gestalten nennen wie Franz von Assisi, dessen Tod sich zum 800. Mal jährt, Katharina von Siena, Johannes Bosco, Bartolo Longo, Francesca Cabrini, Armida Barelli, Luigi Sturzo, Pier Giorgio Frassati, Alberto Marvelli, Giorgio La Pira, Lorenzo Milani, Primo Mazzolari, Maria di Campello, Aldo Moro, Tina Anselmi, Pino Puglisi, Tonino Bello und Annalena Tonelli? Die Liste ließe sich fortsetzen, und das ist etwas Wunderschönes. Es ist eine Übung, zu der ich euch einlade: Lernt die Lebensgeschichten kennen, die von der Gegenwart des Geistes an den Orten geprägt sind, an denen ihr lebt. Lernt sie kennen und erzählt von ihnen. Ein Strom der Heiligkeit hat unsere Gemeinschaften fruchtbar gemacht. Er ist das konkrete Zeichen dafür, dass Gott uns niemals allein lässt. Er hat uns geliebt, er liebt uns weiterhin, und er wird nicht müde, durch Menschen aus Fleisch und Blut gegenwärtig zu sein, die fähig sind, das soziale Leben zu verwandeln und die Welt der Arbeit zu evangelisieren. Von ihnen lernt ihr den Mut und die tägliche Offenheit für die Gnade.
Meine Lieben, geht gemeinsam voll Vertrauen voran. Italien und Europa brauchen euch und euren Enthusiasmus. Hört niemals auf zu träumen und Verbindungen zu knüpfen mit anderen jungen Menschen in Europa und auf anderen Kontinenten, die wie ihr die Kirche lieben und in ihrem Namen in der Gesellschaft wirken. Ich verfolge euch mit Hoffnung, gedenke euer im Gebet und erteile von Herzen euch und euren Familien den Apostolischen Segen. Danke!
Fußnote
1 M. Operti, In cammino ogni giorno. Vangelo, giovani, lavoro, Teramo 2020, 178.
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