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BENEDIKT XVI.

GENERALAUDIENZ

Petersplatz
Mittwoch, 26. September
2012

[Video]

 

Liebe Brüder und Schwestern!

In diesen Monaten sind wir einen Weg im Licht des Wortes Gottes gegangen, um zu lernen, immer wahrhaftiger zu beten. Wir haben dabei einige große Gestalten des Alten Testaments, die Psalmen, die Briefe des hl. Paulus und die Apokalypse betrachtet, vor allem aber die einzigartige und grundlegende Erfahrung Jesu in seiner Beziehung zum himmlischen Vater. In der Tat ist der Mensch nur in Christus fähig, sich mit Gott zu vereinen, mit der Tiefe und der Vertrautheit eines Sohnes gegenüber einem Vater, der ihn liebt; nur in ihm können wir uns in aller Wahrheit an Gott wenden und ihn liebevoll »Abba, Vater« nennen. Wie die Apostel haben auch wir in diesen Wochen immer wieder zu Jesus gesagt und sagen auch heute wieder: »Herr, lehre uns beten« (Lk 11,1). Außerdem haben wir gelernt, den Heiligen Geist anzurufen, die erste Gabe des Auferstandenen an die Gläubigen, um die persönliche Beziehung zu Gott intensiver zu leben, denn er »nimmt sich … unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen« (Röm 8,26), sagt der hl. Paulus, und wir wissen, wie recht er hat.

An diesem Punkt, nach einer langen Katechesereihe über das Gebet in der Heiligen Schrift, können wir uns fragen: Wie kann ich mich vom Heiligen Geist formen lassen und so fähig werden, in die Atmosphäre Gottes einzutreten, mit Gott zu beten? Was ist diese Schule, in der er mich beten lehrt und meiner Mühe, mich in rechter Weise an Gott zu wenden, zu Hilfe kommt? Die erste Schule des Gebets – das haben wir in diesen Wochen gesehen – ist das Wort Gottes, die Heilige Schrift. Die Heilige Schrift ist ein ständiges Zwiegespräch zwischen Gott und dem Menschen, ein fortschreitendes Zwiegespräch, in dem Gott sich als immer näher erweist, in dem wir sein Antlitz, seine Stimme, sein Wesen immer besser kennenlernen können; und der Mensch lernt zu akzeptieren, Gott kennenzulernen, mit Gott zu sprechen. In diesen Wochen haben wir also durch das Lesen der Heiligen Schrift versucht, aus der Heiligen Schrift, aus diesem ständigen Zwiegespräch zu lernen, wie wir mit Gott in Berührung treten können. Es gibt noch einen weiteren kostbaren »Raum« eine weitere kostbare »Quelle«, um im Gebet zu wachsen, eine Quelle lebendigen Wassers, die in sehr enger Verbindung mit der vorherigen steht. Ich meine die Liturgie, einen bevorzugten Ort, an dem Gott zu einem jeden von uns spricht, hier und jetzt, und auf unsere Antwort wartet.

Was ist die Liturgie? Wenn wir den Katechismus der Katholischen Kirche öffnen – ein stets wertvolles, ich würde sagen unverzichtbares Hilfsmittel –, können wir lesen, daß das Wort »Liturgie « ursprünglich bedeutet »Dienst des Volkes und für das Volk« (Nr. 1069). Wenn die christliche Theologie diesen Begriff aus der griechischen Welt übernommen hat, so geschah dies natürlich im Hinblick auf das neue Volk Gottes, das aus Christus hervorgegangen ist, der seine Arme am Kreuz geöffnet hat, um die Menschen im Frieden des einen Gottes zu vereinen. »Dienst für das Volk«, ein Volk, das nicht aus sich selbst heraus existiert, sondern das sich durch das Pascha-Mysterium Jesu Christi herausgebildet hat. In der Tat existiert das Volk Gottes nicht durch Bande des Blutes, des Lebensraums, der Nation, sondern es entsteht immer aus dem Werk des Sohnes Gottes und aus der Gemeinschaft mit dem Vater, die er uns erlangt. Außerdem heißt es im Katechismus: »In der christlichen Überlieferung bedeutet es [das Wort ›Liturgie‹], daß das Volk Gottes teilnimmt am ›Werk Gottes‹« (Nr. 1069), denn das Volk Gottes als solches existiert nur durch das Werk Gottes.

Das hat uns die Entwicklung des Zweiten Vatikanischen Konzils in Erinnerung gerufen. Es hat seine Arbeiten vor nunmehr 50 Jahren mit der Beratung über das Liturgieschema begonnen, das dann am 4. Dezember 1963 feierlich approbiert wurde: der erste vom Konzil approbierte Text. Daß das Dokument über die Liturgie das erste Ergebnis der Konzilsversammlung war, wurde von einigen vielleicht als zufällig betrachtet. Unter vielen Vorhaben schien der Text über die heilige Liturgie der am wenigsten umstrittene zu sein und konnte gerade deshalb gleichsam eine Art Übung darstellen, um die Methode der Konzilsarbeit zu erlernen. Zweifellos hat sich jedoch das, was auf den ersten Blick als zufällig erscheinen mag, als die richtige Entscheidung erwiesen, auch von der Hierarchie der Themen und der wichtigsten Aufgaben der Kirche her. Denn indem es mit dem Thema »Liturgie« begonnen hat, hat das Konzil den Primat Gottes, seine absolute Priorität ganz deutlich herausgestellt. Gott vor allem: Genau das sagt uns die Entscheidung des Konzils, von der Liturgie auszugehen. Wo der Blick auf Gott nicht entscheidend ist, verliert alles andere seine Ausrichtung. Das grundlegende Kriterium für die Liturgie ist ihre Ausrichtung auf Gott, um so an seinem Werk teilnehmen zu können. Wir können uns jedoch fragen: Was ist dieses Werk Gottes, an dem teilzunehmen wir aufgerufen sind? Die Konzilskonstitution über die heilige Liturgie gibt uns scheinbar eine zweifache Antwort. Denn unter der Nummer 5 sagt sie uns, daß das Werk Gottes sein Wirken in der Geschichte ist, das uns das Heil bringt und das seinen Höhepunkt im Tod und in der Auferstehung Jesu Christi hat; unter Nummer 7 dagegen bezeichnet dieselbe Konstitution die liturgische Feier als das »Werk Christi«. In Wirklichkeit sind beide Bedeutungen untrennbar miteinander verknüpft.

Wenn wir uns fragen, wer die Welt und den Menschen rettet, so ist die einzige Antwort: Jesus von Nazaret, der gekreuzigte und auferstandene Herr und Christus. Und wo wird das Geheimnis des Todes und der Auferstehung Christi, der das Heil bringt, für uns, für mich heute vergegenwärtigt? Die Antwort lautet: im Handeln Christi durch die Kirche, in der Liturgie, insbesondere im Sakrament der Eucharistie, die die Opfergabe des Gottessohnes, der uns erlöst hat, vergegenwärtigt; im Sakrament der Versöhnung, in dem man vom Tod der Sünde in das neue Leben übergeht; und im Vollzug der anderen Sakramente, die uns heiligen (vgl. Presbyterorum ordinis, 5). So steht das Pascha-Mysterium des Todes und der Auferstehung Christi im Mittelpunkt der liturgischen Theologie des Konzils.

Gehen wir einen Schritt weiter und fragen wir uns: Auf welche Weise wird diese Vergegenwärtigung des Pascha-Mysteriums Christi ermöglicht? Der selige Papst Johannes Paul II. schrieb 25 Jahre nach der Konstitution Sacrosanctum Concilium: »Um sein Pascha-Mysterium zu vergegenwärtigen, ist Christus immer in seiner Kirche gegenwärtig, vor allem in den liturgischen Handlungen. Die Liturgie ist darum der bevorzugte ›Ort‹, an dem die Christen Gott und demjenigen begegnen, den er gesandt hat, Jesus Christus (vgl. Joh 17,3)« (Vicesimus quintus annus, Nr. 7). Auf derselben Linie lesen wir im Katechismus der Katholischen Kirche: »Die Feier eines Sakramentes ist eine Begegnung der Kinder Gottes mit ihrem Vater in Christus und dem Heiligen Geist. Diese Begegnung findet wie ein Zwiegespräch ihren Ausdruck in Taten und Worten« (Nr. 1153). Die erste Voraussetzung für eine gute liturgische Feier ist also, daß sie Gebet ist, Gespräch mit Gott, vor allem Hören und dann Antwort. Der hl. Benedikt gibt in seiner Regel, wo er über das Psalmgebet spricht, den Mönchen vor: »Mens concordet voci«, »das Herz muß mit der Stimme zusammenklingen«. Der Heilige lehrt, daß beim Psalmgebet die Worte unserem Verstand vorausgehen müssen.

Gewöhnlich ist es nicht so, sondern erst müssen wir denken und dann wird das, was wir gedacht haben, zum Wort. Hier, in der Liturgie, ist es dagegen umgekehrt: Das Wort geht voraus. Gott hat uns das Wort geschenkt, und die heilige Liturgie bietet uns das Wort an; wir müssen ins Innere der Worte, in ihre Bedeutung eintreten, sie in uns aufnehmen, uns in Einklang bringen mit diesen Worten; so werden wir zu Kindern Gottes, Gott ähnlich. Die Konstitution Sacrosanctum Concilium ruft in Erinnerung: Um das Vollmaß der Verwirklichung in der Feier zu gewährleisten, »ist es notwendig, daß die Gläubigen mit recht bereiteter Seele zur heiligen Liturgie hinzutreten, daß ihr Herz mit der Stimme zusammenklinge und daß sie mit der himmlischen Gnade zusammenwirken, um sie nicht vergeblich zu empfangen « (Nr. 11). Das grundlegende, vorrangige Element des Zwiegesprächs mit Gott in der Liturgie ist die Übereinstimmung zwischen dem, was wir mit dem Mund sprechen, und dem, was wir im Herzen haben. Indem wir in die großen Worte der Geschichte des Gebets eintreten, werden wir selbst dem Geist dieser Worte gleichgestaltet und werden fähig, mit Gott zu sprechen.

In dieser Linie möchte ich nur auf einen Augenblick hinweisen, der uns während der Liturgie anspricht und uns hilft, diese Übereinstimmung zu finden, diese Gleichgestaltung mit dem, was wir in der liturgischen Feier hören, sagen und tun. Ich meine die Aufforderung, die der Zelebrant vor dem Eucharistischen Hochgebet ausspricht: »Sursum corda«, erhebet die Herzen aus dem Gewirr unserer Sorgen, unserer Wünsche, unserer Ängste, unserer Zerstreuungen. Unser Herz, unser Innerstes, muß sich fügsam dem Wort Gottes öffnen und sich im Gebet der Kirche sammeln, um aus den Worten, die es hört und spricht, seine Ausrichtung auf Gott zu erhalten. Der Blick des Herzens muß sich dem Herrn zuwenden, der unter uns ist: Das ist eine grundlegende Weisung.

Wenn wir die Liturgie in dieser Grundhaltung leben, dann ist unser Herz gleichsam der Schwerkraft entzogen, die es nach unten zieht, und es strebt innerlich nach oben, auf die Wahrheit, auf die Liebe, auf Gott zu. Der Katechismus der Katholischen Kirche ruft uns in Erinnerung: »Die Sendung Christi und des Heiligen Geistes, der in der sakramentalen Liturgie der Kirche das Heilsmysterium verkündigt, vergegenwärtigt und mitteilt, setzt sich im betenden Herzen fort. Die geistlichen Väter vergleichen zuweilen das Herz mit einem Altar« (Nr. 2655): »Altare Dei est cor nostrum«.

Liebe Freunde, wir feiern und leben die Liturgie nur dann gut, wen wir in betender Haltung verharren, nicht wenn wir »etwas tun«, uns sehen lassen oder handeln wollen, sondern wenn wir unser Herz Gott zuwenden und uns in betender Haltung mit dem Geheimnis Christi und seinem Zwiegespräch als Sohn mit dem Vater vereinen. Gott selbst lehrt uns zu beten, sagt der hl. Paulus (vgl. Röm 8,26). Er selbst hat uns die rechten Worte gegeben, um uns an ihn zu wenden: Worte, die wir im Psalter, in den großen Gebeten der heiligen Liturgie und in der Eucharistiefeier selbst finden. Wir wollen den Herrn bitten, daß wir uns jeden Tag stärker der Tatsache bewußt sein mögen, daß die Liturgie Handeln Gottes und Handeln des Menschen ist; Gebet, das aus dem Heiligen Geist und aus uns hervorgeht, das sich ganz auf den Vater richtet, in Vereinigung mit dem menschgewordenen Gottessohn (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2564). Danke.

* * *

Gerne heiße ich alle deutschsprachigen Pilger willkommen. Besonders grüße ich die Gruppe der Schulen der Brede und überhaupt all die vielen Schüler und Jugendlichen. Wir feiern die Liturgie in der rechten Weise, wenn wir in betender Haltung dem Herrn zusammen gegenübertreten, miteinander sind. Der Herr selbst lehrt uns beten. Wir dürfen uns ihm anvertrauen. Von Herzen segne ich euch alle und wünsche euch gute Pilgerschaft. Herzlichen Dank!

 

© Copyright 2012 - Libreria Editrice Vaticana

    

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