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BOTSCHAFT VON PAPST BENEDIKT XVI.
AN KARDINAL ANGELO BAGNASCO
ANLÄSSLICH DER LXII. GENERALVERSAMMLUNG
DER ITALIENISCHEN BISCHOFSKONFERENZ

 

An den ehrwürdigen Bruder
Kardinal Angelo Bagnasco
Präsident der Italienischen Bischofskonferenz

Mit dieser Botschaft, die ich Ihnen anläßlich der 62. Vollversammlung der Italienischen Bischofskonferenz sende, möchte ich mich in geistiger Weise als Pilger nach Assisi begeben, um dort anwesend zu sein und Ihnen und jedem der versammelten Bischöfe, aufmerksamen Hirten der geliebten Teilkirchen in Italien, persönlich zu begegnen. Euer Eifer und Euer Einsatz zeigen sich deutlich in der verantwortungsvollen Leitung der Diözesen und in der väterlichen Nähe zu den Priestern und zu den Pfarrgemeinden. Ein beredtes Zeichen dafür ist die Aufmerksamkeit für das Thema Erziehung, das Ihr als Priorität für das neue Jahrzehnt angenommen habt. Die kürzlich veröffentlichten Pastoralen Richtlinien sind Ausdruck einer Kirche, die sich in der Schule Jesu Christi das ganze Leben jedes Menschen zu Herzen nehmen will und dazu »in den Alltagserfahrungen das Alphabet« sucht, »um die Worte zu bilden, mit denen der Welt wieder die unendliche Liebe Gottes vorgelegt werden kann« (Educare alla vita buona del Vangelo, 3).

1. Ihr habt Euch in diesen Tagen in Assisi versammelt, der Stadt, in welcher »der Welt eine Sonne geboren« (Dante, Paradies, XI. Gesang) und dann vom verehrungswürdigen Pius XII., zum Patron Italiens ausgerufen worden ist: Der hl. Franziskus, der seine Frische und Aktualität bewahrt hat – die Heiligen gehen niemals unter! –, was dem Umstand zu verdanken ist, daß er sich Christus, dessen lebende Ikone er war, völlig gleichgestaltet hatte.

Wie unsere, so war auch die Zeit, in welcher der hl. Franziskus lebte, von tiefgreifenden kulturellen Veränderungen geprägt, die von der Entstehung der Universitäten, von der Entwicklung der Stadtgemeinden und von der Verbreitung neuer religiöser Erfahrungen begünstigt wurden.

Gerade in jener Zeit leitete die Kirche dank des Wirkens von Papst Innozenz III. – derselbe Papst, von dem der Poverello aus Assisi die erste kirchenrechtliche Anerkennung erhalten hat – eine tiefgreifende Liturgiereform ein. Herausragender Ausdruck dieser Entwicklung ist das IV. Laterankonzil (1215), das zu seinen fruchtbaren Ergebnissen das »Brevier« zählen kann. Dieses Gebetbuch nahm den Reichtum der theologischen Reflexion und des Gebetslebens des vorangegangenen Jahrtausends in sich auf. Franziskus und seine Brüder nahmen es an und machten sich das liturgische Gebet des Papstes zu eigen: Auf diese Weise hörte der Heilige das Wort Gottes und meditierte ausdauernd darüber, um es sich anzueignen und dann in die Gebete, die er verfaßte, wie überhaupt in alle seine Schriften zu übertragen.

Das IV. Laterankonzil, das sich mit besonderer Aufmerksamkeit dem Altarsakrament widmete, führte in das Glaubensbekenntnis den Begriff »Transsubstantiation« ein, um die tatsächliche Gegenwart Christi im eucharistischen Opfer zu bestätigen: »Sein Leib und sein Blut sind unter den Gestalten von Brot und Wein, wahrhaft im Sakrament des Altars enthalten, wenn durch göttliche Macht das Brot in den Leib und der Wein in das Blut wesenhaft verwandelt wird« (DS 802) Aus der Teilnahme an der heiligen Messe und aus dem frommen Empfang der heiligen Kommunion entspringt das dem Evangelium gemäße Leben des hl. Franziskus und seine Berufung, den Weg des gekreuzigten Christus nachzugehen: »Der Herr«, so lesen wir im Testament von 1226, »gab mir soviel Glauben in den Kirchen, daß ich einfach so betete und sprach: Dich, Herr Jesus, beten wir in allen deinen Kirchen auf der ganzen Welt an und loben dich, da du mit deinem Kreuz die Welt erlöst hast« (Fontes Franciscani, 111).

Aus dieser Erfahrung entspringt auch seine große Ehrerbietung gegenüber den Priestern und die Mahnung an die Brüder, sie immer und überall zu respektieren, »weil ich vom höchsten Sohn Gottes leiblich in dieser Welt nichts anderes sehe als den allerheiligsten Leib und sein Blut, die allein sie konsekrieren und nur sie den anderen spenden« (Fontes Franciscani, 113).

Welch große Verantwortung für das Leben, liebe Brüder, folgt angesichts dieses Geschenkes daraus für jeden von uns! »Achtet auf eure Würde, priesterliche Brüder«, empfahl Franziskus weiter, »und seid heilig, weil er heilig ist« (Schreiben an das Generalkapitel und an alle Brüder, in: Fontes Franciscani, 220)! Ja, die Heiligkeit der Eucharistie verlangt, daß man dieses Mysterium im Wissen um seine Großartigkeit, Bedeutung und Wirksamkeit für das christliche Leben feiert, aber sie fordert von jedem von uns auch Reinheit, Konsequenz und ein heiligmäßiges Leben, damit wir lebendige Zeugen des einzigartigen Liebesopfers Christi sind.

Der Heilige aus Assisi hörte nicht auf, betrachtend darüber nachzudenken, daß »sich der Herr des Universums, Gott und Sohn Gottes, so erniedrigte, daß er sich um unserer Rettung willen im unscheinbaren Brot verbarg« (ebd., 221), und mit Eindringlichkeit bat er seine Brüder: »Ich bitte euch, mehr als ich es für mich selbst tun würde, daß ihr, wenn es angebracht ist und ihr es als notwendig anseht, die Priester demütig anfleht, daß sie den Heiligsten Leib und das Blut unseres Herrn Jesus Christus und die heiligen Namen und seine Worte, die den Leib konsekrieren, über alle Dinge verehren« (Brief an alle Kustoden, in: Fontes Franciscani, 241).

2. Der wahre Gläubige erfährt jederzeit in der Liturgie die Gegenwart, den Vorrang und das Wirken Gottes. Sie ist »veritatis splendor«, Glanz der Wahrheit (Sacramentum caritatis, 35), hochzeitliches Ereignis, Vorgeschmack auf die neue und endgültige Stadt und die Zugehörigkeit zu ihr; sie ist die Verbindung von Schöpfung und Erlösung, über der Erde der Menschen geöffneter Himmel, Übergang von der Welt zu Gott; sie ist Ostern im Kreuz und in der Auferstehung Jesu Christi; sie ist die Seele des christlichen Lebens, Aufruf zur Nachfolge, Versöhnung, die zur brüderlichen Liebe anregt.

Liebe Brüder im Bischofsamt, Eure Zusammenkunft stellt in den Mittelpunkt ihrer Arbeiten die Überprüfung der italienischen Übersetzung der dritten Auflage des Römischen Meßbuches. Die Übereinstimmung des Gebets der Kirche (lex orandi) mit der Glaubensregel (lex credendi) – also die Berufung auf die Liturgie als Glaubensnorm – formt dadurch, daß sie der Kirche, Leib Christi und Tempel des Geistes, Gestalt gibt, das Denken und Fühlen der christlichen Gemeinde. Kein menschliches Wort kann von der Zeit absehen, auch wenn es, wie im Fall der Liturgie, ein sich überzeitlich öffnendes Fenster darstellt. Einer ewig gültigen Wirklichkeit Ausdruck zu verleihen, erfordert deshalb weise Ausgewogenheit zwischen Beständigkeit und Neuerung, zwischen Tradition und Aktualisierung.

Das Meßbuch selbst steht mitten in diesem Prozeß. Jeder wahre Reformer ist nämlich dem Glauben gehorsam: Er bewegt sich weder willkürlich noch maßt er sich irgendeine Ermessensfreiheit in bezug auf den Ritus an; er ist nicht der Herr, sondern der Hüter des vom Herrn eingesetzten und uns anvertrauten Schatzes. In jeder liturgischen Feier ist die ganze Kirche gegenwärtig: das Festhalten an ihrer Form ist Voraussetzung für die Authentizität dessen, was gefeiert wird.

3. Das ist der Grund, der uns unter den veränderten zeitlichen Verhältnissen dazu drängt, gerade jenen Glauben, der auf die Zeit der entstehenden Kirche zurückgeht, noch transparenter und verwirklichbar zu machen. Das ist eine um so dringlichere Aufgabe in einer Kultur, die – wie Ihr selber feststellt – »die Trübung der Gottesbeziehung und das Verblassen der Dimension der Innerlichkeit, die ungewisse Formung der persönlichen Identität in einem pluralen und zersplitterten Umfeld, die Schwierigkeiten eines Dialogs zwischen den Generationen, die Trennung zwischen Verstand und Gefühlsleben« kennt (Educare alla vita buona del Vangelo, 9). Diese Elemente sind Zeichen einer Vertrauenskrise im Leben und beeinflussen beträchtlich den Erziehungsprozeß, in dem die zuverlässigen Bezugsgrößen instabil werden.

Der heutige Mensch hat große Energien in die Entwicklung von Wissenschaft und Technik eingebracht und auf diesen Gebieten zweifellos beeindruckende und anerkennenswerte Ziele erreicht. Dieser Fortschritt ist jedoch oft auf Kosten der Grundlagen des Christentums zustande gekommen, in dem die fruchtbare Geschichte des europäischen Kontinents verwurzelt ist: der moralische Bereich ist auf das subjektive Umfeld eingegrenzt worden, und Gott wird, wenn nicht überhaupt geleugnet, so doch aus dem öffentlichen Bewußtsein ausgeschlossen. Doch der Mensch als Person wächst in dem Maße, in dem er das Gute erfährt und lernt, es vom Bösen zu unterscheiden, jenseits des Kalküls, das einzig und allein die Folgen einer einzelnen Handlung betrachtet oder als Bewertungskriterium die Möglichkeit ihrer Durchführung verwendet.

Für eine Kursänderung reicht weder ein allgemeiner Hinweis auf die Werte noch ein Erziehungsangebot aus, das sich mit rein funktionalen und bruchstückhaften Eingriffen zufrieden gibt. Notwendig ist statt dessen ein persönliches Vertrauensverhältnis zwischen aktiven Personen, die die Beziehung fördern und dazu fähig sind, Stellung zu beziehen und die eigene Freiheit aufs Spiel zu setzen (vgl. ebd., 26).

Um so angebrachter ist deshalb Eure Entscheidung, alle, denen die Stadt der Menschen und das Wohl der neuen Generationen am Herzen liegt, um das Thema erzieherische Verantwortung zu versammeln. Dieses unverzichtbare Bündnis kann nur von einer neuen Nähe zur Familie ausgehen, die deren Vorrangstellung in der Erziehung anerkennt und unterstützt: Innerhalb der Familie wird das Gesicht eines Volkes geprägt. Als Kirche in Italien, die aufmerksam interpretiert, was in der heutigen Welt geschieht und somit die Fragen und Wünsche des Menschen erfaßt, erneuert Ihr die Verpflichtung, mit der Bereitschaft zum Zuhören und zum Dialog tätig zu sein, indem Ihr die gute Nachricht von der väterlichen Liebe Gottes für alle verfügbar macht. Es beseelt Euch die Gewißheit, daß »Jesus Christus der Weg ist, der jeden einzelnen zu der dem Plan Gottes gemäßen vollen Selbstverwirklichung führt. Er ist die Wahrheit, die den Menschen sich selbst enthüllt und ihn auf den Weg des Wachsens in der Freiheit führt. Er ist das Leben, weil in ihm jeder Mensch den letzten Sinn seines Daseins und seines Tuns findet: die volle Liebesgemeinschaft mit Gott in der Ewigkeit« (ebd., 19).

4. Ich fordere Euch auf, auf diesem Weg die Liturgie als ewige Quelle der Erziehung zum richtigen Leben des Evangeliums zur Geltung kommen zu lassen. Sie führt in die Begegnung mit Jesus Christus ein, der beständig mit Worten und Werken die Kirche aufbaut und sie entsprechend der Tiefe des Hörens, der Brüderlichkeit und der Sendung gestaltet. Die Riten sprechen kraft der ihnen innewohnenden Vernünftigkeit und Mitteilbarkeit und erziehen zu einer bewußten, aktiven und fruchtbaren Teilnahme (vgl. Sacrosanctum Concilium, 11).

Liebe Brüder, heben wir das Haupt und lassen uns von Christus in die Augen blicken. Dem einzigen Meister und Erlöser, von dem alle unsere Verantwortung gegenüber den Gemeinden, die uns anvertraut sind, und gegenüber jedem Menschen ausgeht. Die allerseligste Jungfrau Maria wache mit mütterlichem Herzen über unseren Weg und begleite uns mit ihrer Fürsprache. Während ich meine liebevolle Nähe und meine brüderliche Ermutigung erneuere, erteile ich Ihnen, geliebter Bruder, den Bischöfen, den Mitarbeitern und allen Anwesenden meinen Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 4. November 2010

 

 

 

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