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BEGEGNUNG MIT DEM KLERUS DER DIÖZESE ROM

ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.

Donnerstag, 7. Februar 2008

 

Giuseppe Corona, Diakon

Heiliger Vater, zunächst möchte ich meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen – und auch die der anderen Diakone, meiner Mitbrüder – für den Dienst, den die Kirche nach dem Willen der Vorsehung durch das Konzil wiederhergestellt hat, einen Dienst, der es uns erlaubt, unsere Berufung vollkommen zum Ausdruck kommen zu lassen. Wir sind eingebunden in eine Vielzahl von Aufgaben, denen wir in sehr unterschiedlichen Bereichen nachkommen: im Bereich der Familie, der Arbeit, der Pfarrei, der Gesellschaft und auch der Missionen in Afrika und Lateinamerika. Diese Bereiche haben Sie bereits in der Audienz, die Sie uns aus Anlaß der 25-Jahrfeier des römischen Diakonats gewährt haben, erwähnt. Jetzt ist unsere Zahl gestiegen, wir sind 108. Und wir würden uns freuen, wenn Sie, Eure Heiligkeit, uns auf eine pastorale Initiative hinweisen könnten, die Zeichen einer deutlicheren Anwesenheit des ständigen Diakonats in der Stadt Rom werden kann, wie dies in den ersten Jahrhunderten der römischen Kirche der Fall war. Ein bedeutsames gemeinsames Ziel würde nämlich einerseits den brüderlichen Zusammenhalt unter den Diakonen fördern und andererseits unseren Dienst in dieser Stadt sichtbarer machen. Wir bringen Ihnen, Eure Heiligkeit, diesen Wunsch entgegen: uns eine Initiative aufzuzeigen, der wir gemeinsam nachkommen können in der Weise und Form, die Sie uns zeigen. Im Namen aller Diakone grüße ich Sie, Eure Heiligkeit, mit der Liebe eines Sohnes.

Danke für dieses Zeugnis von einem der über 100 Diakone von Rom. Auch ich möchte dem Konzil meine Freude und meine Dankbarkeit ausdrücken, weil es diesen wichtigen Dienst in der Universalkirche wiederhergestellt hat. Ich muß sagen, daß ich zu meiner Zeit als Erzbischof von München nicht mehr als vielleicht drei oder vier Diakone vorgefunden habe, und ich habe diesen Dienst sehr gefördert, weil mir scheint, daß er zum Reichtum des sakramentalen Dienstes in der Kirche gehört. Gleichzeitig kann er auch eine Verbindung herstellen zwischen der Welt der Laien, der Welt der Berufstätigen und der Welt des priesterlichen Dienstes. Denn viele Diakone gehen auch weiterhin ihren Berufen nach und bleiben in ihren Positionen – in wichtigen oder auch einfachen Positionen –, während sie am Samstag und Sonntag in der Kirche arbeiten. So bezeugen sie in der heutigen Welt, auch in der Welt der Arbeit, die Gegenwart des Glaubens, den sakramentalen Dienst und die diakonale Dimension des Weihesakraments. Das erscheint mir sehr wichtig: die Sichtbarkeit der diakonalen Dimension.

Natürlich bleibt auch jeder Priester Diakon und muß sich dieser Dimension stets bewußt sein, weil der Herr selbst sich zu unserem Diener, unserem Diakon, gemacht hat. Denken wir an die Geste der Fußwaschung, durch die ausdrücklich gezeigt wird, daß der Meister, der Herr, als Diakon handelt und will, daß diejenigen, die ihm nachfolgen, Diakone seien, daß sie diesen Dienst an der Menschheit tun und sogar helfen sollen, die schmutzigen Füße der uns anvertrauten Menschen zu waschen. Diese Dimension erscheint mir sehr wichtig.

Bei dieser Gelegenheit kommt mir eine kleine Begebenheit in den Sinn – auch wenn sie vielleicht nicht unmittelbar zum Thema gehört –, die Paul VI. vermerkt hat. Während des Konzils wurde jeden Tag das Evangelium inthronisiert. Und der Papst sagte zu den Zeremoniären, daß er einmal selbst diese Inthronisierung des Evangeliums vornehmen wolle. Sie antworteten ihm: Nein, das ist Aufgabe der Diakone und nicht des Papstes, des Obersten Pontifex, der Bischöfe. Er schrieb in sein Tagebuch: Aber ich bin auch Diakon und bleibe Diakon, und ich möchte auch diesen Dienst des Diakons ausüben und das Wort Gottes inthronisieren. Das betrifft also uns alle. Die Priester bleiben Diakone, und die Diakone machen in der Kirche und in der Welt die diakonale Dimension unseres Dienstes deutlich. Die tägliche liturgische Inthronisierung des Wortes Gottes während des Konzils war für uns immer eine Geste von großer Bedeutung: Sie sagte uns, wer der wahre Herr jener Versammlung war; sie sagte uns, daß sich auf dem Thron das Wort Gottes befindet und daß es unser Dienst ist, auf dieses Wort zu hören und es auszulegen, es den anderen anzubieten. Das ist sehr bedeutsam für alles, was wir tun: in der Welt das Wort Gottes inthronisieren, das lebendige Wort, Christus. Möge wirklich er es sein, der unser persönliches Leben und unser Leben in den Pfarreien beherrscht.

Dann stellen Sie mir eine Frage, die, so muß ich sagen, meine Kräfte etwas übersteigt: die Frage nach den besonderen Aufgaben der Diakone in Rom. Ich weiß, daß der Kardinalvikar die konkreten Verhältnisse der Stadt, der Diözesangemeinschaft von Rom viel besser kennt als ich. Ich denke, daß ein Merkmal des Dienstes der Diakone gerade die Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten des Diakonats ist. In der Internationalen Theologenkommission haben wir vor einigen Jahren den Diakonat in der Geschichte und auch in der Gegenwart der Kirche lange untersucht. Und wir haben gerade das herausgefunden: Es gibt kein einheitliches Profil. Was zu tun ist, unterscheidet sich je nach der Ausbildung der Personen und nach den Situationen, in denen sie sich befinden. Die konkreten Formen des Einsatzes können sehr unterschiedlich sein, natürlich stets in Gemeinschaft mit dem Bischof und mit der Pfarrei. Unterschiedliche Situationen bieten unterschiedliche Möglichkeiten, die auch von der eventuellen beruflichen Ausbildung der Diakone abhängig sind: Sie können zum Beispiel im kulturellen Bereich eingesetzt werden, der heute so wichtig ist, oder sie können im Bereich der Erziehung eine Stimme und eine bedeutende Stellung haben. In diesem Jahr denken wir besonders über das Problem der Erziehung als zentrale Frage für unsere Zukunft, für die Zukunft der Menschheit nach.

Gewiß, das Gebiet der Nächstenliebe war in Rom der ursprüngliche Einsatzbereich, denn die Titelkirchen und die Diakonien waren Zentren der christlichen Nächstenliebe. Das war von Anfang an in der Stadt Rom ein grundlegender Bereich. In meiner Enzyklika Deus caritas est habe ich gezeigt, daß für die Kirche und für den Dienst der Kirche nicht nur die Predigt und die Liturgie wesentlich sind, sondern ebenso das Dasein für die Armen und Notleidenden, der Dienst der »caritas« in seinen vielfältigen Dimensionen. Ich hoffe daher, daß dies zu allen Zeiten, in jeder Diözese, wenn auch unter unterschiedlichen Bedingungen, eine grundlegende und vorrangige Dimension der Tätigkeit der Diakone bleibt. Es ist jedoch nicht die einzige, wie uns auch die Urkirche zeigt, wo die sieben Diakone gewählt worden waren, gerade damit die Apostel sich dem Gebet, der Liturgie und der Predigt widmen konnten – auch wenn Stephanus dann vor der Situation steht, daß er den Hellenisten, den griechischsprachigen Juden, predigen muß, und so erweitert sich der Bereich der Predigt. Sein Handeln ist sozusagen von den kulturellen Umständen bestimmt, in denen er die Stimme hat, um in diesem Bereich das Wort Gottes gegenwärtig machen und so auch die Universalität des christlichen Zeugnisses in größerem Umfang zu ermöglichen. So öffnet er dem hl. Paulus die Türen, der Zeuge seiner Steinigung war und dann gewissermaßen sein Nachfolger im Einsatz für die Verbreitung des Wortes Gottes in der ganzen Welt. Ich weiß nicht, ob der Kardinalvikar ein Wort hinzufügen möchte; ich bin den konkreten Verhältnissen nicht so nahe.

Kardinal Ruini

Heiliger Vater, ich kann nur bestätigen, was Sie sagen: Auch in Rom sind die Diakone konkret in vielen Bereichen tätig, überwiegend in den Pfarreien, wo sie sich um den Dienst der Nächstenliebe, aber zum Beispiel auch um die Familienpastoral kümmern. Fast alle Diakone sind verheiratet, und so bereiten sie andere auf die Ehe vor, begleiten die jungen Paare und so weiter. Außerdem leisten sich auch einen wichtigen Beitrag zur Krankenseelsorge und ebenso im Vikariat – einige von ihnen arbeiten im Vikariat – und, wie Sie vorhin gehört haben, in den Missionen. Einige Diakone sind missionarisch tätig. Ich glaube, daß zahlenmäßig betrachtet der weitaus größte Einsatz natürlich in den Pfarreien stattfindet, aber es öffnen sich auch andere Bereiche, und gerade deshalb haben wir bereits über 100 ständige Diakone.

Pater Graziano Bonfitto, Kaplan der Pfarrgemeinde »Ognissanti«

Heiliger Vater, ich komme ursprünglich aus einem Ort in der Provinz von Foggia, San Marco in Lamis. Ich bin Ordensmann der Kongregation von »Don Orione« und seit etwa eineinhalb Jahren Priester. Zur Zeit bin ich Kaplan in der Pfarrei von »Ognissanti« im Stadtviertel »Appio«. Ich verberge Ihnen nicht, daß ich aufgeregt bin, aber auch unglaubliche Freude empfinde in diesem für mich so besonderen Augenblick. Sie sind der Bischof und Hirte unserer Diözesankirche, aber Sie sind auch der Papst und daher der Hirte der Universalkirche. Dadurch steigert sich meine Aufregung natürlich noch. Ich möchte Ihnen vor allem meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen für all das, was Sie Tag für Tag tun – nicht nur für unsere Diözese Rom, sondern für die ganze Kirche. Ihre Worte und Ihre Taten, Ihre Aufmerksamkeit gegenüber uns, dem Gottesvolk, sind ein Zeichen der Liebe und der Nähe, die Sie allen und einem jeden entgegenbringen. Ich übe mein Apostolat als Priester besonders unter den Jugendlichen aus. Und im Namen der Jugendlichen möchte ich Ihnen heute danken. Der hl. Luigi Orione, der Gründer meiner Kongregation, hat gesagt, daß die Jugendlichen der Sonnenschein oder das Unwetter von morgen sind. Ich glaube, daß in diesem Augenblick der Geschichte, in dem wir leben, die Jugendlichen sowohl der Sonnenschein als auch das Unwetter sind – nicht von morgen, sondern von heute, von jetzt. Wir jungen Menschen verspüren heute stärker denn je das Bedürfnis, Gewißheiten zu haben. Wir haben den Wunsch nach Aufrichtigkeit, Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden. Wir möchten Menschen bei uns haben, die mit uns gehen und die uns zuhören – genau wie Jesus mit den Jüngern von Emmaus. Die Jugend wünscht sich Menschen, die in der Lage sind, den Weg der Freiheit, der Verantwortung, der Liebe und der Wahrheit zu weisen. Mit anderen Worten, die Jugendlichen haben heute einen unerschöpflichen Durst nach Christus. Sie dürsten nach freudigen Zeugen, die Jesus begegnet sind und ihre ganze Existenz auf ihn gesetzt haben. Die Jugendlichen wollen eine Kirche, die stets präsent ist und ihren Bedürfnissen immer näher kommt. Sie möchten, daß die Kirche in ihren Lebensentscheidungen anwesend ist, auch wenn sie stets eine gewisse Distanz gegenüber der Kirche selbst verspüren. Der Jugendliche sucht eine verläßliche Hoffnung – wie Sie im letzten Brief an uns Gläubige von Rom geschrieben haben –, um nicht ohne Gott zu leben. Heiliger Vater – erlauben Sie mir, Sie »Papa« zu nennen – wie schwer ist es doch, in Gott, mit Gott und für Gott zu leben. Die Jugend fühlt sich von vielen Seiten bedroht. Es gibt viele falsche Propheten und viele, die mit Illusionen handeln. Es gibt zu viele, die falsche Wahrheiten und verwerfliche Ideale anpreisen. Obwohl sich die Jugend, die heute glaubt, in die Enge getrieben fühlt, ist sie dennoch davon überzeugt, daß Gott die durch alle Enttäuschungen hindurch tragende Hoffnung ist, daß nur seine Liebe nicht durch den Tod zerstört werden kann, auch wenn es meist nicht einfach ist, den Raum und den Mut zu finden, Zeugen zu sein. Was sollen wir also tun? Wie sollen wir uns verhalten? Lohnt es sich wirklich, auch weiterhin sein Leben auf Christus zu setzen? Sind das Leben, die Familie, die Liebe, die Freude, die Gerechtigkeit, die Achtung der Meinungen anderer, die Freiheit, das Gebet und die Nächstenliebe noch Werte, die es zu verteidigen gilt? Ist das Leben als Selige, also das Leben, das an den Seligpreisungen ausgerichtet ist, für den Menschen, den Jugendlichen des dritten Jahrtausends noch geeignet? Tausend Dank für Ihre Aufmerksamkeit, Ihre Zuneigung und Ihre Fürsorge für die Jugendlichen. Die Jugend ist mit Ihnen: Sie schätzt Sie, sie liebt Sie und sie erwartet Sie. Seien Sie uns stets nahe, zeigen Sie uns immer nachdrücklicher den Weg, der zu Christus führt, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Spornen Sie uns an, uns hoch und immer höher aufzuschwingen. Und beten Sie stets für uns. Danke.

Danke für dieses schöne Zeugnis eines jungen Priesters, der mit den Jugendlichen unterwegs ist, der sie, wie Sie gesagt haben, begleitet und ihnen hilft, mit Christus, mit Jesus zu gehen. Was soll ich sagen? Wir wissen alle, wie schwer es für einen jungen Menschen von heute ist, als Christ zu leben. Das kulturelle Umfeld, die Medien bieten alles andere an als den Weg zu Christus. Dieses Umfeld scheint es wirklich unmöglich zu machen, Christus als den Mittelpunkt des Lebens zu betrachten und das Leben so zu leben, wie Christus es uns zeigt. Es scheint mir jedoch auch, daß viele immer mehr die Unzulänglichkeit all dieser Angebote verspüren, dieses Lebensstils, der am Ende Leere hinterläßt.

In diesem Sinne scheint mir, daß die Lesungen der heutigen Liturgie, die Lesung aus dem Buch Deuteronomium (30,15–20) und der Abschnitt aus dem Lukasevangelium (9,22–25), auf das antworten, was wir den jungen Menschen und auch uns selbst im wesentlichen immer wieder sagen müssen. Wie Sie gesagt haben, ist die Aufrichtigkeit grundlegend. Die jungen Menschen müssen spüren, daß wir nicht über etwas sprechen, was wir nicht selbst leben, sondern daß wir darüber sprechen, weil wir die Wahrheit als Wahrheit für unser Leben gefunden haben und sie jeden Tag aufs neue zu finden versuchen. Nur wenn wir auf diesem Weg sind, wenn wir versuchen, uns selbst an dieses Leben anzugleichen und unser Leben dem des Herrn anzugleichen, dann können auch die Worte glaubwürdig sein und eine sichtbare und überzeugende Logik besitzen. Zurück zu den Lesungen. Heute lautet die große Grundregel nicht nur für die Fastenzeit, sondern für das ganze christliche Leben: Wähle das Leben. Tod und Leben stehen vor dir: Wähle das Leben. Und die Antwort scheint mir klar zu sein. Nur wenige hegen im Innersten einen Willen zur Zerstörung, zum Tod und wollen das Sein, das Leben nicht mehr, weil es für sie vollkommen widersprüchlich ist. Leider ist dies jedoch ein Phänomen, das sich immer weiter verbreitet. Mit all den Widersprüchen, den falschen Versprechungen scheint das Leben am Ende widersprüchlich zu sein, ist es kein Geschenk mehr, sondern eine Verurteilung, und so wollen einige lieber den Tod als das Leben. Aber normalerweise antwortet der Mensch: Ja, ich will das Leben.

Es bleibt jedoch die Frage, wie man das Leben findet, was man wählen soll, wie man das Leben wählen soll. Und die Angebote, die gewöhnlich gemacht werden, kennen wir: die Diskothek besuchen, alles nehmen, was man bekommen kann, alles tun, was man will – alles, was einem gerade in den Sinn kommt – und das als Freiheit zu betrachten. Aber wir hingegen wissen – und wir können es aufzeigen –, daß dieser Weg ein Weg der Lüge ist, weil man am Ende nicht das Leben findet, sondern in Wirklichkeit den Abgrund des Nichts. Wähle das Leben. In derselben Lesung heißt es: Gott ist dein Leben, du hast das Leben gewählt, und du hast die Wahl getroffen: Gott. Das scheint mir grundlegend zu sein. Nur so ist unser Horizont weit genug, und nur so sind wir an der Quelle des Lebens, das stärker ist als der Tod, als alle Bedrohungen des Todes. Die grundlegende Entscheidung ist also die hier angezeigte: Wähle Gott. Man muß verstehen, daß derjenige, der sich ohne Gott auf den Weg macht, am Ende in der Finsternis steht, auch wenn es Augenblicke geben kann, in denen es scheint, daß man das Leben gefunden hat.

Ein weiterer Schritt ist dann der, wie man Gott finden, wie man Gott wählen soll. Hier kommen wir zum Evangelium: Gott ist kein Unbekannter, keine Hypothese – vielleicht über den ersten Anfang des Kosmos. Gott hat Fleisch und Blut. Er ist einer von uns. Wir kennen sein Angesicht, seinen Namen. Er ist Jesus Christus, der im Evangelium zu uns spricht. Er ist Mensch und Gott. Und weil er Gott ist, hat er den Menschen gewählt, damit wir Gott wählen können. Man muß also Jesus kennenlernen und dann mit ihm Freundschaft schließen, um mit ihm zu gehen.

Mir scheint, daß dies der grundlegende Punkt unserer Seelsorge für die Jugendlichen ist, für alle, aber besonders für die Jugendlichen: Die Aufmerksamkeit muß auf die Entscheidung für Gott gelenkt werden, der das Leben ist – auf die Tatsache, daß Gott da ist und daß er auf sehr konkrete Weise da ist. Und man muß die Freundschaft mit Jesus Christus lehren.

Es gibt noch einen dritten Schritt. Diese Freundschaft mit Jesus ist keine Freundschaft mit einer unwirklichen Person, mit jemandem, der der Vergangenheit angehört oder der weit entfernt von den Menschen zur Rechten Gottes sitzt. Er ist in seinem Leib gegenwärtig, und dieser ist wiederum ein Leib aus Fleisch und Blut: die Kirche, die Gemeinschaft der Kirche. Wir müssen Gemeinden aufbauen und zugänglicher machen, die die große Gemeinde der lebendigen Kirche widerspiegeln. Es gehört alles zusammen: die lebendige Erfahrung der Gemeinde, mit all ihren menschlichen Schwächen, die aber dennoch real ist, mit einem klaren Weg und einem festen sakramentalen Leben, in dem wir auch das berühren können, was uns so weit entfernt erscheinen mag, die Gegenwart des Herrn. Auf diese Weise können wir auch die Gebote lernen, um zum Buch Deuteronomium zurückzukehren, von dem ich ausgegangen bin. Denn die Lesung sagt: Gott wählen heißt nach seinem Wort wählen, nach seinem Wort leben. Einen Augenblick lang erscheint das beinahe ein bißchen positivistisch: Es sind Imperative. Aber zuerst kommt das Geschenk: seine Freundschaft. Dann können wir verstehen, daß die Elemente, die den Weg weisen, Entfaltungen der Wirklichkeit dieser unserer Freundschaft sind.

Das, so können wir sagen, ist eine allgemeine Sicht, die der Berührung mit der Heiligen Schrift und mit dem täglichen Leben der Kirche entspringt. Sie muß dann Schritt für Schritt in den konkreten Begegnungen mit den Jugendlichen angewandt werden. Sie müssen zum Gespräch mit Jesus geführt werden: im Gebet, im Lesen der Heiligen Schrift – vor allem in der gemeinsamen, aber auch in der persönlichen Lektüre – und im sakramentalen Leben. Es sind dies Schritte, die diese Erfahrungen im Berufsleben gegenwärtig machen, auch wenn das Umfeld oft von der vollkommenen Abwesenheit Gottes und von der scheinbaren Unmöglichkeit geprägt ist, seine Gegenwart wahrzunehmen. Aber gerade dann müssen wir versuchen, durch unser Leben und unsere Gotteserfahrung die Gegenwart Christi auch in diese weit von Gott entfernte Welt eintreten zu lassen.

Der Durst nach Gott ist da. Vor kurzem hatte ich den »Ad-limina«-Besuch von Bischöfen aus einem Land, in dem mehr als 50 Prozent der Einwohner sich als Atheisten oder Agnostiker bezeichnen. Aber die Bischöfe haben mir gesagt: in Wirklichkeit haben alle Durst nach Gott. Insgeheim ist dieser Durst vorhanden. Daher müssen zunächst wir selbst beginnen, mit den Jugendlichen, die wir finden können. Bilden wir Gemeinschaften, in denen sich die Kirche widerspiegelt, lernen wir die Freundschaft mit Jesus. Und so können wir, erfüllt mit dieser Freude und dieser Erfahrung, Gott auch heute in unserer Welt gegenwärtig machen.

Don Pietro Riggi, Salesianer des »Borgo Ragazzi Don Bosco«

Heiliger Vater, ich arbeite in einem Jugendzentrum und in einer Aufnahmestätte für gefährdete Jugendliche. Ich möchte Sie folgendes fragen: Am 25. März 2007 haben Sie eine freie Ansprache gehalten, in der sie bedauert haben, daß heute wenig über die letzten Dinge gesprochen wird. In der Tat scheint mir, daß in den Katechismen der Italienischen Bischofskonferenz, die für die Glaubensunterweisung der Kinder und Jugendlichen zur Vorbereitung auf die Beichte, die Kommunion und die Firmung benutzt werden, einige Glaubenswahrheiten ausgelassen werden. Nie wird darin von der Hölle gesprochen, nie vom Fegefeuer, nur einmal vom Paradies, nur einmal von der Sünde, jedoch nur von der Erbsünde. Wenn diese wesentlichen Teile des Glaubensbekenntnisses fehlen, scheint Ihnen dann nicht das logische System zusammenzubrechen, durch das man die Erlösung Christi sieht? Wenn die Sünde fehlt und man nicht von der Hölle spricht, dann verliert auch die Erlösung Christi an Bedeutung. Meinen Sie nicht, daß so der Verlust des Sündenbewußtseins gefördert wird und dadurch des Bewußtseins für das Sakrament der Versöhnung und für die heilbringende, sakramentale Gestalt des Priesters, der die Vollmacht hat, im Namen Christi loszusprechen und die Eucharistie zu feiern? Heute machen leider auch wir Priester einen Bogen um das Evangelium, wenn dort von der Hölle die Rede ist. Man spricht nicht darüber. Oder wir verstehen es nicht, vom Paradies zu sprechen. Wir verstehen es nicht, vom ewigen Leben zu sprechen. Wir laufen Gefahr, dem Glauben nur eine horizontale Dimension zu geben, oder die horizontale wird von der vertikalen zu sehr getrennt. Und das wird leider zum Mangel in der Katechese für die Kinder und Jugendlichen, wenn nicht sogar in der Initiative der Pfarrer, in der tragenden Struktur. Wenn ich mich nicht irre, fällt in dieses Jahr auch der 25. Jahrestag der Weihe Rußlands an das Unbefleckte Herz Mariens. Wäre es aus diesem Anlaß nicht denkbar, diese Weihe für die ganze Welt feierlich zu erneuern? Die Mauer von Berlin ist gefallen, aber ist gibt viele Mauern der Sünde, die noch fallen müssen: der Haß, die Ausbeutung, der ungezähmte Kapitalismus. Diese Mauern müssen fallen, und noch immer erwarten wir den Triumph des Unbefleckten Herzens Mariens, um auch diese Dimension verwirklichen zu können. Ich möchte auch anmerken, daß Unsere Liebe Frau keine Angst hatte, zu den Kindern von Fatima von der Hölle und vom Paradies zu sprechen. Vielleicht war es kein Zufall, daß sie in dem Alter waren, in dem die katechetische Unterweisung stattfindet: sieben, neun und zwölf Jahre. Wir dagegen lassen diesen Punkt häufig aus. Können Sie uns etwas mehr dazu sagen?

Sie haben mit Recht von grundlegenden Themen des Glaubens gesprochen, die leider nur selten in unserer Verkündigung vorkommen. In der Enzyklika Spe salvi habe ich gerade auch vom Jüngsten Gericht, vom Gericht im allgemeinen sprechen wollen, und in diesem Zusammenhang auch vom Fegefeuer, von der Hölle und vom Paradies. Ich denke, daß wir alle noch immer unter dem Eindruck des Vorwurfs der Marxisten stehen, die Christen hätten nur vom Jenseits gesprochen und die Erde vernachlässigt. So wollen wir beweisen, daß wir uns wirklich um die Erde bemühen und keine Personen sind, die von fernen Realitäten sprechen und der Erde nicht helfen. Obwohl es richtig ist zu zeigen, daß die Christen für die Erde arbeiten – und wir alle sind berufen, daran zu arbeiten, daß diese Erde wirklich eine Stadt für Gott und eine Stadt Gottes wird –, dürfen wir die andere Dimension nicht vergessen. Wenn wir uns das nicht vor Augen halten, dann arbeiten wir nicht gut für die Erde. Das zu zeigen, war für mich eines der Hauptziele, als ich die Enzyklika schrieb. Wenn man nicht um das Gericht Gottes weiß, um die Möglichkeit der Hölle, des radikalen und endgültigen Scheiterns des Lebens, dann weiß man nicht um die Möglichkeit und die Notwendigkeit der Läuterung. Dann arbeitet der Mensch nicht gut für die Erde, weil er am Ende die Maßstäbe verliert, sich selbst nicht mehr kennt, weil er Gott nicht kennt, und die Erde zerstört. Alle großen Ideologien haben versprochen: Wir werden die Dinge in die Hand nehmen, wir werden die Erde nicht mehr vernachlässigen, wir werden die neue, gerechte, einwandfreie, brüderliche Welt schaffen. Statt dessen haben sie die Welt zerstört. Das sehen wir am Nationalsozialismus, das sehen wir auch am Kommunismus: Sie haben versprochen, die Welt so aufzubauen, wie sie sein sollte, und haben statt dessen die Welt zerstört.

Bei den »Ad-limina«-Besuchen der Bischöfe aus ehemals kommunistischen Staaten sehe ich immer wieder, daß in jenen Ländern nicht nur der Planet, die Ökologie zerstört wurden, sondern vor allem und viel schwerwiegender die Seelen. Das wirklich menschliche Bewußtsein wiederzufinden, das erleuchtet ist von der Gegenwart Gottes, ist die wichtigste Arbeit beim Wiederaufbau der Erde. Das ist die gemeinsame Erfahrung jener Länder. Der Wiederaufbau der Erde kann, wenn man den Schmerzensschrei dieses Planeten beachtet, nur dann verwirklicht werden, wenn man in der Seele Gott wiederfindet, die Augen zu Gott hin öffnet.

Sie haben daher Recht: Wir müssen über all das sprechen gerade aufgrund der Verantwortung für die Erde, für die Menschen, die heute leben. Wir müssen auch und gerade über die Sünde sprechen, durch die man sich selbst und so auch andere Teile der Erde zerstören kann. In der Enzyklika habe ich versucht zu zeigen, daß gerade das Jüngste Gericht Gottes die Gerechtigkeit gewährleistet. Alle wollen wir eine gerechte Welt. Aber wir haben nicht die Möglichkeit, alle Zerstörungen der Vergangenheit wiedergutzumachen, allen zu Unrecht gequälten und getöteten Menschen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Nur Gott selbst kann Gerechtigkeit schaffen, und diese muß eine Gerechtigkeit für alle sein, auch für die Toten. Und wie Adorno sagt, ein großer Marxist, könnte nur die Auferstehung des Fleisches, die er für irreal hält, Gerechtigkeit schaffen. Wir glauben an diese Auferstehung des Fleisches, in der nicht alle gleich sein werden. Heute ist man gewohnt zu denken: Was ist schon die Sünde, Gott ist groß, er kennt uns, also zählt die Sünde nicht, am Ende wird Gott gut sein zu allen. Das ist eine schöne Hoffnung. Aber es gibt die Gerechtigkeit und es gibt die wahre Schuld. Diejenigen, die den Menschen und die Erde zerstört haben, können nicht sofort zusammen mit ihren Opfern an der Tafel Gottes sitzen. Gott schafft Gerechtigkeit. Das müssen wir uns vor Augen halten. Daher schien es mir wichtig, auch den Text über das Fegefeuer zu schreiben, das für mich eine so offensichtliche, so deutliche und auch so notwendige und trostreiche Wahrheit ist, die nicht fehlen darf. Ich habe versucht zu sagen: Vielleicht sind es nicht viele, die sich so sehr zerstört haben, daß sie auf immer nicht mehr zu heilen sind, die nichts mehr haben, auf das sich die Liebe Gottes stützen könnte, die in sich selbst nicht mehr die geringste Fähigkeit haben zu lieben. Das wäre die Hölle. Andererseits gibt es gewiß nur wenige – oder wenigstens nicht zu viele –, die so rein sind, daß sie sofort in Gemeinschaft mit Gott treten können. Sehr viele von uns hoffen, daß es in uns etwas gibt, das zu heilen ist, daß letztendlich ein Wille da ist, Gott zu dienen und den Menschen zu dienen, nach dem Willen Gottes zu leben. Aber es gibt unzählige Wunden und so viel Schmutz. Wir bedürfen der Vorbereitung, der Läuterung. Das ist unsere Hoffnung: Auch wenn viel Schmutz in unserer Seele ist, so schenkt uns der Herr am Ende die Möglichkeit, er wäscht uns durch seine Güte, die aus seinem Kreuz kommt. So macht er uns fähig, auf ewig für ihn dazusein. Und so ist das Paradies die Hoffnung, die endlich verwirklichte Gerechtigkeit. Und es schenkt uns auch die Maßstäbe zum Leben, damit diese Zeit irgendwie ein Paradies ist, ein erstes Licht des Paradieses. Wo die Menschen nach diesen Maßstäben leben, erscheint ein bißchen Paradies in der Welt, und das ist sichtbar. Es scheint mir auch ein Beweis für die Wahrheit des Glaubens zu sein, für die Notwendigkeit, dem Weg der Gebote zu folgen, von denen wir mehr sprechen müssen. Sie sind wirklich Wegweiser, und sie zeigen uns, wie man gut lebt, wie man das Leben wählt. Daher müssen wir auch von der Sünde sprechen und vom Sakrament der Vergebung und der Versöhnung. Ein aufrichtiger Mensch weiß, daß er schuldig ist, daß er neu beginnen müßte, daß er geläutert werden müßte. Und das ist die wunderbare Wirklichkeit, die uns der Herr anbietet: Es gibt eine Möglichkeit zur Erneuerung, neu zu sein. Der Herr beginnt mit uns von neuem, und so können auch wir mit den anderen in unserem Leben neu beginnen.

Dieser Aspekt der Erneuerung, der Zurückerstattung unseres Seins nach so vielen Fehlern, nach so vielen Sünden ist die große Verheißung, das große Geschenk, das die Kirche anbietet – und das zum Beispiel die Psychotherapie nicht anbieten kann. Die Psychotherapie ist heute so weit verbreitet und auch notwendig angesichts so vieler zerstörter oder schwer verletzter Psychen. Aber die Möglichkeiten der Psychotherapie sind begrenzt: Sie kann nur versuchen, eine aus dem Gleichgewicht geratene Seele wieder etwas ins Gleichgewicht zu bringen. Aber sie kann keine wirkliche Erneuerung schenken, keine Überwindung dieser schweren Krankheiten der Seele. Und daher bleibt sie stets provisorisch und ist niemals endgültig. Das Bußsakrament gibt uns die Gelegenheit, durch die Macht Gottes – »ego te absolvo« – von Grund auf neu zu werden. Das ist möglich, weil Christus diese Sünden, diese Schuld auf sich genommen hat. Mir scheint, daß das gerade heute sehr notwendig ist. Wir können geheilt werden. Die Seelen, die verletzt und krank sind – das ist die Erfahrung, die alle machen –, brauchen nicht nur Ratschläge, sondern eine wirkliche Erneuerung, die nur aus der Macht Gottes kommen kann, aus der Macht der gekreuzigten Liebe Gottes. Das scheint mir der große Zusammenhang der Geheimnisse zu sein, die sich am Ende wirklich auf unser Leben auswirken. Wir selbst müssen wieder darüber nachdenken und sie so aufs neue zu den uns anvertrauten Menschen bringen.

Don Massimo Tellan, Pfarrer von »Sant’Enrico«

Ich bin Don Massimo Tellan. Seit 15 Jahren bin ich Priester, seit sechs Jahren Pfarrer in »Casal Monastero« im Sektor Nord. Ich glaube, wir alle merken, daß wir immer mehr in einer Welt leben, deren Kultur durch einen inflationären Gebrauch von Worten geprägt ist, die oft nicht einmal eine Bedeutung besitzen und das Herz der Menschen so sehr verwirren, daß es taub für das Wort der Wahrheit wird. Jenes ewige Wort, das Fleisch geworden ist und in Jesus von Nazaret ein Antlitz angenommen hat, ist für viele kaum noch wahrnehmbar, es wird besonders für die jungen Generationen bedeutungslos und rückt in die Ferne. Es verliert sich im Dickicht der undeutlichen und kurzlebigen Bilder, mit denen man täglich bombardiert wird. Welcher Raum soll also in der Erziehung zum Glauben diesem Binom aus dem aufzunehmenden Wort und dem zu betrachtenden Bild gegeben werden? Wohin ist die Kunst entschwunden, die den Glauben erzählt und in das Geheimnis einführt, wie es in der Vergangenheit mit der »biblia pauperum« geschah? Wie können wir heute, in der Gesellschaft der Bilder, die durchdringende Kraft des Sehens wiedererlangen, die das Geheimnis der Menschwerdung und der Begegnung mit Jesus begleitet, wie bei Johannes und Andreas am Ufer des Jordan, die eingeladen wurden, hinzugehen und zu sehen, wo der Meister wohnte? Mit anderen Worten: Wie soll man zur Suche und zur Kontemplation jener wahren Schönheit erziehen, die, wie Dostojewski schrieb, die Welt retten wird? Danke, Eure Heiligkeit, für Ihre Aufmerksamkeit. Und wenn Sie es mir gestatten, möchte ich, auch mit Erlaubnis der Mitbrüder, als Priester dieses Presbyteriums und auch als Laienkünstler das Gesagte durch ein Geschenk an Sie begleiten, eine Ikone des Christus an der Geißelsäule, Bild der leidenden und gedemütigten Menschheit, deren Natur das Wort annehmen wollte – nicht nur bis zum »Ecce homo«, sondern bis zum Tod am Kreuz. Gleichzeitig ist es das gegenwärtige Bild der Kirche als dem mystischen Leib Christi, die oft verletzt ist durch die Anmaßung des Bösen, die jedoch mit ihrem Herrn dazu berufen ist, die Sünde der Welt auf sich zu nehmen, um diese zu erlösen, indem sie sich mit Jesus opfert. Danke, Heiliger Vater, und ich danke auch meinen Mitbrüdern. Sie alle sind jeden Tag darum bemüht, mehr als ich und besser als ich, der Welt durch das Zeugnis ihres Lebens das gegenwärtige Antlitz des Meisters zu zeigen. Wenn es wahr ist – und es ist wahr –, daß, wer den Sohn gesehen hat, den Vater gesehen hat, dann möge derjenige, der uns, seine Kirche, sieht, Christus sehen.

Danke für dieses wunderschöne Geschenk. Ich bin dankbar, daß wir nicht nur Worte, sondern auch Bilder haben. Wir sehen, daß auch heute aus der christlichen Betrachtung heraus neue Bilder entstehen und die christliche Kultur, die christliche Ikonographie wiederersteht. Ja, wir erleben eine Inflation der Worte, der Bilder. Es ist daher schwierig, Raum zu schaffen für das Wort und das Bild. Mir scheint, daß gerade in der Situation unserer Welt, die wir alle kennen und die auch unser Leiden ist, das Leiden eines jeden, die Fastenzeit eine neue Bedeutung bekommt. Sicher erscheint das leibliche Fasten, das eine Zeitlang aus der Mode gekommen zu sein schien, heute allen notwendig. Es ist nicht schwierig zu verstehen, daß wir fasten müssen. Manchmal werden wir auch mit gewissen Übertreibungen konfrontiert, die einem falschen Schönheitsideal entspringen. Aber auf jeden Fall ist das leibliche Fasten etwas Wichtiges, weil wir Leib und Seele sind, und die Disziplin des Leibes, auch die materielle Disziplin, ist wichtig für das geistliche Leben, das immer ein Leben ist, das in einer Person Gestalt annimmt, die Leib und Seele ist.

Das ist die eine Dimension. Heute entstehen und zeigen sich andere Dimensionen. Mir scheint, daß die Fastenzeit gerade auch eine Zeit des Fastens in bezug auf Worte und Bilder sein kann. Wir brauchen ein bißchen Stille, wir brauchen einen Raum ohne die ständige Bombardierung durch Bilder. In diesem Sinne ist es heute sehr wichtig, zur Bedeutung der 40 Tage äußerer und innerer Disziplin einen Zugang zu verschaffen. Denn das hilft uns zu verstehen, daß eine Dimension unserer Fastenzeit, dieser leiblichen und geistlichen Disziplin, darin besteht, uns Räume der Stille und auch ohne Bilder zu schaffen, um unser Herz wieder offen zu machen für das wahre Bild und das wahre Wort. Es scheint mir vielversprechend, daß man auch heute sieht, daß es ein Wiedererstehen der christlichen Kunst gibt, sowohl in Form der meditativen Musik – wie zum Beispiel jene, die in Taizé entstanden ist –, als auch in Form einer Anbindung an die Kunst der Ikone, an eine christliche Kunst, die innerhalb der großen Normen der Ikonenkunst der Vergangenheit bleibt, aber die Erfahrungen und Sichtweisen von heute mit einschließt. Dort, wo es eine wahre und tiefe Betrachtung des Wortes gibt, wo wir wirklich eintreten in die Kontemplation dieser Sichtbarkeit Gottes in der Welt, dieser Berührbarkeit Gottes in der Welt, entstehen auch neue Bilder, neue Möglichkeiten, das Heilsgeschehen sichtbar zu machen. Eben das ist die Folge des Ereignisses der Menschwerdung. Das Alte Testament verbot jedes Bild und mußte es verbieten in einer Welt voller Gottheiten. Es lebte in der großen Leere, die auch durch das Innere des Tempels zum Ausdruck kam, wo es, im Gegensatz zu anderen Tempeln, kein Bild gab, sondern nur den leeren Thron des Wortes, die geheimnisvolle Gegenwart des unsichtbaren Gottes, der nicht umschrieben ist von unseren Bildern.

Der neue Schritt ist jedoch der, daß dieser geheimnisvolle Gott uns von der Inflation der Bilder und auch von einer Zeit voller Bilder von Gottheiten befreit und uns die Freiheit schenkt, das Wesentliche zu sehen. Er erscheint mit einem Antlitz, mit einem Leib, mit einer menschlichen Geschichte, die gleichzeitig eine göttliche Geschichte ist. Diese Geschichte setzt sich fort in der Geschichte der Heiligen, der Märtyrer, der Heiligen der Nächstenliebe, des Wortes, die stets Verdeutlichung, Fortsetzung seines göttlichen und menschlichen Lebens im Leib Christi sind, und sie schenkt uns die wesentlichen Bilder, in denen wir – jenseits der oberflächlichen Bilder, die die Wirklichkeit verbergen – den Blick öffnen können zur Wahrheit selbst. In diesem Sinne erscheint mir die ikonoklastische Periode der nachkonziliaren Zeit übertrieben. Sie hatte jedoch auch ihren Sinn, weil es vielleicht notwendig war, sich von der Oberflächlichkeit zu vieler Bilder zu befreien.

Jetzt kehren wir zurück zur Erkenntnis des Gottes, der Mensch geworden ist. Wie uns der Brief an die Epheser sagt, ist er das wahre Bild. Und in diesem wahren Bild sehen wir – über den äußeren Schein hinaus, der die Wahrheit verbirgt – die Wahrheit selbst: »Wer mich sieht, sieht den Vater.« In diesem Sinne würde ich sagen, daß wir mit viel Achtung und viel Ehrfurcht eine christliche Kunst wiederfinden können und daß wir auch die wesentlichen und großen Darstellungen des Geheimnisses Gottes in der ikonographischen Tradition der Kirche wiederfinden können. Und so werden wir das wahre Bild wiederentdecken können, das vom äußeren Schein verdeckt ist. Ein wirklich wichtiges Werk der christlichen Erziehung ist die Befreiung für das Wort Gottes hinter den Worten, die immer wieder aufs Neue Räume der Stille, der Betrachtung, der Vertiefung, der Enthaltsamkeit, der Disziplin verlangt. Sie ist auch eine Erziehung zum wahren Bild, zur Wiederentdeckung der großen Ikonen, die im Laufe der Geschichte in der Christenheit geschaffen wurden: Mit Demut befreit man sich von oberflächlichen Bildern. Diese Art des Ikonoklasmus ist stets notwendig, um das göttliche Bild wiederzuentdecken, die wesentlichen Bilder, die die leibliche Gegenwart Gottes zum Ausdruck bringen.

Das ist eine grundlegende Dimension der Erziehung zum Glauben, zum wahren Humanismus, den wir in dieser Zeit in Rom suchen. Wir haben die Ikone wiederentdeckt mit ihren strengen Regeln, ohne die Schönheiten der Renaissance. Und so können auch wir einen Weg der demütigen Wiederentdeckung der großen Bilder wieder aufnehmen, einen Weg, der stets aufs Neue zur Befreiung von zu vielen Worten, zu vielen Bildern führt, um die wesentlichen Bilder wiederzuentdecken, die für uns notwendig sind. Gott selbst hat uns sein Bild gezeigt, und wir können dieses Bild wiederfinden durch die tiefe Betrachtung des Wortes, das die Bilder wiedererstehen läßt.

Bitten wir also den Herrn, daß er uns helfen möge auf diesem Weg der wahren Erziehung, der Neuerziehung zum Glauben, der nicht nur ein Zuhören, sondern immer auch ein Sehen ist.

Don Paul Chungat, Pfarrvikar von »San Giuseppe Cottolengo«

Ich heiße Don Chungat, komme aus Indien und bin zur Zeit Vikar der Pfarrei von »San Giuseppe« im Stadtteil »Valle Aurelia«. Ich möchte Ihnen danken, daß Sie mir die Gelegenheit gegeben haben, drei Jahre lang in der Diözese Rom zu dienen. Das war für mich, für meine Studien, eine große Hilfe – wie, so glaube ich, für alle Priester, die sich zum Studium in Rom aufhalten. Jetzt ist für mich die Zeit gekommen, in meine Diözese in Indien zurückzukehren, wo die Katholiken nur ein Prozent der Bevölkerung ausmachen, während 99 Prozent Nichtchristen sind. In diesen Tagen hat mir die Situation der missionarischen Evangelisierung in meiner Heimat sehr zu denken gegeben. In der kürzlich erschienenen Note der Kongregation für die Glaubenslehre sind einige Worte enthalten, die im Zusammenhang mit dem interreligiösen Dialog schwer verständlich sind. Zum Beispiel ist unter der Nr. 10 von der »Fülle des Heiles« die Rede und im einführenden Teil von einer »formalen Eingliederung in die Kirche«. Diese Dinge werden schwer vermittelbar sein, wenn ich sie nach Indien bringen und Gespräche führen werde mit meinen hinduistischen Freunden und mit den Gläubigen anderer Religionen. Meine Frage ist folgende: Ist die »Fülle des Heiles« im qualitativen oder im quantitativen Sinn zu verstehen? Wenn es quantitativ zu verstehen ist, dann gibt es einige Schwierigkeiten. Das Zweite Vatikanische Konzil sagt, daß auch in anderen Religionen Samenkörner des Lichts vorhanden sein können. Wenn es qualitativ aufzufassen ist, worin zeigt sich dann, außer in der Geschichtlichkeit und in der Fülle des Glaubens, die Einzigartigkeit unseres Glaubens in bezug auf den interreligiösen Dialog?

Danke für diesen Beitrag. Sie wissen natürlich, daß für Ihre Fragen in ihrer ganzen Tragweite ein Semester Theologie nötig wäre! Ich will versuchen, mich kurz zu fassen. Sie kennen die Theologie, es gibt große Meister und viele Bücher. Zunächst einmal danke ich Ihnen für Ihr Zeugnis, denn Sie sagen, daß Sie sich freuen, in Rom arbeiten zu können, obwohl sie aus Indien kommen. Für mich ist das ein wunderbares Phänomen der Katholizität. Heute gehen nicht nur die Missionare aus dem Westen in die anderen Kontinente, sondern es gibt einen Gabenaustausch: Inder, Afrikaner, Südamerikaner arbeiten bei uns, und unsere Leute gehen in die anderen Kontinente. Es ist ein Geben und Nehmen von allen Seiten, und gerade das ist die Lebenskraft der Katholizität: Wir alle sind Schuldner der Gaben des Herrn, und dann kann einer den anderen beschenken. In diesem Gabenaustausch, diesem Geben und Nehmen, lebt die katholische Kirche. Ihr könnt aus dem Umfeld und den Erfahrungen im Westen lernen und wir nicht weniger von euch. Ich sehe, daß gerade der Geist der Religiosität, der in Asien ebenso wie in Afrika vorhanden ist, die Europäer, die oft ein wenig kalt sind im Glauben, überrascht. Und so ist die Lebendigkeit des religiösen Geistes wenigstens in diesen Kontinenten ein großes Geschenk für uns alle, vor allem für uns Bischöfe der westlichen Welt und besonders jener Länder, in denen das Phänomen der Einwanderung von den Philippinen, aus Indien und so weiter stark ausgeprägt ist. Unser kalter Katholizismus wird durch die Leidenschaft, die von euch ausgeht, belebt. Die Katholizität ist also ein großes Geschenk.

Kommen wir zu den Fragen, die Sie mir gestellt haben. Ich habe in diesem Augenblick die genauen Worte des von Ihnen erwähnten Dokuments der Kongregation für die Glaubenslehre nicht vor Augen, aber ich möchte auf jeden Fall zwei Dinge sagen. Einerseits ist es absolut notwendig, einen Dialog zu führen, einander kennenzulernen, zu achten und zu versuchen, auf jede nur mögliche Weise an den großen Zielen der Menschheit mitzuarbeiten, sich für die Linderung ihrer großen Nöte einzusetzen, um Fanatismen zu überwinden und einen Geist des Friedens und der Liebe herbeizuführen. Und das entspricht auch dem Geist des Evangeliums, dessen Sinn es ist, daß der Geist der Liebe, den Jesus uns vermittelt hat, der Frieden Jesu, den er uns durch das Kreuz geschenkt hat, überall auf der Welt gegenwärtig wird. In diesem Sinne muß der Dialog ein wahrer Dialog sein, unter Achtung des anderen und in der Annahme seines Andersseins. Er muß aber auch dem Evangelium entsprechen: Sein grundlegendes Ziel muß es sein, den Menschen zu helfen, in der Liebe zu leben und dafür zu sorgen, daß diese Liebe in allen Teilen der Welt Verbreitung finden kann.

Aber diese so notwendige Dimension des Dialogs, also der Achtung des anderen, der Toleranz, der Zusammenarbeit, schließt die andere Dimension nicht aus: Das Evangelium ist ein großes Geschenk, das Geschenk der großen Liebe, der großen Wahrheit, das wir nicht nur für uns selbst behalten können, sondern das wir den anderen anbieten müssen, im Bewußtsein, daß Gott ihnen die Freiheit und das notwendige Licht schenkt, um die Wahrheit zu finden. Das ist die Wahrheit. Und das ist daher auch mein Weg. Die Mission ist kein Zwang, sondern ein von Gott geschenktes Angebot. Dabei ist es seiner Güte überlassen, die Menschen zu erleuchten, damit sich das Geschenk der konkreten Freundschaft mit dem Gott, der ein menschliches Angesicht hat, überall verbreitet. Daher wollen und müssen wir stets diesen Glauben und die Liebe, die in unserem Glauben lebt, bezeugen. Wir würden eine wahre menschliche und göttliche Pflicht vernachlässigen, wenn wir die anderen allein ließen und den Glauben, den wir haben, nur uns selbst vorbehielten. Wir wären auch uns selbst gegenüber untreu, wenn wir diesen Glauben nicht der Welt anbieten würden, wenn auch immer in der Achtung der Freiheit der anderen. Die Gegenwart des Glaubens in der Welt ist ein positives Element, auch wenn niemand sich bekehrt; sie ist ein Bezugspunkt.

Vertreter nichtchristlicher Religionen haben zu mir gesagt: Für uns ist die Anwesenheit des Christentums ein Bezugspunkt, der uns hilft, auch wenn wir uns nicht bekehren. Denken wir an die große Gestalt des Mahatma Gandhi: Obwohl er fest an seine Religion gebunden war, war für ihn die Bergpredigt ein grundlegender Bezugspunkt, der sein ganzes Leben gestaltet hat. Und so ist der Sauerteig des Glaubens, auch wenn er ihn nicht zum Christentum bekehrt hat, in sein Leben hineingekommen. Und mir scheint, daß dieser Sauerteig der christlichen Liebe, der aus dem Evangelium aufleuchtet – über die Missionsarbeit hinaus, die die Räume des Glaubens zu erweitern sucht –, ein Dienst ist, den wir der Menschheit leisten.

Denken wir an den hl. Paulus. Ich habe vor kurzem seine missionarische Motivation noch einmal vertieft. Darüber habe ich anläßlich der Begegnung zum Jahresende auch zur Kurie gesprochen. Ihn berührte die Rede des Herrn über die Endzeit. Bevor alles geschieht, vor der Rückkehr des Menschensohnes muß das Evangelium allen Völkern verkündet werden. Voraussetzung dafür, daß die Welt zu ihrer Vollendung kommt, für ihre Öffnung zum Paradies hin, ist die Verkündigung des Evangeliums an alle Menschen. Er setzte seinen ganzen missionarischen Eifer dafür ein, das Evangelium möglichst schon in seiner Generation zu allen Menschen gelangen zu lassen, um dem Gebot des Herrn zu entsprechen, »daß es allen Völkern verkündet werde«. Sein Wunsch war nicht so sehr, alle Völker zu taufen, als vielmehr die Gegenwart des Evangeliums in der Welt und dadurch die Vollendung der Geschichte als solcher. Mir scheint, daß man heute, wenn man den Gang der Welt betrachtet, besser verstehen kann, daß die Gegenwart des Wortes Gottes, daß die Verkündigung, die als Sauerteig zu allen gelangt, notwendig ist, damit die Welt wirklich zu ihrem Ziel gelangen kann. In diesem Sinne wollen wir natürlich die Bekehrung aller, aber das Handeln überlassen wir letztlich dem Herrn. Wichtig ist, daß derjenige, der sich bekehren will, die Möglichkeit dazu hat, und daß in der Welt für alle dieses Licht des Herrn sichtbar wird – als Bezugspunkt und als Licht, das hilft und ohne das die Welt sich selbst nicht finden kann. Ich weiß nicht, ob ich mich gut verständlich gemacht habe: Dialog und Mission schließen einander nicht nur nicht aus, sondern erfordern sich gegenseitig.

Don Alberto Orlando, Vikar von »Santa Maria Madre della Provvidenza«

Ich bin Don Alberto Orlando, Pfarrvikar von »Santa Maria Madre della Provvidenza«. Ich möchte Ihnen eine Schwierigkeit schildern, die ich im vergangenen Jahr in Loreto mit den Jugendlichen erlebt habe. In Loreto haben wir einen wunderschönen Tag verbracht, aber neben den vielen schönen Dingen ist uns eine gewisse Distanz zwischen Ihnen und den Jugendlichen aufgefallen. Wir sind am Nachmittag angekommen, und es ist uns nicht gelungen, einen richtigen Platz zu finden, noch etwas zu sehen oder zu hören. Als dann der Abend kam, sind Sie gegangen, und wir blieben gleichsam dem Fernsehen ausgesetzt, das uns in gewissem Sinne ausgenutzt hat. Die Jugendlichen brauchen jedoch Wärme. Ein Mädchen hat zum Beispiel zu mir gesagt: »Normalerweise nennt der Papst uns ›liebe Jugendliche‹, heute jedoch hat er uns ›junge Freunde‹ genannt«. Und sie hat sich sehr darüber gefreut. Wieso sollte man dieses Detail, diese Nähe nicht hervorheben? Auch die Fernsehübertragung von Loreto war sehr kalt, sehr distanziert, und während des Gebets gab es Schwierigkeiten, weil die Lichtquellen, mit denen dieser Augenblick verbunden war, nicht vor Ende der Fernsehübertragung eingeschaltet wurden. Die zweite Sache, mit der wir uns etwas schwertaten, war die Liturgie am nächsten Tag, die ein bißchen schwerfällig war, besonders der Gesang und die Musik. Beim Halleluja bemerkte zum Beispiel ein Mädchen, daß trotz der Hitze die Gesänge und die Musik sich sehr in die Länge zogen, so als würden die Strapazen derer, die eng im Gedränge standen, niemanden interessieren. Und dabei waren es Jugendliche, die jeden Sonntag in die Messe gehen. Ich habe also folgende Fragen: Wieso gibt es diese Distanz zwischen Ihnen und den Jugendlichen? Und zweitens, wie läßt sich der Schatz der Liturgie mit ihrer ganzen Feierlichkeit in Einklang bringen mit dem Gefühl, der Liebe und der Emotivität, die die Jugendlichen nährt und derer sie so sehr bedürfen? Ich möchte auch einen Rat: Wie sollen wir das richtige Gleichgewicht finden zwischen Feierlichkeit und Emotivität? Auch wir Priester fragen uns oft selbst, in welchem Maße wir in der Lage sind, die Emotionen und Gefühle mit Einfachheit zu leben. Und da wir die Verwalter des Sakraments sind, möchten wir fähig sein, Gefühl und Emotivität in das richtige Gleichgewicht zu bringen.

Der erste Punkt, den Sie mir vorlegen, ist mit der organisatorischen Lage verbunden: Ich habe sie so vorgefunden wie sie war und weiß daher nicht, ob es vielleicht anders hätte organisiert werden können. In Anbetracht der Tatsache, daß Tausende von Menschen anwesend waren, war es, glaube ich, unmöglich, allen die gleiche Nähe zuzusichern. Gerade deshalb haben wir die Runde mit dem Auto gemacht, um den einzelnen Personen ein wenig näher zu sein. Wir werden jedoch darüber nachdenken und sehen, ob es bei zukünftigen Begegnungen mit so vielen tausend Menschen möglich sein sollte, etwas anders zu machen. Es scheint mir jedoch wichtig, ein größeres Gefühl innerer Nähe zu entwickeln, eine Brücke zu finden, die uns verbindet, auch wenn wir räumlich voneinander entfernt sind.

Ein großes Problem dagegen sind die Liturgien, an denen Massen von Menschen teilnehmen. Ich erinnere mich, daß 1960 auf dem großen Internationalen Eucharistischen Kongreß in München versucht wurde, den Eucharistischen Kongressen eine neue Form zu geben. Sie waren bis dahin nur Akte der Anbetung gewesen. Man wollte die Feier der Eucharistie in den Mittelpunkt stellen als Akt der Gegenwart des gefeierten Mysteriums. Aber sofort kam die Frage auf, wie das möglich sein sollte. Anbeten, so sagte man, kann man auch aus der Ferne; aber um die Eucharistie zu feiern, bedarf es einer kleineren Gemeinde, die in Wechselbeziehung zum Mysterium steht, einer Gemeinde, die zur Feier des Mysteriums versammelt ist. Viele waren gegen eine öffentliche Eucharistiefeier mit 100.000 Personen. Sie sagten, daß dies schon aufgrund der Struktur der Eucharistie nicht möglich sei, denn diese erfordert eine Gemeinde für die Gemeinschaft. Auch große und sehr angesehene Persönlichkeiten waren gegen diese Lösung. Dann schuf Professor Jungmann, ein großer Liturgiker, einer der großen Väter der Liturgiereform, das Konzept der »statio orbis«: Er kehrte zurück zur »statio Romae«, wo sich die Gläubigen in der Fastenzeit an einem Ort, der »statio«, versammeln. Sie sind also in »statio« wie die Soldaten für Christus und gehen dann gemeinsam zur Eucharistie. Wenn diese, so sagte er, die »statio« der Stadt Rom ist, wo die Stadt Rom sich versammelt, dann ist jene die »statio orbis«. Und von jenem Augenblick an haben wir Eucharistiefeiern, an denen Massen von Menschen teilnehmen. Für mich, muß ich sagen, bleibt es ein Problem, weil die konkrete Gemeinschaft bei der Feier grundlegend ist, und daher finde ich nicht, daß man wirklich die endgültige Antwort gefunden hat. Auch in der letzten Synode habe ich diese Frage aufgebracht, auf die jedoch keine Antwort gefunden wurde. Noch eine weitere Frage ließ ich stellen, zur Massenkonzelebration: Denn wenn zum Beispiel tausend Priester konzelebrieren, dann weiß man nicht, ob die vom Herrn gewollte Struktur noch gegeben ist. Jedenfalls stellen sich diese Fragen. Und so wurden Sie mit der Schwierigkeit der Teilnahme an einer Massenfeier konfrontiert, bei der nicht alle auf dieselbe Weise einbezogen werden können. Man muß sich daher für einen gewissen Stil entscheiden, damit die Würde gewahrt wird, die die Eucharistie immer haben muß. Die Gemeinschaft ist also nicht einheitlich, und die Teilnahme am Ereignis wird unterschiedlich erfahren; für einige ist sie gewiß unbefriedigend. Aber das hing nicht von mir ab, sondern vielmehr von denen, die die Vorbereitungen getroffen haben.

Man muß daher gut darüber nachdenken, was man in diesen Situationen tun soll, wie man den Herausforderungen begegnen soll. Wenn ich mich nicht irre, wurde die Musik von einem Behindertenorchester gespielt. Vielleicht stand dahinter der Gedanke zu zeigen, daß Behinderte die heilige Feier mitgestalten können und daß gerade sie nicht ausgeschlossen werden dürfen, sondern eine wichtige Rolle spielen müssen. Und durch die Liebe zu ihnen haben sich die anderen nicht ausgeschlossen, sondern im Gegenteil einbezogen gefühlt. Diese Überlegung finde ich sehr lobenswert, und ich teile diesen Gedanken. Natürlich bleibt das Grundproblem jedoch bestehen. Aber wenn man weiß, was die Eucharistie ist, dann nimmt man – auch wenn man nicht die Möglichkeit zu einer aktiven Beteiligung hat, die man sich gewünscht hätte, um sich einbezogen zu fühlen – mit dem Herzen an ihr teil, wie es in der uralten Aufforderung in der Kirche heißt, die vielleicht gerade für diejenigen geschaffen wurde, die in der Basilika ganz hinten standen: »Erhebet die Herzen! Jetzt gehen wir alle aus uns heraus, so daß wir alle beim Herrn und bei einander sind«. Wie gesagt, ich leugne das Problem nicht, aber wenn wir wirklich dieser Aufforderung – »Erhebet die Herzen« – nachkommen, dann finden wir alle, auch in schwierigen und manchmal fragwürdigen Situationen, wirklich zu einer aktiven Teilnahme.

Msgr. Renzo Martinelli, Delegat der Päpstlichen Akademie der Immaculata

Heiliger Vater, zunächst möchte ich Ihnen auch für das danken, was Sie am letzten Sonntag beim Angelus in bezug auf Ihre Gebetsanliegen gesagt haben. Denn wir halten die Gläubigen immer dazu an, für den Papst zu beten, und wenn Sie dazu aufrufen, für die Gottgeweihten zu beten, für den »Tag für das Leben« zu beten, für Früchte der Bekehrung in der Fastenzeit zu beten, dann kommt die innere Gemeinschaft durch das Bewußtsein, Ihren Anliegen nahe zu sein, noch deutlicher zum Ausdruck. Hinzu kommt in diesen Tagen die Gnade, am Jahrestag von Lourdes vor der Unbefleckten Jungfrau beten zu dürfen. Ich komme noch einmal auf das Problem des Erziehungsnotstandes zurück und habe folgende Frage: Sie haben kürzlich den slowenischen Bischöfen Folgendes gesagt: »Wenn man zum Beispiel den Menschen nach einer heute verbreiteten Tendenz in individualistischer Weise versteht, wie kann man dann die Bemühungen rechtfertigen, die notwendig sind, um eine gerechte und solidarische Gemeinschaft aufzubauen?« Zu dieser individualistischen Mentalität: Ich bin mit elf Jahren ins Seminar eingetreten und bin ein bißchen in einer Mentalität erzogen worden, in der es mein Ich gab und neben meinem Ich dann ein anderes, etwas moralistisches Ich, um Christus gleichförmig zu werden. Und am Ende trug ich meine Freiheit wie ein Knecht, als Knechtschaft, wie Sie in Ihrem Buch Jesus von Nazareth über den älteren Bruder aus dem Gleichnis vom verlorenen Sohn schreiben. Und dadurch kommt es zu einer Spaltung. Wie soll man dagegen den Jugendlichen vermitteln, daß – wie Sie immer wieder betonen – das Ich des Christen, wenn Christus von ihm Besitz ergriffen hat, nicht mehr »Ich« ist? Die Identität des Christen, so haben Sie in Verona sehr tiefgründig gesagt, ist das »ich, aber nicht mehr ich«, denn es gibt das gemeinschaftliche Subjekt Christus. Die Bekehrung, die neue und speziell christliche Art und Weise, Gemeinschaft zu sein, die die Neuheit der christlichen Erfahrung überzeugend darlegt: Wie kann man das, Eure Heiligkeit, vermitteln?

Das ist die große Frage, die jeder Priester, der für andere verantwortlich ist, sich jeden Tag stellt – auch für sich selbst natürlich. Gewiß gab es im 20. Jahrhundert die Neigung zu einer individualistischen Frömmigkeit, um vor allem die eigene Seele zu retten und sich Verdienste zu schaffen, die berechnet und auf bestimmten Listen auch zahlenmäßig angegeben werden konnten. Und freilich wollte die ganze Bewegung des Zweiten Vatikanums diesen Individualismus überwinden.

Ich möchte jetzt nicht über die vergangenen Generationen urteilen, die ja auf ihre Weise dennoch versucht haben, so den anderen zu dienen. Aber dort gab es die Gefahr, daß man vor allem die eigene Seele retten wollte. Daraus folgte eine äußerliche Frömmigkeit, und am Ende wurde der Glaube als Last und nicht als Befreiung betrachtet. Und natürlich ist es der grundlegende Wille der neuen Pastoral, die das Zweite Vatikanische Konzil aufzeigte, aus dieser zu engen Sichtweise des Christentums herauszukommen und zu entdecken, daß ich meine Seele nur dann rette, wenn ich sie hinschenke, wie der Herr uns heute im Evangelium sagt, wenn ich mich von mir befreie, aus mir herausgehe wie Gott im Sohn aus sich selbst herausgegangen ist, um uns zu retten. Und wir werden hineingenommen in diese Bewegung des Sohnes und versuchen, aus uns selbst herauszugehen, da wir wissen, wo wir am Ende ankommen. Und wir fallen nicht ins Leere, sondern wir verlassen uns selbst und überlassen uns dem Herrn, indem wir aus uns herausgehen und uns ihm zur Verfügung stellen, wie er es will und nicht wie wir es uns vorstellen.

Das ist der wahre christliche Gehorsam, der Freiheit ist: nicht wie ich es möchte, mit meinem Lebensplan für mich, sondern indem ich mich ihm zur Verfügung stelle, damit er über mich verfügen kann. Und wenn ich mich in seine Hände begebe, bin ich frei. Aber es ist ein großer Sprung, der niemals endgültig getan ist. Ich denke hier an den hl. Augustinus, der uns das oft gesagt hat. Nach der Bekehrung dachte er anfangs, den höchsten Punkt erreicht zu haben und im Paradies der Neuheit des Christseins zu leben. Dann entdeckte er, daß der schwierige Weg des Lebens weiterging, wenn auch von jenem Augenblick an immer im Licht Gottes, und daß man jeden Tag aufs neue diesen Sprung aus sich selbst heraus tun muß, daß man das Ich hinschenken muß, damit es stirbt und im großen Ich Christi erneuert wird, das auf eine gewisse sehr wahre Art und Weise unser aller gemeinsames Ich, unser Wir, ist.

Aber ich würde sagen, daß wir selbst gerade in der Feier der Eucharistie – die diese große und tiefe Begegnung mit dem Herrn ist, wo ich mich in seine Hände fallen lasse – diesen großen Schritt üben müssen. Je mehr wir selbst ihn erlernen, desto besser können wir ihn auch den anderen gegenüber zum Ausdruck bringen und ihn anderen verständlich, zugänglich machen. Nur wenn wir mit dem Herrn gehen, wenn wir uns in der Gemeinschaft der Kirche seinem Offensein hingeben, wenn ich nicht für mich selbst lebe – sei es für ein glückliches Leben auf der Erde, sei es nur für meine persönliche Seligkeit –, sondern mich zum Werkzeug seines Friedens mache, lebe ich gut und lerne ich, Mut zu haben vor den täglichen Herausforderungen, die stets neu und schwer, oft beinahe nicht zu verwirklichen sind. Ich verlasse mich selbst, weil du es willst, und ich bin sicher, daß ich so gut vorangehe. Wir können nur den Herrn bitten, daß er uns helfen möge, diesen Weg jeden Tag zu gehen, damit wir den anderen helfen, sie erleuchten und ermutigen und sie so befreit und erlöst werden können.

Don Paolo Tammi, Pfarrer von »San Pio X«, Religionslehrer

Ich möchte Ihnen nur eine der vielen Danksagungen aussprechen für die Mühe und Hingabe, mit der Sie Ihr Buch über Jesus von Nazareth geschrieben haben. Es ist, wie Sie selbst gesagt haben, kein lehramtlicher Akt, sondern Ausdruck Ihres persönlichen Suchens nach dem Angesicht Gottes und hat dazu beigetragen, die Person Jesu Christi wieder in den Mittelpunkt des Christentums zu stellen. Sicher wird es jetzt und in Zukunft auch dazu beitragen, über einseitige Auslegungen des christlichen Ereignisses sorgfältig zu urteilen: über die politische Auslegung, mit der ich aufgewachsen bin, ebenso wie der größte Teil meiner Altersgenossen, oder über die moralistische Auslegung, die meiner Meinung nach in der katholischen Verkündigung etwas zu sehr betont wird, und schließlich auch über die Auslegung, die gern von sich selbst sagt, daß sie die Gestalt Jesu Christi entmythologisiert, sowie über die Auslegung gewisser laizistischer Intellektueller, die sich – was in Wahrheit kaum überrascht – heute plötzlich mit dem Gründer des Christentums und seinem menschlichen Leben befassen, um seine Geschichtlichkeit zu leugnen oder seine Göttlichkeit einem Hirngespinst der apostolischen Kirche zuzuschreiben. Sie dagegen, Eure Heiligkeit, lehren uns stets, daß Jesus wirklich alles ist, daß man sich in ihn, der Mensch und Gott ist, nur verlieben kann, was nicht gerade dasselbe ist wie einer Partei beizutreten – vorausgesetzt, es gäbe sie – oder ihn ständig im Munde zu führen, nur um eine kulturelle Identität zu bewahren. Ich möchte nur noch eines hinzufügen: In der Schule, also einem säkularen Umfeld, in dem die historischen und philosophischen Gründe für oder gegen die Religion natürlich ihre Berechtigung haben, sehe ich, daß die Jugendlichen jeden Tag gefühlsmäßig eine große Distanz bewahren. In Assisi dagegen, wo ich vor einigen Tagen mit ihnen war, habe ich gesehen, daß die Jugendlichen sehr bewegt waren vom leidenschaftlichen Zeugnis eines jungen Franziskaners. Ich frage Sie: Wie kann ein Priester sich in seinem Leben immer mehr für das Wesentliche, für Jesus, den Bräutigam begeistern? Und woran sieht man, daß ein Priester in Jesus verliebt ist? Ich weiß, daß Sie, Eure Heiligkeit, bereits mehrere Antworten gegeben haben, aber die Antwort kann uns sicher helfen, uns zu korrigieren und neue Hoffnung zu schöpfen. Ich bitte Sie für Ihre Priester noch einmal darum.

Wie kann ich die Pfarrer korrigieren, die so gute Arbeit leisten! Wir können uns nur gegenseitig helfen. Sie kennen also das säkulare Umfeld nicht nur vom intellektuellen, sondern vor allem vom gefühlsmäßigen Standpunkt, vom Glauben her. Und den jeweiligen Umständen entsprechend müssen wir den Weg finden, um Brücken zu schaffen. Mir scheint, daß die Situation schwierig ist, aber Sie haben recht. Wir müssen uns immer überlegen, was das Wesentliche ist – auch wenn das Kerygma, der Zusammenhang, die Vorgehensweise dann verschiedene Anknüpfungspunkte haben können. Aber die Frage muß stets lauten: Was ist wesentlich? Was soll entdeckt werden? Was möchte ich geben? Und hier sage ich immer wieder: Das Wesentliche ist Gott. Wenn wir nicht von Gott sprechen, wenn Gott nicht entdeckt wird, dann bleiben wir stets bei den nebensächlichen Dingen. Mir scheint also grundlegend, daß wenigstens die Frage aufkommt: Gibt es Gott? Und wie könnte ich ohne Gott leben? Ist Gott wirklich eine wichtige Realität für mich?

Ich finde es sehr beeindruckend, daß das Erste Vatikanische Konzil gerade diesen Dialog aufnehmen wollte, Gott durch die Vernunft verstehen wollte – auch wenn es in unserer zeitlichen Situation für uns notwendig ist, daß Gott uns hilft und unsere Vernunft reinigt. Mir scheint, daß bereits versucht wird, auf diese Herausforderung des säkularen Umfelds zu antworten – durch Gott als die grundlegende Frage, und durch Jesus Christus als Antwort Gottes. Ich würde natürlich sagen, daß es die »praeambula fidei« gibt, die vielleicht der erste Schritt sind, um das Herz und den Geist auf Gott hin zu öffnen: die natürlichen Tugenden. In diesen Tagen habe ich den Besuch eines Staatsoberhauptes empfangen, das zu mir sagte: Ich bin nicht religiös, die Grundlage meines Lebens ist die aristotelische Ethik. Das ist bereits etwas sehr Gutes, und wir sind schon beim hl. Thomas, auf dem Weg zur Synthese des Thomas. Das kann also ein Anknüpfungspunkt sein: diese Bedeutung der Vernunftethik für das menschliche Zusammenleben zu lernen und verständlich zu machen. Wenn sie konsequent gelebt wird, öffnet sie sich innerlich zur Frage nach Gott, zur Verantwortung vor Gott.

Mir scheint also, daß uns einerseits klar sein muß, was das Wesentliche ist, das wir den anderen vermitteln wollen und müssen, und welche »praeambula« es in den Situationen gibt, in denen wir die ersten Schritte tun können: Gewiß ist gerade heute eine gewisse ethische Grunderziehung ein wesentlicher Schritt. So machte es auch die Christenheit der Antike. Cyprian zum Beispiel sagt uns, daß er zunächst ein sehr ausschweifendes Leben führte. Als er dann in der katechumenalen Gemeinschaft lebte, lernte er eine grundlegende Ethik, und so öffnete sich der Weg zu Gott. Auch der hl. Ambrosius sagt in der Ostervigil: Bisher haben wir von der Moral gesprochen, jetzt kommen wir zu den Geheimnissen. Sie waren den Weg der »praeambula fidei« durch eine ethische Grunderziehung gegangen, und diese schuf die Bereitschaft, das Geheimnis Gottes zu verstehen. Ich würde also sagen, daß wir einerseits vielleicht eine Wechselbeziehung schaffen müssen zwischen ethischer Erziehung – die heute so wichtig ist und die auch pragmatische Bedeutung besitzt – und daß wir gleichzeitig die Frage nach Gott nicht auslassen dürfen. Und in dieser gegenseitigen Durchdringung zweier Wege gelingt es uns vielleicht ein bißchen, uns jenem Gott zu öffnen, der allein das Licht schenken kann.

Don Daniele Salera, Pfarrvikar von »Santa Maria Madre del Redentore« im Stadtteil »Tor Bella Monaca«, Religionslehrer

Eure Heiligkeit, ich heiße Don Daniele Salera und bin seit sechs Jahren Priester. Ich bin Pfarrvikar in »Tor Bella Monaca« und dort auch Religionslehrer. Beim Lesen Ihres Schreibens über die dringende Aufgabe der Erziehung sind mir einige Aspekte aufgefallen, die für mich bedeutsam sind und über die ich gerne mit Ihnen sprechen würde. Vor allem finde ich es wichtig, daß Sie sich an die Diözese und an die Stadt wenden. Diese Unterscheidung wird den unterschiedlichen Identitäten, aus denen sie sich zusammensetzen, gerecht und bezieht auch die Nichtgläubigen ein – in Freiheit, wie Sie, Eure Heiligkeit, betonen. Ich möchte Ihnen in diesen wenigen Augenblicken vermitteln, wie schön es ist, in der Schule mit Kollegen zu arbeiten, die aus verschiedenen Gründen keinen lebendigen Glauben mehr haben oder die sich nicht mehr mit der Kirche identifizieren, die mir aber dennoch ein Vorbild sind durch ihren leidenschaftlichen Einsatz für die Erziehung und für die Unterstützung und Wiedereingliederung von Heranwachsenden, deren Leben bereits von Kriminalität und Verwahrlosung geprägt ist. Bei vielen Personen, mit denen ich in »Tor Bella Monaca« zusammenarbeite, verspüre ich einen wirklichen missionarischen Drang. Auf unterschiedlichen Wegen, die aber zum selben Ziel führen, kämpfen wir gegen jene Krise der Hoffnungslosigkeit, die stets im Unterbewußtsein präsent ist, wenn man Tag für Tag mit Jugendlichen zu tun hat, die innerlich tot zu sein scheinen, ohne Zukunftswünsche oder so sehr vom Bösen gepackt, daß sie die Liebe nicht erkennen können, die man ihnen entgegenbringt, und die Chancen zur Freiheit und zur Erlösung, die auf ihrem Weg dennoch vorhanden sind. Angesichts eines solchen menschlichen Notstands gibt es keinen Platz für Spaltungen, und daher wiederhole ich mir oft ein Wort von Papst Johannes XXIII., der sagte: »Ich werde stets das Vereinende und nicht das Trennende suchen«. Eure Heiligkeit, durch diese Erfahrung lebe ich tagtäglich im Kontakt mit Jugendlichen und Erwachsenen, denen ich niemals begegnet wäre, wenn ich mich nur der Arbeit in der Pfarrei gewidmet hätte. So beobachte ich, daß in der Tat viele Erzieher auf die Ethik verzichten, im Namen einer Affektivität, die keine Sicherheiten gibt und die Abhängigkeit schafft. Andere haben Angst, die Regeln des zivilen Zusammenlebens zu verteidigen, weil sie meinen, daß diese den Bedürfnissen, den Schwierigkeiten und der Identität der jungen Menschen nicht gerecht werden. Als Slogan könnte ich sagen, daß wir auf erzieherischer Ebene in einer Kultur des »immer Ja« und des »nie Nein« leben. Aber gerade das mit liebevoller Leidenschaft für den Menschen und seine Zukunft ausgesprochene »Nein« steckt oft die Grenze zwischen Gut und Böse ab, eine Grenze, die in der Entwicklungsphase für den Aufbau einer starken persönlichen Identität grundlegend ist. Und einerseits bin ich daher überzeugt, daß angesichts des Notstandes die Unterschiede schwächer werden und wir uns daher auf erzieherischer Ebene wirklich an einen gemeinsamen Tisch setzen können mit denjenigen, die sich aus freiem Willen nicht wirklich als gläubig bezeichnen. Andererseits frage ich mich, warum wir als Kirche, die wir so viel geschrieben, gedacht und erlebt haben zum Thema der Erziehung als Ausbildung zum rechten Gebrauch der Freiheit – wie Sie sagen –, es nicht schaffen, dieses Erziehungsziel durchzusetzen. Warum erscheinen wir im Durchschnitt als so wenig befreit und befreiend?

Danke für diese Schilderung Ihrer Erfahrungen in der Schule von heute, mit den Jugendlichen von heute, und auch für die selbstkritischen Fragen an uns selbst. In diesem Augenblick kann ich nur bestätigen, daß es mir sehr wichtig scheint, daß die Kirche auch in der Schule anwesend ist, denn eine Erziehung, die nicht gleichzeitig auch Erziehung mit Gott und Gegenwart Gottes ist, eine Erziehung, die nicht die großen ethischen Werte vermittelt, die im Licht Christi erschienen sind, ist keine Erziehung. Eine fachliche Ausbildung ohne Bildung des Herzens reicht niemals aus. Und das Herz kann nicht gebildet werden ohne wenigstens die Herausforderung der Gegenwart Gottes. Wir wissen, daß viele Jugendliche in einem Umfeld, in Situationen leben, die ihnen das Licht und das Wort Gottes unerreichbar machen; sie leben in Situationen, die eine wahre Sklaverei sind – nicht nur äußerlich, denn sie erzeugen eine geistige Sklaverei, die wirklich das Herz und den Geist verdunkelt. Wir versuchen, mit allen Mitteln, die der Kirche zur Verfügung stehen, auch ihnen eine Möglichkeit zu bieten, aus dieser Situation herauszukommen. Aber auf jeden Fall müssen wir dafür sorgen, daß im schulischen Bereich, wo man die unterschiedlichsten Verhältnisse vorfindet – von den Gläubigen bis hin zu den traurigsten Situationen –, das Wort Gottes gegenwärtig ist. Genau das haben wir über den hl. Paulus gesagt, der das Evangelium zu allen Menschen gelangen lassen wollte. Dieser Imperativ des Herrn – das Evangelium muß allen verkündet werden – ist kein diachronischer Imperativ, kein kontinentaler Imperativ, in dem Sinne, daß es in erster Linie allen Kulturen verkündet werden muß. Sondern er ist ein innerer Imperativ: das Evangelium muß in die verschiedenen Schichten und Dimensionen einer Gesellschaft eindringen, um wenigstens ein wenig von seinem Licht erreichbarer zu machen, damit das Evangelium wirklich allen verkündet wird.

Und ich glaube, es gehört heute auch zur kulturellen Bildung zu wissen, was der christliche Glaube ist, der diesen Kontinent geprägt hat und der ein Licht für alle Kontinente ist. Es gibt unterschiedliche Wege, um dieses Licht in Fülle gegenwärtig und erreichbar zu machen, und ich weiß, daß ich kein Patentrezept dafür habe; aber die Notwendigkeit, sich diesem schönen und schwierigen Abenteuer zu stellen, gehört wirklich zum Imperativ des Evangeliums selbst. Bitten wir darum, daß der Herr uns immer mehr helfen möge, diesem Imperativ zu entsprechen und die Kenntnis von ihm, die Kenntnis seines Angesichts, in alle Dimensionen unserer Gesellschaft gelangen zu lassen.

Pater Umberto Fanfarillo, Pfarrer von »Santa Dorotea in Trastevere«

Heiliger Vater, ich bin der Pfarrer von »Santa Dorotea in Trastevere«, Pater Umberto Fanfarillo, ein Franziskaner-Konventuale. Zusammen mit der christlichen Gemeinde in meiner Pfarrei habe ich den Wunsch, auf eine recht große, wenn auch nicht tiefgehende Präsenz anderer religiöser Kontexte hinzuweisen, denen wir täglich in gegenseitiger Wertschätzung, durch das Kennenlernen und auch das respektvolle Zusammenleben gegenüberstehen. Unter diesem grundsätzlich positiven Gesichtspunkt kann ich die Arbeit der »Accademia dei Lincei« und der amerikanischen »John Cabot University« erwähnen, mit über 800 Studenten aus etwa 60 Ländern und unterschiedlicher Religionszugehörigkeit: von Katholiken über Lutheraner und Juden bis hin zu Muslimen. Es waren gerade diese Jugendlichen, die sich beim Tod Johannes Pauls II. zum Gebet in unserer Kirche versammelt haben. Einige von ihnen gehen in den Räumen der Pfarrei ein und aus und zeigen Achtung und inneren Frieden gegenüber unseren religiösen Symbolen wie dem Kruzifix und den Bildern von Maria, den Heiligen und dem Papst. Die »Casa di Peter Pan«, die sich in unserer Pfarrei befindet, nimmt krebskranke Kinder auf. Sie ist verbunden mit dem Kinderkrankenhaus »Bambin Gesù«. Auch hier gibt es durch die Interreligiosität große Momente der Nächstenliebe und der religiösen Aufmerksamkeit gegenüber dem kranken und notleidenden Bruder. Eine ähnliche Realität der respektvollen Begegnung zwischen den verschiedenen Religionen haben wir im Gefängnis »Regina Coeli«, das ebenfalls in unserer Pfarrei liegt. Kürzlich wurde in einer Atmosphäre der Achtung und des Zeugnisses zwei jungen Anglikanern, die katholisch geworden sind, das Sakrament der Firmung gespendet. Diesen lebendigen Glaubensbekenntnissen begegnet man immer wieder auch in den Aufnahmestätten, die das Gebiet von »Trastevere« kennzeichnen. Heiliger Vater, wir alle sind auf der Suche nach neuen und ausgeglichenen Haltungen des gegenseitigen Kennenlernens und der gegenseitigen Achtung. Ihre Beiträge, die von der Achtung und vom Dialog bei der Suche nach der Wahrheit geprägt sind, schätzen wir sehr. Helfen Sie uns noch einmal durch Ihr Wort.

Danke für dieses Zeugnis einer wirklich multidimensionalen und multikulturellen Pfarrei. Mir scheint, daß Sie ein bißchen das umgesetzt haben, worüber wir vorhin mit dem indischen Mitbruder gesprochen haben: Den Dialog, das respektvolle Zusammenleben, indem wir einander achten, die anderen annehmen in ihrem Anderssein, in ihrer Gemeinschaft – und gleichzeitig die Anwesenheit des Christentums, des christlichen Glaubens als Bezugspunkt, auf den alle den Blick richten können und der wie ein Sauerteig ist, der die Freiheiten achtet und dennoch ein Licht für alle ist und uns gerade in der Achtung der Unterschiede vereint.

Hoffen wir, daß der Herr uns in diesem Sinne stets helfen möge, den anderen in seinem Anderssein anzunehmen, ihn zu achten und Christus gegenwärtig zu machen in der Geste der Liebe, die der wahre Ausdruck seiner Gegenwart und seines Wortes ist. So möge er uns helfen, wirklich Diener Christi und seines Heils für die Welt zu sein. Danke.

 

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