1. In der Karwoche, der Woche
des Leidens und Sterbens des Herrn, die wir heute, am
Palmsonntag, beginnen, sind Herz und Gedanken der Kirche in
nächster Nähe des Kreuzes. Es ist das Kreuz unseres Glaubens und
unserer Hoffnung. Das Kreuz der Erlösung des Menschen und der
Welt.
"Crux fidelis — inter omnes — urbor una nobilis."
Dieses Kreuz fordert die vor dem Statthalter Pilatus
versammelte Menschenmenge am Karfreitag für Christus: "Ans Kreuz
mit ihm! Ans Kreuz mit ihm ...!"
In demselben Jerusalem, wo die Hosanna-Rufe
erklungen waren: "Hosanna! Gepriesen sei, der da kommt im Namen
des Herrn! Hosanna dem Sohne Davids!", werden sie dann rufen:
"Kreuzige ihn!"
Pilatus wird seine Hände in Unschuld waschen und
sprechen: "Mich trifft keine Schuld am Blut dieses Menschen"
(Mt 27, 24). Und dieselben Stimmen werden antworten:
"Sein Blut komme über uns und unsere Kinder" (Mt 27, 25). So wird die Verurteilung zum Tod am Kreuz. besiegelt
werden.
Christus wird das Kreuz auf seine Schultern nehmen.
"Crux fidelis ..."
2. Durch alle Menschengenerationen hin wird dieses
Kreuz bleiben, ohne sich von Christus zu trennen. Es wird zur
Antwort auf die Frage des Menschen an Gott und bleibt ein
Geheimnis.
Die Kirche wird das Kreuz mit dem Leib ihrer lebendigen
Gemeinschaft umfangen, wird es umfangen mit dem Glauben der
Menschen, mit ihrer Hoffnung und ihrer Liebe.
Die Kirche wird mit Christus das Kreuz durch die Generationen hin
tragen. Sie wird von ihm Zeugnis geben, aus ihm Leben schöpfen. Aus dem Kreuz
wächst im geheimnisvollen Wachstum des Geistes, was mit dem Kreuz seinen Anfang
nimmt.
Der Apostel schreibt: "Für den Leib Christi, die Kirche, erfülle ich in
meinem irdischen Leben das Maß seiner Leiden" (Kol 1, 24).
Ausgehend vom Kreuz, wächst die Kirche als der
geheimnisvoll-mystische Leib Christi, der das Kreuz erfüllt.
Daran muß man hier in Rom erinnern, wo so viele
Generationen das Kreuz Christi erfüllt haben durch die
hingeschlachteten Leiber der Märtyrer der ersten drei
Jahrhunderte, die ihres Glaubens wegen zu schrecklichen Leiden
und zum Tod verurteilt wurden.
Die Kirche ist gewachsen und gereift aus dem Geheimnis
des Kreuzes Christi. Die Kirche ist gewachsen und gereift, indem
sie ihr Martyrologium schrieb, eines der kostbarsten Dokumente
der Heilsgeschichte des Menschen.
"Crux fidelis ..."
3. Auch die Kirche unserer Zeit schreibt ihr
Martyrologium in immer neuen, zeitgenössischen Kapiteln. Das darf man nicht vergessen. Man
darf den Blick nicht abwenden von dieser Wirklichkeit, die zur Grunddimension
der Kirche unserer Tage gehört. Die Kirche von heute schreibt weiter an ihrem
Martyrologium.
Man darf diejenigen nicht vergessen, die in unseren
Tagen für den Glauben und die Liebe zu Christus den Tod erlitten
haben; die eingekerkert, gefoltert, gequält und zum Tod
verurteilt werden; andere, die verhöhnt, verachtet, gedemütigt,
gesellschaftlich geächtet werden. Man darf das Martyrologium der
Kirche und der Christen unserer Zeit nicht vergessen! Dieses
Martyrologium wird von Ereignissen geschrieben, die sich von
denen der ersten Jahrhunderte unterscheiden. Die Methoden des
Martyriums und die Art und Weise des Zeugnisses haben sich
geändert; doch alles kommt von demselben Kreuz Christi her und
erfüllt dasselbe Kreuz unserer Erlösung.
"Crux fidelis ..."