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KARFREITAG
»LEIDEN UND STERBEN UNSERES HERRN«
KREUZWEG
COLOSSEUM
ROM, 3. APRIL 2026
[Multimedia]
Einleitung
Die Via Dolorosa verläuft durch die Gassen der Altstadt von Jerusalem und
lässt uns den Weg Jesu nachgehen: von der Stätte seiner Verurteilung bis zum Ort
seiner Kreuzigung und seiner Grablegung, der auch der Ort seiner Auferstehung
ist.
Der Weg ist nicht gesäumt von frommen und stillen Menschen. Wie zu Jesu Zeiten
befinden wir uns in einer chaotischen, unruhigen und lauten Umgebung, inmitten
von Menschen, die den Glauben an ihn teilen, aber auch von anderen, die ihn
verspotten und beleidigen. So ist das Alltagsleben.
Der Kreuzweg ist nicht der Weg derer, die in einer steril frommen Welt und in
abstrakter Andacht leben. Er wird vielmehr von denen praktiziert, die wissen,
dass Glaube, Hoffnung und Liebe in der realen Welt konkrete Gestalt annehmen
müssen, wo der Gläubige ständig herausgefordert ist und sich fortwährend die
Vorgehensweise Jesu zu eigen machen muss.
Der heilige Franz von Assisi, dessen 800. Todestag wir dieses Jahr begehen,
beschreibt unser christliches Leben mit den Worten des Apostels Petrus: Er
erinnert uns daran, dass wir berufen sind, »den Fußspuren Christi zu folgen, der
seinen Verräter Freund genannt und sich freiwillig seinen Kreuzigern überliefert
hat« (vgl. NbR XXII, 2; vgl. 1 Pt 2,21). Der Poverello
ermutigt uns, unseren Blick auf Jesus zu richten: »Geben wir Acht, wir Brüder
alle, auf den guten Hirten, der, um seine Schafe zu retten, die Marter des
Kreuzes erlitten hat« (Erm VI).
Lasst uns daher auf diesem Kreuzweg die Einladung des heiligen Franziskus
annehmen und den Spuren Jesu zu folgen, und zwar nicht nur rituell oder
intellektuell, sondern mit unserem ganzen Wesen und unserem ganzen Leben:
»Bringt euch selber leibhaftig dar und tragt sein heiliges Kreuz und folgt bis
zum Ende seinen heiligsten Geboten« (Off XV 13).
1. Station
Jesus wird zum Tode verurteilt
Aus dem Evangelium nach Johannes (19,9-11)
[Pilatus] ging wieder in das Prätorium hinein und fragte Jesus: Woher bist du?
Jesus aber gab ihm keine Antwort. Da sagte Pilatus zu ihm: Du sprichst nicht mit
mir? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich freizulassen, und Macht, dich zu
kreuzigen? Jesus antwortete ihm: Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir
nicht von oben gegeben wäre; darum hat auch der eine größere Sünde, der mich dir
ausgeliefert hat.
Aus den Schriften des heiligen Franz von Assisi (2Gl 28-29)
Die aber die Vollmacht erhalten haben, andere zu richten, sollen das Richteramt
mit Erbarmen ausüben, wie sie selbst vom Herrn Erbarmen zu erhalten wünschen.
Denn ein Gericht ohne Erbarmen wird über jene ergehen, die kein Erbarmen geübt
haben.
In deinem Gespräch mit Pilatus, Jesus, entlarvst du jede menschliche Anmaßung.
Auch heute gibt es Menschen, die glauben, absolute Macht zu haben, und meinen,
diese nach Belieben gebrauchen und missbrauchen zu können. Deine Worte an den
römischen Statthalter lassen keinen Raum für Zweideutigkeit: »Du hättest keine
Macht über mich, wenn es dir nicht von oben gegeben wäre« (Joh 19,11).
Franz von Assisi, der einfach versucht hat, deinen Spuren zu folgen, erinnert
uns daran, dass jede Obrigkeit vor Gott über die Art und Weise, wie sie die ihr
übertragene Macht ausübt, Rechenschaft ablegen muss: die Macht zu richten, aber
auch die Macht, einen Krieg zu beginnen oder zu beenden; die Macht, zur Gewalt
oder zum Frieden zu erziehen; die Macht, das Verlangen nach Rache oder nach
Versöhnung zu nähren; die Macht, die Wirtschaft zu nutzen, um Völker zu
unterdrücken oder sie aus dem Elend zu befreien; die Macht, die Menschenwürde
mit Füßen zu treten oder sie zu schützen; die Macht, das Leben zu fördern und zu
verteidigen oder es abzulehnen und zu ersticken.
Auch ein jeder von uns ist aufgerufen, Rechenschaft über die Macht abzulegen,
die er im Alltag ausübt. Du, Jesus, sagst zu jedem: Nutze die dir gegebene Macht
gut und bedenke, dass du alles, was du einem Menschen antust, besonders wenn er
klein und schwach ist, mir antust. Und mir wirst du eines Tages Rechenschaft
dafür ablegen müssen.
Lasst uns beten: Erinnere mich, Jesus.
| Dass du dich in jedem verurteilten Menschen
wiedererkennst: |
Erinnere
mich, Jesus. |
| Dass ich mich nicht von Vorurteilen leiten lassen darf: |
Erinnere
mich, Jesus. |
| Dass die wahre Kraft die Kraft der Liebe ist: |
Erinnere
mich, Jesus. |
| Dass Erbarmen über das Gericht triumphiert: |
Erinnere
mich, Jesus. |
| Dass man sich für das Gute entscheiden muss, auch wenn es kostet:
|
Erinnere
mich, Jesus. |
2. Station
Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern
Aus dem Evangelium nach Johannes (19,14-17)
Es war Rüsttag des Paschafestes, ungefähr die sechste Stunde. Pilatus sagte zu
den Juden: Seht, euer König! Sie aber schrien: Hinweg, hinweg, kreuzige ihn!
Pilatus sagte zu ihnen: Euren König soll ich kreuzigen? Die Hohepriester
antworteten: Wir haben keinen König außer dem Kaiser. Da lieferte er ihnen Jesus
aus, damit er gekreuzigt würde. Sie übernahmen Jesus. Und er selbst trug das
Kreuz und ging hinaus zur sogenannten Schädelstätte, die auf Hebräisch Golgota
heißt.
Aus den Schriften des heiligen Franz von Assisi (Erm V, 7-8)
Auch wenn du schöner und reicher wärest als alle und sogar Wunderwerke
vollbrächtest, so dass du böse Geister vertriebest, dies alles ist nicht deinem
Wesen entsprechend, und nichts gehört zu dir, und du kannst dich dessen in
keiner Weise rühmen. Aber in dem Folgenden können wir uns rühmen: in unseren
Schwachheiten, und indem wir täglich das heilige Kreuz unseres Herrn Jesus
Christus tragen.
Das Wort „Kreuz” löst in uns eher Ablehnung als Verlangen aus. Wir geraten wohl
eher in die Versuchung es zu meiden, als dass wir den Wunsch verspüren, es
anzunehmen.
Jesus, ich bin gewiss, dass es auch so war, als man dir das Kreuz auf die
Schultern legte. Denn in Getsemani hast du den Vater gebeten, diesen Kelch von
dir zu nehmen, auch wenn du von ganzem Herzen seinen Willen erfüllen wolltest.
Das Kreuz war die schrecklichste und schmerzhafteste Strafe, die Sklaven,
unverbesserlichen Verbrechern und den von Gott Verfluchten vorbehalten war.
Und doch hast du es umarmt und auf deine Schultern genommen, und dann hast du
dich von ihm tragen lassen. Nicht weil es schön oder begehrenswert gewesen wäre,
sondern aus Liebe zu uns. Als du seine schwere Last auf dich genommen hast,
wusstest du, dass du uns von der Last des Bösen befreist, das uns erdrückt, und
dass du die Sünde auf dich nimmst, die unser Leben zerstört. Indem du das Kreuz
umarmt und auf deine Schultern genommen hast, hast du unsere Schwachheit umarmt
und die Last unseres Menschseins auf dich genommen. Du hast unsere Knechtschaft,
unsere Verbrechen und auch unsere Verdammnis auf dich genommen.
Jesus, befreie uns, von der Angst vor dem Kreuz. Gib uns die Gnade, dir auf
deinem Weg zu folgen und keinen anderen Ruhm zu haben als den deines Kreuzes.
Lasst uns beten: Herr, befreie uns.
| Vom Verlangen nach menschlichem Ruhm: |
Herr,
befreie uns. |
| Von der Versuchung, die Leidenden zu ignorieren: |
Herr,
befreie uns. |
| Von der Sorge nur um uns selbst: |
Herr,
befreie uns. |
| Von der Angst, uns in der Treue zu engagieren: |
Herr,
befreie uns. |
| Von der Furcht und Ablehnung des Kreuzes: |
Herr,
befreie uns. |
3. Station
Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz
Aus dem Evangelium nach Johannes (12,24-25)
Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und
stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer sein
Leben liebt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird
es bewahren bis ins ewige Leben.
Aus den Schriften des heiligen Franz von Assisi (Erm XXII, 3)
Selig der Knecht, der nicht schnell bei der Hand ist, sich zu entschuldigen, und
für ein Vergehen, an dem er keine Schuld hat, demütig Schmach und Tadel erträgt.
Dein Leben, Jesus, war ein ständiges Sich-Erniedrigen und Hinabsteigen. Obwohl
du Gott bist, hast du dich entäußert, um Mensch zu werden. Du warst reich und
bist arm geworden. Und am Ende deiner Sendung, als du die Last der gesamten
Menschheit auf deinen Schultern trugst, bist du auf die harten Steine der Via
Dolorosa gefallen, des Weges, den die zum Tode Verurteilten vor den Augen
der Menschen von Jerusalem zurücklegten, die wie zu einem Spektakel
herbeieilten.
Es ist die Vorwegnahme eines noch tieferen Abstiegs: des Abstiegs in das Reich
der Unterwelt, des Hinabstürzens in das Geheimnis des Todes, in das wir alle am
Ende dieses irdischen Lebens fallen. Du jedoch fällst wie das Weizenkorns in die
Erde, das bereit ist zu sterben, um Frucht zu bringen.
Hilf auch uns, uns dafür zu entscheiden, unten zu bleiben, zu Füßen der anderen,
statt zu versuchen, oben zu stehen und sie zu beherrschen. Hilf uns, den Weg der
Demut auch aus der Erfahrung unseres Hinfallens und unserer Demütigungen zu
lernen und die Beleidigungen und erlittenen Ungerechtigkeiten in Frieden zu
ertragen.
Lass uns deine Nähe spüren, gerade und vor allem dann, wenn wir fallen; sei uns
so nah, dass wir merken, dass du es bist, der uns wiederaufrichtet und uns
weitergehen lässt. Und lass auch uns lernen, wie das Weizenkorn der Erde zu
vertrauen, in dem Wissen, dass der Tod dank dir der Schoß des ewigen Lebens ist.
Lasst uns beten: Richte uns wieder auf, Jesus.
| Wenn wir aufgrund unserer Schwachheit fallen: |
Richte uns
wieder auf, Jesus. |
| Wenn wir stürzen, weil uns jemand zu Fall bringt: |
Richte uns
wieder auf, Jesus. |
| Wenn wir aufgrund falscher Entscheidungen fallen: |
Richte uns
wieder auf, Jesus. |
| Wenn wir in Verzweiflung fallen: |
Richte uns
wieder auf, Jesus. |
| Wenn wir hinabsinken in das Geheimnis des Todes: |
Richte uns
wieder auf, Jesus. |
4. Station
Jesus begegnet seiner Mutter
Aus dem Evangelium nach Johannes (19,25-27)
Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria,
die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als Jesus die Mutter sah und bei ihr
den Jünger, den er liebte, sagte er zur Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann
sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie
der Jünger zu sich.
Aus den Schriften des heiligen Franz von Assisi (BR VI, 8)
Und zuversichtlich soll einer dem anderen seine Not offenbaren; denn wenn schon
eine Mutter ihren leiblichen Sohn nährt und liebt, um wie viel sorgfältiger muss
einer seinen geistlichen Bruder lieben und nähren?
Es ist für gewöhnlich so, dass die Mutter am Anfang unseres Lebens da ist. Es
ist nicht gewöhnlich, dass die Mutter an unserer Seite ist, wenn die Zeit zu
sterben gekommen ist, denn das bedeutet, dass uns das Leben entrissen wurde:
durch eine Krankheit, einen Unfall, Gewalt, Verzweiflung. Maria, die Frau, die
dich, Jesus, geboren hat, begleitet dich auch auf deinem Weg nach Golgota und
steht mit dir unter dem Kreuz.
Du bittest sie, weiterhin Frucht zu bringen und Mutter des geliebten Jüngers,
eines jeden von uns, der Kirche und dieser neuen Menschheit zu sein, die gerade
in der Stunde geboren wird, in der du das Leben hingibst und stirbst. In der
feierlichsten Stunde deiner Sendung und bevor du alles vollendest, bittest du
zuerst sie, jeden von uns anzunehmen; und erst danach bittest du uns, sie
aufzunehmen. Denn die Mutter kommt immer zuvor. Bei der Hochzeit zu Kana ist sie
sogar dir zuvorgekommen.
Maria, sieh mit zärtlichem Blick auf einen jeden von uns, aber vor allem auf die
vielen, zu vielen Mütter, die auch heute, wie du, mitansehen müssen, dass ihre
Kinder verhaftet, gefoltert, verurteilt und getötet werden. Sieh voll Liebe auf
die Mütter, die mitten in der Nacht durch eine schreckliche Nachricht geweckt
werden, und auf jene, die im Krankenhaus an der Seite ihres sterbenden Kindes
wachen. Und schenke uns ein mütterliches Herz, damit wir das Leid anderer
verstehen und mittragen können und auch auf diese Weise lernen, was es bedeutet,
zu lieben.
Lasst uns beten: Tröste sie, o Mutter.
| Die Mütter, die ihre Kinder verloren haben: |
Tröste sie, o Mutter. |
| Die Waisen, insbesondere die Kriegswaisen: |
Tröste sie, o Mutter. |
| Die Migranten, Vertriebenen und Flüchtlinge: |
Tröste sie, o Mutter. |
| Diejenigen, die Folter und ungerechte Strafen erleiden: |
Tröste sie, o Mutter. |
| Die Verzweifelten, die den Sinn des Lebens verloren
haben: |
Tröste sie, o Mutter. |
| Jene, die allein sterben: |
Tröste sie, o Mutter. |
5. Station
Simon von Kyrene hilft Jesus das Kreuz tragen
Aus dem Evangelium nach Markus (15,21)
Einen Mann, der gerade vom Feld kam, Simon von Kyrene, den Vater des Alexander
und des Rufus, zwangen sie, sein Kreuz zu tragen.
Aus den Schriften des heiligen Franz von Assisi (Erm XVIII, 1)
Selig der Mensch, der seinen Nächsten in dessen Gebrechlichkeit genauso
unterstützt, wie er von ihm gestützt werden möchte, wenn er in ganz ähnlicher
Lage wäre.
Simon von Kyrene war kein Freiwilliger. Er hat sich nicht freiwillig deiner
angenommen, Jesus, um dir beim Tragen des Kreuzes zu helfen. Wahrscheinlich
wusste er kaum, wer du warst. Doch als er dir beim Tragen des Kreuzes half,
veränderte sich etwas in ihm, sodass er seinen Söhnen Alexander und Rufus die
tiefe Bedeutung dieses gemeinsamen Weges mit dir vermittelte und sie zu Zeugen
deiner Auferstehung in der ersten christlichen Gemeinschaft wurden.
Auch heute gibt es überall auf der Welt viele Menschen, die sich dafür
entscheiden, anderen etwas Gutes zu tun. Es gibt Tausende von Freiwilligen, die
in Extremsituationen ihr Leben riskieren, um denen zu helfen, die Nahrung,
Bildung, medizinische Versorgung und Gerechtigkeit brauchen. Viele von ihnen
glauben nicht einmal an dich, und doch helfen sie dir weiterhin, wenn auch
unbewusst, das Kreuz zu tragen, und während sie sich um andere Menschen aus
Fleisch und Blut kümmern, kümmern sie sich in Wirklichkeit – noch einmal – um
dich.
Herr, lass auch uns lernen, unseren Mitmenschen jene Unterstützung zu geben, die
wir uns selbst wünschen würden, wenn wir in derselben Situation wären. Hilf uns,
einfühlsame und mitfühlende Menschen zu sein, nicht mit Worten, sondern in Tat
und Wahrheit.
Lasst uns beten: Herr, lass uns aufmerksam sein.
| Für die Menschen, denen wir begegnen: |
Herr,
lass uns aufmerksam sein. |
| Für die Armen, die Leidenden und die Ausgegrenzten: |
Herr,
lass uns aufmerksam sein. |
| Für jene, die allein sind und ohne Fürsorge: |
Herr,
lass uns aufmerksam sein. |
| Für jene, die zurückbleiben und fallen: |
Herr,
lass uns aufmerksam sein. |
| Für jene, die kein Gehör finden: |
Herr,
lass uns aufmerksam sein. |
6. Station
Veronika reicht Jesus das Schweißtuch
Aus dem Evangelium nach Johannes (12,20-21)
Unter den Pilgern, die beim Fest Gott anbeten wollten, gab es auch einige
Griechen. Diese traten an Philippus heran, der aus Betsaida in Galiläa stammte,
und baten ihn: Herr, wir möchten Jesus sehen.
Aus den Schriften des heiligen Franz von Assisi (Vat 4)
Dein Reich komme: damit du in uns durch die Gnade herrschst und uns in dein
Reich kommen lässt, wo ist die unverhüllte Anschauung deiner selbst, die
vollkommene Liebe zu dir, die selige Gemeinschaft mit dir, das ewige Genießen
deiner selbst.
Derjenige, den die Psalmen als den »Schönsten von allen Menschen« (Ps
45,3) besungen hatten, trägt nun die Züge des von Jesaja verheißenen leidenden
Gottesknechts: Er hatte »keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen
mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm« (Jes
53,2).
Veronika ist die Hüterin deines Bildes, Jesus. Sie hat es dank jener Geste der
Nächstenliebe erhalten – als sie dein mit Blut und Staub bedecktes Gesicht
getrocknet hat. Veronika hinterlässt uns als Erinnerung nicht ein gestelltes
Bild, sondern das Bild des Schmerzensmannes, der uns durch seine Wunden geheilt
hat.
Hilf uns, Jesus, dass wir den Wunsch hegen, dein Antlitz zu schauen. Schenke uns
die Gnade, die du den Aposteln gewährt hast, dich strahlend und verklärt zu
sehen. Schenke uns aber vor allem den aufmerksamen Blick der Veronika, der dich
auch in deiner entstellten Schönheit zu erkennen vermag. Und mache uns fähig,
heute dein Gesicht zu trocknen, das noch immer mit Staub und Blut bedeckt ist,
und durch jede Handlung, die die Würde eines Menschen mit Füßen tritt, entstellt
wird.
Lasst uns beten: Hilf uns, dich zu erkennen, Jesus.
| Wenn dein Antlitz entstellt ist: |
Hilf uns,
dich zu erkennen, Jesus. |
| In jedem vorverurteilten Menschen: |
Hilf uns,
dich zu erkennen, Jesus. |
| Im Armen, dem seine Würde genommen wurde: |
Hilf uns,
dich zu erkennen, Jesus. |
| In den Frauen, die Opfer von Menschenhandel sind und
versklavt werden: |
Hilf uns,
dich zu erkennen, Jesus. |
| In den Kindern, denen die Kindheit geraubt wurde und
deren Zukunft schon beschädigt ist: |
Hilf uns,
dich zu erkennen, Jesus. |
7. Station
Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz
Aus dem Evangelium nach Johannes (13,3-5)
Jesus, der wusste, dass ihm der Vater alles in die Hand gegeben hatte und dass
er von Gott gekommen war und zu Gott zurückkehrte, stand vom Mahl auf, legte
sein Gewand ab und umgürtete sich mit einem Leinentuch. Dann goss er Wasser in
eine Schüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Leinentuch
abzutrocknen, mit dem er umgürtet war.
Aus den Schriften des heiligen Franz von Assisi (NbR V, 13-14)
Und kein Bruder soll einem anderen Böses tun oder Böses sagen. Ja, vielmehr
sollen sie durch die Liebe des Geistes einander freiwillig dienen und gehorchen.
Dein ganzes Leben, Jesus, war ein beständiges Sich-Herabbeugen und
Sich-Erniedrigen. Als du den Jüngern beim letzten Abendmahl die Füße gewaschen
hast, hast du ein Beispiel, eine Lehre und eine Prophezeiung hinterlassen: das
Beispiel des Dienens, die Lehre der geschwisterlichen Liebe und die Prophezeiung
der Lebenshingabe. Franz von Assisi war von deiner Demut so tief beeindruckt,
dass er uns empfohlen hat, einander die Füße zu waschen, also stets bereit zu
sein, unseren Brüdern und Schwestern zu dienen. Und er wollte, dass ihm dieses
Evangelium am Abend des 3. Oktober vor achthundert Jahren, kurz vor seinem Tod,
vorgelesen wurde.
In deiner Liebe bis zur Vollendung, bis hin zur Hingabe deines Lebens für uns,
ist bereits die Prophezeiung deiner Auferstehung enthalten, weil eine so große
Liebe stärker ist als der Tod. Eine so große Liebe offenbart den letzten Sinn
des Liebens: uns in das Leben Gottes zu führen.
Wenn du fällst, Jesus, tust du es, um uns aufzuhelfen, wo wir fallen. Wenn du
fällst, tust du es, um diejenigen wiederaufzurichten, die zu Boden gedrückt
werden durch Ungerechtigkeit, Lügen, jede Form von Ausbeutung und jede Art von
Gewalt, durch das Elend, das eine Wirtschaft verursacht, die statt auf das
Gemeinwohl bloß auf den individuellen Profit ausgerichtet ist. Wenn du fällst,
tust du es, um auch mich wiederaufzurichten.
Lasst uns beten: Herr, richte uns wieder auf.
| Wenn uns unsere Fehler erdrücken: |
Herr,
richte uns wieder auf. |
| Wenn uns die Last der Verantwortung bedrückt: |
Herr,
richte uns wieder auf. |
| Wenn wir in Depressionen verfallen: |
Herr,
richte uns wieder auf. |
| Wenn wir unsere Entscheidungen nicht durchhalten: |
Herr,
richte uns wieder auf. |
| Wenn wir in den Sog einer Sucht geraten: |
Herr,
richte uns wieder auf. |
8. Station
Jesus begegnet den weinenden Frauen
Aus dem Evangelium nach Lukas (23,27-31)
Es folgte ihm eine große Menge des Volkes, darunter auch Frauen, die um ihn
klagten und weinten. Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: Töchter
Jerusalems, weint nicht über mich; weint vielmehr über euch und eure Kinder!
Denn siehe, es kommen Tage, da wird man sagen: Selig die Frauen, die unfruchtbar
sind, die nicht geboren und nicht gestillt haben. Dann wird man zu den Bergen
sagen: Fallt auf uns! und zu den Hügeln: Deckt uns zu! Denn wenn das mit dem
grünen Holz geschieht, was wird dann erst mit dem dürren werden?
Aus den Schriften des heiligen Franz von Assisi (Vat 5)
Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden: damit wir dich lieben aus
ganzem Herzen, indem wir immer an dich denken; aus ganzer Seele, indem wir immer
nach dir verlangen; aus ganzem Gemüte, indem wir all unser Streben zu dir
hinlenken und deine Ehre in allem suchen; und aus allen unseren Kräften, indem
wir alle unsere Kräfte und Empfindungen der Seele und des Leibes zum Gehorsam
gegen deine Liebe und für nichts anderes aufbieten. Und damit wir unsere
Nächsten wie uns selbst lieben, indem wir alle nach Kräften zu deiner Liebe
hinziehen, uns über das Gute der anderen wie über das unsrige freuen und in
Widerwärtigkeiten Mitleid mit ihnen haben und niemanden irgendwie beleidigen.
Jesus, die Frauen sind dir vom Beginn deiner Verkündigung an stets gefolgt und
haben dir zur Seite gestanden. Auch jetzt sind sie da, auch unter dem Kreuz. Wo
Leid oder Not herrscht, sind die Frauen zur Stelle: in Krankenhäusern und
Altenheimen, in therapeutischen Gemeinschaften und Aufnahmeeinrichtungen, in
Heimen mit besonders schutzbedürftigen Minderjährigen, in den entlegensten
Außenposten der Mission, wo sie Schulen und Krankenstationen aufbauen, in
Kriegs- und Konfliktgebieten, wo sie Verwundeten helfen und Überlebenden Trost
spenden.
Die Frauen haben dich ernst genommen; sie haben auch diese harten Worte von dir
ernst genommen: Seit Jahrhunderten weinen sie um sich selbst und um ihre Kinder,
die etwa während einer Demonstration abgeführt und inhaftiert werden, die
deportiert werden aufgrund einer Politik die kein Mitleid kennt, die auf
verzweifelten Reisen der Hoffnung Schiffbruch erleiden, die in Kriegsgebieten
niedergemetzelt werden, die in Vernichtungslagern ausgelöscht werden.
Die Frauen weinen immer noch. Schenk auch einem jeden von uns, Herr, ein
mitfühlendes Herz, ein mütterliches Herz und die Fähigkeit, das Leiden anderer
als unser eigenes zu empfinden. Schenk uns weiterhin Tränen, Herr, damit sich
unser Gewissen nicht im Nebel der Gleichgültigkeit auflöst und damit wir
weiterhin menschlich bleiben.
Lasst uns beten: Schenke uns Tränen, Herr.
| Um über die Verwüstungen der Kriege zu weinen: |
Schenke uns Tränen, Herr. |
| Um über die Massaker und Völkermorde zu weinen: |
Schenke uns Tränen, Herr. |
| Um mit den Müttern und Ehefrauen zu weinen: |
Schenke uns Tränen, Herr. |
| Um über den Zynismus herrischer Menschen zu weinen: |
Schenke uns Tränen, Herr. |
| Um über unsere Gleichgültigkeit zu weinen: |
Schenke uns Tränen, Herr. |
9. Station
Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz
Aus dem Evangelium nach Johannes (14,6-7)
Jesus sagte zu [Thomas]: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand
kommt zum Vater außer durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch
meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen.
Aus den Schriften des heiligen Franz von Assisi (NbR XXIII, 3)
Und wir sagen dir Dank, weil du, gleichwie du uns durch deinen Sohn erschaffen
hast, so durch deine wahre und heilige Liebe, mit der du uns geliebt hast, ihn
selbst als wahren Gott und wahren Menschen aus der glorreichen, seligsten,
immerwährenden Jungfrau, der heiligen Maria, hast geboren werden lassen, und
weil du durch sein Kreuz und sein Blut und seinen Tod uns, die gefangen waren,
hast erlösen wollen.
Du bist »geboren für uns am Weg« (Hl. Franziskus, Off XV, 7) und fällst
nun zum dritten Mal auf deinem Leidensweg, der dich nach Golgota führt.
Dein dreimaliges Fallen erinnert uns daran, dass es für uns kein Fallen gibt,
bei dem du nicht an unserer Seite bist. Ja, denn du bist bei all unserer
Schwachheit an unserer Seite und du kannst und willst uns von jedem unserer
Stürze wiederaufrichten, weil du möchtest, dass wir alle gemeinsam mit dir zum
Vater gelangen und zum Leben finden, zum wahren, ewigen Leben, das uns niemand
mehr wird nehmen können.
Auf dem Weg in deinen Spuren spielt es keine Rolle, wie oft wir fallen, es zählt
nur, dass du an unserer Seite bleibst und bereit bist, uns noch ein Mal
wiederaufzurichten, unzählige Male, weil deine Liebe, deine Vergebung und deine
Barmherzigkeit unendlich größer sind als unsere Schwachheit.
Hilf uns in unserem Unglauben und schenk uns die Gnade, darauf vertrauen zu
können, dass du uns wiederaufrichten kannst.
Lasst uns beten: Nimm uns in deinen Dienst, Jesus.
| Um alle wieder aufzurichten, die fallen: |
Nimm uns in deinen Dienst, Jesus. |
| Um jene wieder aufzurichten, die am Boden liegen bleiben: |
Nimm uns in deinen Dienst, Jesus. |
| Um die Schwächsten wieder aufzurichten: |
Nimm uns in deinen Dienst, Jesus. |
| Um jene wieder aufzurichten, von denen wir denken, dass sie „selber schuld sind
”: |
Nimm uns in deinen Dienst, Jesus. |
| Um jene wieder aufzurichten, die scheinbar nicht mehr zu retten sind: |
Nimm uns in deinen Dienst, Jesus. |
10. Station
Jesus wird seiner Kleider beraubt
Aus dem Evangelium nach Johannes (19,23-24)
Nachdem die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und
machten vier Teile daraus, für jeden Soldaten einen Teil, und dazu das
Untergewand. Das Untergewand war aber ohne Naht von oben ganz durchgewoben. Da
sagten sie zueinander: Wir wollen es nicht zerteilen, sondern darum losen, wem
es gehören soll. So sollte sich das Schriftwort erfüllen: Sie verteilten meine
Kleider unter sich und warfen das Los um mein Gewand. Dies taten die Soldaten.
Aus den Schriften des heiligen Franz von Assisi (Ord, 28-29)
Seht, Brüder, die Demut Gottes und schüttet vor ihm eure Herzen aus! Erniedrigt
auch ihr euch, damit ihr von ihm erhöht werdet! Behaltet darum nichts von euch
für euch zurück, damit euch ganz aufnehme, der sich euch ganz hingibt!
Du selbst, Jesus, hast beschlossen, die göttliche Herrlichkeit abzulegen, um
»das wirkliche Fleisch unserer Menschlichkeit und Gebrechlichkeit« (Hl.
Franziskus, 2Gl 4) anzunehmen. Und nun werden dir die Kleider vom Leib
gerissen, bei dem grausamen Versuch dich zu demütigen und dich auch deiner
menschlichen Würde zu berauben.
Dieser Versuch wird auch in unseren Tagen ständig unternommen, etwa von
autoritären Regimen, wenn sie Gefangene zwingen, halbnackt in einer kahlen Zelle
oder auf einem Hof auszuharren. Folterer unternehmen ihn, die sich nicht darauf
beschränken, die Kleidung wegzureißen, sondern auch Haut und Fleisch. Er wird
von denen unternommen, die Formen der Leibesvisitation und Kontrolle anordnen
und anwenden, die die Würde des Menschen nicht respektieren. Er wird von
Vergewaltigern und Missbrauchstätern unternommen, die ihre Opfer wie Gegenstände
behandeln. Er wird von der Unterhaltungsindustrie unternommen, wenn sie
Nacktheit zur Schau stellt, um ein paar Zuschauer mehr zu gewinnen. Er wird
unternommen im Bereich der Information, wenn Menschen vor der Öffentlichkeit
bloßgestellt werden. Und manchmal machen auch wir das, mit unserer Neugier, die
weder Scham oder Intimität noch die Privatsphäre anderer respektiert.
Erinnere uns daran, Herr, dass sich jedes Mal, wenn wir die Würde anderer nicht
anerkennen, unsere eigene Würde trübt, und dass wir jedes Mal, wenn wir
unmenschliches Verhalten gegenüber einem Menschen billigen oder praktizieren,
selbst weniger menschlich werden.
Lasst uns beten: Bekleide uns, Jesus.
| Mit deiner unendlichen Demut: |
Bekleide uns, Jesus. |
| Mit Respekt für jeden Menschen: |
Bekleide uns, Jesus. |
| Mit der Empfindung des Mitgefühls: |
Bekleide uns, Jesus. |
| Mit einem neuen Gefühl für Scham: |
Bekleide uns, Jesus. |
| Mit der Kraft, die Würde jedes Menschen zu verteidigen: |
Bekleide uns, Jesus. |
11. Station
Jesus wird ans Kreuz genagelt
Aus dem Evangelium nach Johannes (19,17-19)
Und [Jesus] selbst trug das Kreuz und ging hinaus zur sogenannten Schädelstätte,
die auf Hebräisch Golgota heißt. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei
andere, auf jeder Seite einen, in der Mitte aber Jesus. Pilatus ließ auch eine
Tafel anfertigen und oben am Kreuz befestigen; die Inschrift lautete: Jesus von
Nazaret, der König der Juden.
Aus den Schriften des heiligen Franz von Assisi (Sonn 8)
Gelobt seist du, mein Herr, durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen und
Krankheit ertragen und Drangsal. Selig jene, die solches ertragen in Frieden,
denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt.
Indem du wie ein Verbrecher ans Kreuz genagelt wirst, aber mit einem Titel, der
deine Königswürde offenbart, zeigst du uns, o Jesus, was wahre Macht ist. Nicht
die Macht derer, die glauben, über das Leben anderer verfügen zu können, indem
sie sie töten, sondern die Macht dessen, der den Tod tatsächlich besiegen kann,
indem er Leben gibt, und der Leben auch geben kann, wenn er den Tod annimmt. Du
zeigst, dass nicht diejenigen wahrhaft mächtig sind, die sich mit Stärke und
Gewalt durchsetzen, sondern diejenigen, die fähig sind, das Böse im Menschen,
unsere Bosheit, meine Bosheit auf sich zu nehmen; und die es mit der Kraft der
Liebe, die sich in der Vergebung offenbart, zunichtemachen. Du bist König und
herrscht vom Kreuz aus: Du bedienst dich nicht der scheinbaren Macht von Armeen,
sondern der scheinbaren Ohnmacht der Liebe, die sich ans Kreuz nageln lässt. Du
bist König, und dein Kreuz wird zur Achse, um die sich die Geschichte und das
ganze Universum drehen, sodass sie nicht abstürzen in die Hölle der Unfähigkeit
zu lieben.
Du, der gekreuzigte König, erinnerst uns daran, dass auch wir lernen müssen, um
deiner Liebe willen zu vergeben und die Schwierigkeiten des Lebens friedlich zu
ertragen, wenn wir an deinem Königtum teilhaben wollen, denn es ist nicht die
Liebe zur Macht, die siegt, sondern die Macht der Liebe.
Lasst uns beten: Lehre uns zu lieben.
| Wenn wir Ungerechtigkeit erleiden: |
Lehre uns zu lieben. |
| Wenn wir nach Rache dürsten: |
Lehre uns zu lieben. |
| Wenn wir von der Gewalt versucht werden: |
Lehre uns zu lieben. |
| Wenn wir Vergebung für unmöglich halten: |
Lehre uns zu lieben. |
| Wenn wir uns gekreuzigt fühlen: |
Lehre uns zu lieben. |
12. Station
Jesus stirbt am Kreuz
Aus dem Evangelium nach Johannes (19,28-30)
Danach, da Jesus wusste, dass nun alles vollbracht war, sagte er, damit sich die
Schrift erfüllte: Mich dürstet. Ein Gefäß voll Essig stand da. Sie steckten
einen Schwamm voll Essig auf einen Ysopzweig und hielten ihn an seinen Mund. Als
Jesus von dem Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte
das Haupt und übergab den Geist.
Aus den Schriften des heiligen Franz von Assisi (2Gl 11-13)
Dieses Vaters Willen war der, dass sein gebenedeiter und glorreicher Sohn, den
er uns geschenkt hat und der für uns geboren wurde, sich selbst durch sein
eigenes Blut als Opfer und Gabe auf dem Altar des Kreuzes darbringen sollte;
nicht seinetwegen, durch den alles geschaffen ist, sondern für unsere Sünden,
indem er uns ein Beispiel hinterließ, damit wir seinen Fußspuren folgen.
„Es ist vollbracht.“ Das bedeutet nicht, dass alles vorbei ist, sondern dass
deine Sendung der Menschwerdung, o Jesus, an ihr Ziel gelangt ist. Du hast den
Auftrag erfüllt, den dir der Vater anvertraut hat, und nun kannst du zu ihm
zurückkehren und uns mitnehmen.
Von nun an wissen wir, dass wir, wenn wir uns zu dir hinziehen lassen und
unseren Blick zu dir erheben, vor demjenigen stehen, der uns versöhnt, der
unsere „Schuld” tilgt, der uns in das Heiligtum führt, das das Leben Gottes ist.
Wir stehen vor dem, der uns durch die Verwirklichung des Ziels der Menschwerdung
die Möglichkeit gibt, den tiefen Sinn unseres eigenen Lebens zu verwirklichen:
nämlich Kinder Gottes zu werden, Gottes Meisterwerk zu sein.
Hilf uns, Herr, das Geschenk des Heiligen Geistes anzunehmen, den du bereits in
der Stunde deines Todes am Kreuz über uns ausgegossen hast, und lass auch uns
zusammen mit dir aus dieser Welt zum Vater hinübergehen.
Lasst uns beten: Schenke uns deinen Geist, Herr.
| Damit wir neue Geschöpfe werden und in Gott leben: |
Schenke uns deinen Geist, Herr. |
| Damit wir erfahren, dass unsere Schuld getilgt ist: |
Schenke uns deinen Geist, Herr. |
| Damit wir „Abba, Vater” sagen können: |
Schenke uns deinen Geist, Herr. |
| Damit wir jeden Menschen als Bruder und Schwester annehmen: |
Schenke uns deinen Geist, Herr. |
| Damit wir den letzten Sinn des Lebens erkennen: |
Schenke uns deinen Geist, Herr. |
13. Station
Jesus wird vom Kreuz genommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt
Aus dem Evangelium nach Johannes (19,38-39)
Josef aus Arimathäa war ein Jünger Jesu, aber aus Furcht vor den Juden nur im
Verborgenen. Er bat Pilatus, den Leichnam Jesu abnehmen zu dürfen, und Pilatus
erlaubte es. Also kam er und nahm den Leichnam ab. Es kam auch Nikodemus, der
früher einmal Jesus bei Nacht aufgesucht hatte. Er brachte eine Mischung aus
Myrrhe und Aloe, etwa hundert Pfund.
Aus den Schriften des heiligen Franz von Assisi (Sonn 9)
Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, den leiblichen Tod; ihm kann
kein Mensch lebend entrinnen. Wehe jenen, die in tödlicher Sünde sterben. Selig
jene, die er findet in deinem heiligsten Willen, denn der zweite Tod wird ihnen
kein Leid antun.
Jesus ist soeben gestorben, und schon beginnt sein Tod erste Früchte zu tragen.
Josef von Arimathäa und Nikodemus, die nur heimlich Jünger Jesu waren, weil sie
Angst hatten sich einer Gefahr auszusetzen, finden jetzt den Mut, zu Pilatus zu
gehen und um Jesu Leichnam zu bitten. Damit vollbringen sie eine Geste
menschlichen Erbarmens, nämlich einen Verurteilten vom Kreuz abzunehmen und ihn
mit Würde und Anstand zu bestatten.
Es sollte niemals Leichname geben, die nicht herausgegeben und nicht beerdigt
werden: Die Mütter, Verwandten und Freunde von Verurteilten sollten niemals
gezwungen sein, sich vor der Obrigkeit zu demütigen, um die geschundenen
Überreste eines Angehörigen zurückzuerhalten. Auch der Leichnam eines
Verstorbenen behält seine Menschenwürde und darf nicht verhöhnt, versteckt,
vernichtet, nicht zurückgegeben werden oder ohne reguläre Bestattung verbleiben.
Nicht nur der Leib eines ehrbaren Menschen, sondern auch der eines Verbrechers
verdient Achtung.
Jesus, du wurdest zu Unrecht gefangen genommen, gefoltert, gerichtet, für
schuldig befunden und getötet, aber dein Leib wurde herausgegeben und geehrt;
lass unsere Zeit, die den Respekt für die Lebenden verloren hat, zumindest die
Achtung vor den Toten bewahren.
Lasst uns beten: Lehre uns Mitleid.
| Um das Leid von Gefangenen zu spüren: |
Lehre uns Mitleid. |
| Um mit politischen Gefangenen solidarisch zu sein: |
Lehre uns Mitleid. |
| Um Familienangehörige von Geiseln zu verstehen: |
Lehre uns Mitleid. |
| Um die Toten unter den Trümmern zu beklagen: |
Lehre uns Mitleid. |
| Um Achtung vor allen Verstorbenen zu haben: |
Lehre uns Mitleid. |
14. Station
Der heilige Leichnam Jesu wird ins Grab gelegt
Aus dem Evangelium nach Johannes (19,40-42)
[Josef aus Arimathäa und Nikodemus] nahmen den Leichnam Jesu und umwickelten ihn
mit Leinenbinden, zusammen mit den wohlriechenden Salben, wie es beim jüdischen
Begräbnis Sitte ist. An dem Ort, wo man ihn gekreuzigt hatte, war ein Garten und
in dem Garten war ein neues Grab, in dem noch niemand bestattet worden war.
Wegen des Rüsttages der Juden und weil das Grab in der Nähe lag, setzten sie
Jesus dort bei.
Aus den Schriften des heiligen Franz von Assisi (2Gl 61-62)
Um seinetwillen aber, der so Schweres für uns erduldet und uns so viel Gutes
erwiesen hat und in Zukunft erweisen wird, soll jegliche Kreatur, die im Himmel,
auf der Erde, im Meer und in den Tiefen ist, Gott Lob, Herrlichkeit, Ehre und
Preis erweisen, weil er unsere Kraft und Stärke ist, er, der allein gut ist,
allein der Höchste, allein allmächtig, bewundernswert, herrlich und allein
heilig, lobwürdig und gepriesen durch die unendlichen Ewigkeiten der Ewigkeiten.
Amen.
Alles begann in einem Garten, im Garten Eden, den die Stammeltern als Geschenk
erhalten hatten und den sie bewahren sollten und aus dem sie verbannt wurden,
weil sie Gott nicht vertrauten. Alles beginnt erneut in einem Garten, in dem
Jesus begraben und wieder auferweckt wurde: an einem Ort, an dem sich die alte,
geschwächte und sterbliche Schöpfung in eine neue Schöpfung verwandelt, die am
Leben Gottes selbst teilhat. Dieser Ort ist das Tor, durch das Jesus in die
Unterwelt hinabgestiegen ist, und er ist der Eingang zum Paradies, das nicht
mehr irdisch und vergänglich, sondern himmlisch und endgültig ist. Dies ist der
Ort der letzten Geste des Erbarmens und der letzten Tränen, die über dem
Leichnam Christi vergossen wurden. Es ist der Ort der ersten Begegnung mit ihm,
dem Auferstandenem, der nun für immer lebt und nur erkennbar ist, wenn er uns
beim Namen ruft oder uns die Augen öffnet, und den man nicht festhalten kann. Es
ist der Ort, an dem Maria von Magdala den Auftrag erhält, zu verkünden, dass der
Tod besiegt ist, weil Jesus von Nazaret nun auferstanden ist, dass er der Herr
ist, der Lebendige, der nicht mehr sterben kann.
Seitdem werden auch wir – dank der Taufe – zusammen mit Jesus in eben jenem
Garten begraben, in der sicheren Hoffnung, dass derjenige, der Christus von den
Toten auferweckt hat, auch unseren sterblichen Leibern Leben schenken wird durch
seinen Geist, der in uns wohnt (vgl. Röm 8,11). Wir danken dir, Herr,
weil du unserer Hoffnung auf das ewige Leben einen sicheren Grund gegeben hast.
Lasst uns beten: Komm, Herr Jesus.
| Um wieder mit uns im Garten zu wandeln: |
Komm, Herr Jesus. |
| Um die Tränen von unseren Augen abzutrocknen: |
Komm, Herr Jesus. |
| Um uns eine sichere Hoffnung zu schenken: |
Komm, Herr Jesus. |
| Um den Stein wegzurollen, der unser Herz bedrückt: |
Komm, Herr Jesus. |
| Um uns das Paradies erahnen zu lassen: |
Komm, Herr Jesus. |
HEILIGER VATER:
Schlussgebet und Segen
Machen wir uns am Ende dieses Kreuzwegs das Gebet zu eigen, mit dem der heilige
Franziskus uns einlädt, uns in unserem Leben immer tiefer in jene
Liebesbeziehung mithineinnehmen zu lassen, die den Vater, den Sohn und den
Heiligen Geist vereint.
Allmächtiger, ewiger, gerechter und barmherziger Gott, verleihe uns Elenden, um
deiner selbst willen das zu tun, von dem wir wissen, dass du es willst, und
immer zu wollen, was dir gefällt, damit wir, innerlich geläutert, innerlich
erleuchtet und vom Feuer des Heiligen Geistes entflammt, den Fußstapfen deines
geliebten Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, folgen können und allein durch
deine Gnade zu dir, Allerhöchster, zu gelangen vermögen, der du in vollkommener
Dreifaltigkeit und einfacher Einheit lebst und herrschst und verherrlicht wirst
als allmächtiger Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen (Ord 50-52).
Schließen wir mit jenem alten biblischen Segen (vgl. Num 6,24-26), mit
dem der heilige Franziskus gewöhnlich die Brüder und alle Menschen segnete,
sodass er zu „seinem” Segen wurde (vgl. SegLeo).
Der Herr sei mit euch.
℟. Und mit deinem Geiste.
Der Herr segne euch und behüte euch.
℟. Amen.
Der Herr lasse sein Angesicht über euch leuchten und sei euch gnädig.
℟. Amen.
Er wende euch sein Antlitz zu und schenke euch seinen Frieden.
℟. Amen.
Das gewähre euch der dreieinige Gott,
der ✠ Vater und der
✠ Sohn und der
✠ Heilige Geist.
℟. Amen.