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PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS "DOMUS SANCTAE MARTHAE"

 

Gott erwählt die Kleinen

 Dienstag, 21. Januar 2014

 

aus: L'Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 5, 31. Januar 2014

 

Gott wählt stets »den Kleinsten«, er ruft ihn bei seinem Namen und knüpft mit ihm eine persönliche Beziehung: deshalb muss man, um mit ihm in einen Dialog eintreten zu können, in erster Linie »klein« sein. Daran erinnerte Papst Franziskus im Verlauf der Messe, die er am Dienstag Vormittag, 21. Januar, dem liturgischen Gedenktag der heiligen Jungfrau und Märtyrerin Agnes, in der Kapelle des Hauses Santa Marta feierte.

Es war die Schriftlesung aus dem1. Buch Samuel (16,1-13a), wo von der Salbung Davids berichtet wird, die den Papst zu seiner Predigt anregte. »Die Beziehung des Herrn zu seinem Volk«, so sagte er, »ist immer eine ganz persönliche Beziehung.« Eine Beziehung »von Mensch zu Mensch: er ist der Herr, und das Volk hat einen Namen. Die Menschen haben alle einen Namen. Es handelt sich nicht um den Dialog zwischen einem Machthaber und der Masse«, sondern es handelt sich um einen »persönlichen« Dialog. Im übrigen, so fuhr der Papst fort, »sind die Menschen als Volk organisiert und der Dialog wird mit dem Volk geführt. Und jeder hat seinen bestimmten Platz im Volk.«

Aus diesem Grunde, so erläuterte er, »spricht der Herr niemals so zum Volk«, als wende er sich an eine »Masse«. Vielmehr »spricht er stets persönlich«, indem er jeden Menschen bei seinem Namen rufe. Überdies »wählt der Herr höchstpersönlich«, so fügte der Papst hinzu, wobei er an das Beispiel der »Schöpfungsgeschichte« erinnerte. »Der Herr selbst, der den Menschen mit seinen Händen formt, gibt ihm einen Namen: Du sollst Adam heißen. Und so beginnt die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen.«

Papst Franziskus nannte dann einen weiteren grundlegenden Aspekt: »Es besteht eine Beziehung zwischen Gott und uns Kleinen. Gott ist groß und wir klein.« So »wählt Gott auch dann, wenn er Menschen auswählen muss, auch wenn er sein Volk erwählt, immer die Kleinen.« Das gehe so weit, dass »er zu seinem Volk sagt: Ich habe dich erwählt, weil du das kleinste bist, dasjenige, das unter allen Völkern die geringste Macht hat.« Das also sei der eigentliche Grund für »den Dialog zwischen Gott und der menschlichen Kleinheit«. Und im Hinblick darauf verwies der Papst auf das Zeugnis der »Muttergottes, die sagen wird: Der Herr hat auf meine Niedrigkeit geschaut, er hat auf jene geschaut, die klein sind, er hat die Kleinen gewählt.«

»In der heutigen ersten Schriftlesung«, so fuhr der Papst dann fort, »ist dieses Verhalten des Herrn ganz deutlich zu sehen. Als Samuel vor dem größten der Söhne des Isai stand, habe er sich gesagt: ›Gewiss steht nun vor dem Herrn sein Gesalbter!‹ Denn er war ein großer, stattlicher Mann.« Aber der Herr, so fügte er hinzu, sage zu Samuel: »Sieh nicht auf sein Aussehen und seine stattliche Gestalt, denn ich habe ihn verworfen; Gott sieht nämlich nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Der Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz.« Folglich »wählt der Herr nach seinen eigenen Kriterien«. Aus eben diesem Grund, so bekräftigte der Papst, »haben wir beim Gebet am Anfang der Messe mit Blick auf die heilige Agnes gebetet: Du, Herr, der die Schwachen und Sanftmütigen berufst, um die Mächtigen dieser Welt zu beschämen…«

Mit einem weiteren Verweis auf die Bibel bekräftigte der Heilige Vater, dass »der Herr David erwählt, den Kleinsten, der bei seinem Vater nicht zählte. Er dachte, dass er nicht zuhause sei, und vielleicht hatte er ihm aufgetragen: geh die Schafe hüten, denn wir müssen ein wichtiges Geschäft abschließen, und du zählst nicht.« Statt dessen wurde ausgerechnet David, der kleinste, vom Herrn »auserwählt« und von Samuel gesalbt. »Wir alle sind durch die Taufe vom Herrn erwählt worden. Wir alle sind auserwählt«, bekräftigte der Papst, und erklärte, dass der Herr »uns jeden einzelnen auserwählt hat. Er hat uns einen Namen gegeben. Und er schaut uns an. Es gibt einen Dialog. Denn so liebt der Herr.«

Aber auch David, der dann König geworden sei, »hat gefehlt« und »hat vielleicht viele Fehler begangen«. Die Bibel berichte von »zwei sehr großen Fehlern: zwei schwerwiegenden Fehlern «. Und »was hat David getan? Er hat sich gedemütigt, ist wieder zu seiner Kleinheit zurückgekehrt und hat gesagt: Ich bin ein Sünder! Er hat um Vergebung gebeten und Buße getan.« So habe »nach der zweiten Sünde, nachdem er den Wunsch verspürt hatte, zu sehen, wie groß sein Volk sei, der Herr ihn sehen lassen, dass diese Volkszählung ein Akt des Hochmuts war«. Und David »hat gesagt: aber bestrafe mich, nicht das Volk! Das Volk hat keine Schuld, ich bin der Schuldige!« Indem er das tat, »hat David seine Kleinheit bewahrt: durch die Reue, durch das Gebet «. Auch durch Tränen, denn »als er vor seinen Feinden floh, weinte er. Und sagte sich: Vielleicht wird der Herr diese Tränen sehen und sich unser erbarmen!«

In seinen weiteren Ausführungen über »diesen Dialog zwischen dem Herrn und unserer Kleinheit, der Kleinheit jedes Einzelnen von uns«, stellte der Papst eine Frage: »Wo ist die christliche Treue?«, und antwortete darauf: »Die christliche Treue, unsere Treue, besteht schlichtweg darin, unsere Kleinheit beizubehalten, um mit dem Herrn sprechen zu können.« Eben deshalb »sind die Demut, die Milde, die Sanftmut im Leben des Christen so wichtig: Sie sind das Gehäuse, in dem die Kleinheit aufbewahrt wird.« Sie sind die Grundlagen, auf denen stets »der Dialog zwischen unserer Kleinheit und der Größe des Herrn« fortgesetzt werden kann.

Papst Franziskus schloss seine Predigt mit einem Gebet: »Möge uns der Herr, durch die Fürbitte der Muttergottes – die freudig zum Herrn gesungen hatte, weil er ihre Niedrigkeit gesehen hatte – die Gnade gewähren, vor ihm unsere Kleinheit zu bewahren.«



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