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ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
AN DIE TEILNEHMER DER GENERALVERSAMMLUNG
DER FOKOLAR-BEWEGUNG

Audienzhalle
Samstag, 6. Februar 2021

[Multimedia]


 

 

Eminenz, liebe Brüder und Schwestern!

Es ist mir eine Freude, euch zum Abschluss eurer Generalversammlung empfangen zu können, bei der ihr euch mit wichtigen Themen befasst und die neuen Verantwortlichen gewählt habt. Ich danke der scheidenden Präsidentin, Maria Voce. Danke Maria! Sie war sehr tüchtig und so menschlich. Danke!

Und mein Dank gilt auch der neugewählten Präsidentin, Margaret Karram, für ihr freundliches Grußwort, in dem sie an jenen Abend des Gebets für Einheit und Frieden im Heiligen Land mit dem Präsidenten Israels und dem Präsidenten des Staates Palästina erinnert hat. Das waren verheißungsvolle Zeiten, aber die Verheißung gibt es ja immer. Wir müssen vorangehen und das Heilige Land im Herzen tragen, immer, wirklich immer. Ich spreche Ihnen, wie ich es auch zu Maria gesagt habe, ein großes »Dankeschön« aus sowie meine herzlichen Glück- und Segenswünsche, die auch dem Co-Präsidenten und den Mitgliedern des Generalrats gelten. Es freut mich, dass Kardinal Kevin Farrell und Frau Linda Ghisoni, die Untersekretärin, hier sind. Ich grüße euch, die ihr hier anwesend seid, und all jene, die per Streaming mit uns verbunden sind. Mein Gruß geht außerdem an alle Mitglieder des »Werkes Mariens«, die ihr vertretet. Um euch auf eurem Weg zu ermutigen, möchte ich einige Überlegungen mit euch teilen, die ich in drei Punkte untergliedere: die Zeit nach der Gründerin; die Bedeutung von Krisen; die mit Kohärenz und Realismus gelebte Spiritualität.

Die Zeit nach der Gründerin. Zwölf Jahre nach Chiara Lubichs Heimgang in den Himmel seid ihr nunmehr aufgerufen, die natürliche Verwirrung und auch den Rückgang der Mitgliederzahlen zu überwinden, um auch weiterhin lebendiger Ausdruck des Gründungscharismas zu sein. Dies erfordert – wie wir wissen – eine dynamische Treue, die imstande ist, die Zeichen und  Bedürfnisse der Zeit zu erkennen und auf die neuen Anforderungen, vor denen die Menschheit steht, zu antworten. Jedes Charisma ist kreativ, es ist keine Statue aus dem Museum, nein, es ist kreativ. Es geht darum, der ursprünglichen Quelle treu zu bleiben und sich zu bemühen, sie zu überdenken und sie im Dialog mit den neuen sozialen und kulturellen Situationen zum Ausdruck zu bringen.

Ein Baum hat tiefe Wurzeln, aber er wächst im Dialog mit der Wirklichkeit. Dieses Werk der Anpassung an die heutigen Verhältnisse ist umso fruchtbarer, je mehr es in Einklang mit der Kreativität, der Weisheit, der Sensibilität gegenüber allen sowie der Treue zur Kirche durchgeführt wird. Eure Spiritualität, die von Dialog und Offenheit gegenüber den unterschiedlichen kulturellen, sozialen und religiösen Kontexten geprägt ist, kann diesen Prozess gewiss fördern. Die Offenheit gegenüber den anderen, wer auch immer sie sein mögen, muss immer gepflegt werden: das Evangelium ist für alle bestimmt, aber nicht als Proselytismus, nein, es ist für alle bestimmt; es ist ein Sauerteig neuer Menschlichkeit an jedem Ort und zu jeder Zeit.

Diese innere Haltung der Offenheit und des Dialogs wird euch helfen, jede Form von Selbstbezogenheit zu meiden, die immer eine Sünde ist. Es ist eine Versuchung, sich im Spiegel zu betrachten. Nein, das ist hässlich. Nur zum Haarekämmen am Morgen und sonst nicht! Diese Vermeidung jeglicher Selbstbezogenheit, die nie auf einen guten Geist zurückgeht, ist es, was wir uns für die ganze Kirche wünschen: Wir müssen uns davor hüten, uns über uns selbst zu beugen, was dazu führt, dass wir immer die Institution und nicht die Menschen verteidigen. Und das kann sogar so weit gehen, dass wir Formen von Missbrauch rechtfertigen oder vertuschen. Wir haben es in sehr schmerzvoller Weise erlebt, wir haben es in den letzten Jahren entdeckt. Die Selbstbezogenheit hindert uns daran, Fehler und Unzulänglichkeiten zu sehen, sie behindert uns auf unserem Weg und verhindert eine ehrliche Überprüfung von institutionellen Vorgehensweisen und Leitungsstilen. Vielmehr ist es besser, mutig zu sein und die Probleme mit Parrhesie und Wahrheit in Angriff zu nehmen, indem man stets den Richtlinien der Kirche folgt, die eine Mutter ist, die eine wahre Mutter ist, und indem man auf die Anforderungen der Gerechtigkeit und Nächstenliebe antwortet. Sich selbst in den Himmel zu heben erweist dem Charisma keinen guten Dienst. Nein. Es geht vielmehr darum, jeden Tag staunend – vergesst nicht das Staunen, denn es ist immer ein Zeichen der Gegenwart Gottes – jenes unentgeltliche Geschenk anzunehmen, das ihr bei der Begegnung mit eurem Lebensideal empfangen habt. Und mit Gottes Beistand sollt ihr versuchen, diesem Geschenk mit Glauben, Demut und Mut zu entsprechen, wie es die Jungfrau Maria nach der Verkündigung getan hat.

Das zweite Thema, das ich hier darlegen will, ist jenes der Bedeutung von Krisen. Man kann nicht ohne Krisen leben. Krisen sind ein Segen, auch auf einer natürlichen Ebene – die Krisen des heranwachsenden Kindes bis ins Erwachsenenalter sind wichtig –, und das gilt auch für das Leben von Institutionen. Ich habe darüber in meiner jüngsten Ansprache an die Römische Kurie ausführlich gesprochen. Es besteht immer die Versuchung, aus einer Krise einen Konflikt zu machen.

Konflikte sind hässlich, sie können hässlich werden, sie können spalten, aber die Krise bietet die Chance zu wachsen. Jede Krise ist ein Ruf zu neuer Reife; sie ist eine Zeit des Geistes, der das Bedürfnis nach Erneuerung weckt, ohne angesichts der menschlichen Komplexität und ihrer Widersprüche mutlos zu werden. Heutzutage wird viel Wert auf die Bedeutung der Resilienz angesichts von Schwierigkeiten gelegt, das heißt auf die Fähigkeit, ihnen positiv entgegenzutreten und sie zu günstigen Gelegenheiten werden zu lassen. Jede Krise ist eine Chance, zu wachsen. Es ist Aufgabe derer, die auf allen Ebenen Leitungsfunktionen innehaben, sich zu bemühen, den gemeinschaftlichen und organisatorischen Krisen auf die beste und konstruktivste Weise zu begegnen.

Die geistlichen Krisen von Einzelpersonen hingegen, die das Innerste des Individuums und den Gewissensbereich betreffen, müssen von jenen mit Umsicht behandelt werden, die in den verschiedenen Bereichen der Bewegung keine Leitungsfunktionen ausüben. Und das ist seit jeher eine bewährte Regel der Kirche – schon bei den Mönchen, seit jeher –, die nicht nur in den Krisenmomenten der Menschen gilt, sondern allgemein für ihre Begleitung auf dem geistlichen Weg. Es ist jene weise Unterscheidung zwischen dem forum externum und dem forum internum, von der uns die Erfahrung und die Tradition der Kirche lehrt, dass sie unverzichtbar ist. Denn die Vermischung zwischen der Leitungsebene und dem Gewissensbereich führt zu jenen Fällen von Machtmissbrauch und anderen Formen von Missbrauch, zu deren Zeugen wir geworden sind, als der Topf dieser hässlichen Probleme aufgedeckt wurde.

Und schließlich der dritte Punkt: mit Kohärenz und Realismus gelebte Spiritualität. Kohärenz und Realismus. »Diese Person ist maßgebend… Warum ist sie maßgebend? Weil sie kohärent ist.« Das sagen wir ja sehr oft. Das eigentliche Ziel eures Charismas stimmt mit dem Wunsch überein, den Jesus in seinem letzten, großen Gebet dem Vater vorgetragen hat: »Alle sollen eins sein« (Joh 17,21), vereint, im Wissen darum, dass es ein Werk der Gnade des einen und dreifaltigen Gottes ist: »Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein« (ebd.). Dieses Anliegen erfordert ein Vorgehen auf zweifacher Ebene: außerhalb der Bewegung und innerhalb der Bewegung.

Was das Handeln nach außen betrifft, so ermutige ich euch – und darin hat die Dienerin Gottes Chiara Lubich so viele Beispiele gegeben! –, Zeugen der Nähe zu sein, mit jener geschwisterlichen Liebe, die alle Barrieren überwindet und bis in alle menschlichen Bereiche vordringt. Die Barrieren überwinden, keine Angst haben! Das ist der Weg der geschwisterlichen Nähe, der die Gegenwart des auferstandenen Herrn an die Männer und Frauen unserer Zeit übermittelt, angefangen bei den Armen, den Geringsten, den Ausgestoßenen. Und dabei sollen wir uns gemeinsam mit den Menschen guten Willens für die Förderung von Gerechtigkeit und Frieden einsetzen. Vergesst nicht, dass die Nähe, die Unmittelbarkeit seit jeher die authentischste Sprache Gottes ist. Denken wir an jene Stelle im Deuteronomium, wo der Herr sagte: »Denn welche große Nation hätte Götter, die ihr so nah sind wie der Herr, unser Gott, uns nah ist?« Jener Stil Gottes, jene Nähe, ging weiter, weiter, immer weiter, bis sie zu jener großen, wesentlichen Nähe gelangte: zum fleischgewordenen Wort, zu Gott, der eins mit uns geworden ist. Vergessen wir nicht: die Nähe ist der Stil Gottes, sie ist meines Erachtens die allerauthentischste Sprache.

Was das Engagement innerhalb der Bewegung betrifft, so lade ich euch ein, die Synodalität immer stärker zu fördern, damit alle Mitglieder als Hüter desselben Charismas für das Leben des »Werkes Mariens« und seine spezifischen Ziele Verantwortung tragen und an ihm teilhaben können. Wer Leitungsverantwortung trägt, ist aufgerufen, transparente Beratungen nicht nur innerhalb der Leitungsgremien, sondern auf allen Ebenen zu fördern und umzusetzen, auf der Grundlage jener Logik der Gemeinschaft, der zufolge jeder seine eigenen Gaben und seine Ansichten in Wahrheit und Freiheit in den Dienst der anderen stellen kann.

Liebe Brüder und Schwestern, hört in der Nachfolge von Chiara Lubich immer auf den Ruf des verlassenen Christus am Kreuz, in dem das höchste Maß an Liebe offenbar wird. Die Gnade, die von ihm ausgeht, vermag in uns schwachen und sündigen Menschen großherzige und zuweilen heroische Antworten zu wecken. Sie vermag Leiden und sogar Tragödien in eine Quelle des Lichts und der Hoffnung für die Menschheit zu verwandeln. In diesem Übergang vom Tod zum Leben liegt die Herzmitte des Christentums und auch eures Charismas. Ich danke euch herzlich für euer freudiges Zeugnis für das Evangelium, das ihr der Kirche und der Welt auch weiterhin anbietet. Es ist ein freudiges Zeugnis. Man sagt, dass die »Fokolarini« immer lächeln, sie haben immer ein Lächeln auf den Lippen. Und ich erinnere mich, dass ich einmal jemanden über die »Unwissenheit« Gottes sprechen hörte. Sie sagten zu mir: »Weißt du eigentlich, dass Gott unwissend ist? Es gibt vier Dinge, die Gott nicht wissen kann« – »Und das wäre?« – »Was die Jesuiten denken, wie viel Geld die Salesianer haben, wie viele Schwesternkongregationen es gibt und weswegen die »Fokolarini« lächeln.« Ich vertraue eure guten Absichten und Vorhaben der mütterlichen Fürsprache Mariens, der Mutter der Kirche, an und segne euch von Herzen. Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten, denn ich brauche es. Danke!

 



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