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APOSTOLISCHE REISE VON PAPST FRANZISKUS IN DEN IRAK
[5.-8. MÄRZ 2021]

PRESSEKONFERENZ MIT DEM HEILIGEN VATER
AUF DEM RÜCKFLUG NACH ROM
 


Montag, 8. März 2021

[Multimedia]


 

Matteo Bruni:

Guten Morgen, Eure Heiligkeit. Guten Morgen an alle. Danke für diese außergewöhnliche Reise, die die Geschichte dieses Landes und viele Orte betroffen hat und auch die Herzen so vieler Iraker sowie von so vielen berührt hat, die diese Tage mitverfolgen konnten, auch dank der Arbeit unserer Journalistenkollegen. Hier ist auch Monsignore Dieudonné Datonou, der an der Realisierung dieser Reise gearbeitet hat ... „der neue Sheriff“! Wir danken auch ihm für seine Arbeit. Wir wissen, dass er auf die Erfahrung der Abteilung für Papstreisen im Staatssekretariat zählen konnte und auch auf die Erfahrung so vieler Stellen des Heiligen Stuhls, die an der Organisation der Reise beteiligt sind. Und jetzt, wenn Sie möchten, ein Grußwort und dann gibt es ein paar Fragen von Journalisten zu diesen Tagen.

Papst Franziskus:

Zunächst einmal vielen Dank für Ihre Arbeit und Ihre Gesellschaft ... und für Ihre Müdigkeit!

Dann ist heute Weltfrauentag: meine Glückwünsche an die Frauen. Weltfrauentag ... Wir haben gesagt: Warum gibt es keinen Tag für Männer ... Auch beim Treffen mit der Gattin des Präsidenten [der Republik Irak], da sagte ich: „Weil wir Männer immer am Feiern sind!“. Wir brauchen einen Festtag für Frauen. Die Gattin des Präsidenten hat über die Frauen gesprochen und mir da heute schöne Dinge erzählt: die Stärke, die Frauen besitzen, um das Leben zu bewältigen, die Geschichte, die Familie voranzubringen ... vieles mehr.

Und herzlichen Glückwunsch an alle!

Und drittens: Heute ist der Geburtstag der Journalistin von Cope, nicht am anderen Tag! Herzlichen Glückwunsch! Wir müssen das feiern ... wir werden sehen, wie ... Jetzt haben Sie das Wort.

Matteo Bruni:

Die erste Frage, Heiliger Vater, kommt direkt aus der arabischen Welt, von Imad Atrach, Journalist bei Sky News Arabia.

Imad Abdul Karim Atrach (Sky News Arabia):

Eure Heiligkeit, vor zwei Jahren gab es in Abu Dhabi das Treffen mit dem Imam Al-Tayyeb von Al-Azhar und die Unterzeichnung der Erklärung über die Brüderlichkeit. Vor drei Tagen haben Sie sich mit Al Sistani getroffen: Ist etwas Ähnliches auch mit der schiitischen Seite des Islam denkbar? Und dann eine zweite Frage: Der Libanon, von dem der heilige Johannes Paul II. sagte, er sei mehr als ein Land, er sei eine Botschaft. Diese Botschaft, so sage ich Ihnen als Libanese, ist leider am Verschwinden. Dürfen wir an einen zukünftigen, nahestehenden Besuch von Ihnen im Libanon denken? Danke!

Papst Franziskus:

Das Abu Dhabi-Dokument vom 4. Februar [2019] wurde sechs Monate lang mit dem Großimam im Verborgenen vorbereitet, im Gebet, im Nachdenken, den Text korrigierend. Es war, so möchte ich sagen, – das ist ein bisschen vermessen, nehmen Sie es als eine Anmaßung – ein erster Schritt in die Richtung dessen, was Sie mich fragen. Wir können sagen, dass dies [mit Al Sistani] der zweite wäre. Und weitere werden folgen. Der Weg der Geschwisterlichkeit ist wichtig. Also, die beiden Dokumente: das von Abu Dhabi hinterließ in mir die Unruhe im Hinblick auf die Geschwisterlichkeit, und so kam [die Enzyklika] Fratelli tutti dabei heraus. Beide Dokumente muss man studieren, weil sie in die gleiche Richtung gehen, sie suchen ... nach Geschwisterlichkeit. Ayatollah Al Sistani hat einen Satz gesagt, den ich mir gut zu merken versuche: Die Menschen sind entweder Geschwister durch die Religion oder gleich durch die Schöpfung. Geschwisterlichkeit und Gleichheit, doch unter die Gleichheit können wir nicht gehen. Ich glaube, dass dies auch ein kultureller Weg ist. Denken wir an uns Christen, an den Dreißigjährigen Krieg oder an die Bartholomäusnacht, um ein Beispiel zu nennen. Denken wir daran. Wie sich die Mentalität bei uns ändert. Denn unser Glaube lässt uns entdecken, dass es das ist, die Offenbarung Jesu ist die Liebe und die Nächstenliebe führt uns dazu. Aber wie viele Jahrhunderte hat es gedauert, um es umzusetzen!

Die Geschwisterlichkeit der Menschen ist eine wichtige Sache. Als Menschen sind wir alle Geschwister, und wir müssen mit anderen Religionen zusammen voranschreiten. Das Zweite Vatikanische Konzil hat hier einen großen Schritt getan; dann auch die Institutionen, der Rat zur Förderung der Einheit der Christen und der Rat für den interreligiösen Dialog – Kardinal Ayuso begleitet uns heute. Du bist ein Mensch, du bist ein Kind Gottes, du bist meine Schwester, mein Bruder, Punkt. Das wäre der größte Anhaltspunkt, und oft muss man etwas für diesen Schritt riskieren. Sie wissen, dass es einige Kritiken gibt: dass der Papst nicht mutig, sondern verantwortungslos ist, dass er gegen die katholische Lehre geht, dass er einen Schritt von der Häresie entfernt ist ... Es gibt Risiken. Aber diese Entscheidungen werden immer im Gebet getroffen, im Dialog, im Einholen von Ratschlägen, im Nachdenken. Sie sind nicht so eine Laune, und sie sind auch auf der Linie der Lehre des Konzils. Dies zu Ihrer ersten Frage.

Die zweite: der Libanon ist eine Botschaft. Der Libanon leidet, der Libanon ist mehr als ein Gleichgewicht, er hat die Schwäche der Verschiedenheiten, manche noch nicht versöhnt, aber er hat die Stärke eines großen versöhnten Volkes, die wie die Kraft der Zedern ist. Patriarch Raï hat mich gebeten, auf dieser Reise einen Zwischenstopp in Beirut einzulegen, aber das erschien mir etwas wenig. Das wäre wie ein Krümel angesichts eines Problems, eines Landes, das leidet wie der Libanon. Ich habe ihm einen Brief geschrieben und versprochen, eine Reise dorthin zu machen. Doch der Libanon befindet sich derzeit in einer Krise, in einer Krise – ich will nicht beleidigend sein – in einer Lebenskrise. Der Libanon ist so großzügig, was die Aufnahme von Flüchtlingen angeht ... Dies ist die zweite Reise.

Matteo Bruni:

Danke, Eure Heiligkeit. Die zweite Frage wird von Johannes Neudecker von der Deutschen Presse-Agentur dpa gestellt.

Johannes Claus Neudecker (Deutsche Presse-Agentur dpa):

Danke, Heiliger Vater. Auch meine Frage bezieht sich auf das Treffen mit Al Sistani. Inwiefern war das Treffen mit Al Sistani auch eine Botschaft an die religiösen Führer des Irans?

Papst Franziskus:

Ich glaube, dass es eine universale Botschaft war. Ich fühlte mich verpflichtet, auf dieser Pilgerreise des Glaubens und der Buße einen großen, einen weisen Mann, einen Mann Gottes zu treffen. Nur wenn man ihm zuhört, nimmt man dies wahr. Wir sprechen von Botschaften, und ich würde sagen: Es ist eine Botschaft für alle, eine Botschaft für alle. Er ist ein Mensch, der diese Weisheit besitzt ... und auch Klugheit. Er hat mir gesagt: „Seit zehn Jahren“ – ich glaube, so hat er gesagt – „empfange ich keine Leute mehr, die mich mit anderen – politischen oder kulturellen – Absichten besuchen, nein, nur mit religiösen“. Er war sehr respektvoll, ja, sehr respektvoll bei dem Treffen, und ich fühlte mich geehrt. Auch beim Grüßen: Üblicherweise steht er nie auf; doch er stand auf, um mich zu grüßen, zweimal. Er ist ein bescheidener und weiser Mann. Dieses Treffen hat meiner Seele gutgetan. Er ist ein Licht; und diese Weisen gibt es überall, denn die Weisheit Gottes wurde über die ganze Welt ausgestreut. So ist es auch mit den Heiligen, das sind nicht nur die, die auf den Altären stehen. Das sind die Heiligen des Alltags, diejenigen, die ich „die Heiligen von nebenan“ nenne, die Heiligen – Männer und Frauen –, die ihren Glauben, welchen auch immer, konsequent leben, die die menschlichen Werte, die Geschwisterlichkeit konsequent leben. Ich glaube, wir sollten diese Menschen entdecken, auf sie aufmerksam machen, denn es gibt so viele Beispiele ... Wenn es Skandale gibt, auch in der Kirche, so viele, und das ist keine Hilfe ... aber zeigen wir den Menschen, die den Weg der Geschwisterlichkeit suchen, die Heiligen von nebenan, und wir werden sicher Menschen aus unserer eigenen Familie finden: manchen Großvater, manche Großmutter ... Da bin ich mir sicher!

Matteo Bruni:

Die dritte Frage stellt gerade Eva Maria Fernández Huescar von CoPE, der wir nochmals alles Gute zum Geburtstag wünschen.

Eva Maria Fernández Huescar (Cadena CoPE 31H):

Heiliger Vater, wie schön, die Pressekonferenzen wiederaufzunehmen! Es ist zu schön!

In diesen Tagen hat Ihre Reise in den Irak ein enormes Echo auf der ganzen Welt hervorgerufen. Glauben Sie, dass dies die wichtigste Reise Ihres Pontifikats sein könnte? Es wurde auch gesagt, dass es die riskanteste war: Hatten Sie in irgendeinem Moment der Reise Angst? Und jetzt, wo wir das Reisen wiederaufgenommen haben und Sie das achte Jahr Ihres Pontifikats vollenden, glauben Sie immer noch, dass es kurz sein wird? Und dann, immer die große Frage, Heiliger Vater, die große Frage: Werden Sie jemals nach Argentinien zurückkehren? Und wenn ich schon dabei bin, ich bin Spanierin: Wird einmal der Tag kommen, an dem der Papst nach Spanien reist? Danke, Heiliger Vater!

Papst Franziskus:

Vielen Dank, Eva. Ich habe dich zweimal deinen Geburtstag feiern lassen: einmal zu früh und einmal zu spät.

Ich beginne mit der letzten Frage. Es ist eine Frage ... ich verstehe sie … es gibt nämlich dieses Buch des mit mir befreundeten Journalisten Nelson Castro, ein Arzt. Er hatte ein Buch über die Krankheiten von Präsidenten geschrieben, und ich sagte einmal, bereits in Rom, zu ihm: „Du musst eines über die Krankheiten der Päpste machen, denn es wird interessant sein, etwas über die Krankheiten der Päpste zu erfahren, zumindest über einige der jüngeren Vergangenheit.“ Er begann, es zu schreiben. Er führte mit mir ein Interview, und das Buch kam heraus: Man sagt mir, es sei gut geworden, ich habe es nicht gelesen. Er stellte mir eine Frage: „Falls Sie zurücktreten“ – wenn ich sterbe, oder wenn ich zurücktrete – „falls Sie zurücktreten, kehren Sie dann nach Argentinien zurück oder bleiben Sie hier?“ – „Ich werde nicht nach Argentinien zurückgehen“, so sagte ich, „sondern ich bleibe hier in meiner Diözese.“ Aber auf diese Hypothese – das gehört zusammen mit der Frage, wann ich nach Argentinien fahre oder warum ich nicht dorthin fahre – antworte ich immer ein wenig ironisch: Ich war 76 Jahre lang in Argentinien, reicht das nicht?

Es gibt jedoch eine Sache, die, ich weiß nicht warum, nie gesagt wird: Eine Reise nach Argentinien war im November 2017 geplant. Man fing an, daran zu arbeiten: Chile, Argentinien und Uruguay. Dann aber – die Reise war für Ende November vorgesehen – dann aber befand sich Chile zu dieser Zeit im Wahlkampf, denn damals, im Dezember, wurde der Nachfolger von Michelle Bachelet gewählt, und ich musste reisen, bevor die Regierung wechselte, später konnte ich nicht. Doch im Januar nach Chile fahren und dann im Januar nach Argentinien und Uruguay, das war nicht möglich, denn Januar ist für die beiden Länder wie unser August, Juli-August. So wurde darüber nachgedacht und es wurde der Vorschlag gemacht: Warum nicht Peru dazu nehmen? Denn Peru wurde bei der Reise nach Ecuador, Bolivien, Paraguay ausgelassen, es blieb außen vor. Und daraus wurde dann die Reise im Januar 2018 nach Chile und Peru. Das möchte ich sagen, damit es zu keinen Fantasien über eine „Heimatphobie“ kommt: Wenn sich die Gelegenheit ergibt, dann soll man es machen, denn da gibt es Argentinien, Uruguay und den Süden Brasiliens, die ein sehr großes miteinander verbundenes kulturelles Gebiet darstellen.

Weiter zum Thema Reisen: Um eine Entscheidung für eine Reise zu treffen, höre ich zu. Es gibt viele Einladungen. Ich höre auf den Rat der Berater und auch der Menschen. Manchmal kommt jemand, und ich frage ihn: Was denkst du, soll ich dorthin fahren? Es ist gut für mich zuzuhören, das hilft mir später, Entscheidungen zu treffen. Ich höre den Beratern zu und am Ende bete ich; ich bete, denke viel nach, über manche Reisen habe ich sehr viel nachgedacht. Doch dann kommt die Entscheidung von innen: Machen wir es! Fast spontan, aber wie eine reife Frucht. Es ist ein langer Weg. Einige sind schwieriger, andere einfacher.

Die Entscheidung über diese Reise liegt weiter zurück. Die erste Einladung stammte von der früheren Botschafterin des Iraks, einer Kinderärztin, die Botschafterin des Iraks war: tüchtig, tüchtig, sie hat darauf bestanden. Dann kam die irakische Botschafterin in Italien, sie ist eine kämpferische Frau. Dann kam der neue irakische Botschafter beim Heiligen Stuhl, der sich dafür einsetzte. Davor war noch der irakische Präsident gekommen. All diese Dinge sind haften geblieben. Aber es gibt etwas im Vorfeld, das ich erwähnen möchte: Eine von euch schenkte mir die spanische Ausgabe des Buches „L’ultima ragazza“ von Nadia Murad [deutsche Ausgabe: „Ich bin eure Stimme“]; ich habe es auf Italienisch gelesen. Dann gab sie es an Elisabetta Piqué zum Lesen weiter. – Haben Sie es gelesen? Mehr oder weniger … Es handelt von der Geschichte der Jesiden. Und Nadia Murad erzählt dort schreckliche Dinge, schrecklich. Ich empfehle Ihnen, es zu lesen. An manchen Stellen mag es, weil es biografisch ist, etwas schwer erträglich erscheinen, aber für mich stellt es den Hintergrund für meine Entscheidung dar. Dieses Buch arbeitete in mir drinnen, in mir drinnen … Auch als ich Nadia zuhörte, die [nach Rom] kam und mir Dinge erzählte ... Schrecklich! Also das Buch, alles zusammen führte zur Entscheidung; ich habe über alles nachgedacht, all die Probleme, so vieles … Doch am Ende kam die Entscheidung, und ich habe sie getroffen.

Nun, zum achten Jahr des Pontifikats. Ich weiß nicht, ob die Reisen weniger werden oder nicht, nur muss ich gestehen, dass ich auf dieser Reise viel müder wurde als auf den anderen. Mit 84 Jahren kommt das nicht von ungefähr! Es ist eine Folge davon … aber wir werden sehen. Jetzt [im September] soll ich nach Ungarn zur Abschlussmesse des Internationalen Eucharistischen Kongresses fahren; nicht zu einem Besuch im Land, zur Messe. Aber Budapest ist zwei Autostunden von Bratislava entfernt: Warum nicht auch den Slowaken einen Besuch abstatten? Ich weiß es nicht … und so entstehen die Dinge.

Aaron Patrick Harlan (The Washington Post):

Danke, Heiliger Vater! Diese Reise war natürlich von außerordentlicher Bedeutung für die Menschen, die Sie sehen konnten. Sie war aber auch der Anlass für Veranstaltungen, bei denen Bedingungen für eine Verbreitung des Virus gegeben waren, besonders im Hinblick auf die Menschen, die nicht geimpft sind, die sich zusammendrängten, während sie sangen. Als Sie über die Reise nachdachten und darüber, was sie mit sich bringen würde, waren Sie da auch besorgt, dass die Menschen, die kommen, um Sie zu sehen, krank werden und sogar sterben könnten? Können Sie uns Ihre Überlegungen und Einschätzungen erläutern?

Papst Franziskus:

Wie ich kürzlich sagte, „köcheln“ die Reisen eine Zeit lang in meinem Bewusstsein, und das ist eines der Dinge, die mich bedrückte, sehr bedrückte. … Ich habe viel darüber nachgedacht, viel gebetet und schließlich ganz frei die Entscheidung getroffen, die wirklich von innen kam. Und ich habe mir gesagt: Wer mir zu entscheiden eingibt, der mag sich um die Menschen kümmern. Und so habe ich die Entscheidung getroffen, auf diese Weise, aber nach Gebet und nach Kenntnis der Risiken. Nach all dem.

Matteo Bruni:

Danke. Die nächste Frage kommt von Philippine De Saint Pierre von M.C. KTO.

Philippine de Saint Pierre (M.C. KTO):

Eure Heiligkeit, wir haben den Mut, die Dynamik der irakischen Christen gesehen; wir haben auch die Herausforderungen gesehen, mit denen sie konfrontiert sind, die Bedrohung durch islamistische Gewalt, den Exodus und die Bezeugung des Glaubens in ihrer Umgebung. Dies sind die Herausforderungen für die Christen in der gesamten Region. Wir sprachen über den Libanon, aber das gilt auch für Syrien, das Heilige Land … Vor zehn Jahren gab es eine Synode für den Nahen Osten, aber ihre Umsetzung wurde hier durch den Angriff auf die Kathedrale von Bagdad unterbrochen. Denken Sie daran, etwas für den gesamten Nahen Osten zu machen, eine regionale Synode oder eine andere Initiative?

Papst Franziskus:

Ich denke gerade nicht an eine Synode; an Initiativen schon, ich bin offen für viele, aber eine Synode kam mir nicht in den Sinn. Sie haben den ersten Samen gesät, schauen wir einmal, schauen wir, was passiert.

Das Leben der Christen im Irak ist mühselig, aber nicht nur das der Christen … ich habe eben von den Jesiden gesprochen ... und andere Religionen, die sich nicht der Macht des IS unterworfen haben. Und das, ich weiß nicht warum, aber das gab ihnen eine sehr große Kraft. Es gibt das Problem der Migration, wie Sie sagen. Als wir gestern im Auto von Karakosch zurück nach Erbil fuhren, sah ich viele Menschen, junge Leute, das Alter ist sehr, sehr niedrig. Sehr viele junge Leute. Und die Frage, die mir jemand stellte: Aber welche Zukunft haben diese jungen Leute? Wo werden sie hingehen? Viele werden das Land verlassen müssen. Am Freitag vor meiner Abreise [von Rom] kamen zwölf irakische Flüchtlinge, um mich zu verabschieden: Einer hatte eine Beinprothese, weil er in einem Lastwagen versteckt flüchtete und einen Unfall hatte. … Viele sind geflohen, viele. Migration ist ein zweifaches Recht: das Recht, nicht zu migrieren, und das Recht zu migrieren. Diese Menschen aber haben keines von beiden, denn sie können nicht nicht migrieren, sie wissen nicht, wie sie es schaffen [um zu bleiben]. Und sie können nicht migrieren, weil die Welt sich noch nicht bewusstgeworden ist, dass Migration ein Menschenrecht ist.

Ein italienischer Soziologe sagte mir, als er über den sogenannten demografischen Winter in Italien sprach: In vierzig Jahren werden wir Ausländer „importieren“ müssen, damit sie arbeiten und die Steuern für unsere Renten zahlen. Sie Franzosen waren schlauer, Sie haben seit zehn Jahren dieses Gesetz zur Unterstützung der Familie, das Niveau Ihres Wachstums ist sehr hoch. Aber Migration wird als Invasion erlebt. Gestern wollte ich – weil er darum gebeten hat – nach der Messe den Vater von Alan Kurdi empfangen, von diesem Kind … das ein Symbol ist, Alan Kurdi ist ein Symbol: Deshalb habe ich die Skulptur [von Alan Kurdi] der FAO geschenkt. Es ist ein Symbol, das über ein bei der Migration umgekommenes Kind hinausgeht: ein Symbol für tote Kulturen, für Kulturen, die sterben, die nicht überleben können; ein Symbol für Menschheit. Es sind dringende Maßnahmen erforderlich, damit die Menschen in ihren eigenen Ländern Arbeit haben und nicht auswandern müssen. Und auch Maßnahmen zur Sicherung des Rechts auf Migration. Es stimmt, dass jedes Land seine Aufnahmekapazität gut prüfen muss. Denn es geht nicht nur darum, sie aufzunehmen und am Strand zu lassen. Man muss sie aufnehmen, begleiten, fördern und integrieren. Die Integration von Migranten ist der Schlüssel. Zwei Anekdoten: In Zaventem in Belgien waren die Terroristen Belgier, also in Belgien geborene, aber ghettoisierte islamische Emigranten, die nicht integriert waren. Das andere Beispiel: Bei meiner Reise nach Schweden war die Ministerin bei der Verabschiedung, als ich das Land verließ, sehr jung, sie hatte eine eigene, für Schweden nicht typische Physiognomie. Sie war die Tochter eines Migranten und einer Schwedin – sie war so integriert, dass sie Ministerin wurde. Schauen wir diese beiden Dinge an, sie werden uns viel, viel, viel nachzudenken geben. Integrieren. Dies zum Thema Migration, das meiner Meinung nach das Drama der Region ist. Ich möchte auch den großzügigen Ländern danken, den Ländern, die Migranten aufnehmen: Libanon – der Libanon war großzügig mit den Migranten, zwei Millionen Syrer sind dort, denke ich [1,5 Millionen Syrer und 400.000 Palästinenser]; Jordanien – leider werden wir es nicht überfliegen; der König ist so freundlich, König Abdullah wollte uns mit Flugzeugen beim Überflug die Ehre erweisen; ich danke ihm jetzt; Jordanien ist sehr großzügig, mehr als anderthalb Millionen Migranten … Und vielen anderen Ländern, um nur zwei zu nennen. Vielen Dank an diese großzügigen Länder! Danke, vielen Dank!

Matteo Bruni:

Danke, Eure Heiligkeit. Die nächste Frage kommt auf Italienisch von der Journalistin Stefania Falasca von Avvenire.

Stefania Falasca (Avvenire):

In drei Tagen haben Sie in diesem Land, einem Schlüsselland des Nahen Ostens, das getan, worüber die Mächtigen der Erde seit dreißig Jahren diskutieren. Sie haben bereits erklärt, was die interessante Entstehungsgeschichte Ihrer Reisen ist, wie die Auswahl Ihrer Reisen zustande kommt. Aber jetzt, unter diesen Umständen, auch mit Blick auf den Nahen Osten, können Sie da ebenso eine Reise nach Syrien in Betracht ziehen? Was könnten in einem Jahr die weiteren Reiseziele sein, wo Ihre Anwesenheit erforderlich ist?

Papst Franziskus:

Für den Nahen Osten gibt es die einzige Überlegung – und auch das Versprechen – in Bezug auf den Libanon. Ich habe nicht an eine Reise nach Syrien gedacht, weil mir diese Inspiration nicht gekommen ist. Aber ich bin dem gequälten und geliebten Syrien, wie ich es nenne, sehr nahe. Ich erinnere mich an jenen Nachmittag zu Beginn meines Pontifikats mit der Gebetswache auf dem Petersplatz. Es wurde Anbetung vor dem Allerheiligsten gehalten und der Rosenkranz gebetet … Aber wie viele Muslime, wie viele Muslime mit ihren Teppichen haben mit uns für den Frieden in Syrien gebetet, um die Bombardierung zu stoppen, in dem Moment, als es hieß, dass es heftige Bombardierungen geben würde. Ich trage Syrien in meinem Herzen. Aber an eine Reise zu denken, ist mir in dem Moment nicht in den Sinn gekommen. Danke!

Matteo Bruni:

Die nächste Frage kommt von Sylwia Wysocka (PAP - Polska Agencja Prasowa).

Sylwia Wysocka (PAP - Polska Agencja Prasowa):

Eure Heiligkeit, in den vergangenen sehr schwierigen zwölf Monaten waren auch Ihre Aktivitäten sehr begrenzt. Gestern hatten Sie den ersten sehr engen direkten Kontakt mit den Menschen in Karakosch: Was haben Sie dabei empfunden? Das ist meine erste Frage. Und dann, die zweite: Können Ihrer Meinung nach jetzt unter all den Gesundheitsauflagen die Generalaudienzen mit den Menschen und den Gläubigen so wiederaufgenommen werden, wie sie früher waren?

Papst Franziskus:

Ich fühle mich anders, wenn ich bei den Audienzen weit weg von den Leuten bin. Ich möchte so schnell wie möglich wieder mit den Generalaudienzen beginnen. Hoffen wir, dass dafür die Bedingungen gegeben sein werden, ich folge hier den Vorschriften der Behörden. Sie sind die Verantwortlichen, und sie erhalten Gottes Gnade, um uns darin zu helfen. Sie sind dafür verantwortlich, die Vorschriften zu erlassen. Ob es uns gefällt oder nicht, sie sind die Verantwortlichen und müssen so handeln. Ich habe jetzt wieder mit dem Angelus auf dem Petersplatz begonnen, das kann man mit den Abständen machen. Es gibt den Vorschlag von Generalaudienzen im kleinen Kreis, aber ich wollte nicht entscheiden, solange die Entwicklung der Situation nicht klarer wird. Nach diesen Monaten der Gefangenschaft, denn ich habe ich mich wirklich ein wenig eingesperrt gefühlt, konnte ich auf dieser Reise aufleben. Aufleben, weil man die Kirche berührt, das heilige Volk Gottes berührt, alle Völker berührt. Ein Priester wird Priester, um zu dienen, im Dienst des Volkes Gottes, nicht wegen der Karriere, nicht wegen Geld. In der Messe heute Vormittag hatten wir die Lesung von der Heilung Naamans des Syrers. Da heißt es, dass Naaman nach seiner Heilung Geschenke machen wollte, aber der Prophet Elischa lehnte ab. Die Bibel fährt fort: Als sie weg waren und er für den Propheten alles hergerichtet hatte, eilte der Diener des Propheten Naaman nach und bat um Geschenke für sich selbst. Und Gott sagte: „Der Aussatz Naamans soll für immer an dir haften“ (vgl. 2 Kön 5,1-27). Ich fürchte, dass wir, Männer und Frauen der Kirche, besonders wir Priester, diese selbstlose Nähe zum Volk Gottes – das ist es, was uns rettet – doch nicht haben und stattdessen uns wie Elischas Diener verhalten: helfen – ja, aber dann hinterherlaufen … Vor diesem Aussatz habe ich Angst. Und vor dem Aussatz der Gier und des Stolzes rettet uns einzig das heilige Volk Gottes. Das, was Gott zu David sagte: „Ich habe dich von der Herde weggeholt, vergiss die Herde nicht.“ (vgl. 2 Sam 7,8); das, was Paulus zu Timotheus sagte: „Gedenke deiner Mutter und Großmutter, die dich im Glauben großgezogen haben“ (vgl. 2 Tim 1,5) – das heißt, nicht die Zugehörigkeit zum Volk Gottes zu verlieren und eine privilegierte Kaste von Geweihten, Klerikern oder was auch immer zu werden. Deswegen rettet uns, hilft uns der Kontakt mit dem Volk; wir reichem dem Volk die Eucharistie, halten die Predigt, verrichten unsere Aufgabe, sie aber geben uns Zugehörigkeit. Diese Zugehörigkeit zum heiligen Volk Gottes sollten wir nicht vergessen.

Sie haben so begonnen: Was habe ich im Irak, in Karakosch erlebt? … Ich hatte mir die Trümmer von Mossul, von Karakesch nicht vorstellen können, wirklich nicht .... Gewiss, ich habe etwas gesehen, ich habe das Buch gelesen, aber das hier berührt dich, das ist bewegend. Was mich dann am meisten berührte, war das Zeugnis einer Mutter in Karakosch. Ein Priester gab ein Zeugnis, der wirklich Armut, Dienst und Buße kennt, und eine Frau, die bei den ersten Bombenanschlägen des IS ihren Sohn verloren hat. Sie sagte ein Wort: Vergebung. Ich war tief ergriffen. Eine Mutter [sagt]: Ich vergebe und ich bitte um Vergebung für sie. Das erinnerte mich an meinen Besuch in Kolumbien, an das Treffen in Villavicencio, wo so viele Menschen, vor allem Frauen, Mütter und Ehefrauen, über ihren Umgang mit der Ermordung ihrer Kinder und Ehemänner sprachen. Sie sagten: „Ich vergebe, ich vergebe.“ Wir haben jedoch dieses Wort verloren, wir wissen im großen Stil zu beleidigen, wir wissen mit aller Härte zu verurteilen, ich als Erster, das können wir gut. Doch vergeben! Den Feinden vergeben – das ist das reine Evangelium. Das ist es, was mich in Karakosch am meisten berührt hat.

Matteo Bruni:

Die letzte Frage stammt von Catherine Laurence Marciano (AFP).

Catherine Laurence Marciano (AFP):

Eure Heiligkeit, ich wollte wissen, was Sie empfunden haben, als Sie vom Hubschrauber aus die zerstörte Stadt Mossul sahen und dann in den Ruinen einer Kirche beteten. Wenn ich darf, da heute Frauentag ist, wollte ich auch eine kleine Frage zu Frauen stellen. Sie haben die Frauen in Karakosch mit sehr schönen Worten unterstützt, aber was denken Sie über die Tatsache, dass eine verliebte muslimische Frau keinen Christen heiraten kann, ohne von ihrer Familie verstoßen zu werden oder noch Schlimmeres? Die erste Frage war zu Mossul. Danke, Eure Heiligkeit.

Papst Franziskus:

Über Mossul habe ich ein wenig en passant gesagt, was ich empfunden habe, als ich vor der zerstörten Kirche stehenblieb; mir fehlten die Worte. Es war nicht zu glauben, nicht zu glauben ... Nicht nur diese Kirche, sondern auch andere Kirchen, auch eine zerstörte Moschee. Offenbar war er [der IS] gegen diese Leute. Nicht zu glauben unsere menschliche Grausamkeit. In diesem Moment, ich will das Wort nicht aussprechen, fängt man wieder an – schauen wir auf Afrika, schauen wir auf Afrika! Und mit unserer Erfahrung von Mossul, diesen zerstörten Kirchen und all dem, schafft man Feindschaft, Krieg, und auch der sogenannte „Islamische Staat“ beginnt wieder, tätig zu sein. Das ist schlimm, sehr schlimm.

Bevor wir zur anderen Frage übergehen. Eine Frage, die mir in der Kirche in den Sinn kam, war diese: Wer aber verkauft an diese Zerstörer Waffen? Denn die Waffen stellen sie nicht selbst zu Hause her. Ja, einige Sprengkörper werden sie selber herstellen ... Wer aber verkauft die Waffen? Wer ist verantwortlich? Zumindest würde ich von denen, die die Waffen verkaufen, verlangen, so ehrlich zu sein und zu sagen: Wir verkaufen die Waffen. Sie sagen es nicht. Es ist schlimm.

Jetzt zu den Frauen. Frauen sind mutiger als Männer, das stimmt, das nehme ich so wahr. Aber die Frau wird auch heute erniedrigt. Nehmen wir dieses Extrembeispiel: Eine von Ihnen, ich weiß nicht mehr wer, hat mir die Preisliste für Frauen gezeigt [erstellt vom „IS“] … Ich konnte es nicht glauben: Wenn eine Frau diese Eigenschaften hat, kostet sie so und so viel … um sie zu verkaufen. Frauen werden verkauft, Frauen werden versklavt. Selbst im Zentrum Roms. Die Arbeit gegen den Menschenhandel geschieht jeden Tag. Während des Heiligen Jahres [der Barmherzigkeit] besuchte ich eines der vielen Häuser des karitativen Werkes von Don Benzi: Da waren freigekaufte Mädchen; eine junge Frau mit einem abgeschnittenen Ohr, weil sie an diesem Tag nicht genügend Geld gebracht hatte; die andere wurde im Kofferraum eines Autos aus Bratislava hergebracht, eine Sklavin, die entführt wurde. Das geschieht bei uns, „den Zivilisierten“, der Menschenhandel. In einigen dieser Länder, besonders in Teilen Afrikas, gibt es die Verstümmelung, gibt es die Verstümmelung als ein Ritual, das man machen muss. Doch Frauen sind immer noch Sklavinnen, und wir müssen kämpfen, kämpfen für die Würde der Frauen. Sie sind es, die die Geschichte der Menschheit weiterführen, das ist keine Übertreibung – die Frauen führen die Geschichte weiter. Und das ist keine Höflichkeit, weil heute Frauentag ist, sondern das ist wahr. Die Sklaverei ist so, die Ablehnung der Frau ... Stellen wir uns vor, an einem Ort „x“ gab es eine Debatte darüber, ob die Verstoßung der Ehefrau schriftlich erfolgen muss oder ob es mündlich reicht. Nicht einmal das Recht, die Verstoßung schriftlich zu bekommen! Dies geschieht heute. Aber um nicht weit wegzugehen, denken wir an das Zentrum von Rom, an die Mädchen, die entführt und ausgebeutet werden. Ich denke, ich habe alles zu dieser Frage gesagt.

Matteo Bruni:

Danke, Heiliger Vater.

Papst Franziskus:

Ich wünsche Ihnen einen guten Abschluss der Reise und ich bitte Sie, für mich zu beten, ich brauche es. Danke!

 



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