APOSTOLISCHE REISE VON PAPST LEO XIV.
NACH ALGERIEN, KAMERUN, ANGOLA UND ÄQUATORIALGUINEA
(13.-23. APRIL 2026)
BEGEGNUNG MIT REPRÄSENTANTEN DES STAATES, DER ZIVILGESELLSCHAFT UND DES DIPLOMATISCHEN KORPS
ANSPRACHE VON PAPST LEO XIV.
Konferenzzentrum “Djamaa el Djazair” (Algier)
Montag, 13. April 2026
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Herr Präsident,
sehr geehrte Autoritäten und Mitglieder des diplomatischen Korps,
meine Damen und Herren!
Ich möchte meine tiefe Dankbarkeit für die Einladung nach Algerien ausdrücken, die ich gleich zu Beginn meines Petrusdienstes erhalten habe. Und ich danke Ihnen für Ihren herzlichen Empfang! Sie wissen, dass ich als geistlicher Sohn des heiligen Augustinus bereits zweimal – im Jahr 2004 und 2013 – nach Annaba gekommen bin, und ich bin der göttlichen Vorsehung dankbar, weil es sich nach deren geheimnisvollem Plan so gefügt hat, dass ich als Nachfolger Petri wieder hierher zurückkehren durfte. Ich komme zu Ihnen als Pilger des Friedens, voller Sehnsucht, das edle algerische Volk zu treffen. Wir sind Brüder und Schwestern, weil wir denselben Vater im Himmel haben: Die tiefe Religiosität des algerischen Volkes ist das Geheimnis einer Kultur der Begegnung und der Versöhnung, für die auch dieser Besuch ein Zeichen sein möchte. In einer Welt voller Konflikte und Missverständnisse wollen wir einander begegnen und versuchen, einander zu verstehen, in der Erkenntnis, dass wir alle eine einzige Familie sind! Heute ist dieses einfache Bewusstsein der Schlüssel, um viele verschlossene Türen zu öffnen.
Liebe Brüder und Schwestern, ich komme zu Ihnen als Zeuge des Friedens und der Hoffnung, nach denen sich die Welt zutiefst sehnt und die Ihr Volk stets angestrebt hat: ein Volk, das von den Herausforderungen nie besiegt wurde, weil es in jenem Sinn für Solidarität, Gastfreundschaft und Gemeinschaft verwurzelt ist, von dem das alltägliche Leben von Millionen bescheidener und gerechter Menschen durchdrungen ist. Sie sind die Starken, sie sind die Zukunft: diejenigen, die sich nicht von Macht und Reichtum blenden lassen, diejenigen, die die Würde ihrer Mitbürger nicht ihrem persönlichen Wohlergehen oder dem der eigenen Gruppe opfern. Insbesondere habe ich von vielen Seiten erfahren, wie das algerische Volk sowohl gegenüber seinen Landsleuten als auch gegenüber Ausländern eine ausgeprägte Großzügigkeit an den Tag legt. Diese Haltung zeugt von jener tief in den arabischen und berberischen Gemeinschaften verwurzelten Gastfreundschaft, jener heiligen Pflicht, die wir gern überall als grundlegenden gesellschaftlichen Wert vorfinden würden. Ebenso ist das Almosengeben (sadaka) unter Ihnen eine gängige und selbstverständliche Praxis, auch für diejenigen, die nur über begrenzte Mittel verfügen. Ursprünglich bedeutet das Wort sadaka Gerechtigkeit: Nicht für sich zu behalten, sondern das zu teilen, was man hat, ist in der Tat eine Frage der Gerechtigkeit. Ungerecht ist, wer Reichtümer anhäuft und anderen gegenüber gleichgültig bleibt. Diese Sichtweise der Gerechtigkeit ist einfach und radikal: Sie erkennt im anderen das Abbild Gottes. Eine Religion ohne Barmherzigkeit und ein gesellschaftliches Leben ohne Solidarität sind in den Augen Gottes ein Skandal. Und doch stürzen viele Gesellschaften, die sich für fortschrittlich halten, immer tiefer in Ungleichheit und Ausgrenzung. Die Menschen und Organisationen, die über andere herrschen – das weiß Afrika nur zu gut –, zerstören die Welt, die der Allerhöchste erschaffen hat, damit wir alle zusammenleben.
Die dramatischen Ereignisse der Geschichte, verschaffen Ihrem Land einen eigenen kritischen Blick auf globale Gleichgewichte. Wenn es Ihnen gelingt, mit den Anliegen aller in Dialog zu treten und sich mit dem Leid vieler naher und ferner Länder solidarisch zu zeigen, dann kann Ihre Erfahrung dazu beitragen, die Vorstellung von einer größeren Gerechtigkeit unter den Völkern zu entwickeln und zu verwirklichen. Nicht durch die Vermehrung von Missverständnissen und Konflikten, sondern durch die Achtung der Würde eines jeden und indem Sie sich vom Leid anderer berühren lassen, können Sie tatsächlich zu Akteuren eines neuen Verlaufs der Geschichte werden, der heute angesichts fortwährender Verstöße gegen das Völkerrecht und neokolonialer Versuchungen dringender ist denn je.
Schon meine Vorgänger haben die epochale Tragweite dieser Herausforderung klar erkannt. Benedikt XVI. stellte fest: »Die angemessen geplanten und ausgeführten Globalisierungsprozesse machen auf weltweiter Ebene eine noch nie dagewesene große Neuverteilung des Reichtums möglich; wenn diese Prozesse jedoch schlecht geführt werden, können sie hingegen zu einer Zunahme der Armut und der Ungleichheit führen sowie mit einer Krise die ganze Welt anstecken« (Enzyklika Caritas in veritate, 42). Papst Franziskus hat dann, gestützt auf seine langjährige Erfahrung inmitten der Widersprüche des globalen Südens, auf die Bedeutung dessen hingewiesen, was nur in der Peripherie der großen Macht- und Entscheidungszentren verstanden werden kann: »Es ist notwendig, die gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Partizipation in einer Weise zu konzipieren, die die Volksbewegungen mit einschließen und die lokalen, nationalen und internationalen Regierungsstrukturen mit jenem Strom moralischer Energie beleben, der der Miteinbeziehung der Ausgeschlossenen in den Aufbau unseres gemeinsamen Schicksals entspringt« (Enzyklika Fratelli tutti, 169).
So ermutige ich Sie, die Sie in diesem Land Verantwortung tragen, keine Angst vor einer solchen Sichtweise zu haben und eine lebendige, dynamische und freie Zivilgesellschaft zu fördern, in der insbesondere den jungen Menschen die Fähigkeit zuerkannt wird, dazu beizutragen, den Horizont der Hoffnung für alle zu erweitern. Die wahre Stärke eines Landes besteht in der Zusammenarbeit aller zur Verwirklichung des Gemeinwohls. Die Verantwortlichen sind nicht dazu bestimmt, zu beherrschen, sondern dem Volk und seiner Entwicklung zu dienen. Das politische Handeln hat seinen Maßstab also in der Gerechtigkeit, ohne die es keinen wahren Frieden gibt, und es findet seinen Ausdruck in der Förderung gerechter und würdiger Lebensbedingungen für alle. Auch die katholische Kirche möchte mit ihren Gemeinschaften und Initiativen zum Gemeinwohl Algeriens beitragen und dabei dessen besondere Identität als Brücke zwischen Nord und Süd, zwischen Ost und West stärken.
Das Mittelmeer auf der einen Seite und die Sahara auf der anderen Seite stellen nämlich geografische und geistige Knotenpunkte von enormer Tragweite dar. Wenn wir uns ohne Vereinfachungen und Ideologien eingehend mit der Geschichte befassen, werden wir dort unermessliche Schätze an Menschlichkeit entdecken, denn das Meer und die Wüste sind seit Jahrtausenden Orte gegenseitiger Bereicherung zwischen den Völkern und Kulturen. Wehe, wenn wir aus ihnen Friedhöfe machen, wo auch die Hoffnung stirbt! Befreien wir diese enormen Reservoirs der Geschichte und der Zukunft vom Bösen! Lasst uns die Oasen des Friedens vermehren, die Ursachen der Verzweiflung anprangern und beseitigen, gehen wir gegen diejenigen vor, die aus dem Unglück anderer Profit schlagen! Denn die Gewinne derer, die mit dem menschlichen Leben spekulieren, dessen Würde unantastbar ist, sind unrechtmäßig. Vereinen wir also unsere Kräfte, unsere geistige Stärke, alle Intelligenz und Ressourcen, die die Erde und das Meer zu Orten des Lebens, der Begegnung und des Staunens werden lassen. Ihre majestätische Schönheit möge unser Herz berühren; ihre grenzenlose Weite uns nach der Transzendenz fragen lassen. Das Mittelmeer, die Sahara und der unermessliche Himmel, der sie überspannt, flüstern uns zu, dass die Wirklichkeit uns von allen Seiten übersteigt, dass Gott wahrhaft groß ist und dass wir alles in seiner geheimnisvollen Gegenwart erleben.
Dieses Denken hat enorme Auswirkungen auf die Wirklichkeit. Viele unterschätzen heute seine Tragweite. Bei genauerer Betrachtung ist auch der algerischen Gesellschaft die Spannung zwischen Religiosität und modernem Leben nicht fremd. Hier wie überall auf der Welt werden entgegengesetzte Tendenzen sichtbar, des Fundamentalismus oder der Säkularisierung, aufgrund derer viele das rechte Gespür für Gott und die Würde all seiner Geschöpfe verlieren. Dann können religiöse Symbole und Worte einerseits zu gotteslästerlichen Ausdrucksformen von Gewalt und Unterdrückung werden, und andererseits zu bedeutungslosen Zeichen auf dem großen Markt eines Konsums, der nicht sättigt.
Diese absurden Polarisierungen dürfen uns jedoch nicht erschrecken. Ihnen muss man mit Verstand begegnen. Sie sind ein Zeichen dafür, dass wir eine außergewöhnliche Zeit erleben, eine Zeit großer Erneuerung, in der diejenigen, die ihr Herz freihalten und ein waches Bewusstsein haben, aus den großen geistlichen und religiösen Traditionen eine neue Sicht auf die Wirklichkeit und unerschütterliche Motivation für ihr Engagement erlangen können. Es gilt, zu kritischem Denken und zur Freiheit, zum Zuhören und zum Dialog sowie zu jenem Vertrauen zu erziehen, das uns im Anderen einen Weggefährten erkennen lässt und nicht eine Bedrohung. Wir müssen uns gemeinsam einsetzen für die Heilung der Erinnerung und die Versöhnung ehemaliger Gegner. Dies ist die Gabe, die ich für Sie, für Algerien und für sein gesamtes Volk erbitte, auf das ich den reichen Segen des Allerhöchsten herabrufe.
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