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ANSPRACHE VON PAPST LEO XIV. 
AN DIE SEMINARISTEN DES PÄPSTLICHEN SEMINARS DER REGION APULIEN „PIUS XI.“ IN MOLFETTA UND DES BISCHÖFLICHEN SEMINARS IN AVERSA

Sala Clementina
Donnerstag, 3. September 2026

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Liebe bischöfliche Mitbrüder,
liebe Priester, Seminaristen und Familienangehörige!

Zunächst möchte ich euch von Herzen für eure Anwesenheit hier und heute danken.

Ihr seid auf zwei unterschiedlichen Wegen und aus zwei unterschiedlichen Regionen gekommen, aber in diesem Jahr haben eure beiden Häuser ein Jubiläum zu feiern: In Molfetta gedenkt ihr des 100-jährigen Bestehens des neuen Standorts, gewünscht von Papst Pius XI., dessen Namen euer Seminar trägt, während ihr in Aversa den 300. Jahrestag der Eröffnung des aktuellen Standorts begeht.

Bei dieser Begegnung ist es mir ein Anliegen, einen Aspekt eures Ausbildungswegs zu unterstreichen: die Beziehung zu dem, der euch berufen hat. Studium, Disziplin, die einzelnen Etappen des Weges sind zu beachtende, wichtige Elemente, aber sie nützen nur, wenn sie auf die Beziehung zu Gott gegründet sind.

Der heilige Markus erzählt in seinem Evangelium: »Jesus stieg auf einen Berg und rief die zu sich, die er selbst wollte, und sie kamen zu ihm. Und er setzte zwölf ein«, die er Apostel nannte, »damit sie mit ihm seien und damit er sie aussende, zu verkünden« (Mk  3,13-14).

Diese Worte sagen bereits alles. Bei eingehenderer Betrachtung dieser kurzen Perikope können wir eine wunderbare Zusammen-fassung der Erfahrung erkennen, die für jeden Berufenen gilt, für all jene, die die Wahrheit der eigenen Berufung vertiefen möchten. Da gibt es einen zu besteigenden Berg, wo man Christus erreicht und wo man vor allem mit ihm zusammen ist. Die Herzmitte der Erfahrung im Seminar dreht sich allein darum: lernen, bei Jesus, dem Herrn und Meister, zu sein.

Der Evangelist berichtet, dass der Herr »die zu sich rief, die er selbst wollte« und unterstreicht damit unmittelbar die Freiheit Gottes, in dem jede Berufung ihren Ursprung hat. Es gibt keine Ausschreibung, keine Rangliste, und es steht auch nicht geschrieben, dass er die Besten auswählte: er wählte, die er selbst wollte. In einer Welt, die sich so sehr abmüht, Selbstverwirklichung zu zelebrieren, ist es wirklich wichtig zu betonen, dass keiner von euch und keiner von uns hier ist, weil er es sich verdient hätte, sondern wir sind hier allein aufgrund einer freien Erwählung von Seiten Gottvaters, Zeichen und Unterpfand einer bedingungslosen Liebe, die uns immer vorausgeht und nie enttäuscht.

Liebe Seminaristen, eure Präsenz im Priesterseminar  ist bereits ein Zeichen der Hoffnung für die ganze Kirche, und zwar nicht Zeichen eines vagen Optimismus, sondern der Gewissheit, dass der Herr immer beruft, in jeder Epoche der Geschichte und an jedem Ort. Wenn ich auf einen jeden von euch blicke, betrachte ich das Wunder Gottes, der nie müde wird, im Herzen der jungen Menschen mit leiser Stimme davon zu sprechen, wie schön es ist, das Leben für ihn und für die Kirche hinzugeben.

Jede Berufung entsteht aus einem vertrauten Dialog in der Stille und im Gebet, der oft »trotz des manchmal ohrenbetäubenden Lärms der Welt« stattfindet (Leo XIV., Botschaft zum 63. Weltgebetstag für Berufungen, 16. März 2026). Dort entscheidet sich alles, und damit dieser Dialog stattfindet, muss man lernen, bei ihm zu sein.

Ihr habt viele Beispiele dafür, aber ich glaube, dass der ehrwürdige Diener Gottes Bischof Don Tonino Bello euch allen besonders deutlich vor Augen führt, was es bedeutet, Priester und Bischof zu sein – nicht in Worten, sondern in jeder Geste und jeder Entscheidung – und dies bis ins Letzte zu bezeugen.

Aus diesem Grund bleibt die Zeit im Seminar notwendig, heute nicht weniger als früher. In einer Welt, die immer in Eile ist und jedes längere Innehalten mit Argwohn betrachtet, könnte man meinen, dies sei ein Luxus oder eine überholte Institution, doch dem ist nicht so. Gerade weil unsere Zeit schnelllebig und laut ist, sind ein Ort und eine Lebensphase notwendig, wo man lernt, zu verweilen, zu unterscheiden und sich ohne abkürzende Wege formen zu lassen. Das Seminar ist kein Aufschub der Sendung, sondern deren Voraussetzung. Das sollte man nicht unterbewerten.

Denn nachdem man die Stimme des Herrn gehört hat, ist es notwendig, zu ihm zu gehen und auf den Berg zu steigen, und dies kann zuweilen mühsam sein, weil man zu Fuß gehen muss, manchmal etwas atemlos, ohne schon den Gipfel zu sehen.

Die Mühe des geistlichen Lebens wird jedoch unterstützt durch die Schönheit der Brüderlichkeit und der gemeinsam geteilten Sendung. Denn auf dem Berg beruft Jesus nicht nur Einen, sondern er beruft Zwölf, mit unterschiedlichsten und aus unserer Sicht manchmal zweifelhaften Persönlichkeiten. Der Herr versammelt sie, stellt sie Seite an Seite, damit sie lernen, dass Kirche gemeinsam gelebt wird: Sie gehört keinem von uns, und wir alle sind aufgerufen, sie zu lieben und ihr als ein einziger Leib zu dienen. Ihr, die ihr aus Molfetta kommt, erlebt dies auf besondere Weise, denn im Regionalseminar ist die Gemeinschaft zwischen den Kirchen Apuliens kein Ideal, sondern konkrete Freundschaft, die in diesen Jahren entsteht und euch als Priester ein Leben lang begleiten wird.

Denn so wie »kein Hirte allein existiert« (vgl. Leo XIV., Apostolisches Schreiben Eine Treue, die Zukunft schafft, 8. Dezember 2025, 15), so kann auch kein Seminarist an einen privaten Weg mit dem Herrn denken: Er muss immer die Schönheit der vermittelnden Kirche spüren und erleben. Das Priesterseminar sollte nicht nur ein Ort der Wissensvermittlung sein, sondern zuallererst »eine ›Schule der Affektivität‹« (ebd., 12). Und euch, liebe Ausbilder, bitte ich, die ersten Lehrmeister jener Fürsorge und Geschwisterlichkeit zu sein, die in von Nächstenliebe und Wahrheit geprägten, authentischen – persönlichen und gemeinschaftlichen – Beziehungen zum Ausdruck kommen. Ausbilder wird man nicht einfach so: Euer Dienst ist äußerst delikat und man muss sich mit Weisheit, Geduld und Liebe darauf vorbereiten.

Es bleibt der letzte Schritt: der Schritt, mit dem man vom Berg herabsteigt, denn der Berg ist kein Rückzugsort. Jesus führt die Zwölf nicht hinauf, um sie in Sicherheit zu bringen, sondern damit sie – nachdem sie Gott erfahren haben – ausgesandt werden können, um der Welt dieses neue Leben mitzuteilen.

Ihr werdet also gerufen sein, vom Berg hinabzusteigen, um zu den Menschen in eurer Heimat gesandt zu werden: zu den Familien, die mühsam ihr Auskommen suchen; zu den jungen Menschen, die mit zwanzig Jahren ihre Koffer packen, um Arbeit zu suchen; zu den einsamen alten Menschen; zu den Ausgegrenzten; zu denen, die keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen. Der Priester ist zu allen gesandt, damit er allen die Schönheit des Glaubens an Jesus Christus verkündet, die frohe Botschaft von unserem Heil. Es ist das Heil, das uns durch Maria geschenkt wurde. Vertraut euch ihr an, als derjenigen, die als Erste das getan hat, was heute von euch gefordert wird. Bittet Maria um die Gnade, jeden Tag euer »Ja« zu Jesus, dem Herrn, zu sagen.

Liebe Seminaristen, bevor wir einander kurz persönlich begegnen, möchte ich euch danken. Ich möchte euch danken im Namen der Kirche für das »Ja«, das ihr gesagt habt und das ihr jeden Tag neu sagt: Es ist weder leicht noch in der heutigen Welt selbstverständlich, und die Kirche weiß das sehr gut.

Und ein besonderes Wort des Dankes möchte ich an alle hier anwesenden Familien richten. Eine Berufung entsteht nie ohne einen geeigneten Kontext und braucht meist ein Zuhause, Eltern, die beten und loszulassen wissen. Euch, liebe Familien, gilt mein Dank und der Dank der ganzen Kirche.

Ich begrüße und segne die Diakone, die in wenigen Tagen zum Priester geweiht werden: Ich trage euch in meinem persönlichen Gebet, damit ihr stets treue, freudige und mutige Jünger des Herrn sein mögt. Wir werden für euch alle beten.

Von Herzen segne ich euch und eure Bischöfe, eure Ausbilder, eure Familien und die Gemeinden, die euch bereits erwarten und für euch beten. Danke.