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PAPST FRANZISKUS

GENERALAUDIENZ

Bibliothek im Apostolischen Palast
Mittwoch, 10. März 2021

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Apostolische Reise in den Irak

 

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

In den vergangenen Tagen hat der Herr mir gewährt, den Irak zu besuchen und damit einen Plan des heiligen Johannes Paul II. zu verwirklichen. Nie war ein Papst in der Heimat Abrahams gewesen; die Vorsehung hat es gewollt, dass es jetzt geschehen sollte, als Zeichen der Hoffnung nach Jahren des Krieges und des Terrorismus und in einer schweren Pandemie. Nach diesem Besuch ist mein Herz voll Dankbarkeit. Dankbarkeit gegenüber Gott und allen Menschen, die ihn ermöglicht haben: der Präsident der Republik und die Regierung des Iraks; die Patriarchen und Bischöfe des Landes zusammen mit allen Amtsträgern und Gläubigen der jeweiligen Kirchen; die religiösen Autoritäten, begonnen beim Großajatollah al-Sistani, mit dem ich eine unvergessliche Begegnung in seiner Residenz in Nadschaf hatte.

Ich habe den Bußcharakter dieser Pilgerreise stark gespürt: Ich konnte mich jenem leidgeprüften Volk, jener Märtyrerkirche nicht nähern, ohne im Namen der katholischen Kirche das Kreuz auf mich zu nehmen, das sie seit Jahren tragen; ein großes Kreuz, wie jenes, das am Ortseingang von Karakosch steht. Ich habe es besonders gespürt, als ich die noch offenen Wunden der Zerstörungen gesehen habe, und noch mehr als ich die Zeugen getroffen und gehört habe, die Gewalt, Verfolgungen, Verbannung überlebt haben…

Und gleichzeitig habe ich um mich herum die Freude gesehen, den Boten Christi zu empfangen; ich habe die Hoffnung gesehen, sich zu öffnen für einen Horizont des Friedens und der Geschwisterlichkeit, zusammengefasst in den Worten Jesu, die das Motto der Reise waren: »Ihr alle aber seid Brüder« (Mt 23,8). Ich bin dieser Hoffnung erneut in der Ansprache des Präsidenten der Republik begegnet, ich habe sie in vielen Grußworten und Zeugnissen wiedergefunden, in den Gesängen und in den Gesten der Menschen.

Ich habe sie auf den leuchtenden Gesichtern der jungen Menschen und in den lebhaften Augen der alten Menschen gesehen. Die Menschen warteten seit fünf Stunden auf den Papst, im Stehen…; auch Frauen mit Kindern im Arm… Sie warteten, und in ihren Augen lag die Hoffnung. Das irakische Volk hat ein Recht, in Frieden zu leben; es hat ein Recht, die Würde wiederzufinden, die ihm gehört. Seine religiösen und kulturellen Wurzeln sind Jahrtausende alt: Mesopotamien ist die Wiege der Zivilisation; Bagdad war in der Geschichte eine Stadt von erstrangiger Bedeutung, in der sich über Jahrhunderte die reichste Bibliothek der Welt befand. Und was hat sie zerstört? Der Krieg. Immer ist der Krieg das Monstrum, das sich im Wandel der Zeiten verändert und weiterhin die Menschheit verschlingt.

Aber die Antwort auf den Krieg ist nicht ein weiterer Krieg; die Antwort auf die Waffen sind nicht weitere Waffen. Und ich habe mich gefragt: Wer hat den Terroristen die Waffen verkauft? Wer verkauft heute die Waffen an die Terroristen, die in anderen Regionen Massaker verüben, denken wir zum Beispiel an Afrika? Es ist eine Frage, von der ich möchte, dass jemand sie beantwortet. Die Antwort ist nicht der Krieg, sondern die Antwort ist die Geschwisterlichkeit. Das ist die Herausforderung für den Irak, aber nicht nur: Es ist die Herausforderung für viele Konfliktgebiete, und es ist letztlich die Herausforderung für die ganze Welt: die Geschwisterlichkeit. Werden wir in der Lage sein, Geschwisterlichkeit unter uns zu schaffen, eine Kultur von Brüdern und Schwestern zu schaffen? Oder werden wir fortfahren mit der von Kain begonnenen Logik, dem Krieg? Brüderlichkeit, Geschwisterlichkeit.

Darum sind wir einander begegnet, und dafür haben wir gebetet, Christen und Muslime, mit Vertretern anderer Religionen, in Ur, wo Abraham vor etwa 4.000 Jahren den Ruf Gottes empfangen hat. Abraham ist Vater im Glauben, weil er auf die Stimme Gottes gehört hat, die ihm eine Nachkommenschaft verhieß, weil er alles verlassen hat und aufgebrochen ist. Gott ist seinen Verheißungen treu, und er leitet noch heute unsere Schritte des Friedens, er leitet die Schritte derer, die auf der Erde wandeln mit dem Blick zum Himmel gewandt. Und in Ur, gemeinsam unter jenem klaren Himmel, demselben Himmel, an dem unser Vater Abraham uns, seine Nachkommenschaft, gesehen hat, haben wir erneut im Herzen jenes Wort vernommen: »Ihr alle aber seid Brüder.«

Eine Botschaft der Geschwisterlichkeit ist aus der kirchlichen Begegnung in der syrisch-katholischen Kathedrale in Bagdad gekommen. Im Jahr 2010 wurden dort 48 Menschen getötet, darunter zwei Priester, während der Feier der Messe. Die Kirche im Irak ist eine Märtyrerkirche, und in dem Gotteshaus, wo die Erinnerung an jene Märtyrer in den Stein eingeschrieben ist, ist die Freude über die Begegnung erklungen: Mein Staunen, mitten unter ihnen zu sein, vermischte sich mit ihrer Freude, den Papst bei sich zu haben.

Eine Botschaft der Geschwisterlichkeit haben wir von Mossul und von Karakosch am Tigris gesandt, nahe den Ruinen des antiken Ninive. Die Besetzung durch den IS hat die Flucht von vielen Tausenden Bewohnern verursacht, darunter viele Christen verschiedener Konfessionen und andere verfolgte Minderheiten, insbesondere Jesiden. Die altehrwürdige Identität dieser Stadt wurde zerstört. Jetzt versucht man mühsam den Wiederaufbau; die Muslime laden die Christen ein zurückzukommen, und gemeinsam restaurieren sie Kirchen und Moscheen. Dort ist Geschwisterlichkeit. Und lasst uns bitte auch weiterhin beten für diese so leidgeprüften Brüder und Schwestern, auf dass sie die Kraft haben mögen, neu zu beginnen. Und wenn ich an die vielen ausgewanderten Iraker denke, möchte ich ihnen sagen: Ihr habt alles verlassen, wie Abraham. Bewahrt wie er den Glauben und die Hoffnung und knüpft Freundschaft und Geschwisterlichkeit dort, wo ihr seid! Und wenn ihr könnt, kehrt zurück.

Eine Botschaft der Geschwisterlichkeit ist aus den beiden Eucharistiefeiern gekommen: jene in Bagdad, im chaldäischen Ritus, und jene in Erbil, der Stadt, in der ich vom Präsidenten der Region und von seinem Ministerpräsidenten, von den Verantwortungsträgern empfangen wurde – ich danke sehr, dass sie gekommen sind, um mich zu empfangen –, und ich wurde auch vom Volk empfangen. Die Hoffnung Abrahams und seiner Nachkommen wurde verwirklicht in dem Geheimnis, das wir gefeiert haben: in Jesus, dem Sohn, den Gott, der Vater, nicht verschont hat, sondern den er hingegeben hat für das Heil aller. Durch seinen Tod und seine Auferstehung hat er uns den Zugang zum Gelobten Land geöffnet, zum neuen Leben, wo die Tränen getrocknet, die Wunden geheilt, die Geschwister versöhnt sind.

Liebe Brüder und Schwestern, loben wir Gott für diesen historischen Besuch und beten wir weiterhin für jenes Land und für den Nahen Osten. Im Irak sind trotz des Lärms der Zerstörung und der Waffen die Palmen, das Symbol des Landes und seiner Hoffnung, weiter gewachsen und tragen Frucht. So ist es auch mit der Geschwisterlichkeit: Wie die Frucht der Palmen macht sie keinen Lärm, sondern ist fruchtbar und lässt wachsen. Gott, der Friede ist, gewähre dem Irak, dem Nahen Osten und der ganzen Welt eine Zukunft der Geschwisterlichkeit!

 

* * *

Einen herzlichen Gruß richte ich an die Gläubigen deutscher Sprache. Beten wir für unsere Brüder und Schwestern im Nahen Osten, die so sehr geprüft sind, damit sie die Kraft haben, die Gesellschaft in Geschwisterlichkeit wiederaufzubauen. Der Herr mache uns zu Boten seines Friedens.

 



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