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HOCHFEST DER BEKEHRUNG DES APOSTELS PAULUS


Feier der Zweiten Vesper
58. GEBETSWOCHE FÜR DIE EINHEIT DER CHRISTEN

PREDIGT VON PAPST FRANZISKUS

Basilika St. Paul vor den Mauern
Samstag, 25. Januar 2025

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Jesus kommt in das Haus der mit ihm befreundeten Marta und Maria, als deren Bruder Lazarus bereits seit vier Tagen tot ist. Alle Hoffnung scheint verloren, so dass Marta in ihren ersten Worten ihrer Trauer und ihrem Bedauern über die späte Ankunft Jesu Ausdruck verleiht: »Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben« (Joh 11,21). Und gleichzeitig jedoch entzündet die Ankunft Jesu das Licht der Hoffnung in Martas Herz und führt sie zu einem Glaubensbekenntnis: »Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben« (V. 22). Das ist diese Einstellung, die Tür immer offen zu lassen und nie zu schließen! Und tatsächlich offenbart Jesus ihr, dass die Auferstehung von den Toten nicht nur ein Ereignis ist, das am Ende der Zeiten stattfinden wird, sondern dass sie bereits in der Gegenwart geschieht, weil er selbst die Auferstehung und das Leben ist. Und dann stellt er ihr eine Frage: »Glaubst du das?« (V. 26). Diese Frage gilt auch uns, dir, mir: „Glaubst du das?“

Lasst uns auch bei dieser Frage verweilen: »Glaubst du das?« (V. 26). Es ist eine kurze, aber herausfordernde Frage.

Diese zärtliche Begegnung zwischen Jesus und Marta, von der wir im Evangelium gehört haben, lehrt uns, dass wir selbst in Zeiten der Verzweiflung nicht allein sind und weiter hoffen dürfen. Jesus schenkt Leben, auch wenn es scheint, dass alle Hoffnung geschwunden ist. Nach einem schmerzlichen Verlust, einer Krankheit, einer bitteren Enttäuschung, einem erlittenen Verrat oder anderen schwierigen Erfahrungen kann die Hoffnung ins Wanken geraten. Doch auch wenn jeder von uns Momente der Verzweiflung erlebt oder Menschen begegnet, die die Hoffnung verloren haben, sagt uns das Evangelium, dass mit Jesus die Hoffnung immer wieder neu geboren wird, denn aus der Asche des Todes richtet er uns immer wieder auf. Jesus richtet uns immer auf, er gibt uns die Kraft, den Weg wieder aufzunehmen und neu zu beginnen.

Liebe Brüderund Schwestern, vergessen wir nie: Die Hoffnung enttäuscht nie! Die Hoffnung enttäuscht nie! Die Hoffnung ist das Seil, mit dem wir uns an einem Anker am Strand festklammern. Und dies lässt uns nie zugrundegehen! Dies ist auch für das Leben in den christlichen Gemeinschaften, in unseren Kirchen und in unseren ökumenischen Beziehungen wichtig. Manchmal überkommt uns Müdigkeit, wir sind entmutigt angesichts der Ergebnisse unserer Bemühungen, es scheint uns, dass auch unser Dialog und unsere Zusammenarbeit hoffnungslos, sozusagen dem Tode geweiht, sind, und bei all dem empfinden wir die gleiche Not wie Marta. Aber der Herr kommt. Glauben wir das? Glauben wir, dass er die Auferstehung und das Leben ist? Dass er unser Mühen anerkennt und uns stets die Gnade schenkt, gemeinsam den Weg wieder aufzunehmen? Glauben wir das?

Diese Botschaft der Hoffnung ist ein zentrales Element des begonnenen Heiligen Jahres. Der Apostel Paulus, dessen Bekehrung zu Christus wir heute gedenken, erklärte den Christen in Rom: »Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist« (Röm 5,5). Wir haben alle – alle! – ebendiesen Geist empfangen, und dies ist die Grundlage unseres ökumenischen Weges. Der Heilige Geist führt uns auf diesem Weg. Das sind keine praktischen Dinge, die uns helfen, einander besser zu verstehen. Nein, da ist der Heilige Geist, und wir müssen uns von diesem Geist leiten lassen.

Und dieses Heilige Jahr der Hoffnung, das die katholische Kirche begeht, fällt mit einem Jubiläum zusammen, das für alle Christen von großer Bedeutung ist, nämlich dem 1700-jährigen Jahrestag des ersten großen ökumenischen Konzils, des Konzils von Nizäa. Dieses Konzil bemühte sich, die Einheit der Kirche in einer sehr schwierigen Zeit zu bewahren, und die Konzilsväter verabschiedeten einmütig das Glaubensbekenntnis, das viele Christen noch immer jeden Sonntag während der Eucharistiefeier sprechen. Dieses Credo ist ein gemeinsames Bekenntnis des Glaubens, das über alle Spaltungen hinausreicht, die den Leib Christi im Laufe der Jahrhunderte verwundet haben. Deshalb ist dieses Jahr, in dem wir des Konzils von Nizäa gedenken, ein Jahr der Gnade; es ist eine Gelegenheit für alle Christen, die dasselbe Glaubensbekenntnis sprechen und an denselben Gott glauben: Lasst uns die gemeinsamen Wurzeln des Glaubens wiederentdecken, lasst uns die Einheit bewahren! Immer vorwärts! Diese Einheit, die wir alle suchen, möge Wirklichkeit werden. Kommt euch nicht in den Sinn, was ein großer orthodoxer Theologe, Ioannis Zizioulas, zu sagen pflegte: "Ich weiß, wann der Tag der vollen Einheit sein wird: am Tag nach dem Jüngsten Gericht"? Aber in der Zwischenzeit müssen wir gemeinsam gehen, gemeinsam handeln, gemeinsam beten und einander lieben. Und das ist sehr schön!

Liebe Brüder und Schwestern, dieser gemeinsame Glaube ist ein kostbares Geschenk, aber er ist auch eine Herausforderung. Dieses Jubiläum sollte nicht nur als „geschichtliche Erinnerung“ begangen werden, sondern wir sollten es auch als Verpflichtung betrachten, Zeugnis von der wachsenden Gemeinschaft zwischen uns zu geben. Wir müssen darauf bedacht sein, dass sie nicht verloren geht, dass wir feste Bande knüpfen, dass wir die gegenseitige Freundschaft pflegen, dass wir stets weiter an Gemeinschaft und Geschwisterlichkeit arbeiten.

In dieser Gebetswoche für die Einheit der Christen dürfen wir das Jubiläum des Konzils von Nizäa auch als einen Ansporn betrachten, auf dem Weg zur Einheit beharrlich weiterzugehen. Es ist eine glückliche Fügung, dass Ostern in diesem ökumenischen Jubiläumsjahr im gregorianischen und im julianischen Kalender am selben Tag gefeiert wird. Erneut rufe ich dazu auf, dass alle Christen diese Koinzidenz als Einladung verstehen, hinsichtlich eines gemeinsamen Ostertermins einen entscheidenden Schritt in Richtung Einheit zu tun (vgl. Bulle Spes non confundit, 17); und die katholische Kirche ist bereit, das Datum zu akzeptieren, das sich alle wünschen: ein Datum der Einheit.

Ich danke Metropolit Polykarp, der das Ökumenische Patriarchat repräsentiert, Erzbischof Ian Ernest, der die Anglikanische Gemeinschaft vertritt und seinen wertvollen Dienst beendet, für den ich ihm sehr dankbar bin – ich wünsche ihm das beste für die Rückkehr in seine Heimat –, sowie den Vertretern der anderen Kirchen, die an diesem abendlichen Opfer des Lobes teilnehmen. Es ist wichtig, gemeinsam zu beten, und Ihre Anwesenheit hier heute Abend ist eine Quelle der Freude für alle. Ich grüße auch die Studenten, die vom Komitee für kulturelle Zusammenarbeit mit den Orthodoxen und den Orientalisch Orthodoxen Kirchen des Dikasteriums zur Förderung der Einheit der Christen unterstützt werden, die Teilnehmer des Studienbesuchs des Ökumenischen Instituts Bossey des Ökumenischen Rates der Kirchen und die vielen anderen ökumenischen Gruppen und Pilger, die zu dieser Feier nach Rom gekommen sind. Ich danke dem Chor, der uns eine sehr schöne Gebetsatmoshäre schenkt. Möge jeder von uns, wie der heilige Paulus, im menschgewordenen Sohn Gottes Hoffnung finden und sie anderen weitergeben, wo immer die Hoffnung geschwunden ist, wo Leben zerstört wurde oder wo Herzen vom Unglück heimgesucht wurden (vgl. Predigt zur Öffnung der Heiligen Pforte und zur Heiligen Messe am Heiligabend, 24. Dezember 2024).

Jesus macht Hoffnung immer möglich. Er erhält auch die Hoffnung unseres gemeinsamen Weges zu ihm. Und so stellt sich uns erneut die Frage, die Marta gestellt wurde und die heute Abend auch an uns ergeht: „Glaubst du das?“. Glauben wir an unser gemeinschaftliches Miteinander? Glauben wir, dass die Hoffnung nicht trügt?

Liebe Schwestern, liebe Brüder, dies ist die Zeit, unser Glaubensbekenntnis an den einen Gott zu bekräftigen und in Jesus Christus den Weg zur Einheit zu finden. Während wir darauf warten, dass der Herr „wiederkommt in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten“ (vgl. Nizänisches Glaubensbekenntnis), lasst uns nicht müde werden, vor allen Völkern Zeugnis abzulegen von dem eingeborenen Sohn Gottes, dem Ursprung all unserer Hoffnung.



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