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JOHANNES PAUL II.

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 14. März 1979

1. In der Fastenzeit hören wir die Worte an uns gerichtet: Beten – Fasten – Almosengeben, an die ich schon am Aschermittwoch erinnert habe. Wir sind gewöhnt, dabei an fromme und gute Werke zu denken, die jeder Christ vor allem in dieser Zeit verrichten soll. So zu denken, ist richtig, aber nicht vollständig. Beten, Fasten, Almosengeben sollen in einem tieferen Sinn verstanden werden, wenn wir sie tiefer in unser Leben einbeziehen wollen und sie nicht nur als vorübergehende Übungen ansehen, die uns nur momentan etwas abverlangen bzw. uns nur augenblicklich etwas vorenthalten. Mit einer solchen Gesinnung werden wir nicht zur wahren Bedeutung und zur wahren Kraft vorstoßen, die das Fasten und das Almosengeben bei der Umkehr zu Gott und unserer geistlichen Reifung haben. Das eine hält mit dem anderen Schritt: wir reifen geistlich heran, wenn wir uns zu Gott bekehren, und andererseits verwirklicht sich diese Bekehrung durch das Gebet sowie durch richtig verstandenes Fasten und Almosengeben.

Es ist vielleicht angebracht, sogleich zu sagen, daß es sich hierbei nicht bloß um vorübergehende „Praktiken“ handelt, sondern vielmehr um ständige Haltungen, durch die unsere Bekehrung zu Gott dauerhaft wird. Die liturgische Fastenzeit dauert nur vierzig Tage im Jahr: uns Gott zuwenden müssen wir jedoch immer; das heißt, daß wir ständig umkehren müssen. Die Fastenzeit soll eine starke, unauslöschliche Spur in unserem Leben hinterlassen. Sie soll in uns das Bewußtsein unserer Verbundenheit mit Jesus Christus erneuern; dies läßt uns die Notwendigkeit der Umkehr und die Wege zu ihrer Verwirklichung erkennen. Beten, Fasten und Almosengeben sind die Wege, die Christus uns gezeigt hat.

In den folgenden Betrachtungen wollen wir zu erkennen versuchen, wie tief diese Wege den Menschen bestimmen, was sie für ihn bedeuten. Der Christ muß den wahren Sinn dieser Wege begreifen, wenn er ihnen folgen will.

2. Zuerst also der Weg des Gebetes. Ich sage „zuerst“, weil ich mit diesem Weg beginnen möchte. Aber wenn ich „zuerst“ sage, will ich heute hinzufügen, daß in dem Gesamtwerk unserer Bekehrung, das heißt unserer geistlichen Reifung, das Gebet nicht isoliert von den beiden anderen Wegen ist, welche die Kirche mit dem Evangelium als „Fasten und Almosengeben“ bezeichnet. Der Weg des Gebetes ist uns wohl am vertrautesten. Vielleicht verstehen wir leichter, daß ohne das Gebet keine Umkehr zu Gott möglich ist, keine dauernde Verbindung mit ihm in jener Gemeinschaft, die uns geistlich reifen läßt. Unter euch, die ihr mir jetzt zuhört, sind sehr viele, die eine persönliche Gebetserfahrung besitzen, denen ihre verschiedenen Aspekte bekannt sind und die andere daran teilnehmen lassen können. Denn beten lernen wir in der Tat durch Beten. Der Herr Jesus hat uns vor allem dadurch beten gelehrt, daß er selbst betete: „… und er betete die ganze Nacht zu Gott“ (Lk 6, 12); ein anderes Mal „stieg er auf einen Berg, um in der Einsamkeit zu beten“, wie Matthäus schreibt, und „als die Nacht hereinbrach, war er immer noch dort“ (Mt 14, 23). Vor seiner Passion und seinem Tod ging er auf den Ölberg und forderte die Jünger auf, zu beten, und er selbst fiel auf die Knie und betete. Von Angst befallen, betete er besonders eindringlich (vgl. Lk 22, 39-46). Nur ein einziges Mal hat er auf die Bitte seiner Jünger: „Herr, lehre uns beten!“ (Lk 11, 1) ihnen den ganz einfachen und zugleich ganz tiefen Inhalt seines Gebetes mitgeteilt: das „Vater unser“.

Da eine kurze Ansprache wie diese unmöglich all das enthalten kann, was zum Thema Gebet gesagt werden kann oder geschrieben worden ist, möchte ich heute einen einzigen Punkt herausstellen. Wir alle sind, wenn wir beten, Schüler Christi, nicht weil wir die Worte, die er uns einmal gelehrt hat, wiederholen – erhabene Worte, die das vollständige Gebet enthalten –, wir sind auch dann Schüler Christi, wenn wir nicht dieselben Worte gebrauchen. Wir sind schon deshalb, weil wir beten, seine Schüler: „Höre den Lehrer, der betet; lerne beten. Er hat gebetet, um uns beten zu lehren“, versichert der hl. Augustinus (Enarrationes in Ps., 56, 5). Und ein Autor unserer Zeit schreibt: „Weil das Ende des Gebetsweges sich in Gott verliert und niemand außer ihm, Jesus Christus, der von Gott kommt, den Weg kennt, … müssen wir die Augen auf ihn allein richten. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Er allein hat den Weg in beiden Richtungen zurückgelegt. Wir müssen unsere Hand in die seine legen und aufbrechen“ (Y. Raguin, Chemins de la contemplation, Desclée de Brouwer, 1969, S. 179). Beten heißt mit Gott sprechen, ich würde sogar zu sagen wagen, beten heißt, in jenem einzigen ewigen Wort sich wiederfinden, durch das der Vater spricht und das zum Vater spricht. Dieses Wort ist Fleisch geworden, damit es für uns leichter werde, uns mit unserem menschlichen Gebet in ihm wiederzufinden. Dieses unser Wort kann bisweilen sehr unvollkommen sein, bisweilen geradezu fehlen; doch diese Unfähigkeit unserer menschlichen Worte vervollkommnet sich unablässig in dem Wort, das Fleisch geworden ist, um zum Vater in der Fülle jener mystischen Einheit zu sprechen, die jeder Mensch, wenn er betet, mit ihm bildet, die alle, die beten, mit ihm bilden. Auf dieser besonderen Einheit mit dem Wort beruht die Erhabenheit des Gebets, seine Würde und in gewisser Hinsicht seine Begriffsbestimmung.

Es gilt vor allem, die fundamentale Erhabenheit und Würde des Gebets zu verstehen. Es ist das Gebet eines jeden Menschen, auch der ganzen betenden Kirche. Die Kirche reicht gewissermaßen so weit, wie das Gebet reicht, nämlich überall dahin, wo ein Mensch betet.

3. Wir müssen beten, indem wir von dieser wesentlichen Gebetsauffassung ausgehen. Als die Jünger den Herrn baten: „Lehre uns beten“, da antwortete er ihnen mit den Worten des „Vater unser“ und schuf so ein konkretes und zugleich allgemeingültiges Modell. In der Tat ist alles, was man dem Vater sagen kann und sagen soll, in diesen sieben Bitten enthalten, die wir alle auswendig können. Sie sind so einfach, daß auch ein Kind sie lernt, und zugleich so tief, daß man ein ganzes Leben damit verbringen kann, über den Sinn jeder einzelnen Bitte zu meditieren. Ist es vielleicht nicht so? Spricht nicht jede von ihnen, eine nach der anderen, von dem, was für unser ganz Gott, dem Vater, zugewandtes Dasein wesentlich ist? Sprechen sie nicht vom „täglichen Brot“, von der „Vergebung unserer Schuld, wie auch wir vergeben“, und zugleich von der Bewahrung vor „Versuchung“ und von der „Befreiung vom Bösen“?

Als Christus auf die Bitte seiner Jünger: „Lehre uns beten“, mit den Worten seines Gebetes antwortet, lehrt er nicht nur die Worte, sondern er lehrt, daß in unserem Gespräch mit dem Vater vollkommene Aufrichtigkeit und totale Offenheit herrschen müssen. Das Gebet soll all das einschließen, was zu unserem Leben gehört. Es darf nichts Überflüssiges oder Nebensächliches bedeuten. Alles muß im Gebet zu Wort kommen. Auch alles, was uns beschwert, dessen wir uns schämen, was uns durch seine Natur von Gott trennt. Das letztere ganz besonders. Es ist das Gebet, das immer zuerst und wesentlich die Barriere zwischen uns und Gott niederreißt, welche die Sünde und das Böse aufgerichtet haben können.

Durch das Gebet soll die ganze Welt ihre richtige Beziehung finden: das heißt ihre Beziehung zu Gott: meine innere Welt und auch die äußere Welt, jene Welt, in der wir leben und so, wie wir sie kennen. Wenn wir uns zu Gott bekehren, wendet sich alles in uns ihm zu. Das Gebet ist eben der Ausdruck dieser Hinwendung zu Gott; und das ist zugleich unsere ständige Umkehr, unser Weg.

In der Heiligen Schrift heißt es: „Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fallen und nicht zu ihm zurückkehren, sondern die Erde tränken, so daß sie keimt und sproßt, Samen bringt für die Aussaat und Brot zur Nahrung, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verläßt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe“ (Jes 55, 10-11).

Das Gebet ist der Weg des Wortes, das alles umfaßt. Der Weg des ewigen Wortes, der durch die Tiefe so vieler Herzen geht; der alles zum Vater zurückführt, was in ihm seinen Ursprung hat.

Das Gebet ist das „Lobopfer unserer Lippen“ (vgl. Hebr 13, 15).

Es ist, wie der hl. Ignatius von Antiochien schreibt, „lebendiges Wasser, das in uns murmelt und sagt: Komm zum Vater“ (vgl. Brief an die Römer, VII, 2).