JOHANNES PAUL II.
GENERALAUDIENZ
Mittwoch, 21. Januar 1981
Die Gebetswoche für die Einheit der Christen, die voll im Gange ist, lädt alle Getauften zu gemeinsamem Nachdenken und inständigem Gebet ein. Deshalb möchte ich, wie jedes Jahr, die Gedanken der heutigen Begegnung diesem Thema widmen, dem ich ganz große Bedeutung beimesse.
1. Diese Gebetswoche soll das Gewissen der Christen stets von neuem zu einer Selbsterforschung im Angesicht Gottes zum Thema der Wiederherstellung der vollen Einheit anspornen. Sie erinnert auch immer wieder daran, dass die Einheit als Geschenk Gottes nachhaltig vom Herrn erbeten werden muss. Die Tatsache, dass die Christen der verschiedenen Konfessionen gemeinsam beten – besonders in dieser oder in der Pfingstwoche, doch möchte ich hoffen, dass es immer öfter auch bei anderen Gelegenheiten geschieht –, hat besondere Bedeutung. Die Christen entdecken immer deutlicher die teilweise, aber wirkliche Gemeinschaft wieder und gehen vor Gott miteinander und mit seiner Hilfe der vollen Einheit entgegen.
Sie gehen diesem Ziel entgegen, indem sie an erster Stelle zum Herrn beten, zu dem, der läutert und befreit, erlöst und eint.
Das Gebet für die Einheit verbreitet sich in der Welt sowohl unter den Katholiken wie unter den anderen Christen immer mehr. Es verliert allmählich den Charakter eines außergewöhnlichen Ereignisses und wird ein Teil des normalen Lebens der Kirchen. In den Kalendern und liturgisch-pastoralen Anweisungen wird nun an die Gebetswoche erinnert. Auch die kleinsten Pfarreien werden in diesen Tagen zu diesem Gebet eingeladen, das die gesamte Christenheit erfassen soll. Das ist ein positives Zeichen. Es gilt jedoch, sorgsam zu vermeiden, dass dieses Gebet die Kraft verliert, die Gewissen aller wachzurufen und zu erschüttern angesichts einer Spaltung der Christen, „die nicht nur ganz offenbar dem Willen Christi widerspricht, sondern auch ein Ärgernis für die Welt und ein Schaden für die heilige Sache der Verkündigung des Evangeliums vor allen Geschöpfen ist“ (vgl. Unitatis redintegratio, Nr. 1).
Die Zusammenarbeit mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen in diesem Gebetsanliegen hat sich als fruchtbar erwiesen. Die Erarbeitung geeigneter Texte zu einem vereinbarten Thema und ihre gemeinsame Verbreitung erleichtert nicht nur die Bekanntmachung dieses Gebets in sonst unerreichbaren Gebieten und gesellschaftlichen Kreisen, sie bezeugen auch die gemeinsame Absicht und das gemeinsame Wirken der Christen für die Einheit. Sie sind Ausdruck des gemeinsamen Willens, aufmerksam auf das Wort Gottes zu hören, um seinen Willen zu erfüllen.
2. Diese Gebetswoche weckt jedes Jahr auch eine gewisse Unruhe. Denn sie macht uns so recht bewusst, dass, wenn wir die Einheit noch erbitten und suchen müssen, die volle Einheit aller Christen eben noch nicht erreicht ist und wir hinter dem Willen des Herrn schuldhaft zurückbleiben. Auch diese Unruhe, die sich zuweilen mit Bitterkeit mischt, scheint mir ein positives Zeichen zu sein. Sie sollte uns zu noch größerem Glauben und noch größerer Liebe bei der Suche nach voller Einheit anspornen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat daran erinnert, dass die Sorge um die Wiederherstellung der Einheit alle angeht, Hirten und Gläubige, jeden nach seiner Stellung und seinen Fähigkeiten, auch im täglichen Leben (vgl. Unitatis redintegratio, Nr. 5).
3. Wir haben jedoch auch guten Grund, dem Herrn zu danken. Wenn wir nur auf das letzte Jahr blicken, treffen wir auf sehr positive Ereignisse und Elemente, die berechtigten Anlass zu guten Hoffnungen bieten. Sowohl was die Beziehungen zu den Kirchen des Ostens wie auch zu den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften im Westen angeht, hat der Herr es auch mir persönlich ermöglicht, in Rom bzw. auf meinen Reisen mit zahlreichen Brüdern zusammenzutreffen, die in ihren Kirchen wichtige Funktionen bekleiden. Wir haben miteinander über das Bemühen um Einheit gesprochen und die noch bestehenden Schwierigkeiten aufgezeigt; wir haben aber auch den gemeinsamen Willen festgestellt, alle Bemühungen um dieses Ziel weiterzuführen. Der Herr, der die menschlichen Unzulänglichkeiten ergänzt, wird das Übrige tun. Sich aufrichtig und brüderlich in gegenseitiger Achtung zu begegnen, ist notwendig, um einander kennenzulernen und sich über den Rest des noch zurückzulegenden Weges einig zu werden. Wir hatten fruchtbare Begegnungen gehabt. Dem Herrn sei dafür Dank!
Bei den Beziehungen zu den orthodoxen Kirchen gab es zudem im letzten Jahr ein besonders wichtiges Ereignis: den offiziellen Beginn des theologischen Dialogs in einer größeren und qualifizierten gemischten Kommission. In ihr sind alle orthodoxen Kirchen vertreten. Das theologische Gespräch findet also mit der gesamten Ostkirche statt. Die Studienkommissionen haben ihre Arbeit bereits sorgfältig geplant und aufgenommen.
Die Einstellung ist positiv und konstruktiv. Freilich kann sie dem Dialog nicht automatisch alle Schwierigkeiten ersparen. Wenn die Kirchen des Ostens und des Westens seit nahezu 1000 Jahren nicht mehr gemeinsam die Eucharistie feiern, so heißt das, dass sie die strittigen Probleme für ernst befunden haben. Nicht alles lässt sich auf historische und kulturelle Faktoren zurückführen, auch wenn diese einen schwerwiegenden und verhängnisvollen Einfluss auf die fortschreitende Entfremdung zwischen Orient und Okzident hatten. Der Dialog muss daher vom inständigen Gebet aller getragen werden. Der Dialog als solcher soll alle größeren Probleme lösen, die in Bezug auf den Glauben offen sind; andererseits stellt er auch ein wertvolles Instrument dar, um Missverständnisse und Vorurteile klarzustellen und sich über jene berechtigten Unterschiede und Eigenheiten einig zu werden, die mit der Einheit des Glaubens vereinbar sind. Im Sinne dieses Dialogs und im Rahmen der brüderlichen Beziehungen zu den Kirchen des Ostens habe ich die östlichen Heiligen Kyrillos und Methodios zu Mitpatronen Europas an der Seite des hl. Benedikt erklärt. Für die volle Einheit müssen wir uns alle eine offene Geisteshaltung sowohl gegenüber der östlichen wie gegenüber der westlichen Tradition zu eigen machen.
Im abgelaufenen Jahr wurden die Kontakte zu den altorientalischen Kirchen fortgesetzt, und ich selbst konnte mit ihren verehrten Vertretern zusammentreffen. Ebenso geht auch das Gespräch mit den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften im Westen weiter. Die positiven Beratungen über Themen, die für das Leben der Kirche wesentlich sind – wie Taufe, Eucharistie, Dienstamt –, gewinnen sowohl im multilateralen als auch im bilateralen theologischen Dialog an Tiefe. Somit können wir auf eine Überwindung der schweren Gegensätze der Vergangenheit hoffen. Zweifellos müssen wir überzeugt sein, dass diese vorsichtigen Schritte und dieser langsame, aber echte Fortschritt auch und vor allem vom Gebet der Christen für die Einheit in allen Teilen der Welt getragen werden.
Deshalb lade ich euch ein, das Anliegen der Einheit auch in euer tägliches Gebet einzuschließen.
4. Für dieses Jahr wurde ein für das geistliche und kirchliche Leben reiches Thema vorgeschlagen: „Ein Geist, verschiedene Gaben, ein Leib“ (vgl. 1 Kor 12, 3b–13). In seinem Brief an die Christen in Korinth, die im Überschwang ihrer Vitalität sich ekstatischen Erscheinungen ähnlich denen des Heidentums hingaben, erläutert der hl. Paulus den Unterschied zwischen wahren und falschen Charismen. Der wahre Glaube, die Treue zu Jesus Christus, ist die erste Norm für ihre Echtheit. Paulus bestätigt, dass sich unter den Gläubigen eine große Vielfalt von Gnadengaben, Ämtern und Wirkweisen ergeben kann. Dem einen wird die Gabe gegeben, Weisheit mitzuteilen, einem anderen, Erkenntnis zu vermitteln, dem dritten wurde die Gabe des prophetischen Redens zuteil, anderen die Kraft, Wunder und Heilungen zu vollbringen, wieder anderen die verschiedenen Arten von Zungenreden oder die Gabe, sie zu deuten (vgl. 1 Kor 12, 8–10).
„Das alles – so versichert er – bewirkt ein und derselbe Geist; einem jeden teilt er seine besondere Gabe zu, wie er will“ (ebd., 12, 11). Die echten Gnadengaben entspringen einer einzigen Quelle. Zu ihrer Unterscheidung verweist der hl. Paulus noch auf ein weiteres Kriterium, nämlich das der Einheit. Diese Vielfalt von Charismen darf nicht zur Anarchie führen wie bei hochmütigen Äußerungen menschlicher Triebhaftigkeit; ganz im Gegenteil, die echten Charismen gehen vielmehr auf die Festigung und Befruchtung der Einheit aus. „Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt“ (ebd., 12, 7). Um sein Denken leichter verständlich zu machen, bedient sich der hl. Paulus eines Bildes, das die Griechen in Korinth gut verstehen mussten. Die stoischen Philosophen hatten bereits das Bild vom Leib gebraucht, um die Beziehung des Einzelnen zur Gesellschaft zu verdeutlichen. Beim Gebrauch dieses Bildes stellt Paulus nicht einen bloßen Vergleich an, sondern füllt es mit einem neuen Inhalt. Für ihn ist die Gemeinde der Leib Christi. So schreibt er: „Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: so ist es auch mit Christus. Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen“ (ebd., 12, 12–13). In der christlichen Gemeinde muss die Vielfalt der empfangenen Gaben dem Aufbau des einen Leibes Christi und der harmonischen Entfaltung seiner Lebenskraft dienen.
So dürfen die Gnadengaben nicht nur keine Spaltungen und Gegensätze hervorrufen, sondern müssen der Einheit dienen. Wenn diese Einheit verletzt ist, muss jede Gabe für ihre Wiederherstellung eingesetzt werden. Einheit und harmonische Gliederung gehören zur Gesundheit des Leibes und zu seinem normalen Funktionieren.
Deshalb müssen alle Gnadengaben, die heute in verschiedenen Formen vorhanden sind, in den Dienst der Einheit gestellt werden, um die christliche Gemeinde wesentlich in die Lage zu versetzen, Jesus Christus, den Herrn, zu verkünden und für ihn Zeugnis zu geben.
5. Deshalb haben wir, solange die volle Einheit unter den Christen nicht hergestellt ist, auch allen Grund, unser Gebet zu verstärken. Das wollen wir am Ende dieser Audienz kurz tun; ich bitte euch, zu antworten: „Herr, erhöre uns!“
– Wir bitten den Herrn, er möge in allen Christen den Glauben an Christus, den Retter der Welt, stärken.
– Wir bitten den Herrn, er möge mit seinen Gaben den Christen beistehen und sie auf dem Weg zur vollen Einheit führen.
– Wir bitten den Herrn um die Gabe der Einheit und des Friedens für die Welt.
Lasst uns beten:
Wir bitten Dich, o Herr, um die Gaben Deines Geistes, lass uns in die Tiefe der ganzen Wahrheit eindringen und gewähre uns, auch an den anderen Gaben teilzuhaben, die Du für uns bereit hältst. Lehre uns, die Spaltungen zu überwinden. Sende uns Deinen Geist, um alle Deine Kinder zur vollen Einheit zu führen in der Fülle der Liebe, im Gehorsam gegenüber Deinem Willen, durch Christus, unseren Herrn. Amen.
Copyright © Dikasterium für Kommunikation