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JOHANNES PAUL II.

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 7. Januar 1981

Am 13. Mai wurde Papst Johannes Paul II. kurz vor Beginn der Generalaudienz auf dem Petersplatz schwer verletzt. Er drehte im weißen Papamobil gerade die übliche Runde auf dem Petersplatz, um wie gewohnt die Gläubigen und Pilger zu begrüßen, als er um 17.19 Uhr Opfer eines Attentats wurde. Der Attentäter war ein junger Türke namens Ağca.

Bei der Generalaudienz hatte der Heilige Vater über ein Thema sprechen wollen, das ihm selbst und der Kirche besonders am Herzen lag: die Arbeit und die Würde der Arbeiter. Anlass war der 90. Jahrestag der Veröffentlichung der großen Sozialenzyklika von Papst Leo XIII.: Rerum Novarum. Im Folgenden veröffentlichen wir den Text der Ansprache, die Johannes Paul II. an die versammelten Gläubigen richten wollte.

1. Bei unseren Mittwochsaudienzen in den vergangenen Wochen habe ich einen Zyklus katechetischer Betrachtungen gehalten, die sich auf die Worte Christi in der Bergpredigt bezogen.

Heute, liebe Brüder und Schwestern in Christus, möchte ich eine Reihe von Betrachtungen über ein anderes Thema beginnen, um ein Datum zu würdigen, das mit goldenen Buchstaben in die moderne Kirchengeschichte eingetragen zu werden verdient: den 15. Mai 1891. Es sind nämlich neunzig Jahre her, seit mein Vorgänger Leo XIII. die grundlegende Sozialenzyklika Rerum novarum veröffentlichte, die nicht nur eine energische und kraftvolle Verurteilung des „unverdienten Elends" darstellte, in dem sich die Arbeiter damals während der ersten Zeit der Einführung von Maschinen in den Industriebetrieben befanden, sondern vor allem die Grundlagen für eine gerechte Lösung jener schwerwiegenden Probleme des menschlichen Zusammenlebens legte, die als „soziale Frage" bekannt sind.

2. Warum gedenkt die Kirche nach so vielen Jahren noch der Enzyklika Rerum novarum?

Dafür gibt es viele Gründe. Vor allem war und ist Rerum novarum die ,,Magna Charta der christlichen Sozialarbeit", wie Pius XII. sie bezeichnet hat (Rundfunkbotschaft zum 50. Jahrestag von „Rerum novarum", Ansprachen und Rundfunkbotschaften 1942, Bd. III, S. 911). Paul VI. aber hat hinzugefügt, daß ihre „Botschaft weiterhin das Wirken für die Gerechtigkeit in der Kirche und in der heutigen Welt inspiriert" (Octogesima adveniens, Nr. 1); sie ist zudem ein unwiderlegbarer Beweis der eifrigen, unermüdlichen Aufmerksamkeit der Kirche für die Welt der Arbeit.

Leo XIII. hat mutig seine Stimme zur Verteidigung der Unterdrückten, der Armen, der Gedemütigten und Ausgebeuteten erhoben, die nur das Echo der Stimme dessen war, der die Armen und nach Gerechtigkeit Hungernden selig gepriesen hat. Der Papst hat dem Impuls und dem Antrieb „des Gewissens seines apostolischen Dienstamtes" folgend (vgl. Rerum novarum, Nr. 1) gesprochen: dazu war er nicht nur berechtigt, sondern auch und vor allem verpflichtet. Denn es ist immer die von Christus empfangene Sendung, den Menschen in seiner vollen Würde zu bewahren, die das Eingreifen der Kirche und ihres obersten Hirten in die sozialen Fragen rechtfertigt.

3. Die Kirche ist aufgrund ihrer Berufung, überall treue Hüterin der menschlichen Würde zu sein, die Mutter der Unterdrückten und der von der Gesellschaft Benachteiligten, die Kirche der Schwachen und der Armen. Sie will die ganze Wahrheit leben, die in den Seligpreisungen des Evangeliums enthalten ist, vor allem die erste: ,,Selig, die arm sind vor Gott"; sie will lehren und tun wie ihr göttlicher Gründer, der ebenfalls gekommen ist, ,,um zu tun und zu lehren" (vgl. Apg 1, 1).

Wie ich im vergangenen Jahr in meiner Ansprache an die Arbeiter von Sao Paulo in Brasilien feststellte, ,,will die Kirche, wenn sie das Evangelium verkündet, auch, ohne ihre besondere Rolle für die Glaubensverkündigung außer acht zu lassen, erreichen, daß alle Aspekte des sozialen Lebens, in denen sich Ungerechtigkeit offenbart, eine Wandlung zur Gerechtigkeit hin erfahren" (Ansprache im Morumbi-Stadion in Sao Paulo am 3. Juli 1980: O. R. dt. vom 18. 7. 80, S. 6). Die Kirche ist sich dieser ihrer hohen Sendung bewußt: deshalb fügt sie sich in die Geschichte der Völker, in ihre Institutionen, ihre Kultur, ihre Probleme und ihre Bedürfnisse und Nöte ein. Sie will solidarisch mit ihren Söhnen und Töchtern und mit der ganzen Menschheit sein, indem sie ihre Schwierigkeiten und Ängste teilt und die berechtigten Forderungen aller Menschen, die leiden oder Opfer der Ungerechtigkeit geworden sind, zu ihren eigenen Forderungen macht. Gestärkt durch die ewig gültigen Worte des Evangeliums, verurteilt sie alles, was den Menschen in seiner Würde als „Abbild und Bild Gottes" (Gen 1, 26) und in seinen grundlegenden, universalen, unverletzlichen und unveräußerlichen Rechten verletzt; alles, was seine Entfaltung gemäß dem Plan Gottes behindert. Dies gehört zu ihrem prophetischen Dienst.

4. Mit Recht hat Pius XI. hervorgehoben, daß Rerum novarum der Menschheit ein großartiges gesellschaftliches Ideal vor Augen gestellt hat, denn er schöpfte es aus den unvergänglichen, lebendigen Quellen des Evangeliums (vgl. Quadragesimo anno, Nr. 16).

Dem grundlegenden Dokument Leos XIII. folgend, haben es meine ehrwürdigen Vorgänger nicht versäumt, bei unzähligen Anlässen immer wieder dieses Recht und diese Pflicht der Kirche zu bekräftigen, nämlich sittliche Weisungen in einem Bereich wie dem der sozialen und wirtschaftlichen Fragen zu geben, der mit dem religiösen und übernatürlichen Ziel ihrer Sendung unmittelbar verbunden ist. Das Zweite Vatikanische Konzil hat diese Lehre aufgegriffen und betont, daß es „Aufgabe der ganzen Kirche ist, daran zu arbeiten, daß die Menschen fähig werden, die gesamte zeitliche Ordnung richtig aufzubauen und durch Christus auf Gott hinzuordnen" (Apostolicam actuositatem, Nr. 7).

So ergibt sich die erste große Lehre zur Feier dieses 90jährigen Jubiläums: eine erneute Bestätigung des Rechtes und der Kompetenz der Kirche, ,,ihren Auftrag unter den Menschen unbehindert zu erfüllen und auch politische Angelegenheiten einer sittlichen Beurteilung zu unterstellen, wenn die Grundrechte der menschlichen Person oder das Heil der Seelen es verlangen" (Gaudium et spes, Nr. 76): die Lehre, den Ortskirchen, den Priestern, den Ordensleuten und den Laien immer mehr ihr Recht und ihre Pflicht bewußt zu machen, sich für das Wohl jedes Menschen aufzuopfern und in jedem Augenblick Verteidiger und Urheber der wahren Gerechtigkeit in der Welt zu sein.

5. Wenn wir die sozialgeschichtlichen Ereignisse, die sich seit jenem fernen Mai 1891 in der Welt der Arbeit abgespielt haben, ganz sachlich betrachten, dürfen wir mit Befriedigung feststellen, daß große Schritte getan und große Veränderungen durchgeführt worden sind, um das Leben der Arbeiterklasse in Übereinstimmung mit ihrer Würde zu gestalten.

Rerum novarum war die Triebkraft dieser fruchtbaren Veränderungen. Mit dieser Enzyklika hat der Papst der Seele des Arbeiters das Gefühl und Bewusstsein seiner Würde als Mensch, als Staatsbürger und als Christ gegeben; er förderte die Entstehung von gewerkschaftlichen Arbeitervereinigungen in den verschiedenen Ländern; er erinnerte die Regierenden und die Nationen an ihre Pflichten den Schwachen und Armen gegenüber, indem er die Staaten zu einer humanen und klugen Sozialpolitik aufforderte, die zur Anerkennung und Formulierung des Rechtes auf Arbeit für alle Bürger führte.

6. Rerum novarum ist für die Kirche auch deshalb von besonderer Bedeutung, weil sie einen dynamischen Bezugspunkt ihrer Soziallehre und ihrer Sozialarbeit in der modernen Welt darstellt.

In all den Jahrhunderten von ihren Anfängen bis heute ist die Kirche immer der Welt und ihren Problemen begegnet und hat sich ihnen gestellt, indem sie sie im Lichte des Glaubens und der Ethik Christi betrachtete. Das hat im Laufe der Geschichte zur Entwicklung und Festlegung einer ganzen Reihe von Grundsätzen christlicher Sozialethik geführt, die heute als Soziallehre der Kirche bekannt sind. Das Verdienst Papst Leos XIII. ist es, daß er als erster dieser Lehre einen organischen und ganzheitlichen Charakter zu geben versuchte. So begann das Lehramt seine neue und heikle Aufgabe - die auch eine große Verpflichtung darstellt -, für eine sich ständig wandelnde Welt eine neue Lehre auszuarbeiten, die auf die modernen Bedürfnisse sowie auf die raschen und laufenden Veränderungen der Industriegesellschaft Antwort geben kann; und eine Lehre, die zugleich imstande und geeignet ist, die Rechte der menschlichen Person und der jungen Nationen, die mit ihrer Zugehörigkeit zur internationalen Völkergemeinschaft erst beginnen, zu schützen.

7. Diese Soziallehre, so habe ich in Puebla ausgeführt, ,,entsteht im Licht des Wortes Gottes und des authentischen Lehramtes wie auch der Gegenwart der Christen inmitten der wechselvollen Verhältnisse der Welt und in unmittelbarer Berührung mit den Herausforderungen, die sich daraus ergeben" (Eröffnungsansprache, III, 7, O. R. dt. vom 2. 2. 1979, S. 11). Ihr Gegenstand ist und bleibt immer die heilige Würde des Menschen, des Bildes Gottes, und der Schutz seiner unveräußerlichen Rechte; ihr Ziel ist die Verwirklichung der Gerechtigkeit, verstanden als ganzheitliche Förderung und Befreiung der menschlichen Person in ihrer irdischen und transzendenten Dimension; ihr Fundament ist die Wahrheit von der menschlichen Natur, eine Wahrheit, die von der Vernunft erfahren und von der Offenbarung erleuchtet wird; ihre treibende Kraft ist die Liebe als evangelisches Gebot und Norm des Handelns. Die Kirche, die eine aktuelle und fruchtbare Auffassung des sozialen Lebens vertreten hat, beschränkte sich in den letzten 100 Jahren, als sie in Zusammenarbeit mit Priestern und erleuchteten Laien ihre religiöse und ethische Soziallehre entwickelte, nicht darauf, Grundsätze zur Überlegung, Weisungen, Richtlinien, Feststellungen oder Appelle zu bieten, sondern sie legt auch Normen zur Beurteilung und Weisungen zum Handeln vor, die jeder Katholik seiner Erfahrung zugrunde legen soll, um sie dann in der Zusammenarbeit mit anderen und im persönlichen Einsatzbereich praktisch zu verwirklichen (vgl. Evangelii nuntiandi, Nr. 38).

Dynamisch und kraftvoll wie jede lebendige Wirklichkeit setzt sich die Soziallehre aus bleibenden und höchsten sowie aus unwesentlichen Elementen zusammen, die ihre Entwicklung im Einklang mit der Dringlichkeit der anstehenden Probleme ermöglichen, ohne deshalb ihre Stabilität und Gewissheit in den Grundsätzen und Normen zu verringern.

8. Wenn ich des 90. Jahrestages der Veröffentlichung der Enzyklika Leos XIII. gedenke, möchte ich auf der Spur und im Einklang mit dem Lehramt meiner Vorgänger daher erneut die Bedeutung der Soziallehre als integrierender Bestandteil der christlichen Lebensauffassung bestätigen.

Was dieses Thema betrifft, so habe ich es bei den häufigen Begegnungen mit meinen Brüdern im Bischofsamt nicht unterlassen, ihrer Hirtensorge die Notwendigkeit und Dringlichkeit anheimzustellen, ihren Gläubigen die christliche Soziallehre nahezubringen, damit alle Söhne und Töchter der Kirche nicht nur in der Lehre unterwiesen, sondern auch zu sozialem Handeln erzogen werden.

Brüder und Schwestern! Wir werden noch mehrmals und ausführlicher auf die verschiedenen Themen und Probleme zurückkommen, die das Jubiläum der Enzyklika Rerum novarum wachruft. Zum Abschluss meiner heutigen Betrachtung möchte ich auf meine Ausgangsfrage zurückkommen. Ja, die Enzyklika Rerum novarum ist noch heute gültig und lebendig, auch wenn sie schon im fernen Jahr 1891 veröffentlicht wurde. Die Zeit hat sie nicht erschöpft, sondern bestätigt, so sehr, daß die Christen aus ihr Mut und Kraft schöpfen für die neuen Entwicklungen der sozialen Ordnung, an welcher die Welt der Arbeit interessiert ist. Laßt uns deshalb weiter mit Begeisterung und Hingabe aus ihrem Geist leben, indem wir in tätiger Liebe die uns von der Soziallehre der Kirche vorgezeichneten Wege gehen und mit schöpferischer Genialität die Erfahrungen unserer heutigen Zeit deuten.

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Herzlich grüße ich schließlich noch die zahlreichen Teilnehmer an der diesjährigen Romwallfahrt der ”Marianischen Bürgersodalität aus der Stadt Trier“. Schon mit eurem Namen bekennt ihr euch zu einer besonderen Verehrung und Liebe der Jungfrau Maria. Bemüht euch, liebe ßrüder und Schwestern, durch euer persönliches Beispiel und durch ein überzeugtes gemeinschaftliches religiöses Leben dazu beizutragen, daß die Marienfrömmigkeit auch in euren Familien und Gemeinden wieder neu belebt und gefördert wird – gerade jetzt im Marienmonat Mai. Maria ist unser sicherster Weg zu Christus, indem wir ihre mütterliche Weisung beehrzigen: ”Was er euch sagt, das tut“.

Dazu erbitte ich euch Gottes Licht und Beistand und erteile euch und allen anwesenden Pilgern von Herzen meinen Apostolischen Segen.