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JOHANNES PAUL II.

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 14. Oktober 1981

Eine Prüfung, die Gott zugelassen hat

1. Bei der Generalaudienz am vergangenen Mittwoch habe ich auf das Ereignis vom 13. Mai Bezug genommen. Da mit jenem Tag die Begegnungen unterbrochen wurden, die wir nun dank meiner Genesung erneut aufnehmen können, möchte ich euch wenigstens kurz den Inhalt meiner Betrachtungen in diesen Monaten mitteilen, in denen ich von Gott schwer geprüft wurde.

Ich sage: von Gott geprüft. Auch wenn die Ereignisse vom 13. Mai - das Attentat auf das Leben des Papstes und seine Folgen, verbunden mit dem chirurgischen Eingriff und dem Aufenthalt in der Gemelli-Klinik - gewiß ihre menschliche Seite haben, so vermag diese doch nicht die tiefere Dimension zu verdecken: nämlich, daß Gott diese Prüfung zugelassen hat. In diesem Zusammenhang sind auch meine Worte vom vergangenen Mittwoch zu betrachten. Heute will ich nochmal darauf zurückkommen.

Gott hat mich in den vergangenen Monaten das Leid erfahren lassen, ich durfte die Gefahr spüren, das Leben zu verlieren. Zugleich konnte ich mit aller Klarheit und bis auf den Grund begreifen, daß all dies eine besondere Gnade für mich als Mensch und - im Hinblick auf meinen Dienst als Bischof von Rom und Nachfolger Petri - auch eine Gnade für die Kirche ist.

2. Liebe Brüder und Schwestern, mir ist wirklich eine große Gnade zuteil geworden. Und wenn ich gemeinsam mit euch das Ereignis vom 13. Mai und die Zeit danach in Erinnerung rufe, kann ich nicht umhin, vor allem davon zu sprechen. Christus, das Licht der Welt, der Hirt seiner Herde und vor allem der erste aller Hirten, hat mir die Gnade gewährt, durch das Leid und die Gefahr für Leben und Gesundheit von seiner Wahrheit und seiner Liebe Zeugnis abzulegen. Gerade das, meine ich, war eine besondere Gnade für mich - und darum gebe ich meiner besonderen Dankbarkeit Ausdruck gegenüber dem Heiligen Geist, den die Apostel und ihre Nachfolger am Pfingsttag als Frucht des Kreuzes und der Auferstehung ihres Meisters und Erlösers empfangen haben.

Deshalb hat für mich in diesem Jahr auch das Fest der Herabkunft des Heiligen Geistes eine ganz besondere Bedeutung gewonnen, als wir mit der gesamten Kirche, insbesondere gemeinsam mit dem Ökumenischen Patriarchat, für das Geschenk des vor 1600 Jahren abgehaltenen Ersten Konzils von Konstantinopel gedankt haben; dabei gedachten wir hier in Rom auch des vor 1550 Jahren abgehaltenen Konzils von Ephesus. Seit den Zeiten des Ersten Konzils von Konstantinopel bekennt die ganze Kirche: „Ich glaube an den Heiligen Geist, den Herrn und Lebensspender.“

Gerade auf diesen Heiligen Geist, den „Lebensspender“, berief sich Christus, als er vor seiner Auffahrt zum Vater den Aposteln sagte: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1, 8). Seit dem Pfingsttag hat der Heilige Geist den Aposteln geholfen, Zeugnis abzulegen, zunächst in Jerusalem und dann in verschiedenen Ländern der damaligen Welt. Er war es, der ihnen die Kraft gab, Christus vor dem ganzen Volk zu bezeugen und, wenn sie deshalb gepeinigt wurden, sich zu freuen, „daß sie gewürdigt worden waren, für Jesu Namen Schmach zu erleiden“ (Apg 5, 41).

Der Heilige Geist war es, der Paulus von Tarsus über die Straßen der damaligen Welt geführt hat. Der Heilige Geist war es, der Petrus beistand, als er zunächst in Jerusalem, dann in Antiochia und schließlich hier in Rom, der Hauptstadt des Reiches, von Christus Zeugnis gab. Dieses Zeugnis wurde zuletzt durch den Märtyrertod besiegelt; das gleiche gilt vom Zeugnis des Paulus, des großen Völkerapostels von Tarsus.

3. Diese Worte, die Christus, unser Herr und Erlöser, Christus, der ewige Seelenhirt, an die Apostel richtete, ehe er zum Vater zurückkehrte, gelten für seine Nachfolger und auch für alle Christen. Die Apostel bilden nämlich den Anfang und Keim des neuen Gottesvolkes, wie das Konzil lehrt (vgl. Ad gentes, Nr. 5). Aber wenn auch alle dazu aufgerufen sind, für den gekreuzigten und auferstandenen Christus Zeugnis abzulegen, so gilt es doch ganz besonders für jene, die nach den Aposteln den Dienst des Hirten- und Lehramtes in der Kirche als Erbe übernommen haben. Wie viele Nachfolger Petri auf diesem römischen Stuhl haben ihr Zeugnis für das Hirten- und Lehramt mit dem Opfer ihres Lebens besiegelt! Das erfahren wir aus der heiligen Liturgie, wenn sie im Laufe des Jahres an zahlreiche Päpste erinnert, die Petrus im Blutzeugnis für Christus gefolgt sind.

Es fällt schwer, von diesen Dingen ohne tiefe Verehrung, ohne innere Bewegung zu sprechen. Durch das Opfer derer, die besonders in den ersten Jahrhunderten für den gekreuzigten und auferstandenen Christus Zeugnis ablegten, ist ja der mystische Leib Christi gewachsen, hat sich die Kirche aufgebaut, hat sie tief in den Seelen Wurzeln geschlagen und in der Welt der Antike, die auf die Frohbotschaft des Evangeliums so oft mit blutigen Verfolgungen antwortete, Gestalt gewonnen.

4. Das alles sollten sich jene vor Augen halten, die „zu den Gedenkstätten der Apostel“ nach Rom kommen und den Spuren der Heiligen Petrus und Paulus folgen. Auch ich bin hier Pilger. Ich bin ein Fremdling, der nach dem Willen der Kirche hier bleiben und nach so vielen großen Päpsten, Bischöfen von Rom, die Nachfolge auf dem römischen Stuhl antreten mußte. Auch ich spüre zutiefst meine menschliche Schwäche und wiederhole deshalb vertrauensvoll die Worte des Apostels: „Die Gnade erweist ihre Kraft in der Schwachheit“ (2 Kor 12, 9). Daher denke ich auch mit großer Dankbarkeit gegenüber dem Heiligen Geist an jene Schwachheit, die er mich seit dem 13. Mai erfahren ließ, denn ich glaube und vertraue demütig darauf, daß sie die Kirche und auch meine menschliche Person zu stärken vermochte.

Das ist die Dimension der Prüfung Gottes, die zu ergründen für den Menschen nicht leicht ist. Es ist nicht leicht, mit menschlichen Worten darüber zu sprechen. Und doch muß man darüber sprechen. Es gilt, voll tiefer Demut vor Gott und der Kirche diese große Gnade zu bekennen, die mir in der Zeit zuteil geworden ist, da das ganze Volk Gottes sich auf eine besondere Feier des Pfingstfestes vorbereitete, das dieses Jahr dem Gedenken an das Erste Konzil von Konstantinopel vor 1600 Jahren und an das Konzil von Ephesus vor 1550 Jahren gewidmet war. In Ephesus trat erneut zum Wohl der ganzen damaligen Kirche die Wahrheit über Christus hervor, den eingeborenen Sohn Gottes, der durch das Wirken des Heiligen Geistes Mensch geworden, im Schoße der Jungfrau Maria empfangen und von ihr zur Rettung der Welt geboren wurde. Maria ist daher in Wahrheit Mutter Gottes, „Theotokos“, „Gottesgebärerin“.

Wenn ich also gemeinsam mit euch, liebe Brüder und Schwestern, über die empfangene Gnade nachdenke, die mit der Bedrohung des Lebens und dem Leid einherging, wende ich mich in besonderer Weise an jene, die wir „Mutter der göttlichen Gnade“ nennen. Und ich bitte, daß diese Gnade „an mir nicht ohne Wirkung bleibe“ (vgl. 1 Kor 15, 10), so wie jede andere Gnade, die der Mensch überall und zu allen Zeiten empfängt. Ich bitte, daß aus jeder Gnade, die der Vater, der Sohn und der Heilige Geist in reicher Fülle ausgießen, jene Kraft entspringe, die in unserer Schwachheit wächst. Ich bitte, daß auch das Zeugnis der Wahrheit und der Liebe, zu dem uns der Herr aufgerufen hat, wachsen und sich ausbreiten möge.