JOHANNES PAUL II.
GENERALAUDIENZ
Mittwoch, 23. August 1995
1. Im Rahmen der gegenwärtigen ökumenischen Anstrengungen wollen wir heute den Blick auf die zahlreichen kirchlichen Gemeinschaften richten, die seit der Reformation entstanden sind. Das Zweite Vatikanische Konzil erinnert daran, dass diese kirchlichen Gemeinschaften „Jesus Christus als Gott und Herrn und einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen offen bekennen zur Ehre des einen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Unitatis redintegratio, Nr. 20). Die Anerkennung der Gottheit Christi und das Bekenntnis des Glaubens an die Dreifaltigkeit bilden eine sichere Grundlage für den Dialog, wenn man auch berücksichtigen muss, wie das Konzil bemerkt, „dass nicht geringe Unterschiede gegenüber der Lehre der katholischen Kirche bestehen, insbesondere über Christus als das fleischgewordene Wort Gottes und über das Werk der Erlösung, sodann über das Geheimnis und den Dienst der Kirche und über die Aufgabe Mariens im Heilswerk“ (ebd.).
Im Übrigen finden sich beträchtliche Unterschiede zwischen den eben genannten kirchlichen Gemeinschaften selbst, sodass es „wegen ihrer Verschiedenheit nach Ursprung, Lehre und geistlichem Leben … eine überaus schwierige Aufgabe wäre, sie recht zu beschreiben“ (Unitatis redintegratio, Nr. 19). Selbst innerhalb der gleichen Gemeinschaft sind nicht selten einander widersprechende Strömungen in der Lehre festzustellen, mit Unterschieden, die sogar die Substanz des Glaubens berühren. Diese Schwierigkeiten machen indessen das beharrliche Bemühen um den Dialog umso notwendiger.
2. Ein anderes wichtiges Element, das den ökumenischen Dialog fördert, ist „die Liebe und Hochschätzung, ja fast kultische Verehrung der Heiligen Schrift“, die diese unsere Brüder und Schwestern „zu einem unablässigen und beharrlichen Studium dieses heiligen Buches“ antreibt (Unitatis redintegratio, Nr. 21). Hier nämlich wird jedem die Möglichkeit geboten, Christus „als Quelle und Mittelpunkt der kirchlichen Gemeinschaft“ kennenzulernen und ihm zu folgen. „Aus dem Wunsch zur Vereinigung mit Christus werden sie notwendig dazu geführt, die Einheit mehr und mehr zu suchen und für ihren Glauben überall vor allen Völkern Zeugnis zu geben“ (Unitatis redintegratio, Nr. 20).
Wir können nicht umhin, sie wegen dieser Geisteshaltung zu bewundern, welche unter anderem auch wertvolle Ergebnisse auf dem Gebiet der Bibelforschung hervorgebracht hat. Zugleich aber müssen wir zugeben, dass ernst zu nehmende Unterschiede hinsichtlich des Verständnisses der Beziehung zwischen Heiliger Schrift, Überlieferung und authentischem Lehramt der Kirche bestehen. Diesem Letzteren insbesondere erkennen sie nicht die entscheidende Autorität zu, den Sinn des Wortes Gottes auszulegen sowie ethische Lehren für das christliche Leben daraus zu ziehen (vgl. Enzyklika Ut unum sint, Nr. 69). Diese unterschiedliche Haltung zur Offenbarung und zu den in ihr begründeten Wahrheiten darf aber der gemeinsamen Verpflichtung zum ökumenischen Dialog nicht im Wege stehen, sondern soll ihm vielmehr zum Antrieb dienen.
3. Die Taufe, die wir mit diesen Brüdern und Schwestern gemeinsam haben, bildet „das sakramentale Band der Einheit zwischen allen, die durch sie wiedergeboren sind“ (Unitatis redintegratio, Nr. 22). Jeder Getaufte ist dem gekreuzigten und verherrlichten Christus eingegliedert und wird wiedergeboren, um des göttlichen Lebens teilhaftig zu werden. Aber bekanntlich ist die Taufe als solche „nur ein Anfang und Ausgangspunkt“ des neuen Lebens, das hingeordnet ist „auf das vollständige Bekenntnis des Glaubens, auf die völlige Eingliederung in die Heilsveranstaltung, wie Christus sie gewollt hat, und auf die vollständige Einfügung in die eucharistische Gemeinschaft“ (ebd.).
Mit der Taufe stehen nämlich die Priesterweihe und die Eucharistie in logischem Zusammenhang. Diese beiden Sakramente haben diejenigen nicht, welche gerade wegen des fehlenden Priestertums „die ursprüngliche und vollständige Wirklichkeit (substantia) des eucharistischen Mysteriums nicht bewahrt haben“ (Unitatis redintegratio, Nr. 22), um die neue Gemeinschaft der Glaubenden aufzubauen. Man muss jedoch hinzufügen, dass die aus der Reformation hervorgegangenen Gemeinschaften „im Heiligen Abendmahl die Gedächtnisfeier des Todes und der Auferstehung des Herrn“ begehen. Sie bekennen, „dass hier die lebendige Gemeinschaft mit Christus bezeichnet werde, und sie erwarten seine glorreiche Wiederkunft“ (ebd.). Das sind Elemente, die der katholischen Lehre nahekommen.
Es ist besonders notwendig, über alle diese Punkte von grundlegender Bedeutung den theologischen Dialog fortzusetzen, ermutigt durch bedeutsame Schritte, die in der richtigen Richtung bereits zustande gekommen sind.
4. In der Tat haben in den letzten Jahren zahlreiche Studienbegegnungen mit qualifizierten Vertretern der verschiedenen nachreformatorischen kirchlichen Gemeinschaften stattgefunden. Die Ergebnisse wurden in Dokumenten von großer Bedeutung niedergelegt, die neue Perspektiven eröffnet haben und zugleich die Notwendigkeit erkennen ließen, einige Themen noch gründlicher auszuloten (vgl. Ut unum sint, Nr. 70). Doch man wird zugeben müssen, dass die innerhalb dieser Gemeinschaften bestehende breite Vielfalt in der Lehre die volle Annahme der erreichten Resultate beträchtlich erschwert.
Geboten ist beharrliches, achtungsvolles Vorangehen auf dem Weg der brüderlichen Gegenüberstellung, gestützt vor allem auf das Gebet. „Gerade weil die Suche nach der vollen Einheit eine Glaubensgegenüberstellung zwischen Gläubigen verlangt, die sich auf den einen Herrn berufen, ist das Gebet die Quelle der Erleuchtung über die Wahrheit, die als ganze angenommen werden muss“ (Ut unum sint, Nr. 70).
5. Der zurückzulegende Weg ist noch lang. Wir müssen mit Glauben und Mut weitergehen, ohne Leichtfertigkeiten und Unklugheiten. Das gegenseitige Kennenlernen und die erreichten Annäherungen in Dingen der Glaubenslehre hatten ein erfreuliches affektives und effektives Wachsen in der Gemeinschaft zur Folge. Doch wir dürfen nicht vergessen: „Das letzte Ziel der ökumenischen Bewegung ist die Wiederherstellung der sichtbaren vollen Einheit aller Getauften“ (Ut unum sint, Nr. 77). Ermutigt durch die schon erreichten Ergebnisse müssen die Christen ihren Einsatz verdoppeln.
Trotz der alten und neuen Schwierigkeiten, die den ökumenischen Weg behindern, setzen wir eine unerschütterliche Hoffnung „auf das Gebet Christi für die Kirche, auf die Liebe des Vaters zu uns und auf die Kraft des Heiligen Geistes“ (Unitatis redintegratio, Nr. 24). Und mit dem heiligen Paulus teilen wir die Überzeugung: „Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,5).
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Liebe Schwestern und Brüder!
Mit diesen Gedanken grüße ich alle deutschsprachigen Pilger und Besucher sehr herzlich. Mit der innigen Bitte, das Gebet um die Einheit aller Christen noch zu verstärken, erteile ich Euch, Euren Lieben zu Hause sowie den mit uns über Radio Vatikan und das Fernsehen verbundenen Gläubigen meinen Apostolischen Segen.
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