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APOSTOLISCHE REISE VON PAPST LEO XIV.
NACH FRANKREICH UND BESUCH AM SITZ DER UNESCO
(ORGANISATION DER VEREINTEN NATIONEN FÜR BILDUNG, WISSENSCHAFT UND KULTUR)

25.–28. SEPTEMBER 2026

GEBETSVIGIL MIT JUGENDLICHEN 

ANSPRACHE VON PAPST LEO XIV.

“Stade de France” in Saint-Denis
Freitag, 25. September 2026

[Multimedia]

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Dialog mit dem Heiligen Vater

Meditation des Heiligen Vaters

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Dialog mit dem Heiligen Vater


 Frage von Chloé

Heiliger Vater, wir danken Ihnen für Ihre Anwesenheit unter uns heute Abend und für diese Gelegenheit zum Austausch, die Sie uns bieten.

Mein Name ist Chloé, ich bin 25 Jahre alt und schließe gerade mein Pharmaziestudium ab. Ich engagiere mich in einer Gruppe junger Katholiken aus den Arbeitervierteln der Île-de-France: „La Cité Céleste“. Wir organisieren unter anderem gelegentliche Veranstaltungen wie Anbetungs- und Lobpreisabende, zu denen sich viele junge Menschen aus dem Viertel versammeln, die ihren Glauben leben und mit anderen teilen möchten. Außerdem engagiere ich mich in meiner Pfarrei, insbesondere für Jugendliche im Gymnasium. Bei diesen verschiedenen Engagements liegt es mir am Herzen, meine Energie und meine Fähigkeiten in den Dienst anderer zu stellen, indem ich eine Verbindung zwischen dem Glauben, der Jugend und den alltäglichen Lebenswirklichkeiten in unseren Stadtvierteln schaffe.

Wie der heilige Paulus sagt: „Für uns ist Christus das Leben.“ Doch die Gesellschaft, in der wir leben, ruht auf anderen Grundlagen und scheint manchmal bezüglich der Frage nach Gott gleichgültig zu sein. Wir möchten Christus in unserem Umfeld mit Nachdruck und Beharrlichkeit verkünden, aber natürlich auch mit Respekt und Feingefühl gegenüber denen, denen wir begegnen. Wie können wir die Kraft unseres missionarischen Eifers mit der Authentizität eines geschwisterlichen Lebens mit denen verbinden, die unseren Glauben nicht teilen?

 

Antwort des Heiligen Vaters

Liebe Freunde, als Erstes möchte ich etwas ganz Einfaches sagen: Danke! Danke an Gott, danke an euch, danke für euren Mut, danke für eure Anwesenheit, danke für euren Glauben. Ihr seid die Heiligen Frankreichs!

Und danke, Chloé, für deine Frage. Der Satz des heiligen Paulus, den du zitiert hast, ist nicht nur eine einfache Feststellung. Er ist eine echte Zusammenfassung seines Lebens. Mit wenigen, aber entscheidenden Worten spricht er ein Lobgebet, bekennt seinen Glauben und weist einen Weg der Heiligkeit bis hin zum Martyrium. »Für mich ist Christus das Leben« (Phil 1,21): Indem wir diese Liebeserklärung wiederholen, versuchen wir, an der Erfahrung des Apostels teilzuhaben. Er bezeugt uns nämlich, dass Gott seinem Leben niemals fremd ist, sondern dass er ihm im Gegenteil entgegenkommt: Er ruft ihn zu sich, verwandelt ihn innerlich und sendet ihn in die Welt.

Diese geistliche Dynamik betrifft uns alle, auch heute noch. Es stimmt, wie du sagst, dass die Gesellschaft, in der wir leben, Gott gegenüber gleichgültig zu sein scheint. Aber der Herr ist uns gegenüber nicht gleichgültig! Das ist es, was zählt und was uns immer wieder Hoffnung schenkt. Dass vielen die Frage nach Gott fremd ist, ist in der Tat ein Problem; aber dass vielen die Frage nach dem Menschen fremd ist, ist ein ebenso großes Problem. Wie viele Menschen interessieren sich leider nicht für ihren Nächsten, führen ein egoistisches Leben oder verachten die Armen, indem sie ihren Reichtum für belanglose Dinge verschwenden. Wie viele lehnen einfache Menschen und Kranke ab, in der Annahme, dass jeder nur durch das etwas wert ist, was er leistet. Ich denke dabei insbesondere an dein Engagement in den Arbeitervierteln der Île-de-France mit „La Cité Céleste“: Dort, in der konkreten Alltagsrealität und manchmal auch inmitten von Schwierigkeiten, wird dein Glaube zu einem lebendigen Zeugnis der Hoffnung.

Der Mensch verirrt sich, wenn er behauptet, Gott sei tot. Ist Gott nicht bei ihm, hat der Mensch kein Heil mehr und verliert den Sinn seines Daseins, das zu einer Sackgasse wird oder zum Nichts. Wer hingegen sagt: „Für mich ist Christus das Leben!“, erlebt genau das Gegenteil. Denn in Christus wissen wir, dass Gott dem Menschen gegenüber niemals gleichgültig ist! Durch Jesus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, gibt er sein eigenes Leben, damit wir leben. Das ist also die Art und Weise, Christus zu verkünden, die Mut und Respekt vereint: ihn als Evangelium der Erlösung zu verkünden; als Wort der Wahrheit und des Lebens. Dieses Evangelium ist eine frohe Botschaft für alle, eine befreiende Kunde und Richtschnur eines neuen Lebens.

Das Evangelium Jesu führt nämlich nicht zu Konflikten, sondern lädt stets zur Vergebung ein: Während es das Drama der Geschichte erhellt, schult es uns in geschwisterlicher Fürsorge. Die Begegnung mit Christus öffnet den Weg zum Dialog und bereitet auf seinen Frieden vor, denn sie schenkt jedem Mann und jeder Frau das größte Versprechen, das alle Sehnsüchte erfüllt: das Versprechen des ewigen Lebens.

Liebe Chloé, liebe Jugendliche, die religiöse Erfahrung jedes Menschen bringt diese Suche nach Sinn zum Ausdruck, die die menschliche Seele bewegt. In Jesus, dem Erlöser der Welt, lässt sich Gott finden, indem er „die Menschen anredet wie Freunde“ (vgl. Dogmatische Konstitution Dei Verbum, Nr. 2). Er ist die Quelle des lebendigen Wassers, das Licht in der Finsternis. Lasst uns also heute Abend in der Freude des Glaubens gemeinsam verkünden: Für uns ist Christus das Leben! Alle zusammen: Für uns ist Christus das Leben!

Dank ihm ist es möglich, den missionarischen Eifer mit der Erfahrung der Geschwisterlichkeit denen gegenüber zu verbinden, die nicht an Gott glauben oder anderen religiösen Traditionen angehören. Diese Geschwisterlichkeit, die auf Zuhören und gegenseitiger Wertschätzung beruht, hat ihre Wurzeln in der Einheit der Menschheitsfamilie, die im Laufe der Geschichte die religiöse Dimension als ein lebenswichtiges Merkmal jedes Volkes entwickelt hat.

Eine geschwisterliche Beziehung „zu denen, die unseren Glauben nicht teilen“ zu pflegen, trägt somit zum Aufbau der Gesellschaft bei; darüber hinaus wird dies zu einer Übung im Glauben und in der Nächstenliebe, denn es ist unmöglich, Zeugnis für Christus zu geben, ohne diejenigen zu lieben, denen wir ihn verkünden wollen. Die Begegnungen zwischen Jugendlichen aus dem Mittelmeerraum, die in den letzten Jahren stattgefunden haben, sind ein ermutigendes Zeichen dieser Geschwisterlichkeit.

Die christliche Botschaft stellt also kein Hindernis für das geschwisterliche Zusammenleben dar; im Gegenteil, sie fördert es, denn sie lädt jeden in aller Freiheit ein, einer Botschaft des Friedens und des Heils Gehör zu schenken. Ebenso steht unsere Mission nicht im Widerspruch zum Respekt vor anderen Religionen, denn die Kirche lehnt nichts von dem ab, was in ihnen wahr und heilig ist (vgl. Nostra aetate, Nr. 2). Danke!

 

Frage von François

Heiliger Vater, vielen Dank, dass Sie gekommen sind, um uns im Glauben und in unserem Wunsch, das Evangelium zu bezeugen, zu stärken!

Ich heiße François Bigot, bin auf dem Land in Burgund aufgewachsen und studiere derzeit Agrarwissenschaften an der UniLaSalle. Ich widme meine Zeit gerne der Schönheit der Liturgie und engagiere mich in meiner Diözese Nevers für die Mountainbike-Wallfahrt von Nevers, und bei der Vorbereitung einer neuen burgundischen Wallfahrt. Außerdem bin ich Pfadfinderleiter und engagiere mich in der Studentenseelsorge meiner Hochschule.

Im Dienst an den Schwächsten, im Dienst am Frieden in unserem Land und in der Welt, im Dienst an der Kirche Christi – wir jungen Menschen wollen uns engagieren! Oft ist es jedoch schwierig zu wissen, wie man sein Leben ausrichten soll, um sich selbstlos und treu einzubringen, ohne sich dabei zu verzetteln oder den Mut zu verlieren, da die Aufgabe manchmal so gewaltig erscheint. Angst und Unsicherheit schwächen oft die Begeisterung unserer Jugend. Lieber Heiliger Vater, wie können wir erkennen, wo der Herr auf uns wartet, damit wir ihm dienen und unser Leben hingeben können?

 

Antwort des Heiligen Vaters

Sind hier viele Pfadfinder? Oh, sehr gut, herzlich willkommen!

Zunächst einmal danke ich euch von ganzem Herzen für euer Engagement. Es ist mir eine große Freude, euch in so großer Zahl zu sehen, beseelt von dem Willen, sich in den Dienst des Friedens zu stellen, der uns als Männer und Frauen wachsen lässt, indem er Ängste in Hoffnung und Klagen in verantwortungsbewusstes Engagement verwandelt. Heute ist diese große Mission dringender denn je, denn sie fordert uns auf, mit Unterscheidungsvermögen durch die aktuellen technologischen und digitalen Umbrüche zu steuern, ohne dabei unsere Menschlichkeit zu verlieren. Insbesondere wenn wir uns dem Schutz der Kleinsten und Schwächsten widmen, erkennen wir unsere eigene Schwäche, in der wir uns alle wiederfinden. Diese dem menschlichen Leben eigene Zerbrechlichkeit macht uns keine Angst, sondern vereint uns als Geschöpfe, die sich in Christus als Brüder und Schwestern entdecken. Er ist es, der sich uns als Erster hingibt, und das lebendige Zeichen dieser Gnade ist die Eucharistie, »Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens« (Lumen gentium, Nr. 11). Aus diesem Sakrament, das unseren Glauben stärkt, schöpfen wir die Kraft, uns ebenfalls unserem Nächsten zu schenken und dabei die Selbstlosigkeit unseres Herrn Jesus nachzuahmen. Das Streben nach Gerechtigkeit und Frieden verpflichtet uns, die Konflikte, die wir selbst erleben, anzuerkennen und unser Herz zu reinigen. Indem wir uns in den Dienst Gottes und der anderen stellen, finden unsere Wunden Trost und Erlösung.

Es gibt es kein Scheitern, aus dem Gott uns nicht wieder aufrichten könnte: Seine Barmherzigkeit ist unsere Freude. Und doch habt ihr Angst und Unsicherheit als Hindernisse für eure Begeisterung genannt. Das sind sehr weit verbreitete Gefühle, bedingt durch die Ungewissheit über Zukunftspläne, die Unbeständigkeit der Gefühle und die Zerbrechlichkeit von Beziehungen. Zu diesen Gefühlen kommen weitere hinzu, die auf eurer Generation lasten, wie zum Beispiel die Bildschirmmüdigkeit und die Angst vor dem Klimawandel oder der wirtschaftlichen und internationalen Lage. Ja, man muss diesen Gefühlen aufmerksam Gehör schenken. Ich lade euch alle ein, liebe junge Menschen, euer Herz offen zu halten für das Leid eurer Altersgenossen. Gleichzeitig wird die Erfahrung der Zerbrechlichkeit – jeder Art von Zerbrechlichkeit – für einen Jünger Christi zu einer Gelegenheit, Zeugnis abzulegen. Wer Jesus auf dem Weg demütigen und selbstlosen Dienens nachfolgt, wird von der Angst befreit und findet neue Begeisterung, indem er innere Freude und inneren Frieden erlebt; keine flüchtigen oder subjektiven Gefühle, sondern solche, die in der Gewissheit des Glaubens verankert sind, den wir gemeinsam als Kirche bezeugen.

Ja, gemeinsam bilden wir die Kirche: zerbrechlich und heilig, wie Tongefäße, die einen Schatz bergen (vgl. 2 Kor 4,7). Der heilige Paulus erinnert uns einmal mehr daran, dass wir gerade in der Schwachheit stark sind (vgl. 2 Kor 12,10). Gerade in schwierigen Zeiten stützt Gott unsere Freiheit und stärkt uns durch seine Gnade. Er wollte als Mensch leben, damit wir mit ihm leben können – für immer – als freudige Zeugen der Hoffnung.

Liebe Freunde, in dieser Freundschaft mit Jesus vollzieht sich unsere Unterscheidung, jene Reflexion, bei der wir um die Gabe des Heiligen Geistes bitten. Es handelt sich um eine ständige Übung, um geordnet und zuversichtlich voranzuschreiten.

Wie kann man eine gute Unterscheidung treffen? Denkt zunächst daran, dass das Wort des Herrn stets eine Leuchte für unsere Schritte ist (vgl. Ps 119,105). Im Licht des Evangeliums erfolgt die geistliche Bildung durch Gebet und Dienst; durch Anbetung und Handeln; durch Stille – diese so seltene und doch so notwendige Stille, fernab vom Medienlärm – und durch Verkündigung.

Lasst euch außerdem vom Beispiel der Heiligen inspirieren: Selbst in der Verfolgung haben diese Brüder und Schwestern Wege des Friedens geebnet. Schaut auf von Christus beseelte Priester wie den heiligen Eugen von Mazenod und den heiligen Jean-Marie Vianney; schaut auf die mystische Schönheit der heiligen Theresia vom Kinde Jesus; auf die selige Pauline Jaricot, die sich in Nächstenliebe und Mission engagierte; den Mut der fünfzig Märtyrer des Apostolats im Zweiten Weltkrieg, die ihren Brüdern bis zur Hingabe ihres Lebens gedient haben. Diese Heiligen haben den Lauf der Geschichte verändert und viele Menschen vom Leiden zur Hoffnung geführt, denn sie haben zunächst ihr eigenes Herz verändert und es im Licht des Glaubens verwandelt.

Liebe junge Freunde, wenn ihr eure Berufung sucht, seid euch sicher: Der Herr spricht nicht undeutlich zu euch, sondern er spricht jeden einzelnen bei seinem Namen an und lädt euch ein, ihm zu folgen, weil er euch liebt. Wenn ihr sein Evangelium mit klarem Verstand und reinem Herzen annehmt, werdet ihr verstehen, wie Jesus euch zum Dienst beruft. Es geht immer um Hingabe des Lebens: ganz und gar, treu und voller Liebe. Um Angst oder Unsicherheit zu überwinden, habt den Mut, ein einziges Wort zu sagen, einfach und wunderschön: Danke. Danke, Jesus, für deine Liebe.

Deshalb können wir nun ohne Furcht, sondern voller Vertrauen und Freude alle, alle gemeinsam und in der Nachfolge der Heiligen sagen: Hier bin ich, Herr!

[Alle wiederholen:] Hier bin ich, Herr!

Und ich wende mich an diejenigen unter euch – und davon gibt es heute Abend hier viele –, die glauben, den Ruf zu vernehmen, Jesus auf dem besonderen Weg des Priestertums oder des gottgeweihten Lebens nachzufolgen. Liebe Freunde, die Kirche in Frankreich braucht euch so sehr! Sie betet für euch, sie wartet auf euch. Liebe Freunde, habt keine Angst vor diesem Ruf! Seid mutig; vertraut auf Jesus, der euch zu seinen engsten Freunden machen will: Er wird euch nicht enttäuschen und wird immer an eurer Seite sein; euer Leben wird wunderbar schön und fruchtbar sein.

Zum Abschluss können wir dieses Gebet wiederholen, das uns der heilige Johannes Paul II. hinterlassen hat: »Meister, du liebst und achtest die Person des Menschen, du hast die Leiden des Menschen geteilt, du erhellst das Geheimnis des menschlichen Daseins; lass uns den wahren Sinn unseres Lebens und unserer Berufung entdecken!« (Predigt anlässlich des 12. Weltjugendtags, Paris, 24. August 1997). Danke!

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 Meditation des Heiligen Vaters

In der Nacht erscheint uns das Licht noch heller. So ist es, liebe junge Freunde, so haben wir es gemeinsam den Worten des heiligen Paulus entnommen. Wir wollen sie hochhalten wie eine Fackel, die nicht nur das Gebet jedes Einzelnen, sondern auch die gesamte Geschichte der Kirche erhellt. Der Apostel beobachtet seine Zeit und nimmt die göttliche Inspiration auf, das heißt den Heiligen Geist, der stets leuchtende Perspektiven für die Zukunft eröffnet. Ja, Gott ist der Herr der Geschichte, und was auch immer geschieht, er führt sie zum Heil: In Christus findet alles Übel ein Ende, gerade weil das Ende zum Anfang eines neuen und ewigen Lebens wird.

Liebe Freunde, um unsere Zeit zu erhellen und die Gegenwart im Lichte des Heiligen Geistes zu verwandeln, sollten wir uns vor allem daran erinnern, dass wir – wie Timotheus – Männer und Frauen Gottes sind. Dieser Ausdruck – Männer und Frauen Gottes –, den der heilige Paulus gewählt hat, bezeichnet eine Beziehung und nicht einen Besitz. Wer mit Gott lebt, ist frei: frei von allem, was das Leben verdunkelt und es leer und sinnlos macht. Liebe junge Menschen in Frankreich, ihr tragt in eurem Herzen ein unermessliches Verlangen nach Freiheit, ein Wort, das in eurer Kultur eine große Bedeutung hat. Doch wo liegt die Quelle der wahren Freiheit? Jesus zeigt sie uns deutlich, wenn er uns sagt, dass es die Wahrheit ist, die uns befreien wird (vgl. Joh 8,32); und dass er selbst die Wahrheit ist (vgl. Joh 14,6). Das ist also die Quelle der wahren Freiheit: die lebendige Beziehung zu Jesus.

Die Gemeinschaft mit dem Herrn verleiht unseren Plänen nämlich Weisheit und unseren Herzenswünschen Schönheit. Gott durchströmt unsere Seele wie ein Licht und lädt uns zu einer ständigen Erneuerung ein, zu einer Bekehrung, die dem Leben seinen ganzen Sinn verleiht, weil sie uns zu den Akteuren einer Geschichte macht, die aus der Verwirrung zur Suche nach der Wahrheit führt; von der Gleichgültigkeit zum Einsatz für die Gerechtigkeit. Der heilige Paulus drückt dies mit drei Verben aus, die an unsere Freiheit appellieren: meide, strebe, kämpfe.

Der Apostel schreibt an Timotheus: Vor allem sollst du „diese Dinge meiden“, also Stolz, Eitelkeit, Gewalt und Habsucht (vgl. 1 Tim 6,4.10). Das sind alles Gefühle, die von uns Besitz ergreifen und uns beherrschen. Der Egoismus, der sie kennzeichnet, verdeckt eine furchtbare Einsamkeit. Um die Nähe zu Gott und die menschliche Geschwisterlichkeit verspüren zu können, muss man also diese Gier zurückweisen, die dazu führt, dass man Beziehungen konsumiert, ohne etwas zurückzugeben, und sich mit Dingen vollstopft, die einen nicht nähren. Das ist eine Lebensweise, die dazu führt, dass man alles haben will, aber am Ende niemand ist; dass man eine Menge Likes erhält, aber mit sich selbst allein bleibt.

Wenn wir uns entschließen, solch einem Lebensstil nicht zu folgen, beginnen wir, nach »Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Glauben, Liebe, Standhaftigkeit und Sanftmut« (V. 11) zu streben. Ja, wer mit Gott lebt, strebt nach dem Besten. Er übt sich ständig darin. Er sucht die Tugend, das heißt die Kraft, die ihn gut und wahrhaftig macht. Liebe Freunde, die Dynamik, die das christliche Leben prägt, hat einen ganz bestimmten Namen: Sie heißt Weg der Heiligkeit. Es ist der Weg, den der Herr jedem von uns eröffnet und auf dem er uns die ganze Zeit begleitet. Und wie viele Söhne und Töchter dieses geliebten Landes Frankreich haben sich auf diesem Weg führen lassen! Denken wir zum Beispiel an den seligen Marcel Callo, einen jungen Franzosen, Pfadfinder und Arbeiter, der im Dunkel des Konzentrationslagers nie aufgehört hat, nach dem Guten zu streben, und dabei innerlich frei geblieben ist.

Je weiter wir auf diesem Weg der Heiligkeit voranschreiten, desto deutlicher wird, dass es nicht ausreicht, das Böse zu meiden: Man muss sich für das Gute entscheiden. Das ist weder ein abstraktes Prinzip noch eine selbstverständliche Feststellung. Das Gute zu wählen ist der eigentliche Akt der Freiheit, durch den diese sich verwirklicht, verbessert und reift. Um die richtigen Entscheidungen zu treffen, denkt an dieses Kriterium: Das Gute schenkt Leben und nimmt es niemals weg. Das Gute sorgt für andere, es nimmt nichts für sich selbst. Das Gute ist nur ein schönes Wort, sondern das strahlende Antlitz der Liebe: Es ist Gott in Person! Die Tugenden, die der heilige Paulus uns als Spiegelbilder der Güte Gottes aufzeigt, sind folgende: Gerechtigkeit gegenüber der Menschheit; Frömmigkeit und Glaube gegenüber Gott; Nächstenliebe gegenüber allen; Geduld gegenüber denen, die uns Leid zufügen; Sanftmut, die diejenigen auszeichnet, die mit reinem Herzen den Frieden suchen. Die Prinzipien der Gleichheit und Brüderlichkeit, die eure Gesellschaft prägen, finden hier ihre Grundlage: Mehr noch als rein gesetzliche Vorschriften sind sie die radikalen und mutigen Entscheidungen eines freien Herzens. Diese Prinzipien zu unseren eigenen zu machen, ist nicht nur eine moralische Verpflichtung. Es bedeutet vielmehr, sich dafür zu entscheiden, wahrhaftige Männer und Frauen zu werden, frei von jeglichem Kompromiss.

In diesem Zusammenhang nennt uns der Apostel ein drittes Verb: kämpfen. Denn das Böse zu meiden und nach dem Guten zu streben bedeutet, zu kämpfen. Kämpfen, ja, so wie es der heilige Paulus tat, der oft mit einem Schwert in der Hand dargestellt wird – als Symbol für das Wort Gottes, das »Schwert des Geistes« (Eph 6,17). Dieses Verb hat hier in Frankreich, dem Land der heiligen Jeanne d’Arc, einer jungen Frau, die es verstand, mutig zu kämpfen, eine besondere Bedeutung. Doch Vorsicht, wir verstehen nun den Sinn dieses Wortes und des Bildes. Der Kampf, zu dem wir aufgerufen sind, ist der des Glaubens, das heißt die Verpflichtung, als Jünger Jesu, des Sohnes Gottes, der uns zu Brüdern und Schwestern macht, nach dem Evangelium zu leben. In seinem Namen empfangen wir die Kraft der Gerechten, um der Versuchung widerstehen zu können. In seinem Namen empfangen wir die Beharrlichkeit der Sanftmütigen, um uns dem Guten widmen zu können. Unser Kampf ist kein Kampf gegen andere, er bedient sich nicht der Waffen der Gewalt, der Verachtung oder der Unterdrückung. Unsere einzige Waffe ist die Liebe, die sich verschenkt. Wir wissen leider, dass es Kräfte gibt, die unserer Beziehung zu Gott entgegenstehen; Mächte, die danach trachten, Menschen und Völker zu spalten, indem sie sie gegeneinander aufbringen. Diese Übel haben nicht nur ein gewalttätiges Gesicht, sondern manchmal auch eine heimtückische Gestalt; denn sie versprechen genau das, was sie uns nehmen, nämlich das Glück. Doch wenn uns ihre Finsternis umgibt, erleuchtet und tröstet uns das Licht des Heiligen Geistes. Entscheiden wir uns also an diesem Abend gemeinsam für die Tugenden, die wir entwickeln müssen, um dem Herrn zu folgen.

Wir sind auf diesem Weg der Heiligkeit nicht allein, denn wir beschreiten ihn in Gemeinschaft mit all unseren Brüdern und Schwestern, die uns umgeben. Das erlebt ihr übrigens heute Abend, wie auch bei großen Versammlungen wie den Weltjugendtagen. Außerdem haben wir die Heiligen als Verbündete, die uns in der Prüfung beistehen. Liebe Freunde, wenn die Entscheidungen des Lebens Mut erfordern, bittet um ihre Fürsprache und folgt ihrem Beispiel. Wie wir in der Litanei gesungen haben, gibt uns die Ermutigung der Heiligen die Gewissheit, dass wir im Gebet niemals allein sind, dass wir in der Kirche niemals allein sind. In diesen besonderen Zeiten bitten wir sie also um ihre Hilfe, damit wir Friedensstifter sein können. Dies ist Gottes ewiger Wunsch und beständige Aufgabe der Menschen! Heute Abend habe ich einige von diesen Heiligen erwähnt. Bitten wir auch die heilige Theresia vom Kinde Jesus, uns ihren „kleinen Weg“ der alltäglichen Liebe zu lehren, die feste Grundlage jedes dauerhaften Friedens.

Der Herr verwirklicht diesen Frieden durch den Bund, den er mit uns allen in Jesus Christus schließt. Deshalb spricht der heilige Paulus, wenn er auf die Grundlage unserer Glaubenserfahrung hinweist, nicht nur davon, was wir tun können, um Gott zu antworten, sondern auch davon, was Gott für uns tut. Der Apostel fasst dies anhand einer Begebenheit zusammen: Jesus vor Pilatus, die Wahrheit der Liebe angesichts der Verlogenheit der Macht. Der »gute Kampf« und das »gute Bekenntnis« sind eins (vgl. V. 12-13). Dies wird durch die Verwendung desselben Adjektivs kalos deutlich, das hier „gut gemacht“ bedeutet. Das gut vollbrachte Werk, das gute Werk, ist die Erlösung, die Jesus für uns vollbringt. Christi Sieg nach seinem Kampf gegen Sünde und Tod befreit uns alle, er rettet uns vor allem Bösen und lädt uns zu allem Guten ein.

Betrachten wir in diesem Licht die beiden Reliquien, die wir vor uns sehen: die Tunika und das Kreuz. Erstere wurde Christus weggenommen; letzteres wurde ihm gegeben. In diesem Sinne sind beide Zeichen seines Leidens. Jesus wird seines Gewandes beraubt, um uns mit dem hellen Gewand zu bekleiden, das »im Blut des Lammes« (Offb 7,14) gewaschen wurde. Und so wird das Kreuz, das Werkzeug des Todes, zum Zeichen der Hoffnung. Beide also, das Gewand und das Kreuz, stehen für uns, die Kirche, die aus dem Leben Gottes entsteht, das er der Welt gegeben hat. Liebe junge Freunde, um in der Heiligkeit zu wachsen und unsere Gesellschaft zum Besseren zu verwandeln, seid leuchtende Zeugen dieses Evangeliums, das heißt der Frohbotschaft, die Christus selber ist, unser Erlöser: »Ihm gebührt Ehre und ewige Macht. Amen« (1 Tim 6,16).