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PAPST FRANZISKUS

GENERALAUDIENZ

Audienzhalle
Mittwoch, 27. Oktober 2021

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Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Die Verkündigung des heiligen Paulus ist ganz auf Jesus und auf sein Ostergeheimnis ausgerichtet. Denn der Apostel präsentiert sich als Verkündiger Christi, und zwar des gekreuzigten Christus (vgl. 1 Kor 2,2). Den Galatern, die versucht sind, ihre Religiosität auf die Einhaltung von Vorschriften und Traditionen zu gründen, ruft er den Mittelpunkt des Heils und des Glaubens in Erinnerung: den Tod und die Auferstehung des Herrn. Dabei stellt er ihnen die Konkretheit des Kreuzes Jesu vor Augen. Er schreibt: »Wer hat euch verblendet? Ist euch Jesus Christus nicht deutlich als der Gekreuzigte vor Augen gestellt worden?« (Gal 3,1). Wer hat euch verblendet, dass ihr euch vom gekreuzigten Christus entfernt habt? Es ist ein schlimmer Augenblick für die Galater...

Noch heute sind viele mehr auf der Suche nach religiösen Sicherheiten als nach dem lebendigen und wahren Gott, indem sie sich auf Rituale und Vorschriften ausrichten, statt den Gott der Liebe mit ihrem ganzen Selbst zu umarmen. Und das ist die Versuchung der neuen Fundamentalisten, denen der zu beschreitende Weg Angst zu machen scheint und die nicht vorwärts, sondern rückwärts gehen, weil sie sich sicherer fühlen: Sie suchen nach Sicherheit und nicht nach dem Gott der Sicherheit. Daher bittet Paulus die Galater, zum Wesentlichen zurückzukehren: zu Gott, der uns im gekreuzigten Christus das Leben schenkt. Er selbst gibt ein persönliches Zeugnis davon: »Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir« (Gal 2,20). Und gegen Ende des Briefes sagt er: »Ich aber will mich allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen« (6,14).

Wenn wir den Faden des geistlichen Lebens verlieren, wenn unzählige Probleme und Gedanken uns bedrängen, dann müssen wir uns den Rat des Paulus zu eigen machen: Stellen wir uns vor den gekreuzigten Christus, beginnen wir neu bei ihm. Nehmen wir das Kruzifix in die Hände, halten wir es fest am Herzen. Oder verweilen wir in Anbetung vor der Eucharistie, wo Jesus das für uns gebrochene Brot ist, der Gekreuzigte und Auferstandene, die Kraft Gottes, der seine Liebe in unsere Herzen ausgießt.

Und jetzt machen wir, ebenfalls vom heiligen Paulus geführt, einen weiteren Schritt. Fragen wir uns: Was passiert, wenn wir im Gebet dem gekreuzigten Jesus begegnen? Es passiert das, was unter dem Kreuz geschieht: Jesus übergibt den Geist (vgl. Joh 19,30), das heißt, er schenkt sein eigenes Leben hin. Und der Geist, der aus dem Pascha Jesu hervorgeht, ist der Beginn des geistlichen Lebens. Er ist es, der das Herz verwandelt: nicht unsere Werke. Er ist es, der das Herz verwandelt. Nicht die Dinge, die wir tun, sondern das Wirken des Heiligen Geistes in uns verwandelt das Herz! Er ist es, der die Kirche leitet, und wir sind aufgerufen, seinem Wirken, das sich Raum schafft, wo und wie er will, gehorsam zu sein. Im Übrigen überzeugte gerade die Feststellung, dass der Heilige Geist auf alle herabkam und dass seine Gnade wirkte, ohne jemanden auszuschließen, auch die zögerlichsten unter den Aposteln, dass das Evangelium Jesu für alle bestimmt war, und nicht nur für wenige Privilegierte. Und jene, die die Sicherheit, die kleine Gruppe suchen, die wollen, dass die Dinge so klar sind wie früher, entfernen sich vom Heiligen Geist, lassen die Freiheit des Geistes nicht in sich hinein. So wird das Leben der Gemeinde im Heiligen Geist neu geboren; und durch ihn nähren wir auch unser christliches Leben und setzen unseren geistlichen Kampf fort.

Gerade dieser geistliche Kampf ist eine weitere große Lehre des Briefes an die Galater. Der Apostel nennt zwei entgegengesetzte Fronten: auf der einen Seite die »Werke des Fleisches«, auf der anderen Seite die »Frucht des Geistes«. Was sind die Werke des Fleisches? Es sind die Verhaltensweisen, die dem Geist Gottes entgegenstehen. Der Apostel bezeichnet sie nicht als »Werke des Fleisches«, weil an unserem Fleisch etwas falsch oder böse wäre. Im Gegenteil: Wir haben gesehen, dass er die Konkretheit des menschlichen Fleisches betont, das Christus ans Kreuz getragen hat! »Fleisch« ist ein Wort, dass auf den Menschen in seiner rein irdischen, in sich selbst verschlossenen Dimension verweist, in einem horizontalen Leben, wo man den weltlichen Gelüsten folgt und dem Heiligen Geist, der uns erhebt und uns für Gott und die anderen offen macht, die Tür verschließt. Das Fleisch erinnert jedoch auch daran, dass all das altert, dass all das vorübergeht, verwest, während der Geist das Leben schenkt. Paulus zählt daher die Werke des Fleisches auf, die Bezug nehmen auf den selbstbezogenen Gebrauch der Sexualität, auf Zauberei, die Götzendienst ist, und auf das, was die zwischenmenschlichen Beziehungen untergräbt, wie »Feindschaften, Eifersucht, Streit, Spaltungen, Parteiungen, Neid« (vgl. Gal 5,19-21). All das ist – sozusagen – die Frucht des Fleisches, eines rein menschlichen, »krankhaft« menschlichen Verhaltens. Denn das Menschliche hat seine Werte, aber all dies ist »krankhaft« menschlich.

Die Frucht des Geistes dagegen ist »Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit« (Gal 5,22—23): So sagt Paulus. Die Christen, die in der Taufe »Christus angezogen« haben (Gal 3,27), sind aufgerufen, so zu leben. Eine gute geistliche Übung kann es zum Beispiel sein, die Aufzählung des heiligen Paulus zu lesen und das eigene Verhalten zu betrachten, um zu sehen, ob es damit übereinstimmt, ob unser Leben wirklich dem Heiligen Geist entspricht, ob es diese Früchte trägt. Bringt mein Leben diese Früchte der Freude, des Friedens, der Langmut, der Freundlichkeit, der Güte, der Treue, der Sanftmut, der Enthaltsamkeit hervor? Zum Beispiel sind die ersten drei, die aufgezählt werden, die Liebe, der Frieden und die Freude: Daran erkennt man einen Menschen, der vom Heiligen Geist bewohnt ist. Einen Menschen, der im Frieden lebt, der voll Freude ist und der liebt: An diesen drei Spuren erkennt man das Wirken des Heiligen Geistes.

Diese Lehre des Apostels ist eine schöne Herausforderung auch für unsere Gemeinden. Manchmal haben jene, die sich der Kirche nähern, den Eindruck, sich vor einem dichten Netz aus Geboten und Vorschriften zu befinden: Aber nein, das ist nicht die Kir- che! Das kann irgendeine Vereinigung sein. Aber in Wirklichkeit kann man die Schönheit des Glaubens an Jesus Christus nicht begreifen, wenn man von zu vielen Geboten ausgeht und einer Moral, die sich in viele kleine Bächlein verästelt und die ursprüngliche Fruchtbarkeit der Liebe vergessen lassen kann, die vom Gebet genährt ist, das den Frieden und das freudige Zeugnis schenkt. Ebenso darf das Leben des Geistes, das in den Sakramenten zum Ausdruck kommt, nicht erstickt werden von einer Bürokratie, die den Zugang zur Gnade des Geistes, des Urhebers der Umkehr des Herzens, verhindert. Und wie oft machen wir als Priester oder Bischöfe selbst viel Bürokratie, um ein Sakrament zu spenden, um die Menschen zu empfangen, die infolgedessen sagen: »Nein, das gefällt mir nicht«, und weggehen und in uns oft nicht die Kraft des Geistes erkennen, der uns neu geboren werden lässt, der uns neu macht. Wir haben also die große Verantwortung, den gekreuzigten und auferstande- nen Christus zu verkündigen, beseelt vom Hauch des Geistes der Liebe. Denn nur diese Liebe besitzt die Kraft, das Herz des Menschen anzuziehen und zu verwandeln.

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Ich grüße die Gläubigen deutscher Sprache, insbesondere die Pilger aus dem Burgenland, die aus Anlass des 60-jährigen Bestehens der Diözese Eisenstadt mit ihrem Bischof Ägidius nach Rom gekommen sind. Von Herzen erbitte ich allen die reiche Frucht des Geistes, die uns hinführt zur österlichen Fülle des Lebens.



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