JOHANNES PAUL II.
GENERALAUDIENZ
Mittwoch, 4. Juni 1980
Zu Beginn der Generalaudienz erinnert der Papst an seine Reise nach Frankreich.
Heute möchte ich Gott meine Dankbarkeit aussprechen für die Gnade des Dienstes, den ich vor kurzem in Paris und in Lisieux erfüllen durfte. Auf Einladung des Generaldirektors der UNESCO hatte ich Gelegenheit, während der 109. Sitzung des Exekutivrats am vergangenen 2. Juni das Wort zu ergreifen und über die Bedeutung und die Aufgaben der Kultur im Leben des Menschen, der Nationen und der Menschheit zu sprechen. Zugleich hat der Erzbischof von Paris alles darangesetzt, dass meine Anwesenheit dort zu einer wirklichen Pilgerreise und zu einem echten pastoralen Dienst wurde, nicht nur an der Kirche von Paris, sondern mittelbar an ganz Frankreich. Dafür danke ich der Bischofskonferenz mit ihrem Präsidenten an der Spitze. Darüber hinaus danke ich dem Präsidenten der Französischen Republik und den Vertretern des Bezirks für ihre wohlwollende Haltung gegenüber meinem Besuch; und was meinen Aufenthalt in Paris betrifft, danke ich dem Bürgermeister dieser großartigen Hauptstadt.
Ich bin dem Bischof von Bayeux und Lisieux dankbar für die Einladung zum Heiligtum der heiligen Theresia vom Kinde Jesus; ebenso bin ich der Gemeinschaft und den Behörden dankbar für die mir erwiesene Gastfreundschaft. Auf diese Weise konnte meine Pilgerreise am Grab jener, welche die Kirche zur Patronin der Missionen erklärt hat, ihre volle missionarische Aussagekraft entfalten.
Für heute mögen diese ersten Worte des Dankes genügen, die ich zugleich an alle richte, denen ich für die Vorbereitung und Durchführung des Besuches aufrichtig zu Dank verpflichtet bin. Es wäre jedoch schwierig, nicht nach einer umfassenderen Form zu suchen, um die Bedeutung dieses Ereignisses zum Ausdruck zu bringen. Ich beabsichtige, dies bei einer nächsten Gelegenheit zu tun.
Die Zerstörung der ursprünglichen Gemeinschaft der Personen
1. Bei unseren Betrachtungen über das Entstehen der Begierde im Menschen anhand der Genesis haben wir die ursprüngliche Bedeutung der Scham analysiert, die mit dem Sündenfall sichtbar wurde. Die Analyse der Scham im Lichte des biblischen Berichtes erlaubt uns, noch tiefer zu erfassen, welche Bedeutung sie für alle zwischenmenschlichen Beziehungen von Mann und Frau hat. Das dritte Kapitel der Genesis zeigt ohne jeden Zweifel, daß jene Scham im Verhältnis von Mann und Frau zueinander auftrat und daß eben wegen der Scham dieses Verhältnis sich radikal wandelte. Und da die Scham in ihren Herzen zugleich mit der leiblichen Begierde entstand, erlaubt uns die Analyse der ursprünglichen Scham gleichzeitig zu prüfen, in welchem Verhältnis diese Begierde zur Gemeinschaft zweier Personen steht, die dem Mann und der Frau von Anfang an gewährt und als Aufgabe übertragen wurde, weil sie als »Abbild Gottes« erschaffen wurden. Daher ist der nächste Schritt bei der Untersuchung der Begierde, die nach Genesis 3 »am Anfang« in der Scham des Mannes und der Frau sichtbar wurde, die Analyse des unersättlichen Dranges nach Vereinigung, d. h. der Gemeinschaft der Personen, die entsprechend ihrer je besonderen Ausprägung als Mann oder Frau auch von ihrem Körper zum Ausdruck gebracht werden mußte.
2. Vor allem also diese Scham, die nach der biblischen Erzählung Mann und Frau veranlaßt, ihre Körper und im besonderen das, was sie geschlechtlich unterscheidet, voreinander zu verbergen, beweist, daß die ursprüngliche Fähigkeit zur Gemeinschaft miteinander, von der Genesis 2, 25 spricht, zerstört wurde. Die radikale Änderung der Bedeutung der ursprünglichen Nacktheit läßt uns negative Veränderungen im gesamten personalen Verhältnis zwischen Mann und Frau vermuten. Diese gegenseitige Gemeinschaft im Menschsein selbst durch den Leib und durch seine männliche und weibliche Ausprägung, welche im vorangehenden Abschnitt der jahwistischen Erzählung (vgl. Gen 2, 23-25) so deutlich betont worden war, wird in diesem Augenblick erschüttert: es ist, als ob der Leib nicht mehr länger das »unverfälschte« Mittel der Gemeinschaft zwischen Personen bildet, als ob seine ursprüngliche Funktion im Bewußtsein des Mannes und der Frau angezweifelt würde. Schlichtheit und Reinheit der ursprünglichen Erfahrung, die eine einzigartige tiefe Verbindung miteinander ermöglichen, gehen verloren. Natürlich teilten sich die Stammeltern auch weiterhin durch ihren Körper, seine Bewegungen, Gesten und Ausdrucksweise einander mit; aber ihre einfache und unmittelbare Gemeinschaft, die aus der ursprünglichen Erfahrung der gegenseitigen Nacktheit kam, ging verloren. Gleichsam plötzlich erhob sich in ihrem Bewußtsein eine unüberwindliche Schwelle, die die ursprüngliche Selbsthingabe an den anderen aufhebt, die im vollen Vertrauen auf alles, was die eigene Identität und zugleich Verschiedenheit als Mann und als Frau ausmacht, geschah. Der Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Geschlecht wurde jäh empfunden und als Gegensatz der Personen verstanden. Das bezeugen die knappe Formulierung in Genesis 3, 7: »Sie erkannten, daß sie nackt waren«, und der unmittelbare Kontext. Das alles gehört auch zur Analyse des ersten Auftretens der Scham. Die Genesis beschreibt nicht nur den Ursprung der Scham im Wesen des Menschen, sie läßt uns auch ihre Abstufungen im Mann und in der Frau erkennen.
3. Den Verlust der Fähigkeit zu voller gegenseitiger Gemeinschaft, der sich in der sexuellen Scham äußert, läßt uns besser den ursprünglichen Wert der Bedeutung des Körpers als einigendes Element begreifen. Man kann den Verlust dieser Fähigkeit, d. h. die Scham, nur von der Bedeutung her verstehen, die der Körper in seiner Weiblichkeit und Männlichkeit zuvor für den Menschen im Zustand der Urunschuld hatte. Diese einigende Bedeutung gilt nicht für die Einheit, die Mann und Frau als Eheleute darstellen, indem sie durch den ehelichen Akt »ein Fleisch« werden (Gen 2, 24), sondern gilt auch für die Gemeinschaft der Personen selbst, die im Schöpfungsgeheimnis eine Dimension war, die der Existenz des Mannes und der Frau eigen ist. Der Körper in seiner Männlichkeit und Weiblichkeit bildete das besondere Mittel dieser personalen Gemeinschaft. Die sexuelle Scham, von der Genesis 3, 7 spricht, bezeugt den Verlust der ursprünglichen Gewißheit, daß der menschliche Körper durch seine Männlichkeit und Weiblichkeit die Ausprägung jenes Mittels ist, das die Gemeinschaft der Personen unmittelbar zum Ausdruck bringt; er dient auch ihrer Verwirklichung (und damit der Vervollkommnung des »Ebenbildes Gottes« in der sichtbaren Welt). Das Bewußtsein der beiden wird im weiteren Kontext von Genesis 3, mit dem wir uns noch beschäftigen werden, erschüttert. Wenn der Mensch nach dem Sündenfall sozusagen das Empfinden für seine Gottebenbildlichkeit verloren hatte, so äußerte sich das im körperlichen Schamgefühl (vgl. besonders Gen 3, 10-11). Die Scham, die das gesamte Verhältnis zwischen Mann und Frau erfaßte, zeigte sich im Verlust des ursprünglichen Sinnes der leiblichen Einheit, das heißt des Körpers als besonderem Mittel der Gemeinschaft der Personen. Es ist, als wäre die personale Ausprägung der Männlichkeit und der Weiblichkeit, die vorher die Bedeutung des Körpers für eine volle Gemeinschaft der Personen unterstrich, dem sexuellen Empfinden gegenüber dem andersgeschlechtlichen Menschen gewichen; als würde die Geschlechtlichkeit zum Hindernis der personalen Beziehung des Mannes zur Frau. Während sie nach Genesis 3, 7 ihre Geschlechtlichkeit voreinander verbergen, bringen sie sie gleichsam instinktmäßig zum Ausdruck.
4. Das ist zugleich die zweite Entdeckung des Geschlechts, die sich im biblischen Bericht grundlegend von der ersten unterscheidet. Der ganze Zusammenhang des Berichts bezeugt, daß diese neue Entdeckung den geschichtlichen Menschen der Begierde (und zwar der dreifachen Begierde) vom Menschen der ursprünglichen Unschuld unterscheidet. In welcher Beziehung steht die Begierde, besonders die fleischliche Begierde, zu der vom Leib, von seiner Männlichkeit und Weiblichkeit vermittelten Gemeinschaft der Personen, das heißt zu der Gemeinschaft, die dem Menschen im Anfang vom Schöpfer mitgegeben wurde? Das ist die Frage, die man sich gerade in bezug auf die Worte »am Anfang« über die Erfahrung der Scham stellen muß, von der der biblische Bericht spricht. Wie wir bereits festgestellt haben, ist die Scham in der Erzählung von Genesis 3 das Symptom für die Trennung des Menschen von der Liebe, an der er im Schöpfungsgeheimnis Anteil hatte, wie es bei Johannes heißt: der Liebe, die »vom Vater kommt«. »Jene Liebe, die von der Welt ist«, also die Begierde, trägt in sich die gewissermaßen grundlegende Schwierigkeit, die Bedeutung des eigenen Körpers zu verstehen; und das nicht nur für den eigenen subjektiven Bereich, sondern noch mehr für den subjektiven Bereich des anderen Menschen: der Frau gegenüber dem Mann, des Mannes gegenüber der Frau.
5. Daher stammt das Bedürfnis, vor dem anderen das zu verbergen, was körperlich die Weiblichkeit oder Männlichkeit ausmacht. Dieses Bedürfnis beweist das wesentliche Fehlen des Vertrauens, was die Erschütterung der ursprünglichen Gemeinschaft anzeigt. Gerade die Beziehung zur Subjektivität des anderen und zugleich zur eigenen Subjektivität hat in dieser neuen Situation, nämlich im Zusammenhang mit der Begierde, das Bedürfnis, sich zu verbergen, entstehen lassen, von dem Genesis 3, 7 spricht.
Und genau hier, so scheint uns, entdecken wir die tiefere Bedeutung der sexuellen Scham und auch die volle Bedeutung des Phänomens, auf das der biblische Text hinweist, um die Grenze zwischen dem Menschen der ursprünglichen Unschuld und dem geschichtlichen Menschen der Begierde zu offenbaren. Der vollständige Text des 3. Kapitels der Genesis liefert uns Elemente, um die Tiefendimension der Scham zu bestimmen; doch das erfordert eine eigene Analyse. Mit ihr wollen wir bei unserer nächsten Untersuchung beginnen.
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(1) Karol Wojtyla, Liebe und Verantwortung: »Metaphysik der Scham«, Kösel Verlag, München, 1979, S. 150-167.
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