zoomText
  • A
  • A
  • A
pdf
PDF-Erstellung läuft.....
DE  - ES  - IT

JOHANNES PAUL II.

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 12. Juli 1995

1. Der ökumenische Einsatz ist für den Christen von erstrangiger Bedeutung. Bekanntlich betete Jesus beim letzten Abendmahl für die Einheit der Jünger tatsächlich mit höchster Eindringlichkeit: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17,21). Jesus zögerte nicht, den Vater darum zu bitten, dass die Jünger „vollendet seien in der Einheit“ (vgl. Joh 17,23), obwohl er die Schwierigkeiten und Spannungen kannte, die auf sie zukommen würden. Er selbst hatte die Meinungsverschiedenheiten feststellen können, die auch während des letzten Abendmahls unter den Zwölf entstanden waren, und sah die kommenden voraus, die im Leben der in einer so weiten und vielfältigen Welt verstreuten Christengemeinden entstehen sollten. Und doch betete er für die vollkommene Einheit der Seinen und opferte dafür sein Leben.

Die Einheit ist also ein Geschenk des Herrn an seine Kirche, an sein Volk, „das in der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes verbunden ist“, wie der hl. Cyprian deutlich hervorhebt (Über das Gebet des Herrn, 23, in: Des heiligen Kirchenvaters Caecilius Cyprianus sämtliche Schriften, Bd. 1, Bibliothek der Kirchenväter, Kempten/München 1918, S. 186). Denn „höchstes Vorbild und Urbild dieses Geheimnisses ist die Einheit des einen Gottes, des Vaters und des Sohnes im Heiligen Geist in der Dreiheit der Personen“ (Unitatis redintegratio, Nr. 2).

In der nach dem Pfingsttag versammelten ersten Christengemeinde sehen wir, dass wirklich tiefe Einheit herrscht: „Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten“ (Apg 2,42); und „die Gemeinde der Gläubigen war ein Herz und eine Seele“ (Apg 4,32).

2. Wenn man die Seiten der Apostelgeschichte liest, die die ersten Lebenserfahrungen in der apostolischen Gemeinde beschreiben, fällt einem besonders die Feststellung auf, dass diese Verbundenheit und Einmütigkeit mit der Gegenwart Marias zusammenhing (vgl. Apg 1,13–14). Unter den Frauen, die bei der ersten Zusammenkunft anwesend waren, wird sie als einzige von Lukas namentlich erwähnt, der sie als „die Mutter Jesu“ bezeichnet und so als Zeichen und inneren Antrieb der „koinonia“ vorstellt. Dieser Titel verleiht ihr eine einzigartige Rolle, die mit ihrer neuen, von Christus am Kreuz verkündeten Mutterschaft verbunden ist. Man kann also nicht ignorieren, dass die Einheit der Kirche in diesem Text als Treue zu Christus zum Ausdruck kommt, die von der mütterlichen Präsenz Marias unterstützt und geschützt wird.

Diese zu Beginn des Lebens der Kirche verwirklichte Einheit kann ihrem grundlegenden Wert nach nie untergehen. Das bekräftigte das Zweite Vatikanische Konzil: „Denn Christus der Herr hat eine einige und einzige Kirche gegründet“ (Unitatis redintegratio, Nr. 1). Man muss jedoch zugeben, dass diese ursprüngliche Einheit im Laufe der Geschichte tiefe Verletzungen erlitten hat. Die Liebe zu Christus muss seine Jünger von heute drängen, gemeinsam ihre Vergangenheit zu überprüfen, um mit erneuerter Kraft auf dem Weg der Einheit fortzuschreiten.

3. Die neutestamentlichen Schriften selbst weisen uns darauf hin, dass von Anfang an im Leben der Kirche Spaltungen unter den Christen herrschten. Paulus spricht von Zwietracht in der Kirche von Korinth (vgl. 1 Kor 1,10–12). Johannes beklagt sich über die, welche eine falsche Lehre verbreiten (vgl. 2 Joh 10) oder in der Kirche den ersten Platz einnehmen wollen (vgl. 3 Joh 9–10). Es ist der Anfang einer leidvollen Geschichte, die in jeder Epoche durch die Bildung verschiedener christlicher Gruppen, die sich von der katholischen Kirche getrennt hatten, das Entstehen von Schismen und Häresien und die Gründung von „getrennten“ Kirchen zu verzeichnen hat. Diese standen weder in Gemeinschaft mit den anderen Teilkirchen noch mit der universalen Kirche, die als „nur eine Herde“ unter „einem Hirten“ (Joh 10,16), Christus, gestiftet wurde, der nur von einem universalen Stellvertreter, dem Papst, repräsentiert wird.

4. Aus der schmerzlichen Gegenüberstellung dieser geschichtlichen Situation mit dem Gebot der Einheit gemäß dem Evangelium ist die ökumenische Bewegung entstanden, die sich zum Ziel setzt, auch die sichtbare Einheit unter allen Christen wiederherzustellen, „damit sich die Welt zum Evangelium bekehre und so ihr Heil finde zur Ehre Gottes“ (Unitatis redintegratio, Nr. 1). Dieser Bewegung hat das Zweite Vatikanische Konzil höchste Bedeutung beigemessen und betont, dass sie für diejenigen, die sie tragen, eine Gemeinschaft des Glaubens an die Dreifaltigkeit und an Christus und ein gemeinsames Streben auf die eine und universale Kirche hin mit sich bringt (vgl. ebd., Nr. 1). Aber der echte ökumenische Einsatz fordert auch von allen Christen, die von einem ernsthaften Streben nach Gemeinschaft beseelt sind, das Freiwerden von Vorurteilen, die die Entfaltung des Dialogs der Liebe in der Wahrheit verhindern.

Das Konzil schildert und beurteilt im Einzelnen die geschichtliche Entwicklung der Spaltungen: „Es kam zur Trennung recht großer Gemeinschaften von der vollen Gemeinschaft der katholischen Kirche, oft nicht ohne Schuld der Menschen auf beiden Seiten“ (Unitatis redintegratio, Nr. 3). Es handelt sich um den Beginn der Trennung. Später ändert sich die Lage: „Den Menschen jedoch, die jetzt in solchen Gemeinschaften geboren sind und in ihnen den Glauben an Christus erlangen, darf die Schuld der Trennung nicht zur Last gelegt werden – die katholische Kirche betrachtet sie als Brüder, in Verehrung und Liebe“ (ebd.). Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat sich die katholische Kirche in unumkehrbarer Weise verpflichtet, den Weg der ökumenischen Suche zu gehen und auf den Geist des Herrn zu hören. Der ökumenische Weg ist nunmehr der Weg der Kirche.

 

5. Wir müssen noch feststellen, dass nach der Lehre des Konzils alle von der katholischen Kirche Getrennten mit ihr in einer gewissen – unvollständigen, aber wirklichen – Gemeinschaft stehen. Denn alle, die an Christus glauben und die Taufe empfangen haben, werden mit Recht von den Söhnen und Töchtern der katholischen Kirche „als Brüder im Herrn anerkannt“, auch wenn es „sowohl in der Lehre und bisweilen auch in der Disziplin wie auch bezüglich der Struktur der Kirche Diskrepanzen verschiedener Art gibt“ (Unitatis redintegratio, Nr. 3). Wir können mit ihnen eins sein mit Hilfe verschiedener, sehr wichtiger Elemente, wie durch „das geschriebene Wort Gottes, das Leben der Gnade, Glaube, Hoffnung und Liebe und andere innere Gaben des Heiligen Geistes und sichtbare Elemente“ (ebd.). Das alles ist Erbe der einzigen Kirche Christi, die „in der katholischen Kirche verwirklicht ist“ (vgl. Lumen Gentium, Nr. 8).

Auch in Bezug auf das Werk der Evangelisierung und Heiligung ist die Stellungnahme des Konzils klar und respektvoll. Es bekräftigt, dass die Kirchen und die kirchlichen Gemeinschaften nicht ohne Bedeutung und Gewicht im Geheimnis des Heiles sind: „Denn der Geist Christi hat sich gewürdigt, sie als Mittel des Heiles zu gebrauchen“ (Unitatis redintegratio, Nr. 3).

Das alles birgt in sich den dringenden Ruf zur vollen Einheit. Es geht nicht einfach darum, alle geistlichen, in den christlichen Gemeinschaften verstreuten Reichtümer zusammenzurechnen, um auf diese Weise gleichsam zu einer vollkommeneren Kirche zu gelangen, zu einer Kirche, auf die Gott für die Zukunft abzielte. Sondern es geht darum, jene Kirche voll zu verwirklichen, die Gott schon im Pfingstereignis in ihrer tiefen Wirklichkeit deutlich gemacht hat. Das ist das Ziel, das wir alle anstreben müssen, die wir jetzt schon in der Hoffnung, im Gebet, in der Umkehr des Herzens und, wie es von uns oft verlangt wird, im Leiden eins sind, das von dem Kreuz Christi her seinen Wert erhält.

____________________________

Liebe Schwestern und Brüder!

Während ich Euch alle einlade, Euch das Anliegen um die sichtbare Einheit aller Christen in der einen, heiligen katholischen und apostolischen Kirche zueigen zu machen, richte ich nochmals meinen herzlichen Willkommensgru an Euch alle. Mit besonderer Freude begrüe ich die zahlreichen Kinder, Jugendlichen und Schüler, ebenso den Kirchenchor und die Liedertafel der Pfarrei Gaspoltshofen in Österreich. Allen gelten meine besten Wünsche für erholsame Sommer– und Ferientage. Euch, liebe Schwestern und Brüder, Euren Lieben zu Hause sowie allen uns in diesem Augenblick geistlich Verbundenen erteile ich von Herzen meinen Apostolischen Segen.

____________________________

Ich möchte meine tiefempfundene Anteilnahme an den Leiden so vieler Menschen zum Ausdruck bringen, die in den ethnischen Konflikt verwickelt sind, der sich in Sri Lanka ausbreitet.

Allen, die ihre Lieben am vergangenen Sonntag bei der Bombardierung der Kirche und der Schule von Navalay verloren haben, bin ich in ihrem Schmerz nahe.

Vom Herrn erbitte ich die ewige Ruhe für die Opfer und rufe zur Achtung der Zivilbevölkerung auf.

Alle mahne ich, wie ich es bereits in der Vergangenheit getan habe, den Weg des Dialogs zu wählen, um diesem geliebten Land weitere unnötige Prüfungen zu ersparen.