APOSTOLISCHE REISE VON PAPST LEO XIV.
NACH FRANKREICH UND BESUCH AM SITZ DER UNESCO
(ORGANISATION DER VEREINTEN NATIONEN FÜR BILDUNG, WISSENSCHAFT UND KULTUR)
25.–28. SEPTEMBER 2026
INTERRELIGIÖSE BEGEGNUNG
ANSPRACHE VON PAPST LEO XIV.
Kongresszentrum „Robert Schuman“ in Metz
Montag, 28. September 2026
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Liebe Brüder und Schwestern,
liebe Freunde Vertreter der verschiedenen religiösen Traditionen,
mit tiefer Freude, aber auch mit lebendigem geistlichem Verantwortungsbewusstsein bin ich heute hier mit euch in Metz, einer Stadt der Grenzen und Übergänge, in diesem Kongresszentrum, das den Namen Robert Schumans trägt, eines der Gründerväter der Europäischen Union. Dieser Mann des Glaubens und der Überzeugungen verstand es, die alten Bruchlinien in Brücken der Hoffnung für ganz Europa zu verwandeln, und wurde zu einem wahren Botschafter der Einheit in der Vielfalt. Als religiöse Frauen und Männer ist es unsere gemeinsame Verantwortung, seinem Beispiel folgend Zeugnis davon zu geben, dass es, über alle Grenzen hinweg, stets möglich ist, einander zu begegnen, Freundschaften zu schließen und Frieden zu stiften.
Der Dialog nimmt uns nichts von unserer Identität, sondern bringt sie in Einfachheit und Wahrheit zum Ausdruck, wenn sie sich der Andersartigkeit des anderen öffnet. Wie mein Vorgänger, Papst Franziskus, sagte: »Der Dialog zwischen Menschen verschiedener Religionen findet nicht nur aus Diplomatie, Freundlichkeit oder Toleranz statt. […] Das Ziel ist, Freundschaft, Frieden […] zu begründen« (Enzyklika Fratelli tutti, 271). Vor ihm betrachtete der heilige Papst Johannes Paul II. den Dialog als ein dem Wesen des Menschen innewohnendes Erfordernis (vgl. Botschaft zum Weltfriedenstag, 1. Januar 2001, 10). Dieser ist nach Paul Ricœur der Weg, auf dem wir das Anderssein als eine Verheißung und nicht als eine Bedrohung erkennen; er ist eine Kunst der Begegnung, derer unsere Welt dringend bedarf und die das direkte Gegenteil von Aggressivität und Gewalt ist.
Sich auf den Namen Gottes zu berufen, um Gewalt oder Unterdrückung zu legitimieren, stellt in der Tat eine Entweihung dieses Namens dar. Nichts, was die Menschenwürde entstellt, kann sich auf wahre göttliche Eingebung berufen. Der religiöse Diskurs muss stets dazu aufrufen, die Herzen und die Worte zu entwaffnen. Dies bedeutet für uns, als Hüter unserer jeweiligen Traditionen, eine unmittelbare Verantwortung.
Wenn die Fruchtbarkeit religiöser Traditionen sich zum einen vor allem in ihrem Dienst am Frieden und an der Geschwisterlichkeit manifestiert, so drückt sie sich zum anderen auch in ihrer Fähigkeit aus, das Leben zu schützen, zu begleiten und ihm zu dienen. Die Größe einer Zivilisation misst sich nicht an ihren materiellen Errungenschaften, sondern daran, wie sie sich um den Menschen kümmert, ihn schützt und ihn fördert. Die Religionen sind Hüterinnen des Lebens: Sie bekräftigen dessen heiligen Wert. Ihre Fruchtbarkeit zeigt sich in der liebevollen Nähe zu den schutzbedürftigsten und schwächsten Menschen. Dem Leben zu dienen bedeutet, es mit Fürsorge, Nähe und Zärtlichkeit zu umgeben, vor allem in schwierigen Zeiten, bis zum Ende. Uns, die wir offen sind für das Transzendente, kommt die Aufgabe zu, insbesondere jungen Menschen feste Orientierungspunkte für den Aufbau einer Gemeinschaft zu bieten, die die Würde jedes Menschen achtet und zur Geltung bringt.
Liebe Freunde, »die Kirche betrachtet all jene, die aufrichtig nach Wahrheit, Güte und Schönheit suchen, als Weggefährten« (Enzyklika Magnifica humanitas, 23). Ich danke euch noch einmal für eure Nähe und eure Anwesenheit. Möge die unendliche Güte Gottes und seine Weisheit uns begleiten und uns lehren, immer mehr als seine Kinder und als Brüder und Schwestern zu leben. Mögen es uns so beschieden sein, dort, wo wir leben, Friedensstifter und Zeugen einer Hoffnung zu sein, die niemals aufhört, in unserer Welt zu wachsen und zu gedeihen.
Gott segne euch!
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