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APOSTOLISCHE REISE SEINER HEILIGKEIT PAPST LEO XIV.
NACH TÜRKIYE UND IN DEN LIBANON
MIT PILGERFAHRT NACH İZNIK (TÜRKIYE)
ANLÄSSLICH DER 1700-JAHR-FEIER DES ERSTEN KONZILS VON NIZÄA 
(27. November - 2. Dezember 2025)

BEGEGNUNG MIT DEM ÖKUMENISCHEN PATRIARCHEN BARTOLOMAIOS I.
UND UNTERZEICHNUNG EINER GEMEINSAMEN ERKLÄRUNG

im Patriarchatspalast (Istanbul)
Samstag, 29. November 2025

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GEMEINSAME ERKLÄRUNG
 

„Danket dem Herrn, denn er ist gut,
denn seine Huld währt ewig.“
Psalm 106 (105), 1

 

Am Vorabend des Festes des heiligen Andreas, des erstberufenen Apostels, des Bruders des Apostels Petrus und des Schutzpatrons des Ökumenischen Patriarchats, danken wir, Papst Leo XIV. und der Ökumenische Patriarch Bartholomäus, Gott, unserem barmherzigen Vater, von ganzem Herzen für das Geschenk dieser brüderlichen Begegnung. Dem Beispiel unserer verehrten Vorgänger folgend und dem Willen unseres Herrn Jesus Christus gehorchend, setzen wir unseren Weg des Dialogs in Liebe und Wahrheit (vgl. Eph 4,15) mit fester Entschlossenheit fort, um die erhoffte Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft zwischen unseren Schwesterkirchen zu erreichen. Im Bewusstsein, dass die Einheit der Christen nicht nur das Ergebnis menschlicher Bemühungen ist, sondern eine Gabe, die von oben kommt, laden wir alle Mitglieder unserer Kirchen – Kleriker, Ordensleute, Gottgeweihte und gläubige Laien – ein, ernsthaft nach der Erfüllung des Gebets zu streben, das Jesus Christus an den Vater gerichtet hat: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns eins sein, damit die Welt glaubt“ (Joh 17,21).

Das Gedenken zum 1700. Jahrestag des Ersten Ökumenischen Konzils von Nizäa, das am Vorabend unseres Treffens begangen wurde, war ein außergewöhnlicher Moment der Gnade. Das Konzil von Nizäa im Jahr 325 n. Chr. war ein providentielles Ereignis der Einheit. Die Feier dieses Ereignisses soll uns jedoch nicht nur an die historische Bedeutung des Konzils erinnern, sondern darüber hinaus anspornen, in der Auseinandersetzung mit den vielen Herausforderungen unserer Zeit weiterhin offen zu sein für denselben Heiligen Geist, der durch Nizäa gesprochen hat. Wir sind allen führenden Vertretern und Delegierten anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften, die bereit waren, an dieser Veranstaltung teilzunehmen, zutiefst dankbar. Neben der Anerkennung der Hindernisse, die die Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft aller Christen verhindern – Hindernisse, die wir auf dem Weg des theologischen Dialogs zu überwinden versuchen –, müssen wir ebenfalls anerkennen, dass uns der Glaube verbindet, der im Glaubensbekenntnis von Nizäa zum Ausdruck kommt. Dies ist der rettende Glaube an die Person des Sohnes Gottes, wahrer Gott vom wahren Gott, homoousios mit dem Vater, der für uns und zu unserem Heil Mensch geworden ist und unter uns gewohnt hat, gekreuzigt wurde, gestorben ist und begraben wurde, am dritten Tage auferstanden ist, in den Himmel aufgefahren ist und wiederkommen wird, um die Lebenden und die Toten zu richten. Durch das Kommen des Sohnes Gottes werden wir in das Geheimnis der Heiligen Dreifaltigkeit – Vater, Sohn und Heiliger Geist – eingeführt und eingeladen, in und durch die Person Christi Kinder des Vaters und Miterben Christi zu werden durch die Gnade des Heiligen Geistes. Mit diesem gemeinsamen Bekenntnis können wir uns unseren gemeinsamen Herausforderungen stellen, indem wir in gegenseitigem Respekt Zeugnis ablegen für den in Nizäa zum Ausdruck gebrachten Glauben und mit echter Hoffnung gemeinsam an konkreten Lösungen arbeiten.

Wir sind überzeugt, dass die Feier dieses bedeutenden Jubiläums zu neuen und mutigen Schritten auf dem Weg zur Einheit inspirieren kann. In seinen Beschlüssen legte das Erste Konzil von Nicäa auch die Kriterien für die Festlegung des für alle Christen gemeinsamen Ostertermins fest. Wir sind der göttlichen Vorsehung dankbar, dass in diesem Jahr die gesamte christliche Welt Ostern am selben Tag gefeiert hat. Es ist unser gemeinsamer Wunsch, den Prozess der Suche nach einer möglichen Lösung fortzusetzen, um jedes Jahr gemeinsam das Fest der Feste feiern zu können. Wir hoffen und beten, dass sich alle Christen „in aller Weisheit und geistlichen Einsicht” (Kol 1,9) dafür einsetzen, zu einer gemeinsamen Feier der glorreichen Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus zu gelangen.

In diesem Jahr gedenken wir auch des 60. Jahrtags der historischen Gemeinsamen Erklärung unserer verehrten Vorgänger, Papst Pauls VI. und des Ökumenischen Patriarchen Athenagoras, mit der die gegenseitige Exkommunikation von 1054 aufgehoben wurde. Wir danken Gott, dass diese prophetische Geste unsere Kirchen dazu veranlasst hat, „in einem Geist des Vertrauens, der Wertschätzung und der gegenseitigen Liebe den Dialog fortzusetzen, der mit Gottes Hilfe zu einem erneuten Zusammenleben führen wird, zum größeren Heil der Seelen und zum Kommen des Reiches Gottes in jener vollen Gemeinschaft des Glaubens, der brüderlichen Eintracht und des sakramentalen Lebens, die in den ersten tausend Jahren des Lebens der Kirche zwischen ihnen bestand“ (Gemeinsame Erklärung von Papst Paul VI. und dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras, 7. Dezember 1965). Zugleich ermahnen wir diejenigen, die noch zögern, sich auf irgendeine Form des Dialogs einzulassen, auf das zu hören, was der Geist den Kirchen sagt (vgl. Offb 2,29), der uns unter den gegenwärtigen Umständen der Geschichte dazu drängt, der Welt ein erneuertes Zeugnis des Friedens, der Versöhnung und der Einheit zu geben.

Überzeugt von der Wichtigkeit des Dialogs bekunden wir unsere weitere Unterstützung für die Arbeit der Gemeinsamen Internationalen Kommission für den theologischen Dialog zwischen der Römisch-katholischen Kirche und der Orthodoxen Kirche, der sich in seiner momentanen Phase mit Fragen befasst, die historisch gesehen als trennend galten. Neben der unersetzlichen Rolle, die der theologische Dialog im Prozess der Annäherung zwischen unseren Kirchen spielt, würdigen wir auch die anderen notwendigen Elemente dieses Prozesses wie brüderliche Kontakte, Gebet und Zusammenarbeit in allen Bereichen, in denen eine Kooperation bereits möglich ist. Wir fordern alle Gläubigen unserer Kirchen, insbesondere den Klerus und die Theologen, nachdrücklich auf, die bisher gewonnenen Früchte freudig anzunehmen und sich für deren weiteres Wachstum einzusetzen.

Das Ziel der Einheit der Christen beinhaltet auch das Bestreben, einen grundlegenden und lebensspendenden Beitrag zum Frieden unter allen Völkern zu leisten. Gemeinsam erheben wir unsere Stimmen in dem innigen Wunsch, dass Gott unserer Welt seinen Frieden schenken möge. Tragischerweise zerstören Konflikte und Gewalt in vielen Regionen unserer Welt weiterhin das Leben so vieler Menschen. Wir appellieren an diejenigen, die zivile und politische Verantwortung tragen, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um sicherzustellen, dass die Tragödie des Krieges unverzüglich ein Ende findet, und wir bitten alle Menschen guten Willens, sich dieser inständigen Bitte anzuschließen.

Insbesondere lehnen wir jede Benutzung der Religion und des Namens Gottes zur Rechtfertigung von Gewalt ab. Wir glauben, dass ein authentischer interreligiöser Dialog, der weit davon entfernt ist, Ursache für Synkretismus und Verwirrung zu sein, für das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Traditionen und Kulturen unerlässlich ist. Eingedenk des 60. Jahrtags der Erklärung Nostra aetate ermahnen wir alle Männer und Frauen guten Willens, gemeinsam für den Aufbau einer gerechteren und solidarischeren Welt einzutreten und für die Schöpfung Sorge zu tragen, die uns von Gott anvertraut ist. Nur so kann die Menschheitsfamilie Gleichgültigkeit, Herrschsucht, Profitgier und Fremdenfeindlichkeit überwinden.

Auch wenn wir angesichts der aktuellen internationalen Lage zutiefst beunruhigt sind, verlieren wir dennoch nicht die Hoffnung. Gott wird die Menschheit nicht allein lassen. Der Vater hat seinen eingeborenen Sohn gesandt, um uns zu erlösen, und der Sohn Gottes, unser Herr Jesus Christus, hat uns den Heiligen Geist verliehen, damit wir an seinem göttlichen Leben teilhaben und die Heiligkeit des Menschen bewahren und schützen können. Durch den Heiligen Geist wissen und erfahren wir, dass Gott mit uns ist. Aus diesem Grund vertrauen wir in unserem Gebet alle Menschen Gott an, insbesondere diejenigen, die in Not sind und unter Hunger, Einsamkeit oder Krankheit leiden. Wir erbitten für alle Mitglieder der Menschheitsfamilie alle Gnade und allen Segen, damit „sie getröstet werden, verbunden in der Liebe, um die tiefe und reiche Einsicht zu erlangen und das Geheimnis Gottes zu erkennen, das Christus ist“, unser Herr (Kol 2,2).

Aus dem Phanar, am 29. November 2025