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PÄPSTLICHES KOMITEE
FÜR DIE EUCHARISTISCHEN WELTKONGRESSE
Die Eucharistie:
Communio mit Christus und untereinander
Theologische und pastorale Überlegungen zur Vorbereitung auf den
50. Eucharistischen Weltkongress
Dublin, Irland
10. bis 17. Juni 2012
INHALTSVERZEICHNIS
Erster Teil:
Eine goldene Gelegenheit
I. Einleitung
a) Der fünfzigste Eucharistische
Weltkongress
b) Was bedeutet „Communio“?
c) Die Dringlichkeit des Themas
d) Die Eucharistie in Irland
e) Schwestern und Brüder in Christus
f) Ein Eucharistischer Kongress für
alle
II. Gemeinsam auf dem Weg zum Eucharistischen Kongress 2012
a) Zur Förderung der
Communio-Ekklesiologie und Communio-Spiritualität
b) Evangelisierung
c) Eine wegweisende Erzählung: Die
Jünger auf dem Weg nach Emmaus
Zweiter Teil:
Die Teile der Meßfeier, ein Leitfaden für das Kongressthema
III. Die Eröffnungsriten: Communio mit Christus in unserem Nächsten
a) Der gekreuzigte und auferstandene
Christus ruft uns zusammen
b) Bußakt und Tagesgebet – In
Solidarität miteinander
IV. Die Liturgie des Wortes: Communio mit Christus im Wort
a) Der zweifache Tisch des Wortes und
des Lebensbrotes
b) In der Kraft des Geistes macht uns
das Wort christusförmig und untereinander eins
c) Die Homilie, das
Glaubensbekenntnis und das Gebet der Gläubigen
V. Die eucharistische Liturgie: Communio mit Christus in der
Eucharistie
a) In Entsprechung zum Letzten
Abendmahl
b) Die Gabenbereitung: Zeichen der
Liebe, der Danksagung und der Communio
c) Das Eucharistische Hochgebet:
Gemeinschaftlicher Akt der Danksagung an den Vater
(1) Epiklese:
Zur Einheit zusammengeführt durch den Heiligen Geist
(2) Anamnese:
Ein gemeinschaftliches Gedenken
(3) Wandlung:
Jesus Christus ist wirklich, wahrhaft und wesenhaft gegenwärtig,
er verwandelt unsere Gemeinschaft
(4)
Opfermahl: Wir haben teil an der Opferhingabe Christi
VI. Die Kommunionriten: Wir sagen „Amen“ zu dem, was wir sind
a) Wir empfangen die heilige
Kommunion
b) Die Eucharistie macht uns eins
c) Geistliche Kommunion
VII. Die Abschlussriten: Wir sind eins, auf dass alle
eins seien
a) Die Entlassung
b) Von der Fußwaschung Jesu lernen
VIII. Schlusswort
a) Der fünfzigste Eucharistische Weltkongress
1. Im Juni 2012 wird in Dublin (Irland) der fünfzigste Eucharistische
Weltkongress stattfinden. Es ist ein glücklicher Zufall, dass wir im Jahr 2012
außerdem den fünfzigsten Jahrestag der Eröffnung des
Zweiten Vatikanischen
Konzils begehen. Das Leitwort des Eucharistischen Kongresses in Dublin „Die
Eucharistie – Communio mit Christus und untereinander“ greift den Gedanken der
Communio auf, der in der Vision des Konzils einen so zentralen Platz einnimmt.
2. Das
Zweite Vatikanische Konzil
kann man als ein pfingstliches Ereignis
beschreiben. Es bleibt ein sicherer Kompass, nach dem die Kirche auch heute
ihren Kurs ausrichten kann. In einer Zeit, in der die Menschheit in eine neue
Epoche ihrer Geschichte eingetreten ist mit neuen, rasch aufeinander folgenden
und tiefgreifenden Veränderungen[1],
war es ein vorrangiges Anliegen des Konzils bei all seinen Beratungen, wie die
Kirche Jesus Christus so verkünden kann, dass die Menschen unserer Zeit ihn
lebendig sehen und hören und ihm begegnen können. Auf der Suche nach einer
Antwort auf diese Frage hat das Konzil, vom Heiligen Geist geleitet, eine
Communio-Ekklesiologie entwickelt. Es ist deshalb höchst angemessen, dass der
Eucharistische Kongress, der in diesem goldenen Jubiläumsjahr nach der Eröffnung
des Konzils stattfindet, sich dem Thema der Communio widmet.
3. Der Kongress bietet uns so eine goldene Gelegenheit zu überdenken, inwieweit
diese Communio-Reform des Konzils bisher verwirklicht wurde, und zwar sowohl
innerkirchlich als auch in der Begegnung der Kirche mit allen Menschen, die
zusammen mit uns auf den Pfaden der Geschichte unterwegs sind. Der
Communio-Gedanke steht tatsächlich in enger Beziehung zur Evangelisierung, das
heißt zur Verkündigung der Frohen Botschaft von Jesus Christus, der unter uns
gegenwärtig bleiben will mit seiner Freude, seiner Freiheit, seiner Liebe und
seinem Frieden. Die zahlreichen Schwestern und Brüder im Glauben, die aus Asien
und Afrika, aus den beiden Amerikas, aus Ozeanien und auch aus Europa nach
Dublin kommen werden, bringen bei all ihren Verschiedenheiten die Einheit und
Gemeinschaft der Kirche zum Ausdruck und werden so unsere Beschäftigung mit
diesem Kongressthema bereichern.
4. Es ist achtzig Jahre her, seit zuletzt ein Eucharistischer Weltkongress in
Irland stattgefunden hat. Damals war der Anlass die 1500-Jahrfeier seit der
Ankunft des heiligen Patrick auf der irischen Insel und der Verbreitung der
Liebe zur Eucharistie durch die irischen Missionare. Dieser Kongress 1932 war in
mehrfacher Hinsicht bedeutsam. Obwohl er aus heutiger Sicht einen Hauch von
Triumphalismus zeigte, hat er doch wesentlich dazu beigetragen, die Wunden des
Bürgerkriegs zu heilen, der Irland wenige Jahre vorher zerrissen hatte[2].
Es hat sich allerdings auch herausgestellt, dass die enthusiastische Mischung
aus katholischem Überschwang und nationalem Stolz bei diesem Kongress
langfristig nicht ohne negative Auswirkungen geblieben ist. Irland hat in der
Zwischenzeit viele Umwälzungen erlebt. Der heutige Kontext unterscheidet sich
erheblich vom damaligen. Ebenso haben sich über die Jahre hin auch die
Eucharistischen Kongresse in ihrem Charakter, ihrer Zielsetzung und ihren
Ergebnissen gewandelt. Neuerdings sind Eucharistische Weltkongresse so etwas wie
ein Glaubensfest, das aus Vorträgen, Gottesdiensten, Konzerten, Arbeitsgruppen
und Ausstellungen besteht. Der Kongress 2012 wird also ganz anders aussehen als
der vor achtzig Jahren.
5. Die gegenwärtige Situation in Irland im Hinblick auf den Eucharistischen
Kongress ist gekennzeichnet von Licht und von Schatten. Wenn wir auf den Felsen
des Glaubens blicken, aus dem irische Frauen, Männer und Kinder der Kirche
gehauen sind (vgl. Jes 51,1), können wir auf der einen Seite immer noch Gott
danken für die großherzigen, ja oft heldenhaften Leistungen, die Iren für die
Kirche und für die Menschheit erbracht haben[3].
In jüngster Zeit war der Friedensprozess in Nordirland, bei dem auch die Kirchen
mitgewirkt haben, eine Erfolgsgeschichte. Im Vergleich zu 1932 kann Irland,
trotz der gegenwärtigen Finanzprobleme, mit Genugtuung auf einen enormen
sozio-ökonomischen Fortschritt auf der Insel blicken. Andererseits muss man am
Beginn dieser theologischen und pastoralen Ausführungen zugeben, dass die
katholische Kirche in Irland sich zurzeit auf einem Weg der Läuterung und
Erneuerung befindet und der Wiedergutmachung für den Missbrauch, den vor allem
Priester und Ordensleute an Kindern und jungen Menschen verübt haben. Wie die
Jünger auf dem Weg nach Emmaus fühlen sich die irischen Katholiken in vieler
Hinsicht verunsichert durch das, was da in ihrer Kirche geschehen ist. Der
Schrei der Opfer und Überlebenden des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker
durchbohrt Himmel und Erde und fordert radikale Zeichen der Umkehr.
6. Der Kongress im Jahr 2012 kann als ein „kairós“ im biblischen Sinn des Wortes
betrachtet werden, das heißt als eine günstige und außergewöhnliche Zeit, in der
durch das Eingreifen Gottes etwas Besonderes geschehen kann. Es ist eine
Gelegenheit für die Kirche in Irland und für die Weltkirche, neu auf das zu
hören, was der Heilige Geist durch das Zweite Vatikanische Konzil der Kirche
gesagt hat und sagt. In der Tat ist der Kongress eine gottgegebene Chance für
Menschen, in der Gemeinschaft mit Christus und untereinander zusammenzukommen,
um „die Wunden am Leib Christi zu betrachten“ und „an die manchmal schmerzhaften
Heilmittel [zu denken], die erforderlich sind, um diese Wunden zu versorgen und
zu heilen, und ebenfalls an die notwendige Einheit, Liebe und gegenseitige
Unterstützung in einem langwierigen Prozess der Wiederherstellung und
kirchlichen Erneuerung“[4].
Der Kongress kann auch so etwas wie eine „Statio“ sein, das heißt ein Innehalten
in Hingabe und Gebet auf dem Weg der Kirche, eine „Statio“, zu der die Kirche
von Irland die Kirche der ganzen Welt einlädt. So wird dieser Kongress zu einem
herausragenden Moment auf dem Pilgerweg der Kirche, da sie eingeladen wird, im
Sinne des Kongressthemas diesen besonderen Aspekt der Eucharistie, die Communio
mit Christus und untereinander, zu betrachten. Das werden wir tun, indem wir
Gottesdienste feiern, in aller Öffentlichkeit und geeint durch das Band der
Liebe. Dadurch dass der Kongress Pilger aus allen Teilen der Welt zusammenführt,
wird er für die Welt zu einem authentischen Zeichen der Communio im Glauben und
in der Liebe werden.
b) Was bedeutet „Communio“?
7. Am Beginn dieses Dokuments müssen wir zunächst klären, was mit dem Begriff
„Communio“ gemeint ist. Wir Katholiken kennen den Begriff „Kommunion“; wir sagen
„zur Kommunion gehen“ bzw. „die Kommunion empfangen“. Der theologische Begriff
„Communio“ (im Sinne des griechischen Wortes „koinonia“ im Neuen Testament) hat
jedoch eine umfassendere und weiter reichende Bedeutung.
8. Jesus verkündete das Reich Gottes. Er bezog das Wort des Propheten Jesaja auf
sich: Der Herr „hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht
bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das
Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze.“ (Lk 4,18 vgl. 4,21)
Durch seine Worte und Taten schuf Jesus eine messianische Gemeinschaft von
Jüngern, die die Erfahrung machten, dass dieses Reich Gottes in Jesus selbst zu
ihnen gekommen war. Die Mitglieder dieser Gemeinschaft waren auf eine neue Weise
untereinander verbunden, in einer Beziehung, die von Liebe, von Freiheit und
Wahrheit, von Gleichheit und Gegenseitigkeit gekennzeichnet war. Wer mit der
Leitung betraut war, sollte seine Verantwortung durch Dienen ausüben. Das vierte
Evangelium überliefert uns, dass Jesus am Abend vor seinem Tod das Gebet sprach,
in dem seine ganze Sendung zusammengefasst ist: „Alle sollen eins sein: Wie du,
Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die
Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ (Joh 17,21)
Das ist es, was diese neue Gemeinschaft ausmacht, Teilhabe am Leben Gottes,
nichts weniger als das.
9. Durch seinen Tod am Kreuz schien die messianische Sendung Jesu katastrophal
gescheitert zu sein. Und doch war das nicht das Ende der Geschichte. Der
auferstandene Christus besiegte den Tod. Wo die Sünde herrschte mit ihrem
Dunkel, ihrer Spaltung und ihrem Grauen, da wurde die Gnade übermächtig mit
ihrem Licht, ihrer Gemeinschaft und ihrer Freiheit (vgl. Röm 5,17-21). Der
gekreuzigte und auferstandene Christus führte seine Gemeinschaft ganz neu
zusammen. Die Bindungen, die sie zusammenhielten, vertieften sich. Er lebte und
baute seine Gemeinschaft auf durch die Verkündigung des Evangeliums, durch die
Feier der Sakramente, besonders der Eucharistie, durch den Dienst derer, die mit
Gemeindeaufgaben betraut waren, und durch die Liebe der Glieder der Kirche
untereinander: „Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der
Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten.“ (Apg 2,42) Es war
genau so wie zu der Zeit, als Jesus noch unter ihnen weilte, ja es war noch
stärker, die Jünger Christi waren nicht allein gelassen. Sie waren vereint in
der Gemeinschaft mit Jesus Christus und untereinander durch die Bande der
Einheit und besonders durch die Eucharistie.
10. Der Apostel Paulus hebt im Ersten Korintherbrief die Bedeutung der
Eucharistie als Gegenwart, Gemeinschaftsmahl und Opfer hervor (vgl. 1 Kor
10,16-22). Er schreibt dies an eine Gemeinde, in der es viele Gaben und Dienste,
aber auch ernsthafte Spaltungen gab. Der heilige Paulus wollte ihnen deutlich
machen, dass wir durch Eucharistie zu einer Gemeinschaft verbunden sind. Er
schreibt: „Ist der Kelch des Segens, über den wir den Segen sprechen, nicht
Teilhabe am Blut Christi? Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib
Christi? Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir
alle haben teil an dem einen Brot.“ (1 Kor 10,16-17) Für „Teilhabe“ verwendet
Paulus das Wort koinonia = communio. Durch den Empfang der Eucharistie werden
die vielen Glieder der Gemeinde eins, das heißt, sie haben auf eine so tiefe
Weise teil am Leib und Blut Christi, dass sie zusammen der Leib Christi werden.
Es ist also Jesus Christus selbst, der die unterschiedlichen Gaben und Dienste
auf die Einheit ausrichtet. Wir gehören nicht zu Christus wie Mitglieder einer
sozialen Gruppe oder einer Vereinigung, nein, durch die Eucharistie stehen wir
in einer tiefen, personalen Verbindung mit dem auferstandenen Christus und durch
ihn miteinander.
11. Der Apostel Paulus spürt, dass er der Gemeinde in Korinth vom Evangelium her
ganz neu verkünden muss, was Communio bedeutet. So überliefert er uns einen sehr
alten Bericht des Letzten Abendmahls (1 Kor 11,17-33), und er unterstreicht
damit, dass wir im Paschamysterium, das beim Letzten Abendmahl sakramental
vorweggenommen wurde, den genetischen Code für die Einheit, das heißt die
Communio der Kirche, finden. Es war ja die Selbsthingabe Jesu in seinem Leiden
und Tod, die die Menschheit erlöst hat, und Erlösung bedeutet Einheit mit
Christus und untereinander. Die Eucharistie befähigt uns und lädt uns ein, diese
Einheit im Leben zu verwirklichen. Daraus folgt Versöhnungsbereitschaft,
Toleranz und der Einsatz füreinander:
Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe: Jesus,
der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot, sprach das
Dankgebet, brach das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu
meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sprach: Dieser
Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus
trinkt, zu meinem Gedächtnis! Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem
Kelch trinkt, verkündet ihr den Tod des Herrn, bis er kommt. Wer also unwürdig
von dem Brot isst und aus dem Kelch des Herrn trinkt, macht sich schuldig am
Leib und am Blut des Herrn. Jeder soll sich selbst prüfen; erst dann soll er von
dem Brot essen und aus dem Kelch trinken. Denn wer davon isst und trinkt, ohne
zu bedenken, dass es der Leib des Herrn ist, der zieht sich das Gericht zu,
indem er isst und trinkt… Wenn ihr also zum Mahl zusammenkommt, meine Brüder,
wartet aufeinander! (1 Kor 23-29.33)
12. Nach der Überzeugung des heiligen Paulus hat die Eucharistie uns und unsere
Beziehung zueinander grundlegend verändert, sodass er entsetzt war, als er von
der Gleichgültigkeit erfuhr, die unter den Korinthern herrschte, von ihrer
Benachteiligung der Armen und ihrem Mangel an gegenseitiger Liebe. Er, der die
Korinthische Gemeinde gegründet hatte, ging sogar so weit zu sagen, sie hätten
sich selbst verurteilt, weil sie in ihrem Leben dem widersprächen, was sie in
der Feier der Eucharistie verkündeten. Die Eucharistie ist keine moralische
Pflicht; sie ist zu allererst eine Verwandlung, die Jesus Christus bewirkt. Es
ist unsere Würde, in eine Gemeinschaft, eine Communio in Christus, gerufen zu
sein und dies in unserem Leben zu bezeugen.
13. Wie wir am Beginn dieses Dokuments erwähnten, hat das
Zweite Vatikanische
Konzil unsere Aufmerksamkeit neu auf die Bedeutung der Gemeinschaft in Christus,
der Communio, gelenkt. Diese Communio derer, die an Christus glauben, gründet in
der Teilhabe an heiligen Gaben. Es ist die Teilhabe am Glauben, die Teilhabe an
den Sakramenten, die Teilhabe an den Charismen und vor allem die Teilhabe an der
Liebe. Die Communio drängt dazu, mit anderen zu teilen, und zwar sowohl
geistliche als auch materielle Güter. Und sie ist nicht begrenzt auf jene, die
mit uns auf dieser Erde leben, sie erstreckt sich auch auf jene, die uns
vorangegangen sind, und ganz besonders auf die Heiligen.
14. Die Communio war auch Thema im Dialog zwischen den Kirchen. Die
Anglikanisch/Römisch-Katholische Internationale Kommission (ARCIC) hat den
Begriff der Communio folgendermaßen umschrieben:
Einheit mit Gott in Christus Jesus durch den Geist ist das Herz der christlichen
koinonia. Der Ausdruck koinonia wird in verschiedenen neutestamentlichen
Zusammenhängen unterschiedlich verwandt; wir konzentrieren uns auf seine
Verwendung zur Bezeichnung einer Beziehung zwischen Personen, die sich aus ihrer
Teilhabe an ein und derselben Wirklichkeit ergibt (vgl. 1 Joh 1,3). Der Sohn
Gottes hat unsere menschliche Natur angenommen und uns seinen Geist gesandt;
dieser macht uns auf solch wahrhafte Weise zu Gliedern des Leibes Christi, dass
auch wir Gott anrufen können als „Abba, Vater“ (Röm 8,15; Gal 4,6). Indem wir
ferner teilhaben an demselben Heiligen Geist, durch den wir Glieder desselben
Leibes Christi werden und angenommene Kinder desselben Vaters, sind wir auch
miteinander in einer vollkommen neuen Beziehung verbunden. Koinonia miteinander
folgt aus unserer koinonia mit Gott in Christus. Dies ist das Geheimnis der
Kirche... Durch die Eucharistie werden alle Getauften in Gemeinschaft gebracht
mit der Quelle der koinonia. Er ist der Eine, der die Mauern, die die Menschheit
trennten, niedergerissen hat (Eph 2,14); er ist der Eine, der gestorben ist, um
alle Kinder Gottes, seines Vaters, zur Einheit zu versammeln (vgl. Joh 11,52;
17,20 ff.).[5]
15. Das Leben in der Communio hat für uns schon hier auf Erden in der oben
beschriebenen Weise begonnen, aber es wird erst zur Vollendung gelangen, wenn
der neue Himmel und die neue Erde verwirklicht sind, die Jesus Christus
verheißen hat. Die Eucharistie ist ein Vorgeschmack dieses neuen Himmels und
dieser neuen Erde, wo das Leben in der Communio ohne Ende sein wird. Die Heilige
Schrift schließt mit dem Ruf: Amen. Komm, Herr Jesus! (Offb 22,20). Die
Eucharistie möchte uns als Communio-Gemeinschaft auf diese Zukunft hin
ausrichten, nicht als Drohung, sondern als Einladung. In einer Welt, die sich
nur allzu leicht ausschließlich mit der Gegenwart beschäftigt, lädt die
Eucharistie uns ein, unser Herz zu öffnen für die von Gott verheißene Zukunft.
In der Eucharistie nehmen wir diese Zukunft in Worten und Handlungen vorweg,
sodass die künftige Communio jetzt schon in die Gegenwart hereinleuchtet und wir
einen lebendigen Vorgeschmack dessen haben, was wir einmal sein werden.
c) Die Dringlichkeit des Themas
16. Das Thema Communio spricht uns in unserer Identität und unserer Sendung ganz
besonders an in einer Zeit, die von tiefgreifenden Veränderungen in den Formen
der Kommunikation und der menschlichen Beziehungen geprägt ist. Je mehr die
traditionellen zwischenmenschlichen Netzwerke und sozialen Bindungen sich
auflösen, umso dringender ist es, neue Beziehungsmodelle auf regionaler,
nationaler und globaler Ebene zu finden. So muss auch die Kirche sich fragen,
wie sie ihr eigenes Gemeindeleben gestaltet.
17. Nach dem Plan Gottes soll die Kirche ein Zeichen und Werkzeug der
Vereinigung der Menschen mit Gott und untereinander sein[6].
So sagt der frühchristliche Kirchenschriftsteller Tertullian: „Ein Christ allein
ist kein Christ.“ In der Eucharistie entschlüsseln wir den genetischen Code der
Communio, die zutiefst die Identität der Kirche ausmacht. Indem wir darüber
nachdenken, was die eucharistische Communio bedeutet, stellen wir fest, wie sehr
die Zerrissenheit des Leibes Christi die Sendung der Kirche, das Evangelium zu
verkünden, herausfordert. Die Kirche braucht ja nicht zu hoffen, dass ihre
Stimme von der Gesellschaft gehört wird, wenn ihr eigenes Versagen auf dem
Gebiet der Einheit so offenkundig und für viele ein Ärgernis ist, zum Beispiel
Formen der Sektiererei, des Machtmissbrauchs, des Institutionenkults und der
Befangenheit in Vorurteilen. Dies alles fordert von uns ständige Achtsamkeit für
das, was Communio mit Christus und untereinander in allen Lebensbereichen
bedeutet. Vor allem müssen wir neue Wege finden, das Leben der Communio weiter
zu geben an die jungen Menschen in der westlichen Welt, wo vielfach sogar die
Plausibilität des Glaubens geleugnet wird. Mehr als je zuvor stehen wir vor der
Herausforderung, „die Kirche zum Haus und zur Schule der Gemeinschaft“ zu
machen, und zwar auch in Bezug auf die Reform kirchlicher Institutionen.[7]
Wir sollen eins sein, damit die Welt glaubt (vgl. Joh 17,21).
d) Die Eucharistie in Irland
Das Zweite Vatikanische Konzil beschreibt die Eucharistie als „Quelle und
Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“[8]
und sagt von ihr aus, dass sie „das Heilsgut der Kirche in seiner ganzen Fülle“[9]
enthält. Seit der Zeit des heiligen Patrick haben die Iren die Eucharistie hoch
geschätzt. Sie haben die Eucharistie in kleinen Insel-Kapellen, in
Mönchsgemeinden und in Kathedralen gefeiert und später, in Zeiten der
Verfolgung, auch auf Mess-Felsen. Zahlreiche literarische Schätze erinnern uns
an das Erbe ihrer Liebe zur Eucharistie.[10]
Der älteste lateinische eucharistische Hymnus ist der Hymnus Sancti venite
im Antiphonar von Bangor aus dem siebten Jahrhundert.[11]
Im berühmten Book of Kells findet sich eine reiche eucharistische
Bildwelt. In der jüngeren irischen Geschichte enthält die Darstellung der
Marienerscheinung von Knock ein eucharistisches Motiv.[12]
Der schon erwähnte Eucharistische Kongress von 1932 und auch der Papstbesuch
von 1979 geben Zeugnis von der großen Hochschätzung der Iren für die
Eucharistie. Die heilige Messe war von zentraler Bedeutung für die Tausenden von
irischen Missionaren, die den Glauben nach Afrika, Asien und Amerika gebracht
haben, wie auch für viele irische Auswanderer in zahlreichen Teilen der Welt.
Auch heute noch ist der Prozentsatz der sonntäglichen Messbesucher in Irland
einer der höchsten in Europa. Auch die Zahl derer, die täglich an der Messe
teilnehmen, ist beachtlich. Eucharistische Anbetung ist weit verbreitet. Der
Brauch, die Messe für jemand aufzuopfern wird nach wie vor gepflegt. In neuerer
Zeit wurden die eucharistischen Gottesdienste in Irland bereichert durch die
Anwesenheit von Migranten.
19. Die Hochschätzung, die die Iren der Eucharistie entgegenbringen, ist ein
Geschenk des Heiligen Geistes. Entfernt war sie vielleicht vorbereitet worden
von ihren Vorfahren, die – wie auch andere Völker – mächtige Zeichen ihrer Suche
nach dem Absoluten hinterlassen haben. So bringt zum Beispiel die Anlage des
steinzeitlichen Monuments von Newgrange im Tal des Boyne (erbaut ungefähr um
3200 v. Chr.) das Verlangen des Volkes zum Ausdruck, sich auf das einzustimmen,
was für sie das einzig Unvergängliche war, die jährliche Erneuerung der Erde
durch die Sonne. Was in Newgrange jedes Jahr zur Wintersonnenwende gefeiert
wurde, war in einem gewissen Sinn auf kosmischer Ebene eine – vielleicht vom
Heiligen Geist eingegebene – Intuition des christlichen Paschamysteriums, das
von Versöhnung, Frieden, Einheit mit Gott und untereinander spricht. Als die
Iren dem Evangelium Jesu Christi begegneten, entdeckten sie die Eucharistie als
den großen und wahren Schatz, der uns mit dem unvergänglichen Gott und
miteinander in Christus vereint, der das Alpha und das Omega der menschlichen
Geschichte ist (vgl. Offb. 1,8).
20. In neuerer Zeit hat sich allerdings in ihren Einstellungen zur Messfeier
einiges geändert. Viele sagen heute, die Messe sei für sie nicht Leben spendend
und habe kaum etwas mit ihrem Leben zu tun. Sie sei langweilig. Sie vermissten
das Geheimnisvolle in ihr. Viele suchen geistliche Erfüllung außerhalb der
eucharistischen Gemeinschaft einer Kirche. Die überdurchschnittliche Abwesenheit
junger Menschen in unseren Messfeiern ist Grund zu ernster Sorge. Mit dem
Rückgang der Priesterberufe könnte auch Irland bald vor dem gleichen Problem
stehen, von dem andere Länder betroffen sind, dass nämlich nicht mehr in jeder
Gemeinde jeden Sonntag eine Messfeier stattfinden kann.
21. Für diese Veränderungen in der Einstellung zur Messfeier gibt es natürlich
viele Gründe, nicht zuletzt eine Feier der Liturgie, die oft armselig ist und
nicht anspricht. Doch in einer Zeit, in der der Sinn für Gott bei vielen
Menschen wie eine untergehende Sonne schwindet, ist die Erneuerung der
Eucharistie als Mitte des christlichen Lebens zutiefst verknüpft mit der
Wiederentdeckung des Mensch gewordenen Gottes, des Gottes, der die Liebe ist,
des Gottes, der einer von uns geworden ist: „Denn wo zwei oder drei in meinem
Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,20)
22. Die Liturgiekonstitution des
Zweiten Vatikanischen Konzils wünscht, dass die
„volle und tätige Teilnahme des ganzen Volkes … bei der Erneuerung und Förderung
der heiligen Liturgie aufs stärkste zu beachten“ [13]
ist. Papst Benedikt hat davon gesprochen, welche Bedeutung die ars celebrandi
hat, die Kunst, Liturgie richtig zu feiern. Alle, die in der Feier eine
besondere Rolle haben, müssen sich gut auf ihren Dienst vorbereiten; das sind
vor allem die Priester, aber auch die Lektoren und Lektorinnen, die
Musiker/innen, die Kommunionhelfer/innen, die Fürbittensprecher/innen und auch
die Ministranten und Ministrantinnen sowie jene, die bei der Gabenprozession
mitwirken. Oft wird heute die Liturgie von einer Gruppe in der Pfarrei
vorbereitet. Dabei können Handreichungen, die die Messfeier erschließen,
behilflich sein. Besonders erwähnt seien hier die Grundordnung des Römischen
Messbuchs und die Pastorale Einführung in das Messlektionar. Niemand
ist allerdings bloßer Zuschauer in der Messe. Alle sind aufgerufen, aktiv
teilzunehmen, in das Mysterium der Eucharistie einzutreten, danach zu trachten,
einander zu lieben, aufmerksam und fromm mitzufeiern und sich innerlich mit dem
zu verbinden, was da geschieht. Ja, man könnte sagen, die tätige Teilnahme an
der Messe beginnt schon vor der Feier selbst. Unser Mühen um ein Leben nach dem
Evangelium in allen Bereichen unserer Existenz ist die beste Vorbereitung, um
sich auf das Mysterium der Eucharistie voll einzulassen.
23. Eine der Früchte des Zweiten Vatikanischen Konzils war das Römische Messbuch
von 1970. Zum Zeitpunkt des Eucharistischen Kongresses wird voraussichtlich die
Englische Übersetzung des Missale Romanum von 2008 veröffentlicht sein. Diese
neue Englische Übersetzung wurde nach den Normen erstellt, die in der für den
Römischen Ritus herausgegebenen Instruktion Liturgiam authenticam
festgelegt sind und die eine größere Treue zum lateinischen Originaltext
anmahnen.[14]
e) Schwestern und Brüder in Christus
24. Inspiriert von den Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils möchte der
Eucharistische Kongress 2012 Gelegenheit bieten, dass auch unsere Schwestern und
Brüder aus anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften die Einsichten und die
Weisheit ihrer kirchlichen Erfahrungen und Strukturen mit uns teilen.[15]
Vieles im Eucharistieverständnis haben wir gemeinsam. Unzweifelhaft verstehen
sich viele Kirchen und kirchliche Gemeinschaften als eucharistische
Gemeinschaften, die das Sakrament des Leibes und Blutes Christi feiern.
25. Der Lima-Text von 1982 Taufe, Eucharistie und Amt wurde von vielen
begrüßt, gerade weil er die gemeinsamen Lehren hervorhebt. Die zahllosen
bilateralen Dialoge über die Eucharistie, bei denen die katholische Kirche
beteiligt war, sind eine Bereicherung für uns alle. Sie helfen den Katholiken,
ihren Glauben tiefer zu verstehen.[16]
Es ist sehr zu wünschen, dass im Zusammenhang dieses Kongresses die zahlreichen
Dialog-Papiere gemeinsam studiert werden. Dazu gehören: Der Lima-Text Taufe,
Eucharistie und Amt (1982); das Dokument der Gemeinsamen Kommission für den
Theologischen Dialog zwischen der Römisch-katholischen Kirche und der Orthodoxen
Kirche Das Geheimnis der Kirche und der Eucharistie im Licht des Geheimnisses
der heiligen Dreifaltigkeit (1982); ARCIC, Eucharistic Doctrine
(1971), Eucharistic Doctrine, Elucidation (1979), Clarifications of
Certain Aspects of the Agreed Statements on Eucharist and Ministry (1994);
der Lutherisch-Katholische Dialog, Die Eucharistie (1978); der
reformiert-katholische Dialog, The Presence of Christ in Church and World
(1977). Die Eucharistie war auch Thema im Methodistisch-Katholischen Dialog, wie
z. B. in: The Dublin Report (1976) und The Grace Given You in Christ
(2006).
26. Dank der immer engeren Kontakte und der wechselseitigen Zusammenarbeit
wächst die Sehnsucht unter Christen, eines Tages die eine Eucharistie des Herrn
gemeinsam feiern zu können. Dennoch muss man sagen, dass trotz der vielen
reichen Früchte des Dialogs unsere Kirchen noch nicht an dem Punkt angekommen
sind, wo sie sich in voller Gemeinschaft um den gleichen eucharistischen Tisch
versammeln könnten. Deshalb erfahren Christen ihr getrennt Sein am
schmerzlichsten in der Feier der Eucharistie. Das Leiden an dieser Wunde müssen
wir zur Kenntnis nehmen. Im Lima-Dokument Taufe, Eucharistie und Amt, Nr.
26, wird dargelegt, welche Folgen sich aus dieser Tragödie für das
missionarische Zeugnis ergeben.
27. Das Zweite Vatikanische Konzil hat zwei grundlegende Prinzipien
herausgestellt, die für eine sakramentale Einheit wichtig sind. Das erste ist
das Zeugnis für die Einheit der Kirche, das zweite die Teilhabe an den
Gnadenmitteln. Das Zeugnis für die Einheit der Kirche erlaubt in der Regel nicht
eine Eucharistiegemeinschaft von Kirchenmitgliedern, die nicht in der vollen
Einheit mit der katholischen Kirche stehen. Aber um der Gnaden willen, die damit
verbunden sind, kann manchmal eine Ausnahme befürwortet werden. Es ist nicht
immer einfach, einen Weg zwischen diesen Prinzipien zu finden. Tatsächlich
ergänzen sie sich gegenseitig, und es müssen immer beide Prinzipien zusammen
betrachtet werden. In diesem Sinn hält es die katholische Kirche für möglich,
dass in bestimmten Situationen wegen eines objektiv ernsten und dringenden
geistlichen Bedürfnisses ein Mitglied einer anderen Kirche, das sich zum Glauben
der katholischen Kirche bezüglich der Eucharistie bekennt, die heilige Kommunion
in einer katholischen Kirche empfangen darf. Beispiele solcher Situationen (von
denen jede einzeln zu beurteilen ist) sind: die Zulassung zur Kommunion für ein
Elternteil eines Kindes, das innerhalb einer Messfeier die Taufe oder die
Firmung oder die erste heilige Kommunion empfängt; ein Elternteil oder die
Ehefrau von jemand, der die Priester- oder Diakonenweihe empfängt; die nächsten
Angehörigen eines Verstorbenen bei der Messfeier zum Begräbnis.
28. Während die volle Eucharistiegemeinschaft unter allen Christen noch nicht
möglich ist, sollten doch andere Ausdrucksformen der Communio gepflegt werden.[17]
Bei unserem Verlangen nach Einheit beginnen wir nicht bei Null. Wenn die
Eucharistie Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens ist, gibt es ein weites
Feld im Umkreis der Eucharistie, das wir alle bearbeiten können und sollen. Da
wir durch die Taufe in die eine Kirche Christi eingegliedert wurden (vgl. Gal
3,28; 1 Kor 12,13; Eph 4,4), gibt es viele Gegenwartsweisen Jesu Christi, die
wir hochschätzen und teilen und gemeinsam feiern und leben können. Unser
Taufglaube ist das Tor zu zahlreichen Formen der Interkommunion in einem
Lebens-Dialog, der die Grundlage für vielfältige Initiativen ist, vor allem in
der gemeinsamen Teilhabe am Wort Gottes, z. B. in ökumenischen Vespern, in
Friedensprojekten und Friedensgebeten, in ökumenischen Pilgerfahrten, in Werken
der Liebe und der Sorge für Randgruppen, in örtlichen Pastoralkonferenzen, in
Projekten der Evangelisierung sowie in Zusammenschlüssen in neuen und alten
geistlichen Gemeinschaften, in Klöstern, Ordensgemeinschaften und geistlichen
Bewegungen.
29. Es ist zu hoffen, dass der Eucharistische Kongress ein Forum gemeinsamen
Überlegens sein kann im Licht der vielen positiven Erfahrungen, die seit dem
Zweiten Vatikanischen Konzil gemacht wurden. Der Kongress sollte auch
Gelegenheit bieten, mit Dankbarkeit die wertvolle und oft pionierhafte Rolle von
konfessionsverschiedenen Ehen anzuerkennen, die in ihren Familien Gemeinschaft
mit Christus und miteinander unter Christen aus verschiedenen Kirchen aufbauen.
Beten wir gemeinsam für den Kongress, dass er uns helfe, ein intensiveres Leben
in Einheit und Liebe zu führen, um eintreten zu können in „jenen inneren Raum,
in dem Christus, die Quelle der Einheit der Kirche, mit der ganzen Kraft seines
Tröstergeistes wirksam tätig werden kann“[18].
f) Ein Eucharistischer Kongress für alle
30. Es wurde vorgeschlagen, den Satz „Here comes everybody“ (Jeder und jede
kommt und gehört dazu), der in einem der Werke von James Joyce vorkommt, in
gewisser Weise auf den Begriff der Katholizität anzuwenden. Da die Eucharistie
alles enthält, was Gott für die gesamte Menschheit in der Heilsgeschichte getan
hat und tun wird, deshalb muss ein Internationaler Eucharistische Kongress jeden
Menschen ansprechen, in der Gegenwart und in der Zukunft, ob sie getauft sind
oder nicht. Das Zweite Vatikanische Konzil lehrt uns: „Da nämlich Christus für
alle gestorben ist und da es in Wahrheit nur eine letzte Berufung des Menschen
gibt, die göttliche, müssen wir festhalten, dass der Heilige Geist allen die
Möglichkeit anbietet, diesem österlichen Geheimnis in einer Gott bekannten Weise
verbunden zu sein.“[19]
31. Es ist nicht zu leugnen, dass es für manche schwierig ist, eine Kirche auch
nur zu betreten, nach allem, was bekannt wurde über Vergehen von Priestern und
Ordensleuten und Unterlassungen von Vorgesetzten. Andere unterhalten aus
unterschiedlichen Gründen nur lose Kontakte zur Kirche oder wenden sich an sie
nur zu bestimmten Anlässen. Es ist aber zu hoffen, dass jene, die sich der
Kirche gegenüber entfremdet haben, eine Rückkehr in Erwägung ziehen und
anlässlich dieses Kongresses die Botschaft der Kirche in einem neuen Licht
sehen. Es ist zu hoffen, dass sie eine Gemeinschaft entdecken, die in den
vergangenen Jahren deutlicher ihre eigenen Fehler und ihr Versagen eingesehen
hat, und sich jetzt bemüht, im Geist der Buße und Versöhnung die Erinnerungen zu
heilen, und die neu damit beginnt, von der Leben spendenden Botschaft Jesu durch
Wort und Tat Zeugnis zu geben.
32. Ganz im Sinne dessen, was das
Zweite Vatikanische Konzil angeregt hat,
möchte die Kirche heute lernen von ihren Schwestern und Brüdern, mit denen sie
gemeinsam auf ihrer Pilgerschaft unterwegs ist.[20]
Jeder und jede kann einen Beitrag leisten zur Reform der Kirche gemäß den Worten
des Propheten Jesaja (43,19): „Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt
es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?“
33. Der Eucharistische Kongress ist mehr als nur das, was da im Juni 2012
stattfinden wird. Auch die Hinführung zu diesem Ereignis und die Umsetzung
danach sind wichtig und gehören dazu. Die Bemühungen um Heilung, Erneuerung und
Wiedergutmachung nach dem Ärgernis des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker
haben weiterhin Priorität. Wegweiser auf diesem Weg während der nächsten
eineinhalb Jahre sind die Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die
folgenden Punkte rund um die Leitmotive der Communio und der Evangelisierung
sind nur als Beispiele zu verstehen. Zu allererst will der Kongress als eine
Plattform für die Katholiken selbst dienen, die bereit sind, sich auf den Weg
der Neu-Evangelisierung zu begeben.
a) Zur Förderung der Communio-Ekklesiologie und Communio-Spiritualität
34. Das Leitmotiv des Kongresses kann zu zahlreichen Aktivitäten anregen. Doch
bevor wir konkrete Pläne machen, sollten wir eine Communio-Spiritualität
fördern, die in der Begegnung mit der Person Jesu Christi gründet. So schreibt
Papst Benedikt in seiner ersten Enzyklika
Deus caritas est
(Nr. 1): „Am
Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große
Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem
Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt.“ Im
Licht der um die Person Jesu Christi zentrierten Communio-Ekklesiologie des
Zweiten Vatikanischen Konzils kann man sagen, dass der Geist heute die ganze
Kirche in diese Richtung drängt, nämlich hin zu einer Communio-Spiritualität,
die Jesus Christus verkündet und zur Begegnung mit ihm hinführt.[21]
Es hat wohl noch nie ein Papst in einem kirchlichen Lehrschreiben an die ganze
Kirche eine so kraftvolle Beschreibung der Communio als geschwisterlicher Liebe
gewagt wie Papst Johannes Paul, wenn er die wesentlichen Merkmale einer
gemeinschaftlichen Spiritualität entfaltet, die einer jeden Berufung zugrunde
liegen.[22]
Diese Spiritualität muss geübt werden in den Beziehungen zwischen Bischöfen,
Priestern und Diakonen, zwischen Priestern und Laien, zwischen Klerikern und
Ordensleuten, zwischen Vereinigungen und kirchlichen Bewegungen.
35. Nach den Wortes des Papstes (in
Novo Millennio ineunte) bedeutet
Communio-Spiritualität zu allererst, „den Blick des Herzens auf das Geheimnis
der Dreifaltigkeit zu lenken, das in uns wohnt und dessen Licht auch auf dem
Angesicht der Brüder und Schwestern neben uns wahrgenommen werden muss“. Sie
bedeutet „die Fähigkeit, den Bruder und die Schwester im Glauben in der tiefen
Einheit des mystischen Leibes zu erkennen, d. h. es geht um ‚einen, der zu mir
gehört’.“ Der Papst fordert hier ein neues Denken und Fühlen, damit wir die
Freuden, Wünsche und Nöte der Brüder und Schwestern teilen können. Das bedeutet,
ihnen „echte, tiefe Freundschaft“ anzubieten.
36. Eine Communio-Spiritualität ist auch „die Fähigkeit, vor allem das Positive
im anderen zu sehen, um es als Gottesgeschenk anzunehmen und zu schätzen: nicht
nur ein Geschenk für den anderen, der es direkt empfangen hat, sondern auch ein
‚Geschenk für mich’.“ Communio-Spiritualität heißt nach Papst
Johannes Paul
II.
schließlich, „dem Bruder ‚Platz machen’ können, indem ‚einer des anderen Last
trägt’ (Gal 6,2) und den egoistischen Versuchungen widersteht, die uns dauernd
bedrohen und Rivalität, Karrierestreben, Misstrauen und Eifersüchteleien
erzeugen“.
37. Eindringlich beschließt der Papst seine Ausführungen über die
Communio-Spiritualität: „Machen wir uns keine Illusionen: Ohne diesen
geistlichen Weg würden die äußeren Mittel der Gemeinschaft recht wenig nützen.
Sie würden zu seelenlosen Apparaten werden, eher Masken der Gemeinschaft als
Möglichkeiten, dass diese sich ausdrücken und wachsen kann.“
38. Auf der Grundlage einer gelebten Communio-Spiritualität können und müssen
wir daran gehen, das, was mit Communio-Ekklesiologie gemeint ist, auf allen
Ebenen des kirchlichen Lebens umzusetzen. Daraus ergibt sich eine neue
Achtsamkeit auf das Wort Gottes, wie es vom Zweiten Vatikanischen Konzil
gewünscht wurde, ein stärkeres Gefühl der Mitverantwortung in der Hirtensorge,
eine vorrangige Liebe zu den armen und den jungen Menschen, eine
Wiederentdeckung der charismatischen Dimension der Kirche und größere
Hochschätzung für die synodale Dynamik im Leben der Kirche.
39. In der Zeit der Vorbereitung auf den Kongress können wir neu auf die
Bedeutung der Sonntagsmesse schauen, und zwar unter der Rücksicht der Communio
mit Christus und untereinander. Die Sonntagspflicht hat zu allererst mit uns
selbst zu tun, weil sie uns bewusst macht, dass wir Teil einer Gemeinschaft sind
und dass wir selbst und die Gemeinschaft Schaden leiden, wenn diese Tatsache
missachtet wird.
Das Apostolische Schreiben
Dies Domini (2. Juli 1989, deutsch in VAS
133) ist eine Fundgrube, wenn wir die vielfältigen Aspekte der Sonntagsmesse
ergründen möchten. Katechesen zu diesem Thema können hervorheben, dass die
Eucharistie das Mysterium Christi ist, der in der Communio der Kirche lebt und
wirkt. Solche Katechesen können auch die sozialen, kulturellen und ethischen
Seiten der Eucharistie herausarbeiten.
40. Die Familie spielt als „Hauskirche“ eine wichtige Rolle im Leben der Kirche.
Die gegenseitige Hingabe von Mann und Frau schafft eine neue Realität der
Communio, eines geteilten Lebens, das hinüberströmt in das Leben der
Gesellschaft und der Kirche. Die Kirche hat oft von der Eucharistie unter dem
Bild des Hochzeitsmahls gesprochen, bei dem Christus der Bräutigam ist und die
Kirche seine Braut.
Papst Benedikt schreibt im Nachsynodalen Apostolischen
Schreiben Sacramentum caritatis (Nr. 27, deutsch in VAS 177):
„Tatsächlich ist in der paulinischen Theologie die eheliche Liebe ein
sakramentales Zeichen der Liebe Christi zu seiner Kirche – einer Liebe, die
ihren Höhepunkt im Kreuz erreicht, das der Ausdruck seiner ‚Hochzeit’ mit der
Menschheit und zugleich der Ursprung und das Zentrum der Eucharistie ist. Darum
tut die Kirche all denen, die ihre Familie auf das Sakrament der Ehe gegründet
haben, eine besondere geistliche Nähe kund.“ Der Eucharistische Kongress 2012
stellt eine wertvolle Gelegenheit dar, um darüber nachzudenken, wie den Familien
in unserer Gesellschaft bei der Verwirklichung ihres Communio-Lebens geholfen
werden und was das Familienleben – in all seinen Dimensionen – zum
Communio-Leben der Kirche beitragen kann. In diesem Zusammenhang sollten auch
das Apostolische Schreiben Papst Johannes Pauls II.
Familiaris consortio
(1981, deutsch in VAS 33) und sein
Brief an die Frauen (1995, deutsch in VAS
122) beachtet werden.
41. Der Beitrag liebevoller Ehen und stabiler Familien für das Gemeinwohl ist
unermesslich. Umso schmerzlicher ist der Schaden, der durch zerbrochene Ehen und
zerrissene Familien angerichtet wird. Die Kirche möchte allen Gläubigen, die
sich in solch schwierigen Situationen befinden, die Hand ausstrecken und ihnen
helfen, ihre Entscheidung sorgfältig und klug zu treffen. Der Eucharistische
Weltkongress 2012 sollte bedenken, was in Nr. 29 von
Sacramentum caritatis
steht: „Die wiederverheirateten Geschiedenen gehören jedoch trotz ihrer
Situation weiter zur Kirche, die ihnen mit spezieller Aufmerksamkeit nachgeht,
in dem Wunsch, dass sie so weit als möglich einen christlichen Lebensstil
pflegen durch die Teilnahme an der heiligen Messe, wenn auch ohne
Kommunionempfang, das Hören des Wortes Gottes, die eucharistische Anbetung, das
Gebet, die Teilnahme am Gemeindeleben, das vertrauensvolle Gespräch mit einem
Priester oder einem geistlichen Führer, hingebungsvoll geübte Nächstenliebe,
Werke der Buße und den Einsatz in der Erziehung der Kinder.“
b) Evangelisierung
42. Die Kirche ist dazu da zu evangelisieren. Sie hat eine froh machende
Botschaft zu verkünden. Sie ist berufen, den Weg zum Glück und zu einem
erfüllten Leben zu weisen. Das Evangelium berichtet von einigen Griechen, die
während einer Wallfahrt zum Paschafest in Jerusalem zum Apostel Philippus kamen
und ihn baten „Wir möchten Jesus sehen“ (Joh 12,21). Auch heute gibt es viele
Menschen, die Jesus sehen möchten. Vielleicht mehr als früher erwarten sie von
den Christen nicht nur, dass sie von Jesus sprechen, sondern dass sie Jesus
zeigen.
43. Die Eucharistie zieht uns in eine Communio hinein, die wesentlich
missionarisch ist, evangelisierend. Wenn wir aus der Eucharistie leben, machen
wir Jesus Christus in unserem persönlichen und gemeinschaftlichen Leben
sichtbar. Communio und Evangelisierung gehören zusammen. Ein zeitgenössischer
Autor formuliert das so: „... es ist ja klar: Nur ein Gottesvolk, das sich zur
Einheit und Einmütigkeit hat sammeln lassen, könnte die Welt überzeugen“[23].
Es ist geschuldete Liebe, wenn wir, selbst verwandelt durch die Eucharistie,
hinausgehen, um die Welt um uns mit der Liebe zu verwandeln, die wir in der
Eucharistie erfahren haben. Wir tun das in der Überzeugung, dass wir das Werk
Jesu Christi fortsetzen, der alle Menschen zu einer Gemeinschaft zusammenführen
will. „Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch, damit auch
ihr Gemeinschaft mit uns habt.“ (1 Joh 1,3)
44. Der Eucharistische Weltkongress 2012 ist demnach eine Gelegenheit, gemeinsam
über die Konsequenzen nachzudenken, die sich aus der Eucharistie für die
Evangelisierung ergeben. Auf der Grundlage der missionarischen
Communio-Ekklesiologie des Konzils spricht man im Zusammenhang der Sendung der
Kirche, das Evangelium zu verkünden, oft von konzentrischen Kreisen des Dialogs[24].
Wir führen einen Dialog miteinander, mit unseren christlichen Schwestern und
Brüdern, mit den Schwestern und Brüdern anderer Religionen. Der Dialog erstreckt
sich auf alle Menschen guten Willens, ob sie eine religiöse Überzeugung haben
oder nicht, auf alle Menschen, die sich darum bemühen, an einer Welt zu bauen,
deren Grundlage die Würde der menschlichen Person und die Werte der
Gerechtigkeit und Freiheit, des Lebens und des Friedens, der Solidarität mit den
Ausgegrenzten, der Bildung und der Sorge für die Kranken und Notleidenden sind.
Wenn wir das festhalten, dann kann der Eucharistische Kongress eine Gelegenheit
für respektvolle Verkündigung, für Dialog, für Bibelteilen und Glaubenszeugnisse
werden. Das bedeutet auch, dass wir unsere Berufung erneuern, „jedem Rede und
Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15).
Dabei können wir uns auch inspirieren lassen vom Seligen John Henry Newman und
seinen scharfsinnigen Gedanken über das Verhältnis von Glaube und Vernunft.
45. Die Kirche lädt uns ein erfinderisch zu sein. Sie spricht von der
Notwendigkeit einer neuen Evangelisierung, die neu ist an Ressourcen, Methoden
und Ausdrucksformen. Der Eucharistische Kongress sollte auch die verschiedenen
Formen der eucharistischen Volksfrömmigkeit in diese neue Evangelisierung mit
einbeziehen.
46. Es erscheint angemessen, dass im Rahmen der Vorbereitung auf den Kongress
auch irgendeine Form von Schuldbekenntnis vor Gott und vor allen Menschen
stattfindet, ein Schuldbekenntnis für die Fehler und Vergehen, die von Gliedern
der Kirche begangen wurden. Die Läuterung des Gedächtnisses ist wesentlich für
die Communio und die Evangelisierung.
47. Das Mysterium der Eucharistie öffnet uns die Augen für die sozialen,
kulturellen und politischen Implikationen des Evangeliums. Die Eucharistie ist
eine „Schule tätiger Nächstenliebe“[25].
Denken wir an das, was die Selige Mutter Teresa von Calcutta gesagt hat: In der
Messe haben wir Jesus in der Gestalt von Brot, in den Slums sehen und berühren
wir ihn in gebrochenen Leibern und verlassenen Kindern. Echte Teilnahme an der
Messe wird uns veranlassen, unsere persönlichen, sozialen und institutionellen
Beziehungen zu allen unseren Mitmenschen zu überdenken. Der Eucharistische
Kongress 2012 kann die Gelegenheit bieten, im Licht der kirchlichen Soziallehre
darüber nachzudenken, wie die Eucharistie mit dem Einsatz der Kirche für
Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit zusammenhängt. Im Besonderen kann das
wirtschaftliche und politische Leben unter der Rücksicht der Communio im Licht
der Enzyklika Papst Benedikt XVI.
Caritas in Veritate (2009, deutsch in
VAS 186) untersucht werden.
48. Ein anderes Feld, das in der Zeit der Vorbereitung auf den Kongress in der
Logik der Communio mit Gewinn bearbeitet werden kann, ist unsere Verantwortung
für die Bewahrung der Schöpfung. Es ist eine Chance, über die Bedrohung unserer
Umwelt nachzudenken sowie über die christliche Hoffnung, die uns anspornt,
verantwortungsbewusst zum Schutz der Schöpfung beizutragen. Die Eucharistie hat
einen universellen und sozusagen kosmischen Charakter, „denn auch dann, wenn man
die Eucharistie auf dem kleinen Altar einer Dorfkirche feiert, feiert man sie
immer in einem gewissen Sinn auf dem Altar der Welt. Sie verbindet Himmel und
Erde. Sie umfasst und erfüllt alles Geschaffene.“[26]
49. Schließlich könnte der Eucharistische Weltkongress 2012 eine Gelegenheit
sein, über die ungeheuren Möglichkeiten nachzudenken, die uns die Massenmedien
und die Digitaltechnologie für den Aufbau einer weltweiten Menschheitsfamilie
bieten. Die Botschaft der Eucharistie eröffnet uns geistliche, theologische und
kulturelle Perspektiven für ein besseres Verständnis und eine sinnvollere
Nutzung der Massenmedien.
c) Eine wegweisende Erzählung: Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus
50. Die Erzählung von der Begegnung Jesu Christi mit den beiden Jüngern auf dem
Weg nach Emmaus (Lk 24,13-35) hat uns einiges zu sagen, wenn wir uns auf den
Kongress 2012 vorbereiten. Die Erzählung ist eine Metapher, die uns inspirieren
kann. Es ist ein Ereignis, das „unterwegs“ passiert. Zwei Jünger aus der
Gefolgschaft Jesu wandern zusammen und unterhalten sich über die schrecklichen
und rätselhaften Ereignisse, die in Jerusalem geschehen waren – die Kreuzigung
Jesu und die Entdeckung des leeren Grabes. Ein Fremder holt sie ein und wandert
mit ihnen. Trauer umfängt sie, und in ihrer Enttäuschung und ihrem schwankenden
Glauben sind sie unfähig zu erkennen, dass es der gekreuzigte und auferstandene
Jesus ist. Sie sind so in ihrem Schmerz gefangen, dass sie das Neue nicht zu
sehen vermögen. Doch der unbekannte Fremde beteiligt sich an ihrem Gespräch. Es
gleicht fast einer Osterpredigt, wie sie ihm die ganze Geschichte bis zur
Kreuzigung berichten. Das einzige, was fehlt, ist die Auferstehung. Jesu Tod
hatte ganz offensichtlich ihre Hoffnung auf Befreiung zerstört. Sie hatten
gehofft, dass mit ihm das Reich Gottes anbrechen werde mit all seinen
Auswirkungen auf die Beziehung zu Gott und untereinander in einer neuen
messianischen Gemeinschaft. Stattdessen waren es sogar einige ihrer eigenen
Anführer, die Jesus ausgeliefert hatten, damit er zum Tod verurteilt würde. Die
Jünger sind ganz durcheinander und tief betrübt. Die Dinge hatten sich nicht so
entwickelt, wie sie es gehofft hatten. Zwar hatten sie erste Gerüchte über das
leere Grab von den Frauen vernommen, die als erste die Auferstehung verkündeten,
aber das hatte in den beiden Männern nur ein ungläubiges Erstaunen
hervorgerufen.
51. An diesem Punkt beginnt Jesus, der die ganze Zeit aufmerksam zugehört hatte,
zu reden. Er selbst ist die Frohe Botschaft, die es zu erfahren gilt. Das erste,
was er tut, ist, die Schrift auszulegen, um ihnen zu helfen, das
Christusereignis zu verstehen. Er unterstreicht die wesentliche Bedingung, die
erfüllt werden muss, um in das neue Leben mit Gott einzutreten: Leiden und
Sterben wie Christus, um mit ihm zu neuem Leben zu erstehen. Die beiden Jünger
haben ihr Ziel erreicht, ihre Wanderung ist zu Ende. Die Nacht bricht an. Sie
drängen Jesus, bei ihnen zu bleiben. Können wir darin unsere Bitte an Jesus
erkennen, er möge doch bei uns bleiben, wenn die Nacht der Prüfung hereinbricht?
52. Jesus tut nun das, was in einem rituellen jüdischen Mahl üblich ist.
Christliche Leser erkennen darin die Sprache der Eucharistiefeier. Jesus ist
jetzt sozusagen das Haupt der Familie geworden und teilt seinen Tisch mit seinen
Jüngern. Das erinnert uns daran, dass die Gläubigen in der Eucharistiefeier
eingeladen sind, am himmlischen Festmahl teilzunehmen, an dessen Spitze der
auferstandene Christus selbst ist. Die beiden Jünger erfahren seine Gegenwart.
In der Eucharistie erkennen sie schließlich, wer da mit ihnen zusammen unterwegs
war. Aber kaum haben sie ihn erkannt, entschwindet er ihren Blicken. Seine
Gegenwart wird jetzt auf eine neue Weise anschaulich durch den Glauben. Sie wird
anschaulich in ihnen selbst, deren Augen durch die Schriften und die Eucharistie
geöffnet wurden. Jetzt setzen sie die Sendung Jesu fort und verkünden die Frohe
Botschaft. Jesus ist in ihnen und unter ihnen.
53. In seiner Erzählung von den Emmausjüngern hebt der Evangelist Lukas für uns
hervor, dass Jesus den Jüngern die Schriften aufgeschlossen hat, bevor ihnen die
Augen aufgingen – eine echte Vorbereitung auf die persönliche Begegnung mit ihm
im Glauben. Lukas macht uns auch aufmerksam, dass es der Heilige Geist war, der
ihnen das Herz in der Brust „brennen“ ließ (vgl. Lk 3,16), als Jesus zu ihnen
sprach, ihren Glauben weckte, sie in eine neue Beziehung zu sich, dem
auferstandenen Christus, versetzte und ihnen die Kraft zum Zeugnis gab. Die zwei
Jünger brechen sofort auf, so wird berichtet, und kehren nach Jerusalem zurück,
obwohl es schon spät ist. Offensichtlich ist es wichtig, zu jener Gemeinschaft
zurückzukehren, die in Jesus Christus der Kern der frühen Kirche ist. Dort hören
sie die Verkündigung der Elf: „Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem
Simon erschienen“, das heißt dem Petrus. Das Zeugnis des Petrus und das der von
Jesus berufenen Apostel wird maßgeblich sein für den Glauben an die Auferstehung
Jesu. Aber die beiden Jünger gehen nach Jerusalem, um auch ihrerseits die frohe
Kunde zu bringen. Sie erzählen ihre Geschichte, das, was sich auf dem Weg
ereignete, wie ein Fremder ihnen die Schrift erschloss und wie sie beim Brechen
des Brotes den auferstandenen Christus erkannten. Die Botschaft ist deutlich.
Für die christliche Gemeinde sind Schrift und Eucharistie die Hauptquellen der
Begegnung mit dem auferstandenen Christus, der uns zu einer Gemeinschaft
miteinander aufbaut und jeden von uns als einen anderen Christus aussendet, um
das Evangelium zu verkünden.
54. Im zweiten Teil dieses Dokuments werden wir das Kongressthema näher
betrachten. Keine noch so gute Synthese könnte den ganzen Bedeutungs- und
Beziehungsreichtum der Eucharistie erschöpfend darstellen. Der Katechismus
der Katholischen Kirche sagt: „Die Teilnahme am
göttlichen Leben und die Einheit
des Volkes Gottes machen die
Kirche zur Kirche; beide
werden durch die Eucharistie sinnvoll
bezeichnet und wunderbar bewirkt.“[27]
In der Antiphon O Sacrum Convivium[28]
hat uns der heilige Thomas von Aquin eine wunderbare Zusammenfassung der
Eucharistie geschenkt: „O heiliges Mahl, in dem Christus unsere Speise ist:
Gedächtnis seines Leidens, Fülle der Gnade, Unterpfand der künftigen
Herrlichkeit.“
55. Die Messe ist die heilige Handlung, von der der heilige Augustinus sagt, sie
sei der ganze Christus, das heißt Jesus Christus und sein Leib, die Kirche.
Jesus Christus ist der eigentliche Vorsteher in der Eucharistie. Er ist es, der
uns zuerst liebt, indem er uns zusammenruft, zu uns spricht, unsere Gebete
annimmt und in der Kraft des Geistes sich dem Vater zu unserem Heil opfert. Er
ist es, der uns mit dem Brot vom Himmel nährt, dem Brot des Lebens, dem wahren
Brot. Die Eucharistie richtet uns aus auf die Wiederkunft Christi in
Herrlichkeit. Die Kirche ist ganz und gar angewiesen auf dieses Handeln Christi.
Das Volk Gottes betet und bringt sich selbst dem Vater dar durch Christus, mit
Christus und in Christus in der Einheit des Heiligen Geistes. Jede Gemeinschaft,
die zur Feier der Messe zusammenkommt, und sei sie noch so klein, stellt in
dieser großen eucharistischen Handlung die universelle Kirche dar. Deshalb ist
die Messe ein öffentlicher Akt und keine private oder individuelle
Angelegenheit.[29]
56. Um das Kongressthema im Blick zu behalten, werden wir in diesem zweiten Teil
dieses Dokuments dem Verlauf der Eucharistiefeier folgen. Wenn wir die Teile und
Texte der Messe aufmerksam studieren, eröffnet sich uns der ganze geistliche
Schatz der Kirche. Die Messe selbst mit ihren Elementen ist ein Leitfaden zum
Verständnis des Themas des Eucharistischen Weltkongresses 2012. Wir stellen
fest, dass drei Dimensionen der Communio ineinander verwoben sind, die Communio
mit Christus in unserem Nächsten, die Communio mit Christus in seinem Wort und
die Communio mit Christus in den sakramentalen Zeichen von Brot und Wein. Ein
Abschnitt aus der Emmauserzählung wird jeweils am Beginn unserer Betrachtungen
stehen.
Am gleichen Tag waren zwei von den Jüngern auf dem Weg in ein Dorf namens
Emmaus ... Während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus hinzu
und ging mit ihnen. ... So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren.
Jesus tat, als wolle er weitergehen, aber sie drängten ihn und sagten: Bleib
doch bei uns; denn es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt. Da ging
er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben. (Lk 24,13.15.28-29)
a) Der gekreuzigte und auferstandene Christus ruft uns zusammen
57. Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus bitten Jesus, bei ihnen zu bleiben.
Dadurch wurde er sozusagen das Familienoberhaupt, und er versammelte sie zum
eucharistischen Mahl. Jede Messfeier beginnt damit, dass Menschen sich an einem
Ort versammeln, zusammengerufen von Jesus Christus selbst.
58. Wenn wir so zusammenkommen, ist es die Kirche, die sich an diesem Ort
versammelt. Paulus verwendet an der Stelle, wo er über die Teilnahme am
Herrenmahl schreibt („wenn ihr als Gemeinde zusammenkommt“, 1 Kor 11,18), einen
Ausdruck, in dem das griechische Wort für Kirche (ekklēsía) vorkommt, dem
das hebräische Wort für die Versammlung des Volkes Gottes (qahal)
entspricht. Jesus Christus, der immer seiner Kirche vorangeht und der der
unsichtbare, aber eigentliche Vorsteher bei der Messfeier ist, versammelt sein
priesterliches Volk um sich (vgl. 1 Petr 2,9). Er ist der Bräutigam seines ihm
anverlobten Volkes, der Kirche. Er lädt uns ein, immer wieder neu an dem
Gedächtnismahl teilzunehmen, in dem seine einmalige Heilstat real gegenwärtig
wird. In unseren Gesängen bei der Messfeier vereinigen sich unsere vielen
Stimmen zu einer einzigen und machen so deutlich, dass wir das eine Volk Gottes
sind, ein Herz und eine Seele, zur Ehre Gottes.
59. Dass wir zur Messfeier zusammenkommen, ist so selbstverständlich, dass wir
die tiefere Bedeutung dieser Versammlung leicht übersehen könnten. Doch in einer
Zeit, in der – besonders in der Anonymität unserer Großstädte – unsere Kontakte
mit anderen mehr über das Fernsehen, das Internet und den Mobilfunk erfolgen als
im Gegenüber von Person zu Person, tut es uns gut, dieses so selbstverständliche
und doch so bedeutungsvolle Wesensmerkmal der Messfeier neu zu entdecken: Sie
führt Menschen zusammen, Menschen verschiedenen Alters, mit unterschiedlichen
sozialen Hintergründen und Interessen. Eine der ältesten Bezeichnungen für die
Eucharistiefeier ist denn auch Zusammenkunft, sýnaxis, Versammlung.
60. Der Beginn der Messfeier ist gekennzeichnet durch eine Prozession, den
Einzug. In Prozessionen, ob sie nun kürzer oder länger sind, kommt der
Wegcharakter unseres Lebens zum Ausdruck. Wir befinden uns alle gemeinsam auf
einer Pilgerreise. Das Volk Israel wanderte durch die Wüste in das gelobte Land
„auf Adlerflügeln getragen“ (Ex 19,4) und geführt von Mose, Josua und anderen.
Gott nährte sie mit dem Manna als Nahrung für diese Reise. Auch Jesus sammelte
seine Jünger um sich und zog zusammen mit ihnen hinauf nach Jerusalem. In einem
tieferen Sinn sprach Jesus von seinem Hinübergang aus dieser Welt zu dem, den er
„Abba“, Vater, nannte. Wie wir am Beispiel der beiden Jünger auf dem Weg nach
Emmaus sehen, versammelte der gekreuzigte und auferstandene Christus nach seinem
Tod und seiner Auferstehung seine messianische Gemeinde, die nach dem
scheinbaren totalen Scheitern seiner Mission versprengt war. Er verwandelte
seine Jünger, sodass sie Zeugen der Botschaft wurden, die dann „der (neue) Weg“
genannt wurde. Wir erinnern uns, dass Jesus von sich selbst gesagt hatte: „Ich
bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). In jeder Messfeier
versammelt Jesus Christus dieses sein Volk, um das große Gedächtnis seines
Leidens, seines Todes und seiner Auferstehung zu feiern. Dieses Gedächtnis
verbindet uns zu einer Gemeinschaft und lässt uns Anteil haben am Sieg unseres
Hauptes, dem neuen Josua, der uns auf unserer Pilgerschaft anführt in das neue
gelobte Land der Communio mit Christus und untereinander.
61. Ganz am Anfang der Messe, wenn der Bischof oder der Priester, „in persona
Christi“ handelnd, sagt: „Der Herr sei mit euch“ und die Gemeinde antwortet „Und
mit deinem Geiste“, erkennen wir jedes Mal die geheimnisvolle Wirklichkeit, dass
Jesus unter uns gegenwärtig ist und unsere Sehnsucht nach Gemeinschaft mit ihm
überreichlich erfüllt. Er hat versprochen: „Wo zwei oder drei in meinem Namen
versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,20) Aber, wenn wir
sagen: Jesus ist mitten unter uns, dann heißt das auch, dass er wünscht, dass
wir dort sind, wo er ist, im innersten Herzen Gottes.
62. Am Beginn der Messe, wenn wir das Kreuzzeichen über uns machen, werden wir
daran erinnert, dass wir uns nicht einfach in irgendeiner Kirche befinden, um
einen fernen Gott zu verehren. Nein, wir sind nicht fern von Gott, vielmehr kam
Gott uns in Jesus Christus nahe. Als getaufte Glaubende haben wir Anteil am
Leben Gottes, wir haben Anteil an der innigsten Communio, die in Gott selbst
zwischen Vater, Sohn und Geist besteht. Jesus steht als unser Hoherpriester und
Vorbeter vor dem Thron der Gnade und tritt für uns ein. Durch das liturgische
Zeichen des Kreuzes treten wir ein in eine Dynamik der Liebe, die uns in Jesus
Christus erfasst, uns im Heiligen Geist zum Vater zieht und uns die Augen öffnet
für unsere Brüder und Schwestern in der Gemeinschaft des Glaubens. Ja, wir
befinden uns in einem Gebäude, das man Kirche nennt, aber zugleich und in
Wirklichkeit befinden wir uns in einem heiligen Raum, den der Heilige Geist für
uns geöffnet hat. In diesem geisterfüllten Raum des dreieinen Gottes, der die
Liebe ist (vgl. 1 Joh 4,8), werden wir eingeladen, jeden unserer Nachbarn als
Schwester oder Bruder zu erkennen, mit denen wir verbunden sind, weil
Jesus Christus für jede und jeden von ihnen gestorben ist (vgl. 1 Kor 8,11).
b) Bußakt und Tagesgebet – In Solidarität miteinander
63. Unmittelbar nach der Zusage am Beginn der Messe, dass „der Herr mit uns“
ist, und im Bewusstsein der Größe des Geschehens, das wir feiern dürfen, und
bevor wir das Wort Gottes hören, wird uns Gelegenheit gegeben innezuhalten,
unsere Sünden zu bekennen und Gottes heilende Vergebung zu empfangen. Nur Gott
kann Sünden vergeben. Doch im vierten Evangelium lesen wir, wie Jesus am Abend
des ersten Tags der Woche den elf Aposteln die Macht gab, Sünden zu vergeben
(Joh 20,21-23). Er hauchte sie dabei an, ein Zeichen des Heiligen Geistes, den
er ihnen dazu verlieh. Die zur Messfeier versammelten Gläubigen bedürfen der
Vergebung nicht nur als je Einzelne, sondern als eine Gemeinschaft, die
solidarisch ist. Wir bitten um Vergebung im Vertrauen auf Maria, die Engel und
Heiligen und auf alle Brüder und Schwestern. Und wir machen uns neu auf den Weg,
der in der Taufe begonnen hat, den Weg der Liebe zu Gott und zum Nächsten aus
ganzem Herzen und ganzer Seele. Das Taufgedächtnis und das Besprengen mit
geweihtem Wasser am Beginn der Messe kann diese Verbindung zwischen unserer
Taufe und unserer Teilnahme an der Eucharistie unterstreichen. Im Gesang des
Gloria preisen wir Gott für alle seine guten Gaben, an erster Stelle für das
Geschenk seines Sohnes.
64. Der Priester lädt uns ein: „Lasset uns beten“, bevor er das Tagesgebet
spricht und damit den Eröffnungsteil der Messe beschließt. Er lädt uns ein, in
Stille zu beten. Dann sammelt er alle Anliegen und Gebete, die wir in unseren
Herzen tragen, und bringt sie im Kollektengebet der Kirche, dem Tagesgebet, vor
Gott, den Vater, durch Christus, im Heiligen Geist. Ausgerüstet mit Glauben,
Hoffnung und Liebe sind wir berufen, unser Leben in ein bedingungsloses Ja zu
Gott zu verwandeln durch tätige Nächstenliebe und tägliches Gebet. Das wird
jedes Mal nachdrücklich bekräftigt, wenn wir in der Messfeier unser Leben vor
Gott tragen, unser persönliches Leben und das unserer Familie und auch die
Freuden und Schmerzen, die Hoffnungen und Sehnsüchte der ganzen Kirche und aller
Menschen. Wir brauchen diesen Augenblick stillen Gebets am Beginn der Messe,
wenn wir an all das Gute denken, das wir Gott verdanken, und ihn um seine
bleibende Hilfe bitten. Das Tagesgebet greift dann oft Aussagen des
Festgeheimnisses oder der Kirchenjahreszeit auf.
Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der
gesamten Schrift über ihn geschrieben steht… Und sie sagten zueinander: Brannte
uns nicht das Herz in der Brust, als er unterwegs mit uns redete und uns den
Sinn der Schrift erschloss? (Lk 24,27.32)
a) Der zweifache Tisch des Wortes und des Lebensbrotes
65. In der Emmauserzählung tadelt der auferstandene Jesus die zwei Jünger, weil
sie ihren Glauben zu wenig aus der Heiligen Schrift nähren: „Begreift ihr denn
nicht? Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt
haben.“ (Lk 24,25) Bevor er ihre Augen öffnet, sodass sie ihn beim
Brotbrechen erkennen, erschließt Jesus ihnen die Schriften und legt sie ihnen
aus. Die Begegnung mit Jesus in der Heiligen Schrift ist eng verbunden mit ihrer
persönlichen Begegnung mit ihm im Glauben und im Brechen des Brotes. Das sechste
Kapitel des Johannesevangeliums macht ebenfalls deutlich, dass wir das Brot des
Lebens nur empfangen können, wenn wir auf das Wort Jesus Christi hören, daran
glauben und daraus leben.
66. Die Geschichte des Volkes Israel ist die Geschichte eines Volkes, das auf
eindrucksvolle Weise vom Wort Gottes geleitet wird. Die Welt wurde geschaffen
durch das Wort. Die Propheten verkündeten das Wort des Herrn. Dem Wort Gottes
eignet nahezu eine personale Gegenwart. Das Volk Israel machte diese Erfahrung:
„Wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt,
sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, … so ist es auch
mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück,
sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt
habe.“ (Jes 55,10 f.) Auch in den Schriften des Apostels Paulus wird das
Wort Gottes als etwas Lebendiges und Aktives dargestellt. Er vertraute die
Ältesten in Ephesus dem Wort Gottes an, das die Kraft hat aufzubauen (Apg
20,32). Im Prolog des vierten Evangeliums lesen wir, dass alles, was Gott im
Alten Testament gewirkt hat, in Jesus seine Erfüllung findet. Jesus ist das
Fleisch gewordene Wort, er hat unter uns gewohnt (Joh 1,14). Es besteht ein
enges Band zwischen Jesus, dem Wort, das vom Himmel herabgekommen ist, seinem
Leben spendenden Wort in den Heiligen Schriften und dem Brot des Lebens, das er
uns als geistliche Nahrung schenkt. Der Anfang des Ersten Johannesbriefs
beschreibt das, was die Apostel gehört, gesehen, geschaut und verkündet haben,
als das Wort des Lebens.
67. In Übereinstimmung mit der Tradition bis in die frühe Zeit der Kirche, wird
in jeder Messfeier aus der Heiligen Schrift gelesen. In einer Schrift um 150 n.
Chr. beschreibt der heilige Justin die Messe auf eine Weise, dass wir darin
unschwer unsere heutige Messfeier erkennen können. Er liefert die Grundstruktur
der Feier der Eucharistie, die bis zum heutigen Tag die gleiche geblieben ist.
Er berichtet: „An dem Tag, den man Sonntag nennt, findet eine Versammlung aller
statt ...; dabei werden die Denkwürdigkeiten der Apostel oder die Schriften der
Propheten vorgelesen, solange es angeht. Hat der Vorleser aufgehört, so gibt der
Vorsteher in einer Ansprache eine Ermahnung und Aufforderung zur Nachahmung all
dieses Guten.“[30]
68. Indem sie die Gegenwart Christi in seinem Wort bekennen, ziehen viele
patristische und konziliare Texte eine Parallele zwischen der Eucharistie und
der Wortverkündigung. Ignatius von Antiochien bekennt, dass er „zum Evangelium
als dem Fleisch Jesu“ Zuflucht nahm.“[31]
Caesarius von Arles schreibt: „Sagt mir, Brüder und Schwestern, was denkt ihr
ist wichtiger, das Wort Gottes oder der Leib Christi? Wenn ihr richtig antworten
wollte, müsst ihr ohne Zweifel sagen, das Wort Gottes ist nicht weniger als der
Leib Christi. Wenn wir also sehr achtsam sind, dass nichts von unseren Händen
auf den Boden fällt, wenn man uns den Leib Christi reicht, müssten wir dann
nicht die gleiche Sorgfalt walten lassen, dass vom Wort Gottes, das man uns
reicht und anbietet, nichts unserem Herzen verloren geht? Das wäre aber der
Fall, wenn unsere Gedanken woanders sind. Es ist nicht weniger schuldhaft,
nachlässig auf das Wort Gottes zu hören, als den Leib Christi auf den Boden
fallen zu lassen.“[32]
Auch der heilige Hieronymus vergleicht den Leib und das Blut des Herrn mit der
Kenntnis der Schriften: „Gewiss, da der Leib des Herrn wahre Speise ist und sein
Blut wahrer Trank, … haben wir in unserem irdischen Leben in der Welt den
Vorteil, nicht nur im Sakrament sein Fleisch essen und sein Blut trinken zu
können, sondern auch im Lesen der Schriften. Die wahre Speise und der wahre
Trank, die uns das Wort Gottes bietet, ist die Kenntnis der Schriften.“[33]
Und wir erinnern uns auch an das berühmte Wort des heiligen Hieronymus:
„Unkenntnis der Schriften ist Unkenntnis Christi.“[34]
Das Zweite Vatikanische Konzil hat viel Wichtiges über die Bedeutung des Wortes
Gottes gesagt.[35]
Es war eines der großen Verdienste des Konzils zu fordern: „Auf dass den
Gläubigen der Tisch des Gotteswortes reicher bereitet werde, soll die
Schatzkammer der Bibel weiter aufgetan werden, so dass innerhalb einer
bestimmten Anzahl von Jahren die wichtigsten Teile der Heiligen Schrift dem Volk
vorgetragen werden.“[36]
69. Um die enge Beziehung zwischen der Liturgie des Wortes und der
eucharistischen Liturgie deutlich zu machen, verwendet die Grundordnung des
Römischen Messbuchs dieses Bild der beiden Tische, um die wir uns
versammeln, der Tisch des Wortes und der Tisch des Leibes Christi: „Die heilige
Messe besteht gewissermaßen aus zwei Teilen, der Liturgie des Wortes und der
Eucharistischen Liturgie, die jedoch so eng miteinander verbunden sind, dass sie
eine gottesdienstliche Einheit bilden. Denn in der Messe wird der Tisch sowohl
des Gotteswortes als auch des Herrenleibes bereitet. Von dort sollen die
Gläubigen Belehrung und Nahrung empfangen.“[37]
70. Der Hauptteil der Liturgie des Wortes besteht aus den Schriftlesungen und
einem Psalm zwischen den Lesungen. Die Homilie, das Glaubensbekenntnis und das
Allgemeine Gebet oder Gebet der Gläubigen schließt sich daran an und bildet den
Abschluss. Das sind zugegebenermaßen viele Worte, die hier gesprochen und gehört
werden, und bei der Flut von Worten in unserer heutigen Welt kann es leicht
geschehen, dass wir ihrer überdrüssig werden und gegenüber ihrer Wirkung
abstumpfen. Und doch haben wir alle schon einmal die Erfahrung gemacht, dass ein
richtiges Wort zur rechten Zeit gesagt für uns eine große Hilfe war. Worte
können trösten und ermutigen, sie können Freundschaft stiften und erneuern, sie
können Liebe bekunden oder einen Entschluss bekräftigen. Worte vermitteln mehr
als nur Informationen. Sie sind das Medium für zwischenmenschliche Beziehungen.
Um wie viel mehr gilt dies für Jesus Christus, der zu uns spricht und
gegenwärtig ist in seinem Wort, das in der Kirche verkündet wird, dem Wort das
die Gemeinschaft der Kirche, die Communio aufbaut.[38]
b) In der Kraft des Geistes macht uns das Wort christusförmig und untereinander
eins
71. Die große Bedeutung der Liturgie des Wortes liegt darin, dass die
versammelte Gemeinde darin auf vielfältige und wirkmächtige Weise Jesus Christus
in seinem Wort begegnen kann und so in der Communio mit ihm und untereinander
wächst. Dies geschieht in der Kraft des Heiligen Geistes. So lesen wir in der
Pastoralen Einführung in das Messlektionar: „Das im Gottesdienst fortwährend
verkündete Wort Gottes ist durch die Kraft des Heiligen Geistes immer lebendig
und wirksam und bezeugt so die immer tätige Liebe des Vaters zu den Menschen.“[39]
Die Liturgie des Wortes lässt uns in einen Dialog eintreten; dabei ist der
Heilige Geist am Werk. In der Tat befähigt uns der Heilige Geist, wirksam auf
das Wort Gottes zu antworten, sodass wir uns mit dem identifizieren, was uns in
der Feier der Liturgie verkündet wird, und bereit und willens sind, das zu tun,
was uns das Wort sagt (vgl. Jak 1,22).
72. Das Wort Gottes baut Gemeinschaft auf, nicht zuletzt dadurch, dass wir durch
die Kraft des Heiligen Geistes christusförmig werden, und zwar durch die
dialogische Begegnung mit Jesus Christus in seinem Wort, wenn wir uns dafür
öffnen. Das Wort Gottes bewirkt in unserem Leben Teilhabe am Tod und an der
Auferstehung Jesu; der alte Mensch muss, wie der heilige Paulus sagt, in uns
sterben, damit der neue Mensch zum Leben kommt. Christus in uns bringt das zur
Vollendung, was wir nach Gottes Plan sind (vgl. Eph 4,22 f.). Das Wort Gottes
hält uns in einer lebendigen Verbindung mit dem Zeugnis der Apostel, das in der
Heiligen Schrift zu uns gekommen ist, und hilft uns tiefer zu verstehen, was uns
in der Taufe geschenkt wurde: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in
mir“ (Gal 2,20). Und wenn Christus in uns lebt, dann sind wir alle eins: „Es
gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und
Frau; denn ihr alle seid «einer» in Christus Jesus“ (Gal 3,28).
73. Vom Gleichnis Jesu über den Sämann, der aufs Feld ging, um zu säen (Mk
4,1-20), können wir lernen, dass das Wort Gottes die Keimkraft des Reiches
Gottes enthält. Es kann reiche Frucht bringen. Dass das Wort, das in der Messe
verkündet und gehört wird, solch mächtige Wirkungen in unserem Leben haben kann,
können wir an zahlreichen Beispielen im Lauf der Kirchengeschichte sehen, wo
Menschen aufgrund eines Wortes, das sie in der Messe gehört hatten, die Richtung
ihres Lebens änderten. Ja, das Wort ist prophetisch und aufrüttelnd. Denken wir
nur an den Mönchsvater Antonius. Als er in der Messe den Satz des Evangeliums
hörte „wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das
Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm
und folge mir nach“ (Mt 19,21), und als er damit ernst machte, änderte sich sein
Leben grundlegend. Er wurde der Begründer der monastischen Tradition in
der Kirche, einer Tradition, die zahllose Gemeinschaften zu einem radikalen
Leben in Communio inspiriert hat. Ähnlich war es bei Franz von Assisi, der durch
seine Begegnung mit dem Wort Gottes die franziskanische Reformbewegung ins Leben
rief. Der Rat, den der heilige Johannes Chrysostomus in den frühen Jahrhunderten
der Kirche einigen Männern gegeben hat, ist nach wie vor befolgenswert: „Wenn
wir aus dem Gottesdienst kommen, sollten wir ... sogleich die Heilige Schrift
zur Hand nehmen, Frau und Kind zusammenrufen und mit ihnen das, was in der
Predigt gesagt wurde, wiederholen ...“[40].
c) Die Homilie, das Glaubensbekenntnis und das Gebet der Gläubigen
74. Man könnte sagen, die Homilie ist für die Liturgie des Wortes das, was die
Brotbrechung für den Kommunionritus ist. Sie soll uns ermutigen, das Wort als
das anzunehmen, was es in Wahrheit ist, nämlich als Wort Gottes, um es dann in
den alltäglichen Anforderungen unseres Lebens zu verwirklichen. Das Wort Homilie
kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „vertrauliche Unterhaltung“
oder „Rede von Herz zu Herz“. Durch die Homilie wird das verkündete Wort Gottes
zusammen mit der eucharistischen Liturgie zur „Botschaft von den Wundertaten
Gottes in der Geschichte des Heils, d. h. im Mysterium Christi“[41].
In der Homilie werden die Schriftlesungen oder auch Texte aus dem Ordinarium
oder Proprium der Tagesmesse unter bestimmten Gesichtspunkten ausgelegt, um den
Hörern zu helfen, sich die Gesinnung Christi anzueignen. Dabei sollen sowohl das
Mysterium, das gefeiert wird, als auch die besonderen Bedürfnisse der Hörer
beachtet werden.[42]
Das Ziel der Homilie ist also, das Wort Gottes zu erschließen und den Menschen
zu helfen, in ihrem Leben jene Communio mit Christus und untereinander zu
verwirklichen, die eine Frucht der Eucharistie ist.
75. Im Credo, dem Glaubensbekenntnis, das in der Sonntagseucharistie gesprochen
bzw. gesungen wird, sind die großen Geheimnisse unseres Glaubens
zusammengefasst. Das Credo ist wie ein Ausweis, der in der Sprache des Glaubens
unsere Communio im Glauben bescheinigt. Der Katechismus formuliert
das so: „Gläubig das Credo beten
heißt, mit Gott dem Vater,
dem Sohn und dem Heiligen Geist
in Verbindung treten; es heißt
aber auch, mit der Gesamtkirche verbunden zu
werden, die uns den Glauben überliefert und in
deren Gemeinschaft wir glauben.“[43]
Wenn in den Inschriften auf frühchristlichen Grabstätten der Ausdruck „in pace“
(im Frieden) vorkommt, dann war das nicht nur der Gebetswunsch „ruhe in
Frieden“, sondern das Bekenntnis, dass die verstorbene Person in der
Glaubensgemeinschaft der Kirche gelebt hatte. Jedes Mal, wenn wir das Credo
sprechen, bekennen wir unseren Glauben an den dreieinen Gott, die tiefste Quelle
und das höchste Vorbild der Communio der Kirche. Die Kirche ist dazu berufen,
„das von der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes her
geeinte Volk“[44]
zu sein.
76. Nach dem Glaubensbekenntnis halten wir im Gebet der Gläubigen Fürbitte für
die Anliegen der gesamten Kirche und das Heil der ganzen Welt. In diesem
Allgemeinen Gebet dehnen wir die Reichweite unserer Communio über die Grenzen
der an diesem bestimmten Ort versammelten Gebetsgemeinde hinaus aus. Wir beten
voll Zuversicht, im Vertrauen auf die Zusage Jesu: „Alles, was zwei von euch auf
Erden gemeinsam erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten“ (Mt
18,19). Hier stehen wir mit Jesus vor dem Thron der Gnade und treten ein für die
ganze Menschheit. Fürbittendes Gebet ist eine Gebetsform, die die Christen vom
Synagogengottesdienst übernommen und von Anfang an in ihren Eucharistiefeiern
praktiziert haben. Die Fürbitten als das Gebet der Gläubigen sind nicht etwas
Selbstverständliches. Die Katechumenen werden vor den Fürbitten entlassen. Es
ist ein Vorrecht, zu dieser Gebetsgemeinschaft zu gehören, zu dieser Communio
mit Christus und miteinander.
Und als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach
das Brot und gab es ihnen. (Lk 24,30)
a) In Entsprechung zum Letzten Abendmahl
77. Wo der Evangelist Lukas den Höhepunkt der Emmausgeschichte beschreibt, lässt
er den auferstandenen Christus die gleichen Handlungen vollziehen wie bei der
wunderbaren Brotvermehrung und beim Letzten Abendmahl. Er nimmt das Brot,
spricht das Dankgebet, bricht das Brot und teilt es aus. Das eucharistische
Verständnis dieser Handlung ist offensichtlich. Bei allen vier in der Heiligen
Schrift überlieferten Berichten von der Einsetzung der Eucharistie (Mt 26,17-35;
Mk 14,12-31; Lk 22,7-38; 1 Kor 11,23-26) finden wir einen schon in den
apostolischen Gemeinden verwendeten liturgischen Text vor, in dem die Worte und
Handlungen Jesu beim Letzten Abendmahl zusammenfassend wiedergegeben sind.
78. Die Nr. 72 der Grundordnung des Römischen Messbuchs macht uns
aufmerksam, dass die eucharistische Liturgie den Worten und Handlungen Christi
beim Letzten Abendmahl, wie sie uns in der Heiligen Schrift und der Tradition
überliefert sind, entspricht:
● Bei der Gabenbereitung werden Brot und Wein und etwas
Wasser zum Altar gebracht, die gleichen Elemente, die auch Jesus in seine Hände
nahm.
● Im Eucharistischen Hochgebet wird Gott Dank gesagt für
das ganze Werk der Erlösung, und die dargebrachten Gaben werden zum Leib und zum
Blut Christi, der Quelle unserer Communio miteinander.
● Durch die Brotbrechung und in der Kommunion empfangen
die Gläubigen, obwohl sie viele sind, alle von dem einen Brot den Leib Christi
und von dem einen Kelch das Blut des Herrn auf die gleiche Weise, wie die
Apostel diese aus den Händen Christi empfangen haben.
b) Die Gabenbereitung: Zeichen der Liebe, der Danksagung und der Communio
79. Zu Beginn der eucharistischen Liturgie werden die Gaben von Brot und Wein,
die in den Leib und das Blut Christi verwandelt werden, zum Altar gebracht. Es
sind einfache Elemente, Zeichen der Liebe Gottes, die im Kleinen die Gaben der
Schöpfung versinnbilden, die Gott uns geschenkt hat und die wir durch unserer
Hände Arbeit und unsere Schöpferkraft mitgestaltet haben. Die Darbringung der
Gaben auf dem Altar greift die Geste Melchisedeks auf und „legt
die Gaben des Schöpfers in die
Hände Christi. In seinem Opfer
vollendet Jesus alle menschlichen
Bemühungen, Opfer darzubringen.“[45]
80. In den Worten zur Darbringung von Brot und Wein klingt die in der jüdischen
Liturgie übliche Segensformel, die Berakah, an. Der Berakah-Segen ist nicht bloß
ein rituelles Segensgebet über Dinge, sondern vielmehr eine Danksagung an Gott
für die Wohltaten und Wunder, die er für sein Volk gewirkt hat. Darin kommen
Bewunderung und Glaube zum Ausdruck, aber auch die Bereitschaft, auf den Ruf
Gottes zu antworten, der einen Bund mit seinem Volk geschlossen und es dadurch
zu einer Einheit verbunden hat. Weil Gott uns zuerst geliebt hat und uns
entgegen gekommen ist und uns segnet, nur deshalb können wir das Wunder unserer
Erlösung feiern, Gott dafür danken und ihn preisen.
81. Diese Darbringung von Brot und Wein an dieser Stelle der Messfeier ist ein
Zeichen, das uns auch auf das vorbereiten soll, was anschließend geschieht. Gott
wird dieses Brot und diesen Wein in den auferstandenen Leib und das verklärte
Blut seines Sohnes verwandeln. Dann dürfen wir teilhaben an seinem
verherrlichten Leben in der Form von Speise und Trank, die uns nähren und uns zu
einer Gemeinschaft zusammenschließen. Wenn wir bei der Kommunion das Brot, das
in das Brot vom Himmel verwandelt ist, kauen, hinunterschlucken und verdauen und
es so gewissermaßen zerstören, dann werden wir durch diese „Zerstörung“ in
Wirklichkeit aufgebaut in Christus in der Communio miteinander. Durch die
Bereitung der Gaben öffnen wir uns nicht nur für Gott, der Brot und Wein in den
Leib und das Blut Christi verwandeln wird, sondern wir machen uns bereit, selbst
in Werkzeuge der Communio verwandelt zu werden. Das Wasser, das dem Wein im
Kelch beigemischt wird, kann man auch in diesem Sinn als unsere menschliche
Natur verstehen, die sich mit der Selbsthingabe Jesu Christi vereinigen soll,
deren Gedächtnis wir in der Eucharistie feiern und die uns eint.
82. Die Gabenbereitung hilft uns auch zu verstehen, dass wir in eine Liturgie
hineingenommen sind, die man eine kosmische Liturgie nennen könnte, in der die
gesamte Schöpfung sich auf ein letztes Ziel hin bewegt, nämlich die
Verherrlichung Gottes und die Verwandlung der Welt. Die Eucharistie ist darauf
ausgerichtet, hier und jetzt damit zu beginnen, den ganzen Kosmos christusförmig
zu machen, sodass er hineingenommen wird in die Anbetung Gottes, damit, wie der
heilige Paulus schreibt, „Gott herrscht über alles und in allem“ (1 Kor 15,28).
Die Tatsache, dass wir Brot und Wein, einfache Elemente der Schöpfung,
verwenden, erinnert an die Heiligkeit der Schöpfung. Die Welt ist nicht etwas
Indifferentes, sozusagen nur Rohmaterial, das man nach Belieben benutzen könnte.
Vielmehr ist sie von Gott geschaffen und bildet einen wesentlichen Teil des
göttlichen Plans. Als Teil dieser Schöpfung sind wir Menschen berufen, Söhne und
Töchter in dem einen Sohn Gottes, Jesus Christus, zu werden (vgl. Eph 1,4-12).
Die Eucharistie hat eine kosmische Ausrichtung. Teilhard de Chardin hat darüber
sehr schön in dem Band „Lobgesang des Alls“ geschrieben.
83. Vielfach werden in der Messe im Rahmen der Gabenbereitung Geld- oder
Sachspenden eingesammelt und zum Altar gebracht, um das enge Band zwischen der
Eucharistie und dem Gebot der Nächstenliebe zu betonen. Wir wissen, dass die
Christen von Anfang an die sozialen Konsequenzen ihres Glaubens ernst nahmen und
deshalb anfingen, ihren Besitz zu teilen (vgl. Apg 4,32) und die Armen zu
unterstützen (vgl. Röm 15,26) als Ausdruck ihres Lebens in Communio.
Beschreibungen der Eucharistie aus der Mitte des zweiten Jahrhunderts erwähnen
eine Spendensammlung für die Waisen und Witwen und jene, die durch Krankheit
oder andere Ursachen in Not waren. Denken wir z. B. an die Worte des heiligen
Justin: „Wer ... die Mittel und guten Willen hat, gibt nach seinem Ermessen, was
er will, und das, was da zusammenkommt, wird bei dem Vorsteher hinterlegt;
dieser kommt damit Waisen und Witwen zu Hilfe, solchen, die wegen Krankheit oder
aus sonst einem Grunde bedürftig sind, den Gefangenen und den Fremdlingen.“[46]
Auch der heilige Johannes Chrysostomus kann hier angeführt werden: „Willst du
also Christi Leib ehren? Geh nicht an ihm vorüber, wenn du ihn nackt siehst;
ehre ihn nicht hier (in der Kirche) mit seidenen Gewändern, während du dich
draußen auf der Straße nicht um ihn kümmerst, wo er vor Kälte und Blöße zugrunde
geht! ... was nützt es dem Herrn, wenn sein Tisch voll ist von goldenen Kelchen,
er selber dagegen vor Hunger stirbt? ... Du lässt einen goldenen Kelch
herstellen und reichst ihm dafür nicht einmal einen Becher kalten Wassers. ...
Geradeso denke auch bei Christus, wenn er verlassen und fremd umhergeht und um
ein Obdach bittet; denn anstatt ihn aufzunehmen, schmückst du den Fußboden
seines Hauses, die Wände und die Kapitelle der Säulen, hängst Lampen an
silbernen Ketten auf, und ihn selbst, der im Kerker gefesselt liegt, willst du
nicht einmal sehen?“[47]
c) Das Eucharistische Hochgebet: Gemeinschaftlicher Akt der Danksagung an den
Vater
84. Im Eucharistischen Hochgebet haben wir die Herzmitte und den Gipfelpunkt der
Eucharistie erreicht. Dieses Gebet ist ein Akt der Danksagung an Gott, den
Vater, durch Jesus Christus in der Kraft des Heiligen Geistes. Im Verlauf dieses
Gebets gedenken wir der großen Taten, die Gott gewirkt hat, Brot und Wein werden
in den Leib und das Blut Christi verwandelt und auch wir werden zu einem Leib
und einem Geist in Christus umgeformt. Wir schließen uns dem einen und einzigen
vollkommenen Opfer der Liebe an, dem Opfer Jesu, der sein Leben für uns
hingegeben hat.
85. Der Priester, der hier Christus als das Haupt der Kirche repräsentiert und
damit „in persona Christi“ handelt, eröffnet das Eucharistische Hochgebet mit
einem Dialog mit den Gläubigen: „Der Herr sei mit euch ... Erhebet die
Herzen ...“. Kraft ihres königlichen Priestertums antwortet die gläubig
teilnehmende Gemeinde: „Das ist würdig und recht“. In der darauf folgenden
Präfation wird dem Vater gedankt für das gesamte Werk der Schöpfung, der
Erlösung und Heiligung.
86. Im Eucharistischen Hochgebet klingen zahlreiche Communio-Motive an. So
werden zum Beispiel der Ortsbischof genannt und das ganze Kollegium der Bischöfe
in Einheit mit dem Papst. Wir beten nicht nur für sie, sondern wir bringen
unsere Einheit, unsere Communio mit ihnen zum Ausdruck. Im Dritten
Eucharistischen Hochgebet lautet diese Bitte so: „... stärke [deine Kirche] im
Glauben und in der Liebe: deinen Diener, unseren Papst N., unseren Bischof N.
und die Gemeinschaft der Bischöfe, unsere Priester und Diakone, alle, die zum
Dienst in der Kirche bestellt sind, und das ganze Volk deiner Erlösten.“ In der
frühen Kirche wurde den Christen, die auf Reisen unterwegs waren, häufig ein
Brief ihres Bischofs mitgegeben, der ihre Einheit mit ihm bestätigte. Der
jeweilige Bischof vor Ort überprüfte diesen Brief dann anhand der Liste aller
Bischöfe, die die volle Einheit mit der Kirche und das ganze Glaubensbekenntnis
bewahrt hatten. Befand sich der Name des Bischofs, der den Brief ausgestellt
hatte, auf der Liste, wurde der oder die Reisende zur Kommunion in dieser Stadt
zugelassen, weil er oder sie die Gemeinschaft im Glauben besaß.
Der Name des Papstes wird im Eucharistischen Hochgebet genannt, weil er aufgrund
seines Petrusamtes in jeder Eucharistiefeier Zeichen und Diener der Einheit der
Gesamtkirche ist.[48]
87. Zum Abschluss des Eucharistischen Hochgebets nach der Großen Doxologie rufen
wir alle gemeinsam „Amen“; es ist ein kraftvolles „Ja“, das wir Gott sagen. In
diesem großen „Amen“ bekennen wir, dass wir glauben, was hier gesagt wurde, dass
wir uns dieses Gebet zu eigen machen und uns zu dem verpflichten, was darin
enthalten ist. Unser persönliches Bekenntnis „ich glaube“ geht ein in das „wir
glauben“ der Gemeinschaft der Kirche, die hier um den gekreuzigten und
auferstandenen Christus versammelt ist.
88. Noch viele weitere Aspekte in den Eucharistischen Hochgebeten könnten hier
meditiert werden. Wir beschränken uns in diesem Dokument auf einige
Gesichtspunkte, die sich besonders auf das Communio-Thema des Eucharistischen
Kongresses beziehen.
(1) Epiklese:
Zur Einheit zusammengeführt durch den Heiligen Geist
89. In der Messe ist der Heilige Geist auf intensivste Weise am Werk. Er, die
dritte göttliche Person, bewirkt die Communio der Kirche und verbindet uns auf
innigste Weise in Christus. Die Herabrufung des Heiligen Geistes im
Eucharistischen Hochgebet wird Epiklese genannt. Schon im Schöpfungsbericht
lesen wir, dass der Geist Gottes über dem Wasser schwebte und die Erschaffung
der Welt bewirkte. Und als die Zeit erfüllt war, ließ sich der Geist auf Maria
herab und bewirkte die Menschwerdung des Sohnes Gottes und damit den Beginn der
neuen Schöpfung. Im Eucharistischen Hochgebet rufen wir den Geist an, das Wunder
einer neuen Schöpfung, das Wunder der Gnade zu wirken. Wir werden daran
erinnert, dass das, was wir in der Eucharistie feiern, nicht unsere Leistung
ist. Es kommt von Gott. In der Epiklese bittet die Kirche den Vater, den
Heiligen Geist (oder die Kraft seines Segens) zu senden, um die Gaben von Brot
und Wein zu heiligen, sodass sie zum Leib und Blut Jesu Christi werden, und um
alle, die an der Eucharistie teilhaben, zu einem Leib und einem Geist zu einen.
90. So hören wir zum Beispiel im Dritten Eucharistischen Hochgebet, dass der
Vater durch die Kraft des Heiligen Geistes die Schöpfung belebt und heiligt und
uns zu einer Einheit zusammenführt: „Ja, du bist heilig, großer Gott, und alle
deine Werke verkünden dein Lob. Denn durch deinen Sohn, unseren Herrn Jesus
Christus, und in der Kraft des Heiligen Geistes erfüllst du die ganze Schöpfung
mit Leben und Gnade. Bis ans Ende der Zeiten versammelst du dir ein Volk ...“.
Nachdem so die Kraft des Geistes als die Quelle des Lebens und der Heiligung
gepriesen wurde, wird diese Kraft jetzt angerufen, als Höhepunkt seines Wirkens
die Gaben von Brot und Wein zu heiligen, sodass sie für uns der Leib und das
Blut Christi werden: „Darum bitten wir dich, allmächtiger Gott: heilige unsere
Gaben durch deinen Geist ...“ Entsprechend unserer lobpreisenden Segensbitte
(Berakah) bei der Darbringung der Gaben geschieht jetzt die Konsekration der
Gaben durch den Heiligen Geist. Und nach den Einsetzungsworten und dem Gedenken
an Christi Tod und Auferstehung wird der Heilige Geist in der Kommunion-Epiklese
auf die versammelte Gottesdienst-Gemeinde herabgerufen: „Schau gütig auf die
Gaben deiner Kirche. Denn sie stellt dir das Lamm vor Augen, das geopfert wurde
und uns nach deinem Willen mit dir versöhnt hat. Stärke uns durch den Leib und
das Blut deines Sohnes und erfülle uns mit seinem Heiligen Geist, damit wir
ein Leib und ein Geist werden in Christus.“
91. Diese Anrufung des Geistes über die zur Eucharistie versammelte Gemeinde
hängt eng zusammen mit dem Thema des Eucharistischen Kongresses. Durch die Kraft
des Heiligen Geistes werden die Elemente von Brot und Wein in den Leib und das
Blut Christi verwandelt, aber der Geist wird auch über die versammelten Menschen
herabgerufen; denn sie sind der Leib Christi und sollen immer mehr der Gabe
entsprechen und die Communio verwirklichen, die Gott ihnen in der Kommunion
schenkt. „So sollen wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des
Sohnes Gottes gelangen, damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus
in seiner vollendeten Gestalt darstellen.“ (Eph 4,13)
92. Die Epiklese lehrt uns etwas Wichtiges über uns selbst. Die Kirche hat als
eine gesellschaftliche Größe zahlreiche institutionelle Organisationsformen.
Doch das Wirken des Heiligen Geistes ist unabdingbar, um unsere innere Einheit
zu schaffen. Ohne den Heiligen Geist wäre unser Leben als Gemeinschaft tot.
„Ohne ihn wäre es nutzlos zu planen, zu organisieren, Normen und Leitlinien zu
erlassen, auf alles vorbereitet zu sein und alles ‚unter Kontrolle’ zu haben.
Wir hätten vielleicht ein vorbildliches Unternehmen, eine beispielhafte
Gesellschaft. Aber eine Gemeinschaft von Menschen wird Leib Christi nur, wenn
sie gehalten und beseelt ist vom Geist Christi, und dies im Sinne der
eucharistischen Epiklese.“[49]
(2) Anamnese:
Ein gemeinschaftliches Gedenken
93. In den vergangenen Jahren wurde die reiche biblische Bedeutung des Begriffs
„Gedächtnis“ (Anamnese) neu entdeckt. Dieser Begriff liegt dem liturgischen
Gedenken zugrunde.[50]
Wir gedenken dessen, was Jesus getan hat, nicht im Sinne eines
Geschichtsunterrichts, sondern im Sinne von Ereignissen, die uns hier und heute
betreffen.
94. Tatsächlich hat das Volk Gottes seit der Zeit des Mosaischen Gesetzes der
wunderbaren Rettungstaten Gottes gedacht, denen es seine Entstehung als Volk
verdankte. Insbesondere ist die Paschafeier zum Gedächtnis (zikkarón) des
Gründungsgeschehens der Geschichte Israels als Volk Gottes geworden. Die Riten
der jährlichen Paschafeier gedachten des Übergangs von der Sklaverei zur
Freiheit. Beschrieben werden diese Riten in Ex 12,1-28. Es ist ein Mahl, bei dem
ein Lamm geschlachtet und gegessen wird. Das Blut des Lammes wird an die
Türpfosten gestrichen, um den Todesengel abzuwehren, der die Erstgeborenen der
Ägypter tötete. Wenn die Juden dieses Fest feiern, erzählen sie nicht einfach
ein vergangenes Ereignis, nein, das Ereignis, das in der Vergangenheit geschehen
ist, wird wirksam in der Gegenwart. Durch die Feier nehmen sie teil am
Gründungsgeschehen ihrer Identität als Volk Gottes und rüsten sich zugleich für
die Zukunft.
95. Das Letzte Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern am Abend vor seinem
Leiden und Tod gehalten hat, war das Paschamahl (Mt 26,2.17-19; Mk 14,12-17; Lk
22,7-14). Nachdem sie das Paschalamm gegessen hatten, nahm Jesus das Brot und
den Wein, segnete sie und sprach: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben
wird“ und „Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen
wird“ (Lk 22,19-20). Mit diesen Handlungen und Worten deutete Jesus seinen Tod
am Kreuz im Sinn des geopferten Paschalamms. Er wird die Menschheit erretten aus
der Sklaverei der Sünde mit all ihren Spaltungen und Egoismen und sie
hineinführen in die Freiheit der Kinder Gottes in der Gemeinschaft, der Communio
untereinander.
96. Das Paschamahl, das Jesus mit seinen Jüngern feierte, war eine sakramentale
Vorwegnahme seines Leidens und seines Todes, seiner Auferstehung und der
Ausgießung des Heiligen Geistes. Das Brot machte er zum Zeichen seines für uns
hingegebenen Leibes und den Wein zum Zeichen seines für uns vergossenen Blutes.
Brot und Wein wurden zu sakramentalen Zeichen des eschatologischen Bundes, der
in ihm seine Erfüllung fand. Er trug seinen Jüngern auf, seines Tuns zu
gedenken: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22,19; 1 Kor 11,25).
97. Die Kirche begeht die eucharistische Gedächtnisfeier in Treue zu diesem
Auftrag Jesu. Es ist keineswegs nur eine bloße Erinnerung an ein vergangenes
Ereignis. Die Kirche verkündet in dieser Feier wirksam die Versöhnungstat Gottes
in Christus. Wir gedenken aber nicht nur des Leidens Jesu Christi zum Heil der
ganzen Kirche, sondern wir selbst nehmen „heute“ daran teil und treten in die
Bewegung seiner Selbsthingabe ein. Durch die Kraft des Heiligen Geistes wird das
einmalige Ereignis des Kreuzestodes Jesu in jeder Messfeier gegenwärtig. Oder,
anders gesagt, wir nehmen teil an diesem großen Ereignis und werden dadurch zu
einer Gemeinschaft zusammengefügt, und zwar nicht nur zusammen mit denen, mit
denen wir die Messe feiern, sondern mit allen, die sich zur Eucharistie
versammeln an allen Orten und zu allen Zeiten.[51]
98. Durch die Eucharistie werden wir also zu Zeitgenossen des Stiftungsaktes, in
dem unsere Gemeinschaft mit Christus und untereinander begründet wurde. Im
Katechismus der Katholischen Kirche lesen wir:
„In der Liturgie der Kirche bezeichnet und
verwirklicht Christus vor allem sein
Pascha-Mysterium. Während seines Erdenlebens kündigte Jesus
durch sein Lehren das
Pascha-Mysterium an und nahm es in seinen
Taten vorweg. Als dann seine Stunde
gekommen war [Vgl.
Joh 13,1;17,1],
durchlebte er das einzige
Ereignis der Geschichte, das nicht vergeht:
Jesus
stirbt
„ein für allemal“ (Röm
6,10;
Hebr 7,27; 9,12), wird begraben, ersteht
von den Toten und sitzt zur
Rechten des Vaters. Dieses tatsächliche
Ereignis, welches sich in unserer
Geschichte ereignet hat, ist ganz und
gar einmalig: Alle anderen
Ereignisse geschehen einmal,
dann gehen sie vorüber, versinken
in der Vergangenheit. Das Pascha-Mysterium
Christi hingegen kann nicht in der
Vergangenheit
bleiben,
denn durch seinen
Tod
hat er den
Tod
besiegt. Alles, was Christus ist, und alles, was er
für
alle Menschen getan und gelitten
hat, nimmt an der Ewigkeit Gottes
teil,
steht somit über allen
Zeiten und wird ihnen gegenwärtig. Das
Ereignis des Kreuzes und der
Auferstehung ist etwas Bleibendes und zieht
alles zum Leben hin.“[52]
99. Jede Eucharistiefeier bewirkt für uns „heute“ auch die endzeitliche
Versammlung des Volkes Gottes. Mit anderen Worten, jede Messfeier hier und heute
ist ein echter Vorgeschmack des Festmahls am Ende der Zeiten, das die Propheten
vorhergesagt haben (vgl. Jes 25,6-9) und das im Neuen Testament als
Hochzeitsmahl des Lammes beschrieben wird (Offb 19,7-9). Wenn der Zelebrant im
Dritten Eucharistischen Hochgebet nach dem Gedenken an die Auferstehung und
Himmelfahrt Christi die Worte spricht: „... und erwarten seine Wiederkunft“,
werden wir daran erinnert, dass das Gedächtnis des Stiftungsereignisses unseres
Glaubens uns in Kontakt bringt mit unserer gemeinsamen Zukunft, wenn Christus
kommt in Herrlichkeit. Aus diesem Grund bekennen wir auch in der
Anamnese-Akklamation: „... bis du kommst in Herrlichkeit“. In jeder Messfeier
denken wir an unsere Zukunft und werden zu ihr hingezogen.
100. Wegen dieser dynamischen eucharistischen Bedeutung von „Gedächtnis“ und
„Gedenken“, wo Vergangenheit und Zukunft gewissermaßen hier und jetzt in unsere
Gegenwart hereinragen, sind wir nie so nah bei unseren verstorbenen Brüdern und
Schwestern wie in der Messfeier. Unsere Communio mit denen, die uns
vorausgegangen sind „bezeichnet mit dem Siegel des Glaubens“ (Erstes Hochgebet)
wird jedes Mal erneuert. So lesen wir in
Lumen
gentium Nr. 50: „Bei der Feier des eucharistischen Opfers sind wir also sicherlich dem Kult der
himmlischen Kirche innigst verbunden.“ In diesem Kontext verstehen wir dann auch
die Worte der heiligen Monika vor ihrem Tod zu ihren Söhnen, dem heiligen
Augustinus und seinem Bruder: „Nur um das eine bitt ich euch, dass ihr am Altar des Herrn meiner gedenkt, wo
ihr auch seid“.[53]
(3) Wandlung:
Jesus Christus ist wirklich, wahrhaft und wesenhaft gegenwärtig,
er verwandelt
unsere Gemeinschaft
101. Das Eucharistische Hochgebet ist ein Gebet der Danksagung und der
Heiligung. Der gekreuzigte und auferstandene Christus handelt durch die Kraft
des Heiligen Geistes und teilt durch die Elemente Brot und Wein sein
verherrlichtes Leben mit. Brot und Wein werden verwandelt in den Leib und das
Blut Christi „in der Kraft, mit der er sich alles unterwerfen kann“ (Phil 3,21).
Von den Anfängen der Kirche bis heute wird geglaubt und bekannt, dass diese
Wandlung durch die Kraft des Wortes Christi und das Wirken des Heiligen Geistes
geschieht. Das Konzil von Trient fasst zusammen:
„Weil aber Christus, unser Erlöser, sagte, das, was er unter der Gestalt des
Brotes darbrachte, sei wahrhaft sein Leib, deshalb hat in der Kirche Gottes
stets die Überzeugung geherrscht, und dieses heilige Konzil erklärt es jetzt von
neuem, durch die Konsekration des Brotes und Weines geschieht eine Verwandlung
der ganzen Substanz des Brotes in die Substanz des Leibes Christi, unseres
Herrn, und der ganzen Substanz des Weines in die Substanz seines Blutes. Diese
Wandlung wurde von der heiligen katholischen Kirche treffend und im eigentlichen
Sinne Wesensverwandlung genannt.“[54]
102. Die Art und Weise der Gegenwart Christi in den eucharistischen Gestalten
ist einzigartig. In der Erläuterung zur Lehre der Eucharistie stellt die
Anglikanisch/Römisch-katholische Internationale Kommission fest: „Vor dem
Eucharistiegebet gibt der Glaubende auf die Frage: ‚Was ist dies?’ zur Antwort:
‚Es ist Brot.’ Nach dem Eucharistiegebet antwortet er auf dieselbe Frage: ‚Es
ist wahrhaft der Leib Christi, das Brot des Lebens.’“[55]
Unser Herr Jesus Christus, wahrer Gott und Mensch, ist „wahrhaft, wesentlich und
wirklich“ gegenwärtig unter den äußerlich sichtbaren Gestalten von Brot und
Wein.[56]
Brot und Wein werden in eine neue Seinsweise erhoben, um die Liebe Jesu Christi
zum Ausdruck zu bringen. „Wenn nun sowohl der Mischbecher als auch das
zubereitete Brot das Wort Gottes aufnehmen und zur Eucharistie, zum Blut und
Leib Christi werden und wenn daraus die Substanz unseres Fleisches gestärkt wird
und besteht, wie können sie dann bestreiten, dass das Fleisch aufnahmefähig ist
für Gottes Geschenk, das das ewige Leben ist?“[57]
103. Den Begriff der Realpräsenz müssen wir verstehen auf dem Hintergrund der
großen Taten Gottes in der Geschichte, da er sich ein Volk schuf in Gemeinschaft
mit ihm und untereinander. Die ganze Heilsgeschichte hindurch lesen wir vom
Wohnen Gottes (shekinah) in seinem Volk – er wohnt in der Welt, er ist
gegenwärtig in Israel. In Jesus Christus ist Gott Fleisch geworden und wohnt
unter uns. Jesus Christus ist jetzt auf verschiedene Weise in seiner Kirche
gegenwärtig: in seinem Wort, im Gebet der Kirche, wo zwei oder drei in seinem
Namen versammelt sind (vgl. Mt 18,20), in den Armen, den Kranken und Gefangenen
(vgl. Mt 25,31-46), in den Sakramenten. Aber auf ganz besondere Weise ist er
gegenwärtig in den eucharistischen Gestalten. Der gekreuzigte und auferstandene
Christus ist mit Leib und Blut zugegen unter den Gestalten von Brot und Wein,
sodass er sich uns durch diese Gestalten mitteilen und in seinen Leib
umgestalten kann.
104. Durch diese verwandelten Elemente teilt uns Jesus Christus sein endgültiges
Leben in Communio mit dem Vater mit. Die in den Leib und das Blut Christi
verwandelten Gestalten von Brot und Wein ziehen uns hinein in die Dynamik einer
kontinuierlichen Umgestaltung und bringen uns dem Ziel näher, nach dem wir uns
sehnen – der endgültigen Verwandlung von allem in der Communio mit Christus und
untereinander: „Wir alle ... werden so in sein eigenes Bild verwandelt, von
Herrlichkeit zu Herrlichkeit, durch den Geist des Herrn.“ (2 Kor 3,18). Unsere
eigenen Belange, unsere Sorge für die Familie, unsere Arbeit und unsere
Beziehungen mit andern Menschen werden hineingenommen in diese
Umgestaltungs-Dynamik. Jedes Mal, wenn wir an der Messe teilnehmen, bringen wir
etwas Neues dar, damit es umgestaltet werde, vor allem das, was in unseren
Beziehungen zu andern verhärtet oder schwierig ist, aber auch schmerzliche
Situationen, seien sie gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, kultureller oder
ökologischer Art, seien sie lokal oder global, von denen wir vielleicht durch
die Medien erfahren haben. Die Eucharistie ist Zeugnis, Garant und Vorwegnahme
unserer Umgestaltung zur Communio, unserer eigenen und der der ganzen Welt.
(4)
Opfermahl: Wir haben teil an der Opferhingabe Christi
105. Die Eucharistie ist ein Opfermahl. Wie wir schon gesehen haben, wird in der
Eucharistie das Kreuzesopfer repräsentiert, also vergegenwärtigt. In der Tat
sind das Opfer Christi und das Opfer der Eucharistie ein einziges Opfer, dessen
Ziel unsere Communio ist.
106. Im Alten Testament finden wir eine enge Verknüpfung zwischen „Bund“,
„Opfer“ und „Opfermahl“ bzw. „Bundesmahl“. Im Buch Exodus (24,1-11) lesen wir,
dass Gottes neue Beziehung zu seinem auserwählten Volk (der Bund) besiegelt
wurde durch das Vergießen von Tierblut (Opfer) und das gemeinsame Essen von der
Opferspeise (Kommunion). Mose sprach über das Blut: „Das ist das Blut des
Bundes, den der Herr ... mit euch geschlossen hat“ (Ex 24,8). Danach besprengte
er den Altar (Zeichen für Gott) und das Volk mit dem Blut, eine Gebärde, die die
Lebensgemeinschaft zum Ausdruck bringt, die Gott zwischen sich und Israel
geschaffen hat. Das gemeinsame Essen von der Opferspeise kann man als Opfermahl
bezeichnen, durch das sich das Volk zu dieser Bundesbeziehung verpflichtete und
durch das es eins wurde, da es an den Segnungen Gottes Anteil erhielt. Als dann
die Zeit gekommen war, wurde ein neuer Bund verheißen, einer, der in die Herzen
der Glaubenden eingraviert werden sollte (vgl. Jes 55,3; Jer 31,31-34).
107. In seinem öffentlichen Leben betonte Jesus die Notwendigkeit einer echten
inneren Frömmigkeit anstatt bloßer äußerlicher Opfer und Rituale. Sein ganzes
Leben war geprägt von selbstloser Liebe zu den Menschen. Im Brief an die Hebräer
lesen wir: „Darum spricht Christus bei seinem Eintritt in die Welt: Schlacht-
und Speiseopfer hast du nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir geschaffen:
an Brand- und Sündopfern hast du kein Gefallen. Da sagte ich: Ja, ich komme – so
steht es von mir in der Schriftrolle –, um deinen Willen, Gott, zu tun.“ (Hebr
10,5-7) Die Sendung Jesu bestand ganz und gar darin, sein Leben
hinzugeben, sodass wir eins seien. Die Mähler, die er mit anderen teilte, machen
dieses Bestreben deutlich. Seine „Liebe bis zur Vollendung“, wie Johannes es
ausdrückt (Joh 13,1), vollendete sich in seinem Leiden und seinem Tod.
108. Beim Letzten Abendmahl hinterließ uns Jesus sozusagen eine Deutung seines
Opfertodes am Kreuz. Er bezog die Worte des Mose auf sich: „Das ist mein Blut,
das Blut des Bundes“ (Mt 26,28) oder, wie wir bei Lukas lesen: „Dieser Kelch ist
der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird“ (Lk 22,20). Er deutet
seinen Tod als stellvertretendes Leiden für uns. Wenn er auf seinem Weg nach
Jerusalem gesagt hatte, „der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu
lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“
(Mk 10,45), so hat er dies am Kreuz bis zum Äußersten durchlebt. Das Opfer Jesu
war nicht ein „Ding“. Es war seine Selbsthingabe aus Liebe. Er selbst und sein
Opfer sind eins. Er ist Opferpriester und Opfergabe in einem. Der Apostel Paulus
sollte diesen Gedanken weiter vertiefen, wenn er ausführt, dass Jesus nach dem
Willen Gottes unsere Stelle am Kreuz eingenommen hat: „Er hat den, der keine
Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes
würden“ (2 Kor 5,21). Er, der Sohn Gottes, „entäußerte sich“ um unsertwillen,
damit wir am Leben Gottes Anteil erhalten. Er sollte die Gottferne und die
Todesverlassenheit erfahren, damit wir Gott erkennen, der uns nahe ist, der mit
uns ist, der unter uns ist in unserer Communio miteinander. Paulus schreibt:
„Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu
machen“ (2 Kor 8,9).
109. Wir haben also Anteil an der Communio, die eine Frucht des Opfers Christi
ist und die wir als Geschenk empfangen. Aber in der Messfeier erhalten wir zudem
das Vorrecht, uns dem Opfer Christi anzuschließen. Schon in unserer Taufe hat
Christus uns in sein Opfer hineingezogen, da wir Glieder an seinem Leib wurden.
Wir bringen uns selbst Tag für Tag als „lebendiges und heiliges Opfer“ (Röm
12,1) dar. Aber in der Messe sind Christus und seine Kirche vereint im Opfer des
Lobes, wie wir im Vierten Eucharistischen Hochgebet hören: „Sieh her auf die
Opfergabe, die du selbst deiner Kirche bereitet hast, und gib, dass alle, die
Anteil erhalten an dem einen Brot und dem einen Kelch, ein Leib werden im
Heiligen Geist, eine lebendige Opfergabe in Christus zum Lob deiner
Herrlichkeit.“ Unser Gebet, unser Lobpreis und unsere Selbsthingabe werden in
sein Opfer hineingenommen, das die Kirche darbringt „durch ihn, mit ihm und in
ihm“. In der Eucharistie wird das Opfer Christi auch zum Opfer der Glieder an
seinem Leib. Der heilige Augustinus schreibt:
„... dass die gesamte erlöste Gemeinde, d. i. die Vereinigung und Gemeinschaft
der Heiligen, als ein allumfassendes Opfer Gott dargebracht wird durch den
Hohenpriester, der seinerseits auch sich für uns, damit wir der Leib eines so
erhabenen Hauptes seien, dargebracht hat in seinem Leiden nach seiner
Knechtsgestalt. Denn diese hat er dargebracht, in dieser wurde er dargebracht,
weil er in ihr Mittler ist, in ihr Priester und Opfer zugleich. [...] Das ist
das Opfer der Christen: ‚die vielen ein Leib in Christus’. Dieses Opfer feiert
die Kirche auch durch das den Gläubigen bekannte Sakrament des Altares, worin
ihr vor Augen gehalten wird, dass sie in dem, was sie darbringt, selbst
dargebracht wird.“[58]
110. Das auf dem Altar gegenwärtige
Opfer Christi gibt
allen Generationen von Christen
die Möglichkeit, mit seinem Opfer
vereint zu sein. In den römischen Katakomben wird die
Kirche oft als eine betende Frau
dargestellt, mit weit ausgebreiteten
Armen, in der Haltung einer
Orante. Ihre
Haltung erinnert an Jesus, der mit ausgestreckten Armen am Kreuz hing. Die
Aussage ist eindeutig: In der Communio mit Christus opfert sich die Kirche
selbst und tritt fürbittend für alle ein.[59]
Was ist das, was wir darbringen können? Wir bieten Gott unsere Leiden und Gebete
an, unsere Arbeiten und unsere Taten der Liebe. Wenn wir sie mit Christus und
seiner Ganzhingabe verbinden, erhält alles einen neuen Wert. Auch das
Unscheinbarste, das wir darbringen, erhält einen neuen Wert. Wenn wir uns für
die selbstlose Liebe Jesu Christi öffnen, berührt und verwandelt er alle unseren
begrenzten Bemühungen, eine Communio miteinander aufzubauen. Durch die
Vereinigung mit der Selbsthingabe Jesu wird alles von Liebe durchdrungen. Das
ist keine geringfügige Sache. Indem wir uns selbst und die Welt um uns mit dem
Opfer Christi verbinden, leisten wir einen Beitrag zu dem, was Teilhard de
Chardin die „Amorisation“ (die Verwandlung in Liebe, von „amor“, dem
lateinischen Wort für Liebe) des Alls nannte.
111. Unsere Teilhabe an der Selbsthingabe des Sohnes wird zu einem Gebet, nicht
nur für die Lebenden, sondern auch für die heimgegangenen Brüder und Schwestern,
die in Christus gestorben, aber noch nicht vollkommen in der Liebe geläutert
sind. Der heilige Cyrill von Jerusalem schreibt: „Dann beten wir auch für ...
alle vor uns Entschlafenen ..., obwohl sie Sünder sind! Wir ... bringen den
geopferten Christus für unsere Sünden dar. So machen wir uns und ihnen den
menschenliebenden Gott geneigt.“[60]
Aber nicht nur das! Unser Gebet geschieht in der Communio mit denen, die schon
in der Herrlichkeit des Himmels sind, besonders mit Maria. „Die
Kirche bringt das eucharistische
Opfer in Gemeinschaft mit der
heiligen Jungfrau Maria dar
sowie im Gedenken an sie und alle
Heiligen. In der Eucharistie steht die
Kirche mit Maria gleichsam zu
Füßen des Kreuzes, mit dem Opfer
und der Fürbitte Christi vereint.“[61]
Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn. (Lk 24,31)
a) Wir empfangen die heilige Kommunion
112. Die Kommunionriten ergeben sich logisch aus der Dramaturgie der
Eucharistiefeier, die wir bisher betrachtet haben. Die Gemeinde hat sich an
einem Ort versammelt. Gottes Heilsplan ist vor uns ausgebreitet worden, als die
Heiligen Schriften verkündet wurden, und unsere Antwort darauf haben wir in der
Darbringung der Gaben zum Ausdruck gebracht. Das Dankgebet wurde gesprochen.
Brot und Wein wurden verwandelt in den Leib und das Blut Christi, und auch wir
selbst wurden umgestaltet in einen Leib und einen Geist in Christus. Jetzt ist
die Zeit gekommen, die heilige Kommunion zu empfangen.
113. Das Vaterunser eröffnet die Kommunionriten. Eingefügt
zwischen dem Eucharistischen Hochgebet und der
Kommunionspendung „fasst es einerseits
alle Bitten und Fürbitten, die in der
Epiklese geäußert werden,
zusammen, andererseits bittet es um
Einlass zum himmlischen
Hochzeitsmahl, welches in der sakramentalen
Kommunion vorweggenommen wird“[62].
Das Gebet des Herrn ist das Grundgebet der Kirche. Es zeigt uns, wer wir sind,
und zugleich offenbart es uns den Vater. In der Communio mit Christus können wir
darauf vertrauen, dass wir mit Christus die Schwelle der göttlichen Heiligkeit
überschreiten und erkennen können, dass wir einen Vater haben und dass
wir alle Schwestern und Brüder sind. Das bringen wir auch im Austausch des
Friedensgrußes zum Ausdruck.
114. In Nr. 80 der Grundordnung des Römischen Messbuchs lesen wir: „Da
die Eucharistiefeier das österliche Mahl ist, ist es angebracht, dass die in
rechter Weise disponierten Gläubigen nach der Weisung des Herrn seinen Leib und
sein Blut als geistliche Speise empfangen. Darauf sind die Brotbrechung und die
anderen vorbereitenden Riten ausgerichtet, wodurch die Gläubigen zur Kommunion
unmittelbar hingeführt werden.“ Die Brotbrechung ist ein symbolischer Akt, der
uns zeigt, dass wir alle an dem einen Brot vom Himmel teilhaben, das wir
jetzt empfangen werden. Bei der Brotbrechung wird ein Stückchen der Hostie (fermentum
genannt) dem Kelch beigemischt. Nach einer möglichen Deutung soll uns dieser
alte Brauch daran erinnern, dass jede Eucharistiefeier in Einheit mit dem
Bischof von Rom geschieht. Mehrere Jahrhunderte lang sandte der Papst ein
Stückchen des in seiner Messfeier konsekrierten Brotes an die Priester, die an
ihren Orten der Eucharistie vorstanden, um zu bestätigen, dass sie die
Eucharistie in der Communio mit ihm feierten. Dieses Brotstücken (fermentum
genannt) wurde dann vor der Kommunion dem Kelch beigemischt, um zu
unterstreichen, dass die Eucharistie das Sakrament der Einheit der Kirche ist.
Der Begriff fermentum (Sauerteig) deutete möglicherweise auch darauf hin,
dass die Eucharistie der Sauerteig des christlichen Lebens ist und dass die
Christen durch die Eucharistie, geeint in dem einen Leib Christi, wie ein
Sauerteig die ganze Welt durchdringen sollen.
115. Da die Eucharistie, die wir empfangen, „Brot vom Himmel“ und „Kelch des
Heiles“ ist, ermahnt uns der heilige Justin: „Niemand darf daran teilnehmen, als
wer unsere Lehren für wahr hält, das Bad zur Nachlassung der Sünden und zur
Wiedergeburt empfangen hat und nach den Weisungen Christi lebt.“[63]
Wenn der Kommunionspender uns die Hostie zeigt und sagt „Der Leib Christi“, dann
ist darin auch die Frage eingeschlossen, ob wir selbst der Leib Christi sind,
das heißt, ob wir in der Communio mit Christus und mit seinen Schwestern und
Brüdern leben. Und wenn wir dazu „Amen“ sagen können, dann dürfen wir den Leib
Christi als unsere Nahrung empfangen.
116. Wir empfangen den Leib Christi, sodass wir gemeinsam wahrhaft und in
zunehmendem Maß der Leib Christi in der Welt sein können. Wie der heilige
Augustinus von Hippo es formuliert: „In der Eucharistie sollen wir sein, was wir
sehen, und empfangen, was wir sind.“ Und er fährt fort: „Du antwortest ‚Amen’
auf das, was du bist, und durch deine Antwort sagst du Ja dazu; denn du hörst
‚Der Leib Christi’ und du antwortest ‚Amen’.“ [64]
Dieses Amen, das wir sagen, wenn wir die Kommunion empfangen, ist die
Fortsetzung des großen Amen, in dem wir bekennen, dass wir bereit sind, in die
lebendige Communio einzutreten, die Christus uns durch seinen Tod und seine
Auferstehung eröffnet hat.
b) Die Eucharistie macht uns
eins
117. Die herausragende Wirkung der Eucharistie, wie der heilige Thomas von Aquin
und viele andere in der Tradition gelehrt haben, ist unsere wirkliche, mystische
Einverleibung in Christus. In diesem Sinn deutet zum Beispiel der heilige
Augustinus die Tatsache, dass Jesus in der Kommunion sich uns hingibt, wenn er
sagt: „Ich bin das Brot der Starken: wachse und du wirst mich essen. Und nicht
du wirst mich in dich verwandeln wie die Speise für deinen Leib, sondern du
wirst in mich gewandelt werden.“ [65]
Auch der große mittelalterliche Theologe Albert der Große lehrt: „Dieses
Sakrament verwandelt uns in den Leib Christi, und zwar so, dass wir Bein von
seinem Bein und Fleisch von seinem Fleisch, Glieder von seinen Gliedern werden.“[66]
Und als guter Lehrer erläutert er das Gemeinte: „Immer wenn zwei Dinge sich so
vereinen, dass das eine im andern aufgeht, verwandelt das mächtigere das
schwächere in sich selbst. Da nun diese Speise eine Kraft hat, die mächtiger ist
als jene, die sie essen, verwandelt diese Speise jene, die sie essen, in sich
selbst.“[67]
Und voll Dankbarkeit ruft er aus: „Welchen Dank schulden wir Christus, der uns
mit seinem Leben spendenden Leib in sich selbst verwandelt, sodass wir sein
heiliger, reiner und göttlicher Leib werden.“[68]
Die heilige Theresia vom Kinde Jesu, eine Kirchenlehrerin aus jüngerer Zeit,
schreibt: „Jeden Morgen verwandelt Jesus eine weiße Hostie in sich selbst, um
dir sein Leben mitzuteilen. Nicht genug damit, mit einer Liebe, die noch viel
größer ist, möchte er dich in sich verwandeln.“[69]
Das Zweite Vatikanische Konzil zitiert Papst Leo den Großen: „Nichts anderes
wirkt die Teilhabe an Leib und Blut Christi, als dass wir in das übergehen, was
wir empfangen.“[70]
118. Wenn wir diese herausragende Wirkung der Eucharistie betrachten, unsere
Umwandlung in Christus, dann können wir ermessen, was es bedeutet, dass die
Eucharistie uns auf einzigartige Weise zu einem Leib und einer Seele macht.
Papst Benedikt führt aus, dass dieser Umwandlungsprozess, der schon in der
Wandlung von Brot und Wein begonnen hat, jetzt an Bedeutung zunimmt und zu
weiteren Veränderungen führt:
„Leib und Blut Jesu Christi werden uns gegeben, damit wir verwandelt werden. Wir
selber sollen Leib Christi werden, blutsverwandt mit ihm. Wir essen alle das
eine Brot. Das aber heißt: Wir werden untereinander eins gemacht. Anbetung wird,
so sagten wir, Vereinigung. Gott ist nicht mehr bloß uns gegenüber der ganz
Andere. Er ist in uns selbst und wir in ihm. Seine Dynamik durchdringt uns und
will von uns auf die anderen und auf die Welt im Ganzen übergreifen, dass seine
Liebe wirklich das beherrschende Maß der Welt werde.“[71]
119. So entsteht eine neue Lebensgemeinschaft, die alle unsere Erfahrungen des
Miteinander-Teilens übersteigt und eine wahre menschliche Gemeinschaft
hervorbringt. Die einigende Kraft des Leibes Christi kann alle Kräfte, die in
uns selbst und in der Welt um uns die Einheit zu zerstören versuchen,
überwinden. Papst Benedikt vergleicht diesen ganzen Prozess mit einer
„Kernspaltung im Innersten des Seins“. „Nur von dieser innersten Explosion des
Guten her, die das Böse überwindet, kann dann die Kette der Verwandlungen
ausgehen, die allmählich die Welt umformt.“[72]
120. Durch den Empfang der Eucharistie sind wir aufgerufen, in Wort und Tat
einer neuen Zukunft Gestalt zu geben, sodass diese Zukunft jetzt schon als
gegenwärtig erahnt und erfahren werden kann und wir spüren können, was wir
einmal sein werden. Augenblicke des Schweigens und der Stille in unseren
Eucharistiefeiern bieten die Gelegenheit, nicht nur über Vergangenes
nachzudenken und Gegenwärtiges zu feiern, sondern unsere Herzen auch zu öffnen
für die Zukunft, die Gott verheißen hat, die vollendete Communio mit Christus
und untereinander. Die Eucharistie öffnet uns die Augen unseres Herzens, sodass
wir einen Schimmer des neuen Himmels und der neuen Erde erhaschen können.
c) Geistliche Kommunion
121. Nicht alle, die an der Messfeier teilnehmen, mögen in der Lage sein, die
Kommunion in dieser Messe zu empfangen, aber jede und jeder ist imstande, die so
genannte „geistliche Kommunion“ zu vollziehen, indem sie sich in einem Akt der
Anbetung in die Dynamik der Selbsthingabe hinein begeben, die in der Messe
gefeiert wird. Die heilige Teresa von Avila schreibt: „Wenn du die Kommunion
nicht empfängst und nicht an der Messfeier teilnimmst, kannst du eine geistliche
Kommunion vornehmen, was eine überaus nützliche Praxis ist. Die Liebe Gottes
wird dadurch machtvoll in dich eingesenkt.“[73]
Wir sind alle geeint durch den Heiligen Geist. Jene, die nicht in der Lage sind,
die Kommunion zu empfangen, können in ihrem Herzen die Sehnsucht danach wecken
und sich und ihren Schmerz in diesem Augenblick mit dem Opfer Jesu Christi
vereinigen. In neuerer Zeit wurde es vielerorts üblich, jene, die die
sakramentale Kommunion nicht empfangen können, wie z. B. Kinder vor der
Erstkommunion oder nichtkatholische Erwachsene, zum Empfang eines Segens
vortreten zu lassen.
Da gingen ihnen die Augen auf und sie erkannten ihn; dann sahen sie ihn nicht
mehr... Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem
zurück und sie fanden die Elf und die anderen Jünger versammelt... Da
erzählten ... sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als
er das Brot brach.
a) Die Entlassung
122. Der vom Diakon oder vom Priester gesprochene Ruf „Gehet hin in Frieden“ ist
ein Entlassruf und zugleich ein Ruf der Sendung, „damit jeder Gott lobend und
preisend zu seinen guten Werken zurückkehre“[74].
Die Entlassung der Emmausjünger hat etwas Geheimnisvolles an sich. Unmittelbar
nachdem sie den auferstandenen Christus erkannt hatten, entschwand er ihren
Augen. Wie sollen wir das deuten? Es ist gut, die Aufmerksamkeit auf dieses
Detail zu lenken; denn wir erfahren hier etwas Wichtiges über die Auswirkung
unserer Begegnung mit Christus in der Eucharistie. Als die beiden Jünger sich
dem Wort Gottes geöffnet und die Eucharistie in ihr Leben aufgenommen hatten,
konnten sie das österliche Leben, das Jesus Christus ihnen geschenkt hatte,
übernehmen und seine Gegenwart in der Welt bezeugen: „Für mich ist Christus das
Leben“ (Phil 1,21). Sie sind umgestaltet in Christus. Christus setzt sein Leben
sozusagen in ihnen und unter ihnen fort. Wir denken hier an ein Gebet, das der
heiligen Teresa von Avila zugeschrieben wird: „Christus hat jetzt keinen anderen
Leib als den deinen, keine anderen Hände als die deinen, keine anderen Füße als
die deinen. Durch deine Augen muss jetzt das Erbarmen Christi in die Welt
schauen. Mit deinen Füßen muss er umherziehen und Gutes tun. Mit deinen Händen
muss er jetzt segnen.“ Wir selbst sind es, die jetzt gemeinsam die Wege Christi
weitergehen auf den Pfaden der Welt.
123. So wie der gekreuzigte und auferstandene Christus seine Gegenwart uns in
der Eucharistie auf vielfältige Weise vermittelt, besonders am zweifachen Tisch
des Wortes und der Eucharistie, so werden in der Liturgie des Lebens wir selbst
es sein, wir, die „zwei oder drei“, die in seinem Namen versammelt sind, die
jetzt seine Gegenwart vermitteln müssen, damit sie durch uns für andere
ertastbar und sichtbar wird (vgl. Mt 18,20). Es wird unser Glaube sein, der in
der Liebe wirksam ist (vgl. Gal 5,6), der die Wärme und Freude der Eucharistie
mit anderen teilen muss. In einem gewissen Sinn können wir noch weiter gehen und
sagen, dass der gekreuzigte und auferstandene Christus, der in der Kraft des
Geistes der Kirche vorangeht und uns versammelt und mit seinem Wort und
Sakrament nährt, dass dieser Christus auch die Frucht unseres Zeugnisses für ihn
(das selbst wieder sein Geschenk an uns ist!) in der Kirche sein will. Zitieren
wir die Dienerin Gottes Dorothy Day: „Wir müssen die Gegenwart Gottes
praktizieren. Er sagte, wenn zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind,
dann ist er selbst in ihrer Mitte. Er ist bei uns in unseren Küchen, an unseren
Tischen, in den Menschenschlangen vor unseren Armentafeln, bei unseren Gästen,
auf unseren Farmen... Was wir tun können, ist nicht viel. Aber es ist so wie bei
dem Jungen mit seinen paar Broten und Fischen. Christus nahm sie und vermehrte
sie. Er wird den Rest machen.“[75]
b) Von der Fußwaschung Jesu
lernen
124. Die Abschlussriten senden uns aus, damit wir eucharistisch leben. Wenn wir
verstehen wollen, was damit gemeint ist, können wir auf Jesus schauen, der uns
in der Fußwaschung ein Beispiel gegeben hat, das seine selbstlose, hingebende
Liebe widerspiegelt, deren wir in der Messfeier gedenken. Im vierten Evangelium
wird uns das Letzte Abendmahl als der Ort vorgestellt, wo Jesus durch letzte
symbolische Handlungen gezeigt hat, was die Eucharistie zuinnerst bedeutet und
welche sozialen und zwischenmenschlichen Konsequenzen sich daraus ergeben. Seine
„Liebe bis zur Vollendung“ (Joh 13,1) wurde offenbar, als Jesus den Jüngern die
Füße wusch. Er legte sein Obergewand ab und vollzog an ihnen diesen niederen
Dienst; aus Liebe machte er sich zum Sklaven, um seinen Freunden zu dienen. In
diesem symbolischen Akt der Fußwaschung gibt Jesus den Jüngern ein Beispiel des
Dienens, dem sie folgen sollen; sie sollen Ihr Leben füreinander hingeben: „Ich
habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch
gehandelt habe“ (Joh 13,15); auch ihr sollt einander die Füße waschen (vgl. Joh
13,14).
125. Später, in den Abschiedsreden, wird Jesus nochmals sein neues Gebot
verkünden, das uns auch in der Eucharistie entgegen tritt: „Liebt einander, so
wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein
Leben für seine Freunde hingibt.“ (Joh 15,12) Dadurch, dass wir einander dienen,
können andere sehen, dass wir Jünger Jesu Christi sind (vgl. Joh 13,34 f.).
„Eucharistisch leben“ bedeutet, dass wir uns dieser Verantwortung stellen und am
Aufbau einer Welt mitarbeiten, die durchtränkt ist von der Logik einer
geschwisterlichen Communio, die uns die Eucharistie schenkt und lehrt. In der
Messe werden wir „mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere
Gemeinschaft mit Christus im Himmel“ (Eph 1,3). Jetzt öffnet sich die Tür, damit
wir hinausgehen und in unserem Leben und mit unseren Worten das Evangelium
bezeugen. Jede und jeder von uns verlässt die Versammlung, um unsere
verschiedenen Wege zu gehen, aber wir sind nicht allein gelassen. Wir behalten
einander im Herzen, um das fortzusetzen, was sich in der Eucharistie an uns
ereignet hat und immer wieder ereignet, nämlich Beziehungen aufzubauen und zu
stärken und in Communio zu leben, wo immer wir sind. Auch in der eucharistischen
Anbetung außerhalb der Messe wird all das fortgesetzt und intensiviert, was in
der Feier der Eucharistie selbst geschieht.[76]
126. Wenn wir die Messe verlassen, beginnt das, was wir gefeiert haben,
allmählich seine Wirkung zu entfalten. „Die Gnade Jesu Christi, des Herrn, die
Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes“ (2 Kor 13,13), die wir
erfahren haben, bleiben in uns und tragen Frucht. Wir können zuversichtlich
hinausgehen, denn in der Messe hat die Kirche den Vater gebeten,
„den Heiligen Geist zu senden, damit dieser das
Leben der Gläubigen zu einer lebendigen Opfergabe für Gott mache: durch die
geistige Umgestaltung nach dem Bild Christi, durch die Sorge um die Einheit der
Kirche und durch die Beteiligung an seiner Sendung im Zeugnis und im Dienst der
Liebe“.[77]
127. Pierre Julien Eymard, der Gründer der Kongregation vom heiligsten
Sakrament, schrieb: „Jesus Christus will uns sein Andenken hinterlassen…, sein
Meisterstück, das unaufhörlich seine Liebe zur Menschheit bekundet. Er ist der
Erfinder dieses Meisterstücks, seine Hände haben es gestaltet, er schenkt es uns
als seine wertvollste Gabe. Er macht es zu seinem letzten Vermächtnis; sein Tod
verleiht diesem Meisterstück Leben und Herrlichkeit. Was ist dieses wertvollste
Andenken an die Liebe Jesu Christi? Es ist die Eucharistie.“[78]
In unseren theologischen und pastoralen Überlegungen zur Vorbereitung auf den
Eucharistischen Weltkongress haben wir uns mit diesem „Meisterstück“ Jesu
Christi beschäftigt; wir haben es betrachtet unter der Rücksicht des
Leitgedankens, der über dem Eucharistischen Kongress steht, der Communio mit
Christus und untereinander.
128. Wenn wir diese Überlegungen nun beschließen, sind wir uns der
Unzulänglichkeit unserer Worte bewusst. Wenn alles gesagt und getan ist, ist es
vielleicht das Beste, einfach alle, die am Kongress teilnehmen, einzuladen:
Kommt zur Eucharistie, nehmt Jesus Christus in euch auf, damit er mit seinem
Licht und seiner Liebe eure Herzen verwandle. Heute, wie durch alle Jahrhunderte
hindurch, lädt uns die Eucharistie leise aber hartnäckig ein, uns in das
Obergemach zu begeben, wo die Eucharistie eingesetzt wurde und wo die Kirche als
Gottes Familie geboren wurde, die ein Herz und eine Seele in der Communio mit
Christus und untereinander ist. In diesem Obergemach entdecken wir in der
Eucharistie den Herzschlag Jesu Christi, und wir erkennen, was er für uns getan
hat. Er liebte uns bis zur Vollendung, so sehr, dass er – in der Eucharistie –
bei uns bleibt, zu jeder Zeit und an jedem Ort, und zwar in dem, worin seine
Liebe in höchstem Maß zum Ausdruck kommt, in seinem Leiden, seinem Tod und
seiner Auferstehung. Die heilige Theresia vom Kinde Jesu sprach aus der Tiefe
ihres Herzens, als sie, überwältigt von der ungeschuldeten Liebe, die uns in der
Eucharistie begegnet, ausrief: „O Jesus, lass mich es dir sagen: deine Liebe
reicht bis zur Torheit. ... Wie sollte angesichts dieser Torheit mein Herz dir
nicht entgegenstürzen?“[79]
129. Der Eucharistische Kongress bietet die Gelegenheit, uns neu von diesem
Geschenk der Liebe ergreifen zu lassen und in unseren Herzen die Liebe zu Jesus
Christus zu erneuern, der will, dass wir vollkommen in der Liebe und heilig
werden (vgl. 1 Thess 4,3), dass wir nach Heiligkeit streben, nicht als eine
persönliche Leistung, sondern als ein Beitrag zum Aufbau einer geschwisterlichen
Welt. Unsere Communio steht im Dienst universeller Solidarität. Wir überlassen
das Schlusswort dieses Dokuments einer jungen Frau, die erst kürzlich selig
gesprochen wurde, Chiara Luce Badano, die aus der Liebe zur Eucharistie die
Kraft schöpfte, trotz ihrer geschwächten Gesundheit für andere zu leben. Die
Eucharistie schenkte ihr Leben, Licht und Liebe, so sehr, dass dies ihre letzten
Worte zu ihrer Mutter sein konnten: „Sei glücklich, denn ich bin es auch“. Es
ist das Glück der Communio mit Christus und untereinander.
[1] Vgl.
Gaudium et Spes (GS), 4.
[2] Vgl. Patrick Corish,
The Irish Catholic Experience, Dublin 1985, S. 246.
[5] Anglikanisch/Römisch-Katholische Internationale Kommission,
Schlussbericht, Einleitung, Windsor 1981, Nr. 5-6, zitiert nach: Harding
Meyer u. a. (Hg.), Dokumente wachsender Übereinstimmung 1931-1982,
Paderborn/Frankfurt/M. 1983, S. 137.
[8] GL, 11. Vgl.
Katechismus der Katholischen Kirche (KKK),
1322-1419.
[10] Der volkstümliche Hymnus
Audite omnes von Secundinus, einem
Zeitgenossen und Mitmissionar des hl. Patrick, geht auf Patrick und die
Eucharistie ein. Der Text dieses Hymnus findet sich im Antiphonar von Bangor.
(Eine englische Übersetzung bietet Ludwig Bieler, The Works of St. Patrick,
London 1953.) Die Instructio XIII des hl. Kolumban ist ein schöner und
zutiefst mystischer Text über die Eucharistie, ganz in der Sprache des
Johannesevangeliums (vgl. Lektionar zum Stundenbuch I/8, Freiburg u. a.
1979, S. 21 f. und 25 f., Dienstag und Mittwoch der 28. Woche im Jahreskreis.)
Eine kritische Ausgabe der Werke des hl. Kolumban ist G. S. M. Walker, Sancti Columbani Opera. Scriptores Latini
Hiberniae, Bd. 11, Dublin 1957. Vgl. Finbarr Clancy, Vive in Christo ut
Christus in te, The Christology of St. Columbanus, in: T. Finan & V. Twomey
(Hg.), Studies in Patristic Christology, Dublin 1998, S. 163-195. Eucharistische Hymnen finden sich auch im
Stowe Missal aus dem 9. Jh.
[11] Text und Kommentar in Vincent Ryan,
The Shaping of Sunday: Sunday and
Eucharist in the Irish Tradition, Dublin 1997.
[12] Vgl. T. Lane, Reflecting on Knock: Before our merciful Lamb, Dublin
2007.
[14] Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, Der Gebrauch
der Volkssprache bei der Herausgabe der Bücher der römischen Liturgie
Liturgiam authenticam (2001), deutsch in: VAS 154.
[16] Vgl. Kardinal Walter Kasper, Harvesting the Fruits. Basic Aspects of Christian Faith in Eucmenical Dialogue, Continuum, London 2009, deutsche Übersetzung: Die Früchte ernten. Grundlagen
christlichen Glaubens, Paderborn 2011.
[17] Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika
Ut unum sint (1993), 9, deutsch
in: VAS 121.
[21] Vgl. Schlussdokument der Außerordentlichen Bischofssynode 1985, deutsch
in: VAS 68 68; Johannes Paul II.,
Novo Millennio ineunte
(2001), 43,
deutsch in: VAS 150; Benedikt XVI., Enzyklika
Deus caritas est
(2005), 1, deutsch in: VAS 171.
[23] Gerhard Lohfink, Braucht Gott die Kirche? Zur Theologie des Volkes
Gottes, Freiburg 1998, S. 81.
[28] Zweite Vesper am Hochfest des Leibes und Blutes Christi, Antiphon zum
Magnificat.
[30] Justin, Apologie, I, 67: PG 6,429, zitiert nach Bibliothek der
Kirchenväter, Bd. 12, übers. v. Gerhard Rauschen, Kempten u. a. 1913, S.
136.
[31] Ignatius von Antiochien, Ad Philad., 5, PG 5,699-700, zitiert nach
Schriften des Urchristentums, Bd. 1, Die Apostolischen Väter, hgg.
von Joseph A. Fischer, Darmstadt 1993, S. 197.
[32] Caesarius von Arles, Predigt, 78,2: PL 39, 2319, eigene
Übersetzung.
[33] Hieronymus, Comm. in Eccles.: PL 23, 1092, eigene Übersetzung.
[34] Hieronymus, Comm. in Isaias, Prol.: PL 24, 17, eigene Übersetzung.
[35] Siehe besonders Dei Verbum (DV).
[37] Grundordnung des Römischen Messbuchs (GORM), 28.
[38] SC, 7, vgl. auch 33.
[39] Pastorale Einführung in das Messlektionar (PEM), 4.
[40] Johannes Chrysostomus, In Ev. Matth., 5,1: PG 57,55, zitiert nach
Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 23, übers. v. Johannes Chr. Baur,
Kempten u. a. 1915, S. 84.
[41] PEM, 24, vgl. SC, Nr. 35, 2.
[42] Vgl. Ritenkongregation, Instruktion Inter Oecumenici (1964), Nr.
54.
[44] LG, 4. Siehe Cyprian, De Orat. Dom. 23: PL 4,583.
[46] Justin, Apologie, I, 67: PG 6,329, zitiert nach Bibliothek der
Kirchenväter, Bd. 12, übers. v. Gerhard Rauschen, Kempten u. a. 1913, S.
136.
[47] Johannes Chrysostomus, In Ev. Matth., 50,3.4: PG 58, 509, zitiert
nach Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 26, übers. v. Johannes Chr. Baur,
Kempten u. a. 1916, S. 107-109.
[49] Luis Alonso Schökel, Eucharistie feiern. Biblische Meditationen zum
Verständnis der heiligen Messe. München 1989, S. 84.
[51] Anglikanisch/Römisch-Katholische Internationale Kommission, Die Lehre
von der Eucharistie, Windsor 1971, Nr. 5; vgl. 3, deutsch in: Harding Meyer
u. a. (Hg.), Dokumente wachsender Übereinstimmung 1931-1982,
Paderborn/Frankfurt a. M. 1983, S. 140 f.
[53] Augustinus, Confessiones, IX, 11, 27: PL 32, 775, zitiert nach
Augustinus, Bekenntnisse, übers. v. Joseph Bernhart, Frankfurt/M. u. a.
1955, S. 166.
[54] Konzil von Trient (1551), DS 1642.
[55] Anglikanisch/Römisch-katholische Internationale Kommission, Die Lehre
von der Eucharistie: Erläuterung (S (Salisbury 1979), Nr. 6, zitiert nach:
Harding Meyer u. a. (Hg.), Dokumente wachsender Übereinstimmung 1931-1982,
Paderborn/Frankfurt/M., 1983, S. 146.
[56] Vgl. Paul VI, Enzyklika
Mysterium Fidei (1965), Nr. 45. Vgl. Konzil
von Trient, Dekret über die Eucharistie, Kap. 1.
[57] Irenäus von Lyon, Adv. Haer., Gegen die Häresien V, 2, 3, übersetzt
von Norbert Brox, Fontes Christiani, Bd. 8/5, Freiburg u. a. 2001, S. 35.
[58] Augustinus, Gottesstaat, 10,6: PL 41, 283; vgl. Röm 12,5, zitiert
nach: Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 16, übers. v. Alfred Schröder,
Kempten u. a. 1914, S. 82.
[60] Cyrill von Jerusalem, Catech. Myst. 5, 9 und 10; PG 33, 1116-1117, zitiert nach: Cyrill von Jerusalem,
Mystagogische Katechesen, übers. v. Georg Röwerkamp, Fontes Christiani,
Bd. 7, Freiburg u. a. 1992, S. 154 f.
[63] Justin, Apologie, I, 66; PG 6:428, zitiert nach Bibliothek der
Kirchenväter, Bd. 12, übers. v. Gerhard Rauschen, Kempten u. a. 1913, S.
134 f.
[64] Augustinus, Predigten, 272; PL 38,1246-1248, eigene Übersetzung.
[65] Augustinus, Confessiones, VII, 10: PL 32,742, zitiert nach
Augustinus, Bekenntnisse, übers. v. Joseph Bernhart, Frankfurt/M. u. a.
1955, S. 120.
[66] Albert der Große, De Euch., D. 3 tr. 1, c. 5, eigene Übersetzung.
[67] Albert der Große, In IV Sent., D. 9, a.2, eigene Übersetzung.
[68] Albert der Große, De Euch., D. 3, tr. 1, c. 8, n. 2, eigene
Übersetzung.
[69] Poésie de Sainte Thérèse de l’Enfant-Jesus, Office centrale de Lisieux,
1951, S. 31, eigene Übersetzung.
[70] LG, 26. Siehe Leo der Große,
Serm. 63, 7; PL 54, 357 C.
[73] Teresa von Avila, Camino de Perfección, Kap. 35, eigene Übersetzung.
[75] Dorothy Day, in: The Catholic Worker, 1940.
[76] Vgl. Kommunionspendung und Eucharistieverehrung außerhalb der Messe
(21.06.1973), Freiburg u. a. 1976, Nr. 81, S. 51.
[78] Pierre Julien Eymard, Œvres complêtes, XIII, S. 819, PD 42,6,
eigene Übersetzung.
[79] Geschichte einer Seele, Selbstbiographie der hl. Theresia vom Kinde
Jesu, Kirnach-Villingen 1928, Kap. 11, 50, S. 225.
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